... und das Leben geht weiter
Stundenlang lagen Cooper Hawkes und Nathan West in ihren Kojen und starrten ins Leere. Keiner der beiden konnte es fassen. Sie hatten alles verloren, was ihnen noch wichtig gewesen war. Die vergangenen 18 Monate waren schrecklich und sie hatten nur überlebt, weil sie eine Einheit gewesen waren. Die Wildcards... es war vorbei. Vansen, Wang und Damphousse waren tot.
Cooper hatte in dieser Nacht kaum geschlafen. Immer und immer wieder sah er seine Freunde sterben. Und er stand nur da und konnte nichts tun. Jedesmal schreckte er schweißgebadet hoch und sah verstört zu West. Doch dieser lag regungslos in Wang's Koje. Seit Stunden hatte er sich nicht mehr gerührt. Langsam befürchtete Hawkes, dass auch er tot war. Sie hatten kein Wort mehr miteinander gewechselt, seitdem sie das Quartier betreten hatten. Dabei wollte Hawkes nichts anderes als mit Nathan darüber reden. Seine Trauer saß so tief in ihm drin, und er wußte nicht, wie er damit fertig werden sollte. Er kannte dieses Gefühl einfach nicht. Vielleicht hatte McQueen ihm helfen können, aber auch er war weg. Sie wußten nicht einmal, ob er überleben würde. Cooper hatte sich schon oft einsam gefühlt, praktisch sein ganzes Leben lang, aber noch nie so sehr wie heute. Leise stand er auf und ging zu seiner Koje. Vielleicht konnte er darin besser schlafen, da es ihn nicht so sehr an Shane erinnerte. Aber dann fiel sein Blick auf den Teddy und alles kam in ihm hoch. Der sonst so mutige Cooper Hawkes konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten und fing an zu weinen. Er wollte es nicht, aber es war zu spät. Wie ein kleines Kind drückte er den Teddy fest an sich, setzte sich mit angewinkelten Beinen auf den Boden und ließ seinem Schmerz freien Lauf...
Hatte Hawkes gewußt, dass Nathan noch wach war, hatte er sich sicher nicht so gehenlassen. Nathan schlug die Augen auf und verspürte den Drang, seinen noch einzigen lebenden Freund zu trösten, doch das wäre ihm bestimmt furchtbar peinlich gewesen. Dann nahm er an, dass er sich nur selbst damit über seine Trauer hinweghelfen wollte. Aber er hatte schon so viele Freunde in diesem Krieg verloren, sogar seinen eigenen Bruder, dass er langsam das Gefühl hatte, keine Trauer mehr spüren zu können. Alle, bis auf Hawkes, waren tot und das einzige, was er empfand, war eine große Leere. Ein schwarzes Loch, und er war es leid, dagegen anzukämpfen. Er war so schrecklich müde. Aber das Schlimmste war, dass er keinen Funken Freude verspürte, Kylen gefunden zu haben. So viele Monate hatte er nach ihr gesucht und jetzt, nach 18 Monaten, hatte seine Suche ein Ende. Kylen lebte und vor einigen Stunden hatte er sie umarmt und geküßt, aber was zahlte es noch? Er verspürte nichts mehr außer dieser Leere und das war schlimmer als alles andere.
Als am Morgen das Wecksignal ertönte, wurde es von Hawkes und West einfach ignoriert. Wozu sollten sie aufstehen? Sie hatten keine Staffel mehr, vom Startverbot ganz zu schweigen. Und sie wußten nicht, wie es für sie weitergehen würde.
"West?" Nathan drehte seinen Kopf so, dass er Cooper
ansehen konnte. Dieser saß auf seiner Koje, den Teddy noch immer im Arm.
"Was glaubst du, was sie mit uns machen werden?" Er hatte so gehofft, dass
Cooper ihm diese Frage nicht stellen würde, denn die Antwort wollte er gar nicht wissen.
"Keine Ahnung. Aber der Admiral ist tot. Ich weiß nicht, wie das mit unserem
Startverbot zusammenhängt."
Hawkes nickte. Natürlich konnte West nicht mehr wissen als er, aber diese Ungewißheit machte ihm zusätzlich zu schaffen. Wie gern würde er jetzt in Philadelphia sein und ... und was? Warum sollte er dorthin zurück, wo man ihn jahrelang wie Dreck behandelt hat? Was sollte er überhaupt noch auf der Erde? Nichts und niemand wartete dort. Ihm ging plötzlich das Bild durch den Kopf, wie er dort empfangen werden würde, Viele böse Blicke und nur ein einziger Satz. Dass er, ein Tank, dem Feind die geheimen Angriffspläne der Menschheit verraten hatte. Was konnte man von einem wie ihm auch anderes erwarten? Hawkes schluckte. Da hatte er 1 1/2 Jahre jeden Tag sein Leben riskiert, aber letztendlich würden sie nur den Fehler auf Anvil sehen. "Das ist nicht fair!" rief er ihnen zu. "Ich gehöre zu den Wildcards. Und ohne sie wärt ihr alle bereits tot!" Verärgert schüttelte er den Kopf. Nein, er würde sich nicht mehr herumschubsen lassen. Da für hatte er zuviel geleistet. In diesem Moment wurde die Tür geöffnet. Für den Bruchteil einer Sekunde dachten beide, es wäre nur ein Traum gewesen und Shane würde sie vorwurfsvoll fragen, wo sie bleiben würden. Aber natürlich war es nicht Shane, und auch nicht Wang oder Damphousse. McQueen genauso wenig. Stattdessen erschienen fünf Marines, die sie mit großen Augen anstarrten.
"Äh ... Hi, wir sind die Neuen!" Hawkes und West blickten
einander fassungslos an.
Das konnte sich nur um einen Irrtum handeln. Kopfschüttelnd stand Nathan auf.
"Das glaube ich kaum. Das ist das Quartier der Wildcards. Also nehmt ganz schnell
eure ..."
"Lieutenant West, es hat alles seine Richtigkeit. Sie und Lieutenant Hawkes werden
von Commodore Ross erwartet." Sergeant Rodriges gab den neuen Marines noch kurze
Anweisungen. Dann stellte eine der beiden Frauen ihren Rucksack auf Shane's Koje ab. Da
sah Hawkes rot. Wütend stieß er den Sergeant beiseite und packte die Tasche, um sie auf
den Boden zu feuern. Lieutenant Samantha Masters fauchte ihn daraufhin sauer an.
"Hey, hast du 'se noch alle?! Du kannst ..."
"Hör mir genau zu: Das hier ist Captain Shane Vansen's Koje und das bleibt sie auch.
Wenn ich sehe, dass einer von euch ..."
"Coop, nicht jetzt. Das regeln wir später. "
"Was gibt's da noch zu regeln? Das ist immer noch unser Zimmer."
"Lieutenants, Sie sollten den Commodore nicht warten lassen. Wenn Sie jetzt mitkommen
würden ..."
Hawkes schnaufte verächtlich aus und warf den Marines einen flüchtigen Blick zu, der
seine Warnung unterstreichen sollte. Auch wenn Nathan sich nicht eingemischt hatte, konnte
er Hawkes verstehen. Sein Atem hatte kurz ausgesetzt, als diese Masters ihren Rucksack auf
Vansen's Bett gelegt hatte. Aber so war das Marine Corps nunmal. Der Krieg ging weiter,
und er wollte zu gerne wissen, ob sie noch ein Teil davon waren Nachdem sie drei der Neuen
zu ihrem Quartier gebracht hatten, führte Rodriges sie zu Ross' Unterkunft. Das
überraschte Nathan schon ein wenig. Der Commodore empfing nicht jeden in seinem Quartier.
Als sie dann eingetreten waren, wandte sich Ross den letzten Mitgliedern des 58sten
traurig zu. Rodriges schloß beim Herausgehen die Tor hinter sich, und nun sahen die drei
sich eine Zeitlang an, bis Ross das Wort ergriff. Doch seine Stimme klang anders als
gewohnt. Er sprach leise und wirkte irgendwie unsicher.
"Ich ... ich kann mir vorstellen, was sie gerade durchmachen
müssen. Auch ich habe das schon erlebt. Es ist immer schwer, seine Einheit zu verlieren.
Ganz besonders bei Ihnen, wo Sie doch solange zusammen waren." Ross holte tief Luft.
"Ich habe mit Colonel McQueen einen Freund verloren. Aber ich bin zuversichtlich,
dass er es schafft."
West schloß die Augen. Er wollte Ross nicht ansehen. Nicht, wenn er über etwas redete,
was ihm so nahe ging.
'Trotz allem muß ich Ihnen mitteilen, dass Sie heute um 1500 eine Anhörung haben.
Admiral Davis hat den Vorsitz. Danach werden Sie wissen, wie es mit Ihnen weitergeht. Ich
kann Ihnen leider nicht mehr helfen, denn ich habe bereits meine Kompetenzen
überschritten."
Er meinte damit die Entsendung der Wildcards trotz des Startverbotes. Wahrscheinlich
würde Ross deswegen auch Ärger bekommen.Dabei machte er sich schon genug Vorwürfe. West
vermutete, dass sich Ross für den Verlust seiner besten Staffel verantwortlich fühlte.
Aber es war nunmal passiert. Man konnte es nicht ändern. Sie waren nunmal Menschen und
Menschen machten Fehler.
"Das war alles. Sie ..."
"Sir, ich habe eine Frage." Ross sah zu Hawkes und nickte.
"Wurde nach Captain Vansen und Lieutenant Damphousse gesucht? undLieutenant
Wang?" Daran hatte Nathan gar nicht gedacht. Wenn sie den Absturz überlebt hatten
...
"Ja, dass wurde es. Einige Mitglieder von Aerotech befanden sich zufälligerweise auf
2063 Yankee. Mehr kann ich Ihnen im Moment nicht sagen."
"Aerotech war auf dem Planeten? Was wollten die ...?"
'Lieutenant West, ich kann Ihre Frage nicht beantworten. Sie können dann wegtreten."
Widerwillig verließen sie den Raum. Draußen hielt Hawkes West am Arm fest.
"Da stimmt was nicht. Ich habe kein gutes Gefühl dabei."
Ausnahmsweise stimmte Nathan ihm zu. Was hatte Aerotech so weit im Feindgebiet zu suchen?
Auf dem Weg zurück ging beiden tausende von Fragen durch den Kopf. Es machte einfach keinen Sinn. Dies und die Erfahrungen, besonders in den letzten Tagen, bestärkte sie in ihrer Annahme, dass Aerotech Dreck am Stecken hatte. Und wenn Nathan herausfinden würde, dass man die Kolonisten trotz der bewußten Gefahr heraufgeschickt hatte, konnte er für nichts garantieren. Alles hatte verhindert werden können. Warum bloß? Er fand keine logische Antwort, so sehr er sich auch anstrengte. Er schwor sich, von nun an die Augen offenzuhalten. Er würde schon herausfinden, was vor sich ging.
Die zwei neuen Marines waren Lieutenant Samantha Masters und
Lieutenant Cathy Mitchel. Aber genannt werden sollten sie nur Sam und Charly. Sie hörten
auf zu reden als Hawkes und West wiederkamen. Stattdessen beschäftigten sie sich damit,
ihre Sachen auszupacken. Zu ihrem Glück hatten sie die Kojen ausgesucht, die leer
gestanden hatten. Coop überlegte, was er jetzt machen sollte. Zuerst wollte er seine
Sachen umräumen, da er sich vorgenommen hatte, von nun an in Shane's Koje zu liegen, aber
dann kam es ihm irgendwie blöd vor. Aber auch Nathan setzte sich auf Wang's Bett und
seufzte. Er wollte nicht darüber nachdenken, was sie nachher erwarten würde. Die
Situation war doch bereits kompliziert genug. Konnten sie sie nicht wenigstens einen Tag
in Ruhe lassen?
"Ähm, ich weiß, wie ihr euch fühlen müßt. Aber können wir uns nicht, naja,
gegenseitig vorstellen?"
Diese Masters legte es wohl drauf an, Ärger zu bekommen. Sie sah zwar nicht so aus, als
ob sie es böse meinte, aber warum akzeptierte sie nicht einfach, dass sie nicht mit ihnen
sprechen wollten? Hawkes stand auf und stellte sich genau vor sie. Für einen kurzen
Augenblick sah er nur in ihre warmen, braunen Augen und hatte fast schon vergessen, was er
ihr an den Kopf werfen wollte. Dann schloß er die Augen.
"Du hast doch nicht die geringste Ahnung, was wir durchmachen. Und ihr beide
verschlimmert das alles nur noch."
Sie kniff ihre Augen zusammen.
"Ich habe keine Ahnung? Vor zwei Tagen mußte ich mitansehen, wie mein Träger
zerstört wurde. Außer mir und drei anderen hat es niemand überlebt. Also sag' noch
einmal, ich hatte keine Ahnung, und du ..."
"Hey, ist ja gut. Wir haben bereits einen Feind, gegen den wir kämpfen."
West drängte sich zwischen Sam und Cooper. Das hatte ihm noch gefehlt, dass er den
Schiedsrichter spielen mußte.
"Wir sind alle ziemlich fertig. Lasst uns einfach in Ruhe, dann passiert auch
nichts."
Mißtrauisch sah sie Nathan an.
"War das 'ne Drohung?"
"Nein, es war ein Ratschlag. Wenn wir Lust auf Konversation haben, werden wir es euch
wissen lassen, einverstanden?" Sie meinte nur achselzuckend, dass es ihr sowieso egal
war und damit war das Thema erledigt.
Um 1445 wurden West und Hawkes von einem Offizier abgeholt. Er
führte sie in einen Raum, wo der Admiral, zwei hochrangige Offiziere und Commodore Ross
saßen. Ross nickte ihnen zu und sein Gesichtsausdruck zeigte mehr als nur Zuversicht. Er
schien erleichtert und das beruhigte Nathan vollständig.
"Lieutenant West, Lieutenant Hawkes, Sie haben in diesem Krieg sehr viel für die
Menschheit geleistet. Ihre Staffel war aufgrund hervorragender Leistungen ein
Stützpfeiler in der Verteidigung der Erde. Mehr noch, denn ohne die Wildcards hatten wir
hier draußen viele Schlachten verloren. Durch Ihren Mut, Ihre Tapferkeit und
Selbstlosigkeit haben Sie überlebt und Ihrem Land einen großen Dienst erwiesen. Ihrem
Land ... der gesamten Erde. Aber der Fehler auf Anvil hat dem Krieg eine neue Richtung
verliehen und wir wissen noch nicht, welche Konsequenzen wir tragen müssen." Er sah
Hawkes, dann West scharf an. "Dennoch weiß ich Ihre Verdienste zu schätzen. Ich
fragte mich, ob eine unehrenhafte Entlassung das Richtige wäre. Denn Ihre Erfahrung kann
lebenswichtig sein. Deswegen gebe ich Ihnen die Möglichkeit zu Ihrer
Rehabilitation." West unterdrückte ein Seufzen, denn er konnte sich vorstellen, was
das zu bedeuten hatte. Hawkes würde das gar nicht gefallen.
"Das darf doch nicht wahr sein!" Hawkes stürmte völlig außer sich in ihr
Quartier.
West folgte eine Sekunde später, nicht weniger aufgebracht.
"Da reißt man sich monatelang den Arsch auf, nur damit einen so ein Sesselfurzer zu
weiteren Dienstjahren verdonnert!" Sein Gesicht war vor Wut rot angelaufen und als er
gegen die Tür trat, zuckten Sam und Charly zusammen. Cooper hatte sich nicht mehr unter
Kontrolle. Nathan wartete, bis er sich ein wenig abreagiert hatte. Dann sah er ihn ernst
an.
"Coop, wir hatten Glück, dass er uns nicht vors Militärgericht gestellt hat."
"Oh, wir hatten Glück? Was sind wir bloß für Glückskinder!" Nathan senkte
den Kopf. Für Cooper kam es wirklich knüppeldick.
"Wenn sie wenigstens da unten auf Anvil mitgewesen wären. Wir haben es doch nicht
gewußt. Es war nicht unser Fehler!"
Charly Mitchel hatte nicht die leiseste Ahnung, was hier vor sich ging. Diese zwei
verhielten sich wie Verrückte und unfreundlich waren sie auch noch. Gut, sie war nicht
ins Corps eingetreten, weil sie dort die netten Umgangsformen schätzte. Aber ein bißchen
zivilisierter könnten sie sich doch benehmen.
"Ich nehme an, ihr werdet uns nicht einweihen, oder?"
West und Hawkes fauchten ein schnelles 'nein' und wandten sich gleich wieder ab.
Resignierend setzte sich Charly neben Sam auf ihre Koje und beobachtete ihre männlichen
Staffelmitglieder.
"Ich finde es genauso ungerecht wie du, vor allem, dass sie uns diesen Captain
Anderson vor die Nase setzen werden. Aber wenn wir ..." Nathan stockte. Er hatte ganz
vergessen, dass sich zwei Personen im Raum befanden, die darüber nichts wissen durften.
"Lass' uns einen Trinken gehen, okay?!" Er deutete mit einem Nicken zur Tür und
obwohl Cooper es nicht verstand, ging er mit ihm raus.
"Wieso willst du einen Trinken?"
"Coop, außer uns beiden darf niemand wissen, was wir vorhaben. Wir könnten dann
wirklich großen Ärger bekommen."
"Warum? Wir wollen doch nur drei Marines finden"
"Verstehst du denn nicht, wie gefährlich das alles werden könnte? Wir haben keine
Ahnung, wie tief Aerotech in allem drinhängt. Und was noch wichtiger ist, wieviel das
Militär weiß."
Hawkes riß seine Augen auf.
"Du glaubst ..."
"Ich glaube gar nichts, solange wir keine Beweise haben. Lass' uns nur vorsichtig
sein." Nervös fuhr sich Cooper durch die Haare. "Verdammt, was ist bloß los?
Vor ein paar Tagen haben wir nur gegen die Chigs gekämpft und jetzt ..." Beide
schwiegen. Wieviel sich doch innerhalb von Stunden verändern konnte ...
In der Taverne fiel ihnen sofort ein Neuer auf. Er war groß,
schlank und versprühte grenzenloses Selbstvertrauen. Keine Frage, das mußte der Captain
sein, der das Kommando über das 58ste übernehmen würde. Als er sie erblickt hatte,
stellte er sein Glas ab und winkte sie lächelnd zu ihm herbei.
"Hi, ich bin Kyle. Das mit euren Freunden tut mir wirklich sehr leid. Ich ... ich
habe irgendwie ein dummes Gefühl im Magen, weil ich ab jetzt euer Staffelführer bin. Ihr
Jungs seid ja fast eine Legende in diesem Krieg!"
Nun lachte er beinah. Um nicht unhöflich zu erscheinen, hielt ihm Nathan seine Hand hin
und grinste.
"Nathan West. Und unter den Jungs befanden sich zwei Frauen." Kyle's Lachen
erstarrte.
"Das war ziemlich ungeschickt von mir. So etwas muß erstmal verdaut werden."
ImAugenwinkel bemerkte er Coopers mißtrauischen Blick. Er holte tief Luft.
"Kann ich euch einen ausgeben? Ich meine, wenn ihr noch nichts anderes vorhabt."
"Haben wir nicht. Cooper Hawkes."
Nun reichte auch er Kyle seine Hand, welche vom Captain freudig ergriffen wurde.
"Euch muß es echt dreckig gehen. Erst verliert man seine Einheit und dann bekommt
man am nächsten Tag neue Leute vorgesetzt. Um ehrlich zu sein, habe ich nicht damit
gerechnet, von euch so nett aufgenommen zu werden."
"Was tut man nicht alles' dachte Nathan und grinste. In Hawkes' Gesicht konnte er
lesen, dass auch er etwas Ähnliches gedacht haben mußte.
Eine halbe Stunde später und um Anderson's Lebensgeschichte reicher betrat Commodore Ross die Taverne. Standesgemäß salutierten sie. Dann fiel ihr Blick auf etwas, was Ross in der Hand hatte. Es waren drei gelbe Umschlage. Bevor er ihnen das Beileid ausdrückte, mußte er hart schlucken. Ihm war gar nicht wohl bei dieser Sache. Aber er fand, dass er es West und Hawkes schuldete, ihnen persönlich die Benachrichtigungsschreiben zu übergeben. In den vergangenen 18 Monaten hatte er von Tag zu Tag mehr Respekt gegenüber ihnen empfunden und er war selten auf jemanden so stolz gewesen wie auf diese fünf Marines. Ja, auch ihn hatte diese Nachricht tief bewegt. Die Gesichtszüge von Hawkes und West versteinerten sich schlagartig, als sie die Umschlage erblickten. Hier war nun die Bestätigung. Ihre Hoffnung fiel zusammen wie ein Kartenhaus im Wind. Sie waren tot, endgültig.
Die Bestattung von Vansen, Wang und Damphousse war ziemlich hart
für Hawkes und West. Sie versuchten krampfhaft, Haltung zu bewahren. Aber dieses
Endgültige machte es ihnen sehr schwer. Nachdem alles vorbei war, stießen sie im Gang
mit einem jungen Kerl zusammen. Sein Name war Larry Goldman und er hatte Shane einmal auf
einen Drink eingeladen. Er wirkte überaus hektisch und sehr nervös. Dann bat er die
beiden, kurz mit ihm mitzukommen. In einem Seitengang vergewisserte er sich, dass sie
alleine waren.
"Was ich euch jetzt sage, kann mich in große Schwierigkeiten bringen. Aber ich
finde, ihr solltet es wissen." Eigentlich war Nathan nicht gerade in der Stimmung,
irgendwelche Geheimnisse zu erfahren. Er hoffte, er würde sich kurz fassen.
"Das ebendas war eine Show. Ich bin vorhin zufällig an der Krankenstation
vorbeigekommen und habe gesehen, als sie die Sarge öffneten. Ich konnte nicht alles
sehen, aber es waren definitiv nicht Shane und Vanessa."
"Was?" entfuhr es Cooper und Nathan gleichzeitig.
"Ich weiß, wie Shane aussah. Die da drin hatte kaum Ähnlichkeit mit ihr. Und sie
war auch nicht ... nun ja, sie sahen überhaupt nicht verletzt aus. Und nach so einem
Absturz, immerhin sollen sie daran gestorben sein, waren sie ..."
"Bist du dir sicher?"
Larry nickte heftig. "Ich weiß nicht, was da vorgeht, aber sie haben euch angelogen.
Shane hat einfach keine blonden Haare, oder?!"
Nathan schluckte. Sie hatten es gewußt. Es war etwas faul bei der ganzen Sache. Aber
weshalb sollten sie die falschen Leichen bestatten?
"Du mußt dich irren. Sie haben ihre Marken, ihre Anzüge"
"Aber die falschen Personen. Glaube mir doch. Wieso sollte ich euch anlügen?"
Nathan zuckte mit den Schultern. "Wieso sollten die es tun? Das ergibt keinen
Sinn!"
Larry schnalzte mit der Zunge. "Ich hab's euch auf jeden Fall gesagt. Was ihr daraus
macht, ist eure Sache."
Dann ging er. Coop sah West fragend an.
"Wenn er recht hat, leben sie noch." Ein wenig genervt atmete Nathan aus.
"Und dann? Was sollen wir jetzt tun?"
"Wir gehen zu Ross und sagen ihm, was wir vermuten." Er fragte sich, ob Cooper
das wirklich ernst gemeint hatte. Mit einem zynischen Lächeln entgegnete er:
"Natürlich. Ross nimmt uns an den Händen, geht zum Admiral, sagt, dass ein Fehler
begangen worden ist und das Aerotech mit dem Militär krumme Dinger macht."
"Krumme was?"
"Vergiß'es. Wir müssen das alleine aufklären."
"Und wie? Sollen wir selbst auf 2063 landen und nach einem Lebenszeichen von ihnen
suchen?"
Verwirrt schüttelte er den Kopf. Genau wie Hawkes hatte er keine Idee, wie sie diese
Sache klaren konnten. Er verstand auch gar nicht, was das alles sollte. Plötzlich kam ihm
ein Gedanke. Wenn Shane und Damphousse nach ihrem Absturz etwas entdeckt hatten...
Mitglieder von Aerotech. .. zufällig auf dem Planeten... "Verdammt, Coop, ich
glaube, wir stecken in großen Schwierigkeiten!"
Als Cooper und Nathan ihr Quartier betraten, schlief der Rest der neuen Staffel bereits. Die letzten Stunden hatten die beiden damit verbracht, hirnrissige Vermutungen aufzustellen. Hin und wieder hatte sich Nathan bei dem Gedanken ertappt, dass er davon nichts wissen wollte. Seine Staffelkameraden waren tot und sie worden sich mit der Zeit daran gewöhnen. Und er hatte endlich Kylen wieder. Er sollte froh sein und nicht mit Hawkes über eine üble Verschwörung diskutieren. Oh ja, für Cooper war es einfach" Ich schnappe mir eine Maschine, fliege zu diesem Planeten und hole sie da raus! Falls sie noch lebten und in Gefangenschaft waren. Mein Gott, was sollte das? Er vermutete tatsächlich, dass Amerikaner auf einem fremden Planeten zwei oder drei Mitglieder des United States Marine Corps festhielten. Wenn er nicht aufpassen würde, hatte er gute Chancen, durchzudrehen. Das war alles total verrückt. Auch wenn Aerotech in schmutzige Sachen verwickelt war, soweit würden sie nicht gehen. Oder doch? Immerhin nahmen sie schon langer an, dass Aerotech an diesem Krieg schuld war. Je langer er darüber nachdachte, desto weniger gefiel ihm das. Aber er würde nie wieder ruhig schlafen können, wenn er dieser Sache nicht nachgehen würde. Traurig nahm er den Fotoklipp in die Hand. Er bedeutete mittlerweile so viel. Die Worte von Shane gingen ihm durch den Kopf, '...es ist sein Glaube geworden, für den er bereit wäre, zu sterben.' Das traf noch immer zu, allerdings hatte sich sein Glaube verändert. Dieser Glaube galt dem 58sten. Da wußte er, was zu tun war. Ganz gleich, was sie herausfinden würden und weiche Konsequenzen es mit sich trug, sie mußten sie finden. Koste es, was es wolle...
Wie gewöhnlich ertönte am nächsten Morgen um 0500 das Wecksignal. In 30 Minuten hatten sie ihre erste Einsatzbesprechung. Es war ein ganz eigenartiges Gefühl. Cooper fand, dass sie sich noch zu wenig kannten, um zusammen kämpfen zu können. Wie sollte man sich auf jemanden verlassen, dem man nicht traute? Es war nichts Neues, dass sich Cooper beschwerte. Er hatte immer etwas auszusetzen. Doch diesmal war er nicht allein. Auch Nathan hatte seine Zweifel. Leider war ihre Meinung irrelevant. Sie würden heute ihren ersten gemeinsamen Einsatz haben - und das war unausweichlich.
"In Ordnung. Ich weiß, dass es für Sie alle eine ungewohnte
Situation ist. Unter normalen Umständen waren sie nicht ohne ausreichende
Übungsmissionen in den Kampf geschickt worden, doch wie wir wissen, ist die Lage ernst.
Jeder einzelne von Ihnen verfügt über genügend Erfahrung, um diesen Auftrag erfolgreich
durch zuführen. Wie Sie hier auf der Sternenkarte sehen können, befindet sich der Planet
Irodinos in der Nahe des Heimatplaneten der Chigs. Leider ist es uns nicht möglich, die
Beschaffenheit des Planeten festzustellen. Das wird ihre Aufgabe sein."
Anderson runzelte die Stirn.
"Sir, Sie schicken uns da runter, ohne zu wissen, was uns erwartet?"
Außer Hawkes und West bemerkte niemand die Zweifel des Commodores. Er fühlte sich gar
nicht wohl bei dem Gedanken, fünf seiner Leute einem solchen Risiko aus zusetzen. Aber
die Befehle kamen von oben. Da konnte auch er nichts machen.
"Ja, Captain, so sieht es aus. Keine unserer Sonden hat brauchbare Informationen
herausgefunden. Wir wissen nur, dass die Atmosphäre unbrauchbar für Chigs und Menschen
ist."
"Und was sollen wir denn da?" "Sir," fügte Hawkes schnell hinzu.
"Wir müssen wissen, ob und was sich dort unten befindet. Es wäre möglich, dass die
Chigs dort ihre Waffen oder ihre Maschinen bauen. Laut Geheimdienst tun sie das nämlich
nicht auf ihrem Heimatplaneten."
"Und wir sollen einfach zwischen ihren Munitionslagern landen, Informationen sammeln
und wieder verschwinden?"
Für einen winzigen Augenblick wirkte Ross beinah' hilflos. Cooper und Nathan sahen sich
besorgt an. Keine Frage, Ross hatte sich verändert. Er fühlte sich schuldig und ihn
bedrückte etwas. Wenn das so weiterging, wurde West bald seinen Mut verlieren und Cooper
mußte sich zwingen, nicht die Kontrolle zu verlieren. Das würde seinen drei Freunden
nämlich gar nicht helfen.
"Sie werden mit einem Truppentransporter hinfliegen, an einem bestimmten Ort
abgesetzt und vier Stunden später wieder abgeholt. Es kann nicht viel passieren."
"Und wenn wir auf Chigs treffen?"
"Was machen Sie denn sonst, Captain? Wir messen mehr Über Irodinos erfahren. Das ist
sehr wichtig. Unsere Großoffensive können wir vergessen. Sie haben den Mond mit
Hunderten ihrer Jäger bewachen lassen, also müssen wir auf einen anderen Planeten
ausweichen. Wir hoffen, dass Irodinos geeignet ist. Es kommt nun auf Sie an. Seien Sie
also vorsichtig. Wegtreten!"
Cooper's flaues Gefühl in der Magengegend hatte sich nach dieser Besprechung nur noch
verschlimmert. Er hatte schon viel erlebt, aber so wenig hatten sie noch nie über den
Einsatzort gewußt. Zwischendurch war ihm der Gedanke gekommen, dass irgendjemand sie
loswerden wollte. Das behielt er jedoch für sich. Nathan würde ihn nur verständnislos
ansehen und sagen, dass er es nicht übertreiben sollte. Aber er hatte für so etwas einen
sechsten Sinn. Seine Gedanken wurden unterbrochen, als Sam an ihm vorbei ging. Sie
irritierte ihn, genau wie es Shane getan hatte. In gewisser Weise sah sie ihr sogar
ähnlich. Sie hatte schulterlanges, braunes Haar und große, braune Augen. Auch die
Größe mochte stimmen. Aber ihr Lächeln ... er hatte es einmal gesehen, als sie ein Foto
betrachtet hatte. Wahrscheinlich von ihrem Freund. Seufzend schüttelte er den Kopf. Ihm
durfte es kein zweites Mal passieren. Es war eben der falsche Zeitpunkt am falschen Ort.
Aber er fühlte sich so allein. Er wußte, dass er jemanden brauchte. So wie Nathan Kylen.
Nur bezweifelte er, dass er ein Mädchen wie Kylen oder Sam bekommen würde. Was hatte er
schon zu bieten? Er kannte noch nicht mal einen InVitro, der länger mit einer Frau
zusammen gewesen war. Sogar McQueen war geschieden und er war der menschlichste Tank, den
er kannte. Flüchtig dachte er an diese Suzie auf der Bacchus. Sie war bis jetzt die
einzige gewesen, die etwas mehr von ihm wollte. Tja, und das war, wie sich herausstellte,
Geld. Waren InVitros denn so wenig wert, um nicht geliebt zu werden? Er spürte, wie ein
Teil seiner alten Wut in ihm hoch kroch. Solange er die Wildcards um sich gehabt hatte,
konnte er diese tief in sich vergraben. Aber nun waren sie fort. Er hatte die einzige
Familie verloren, die er je gehabt hatte. Für was sollte er jetzt kämpfen? Und noch
wichtiger« Für wen war er noch bereit, zu sterben?
"Coop, träumst du?" Nathan schüttelte ihn leicht und der
letzte Gedanke verschwand.
"Äh, was?"
"Ich sagte, wir müssen los."
Er wich Nathan's besorgtem Blick aus und grinste schwach.
"Jaja, klar."
"Hey, ist mit dir alles in Ordnung?"
"Mir ging's nie besser." Hawkes ging. Wahrend Nathan ihm nachsah, mußte er an
Neil denken. Was wäre gewesen, wenn er an diesem Tag, wo sein Bruder gestorben war, auch
seine Eltern verloren hatte? So mußte sich Cooper fühlen, da die Wildcards nämlich
diesen Stellenwert für ihn gehabt hatten. Hoffentlich würde das ihn in ihrem Vorhaben
nicht beeinträchtigen.
Angespannt und schweigend saßen die fünf im Truppentransporter. Der Flug nach Irodinos war lang, da sie die Aufmerksamkeit des Feindes nicht auf sich ziehen wollten. Schon der Blick auf den Planeten ließ nichts gutes verheißen. Er war in eine nebelartige Schicht eingehüllt, die so dicht war, dass sie bereits bei der Landung Glück hatten, nicht gegen einen Berg oder ähnliches zu stoßen. Die Instrumente waren so gut wir tot. Kein Wunder, dass die Sonden versagt hatten. Sogar die hochentwickelte Technik war bei dieser Atmosphäre nutzlos. Nach der holprigen Landung öffneten sie vorsichtig die Schleuse und sahen ... nichts! Man konnte seine Hand vor den Augen kaum erkennen. Sam schluckte. Sie war bei einem Einsatz auf einem ähnlichen Planeten dabei gewesen und sie hatten damals drei Leute verloren.
"Na los, raus mit euch!" Anderson's Gesicht wirkte ruhig, aber in ihm raste sein Herz wie verrückt. Er fragte sich, wessen Schnapsidee das gewesen war. Sie sollten Informationen über diesen Planeten herausfinden, aber einfach nichts funktionierte hier. Oh, er konnte ihnen etwas über diesen Planeten sagen: Lassen wir die Finger davon !
"Kommt schon ! Wir haben wenig Zeit!"
Hawkes lachte höhnisch.
"Wenig Zeit für was? Ich kann rein gar nichts erkennen."
"Raus jetzt, los !"
Nachdem sie ausgestiegen waren, hob der Transporter ab.
"Ein gutes hat der Nebel. Die Chigs dürften unsere Landung nicht gesehen
haben."
Anderson versuchte, Hawkes warnend anzusehen, aber er wußte nicht mal, wo dieser stand.
"Okay, ihr bleibt alle stehen, wo ihr seid! Wir müssen uns zuerst mit einem Seil
verbinden, damit er uns nicht verlieren."
"Toll, sein erstes Kommando und schon legt er uns an die Leine."
"Hawkes!"
"Schon gut, ich sag nichts mehr."
Dann machten sie sich an die Arbeit. Doch egal, was sie überprüften, die Geräte waren nutzlos. Und mit den bloßen Auge sah man nichts um sich herum. Sogar die starken Lichtstrahlen ihrer Neonlampen gingen im Nebel verloren. Es war eine unheimliche Atmosphäre und keiner der fünf wollte langer als nötig bleiben. Als Sams Stimme ertönte, zuckten die restlichen Marines unwillkürlich zusammen. Es war totenstill und ihre Nerven waren bis aufs Äußerste gespannt.
"Ist euch eigentlich klar, dass eine ganze Kompanie Chigs neben
uns herlaufen könnte, ohne dass wir es merken?"
West drehte seinen Kopf nach links und rechts und gab Sam Recht.
"Sie könnten uns einfach erschießen, ohne dass wir überhaupt wüßten, dass sie da
sind."
Anderson wurde wütend.
"Es bringt absolut nichts, wenn wir in Panik verfallen, Wenn wir ruhig bleiben
..."
"Verdammt," zischte Hawkes, "mein Kompaß spinnt total!"
Der Zeiger drehte sich unaufhörlich im Kreis, so dass sie Nathan schluckte.
"Wir wissen nicht, wo wir sind."
"Noch schlimmer," murmelte Charly, "Wir wissen nicht, wo sie uns
abholen."
In dem Moment blieb Hawkes, der an der Spitze ging, stehen. Sam prallte natürlich gegen
ihn, genauso wie die anderen auf deren Vordermann.
"Hawkes, was soll das?" Anderson war nahe dran, dem Lieutenant in den Hintern zu
treten. Doch auf diesem Planeten war das eine schwierige Sache.
"Vor mir ... da sehe ich was." Er kniff die Augen fest zusammen und hörte es
plötzlich blubbern. Vor Schreck zuckte er zurück und stieß abermals mit Sam zusammen.
"Hey, das reicht."
"Sei still! Da ist etwas."
Vorsichtig rückten sie enger an Hawkes und warteten.
"Da!" Charly deutete auf den Boden und ihre Lampe erfasste eine andere Lampe,
die gerade in einem Sumpf versank. Anderson rannte sofort hin und riß Charly mit sich,
die ins Stolpern kam und hinfiel. Anderson bemerkte seinen Fehler und half ihr mühsam
hoch.
"So wies aussieht, haben wir alle noch Probleme, an der kurzen Leine zu gehen."
Er versuchte krampfhaft, die anderen zu erblicken, doch das war zwecklos. Deswegen befahl
er ihnen, Meldung zu machen. Als West als letzter seinen Namen nannte, war er ein wenig
beruhigter. Obwohl er nicht annahm, dass jemand in dieser Umgebung einen Alleingang wagen
würde. Während der Captain die Anwesenheit überprüfte, warf Masters einen Blick auf
die Uhr. Erst, als sie ihren Arm direkt vor den Heim hielt, konnte sie die Zeit ablesen.
"Wir müssen uns etwas einfallen lassen. In drei Stunden, nein ... in vier - Mist,
meine Uhr hat auch dran glauben müssen !"
"Was ist das bloß für ein beschissener Planet?" Nichts klappt und die großen
Bosse denken, die Chigs würden ihre Jäger hier bauen oder ihre Waffen lagern. Vielleicht
tun sie das auch, aber finden tun sie nicht mehr. Langsam habe ich die Schnauze voll von
diesem Krieg !"
"Lieutenant Hawkes, reißen Sie sich zusammen. Wenn wir wieder auf der Saratoga sind,
können Sie das dem Commodore mitteilen. Aber bis dahin liegt noch Arbeit vor uns."
"Glauben Sie wirklich, Captain, dass wir von hier wegkommen?"
Hawkes stand nun direkt vor Anderson und ihre Visiere berührten
sich. Zum ersten Mal seit ihrer Landung konnten sie das Gesicht des anderen erkennen.
Auch, wenn es die beiden niemals zugeben wurden, waren sie in diesem Moment sogar froh
darüber. Dann hörten sie plötzlich eine Stimme, die nicht zu ihnen gehörte.
"Ist da jemand?"
West schauderte. Er bildete sich bereits ein, Stimmen zu hören.
"Hey, ich habe eben Stimmen gehört. Da muß jemand sein."
Eine weitere Stimme. "Das ist eine Falle ..." schoß es Hawkes durch den Kopf.
Doch Anderson ging darauf ein.
"Wer ist da?"
"Lieutenant Peters, United States Marine Corps. Wir sind die 74ste Staffel,
Sondereinsätze."
Vor Anderson tauchte ein Mann auf. Gerade noch konnte er erkennen, dass dieser keinen Heim
trug. Blitzartig hob er sein M-590 in die Höhe.
"Keinen Schritt weiter. Sie haben keinen Helm auf und die Luft ist ..."
"Atembar, wenn auch ziemlich schwer. Das fanden wir heraus, als unser Sauerstoff
zuneige ging."
"Wer ist bei Ihnen?"
"Lieutenant Larsen und Lieutenant Brown. Zwei unserer Leute sind spurlos
verschwunden. Ich bin überrascht, dass sie eine zweite Truppe herschickten. Wie lange
befinden Sie sich schon auf diesem Planeten?"
"Funktionieren Ihre Uhren?"
"Was für eine Scheiße!" rief Hawkes aufgebracht. "Wir werden hier
verrecken, nicht wahr?"
Er tastete sich bis zu Anderson heran und packte Peters am Kragen.
"Ich will wissen, was hier los ist. Ich habe bereits einmal so einen Auftrag erlebt
und langsam komme ich mir ... "
"Hawkes !" Anderson riß ihn zurück und holte tief Luft. "Du hast viel
durchgemacht in den letzten Tagen, das weiß ich, aber du darfst jetzt nicht die Nerven
verlieren. Wir müssen eine Lösung finden und das ist ohne deine Ausraster schon schwer
genug. Also benimm' dich nicht wie ein kleiner Junge. Du bist ein Marine. Ein Marine,
hörst du?!" Nathan hatte eine Idee. Das hatte ihnen schon mal geholfen.
"Marines - M - Maßlos hart. A - Allzeit bereit." Nun begriffen auch die anderen
und taten es ihm gleich. "R - Rau und Tapfer. I - Im tiefsten Schlamm." Anderson
grinste.
"Das war gut, West, wirklich gut. Sie haben euch doch nicht überschätzt."
N-Nie geb' ich auf. E- Einer für alle. S-Sind immer treu!" Hawkes verfluchte sich
innerlich, dass er wieder mal ausgerastet war. Er hatte keine Angst, aber zuviel erlebt.
Es konnte doch nicht sein, dass ausgerechnet er immer bei solchen Aufträgen dabei war.
Und jedes Mal drehte er durch. Warum? Warum das alles? In den folgenden Minuten klärte
Peters das 58ste auf. Sie waren als Erkundungstrupp ausgesandt worden und ihr Transporter
war nach der Landung versunken. Nur durch sehr viel Glück hatten sie den Ausstieg noch
geschafft, meinte Peters. Dann waren auch noch Dubret und Pesco verschwunden, von einer
auf die andere Sekunde. Seitdem irrten sie ziellos umher und hatten die Hoffnung auf
Rettung längst aufgegeben. Anderson hatte bei der Geschichte seine Zweifel, hielt es
jedoch für besser, vorerst mit ihnen zu kooperieren.
"Ich wäre für jeden Vorschlag dankbar, Lieutenant. Sie sind länger hier.
Vielleicht ..."
"Ich enttäusche Sie wirklich ungern, aber ohne die Geräte ist es
aussichtslos."
Instinktiv ergriff Sam Coopers Hand. Sie wollte nicht auf einem Nebelplaneten sterben,
zumindest nicht kampflos. Doch wie kämpft man gegen die Natur? Cooper sah überrascht
hinunter. Es ließ sich zwar nichts erkennen, aber Sam (er hoffte, dass es Sam war) hielt
tatsächlich seine Hand. Er hatte mal gehört, dass das verliebte Menschen tun, aber er
schätzte, dass das hier nicht der Fall war. Langsam bekam er Kopfschmerzen. Das war wohl
die Folge der übermäßigen Anstrengungen seiner Augen. Eigentlich konnte er es auch
lassen und sie einfach schließen. Aber auch wenn er in beiden Fallen nichts sah, war es
mit offenen Augen ein Unterschied. Charly war derzeit in die Hocke gegangen und hielt
ihren Kopf dicht über dem Boden.
"Leute, unsere Fußabdrücke sind noch da. Wenn er ihnen folgen, kommen wir zum
Landeplatz zurück."
Anderson überlegte. Der Pilot hatte ihm gesagt, dass sie sie bedenkenlos am Landeplatz
abholen könnten. Zögernd meinte er, dass das klappen würde. Mehr konnten sie wohl nicht
tun. Die acht Marines brauchten sehr lange bis zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Mitchel und
Larson wechselten sich im "Spurenlesen" ab; der Rest folgte ihnen leise.
Plötzlich hörten sie ein Geräusch.
"Was ist das? Unser Transporter?"
"Hoffentlich. Wir sind ganz nah dran !"
Die letzten Schritte wurden immer schneller und denn sahen sie es.
Einen Truppentransporter der Army. Er stand direkt vor ihnen. Die Luke wurde geöffnet und
helles Licht strahlte nach draußen. Erleichtert stiegen sie sein. Einer der Piloten hielt
Anderson am Arm fest.
"Sir, wir haben nur fünf Marines hergeflogen. Wieso zähle ich nun acht?"
"Das werden wir auf der Saratoga klären und jetzt nichts wie weg von hier !"
Hawkes rieb sich derzeit die Augen, "Mann, ich hatte nie
gedacht, dass blind sein so schlimm ist."
West nickte. "Wir können froh sein, dass die Piloten die richtige Stelle gefunden
haben. Sonst hätte uns auch Charly's tolle Idee nichts gebracht. Das war echt
clever."
Sie lächelte. Nathan hatte bisher gar nicht gemerkt, wie hübsch sie war. Kein Wunder,
sie waren ihnen ja regelrecht aus dem Weg gegangen. Aber auch Sam konnte sich sehen
lassen. Er fragte sich, wie sie auf die Idee gekommen waren, zum Militär zu gehen. Vom
Krieg natürlich abgesehen. Nachdenklich saß Cooper neben West und betrachtete seinen
Heim. Er hasste es, ihn tragen zu müssen und war dankbar gewesen, als er ihn abnehmen
konnte.
"Hawkes?" Er drehte den Kopf zur Seite und sah Sam an.
"Das dort unten ... tut mir leid. Normalerweise klammer ich mich nicht an jedem
fest." Sie grinste verlegen. Cooper wollte etwas entgegnen, doch, wie so oft, wußte
er nicht, was. Also nickte er nur und ließ seinen Helm fallen, um seinen Blick von Sam
abwenden zu können. Er bemerkte nicht Nathan's dämliches Grinsen, dass eine Mischung aus
amüsiert und traurig war. Sowas hatte im Krieg keinen Platz. So sehr es sich Hawkes auch
wünschte.
Bei ihrer Landung auf der Saratoga wurden Lieutenant Peters
und seine Leute von Commodore Ross erwartet, Er teilte ihnen mit, dass sie so schnell wie
möglich auf ihren Träger zurückkehren konnten. Bevor sich Ross weder auf den Weg machen
konnte, wollte Anderson eine Erklärung.
"Captain, ich weiß nicht, wie Ihr früherer Commodore mit Ihnen umging, aber auf
meinem Träger dulde ich sowas nicht. Ich bin Ihnen keine Rechenschaft schuldig. Haben Sie
das verstanden?"
"Ja, sir, aber ..."
Ross funkelte ihn böse an. "Aber was?"
Seine Stimme duldete keinen Widerspruch, was Anderson zu seinem Glück verstand. Er
straffte sich und sah Ross respektvoll an.
"Sir, ich bitte ...um Entschuldigung für mein Verhalten, sir !"
"Akzeptiert. Wegtreten!"
Anderson blickte ihm lange nach,
"Er vertuscht etwas."
Kyle, das ist unser Commodore. Der braucht dir gar nichts zu sagen. Sag' mal, wie
hast du es geschafft, Captain zu werden?"
Anderson erschrak ein wenig, aber ihm wurde gleich bewußt, dass es eher ein Scherz
gewesen war.
Ich habe was zu erledigen. Wir sehen uns nachher."
Nun hatte Nathan das Gefühl, dass Kyle etwas zu verbergen hatte.
Gegen Abend saßen sie in der Taverne und unterhielten sich. Hawkes fühlte sich nicht
wohl dabei. Es kam ihm vor, als ob er seine Einheit verriet. Doch Nathan hafte ihm
klar gemacht, dass er sich so unauffällig wie möglich verhaften solle. Das fiel ihm
jedoch schwer. Die ganze Zeit dachte er an Shane und Vanessa und ob es ihnen gut ging.
Was war eigentlich mit Paul? War er ebenfalls dort unten? Ihn hatte er ganz vergessen.
"Coop? Lieutenant Hawkes, sind Sie anwesend?"
Er blinzelte.
"Wo warst du eben?"
"Na hier. Wo denn sonst?"
Dann fragte ihn Nathan, ob er mit ihnen Darts spielen wollte. Coopers Miene hellte sich
auf.
"Da fragst du noch?"
"Eigentlich habe ich gehofft, du würdest nein sagen, damit ich wenigstens eine
Chance habe, zu gewinnen."
Charly schüttelte den Kopf.
"Nicht so schnell, West. Ich bin auch noch da."
Im Gegensatz zu Hawkes und Mitchel war Anderson eine totale Niete. Er konnte froh sein,
wenn er überhaupt die Scheibe traf. Die anderen zogen ihn damit noch eine ganze Weile
auf, denn es passiert nicht jeden Tag, dass ein Captain des USMC das Ziel nicht traf, Doch
Nathan wunderte sich. Auch wenn das Schießen etwas völlig anderes war, mußte ein Soldat
mit seiner Erfahrung doch etwas mehr Geschick zeigen. Er stellte sich einfach zu
unbeholfen an. Vielleicht war das Schießen nicht seine Spezialität. Wie er es auch
drehte, es war merkwürdig und Nathan's Mißtrauen war erweckt. Zum Schluß behielt Hawkes
die Nase vorn, knapp gefolgt von Charly. Nathan und Sam teilten sich zufrieden den 3.
Platz. Weit hinten abgeschlagen lag Anderson, der im Laufe des Spiels recht still geworden
war. Als Nathan vermutete, dass alte schlafen würden, stand er auf und weckte Hawkes.
Er deutete ihm an, ihm nach draußen zu folgen. Cooper gähnte, aber er war froh, geweckt
worden zu sein. Er hatte nämlich schlecht geträumt.
"Wir müssen uns langsam einen Plan ausdenken. Wenn sie noch leben, ist das keine
Garantie, dass sie sie am Leben lassen."
"Ich habe ... was ist eigentlich mit Wang? Glaubst du, er ist bei Vansen und
Damphousse?"
"Nein, dass ist eher unwahrscheinlich."
Er sah Cooper bedrückt an. "Der Transporter wurde zerstört. Außerdem haben sie
nach ihm gesucht und nichts gefunden."
"Ich wünschte, ich würde wissen, wie es McQueen geht.'
"McQueen ist wie Unkraut, Coop. Es vergeht nicht'
Sein irritierter Blick war das beste an Cooper, dachte Nathan. "Ich meine damit, dass
ihn so schnell nichts klein kriegt. Er wird wieder."
"Wie ... wie schaffst du es, so ruhig zu bleiben?'
Unbewußt legte er seine Hand um den Fotoklipp, der ihn und Kylen zeigte.
"Genauso wie ich es geschafft habe, die letzten Monate zu überleben. Ich glaube an
sie und ich muß die beiden finden."
"So wie Kylen?'
Er nickte. "Ja, Coop. Es ist genau dasselbe. Mit einem Unterschied." Mit einem
Zeigefinger tippte er auf Coopers Brust. "Du wirst mir helfen. Bei Kylen's Suche war
ich alleine, aber diesmal sind wir zwei. Wir werden sie finden, dass weiß ich."
Cooper lag noch lange wach und versuchte, sich zu erinnern, wie es war, als Shane, Vanessa und Paul noch in diesen Kojen gelegen hatten. Hin und wieder hatte er sie beobachtet und sich gefragt, wovon sie gerade träumten. Er vermisste das alles; er vermisste sie, sehr sogar. Auch wenn Nathan und er sie finden worden, wäre nichts mehr so wie vorher. Allein schon, weil Wang nicht mehr da war. Dazu kam die Sache mit Aerotech. Und wenn das Militär auch noch mit drin steckte... Sie mußten wirklich vorsichtig sein. Dann kam ihm plötzlich der Gedanke, wie es weitergehen würde, wenn sie Shane und Vanessa gefunden hatten, Und das hielt ihn die ganze Nacht wach...
Am folgenden Morgen frühstückten sie gemeinsam. Wahrend seine
Staffelkameraden über belangloses Zeug quatschten, verhielt sich Hawkes ungewöhnlich
ruhig. Niemandem außer Nathan wurde es auffallen, Sie kannten sich mittlerweile zu gut.
Zwar war die Rolle, die er für Cooper übernommen hatte, irgendwie seltsam, aber sie
waren die einzigen, die noch Obrig waren. Bis sie das geändert hatten, mußte er sich
wohl um Cooper kümmern. Nathan mochte zwar nicht der Aufmunterer für Hawkes sein, aber
es blieb ihm nichts anderes übrig. Ihm wurde nämlich die Tatsache bewußt, dass Cooper
in seinen gelebten sechs Jahren viel zu schnell von Kindheit über Teenagerzeit bis zum
Erwachsenen springen mußte. Wenn man ihn ansah, vergaß man das. Und in gewisser Weise
war er nun für Cooper verantwortlich. Die Wildcards waren die einzige Familie gewesen,
die er gehabt hatte und alle, bis auf ihn, waren weg. Ob er es wollte oder nicht, es war
seine Pflicht. Um ihre Freunde wiederzufinden, mußten er und Cooper gegen Chigs und die
eigenen Leute kämpfen. Das war schon für ihn schwer zu verkraften. Er seufzte, nahm
Hawkes beiseite und fragte ihn geduldig, was los sei. Unruhig ging Cooper einige Schritte
zurück, dann wieder vor. Sein Gesicht wirkte angespannt. "Wenn wir Vansen und
Damphousse finden sollten..." "Nicht wenn," unterbrach ihn Nathan,
"wir werden sie finden." "Okay, aber was machen wir dann?" Nathan
schluckte. Darüber hatte er noch nicht nachgedacht. Ich ... ich verstehe nicht, was
..." "Falls sie festgehalten werden, lassen sie sie nicht einfach entkommen. Was
wird passieren, wenn wir mit Shane und Phousse ...
Nun dämmerte Nathan, was Cooper meinte. Sie würden sich unerlaubt von der Truppe
entfernen müssen, was ohne Colonel McQueen's Hilfe als Fahnenflucht angesehen werden
könnte. Wie sollten sie es erklären, dass sie nur ihre Staffelkameraden suchen wollten?
Wie es aussah, mußten sie zugeben, dass sie eine Verschwörung vermuteten. Eine
Verschwörung von Aerotech und wahrscheinlich auch dem Militär. Allein diese Vermutung
würde sie vors Militärgericht bringen. Aber das war das geringste Übel. Sie nahmen ja
an, dass Shane und Vanessa festgehalten wurden. Also sah Aerotech in ihnen ein Risiko.
Natürlich wußte er nicht, aus welchen Gründen, aber das war unwichtig. Wenn sie sie
festhielten, würden sie alles versuchen, sie nach einer Flucht so schnell wie möglich
wieder zu kriegen. Oder Schlimmeres.
"Coop, sprich es nicht aus. Wir wissen nicht, was los ist. Im Moment sind das alles
nur Vermutungen von uns."
"Verdammt, was soll das auf einmal?" Hawkes' Stimme überschlug sich leicht,
dann fuhr er fort: 'Wir beide wissen, dass Shane und Vanessa nicht tot sind. Aber das
Militär hat zwei Leichen bestattet, die ihre Marken und Anzüge trugen. Wie erklärst du
dir das?"
Nathan deutete Cooper an, leiser zu sprechen. Dann seufzte er. "Jetzt hör' mir mal
zu. Wir nehmen nur an, dass sie noch am Leben sind."
Hawkes wollte widersprechen, doch Nathan würgte ihn ab. "Hör' mir zu ! Unsere
Annahme basiert einzig und allein auf Larrys Beobachtung. Das ist kein Beweis."
"Bei Kylen hattest du viel weniger."
Nathan ballte seine Faust und öffnete sie wieder.
"Ich weiß. Ich glaube ihm ja auch. Aber das bedeutet, dass irgendjemand will, dass
wir denken, sie waren tot. Das erklärt die Marken. Wenn sie also festgehalten werden und
wir sie befreien würden, waren wir alte in Gefahr."
"Du willst doch keinen Rückzieher machen, oder ?" Hawkes starrte West
ungläubig an. In diesem Moment überlegte Nathan, ob er es besser alleine machen sollte.
Dann begrub er diesen Gedenken. Cooper hatte dasselbe Recht wie er, und außerdem würde
er es ohne ihn nicht schaffen.
"Nein. Aber wenn wir sie rausholen falls das alles zutrifft, gibt es kein
Zurück."
"Kein Zurück? Wie meinst du das?"
Nathan's Gesicht hatte einen besorgten, dennoch entschlossenen Ausdruck angenommen. Er
wollte es durchziehen; er konnte auch gar nicht anders. Und er wußte, dass Hawkes genau
das gleiche wollte.
"Willst du Shane und Vanessa helfen, egal, was für Folgen es hat?"
Ohne zu zögern nickte Cooper. "Mir ist es gleich, was danach ist. Ich lasse meine
Freunde nicht im Stich. Das habe ich hier gelernt." Hawkes hatte auch nichts zu
verlieren, aber Nathan ... hatte er nicht eine Verantwortung gegenüber seinen Eltern,
seinem Bruder John und Kylen? Nein. Solange er diese Sache nicht in Ordnung gebracht
hatte, könnte er eh' nie mit Kylen glücklich werden.
"Ähm, was ist mit McQueen?"
"McQueen?"wiederholte Nathan überrascht.
"Naja, mir wäre wohler, wenn er ..."
" ... Coop, er ist nicht hier. Er ist auf der Erde, und wir können froh sein, wenn
er überlebt. Das ist eine Sache, die nur uns beide angeht."
"Okay, und wann fliegen wir los?"
"Sobald wir die Gelegenheit dazu haben. Wir dürfen nicht unüberlegt handeln. Aber
zu lange warten sollten wir auch nicht."
"Nathan, glaubst du wirklich, dass sie noch leben?"
"Ja, das tue ich!" Von da an hieß es, sich bereit zu haften und das Spiel
mitzuspielen. "Ihre Aufgabe wird sein, einen Truppentransporter zu eskortieren. Er
wird zum Träger U. S. S. Georgetown fliegen, der sich im Feindgebiet aufhält. Danach
kehren Sie unverzüglich zurück." Ross nickte und befahl seinen Piloten,
wegzutreten, außer West und Hawkes. Cooper's Magen klumpte sich zusammen und er wischte
sich seine feuchten Hände an der Fliegermontur ab. "Sir."
Ein Grinsen huschte über Ross' Gesicht. Nathan runzelte die Stirn und fragte sich, was
das bedeuten könnte.
"Ich habe vor wenigen Minuten die Bestätigung erhalten, dass Colonel McQueen's
Zustand stabil ist. Abgesehen von seinem Bein ist er auf dem Weg der Besserung."
Nathan und Cooper atmeten erleichtert aus und sahen einander an, Auf diese Nachricht
hatten sie gewartet.
"Er wird eine Prothese am rechten Bein tragen müssen, aber das ist heutzutage ja
kein allzu großes Problem. Er wird früher wieder fit sein als wir alle hofften."
"Heißt das, er kehrt bald zur..."
"Lieutenant Hawkes, geben Sie ihm ein paar Wochen Ruhe. Er hat es nötig. Obwohl - so
wie ich Ty kenne, macht er sich jetzt schon Sorgen um Sie. Also tun Sie ihm den Gefallen
und halten durch."
Cooper überlegte, ob er damit ihren physischen oder psychischen Zustand meinte.
Wahrscheinlich war es eine Anspielung auf beides.
Auf dem Weg zum Flugdeck ertappte sich Cooper dabei, wie er Hoffnung
schöpfte. Erst Shane und Vanessa, nun McQueen. So leicht waren die Wildcards nunmal nicht
unterzukriegen. Er sah Nathan dabei zu, wie dieser den Fotoklipp in die Hand nahm und ihn
betrachtete. Er verstand nicht, wieso Nathan das Bild immer und immer wieder anstarren
mußte. Es war ja nichts Neues darauf zu sehen. Natürlich war ihm die Bedeutung bewußt,
aber Nathan's Glaube war so felsenfest, dass ...
"Coop." West sah ihm fest in die Augen. Dann hielt er ihm die Hand mit dem
Fotoklipp hin. Wie in Zeitlupe schüttelte Cooper den Kopf.
"Das brauch' ich nicht."
"Nimm es - nimm es stellvertretend für unsere Staffel. Wir zwei sind zur Zeit die
einzigen Wildcards hier."
Cooper schloß kurz die Augen und ergriff zögernd den Anhänger, um diesen dann in seiner
Faust verschwinden zu lassen.
"Kann es sein, dass du ihn los werden willst?" fragte Hawkes mit einem
sarkastischen Grinsen. Auch Nathan's Mundwinkel verzogen sich leicht nach oben.
"Erst gibst du ihn Wang, danach bekam ihn McQueen wem soll ich ihn nach ihrer
Rückkehr geben?"
Lachend nickte Nathan. Genau das hatte er damit bezweckt.
Ein wenig übermütig stiegen die beiden in ihre Cockpits ein. Coopers Grinsen wollte einfach nicht verschwinden. Die Tatsache, dass McQueen wieder gesund werden würde, freute ihn über alle maßen. McQueen war sein vorgesetzter Colonel, ein strenger dazu, aber er gehörte zu den Wildcards wie jeder andere von ihnen. Als er langer darüber nachdachte, fiel ihm ein weiterer Grund ein, weshalb er McQueen vermisste. Ohne ihn war er der einzige InVitro auf der Saratoga, und irgendwie war das jetzt wichtiger als je zuvor.
Militärkrankenhaus, , Loxley/Alabama
"Colonel McQueen, wir werden Ihnen heute Nachmittag die
Prothese anbringen. Es wird anfangs etwas unangenehm sein, wenn das fremde Gewebe mit
Ihrem zusammenwächst, aber in ein paar Wochen werden sie problemlos laufen können."
"Wann kann ich wieder zur Saratoga zurück1?"
Der Arzt lachte herzlich und klopfte ihm auf die Schulter. "Auf diese Frage habe ich
gewartet. Also, ich kann Ihnen nichts versprechen, aber wenn alles gutgeht, bereits
nächsten Monat."
McQueen seufzte. "Ich bin ein Marine, Doc. Ich kann unmöglich solange meine Einheit
alleine lassen. Geht es nicht ..."
"Colonel." Der Blick des Arztes wurde strenger. "Sie können froh sein,
dass Sie überlebt haben. Eine Prothese ist, trotz des medizinischen Fortschritts ein
gefährlicher Eingriff. Wir müssen abwarten, ob Ihr Körper das Fremdgewebe annimmt, ob
die Knochen sich nicht abstoßen und wie Sie damit zurechtkommen."
"Machen Sie sich um mich keine Sorgen. Aber dort draußen brauchen zwei junge Männer
meine Hilfe. Wenn..."
"Ich verstehe ja, was in Ihnen vorgeht, aber Sie müssen Geduld haben."
"Geduld? Wir haben Krieg, Doc. Und es ist meine Pflicht"
"Auf Ihren Arzt zu hören. Andernfalls werden Sie noch langer hierbleiben müssen.
Ich habe nämlich auch eine Pflicht gegenüber dem Militär und ganz besonders Ihnen als
meinen Patienten. Und solange ich Sie nicht für fähig halte, zu diesem Krieg
zurückzukehren, bleiben Sie in diesem Krankenhaus. Ich hoffe, ich habe mich deutlich
ausgedrückt, Colonel."
Natürlich gefiel ihm das ganz und gar nicht. Er konnte nicht tatenlos in diesem Zimmer
liegen, während dort oben ein Krieg tobte. Seit er wieder auf der Erde war, dachte er nur
an eins: Seine Einheit, die Wildcards. Drei von ihnen waren bereits tot, und das nur, weit
er nicht für sie dagewesen war. Jetzt mußten Hawkes und West wieder alleine klarkommen.
Er hoffte, dass sie den Verlust wenigstens einigermaßen wegstecken konnten, aber er hatte
seine Zweifel. Sie hatten zuviel zusammen durchgemacht, um einfach weitermachen zu
können. Wenn er doch bloß mit
ihnen reden könnte. Aber was sollte er groß sagen? Dass sie sich die Trauer bis zum Ende
des Krieges aufheben müßten? Das ging vielleicht bei anderen, nicht aber bei seinen
Wildcards. Nun war er 15 Jahre beim Militär, war selbst Teil einer Staffel gewesen, aber
erst jetzt fühlte er sich mit seinen Leuten verbunden. Es war was anderes als mit den
"Angry Angels". Die Wildcards waren etwas Besonderes.
Drei von ihnen waren tot und er lag hilflos in einem viel zu weichen Bett.
"Auf gar keinen Fall werde ich die nächsten Wochen nutzlos hier rumliegen,"
durchbrach er die Stille in dem Raum. Er hatte viel zu viel Zeit zum Nachdenken, Und das
würde ihn hier verrückt machen.
Zwei Stunden später wurde er von zwei Krankenschwestern abgeholt
McQueen mißfiel diese Aufmachung, denn der Arzt hatte ihm versichert, dass es keine
große Sache werden wurde. Dies schien jedoch nicht der Fall zu sein. Er hatte Dr.
Franklin gefragt, wieso man ihm die Prothese nicht früher angebracht hatte. Dieser hatte
geantwortet, dass sein Zustand bei dem Eingriff stabil sein mußte und er danach sehr viel
Bewegung brauchte. Das waren seine letzten Gedanken, bevor er einschlief. Als er wieder
aufwachte, sah er in das freundliche Gesicht einer jungen Schwester.
"Sie sind schon wach?" Lächelnd überprüfte sie seine Werte, wobei ihr die
Daten zu gefallen schienen.
"Dr. Franklin hat erwähnt, dass Sie ein recht ungeduldiger Mann sind."
McQueen versuchte, etwas zu erwidern, aber sein Hals war zu trocken. Mit einer Hand
deutete er auf ein Glas Wasser, was Schwester Mary, die den Rang eines Lieutenants trug,
sofort verstand. Während sie ihm beim Trinken half, berichtete sie von dem geglückten
Eingriff. Bis jetzt verlief alles reibungslos. Mit alter Macht wollte sich McQueen auf
sich selbst konzentrieren, doch schon bald kreisten seine Gedanken nur noch um Hawkes und
West. In den folgenden Tagen machte McQueen große Fortschritte. Sein eiserner Wille trieb
ihn schonungslos an, trotz der Bedenken des Arztes. Er sollte sich noch schonen, hatte man
ihm gesagt. Doch das veranlasste ihn, noch harter zu schuften. Er hatte Schmerzen und es
war wirklich ein unangenehmes Gefühl, wenn der Fremdkörper mit seinem eigenen
zusammenwuchs. Wenigstens gab es keine Komplikationen. Im Gegenteil, es heilte besser als
erwartet.
Trägerschiff U.S.S. Saratoga
"Nein!" Schweißgebadet schreckte Cooper aus dem Schlaf
Seine Herz raste, genau wie sein Atem. Dann sah er In die braunen Augen einer Frau, die
neben ihm stand. Er blinzelte. "Shane?"
"Leider nicht. Ich bin's, Sam." Ein wenig enttäuscht ließ er sich
zurückfallen und griff nach dem Fotoklipp. Jetzt ging es ihm ein wenig besser.
"Hast du schlecht geträumt?"
"Hat das etwa so ausgesehen?'
Sam sparte sich die Antwort. Als sie ihm kurze Zeit später ein mit Wasser getränktes
Handtuch reichte, sah er sie erstaunt an.
"Du siehst nicht gut aus, Hawkes." Mürrisch nahm er das Tuch und wischte sich
sein Gesicht ab.
"Ich ... habe Shane sterben sehen."
Sam nickte. Auch sie hatte Freunde verloren, als die Lincoln zerstört worden war. Sie war
gerade mit ihrer Einheit auf Patrouille gewesen und kurz bevor sie den Landeanflug
begonnen hatten, horten sie einen lauten Knall. Dann ging die Lincoln in Flammen auf. Nur
wenige Sekunden später explodierte sie vollständig. Die Druckwelle erfasste sechs ihrer
Kameraden. t>e drei anderen hatten einer Sondereinheit angehört, die sie begleitet
hatten. Noch Stunden später war sie von dem Schock wie gelähmt. Aber nun verdrängte sie
diese Gedanken. Das konnte sie gut. Ihr ganzes Leben war ein Desaster, angefangen bei
ihrer Geburt. Erst hatte sie ihre Mutter bei der Geburt ihres Bruders verloren, dann gab
ihr Vater den Weinen Jungen weg, um danach seinen Kummer in Alkohol zu ertranken, Sie
hatte niemanden und wuchs praktisch alleine auf Ihren Vater kannte sie nur volltrunken,
und es hatte sie nicht gestört, als er eines Tages nicht mehr nach Hause kam. Die
High-School schaffte sie dennoch. Denn sie war klug und besaß einen starken
Überlebenswillen. Einen Freund fand sie nur in Mike, Er kümmerte sich um sie mit Hilfe
seiner Eltern. Zumindest wollten sie das, aber Sam war viel zu selbständig. Mike
bedeutete ihr mehr als jemals jemand zuvor, aber seine Liebe konnte sie nicht erwidern,
Sie glaubte, dass sie zu solchen Gefühlen unfähig war. Das wußte auch Mike. Dennoch
hielt er immer zu ihr, bis sie ihm mitteilte, dass sie zu den Marines gehen würde. Da war
der erste Bruch zwischen ihnen, Um Mike nicht zu verlieren, wartete sie noch ein halbes
Jahr, dann trat sie in das Corps ein. Seitdem hatte Sam
nichts mehr von Mike gehört undvielleicht war das auch besser so.
Er hatte zu sehr an Sam gehangen. Nun hatte er Zeit, um Über sie hinwegzukommen und sie
konnte ihr Leben leben, ohne jeden Tag voller Schuldgefühle zu sein. Sam war überzeugt,
dass es das beste für beide war.
"Diese Shane - sie hat dir sehr viel bedeutet, nicht wahr'?."
Cooper war drauf und dran, sie zu berichtigen, dass sie ihm noch immer viel bedeutete,
aber das hatte vielleicht ihr Mißtrauen erweckt. Das konnten sich Cooper und Nathan in
dieser Situation nicht leisten, obwohl er auf unerklärbare Weise Vertrauen zu ihr hatte.
"Das hat sie," antwortete er schließlich. "Sie hat mir alles bedeutet" Am liebsten hatte er den letzten Teil wieder zurückgenommen, bis ihm bewußt wurde, dass er zum ersten Mal seine Gefühle ausgedrückt hatte. Und das bei einer Frau, auch wenn es dabei nicht um sie ging. Sam war in dieser Beziehung genau wie Cooper. Auch sie konnte mit solchen Sachen schlecht umgehen; im Grunde konnte sie das gar nicht. Deswegen nickte sie auch nur, denn sie wußte nicht, wie man darauf etwas entgegnen konnte. Es herrschte Schweigen zwischen ihnen bis Sam meinte, dass sie wohl noch einige Stunden Schlaf gebrauchen könnte. Als sie zu ihrer Koje zurückging, betrachtete Coop sie solange, bis sich ihre Blicke trafen. Verschämt drehte er den Kopf zur anderen Seite, nicht ahnend, dass auch Sam ihn noch eine Weile beobachtete.
"Nathan, wo ist Cooper? Ich habe ein paar Neuigkeiten, die ich
euch mitteilen muß."
West überlegte. Er hatte ihn seit Stunden nicht gesehen, seit dem Frühstück, um genauer
zu sein.
"Wahrscheinlich feilscht er an seiner Schußtechnik."
"Was will er da noch verbessem?"
Nathan zuckte mit den Schultern. Cooper war sehr oft dort. Vielleicht war er deswegen so
gut geworden, denn auf der Saratoga gab es keinen besseren Schützen als ihn.
"Kannst du ihn suchen?"
"Ist das ein Befehl, Captain?"
Anderson grinste boshaft. Das reichte Nathan als Antwort. Nachdem er Hawkes genau da
gefunden hatte, kehrten sie zu ihrem Quartier zurück.
"Was gibt es denn so wichtiges?"fragte Cooper genervt.
"Es wird euch sicher nicht gefallen, da bin ich mir ..."
"Kyle, sag' es einfach."
"In ungefähr einer Stunde wird das 58ste Zuwachs bekommen. Sie schicken uns fünf
Frischlinge, für die wir den Babysitter spielen werden."
Nach dieser Nachricht sprang Sam erbost auf.
"Was? Was sollen wir mit fünf Grünschnäbeln?"
"Das Militär will keine Marines mehr verlieren, nur weit sie unerfahren sind. Es ist
nur für einige Wochen."
"Das wird hier drin aber sehr knapp werden, wenn sich zwei nicht freiwillig melden,
um auf dem Boden zu schlafen."
Anderson ging zu seiner Koje und packte seine Sachen in den Rucksack.
"Ich werde mit Lieutenant Sanchez nebenan einziehen, damit ihr euch besser
kennenlernen könnt."
Bevor irgendjemand Einspruch erheben konnte, meinte er mit einem bittersüßen Grinsen,
dass er ihnen eine Menge Spaß wünsche - und schon war er draußen.
Cooper, Nathan, Sam und Charly sahen sich sprachlos an. Sie alle hatten bereits viel
durchgemacht, aber was in den vergangenen Tagen passiert war, ließ sie am Militär
zweifeln. Kurze Zeit später ging die Tür auf. Vier sehr jung aussehende Marines traten
ein und blickten sich erstaunt um. Charly war die einzige, die sich ihnen vorstellte, da
Cooper grummelnd in seiner Koje lag und Sam und Nathan sich einen anderen Ort zum Relaxen
gesucht hatten. Diese vier waren genau so unterschiedlich wie das momentane 58ste. Robert
Taylor war ein naiver, dennoch lustiger Kerl, der wahrscheinlich von jedem bemuttert
wurde. Jennifer Lewis war eine besonnene, ruhige Zeitgenossin. Brian Conroy liebte das
Fliegen über alles, was man dem gutaussehenden 20jahrigen Schwarzen gar nicht zutraute
und Chris McDowell... Er war ein InVitro, der Coopers unterdrückten Zorn offen zur Schau
legte. Kurz gesagt, sie waren das perfekte Team, die sicher viel Spaß haben worden.
Cooper wollte gar nicht hinsehen, als die Neuen sich in ihrem Quartier breitmachten.
Krampfhaft hielt er seine Augen geschlossen, obwohl ihn seine Neugierde zappelig werden
ließ. Er fing an, an seine Vergangenheit in Philadelphia zu denken. Wie es ihm dort
ergangen war und dann erinnerte er sich an die erste Begegnung der Wildcards. Sie hatten
wirklich einen schlechten Start gehabt. Vor allem er und Nathan. Mittlerweile bezeichnete
er ihn als seinen Freund. Falsch, seinen besten Freund. Nie hatte Cooper für möglich
gehalten, so eine Freundschaft überhaupt in Erwägung zu ziehen. Die Leute, mit denen er
auf der Erde zu tun hatte, waren höchstens Bekannte gewesen. Und nun? Konnten diese neuen
Marines nicht auch solche Freunde werden? In diesem Moment spürte er einen Stich in
seiner Seite. Blitzartig öffnete er die Augen, sprang aus der Koje und packte sich Chris,
der mit seinem Rucksack neben der Koje stand. Bevor sich dieser wehren konnte, drückte
Cooper ihn gegen die Wand.
"He ! Bist du bescheuert? Mir ist aus Versehen der Rucksack auf dich gefallen. War
keine Absicht."
Chris' Augen waren zu einem Schlitz zusammengekniffen und versprühten eisige Kälte.
Seine Gesichtszüge waren hart. Der Junge schien noch nie in seinem Leben gelacht zu
haben.
"Es fühlte sich an, als ob ein Messer sich zwischen meine Rippen bohren
wollte."
Mit einer Hand fuhr sich Hawkes Über die Stelle, wo der spitze Gegenstand ihn berührt
hatte. Chris sah zu der Tasche.
"Das war wahrscheinlich mein Messer. Anscheinend habe ich vergessen, es in seine
..."
Als Hawkes seine Finger betrachtete, entdeckte der Blut. Ungläubig starrte er Chris an.
"Du hast ein ungeschütztes Messer da drin? Bist du völlig verrückt?"
Gleichgültig zuckte er mit den Schultern.
"Na und?"
Cooper wollte ihm gerade einen Kinnhaken verpassen, als Charly dazwischen ging.
"Es reicht. Lass' ihn in Ruhe."
Cooper drehte seinen Kopf zu Charly. Sie blickte ihn sanft an.
"Komm' schon."
Er warf Chris einen letzten Blick zu, dann folgte er Charly.
"Ich muß ihm recht geben, Hawkes. Er wollte seinen Rucksack nur auf die Koje legen,
doch sie rutschte ab und prallte von ihm auf dich ab."
"Ich hoffe nicht, dass du eine Entschuldigung von mir erwartest."
Glücklicherweise schüttelte sie den Kopf.
"Nein, nach 18 Monaten würde ich instinktiv genauso reagieren."
Sie gingen in die Taverne, wo Sam und Nathan an einem Tisch saßen und Karten spielten.
Überrascht setzten sie sich zu ihnen.
"Und? Wie sind die Neuen?"
"Entzückend," grinste Cooper und berichtete West und Masters von dem
Zwischenfall. Nach einer Weile bemerkte Nathan, dass sie hier nicht mit Shane und Vanessa
herumalberten, sondern mit zwei Marines, die sie kaum kannten, während ihre
Staffelkameradinnen sich in womöglicher Gefahr befanden. Er wollte sie endlich suchen,
anstatt hier auf der Saratoga auf den besten Zeitpunkt zu warten. Was wäre, wenn dieser
nicht kam? Oder zu spät? Er schüttelte den Gedanken ab und hörte wieder Charly zu, die
etwas aus ihrem Leben erzählte. Als Charly ihren Verlobten Pete erwähnte, senkten alle
drei gleichzeitig ihren Blick. Nathan dachte an Kylen, die nun wieder auf der Erde war;
Sam ging Mike's Bild durch den Kopf und Cooper dachte daran, dass er noch nie etwas
Derartiges gehabt hatte und vielleicht auch nicht die Möglichkeit dazu haben würde.
"Äh, hab' ich was Falsches gesagt ? " fragte Charly, der die Reaktion
natürlich aufgefallen war. Alle verneinten, aber ein richtiges Gespräch sollte an diesem
Abend nicht mehr zustandekommen.
Der nächste Tag hatte eine interessante Neuigkeit parat: Der folgende Einsatz würde das
68ste auf einen Planeten bringen, der zum größten Teil aus Vulkanen bestand, Die
Vielfältigkeit der Planeten war beeindruckend. Charly mußte immer wieder daran denken,
wie schön es doch gewesen wäre, diese Weiten zu einem anderen Zeitpunkt und unter
anderen Umständen zu erkunden. Und plötzlich war sie sich sicher, dass es außer den
Menschen und den Chigs noch andere Lebensformen geben mußte. Was anderes wäre völlig
unlogisch. Als sie den Planeten von oben sah, war sie überwältigt. Er leuchtete in allen
Pastellfarben, unterbrochen nur von roten, orangenen und eisblauen Schattierungen, umgeben
von einem riesigen Mond, der wohl auch bei Sonnenlicht Schatten spendete. Schmutzige
Wolken und vulkanische Asche hingen wie eine dunstige Decke am Himmel. Charly konnte sich
den unvorstellbaren Druck kaum vorstellen, den der nahe Mond auf diesen Planeten ausübte.
Dann ertönte das Signal zur Landung und Charly machte sich wie die anderen fertig zum
Ausstieg. Anderson ermahnte die Neuen immer wieder, nur das zu tun, was ihnen gesagt
wurde. Doch bei Anfängern wer es erwiesen, dass sie sich seiten an die Anweisungen
hielten, Als sie ausstiegen, verspürte Cooper den Drang, Nathan wieder in den Transporter
zu zerren und mit ihm zu dem Chig-Mond zu fliegen, um Vansen und Damphousse zu suchen. Das
war natürlich eine blöde Idee, weswegen er das auch für sich behielt. "Weiß einer
von euch noch, was wir auf diesem Stock Einöde sollen?" fragte Chris, ohne jedoch
eine Antwort zu erwarten, Keiner hatte bisher mit ihm geredet und es war ihm auch egal.
Sogar der andere Tank wollte nichts mit ihm zu tun haben, Doch auch das störte ihn nicht.
Ihn interessierte es im Moment viel mehr, wieder von dieser Welt zu verschwinden. Anderson
teilte jeden Frischling einen erfahrenen Marine zu. Und er traf genau die richtige Paare.
Der Planet trug den Namen Miramax 16687. Das 58ste hatte den Auftrag, die Beschaffenheit
auszukundschaften. Das Militär plante, hier einen Stützpunkt zu errichten. Das sollte
eine leichte Aufgabe sein, hatte Commodore Ross ihnen gesagt, aber während des Krieges
gab es einfach keine leichten Aufträge. Zudem kämpften sie auch noch untereinander,
allen voran Hawkes und West, die sich eben nicht mit den Neuen abfinden wollten. So schien
es äußerlich, aber wenn sie gewußt hatten, was wirklich in den beiden vorging, hatten
sie es vielleicht verstanden.
Nach ein paar Stunden bekam jeder der Zweier-Gruppen eine andere Aufgabe. So sollten sie
lernen, miteinander zu arbeiten.
"Chris, beweg' dich endlich und mess' die vulkanischen Aktivitäten. Ich habe keine
Lust, wahrend eines Vulkanausbruches hier zu sitzen."
Cooper hatte das Gefühl, dass dieser Chris gar nichts zustandebringen würde. Er schien
überhaupt nicht hier zu sein und das konnte gefährlich werden. Also sprach er ihn darauf
an.
"Hast du zufällig ein Problem?"
"Wieso? Weil ich kein netter Junge bin?"
Hawkes schüttelte den Kopf. "Warum benimmst du dich so? Das bringt dir nichts."
Wieder verengten sich seine Augen zu einem Schlitz.
"Das kann dir doch vollkommen egal sein, Lass' mich einfach in Ruhe und du hast keine
Probleme mit mir."
"Was?" entfuhr es Hawkes. "Du bist hier im Corps, schon vergessen? Wir
müssen uns auf unsere Kameraden verlassen können, sonst wirst du die Erde nie
wiedersehen."
"Und wenn schon."
Cooper konnte ihn sogar verstehen. Es hatte mal eine Zeit gegeben, wo er ähnlich gedacht
hatte. Aber das war vorbei. Er wollte Chris irgendwie verständlich machen, dass auch er
das konnte.
"Ich weiß, wie du dich fühlst. Ich habe das auch durchgemacht, aber" Chris
feuerte seinen Helm auf den Boden und schrie Hawkes an, dass er den Mund halten solle.
"Ich pfeif auf deine Belehrungen. Du bist schlimmer als die normalen Menschen auf der
Erde. Die sind wenigstens echte Menschen. Aber ein Tank ist und bleibt ein Tank. Und du?
Sieh' dich mal an. Du kriechst denen in den Hintern, nur damit sie sich in ihre Kreise
aufnehmen."
Cooper konnte nicht glauben, was er da hörte. Er wurde tatsächlich dazu beschuldigt,
seine "Rasse" zu verleumden. Aber er behielt sich unter Kontrolle und sah
McDowell nur an.
"Du kennst mich seit gestern Abend und weißt schon, wer ich bin?"
"Ach" Verärgert hob Chris seinen Helm auf und drehte sich um.
"Was muß ich messen?'
Cooper registrierte nicht sofort, dass er soeben eingelenkt hatte und wollte bereits Chris
fragen, warum er nicht einfach seinen Job erledigte. Dann sagte er Chris jedoch, was zu
tun war. Als ihn Hawkes so beobachtete, dachte er flüchtig an sich selbst vor vielen
Monaten. Er brauchte einfach nur Zeit, dann würde auch er einsehen, was das beste war.
Ihre Aufgaben auf dem Planeten hatten sie bald erledigt. Sie hatten alte brauchbaren
Informationen an das Hauptquartier weitergereicht und warteten nun auf ihre Landung auf
der Saratoga. Cooper wollte nur noch eins: Sich in seine Koje legen und seine alte CD
hören. Alle bis auf Nathan gingen in die Taverne, um sich ein wenig abzulenken. West
schrieb gerade an einem Brief, wahrscheinlich an seine Eltern. Also schob Cooper die
Ramones in den antiken CD-Player und sogleich ertönte die ihm so bekannte Musik. Als er
die Augen schloß, war er wieder auf dem Mars. Um ihn rum standen West, Vansen,
Damphousse, Wang, Pags ... Pags. Er hatte ihn nicht vergessen. Er sah, wie Mike Pagodin
das unvergessene "Hey, ho, let's go" anstimmte, wie er aus der Sonde die CD
mitgehen ließ, wie Pags tot vor ihm lag. Es war, als ob es gestern gewesen war. Immer
Weder wahrend des Krieges hatten Freunde ihr Leben lassen müssen, aber er weigerte sich,
Shane und Vanessa dazu zuzahlen. Seitdem er sie kennengelernt hatte, war vieles anders
geworden. Er hatte sich verändert, genau wie die anderen seiner Einheit. Sie alle hatten
in dieser Zeit soviel gelernt, vor allem er selbst. Freunde, Familie, Zuhause, diese
Begriffe waren ihm fremd gewesen. Und nun war er bereit, sein Leben für das seiner
Freunde zu opfern. Er würde alles tun, um ihnen zu helfen. Aber er wollte nicht mehr
warten. Sein Gefühl sagte ihm, dass er und Nathan gebraucht wurden. Wieso ließen sie
soviel Zeit verstreichen, nur damit sie keine Aufmerksamkeit erregen wurden? Wenn es
soweit war, würde das eh passieren. Warum also nicht jetzt? Cooper schaltete die CD aus
und richtete sich auf. Nathan blickte von seinem Brief hoch und grinste.
"Ich schreibe gerade meinen Eltern, dass ich etwas tun werde, was alles verändern
könnte und dass sie mit verzeihen sollen, da ich es tun muß."
Coop nickte. Das mußte er zum Glück nicht. Er hatte keine Eltern, die sich um ihn
sorgten.
"Ich will nicht mehr warten," platzte es aus ihm heraus. Ich will sie endlich da
rausholen."
Er hatte erwartet, das Nathan ihm widersprechen würde, aber er tat es nicht. Stattdessen
legte er den Stift beiseite. Nathan holte tief Luft.
"Ich auch. Ich habe nicht die Kraft, ein zweites Mal so lange zu warten."
Coopers Miene hellte sich auf. Hatte Nathan endlich eingesehen, dass sie sie so schnell
wie möglich finden mußten? Dann ließ Nathan seinen Kopf in die Hände sinken und
schüttelte diesen heftig. "Hätte ich nicht auf Shane gehört, wäre das alles nie
passiert!" Hawkes schloß die Augen. Er hatte geahnt, dass sich West deswegen
Vorwürfe machte.
"Nur wegen Kylen habe ich sie im Stich gelassen !"
Cooper stand auf, legte seinen Arm um Nathan's Schulter und meinte leise:" Du hast
das Richtige getan. Wir wären womöglich alle draufgegangen und ... "Das sind wir
aber nicht !" Völlig außer sich sprang Nathan auf und starrte Cooper an.
"Sag' bloß, du hättest mir nie die Schuld gegeben?" Tränen füllten seine
Augen und Cooper hatte ihm liebend gerne gesagt, dass es so wäre. Aber er fühlte, dass
Nathan die Wahrheit verkraften würde. Traurig senkte er den Blick.
"Doch, das habe ich. Aber wir können es nicht ändern. Du hast das getan, was du tun
mußtest und wir müssen nun ebenfalls das tun, was getan werden muß, Wir müssen Shane
und Vanessa da rausholen."
Die beiden hatten nicht gemerkt, das Sam in der Zwischenzeit eingetreten war und sie mit
aufgerissenen Augen ansah, Was sie hörte, gefiel ihr gar nicht.
"Wo rausholen?" fragte sie scharf,
Erschrocken drehten sich West und Hawkes zu ihr. Sam hafte ihre Hände in die Hüften
gestemmt und erwartete eine Antwort. Wahrend Cooper einen Fluch ausstieß, ging Nathan zur
Tor und schloß diese. Dann packte er Sam am Arm und drückte sie vorsichtig auf
einen Stuhl, was Sam natürlich gar nicht gefiel. Also stand sie weder auf.
"Ich warte auf eine Antwort, Jungs !"
"Du belauschst wohl gerne die Gespräche anderer, was?!"
"Belauschen? Habe ich etwa was Illegales mitangehört?"
Hawkes vergaß, dass er Sam noch vor ein paar Tagen fasziniert angestarrt hatte und
drückte sie mit seinen Händen grob auf den Stuhl runter. Er ließ seine Hände auf ihren
Schultern ruhen, bis sie sich nicht mehr wehrte. Sie sah ihm wütend in die Augen.
"Kein Wunder, dass ihr Tanks so verachtet werdet."
Coopers Muskeln spannten sich an und wäre sie keine Frau gewesen, hätte er sicher seine
Beherrschung verloren. Aber man hatte ihm gesagt, dass man keine Frauen schlug und daran
hielt er sich.
"Du spielst mit dem Feuer, Masters," grinste Nathan schwach, woraufhin er von
Hawkes einen fragenden Blick zugeworfen bekam. Er ignorierte diesen und wandte sich an
Sam.
"Was hast du mitbekommen?"
"Nur, dass ihr beide 'ne Macke habt, Eure Freunde sind tot und ihr wollt sie
anscheinend retten."
Nathan fuhr seufzend durch seine Haare und umfaßte dann seinen Nacken.
"Das ist schlecht. Wir müssen dich wohl mit einweihen."
Hawkes ließ verwirrt von Sam ab.
"Was? Das ist eine Sache zwischen uns beiden. Niemand darf es wissen, hast du doch
gesagt."
"Ja, aber sie weiß bereits, was wir vorhaben, Willst du, dass sie zum Commodore
rennt und uns alles vermasselt?"
"Ich finde immer noch, dass wir Ross Bescheid sagen sollten. Vielleicht ..."
"Nein, Coop. Wir dürfen ihn nicht mit reinziehen."
"Aber bei ihr können wir das?'
"Moment mal, habe ich auch noch ein Wort mitzureden?"
Genervt drückte sie Hawkes abermals auf den Stuhl zurück. Sam murmelte etwas
Unverständliches, aber Cooper wußte, dass es nichts Nettes gewesen war.
"Was tun wir jetzt?" Hawkes wirkte ratlos und auch Nathan gefiel die neue
Situation ganz und gar nicht.
"Ich - ich weiß nicht."
Nervös tippte Sam mit den Fingern auf den Tisch rum. Sie wollte endlich wissen, was hier
vor sich ging.
"Leute, warum erzählt ihr mir nicht einfach, was Sache ist. Ich werde bestimmt
nichts sagen, wenn ihr das wollt."
Nathan sah zu Hawkes und der zuckte die Schultern.
"In Ordnung. Es geht wohl nicht anders."
Und so berichtete Nathan, was sie vermuteten. Sam schien jedoch nicht sonderlich
überrascht.
"Wißt ihr, auf der Lincoln gab es eine Menge Gerüchte. Da war ein Typ, der ständig
behauptete, dass Aerotech die Chigs auf einem Planeten richtig studierte. Sie sollten
schon seit längerem ein geheimes Lager errichtet haben, wo sie Chigs gefangenhielten, um
aus ihnen schlau zu werden."
Hawkes stöhnte auf. Auch Nathan war wie vom Blitz getroffen.
"Er sagte, dass Aerotech die Technik der Chigs aus ihnen herausquetschen wollte. Sie
stellten sogar verschiedene Experimente mit ihnen an."
"Wo - wo ist dieser Typ jetzt ?" fragte Nathan hoffnungsvoll.
"Ja," meinte Sam zynisch, "der hatte einen Unfall und wird niemanden wieder
etwas sagen können."
Nathan haute die Faust auf den Tisch.
"Verdammt," zischte er, "er hätte uns vielleicht weiterhelfen
können."
Cooper ging zu seiner Koje und sah das Bild seiner Freunde an.
"Wenn Shane und Vanessa dieses Lager entdeckt haben ..."
"Ja, ich weiß."
Nathan überlegte krampfhaft, was sie nun tun könnten. Aber es fiel ihm nichts
Brauchbares ein.
"Wie habt ihr euch das eigentlich vorgestellt? Ihr wolltet doch nicht etwa einen
Transporter stehlen, um auf diesen Mond zu fliegen, oder doch?" Sam lachte kurz, dann
meinte sie schmunzelnd, dass sie noch verrückter seien, als sie angenommen hatte.
"Ihm, du sagtest, du warst auf der Lincoln?"
Sie nickte.
"Du kennst nicht zufällig einen Ken Carter vom 51sten?"
"Den kannte ich. Wieso?"
"War er - war er auf dem Träger als er explodiert ist?"
"Ich weiß nicht. Sie haben mir nur gesagt, dass es keiner überlebt hat außer mir
und drei anderen."
"Oh." Hawkes ließ seine Arme schlaff herunterhängen und seufzte. Nun auch noch
Carter. Lebte Überhaupt noch jemand aus ihrer Ausbildung? Er sah nur noch den Tod um sich
herum. Sie mußten einfach etwas tun, sonst würde er noch wahnsinnig werden.
"Und jetzt? Wie sieht euer Plan aus?"
"Wir haben keinen."
Sam sah West entsetzt an.
"Da wird es aber Zeit, dass ich euch helfe."
"Du? Ausgeschlossen !" entgegnete Cooper energisch. Das war eine Sache, die nur
die Wildcards anging und sonst niemanden.
"Ach so. Ihr wollt eure Freunde lieber sterben lassen, als Hilfe anzunehmen."
"Das verstehst du falsch."
Unruhig drehte sich Nathan um. Sie könnten wirklich Hilfe gebrauchen, aber diesmal war
das unmöglich. Sam hatte nicht die geringste Ahnung, was die Wildcards miteinander
verband und sie wurde es auch nie wissen. 18 Monate zusammen in einem Krieg kämpfen,
verbindet nunmal. Aber es war nicht nur das. Sie hatten einen gemeinsamen Glauben, der mit
seinem Glauben an Kylen begonnen hatte. Nun war es viel mehr. Vielleicht sogar mehr als er
selbst begriff.
"Nein," wiederholte Nathan entschlossen. "Es geht einfach nicht. Trotzdem
danke für dein Angebot."
Sam legte ihren Kopf schief und grinste.
"Was denkst du, wer du bist? Erst erzählst du mir diesen ganzen Verschwörungsmist
und jetzt soll ich mich da raushalten?"
"Sam" begann Nathan ruhig, "es ist nicht so, dass wir dich nicht dabei
haben wollen. Es geht hier um etwas, was du eben nicht verstehen kannst, weit du nicht
dabei warst. Was uns Wildcards miteinander verbindet, ist unglaublich schwer zu erklären.
Im Grunde kann man es gar nicht. Ich weiß - ich weiß nicht, wie ich dir das
verständlich machen kann. Tut mit leid."
Sam sah ihn trotzig an, dann seufzte sie.
"Okay. Wenn ihr Jungs das alleine durchziehen wollt ..."
Nathan und Cooper wechselten einen flüchtigen Blick. Daraufhin legte Hawkes seine Hand
auf Sam's Schulter.
"Sorry, dass ich vorhin so grob war."
Huch, die Entschuldigung war ihm gar nicht schwer gefallen. Bei Sam war alles so einfach
und das machte ihm irgendwie Angst. Es war einfach nicht normal. Als er in ihr Gesicht
sah, lächelte sie ihn an. Er mußte schlucken und zog hastig seine Hand zurück. Dann
bemerkte er auch noch Nathan's amüsierten Blick und er wurde rot.
Cooper war nach diesem Erlebnis schnell aus dem Quartier
geflüchtet. Ihm gefiel es nicht, dass er plötzlich auch für Sam etwas empfand, Immerhin
war da auch noch Shane. Er hatte nie gewollt, dass Shane ihm so viel bedeutete, aber er
konnte es einfach nicht ändern. Und wenn er ehrlich war, wollte er das auch nicht. Seit
dem ersten Tag fühlte er sich zu ihr hingezogen und nichts hatte daran etwas ändern
können. Mit einem Lächeln erinnerte er sich an letztes Weihnachten, Diesmal würde ihm
solch ein Fehler mit den Freikarten nicht passieren, aber er bezweifelte, dass er dieses
Jahr die Gelegenheit dazu hatte. Aber er würde es nachholen und vielleicht würde er ihr
endlich sagen, was in ihm vorging. Gedankenverloren ging Cooper durch die Gänge der
Saratoga und stieß nach einer ganzen Weile mit jemandem hart zusammen. Erschrocken
blickte er auf.
"Commodore ... es - es tut mir leid. Ich habe Sie nicht gesehen."
"Ja, Sie waren sehr weit weg von hier."
Fragend sah Hawkes ihn an. Der Commodore grinste schwach.
"Lieutenant, geht es ihnen gut?"
"Oh, ja ja, keine Sorge."
Cooper blickte verlegen zu Boden. Er hatte immerhin etwas zu verheimlichen und er wollte
Ross nicht unbedingt anlügen.
"Hawkes, ich verstehe Sie sehr gut, Ihre Kameraden waren wichtig für Sie, sonst
waren Sie sicher nicht bei Ihrem Entzug auf der Saratoga geblieben. Aber das Leben geht
weiter. Früher oder später müssen Sie damit fertig werden, sonst machen Sie sich selbst
kaputt."
Cooper runzelte die Stirn. Er hatte nicht gewußt, dass Ross der Psychologe seines
Trägers war.
"Sir, darf ich Ihnen eine private Frage stellen?"
Ross wich einen Schrift zurück. Sollte er Hawkes gestatten, persönlich zu worden?
Er wartete die Frage ab, dann könnte er immer noch verneinen.
"Was, was ist das für eine Frage, Lieutenant?'
Cooper räusperte sich und suchte in Gedanken nach den richtigen Worten.
"Wenn - wenn Ihnen etwas sehr viel bedeutet und Sie etwas tun, wovon Sie 100%ig
überzeugt sind, es ... aber es hätte Folgen :::"
Ross schüttelte verwirrt den Kopf.
"Hawkes, was ist die Frage?"
Cooper holte tief Luft. Ist es richtig, etwas zu tun, obwohl es vielleicht Konsequenzen
haben wird?"
Ross kreuzte seine Arme vor der Brust.
"Was haben Sie vor, Lieutenant?"
"Nichts, sir. Ich wollte nur eine Frage stellen an jemanden mit Ihrer
Erfahrung."
Commodore Ross wurde mißtrauisch. Das passte nicht zu dem temperamentvollen Hawkes, der
sich hin und wieder nicht unter Kontrolle hatte. Irgendetwas stimmte nicht. Er mußte
herausfinden, was vor sich ging.
"Lieutenant Hawkes, ich verlange eine Erklärung. Was hatten Sie mit dieser Frage im
Sinn?"
Verärgert drehte Cooper den Kopf zur Seite. Er mußte sich schnell etwas einfallen
lassen. Doch Coop hatte Glück. Nachdem er eine Weile herumgedruckst hatte, wurde
Commodore Ross auf die Brücke gerufen.
"Denken Sie nicht, dass das Thema erledigt ist. Wir sprechen uns noch."
Hawkes schmunzelte und brachte ein dankbares "Ja, sir" zustande. Als Ross außer
Sichtweite war, lehnte er sich mit einem tiefen Seufzer gegen die kalte Wand. Jetzt hatte
er wenigstens Zeit gewonnen, um über eine vernünftige Ausrede nachzudenken.
"Nathan, du mußt mir helfen." Cooper zog ohne eine Antwort abzuwarten seinen
Kumpel mit sich.
"He, was ist denn?"
"Ich -," begann Cooper leise, "ich glaube, Commodore Ross ahnt, dass wir
was im Schilde führen."
Nathan schüttelte grinsend den Kopf.
"Nein, woher sollte er sowas wissen. Niemand ..."
Schuldbewußt sah Cooper zu Boden.
"Coop ..." meinte Nathan, fast flehend, dass es nicht wahr war.
"Es tut mir)a leid, aber ich wollte ihm nur eine harmlose Frage stellen und darin sah
er mich so - so mißtrauisch an."
"Verdammt. Ich sagte dir doch, du sollst vorsichtig sein. Was wolltest du überhaupt
von ihm? Warum hast du mich nicht gefragt? Traust du mir etwa nicht mehr?"
"Doch. Ich weiß auch nicht"
"Okay, vergessen wir das," Nathan rieb sich die Augen.
"Was genau hast du ihn gefragt?"
An diesem Tag hatte das 58ste noch zwei Patrouillenflüge, die jedoch ohne Feindkontakt
stattfänden. Die letzten Tage waren sehr ruhig gewesen, in denen sie kein einziges Mal
auf Chigs gestoßen waren. Das beunruhigte alle mehr als man denken konnte.
Ein paar Tage später war Weihnachten. Die Stimmung auf der Saratoga
war allgemein fröhlich, wenn man Überhaupt von fröhlich sprechen konnte wahrend eines
Krieges. Alte außer Hawkes und West vergaßen für einige Stunden den schrecklichen
Alltag. Cooper saß gedankenverloren mit Nathan in ihrem Quartier. Die Erinnerungen an
voriges Jahr waren noch zu frisch und sie wurden den Gedanken nicht los, dass ihre Freunde
irgendwo alleine in einer Art Zelle saßen und keine Hoffnung auf eine Rettung hatten. Die
Hilflosigkeit, die diese verzwickte Situation mit sich brachte, war für die beiden
schlimmer als die Gewißheit von ihrem Tod. Die Blicke, die sie sich zuwarfen, sagten,
dass innerhalb der nächsten Tage etwas geschehen mußte. Langer könnten sie einfach
nicht mehr warten.
"West, ich muß mit dir reden."
Sam verließ den Aufenthaltsraum und erwartete, dass Nathan ihr folgen würde. Was er auch
tat.
"Ich habe eben mitbekommen, dass In Kürze ein Transporter zum Mond 2063 fliegen
wird."
Nathan packte sie an den Schultern.
"Was hast du gesagt?"
"Ich habe keine Ahnung, was transportiert werden soll oder warum, aber es ist eine
Möglichkeit für dich und Hawkes, auf den Planeten zu gelangen."
Er ließ von ihr ab, um Hawkes zu suchen. Doch dann kehrte er um. "Danke,"
meinte er, um Sam danach sogar flüchtig zu umarmen,
"Ich hoffe, ihr werdet finden, was ihr sucht," flüsterte sie ihm grinsend ins
Ohr.
"Viel Glück!"
Nathan rannte zu ihrem Quartier, wo Cooper gerade sein M-590 inspizierte. Wahrend er seine
Ausrüstung zusammensuchte, teilte er Cooper mit, worum es ging. Plötzlich hielt West
inne.
"Wir können unsere Sachen nicht mitnehmen. Es würde auffallen."
"Wir fallen auch so auf. Es ist nicht unser Auftrag, auf den Mond zu fliegen."
Nathan nickte. Aber er hatte bereits eine Idee
"Commodore, ich habe eine Bitte an Sie." Er musterte West eindringlich, dann
gestattete er ihm, seine Bitte vorzutragen.
"Sir, wir wissen, dass, aus weichem Grund auch immer, ein Transporter zum Mond 2063
fliegen wird und ..."
Erzürnt sprang Ross auf. "Woher wissen Sie das? Das ist geheim!"
"Sir, es ist wichtig, dass Lieutenant Hawkes und ich die Möglichkeit dazu haben, von
unseren Kameraden Abschied zu nehmen. Deswegen bitte ich Sie, uns an diesem Auftrag zu
beteiligen."
"Ausgeschlossen! Was denken Sie sich eigentlich?"
"Sir, Sie haben selbst gesagt, dass Sie uns verstehen. Wir müssen mit den Wildcards
abschließen und das geht nur, wenn Hawkes und ich auf diesem Planeten ..."
"Schon gut." Ross winkte resignierend ab. "Lieutenant Hawkes und Sie worden
also gerne die Erlaubnis haben, mit dem besagten Transporter mitzufliegen?"
"Ja, sir."
Ross überlegte kurz, dann nickte er. In Ordnung. Ich tue dies aber nur, weit Sie meinen
Respekt haben und weil es Colonel McQueen's Wunsch wäre, dass sie diese Chance
erhalten,"
Nathan glaubte nicht, dass das der Grund war. Vielleicht wollte er damit sein eigenes
Gewissen entlasten und somit etwas bei Hawkes und West wieder gutmachen.
Cooper wartete bereits am Flugdeck. Er hielt Nathan's Ausrüstung in den Händen und zappelte unruhig hin und her. Als Cooper ihn sah, streckte Nathan gerade seinen Daumen nach oben und grinste. "Auf geht's! Wir haben die Erlaubnis." Die Besatzung war alles andere als erfreut Über die zwei weiteren Fluggäste. Sie wechselten undefinierbare Blicke und machten West und Hawkes klar, dass sie sich ruhig zu verhaften hatten. Trotz der unfreundlichen Behandlung konnte nichts die Stimmung von den jungen Marines trüben. Wenn sie Glück hatten, würden sie irgendeinen Beweis finden, der auf das Überleben von Vansen und Damphousse zurückzuführen war. Es mußte etwas dort unten geben, was sie in ihrer Annahme bestätigte. Auch diesmal trafen Sie während des Fluges nicht auf Chigs. Und da der Transporter ohne Begleitstaffel flog, mußten sie sich zumindest sicher gewesen sein, dass der Transporter nicht in Gefahr war. Auch das wurde von West als merkwürdig eingestuft. Dann konnten sie 2063 auch schon sehen. Dort, wo vor wenigen Tagen ihre Einheit brutal auseinander gerissen wurde. Nathan schluckte. Es war ein recht unangenehmes Gefühl, wieder hier zu sein; wo er die Entscheidung zwischen Shane und Vanessa und Kylen und den Siedlern getroffen hatte. Bis zu diesem Moment konnte er es sich nicht verzeihen, aber er wußte, dass es die einzig richtige Entscheidung gewesen war. Auch, wenn seine Beweggründe andere waren als das Leben der Siedler. Er hatte es wegen Kylen gemacht, um endlich sein Versprechen einzuhalten, dass er Kylen vor ihrem Abflug nach Tellus gegeben hafte. Nämlich sie zu finden. Nun war sie sicher zu Hause und er und Cooper hatten eine andere Aufgabe. Shane und Vanessa zu finden, falls sie noch lebten...
Das Landesignal ertönte. Cooper wollte sich bereits den Helm aufsetzen, als ein bulliger Marine namens Genson meinte, er würde diesen nicht brauchen. Die Atmosphäre sei ungefährlich. Coop runzelte die Stirn. Er war zwar froh, den Helm nicht tragen zu müssen, aber das der Mond eine Stickstoff-Sauerstoff-Atmosphäre besaß, war ihm neu. Dann verdrängte er diesen Gedanken und machte sich bereit, Shane zu suchen. Nur, wo sollten sie anfangen?
Als der Transporter gelandet war, öffneten sie die Schleuse und
drei Männer mit unmilitärischer Uniform stiegen ein. Hawkes und West wollten aussteigen,
doch sie wurden von den Aerotech-Mitarbeitern festgehalten.
"Wo wollen Sie denn hin, meine Herren?"
"Frische Luft schnappen, was sonst?!" fauchte Cooper. Das vergessen Sie mal
lieber."
Bevor Hawkes und West nach einer Erklärung fragen konnten, spürten sie einen Ruck. Der
Transporter fuhr mit einer Art Fahrstuhl ins Planeteninnere. Je tiefer es ging, um so
nervöser wurde vor allem Cooper. Nach einer scheinbar unendlichen Zeit hielt der Lastzug
endlich an. Cooper fühlte sich gar nicht wohl so weit unten, So leicht konnte man hier
nicht verschwinden. Ein zweites Mal wurde die Luke geöffnet und dieses Mal stiegen sie
alte aus. Wahrend die restlichen Marines damit beschäftigt waren, den Transporter
auszuräumen, verdrückten sich Hawkes und West unauffällig. In einem Seitengang blieben
sie stehen.
"Was nun? Einen Plan werden wir hier wohl nicht gratis bekommen." Nathan nickte,
"Da hast du recht. Was schlägst du vor?"
Cooper sah sich um. Aber es gab nicht den geringsten Anhaltspunkt, wo sie waren und wo sie
hingehen konnten.
"Gehen wir erstmal los. Vielleicht finden wir zufällig was."
"Du willst dich auf einen Zufall verlassen? Das ist keine gute Idee, Coop."
"Hast du einen besseren Vorschlag?"
Hawkes zog die Augenbrauen hoch und musterte Nathan eindringlich. Dieser zog seine
Pistole.
"Gehen wir."
Doch dieser Gang führte zu einer Art Kantine, die jedoch leer stand. Sie drehten um und
nahmen einen anderen Weg, weicher zu den Waschräumen führte.
"So geht das nicht weiter. Früher oder später treffen wir auf jemanden, der
..."
"Psst." Hawkes hielt Nathan seine Hand vor den Mund riß ihn nach unten. In der
Halle, wo sie gelandet waren, gab es plötzlich einen Auflauf Es war laut geworden und wie
es aussah, versuchten sie, etwas zu fangen.
"Wir müssen näher ran," meinte Cooper, bereits im Vorwärtsgang. Nathan wollte
ihn davon abhalten, aber zu spät. Sie versteckten sich hinter ein paar Kisten und
beobachteten den Tumult. Dann...
"West, West, da ist Shane !" Er deutete auf eine Frau, die
von zwei Aerotech-Mitarbeitern festgehalten wurde. Ihr wurde eine Injektion gegeben,
woraufhin sie völlig erschlaffte. Nathan wußte, dass Cooper bald aufspringen würde, um
ihr zu helfen und das mußte er irgendwie verhindern, Er selbst hatte noch gar nicht
richtig begriffen, dass dort tatsächlich Shane war. Und sie lebte !
"Coop" flüsterte Nathan, "mach' jetzt keinen Blödsinn. Du mußt genau
hierbleiben, hast du mich verstanden?!"
Er merkte, wie Hawkes einige Male tief Luft holte, dann jedoch nickte. Sein Blick war
weiterhin starr auf Shane gerichtet, die nun in einen der hinteren Gänge verfrachtet
wurde. Cooper kämpfte gegen den Drang, ihr sofort zu helfen. Dort hinten war Shane, aber
ihm war bewußt, dass er alte in Gefahr bringen würde, wenn er jetzt zu ihr lief. Dann
war sie nicht mehr in seinem Blickfeld und er schloß verärgert die Augen. Er hatte
einfach mitangesehen, wie sie sie weggebracht hatten, Er hatte nichts unternommen, um ihr
zu helfen. Nun war dieser grenzenlose Zorn wieder da und er drohte, überzukochen,
Abermals holte er tief Luft und konzentrierte sich. "die Kontrolle nicht
verlieren" hörte er Nathan sagen. Nein, dass wurde er nicht. Er hatte sich unter
Kontrolle und als er ganz sicher war, öffnete er wieder die Augen. Nathan sah ihn besorgt
an. Also nickte er.
"Okay, was nun?"
"Auch wenn es dir nicht gefällt, aber es sieht so aus, als ob sie gleich mit dem
Ausladen fertig waren. Gehen wir zum Transporter zurück."
Hawkes schluckte. Er sollte Shane hier zurücklassen?
"Wir müssen das tun, Coop. Wir beide haben doch nicht die geringste Chance.
"Verstehst du das?'
"Ma. Sie lebt wirklich.
Er fing an zu grinsen, was auch Nathan ansteckte. Das war endlich der Beweis, den sie
gebraucht hatten. Sie schlichen sich zum Transporter zurück und halfen, die letzten
Kisten auszuladen. Dann gab man ihnen das Zeichen, dass sie sich zum Abflug bereitmachen
sollten. Hawkes warf einen letzten Blick in die riesige Halle. Wenn das bekannt werden
würde Wieder zurück auf der Saratoga eilten West und Hawkes zum Quartier des Commodores,
Sie hatten beschlossen, ihn von allem zu berichten. Alleine schafften sie es nicht. Sie
brauchten die Hilfe von Ross.
"Das ist doch nicht Ihr Ernst, Lieutenant?"
"Leider ja, sir, Wir haben es mit eigenen Augen gesehen. Aerotech hat ein
unterirdisches Lager errichtet und dort befindet sich Captain Vansen."
Energisch schüttelte Ross den Kopf.
"Das kann nicht sein. Die Ladung in dem Transporter war für eine Bodentruppe
vorgesehen, Es kam von oben."
Hawkes und West schwiegen. Nun lag es an Ross, wem er mehr Glauben schenkte. Mit
zusammengepressten Lippen setzte er sich wieder und sah seine Leute prüfend an. Egal was
sie durchgemacht hatten, sowas würden sie einfach nicht erfinden. Aber die Tatsache, dass
Aerotech mit Sachen von seinem Schiff versorgt wurde, machte ihn rasend. Er konnte es
nicht ignorieren.
"Haben Sie eine Vermutung, wie groß diese Anlage ist?'
"Die Abflughalle war ungefähr halb so groß wie die Saratoga, Aus dieser führen
verschiedene Gänge. Wir können nicht schätzen, wie weit sie sind."
"Wie haben sie das geschafft? Das ist Wahnsinn !" schrie Ross plötzlich auf
"Ich will wissen, was hier vor sich geht ! Das mache ich nicht mehr mit. Sie können
wegtreten."
"Aber ..."
"Wegtreten !" beharrte Ross.
Nachdem Hawkes und West sein Quartier verlassen hatten, stützte der Commodore seinen Kopf
in die Hände. So hatte er sich ein Kommando auf dem Trägerschiff U.S.S. Saratoga nicht
vorgestellt. Schon des öfteren hatte er Befehle erhalten, die er nicht dulden konnte.
Aber es war immer dasselbe Ergebnis gewesen. Er hatte sich gefügt. Nun lag die Sache
anders. Zwei seiner besten Leute hatten ihm mitgeteilt, dass auf einem Planeten ein
Aerotech-Stützpunkt errichtet worden war, wo mindestens ein Marine seiner Mannschaft
festgehalten wurde. Ein Marine, der für tot erklärt worden war. Wie konnte das
geschehen? Er selbst hatte die Marken von Vansen und Damphousse entgegen genommen. Ross
wußte nicht, was hier gespielt wurde, aber er würde mit Sicherheit nicht mitspielen, das
war klar. Er würde ihnen einen Strich durch die Rechnung machen. Auch wenn er die
Konsequenzen tragen mußte. Bei diesem Gedanken mußte er an Hawkes denken. Hatte er nicht
vor wenigen Tagen von so etwas gesprochen? Behutsam nahm er das Bild in die Hände, das
seine Familie zeigte. Das brachte ihn in einen Gewissenskonflikt, denn er war sich
darüber im klaren, dass er auch sie da mit reinziehen würde. Er mußte sich seine
nächsten Schritte gründlich überlegen.
"Und? Habt ihr sie gefunden?"
Sam lief Cooper und Nathan entgegen, als sie die beiden auf dem Gang entdeckt hatte.
Nathan legte seine Finger auf den Mund nickte in entgegengesetzte Richtung. Nach ein paar
Schritten blieben sie stehen.
"Wir haben Shane gesehen. Aerotech hält sie fest."
"Was? Ich hatte nicht gedacht, dass sie wirklich so weit gehen."
Cooper legte seinen Kopf schief.
"Du hast uns also nicht geglaubt?'
Schuldbewußt schüttelte Sam den Kopf.
"Nicht direkt. Ich nahm an, ihr wäret so fertig.
"dass wir spinnen, nicht wahr?" "Coop, sie ist noch keine Wildcards, hast
du vergessen?"
Nathan und Cooper grinsten sich an.
"Sehr witzig, Ihr Jungs seid nun mal anders. Wie konntet ihr euch so sicher
sein?"
"Ich fühlte es."
"Bis jetzt lag Nathan immer richtig. Naja, auf eine Ausnahme."
Nathan schluckte. Diese Anspielung tat weh, aber Cooper hatte es sicher nicht so gemeint,
denn er hatte denselben freudigen Ausdruck auf dem Gesicht wie zuvor.
"Komisch, ich fühle auch öfters was, aber liege meistens daneben."
"Lasst uns zu den anderen gehen. Wir müssen abwarten, was Ross entscheidet."
Auf der Erde:
Wie an jedem Morgen machte McQueen mit einer Schwester einen kurzen Spaziergang. Sein Bein schmerzte, aber er ließ sich nichts anmerken. Er wollte so schnell wie möglich zurück und der Arzt hatte ihm versichert, dass das bei anhaltender Fortschritte sehr bald möglich sei. Das gab ihm die Kraft, durchzuhalten. Er hatte von Commodore Ross per Spacenet erfahren, dass es Hawkes und West gut ginge. Darüber war er mehr als nur erleichtert. Es wunderte ihn selbst, wie sehr er an den Wildcards hing. Bald würde er wieder bei ihnen sein. In diesem Moment fiel sein Blick auf eine schwangere Frau, die mit einem jungen Mann auf der Parkbank saß. Sie schien ungefähr im selben Alter wie er zu sein, vielleicht ein paar Jahre jünger. Demnach könnte der Junge ihr Sohn sein. McQueen runzelte die Stirn. Was interessierte ihn die Vermutung, ob sie die Mutter des Jungen war. Aber aus irgendeinem Grund war er neugierig, weswegen er bat, für einen Moment sitzen zu dürfen.
"Ma, du sollst dich doch schonen. Dr. Markenson hat dich
ausdrücklich darum gebeten."
"Aber das tue ich. Verlange nicht von mir, dich nicht mehr besuchen zu kommen."
Der Junge nahm die Hand seiner Mutter und drückte sie sanft. Sie strich ihm liebevoll
über seine Haare.
"Ich möchte, dass du bald wieder gesund wirst. Ich habe jetzt nur noch dich."
Sie drückte ihn an sich und McQueen bemerkte einige Tränen auf ihrem Gesicht.
Dann wurde David, wie ein Pfleger ihn nannte, abgeholt. Schwester Angela bat McQueen, hier
auf sie zu warten. Sie wäre sofort wieder da. Die Frau saß noch immer neben ihm auf der
Bank und begrüßte ihn schließlich mit einem freundlichen Hallo. McQueen erwiderte den
Gruß und fragte, ob der junge Mann ihr Sohn gewesen war.
"Ja," lächelte sie, "noch ist er das,"
"Noch?" meinte McQueen irritiert.
"Oh, da habe ich mich unglücklich ausgedrückt. Noch mein einziger. In zehn Tagen
bekommt er einen Bruder."
Ihm fiel nichts anderes ein als ihr dafür zu gratulieren.
"Vielen Dank, Es wird auch langsam Zeit, dass der Kleine auf die Welt kommt."
"Haben Sie Kinder?"
"Ähm, nein, leider nicht."
"Das ist schade. Sie waren bestimmt ein guter Vater geworden."
Nun grinste auch McQueen.
"Woher wissen Sie das?'
Ich weiß nicht. Sie haben etwas vertrauenswürdiges an sich."
Er räusperte sich.
"Meine Frau und ich wollten Kinder, aber es gab gewisse Schwierigkeiten ..."
"Wenn man sich liebt, kann man auch diese überwinden."
"Diese nicht. Es ist eine Kriegsverletzung und da ich ein InVitro bin -" Er
erwartete irgendeine Reaktion von ihr, doch sie sah ihn weiterhin aufmerksam an.
"Jetzt ist es nicht mehr wichtig,"
"Das tut mir sehr leid. Ich hatte nicht fragen sollen. Entschuldigen Sie."
"Keine Ursache. Aber - es gibt doch jemanden, der mir sehr am Herzen liegt."
Sie lächelte, "Es Ist wohl unhöflich zu fragen, wer das ist?"
"Nein. Ich bin es nur nicht gewöhnt, so offen mit jemandem zu reden. Ich - ich bin
auf einem Träger stationiert, wo ich das Kommando über eine Einheit von fünf jungen
Leuten habe. Und ich bin für sie verantwortlich." In Gedanken sah er sie vor sich
und wie er sich durch sie verändert hatte.
"Dabei fallt mir ein, ich weiß gar nicht, wie sie heißen."
Sie biß sich auf die Lippe und hielt ihm ihre Hand hin. "Megan."
"McQ ... Tyrus."
"Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Ty." Abermals grinste er, Sowas war ihm schon
lange nicht mehr passiert.
Ein Sonnensystem entfernt:
Nach einigen Lufteinsätzen hatte das 58ste wieder einen Bodeneinsatz. Frischlinge hielten sich gut und hatten bewiesen, dass sie im Luftkampf vor dem Feind keine Angst zeigten. Wie sie sich verhalten worden, wenn sie einem Chig gegenüberstanden, wurde sich noch zeigen.
Ihr neuer Auftrag war, einen feindlichen Bunker zu verminen. Laut Geheimdienst diente der Bunker als Munitionslager, der scharf bewacht wurde. Ein Luftangriff sei aussichtslos, weswegen das 58ste hingeschickt werden sollte. Die Luftüberwachung war jedoch so gut, dass sie nicht in der Nahe des Bunkers landen konnten. Ein Fußmarsch von drei Tagen mußte in Kauf genommen werden.
"Das ist mal wieder ein Auftrag, der mir gefällt. Ich hasse so lange Ausflüge." Hawkes maulte bereits seit Stunden. Die anderen waren ziemlich genervt deswegen, aber sie sagten nichts. Abgesehen von Sam, die ihm ihr Kopfkissen entgegen geworfen hatte. Er würde sie total irre machen, war ihre Begründung. Mittlerweile saßen sie im Transporter und überprüften ihre Ausrüstung. Sie hatten ihre Thermoschlafsäcke mitnehmen müssen, da die Nächte höllisch kalt werden würden. Noch ein Grund mehr für Cooper, um sich zu beschweren. Aber das hob er sich wohl für die kommende Nacht auf.
Im Grunde war es ein schöner Planet, mit Bergen, Wiesen und riesigen Seen. Vielleicht würde auch hier in Millionen von Jahren Leben entstehen. Die überwältigenden Bäume brachten nicht nur Sam zum Staunen. Sie hatte in der Schule mal einen Film über die Entstehung der Erde gesehen. Der Computer hatte eine ähnliche Umwelt simuliert. Ob die Chigs wußten, wie die Menschen entstanden waren? Zu gerne wurde sie einen fragen. Aber das es je dazu kam, bezweifelte sie von Tag zu Tag mehr. Sie stellte sich die Frage, ob sie ihren Haß auf die Chigs irgendwann begraben könnte. Nach allem, was sie der Menschheit angetan hatten... Ein Chig würde wahrscheinlich das gleiche denken. Könnte es überhaupt ein Ende geben? Eine Lösung, die für alle befriedigend war? Oder war die einzige Rettung die Vernichtung aller Chigs? Ihr gingen zuviele Fragen durch den Kopf, dass sie den Befehl zur Pause verpasst hatte. Sam hatte noch nicht mal gemerkt, dass vor ihr alle stehengeblieben waren. Erst West stoppte sie. "Träumst du etwa?" "Nein. Ich - ich wollte nur noch weiterlaufen, sonst nichts." Sam und Nathan setzten sich zu Hawkes, der sie argwöhnisch beobachtet hatte. Nun fing Nathan auch noch an, Sam auf seine Seite zu ziehen. So, wie er es bereits bei Shane getan hatte. Würde sich das je ändern? Doch Sam war anders. Sie war ein Einzelgänger, der die Geborgenheit einer Familie versagt worden war. Sie hatte sich alleine durchschlagen müssen, genau wie Hawkes. Vielleicht fühlte sie sich deswegen so verbunden mit ihm. Aber ganz gleich, was die wahren Gründe waren, eins war sicher: Es würde noch Probleme geben.
Was die Kälte wahrend der Nächte anging, hatten die Unterlagen untertrieben. Sobald man die Nase aus den Schlafsäcken nahm, gefror einem das Blut in den Adern. Sam hafte sich das mit dem möglichen Leben mittlerweile aus dem Kopf geschlagen. Sie dämmerte gerade vor sich hin als jemand gegen ihr Bein trat. Erschrocken fuhr sie hoch und sah nur noch die Rückseite von Chris, der sich aus der schützenden Höhle schlich. Er würde doch nicht abhauen wollen? Das ließ Sam keine Ruhe, weswegen sie ebenfalls aufstand und ihm folgte. Chris saß jedoch nur auf einem Stein und zündete sich in dem Moment eine Zigarette an. "Hey !" rief sie überrascht, "das ist schon seit Jahren verboten." Gleichgültig blickte er sie an. "Und?" "Wie - wie hast du die überhaupt mitschmuggeln können?" Chris zeigte ein selbstgefälliges Grinsen, dann reichte er ihr den Glimmstengel. Sie schüttelte heftig den Kopf, was nicht nur auf ihre Antwort zurückzuführen war. "Was tust du hier draußen? Du wirst erfrieren." Er fing an zu lachen. Verwundert setzte sich Sam ihm gegenüber. Wenn er lacht, hat er so ein nettes Gesicht, stellte sie fest. Er zog abermals an der Zigarette, schmiß diese danach jedoch weg.
"Warum bist du mir nachgegangen?"
"Du hast mich aufgeweckt. Früher ..." Sie hielt inne. Chris blickte weiterhin
in die Ferne, "habe ich, ach vergiß es. Wieso bist du beim Militär?"
Nun wandte er sich ihr zu. "Was interessiert es dich, wieso ich hier bin?"
"Ich bin neugierig."
"Sam, geh' lieber zurück. Das ist nicht deine Welt."
"Was ist nicht meine Welt?"
"Das klappt vielleicht bei Hawkes, aber nicht bei mir. Lass' mich in Ruhe,
okay?!"
Sie überlegte kurz, dann stand sie auf.
Ich verstehe dich nicht. Wenn du es wenigstens versuchen würdest"
Er starrte sie eiskalt an, woraufhin sie eine Gänsehaut bekam. Als sie sich umdrehte,
rief er ihren Namen. Sie blieb stehen.
"Wenn du mal ... du weißt schon, ich bin da."
Sam straffte sich. Aber sie behielt die Nerven und kehrte zu ihrem Schlafsack zurück. Als
sie sich hinlegte, hafte sie das Gefühl, sie würde beobachtet. Dann schlüpfte sie
hinein und vergaß das eben Geschehene. Der folgende Tag war anstrengend, sogar für gut
ausgebildete Marines. Sie hatten einen genauen Zeitplan, an den sie sich halten mußten,
was hieß, dass sie durchmarschieren mußten. Mittags wurde es sehr heiß und sie
verbrauchten eine Menge Wasser. Dennoch hielten alle problemlos durch. Immerhin waren sie
harte Marines, die eine gnadenlose Ausbildung genossen hatten. Hawkes lief seit Stunden
wortlos an der Spitze. Keinen Laut hatte er von sich gegeben, seitdem er aufgestanden war.
Das machte West stutzig, doch er konnte nicht jedes Mal den Psychologen spielen. Er ließ
ihn also ganz in Ruhe und bei Cooper's Gedanken war das auch das beste. Hawkes war in
einer eigenartigen Verfassung. West war sein Freund, aber es regte ihn auf, wie er gestern
mit Sam geredet hatte. Was ging bloß in ihm vor?
"Coop, du hast gar nichts gegessen. Bist du okay ? " Sam saß zwischen ihm und
Charly und wunderte sich aber sein Verhalten. Sie kannte ihn noch nicht lange, aber das
etwas nicht stimmte, war eindeutig. Doch Cooper blieb ihr eine Antwort schuldig.
"Hey, redest du nicht mehr mit mir?"
Sie stieß ihm den Ellenbogen in die Rippen und grinste. So erhoffte sie sich wenigstens
eine Reaktion. "Nun sag' schon."
"Alles hat sich verändert," meinte Cooper dann mit leiser Stimme.
"Als ... als Shane und die anderen noch da waren, war alles so ....ich weiß nicht.
Halt anders. Jetzt gefällt es mir nicht mehr, bei den Wildcards zu sein."
"Du darfst nicht vergleichen. Es wird nie mehr so sein, das mußt du akzeptieren,
verstehst du?"
Er sah Sam entschlossen an. "Wenn sie wieder bei uns sind"
"Coop. Worum geht es wirklich?"
"Ich weiß nicht mehr, wo ich hingehöre. Ich weiß nicht, wem ich vertrauen
kann."
"Doch, das weißt du ganz genau."
Niemand schien sich für ihr Gespräch zu interessieren, also redete sie weiter. "Was
ist mit Nathan? Habt ihr euch gestritten?"
"Das wurde schon vor langem langweilig dachte sich Hawkes.
"Oder hat es was mit jemand anderem zu tun?"
Cooper lehnte sich gegen einen Felsen, wahrend sein Blick starr auf Sam gerichtet war.
Sag' es einfach. ..
"Ich - ich mache mir Sorgen um Shane," flüsterte er ihr dann zu. In dem Bunker
haben sie ihr was gegeben."
Enttäuscht wandte sich Sam ab. Irgendwie hatte sie gehofft, er würde eine andere Antwort
geben. Aber ihr wurde schnell wieder bewußt, in welcher Situation sie sich befanden.
"Cooper, du mußt diesen Gedanken verdrängen, zumindest während der Einsätze. Ein
Kopf muß frei sein. Ich kann mir nur vorstellen, wie schwer das für dich sein muß, aber
es ist wichtig."
Er hatte es vermasselt. Diesmal sogar richtig. Wie konnte er nur in Sam's Gegenwart immer
von Shane reden? Es ging einfach nicht. Er mußte versuchen, alles zu verdrängen und sich
auf den Auftrag zu konzentrieren.
Auf der Erde.
McQueen hatte die letzten Tage fast ausschließlich mit Megan
verbracht, Sie brachte ihn auf andere Gedanken und zeigte ihm, wie man ein normales Leben
führen kannte. Ein Leben ohne Krieg. Hier unten merkte man nicht viel von den täglichen
Schrecken des Krieges. Es gehörte zum Alltag, dass in den Nachrichten von geringen
Verlusten zu hören war. Es schien, als hatten die Menschen vergessen, in welcher Gefahr
sie sich noch immer befanden. Das regte McQueen sehr auf Nichts hatte sich verändert. Das
tausende Soldaten jeden Tag ihr Leben riskierten, war genauso wichtig wie der nächste
Besuch beim Friseur. Es war erschreckend.
'Ty, möchtest du mal fühlen?" Vorsichtig legte McQueen seine Hand auf Megan's
Bauch. Er spürte, wie sich ihr Kind darin bewegte. Für ihn ein unglaubliches Gefühl.
Dort drin befand sich ein neues Lebewesen, das in einigen Wochen auf die Welt kommen
sollte. Dennoch machte es ihn in gewisser Weise traurig. Er war ein InVitro. Er war
anders. Ganz gleich, was aus ihm geworden war, unterschied er sich von allen Menschen und
er wußte, dass sich das niemals ändern würde. Wie gern wäre er Vater eines Kindes
geworden, aber auch das war ihm vergönnt. Vielleicht hatte er deswegen seine Einheit so
ins Herz geschlossen. Sie waren die einzigen Kinder, die er jemals haben würde.
Da seine Prothese keine Schwierigkeiten mehr machte, hatte ihm der Arzt erlaubt, etwas langer mit Megan spazieren zu gehen. Er genoß diese idyllischen Ausflüge. Alles war so friedlich und Megan's Gegenwart erfüllte ihn mit unglaublicher Freude. Sie hatte erst vor fünf Monaten ihren Mann verloren, bei einer Festnahme. Ihr Mann war Polizist gewesen. Dann war ihr 18jähriger Sohn noch im Kampf verwundet worden. Seine Wirbelsäule war so schwer verletzt, dass er nie wieder in den Krieg ziehen konnte. Darüber wer sie sogar froh, denn sie wollte ihn nicht auch noch verlieren. McQueen mochte den Jungen. Und wenn er ehrlich war, empfand er für Megan weit mehr als das.
Es war bereits dunkel geworden. Der Vollmond leuchtete und keiner
der beiden wußte, wo sie sich befanden, Den Stützpunkt hatten sie weit hinter sich
gelassen und von Wohnhausern fehlte jede Spur. McQueen machte das nichts aus, bis ...
"Oh, nein."
"Was ist?"
Megan war stehengeblieben und hielt sich den Bauch. Sie sah ihn ängstlich an.
"Megan, hast du dich verletzt?"
Er fing an, sich Sorgen zu machen und er hatte auch guten Grund dazu
'Ty," schluchzte sie, wahrend er Megan stützte, "das Baby, es kommt."
Erschrocken riß er die Augen auf
"Das ist unmöglich. Du sagtest, es wäre erst in ..."
"Egal, was ich sagte, es kommt jetzt!" Dann krümmte sie sich zusammen und
stöhnte auf. Sie hatte bereits einen Sohn zur Welt gebracht, weswegen sie wußte, wann es
soweit war. Tyrus sah sich nervös um, doch er sah weder Lichter noch irgendwelche anderen
Anzeichen von Bevölkerung. Sie waren allein, völlig auf sich gestellt.
"Was - was soll ich tun? Ich glaube, ich würde es nicht bis zum Krankenhaus zurück
schaffen. Außerdem kann ich dich nicht allein lassen, oder. ?'
Nach ein paar kräftigen Atemzügen antwortete sie: "Nein, kannst du nicht. So ein
Mist !"
"Wir - wir müssen zumindest eine Scheune oder so finden. Es ... "
'Ty, siehst du ihr etwa eine Scheune?"
"Okay, schon ruhig bleiben."
Es war das erste Mal, dass sich Colonel T. C. McQueen völlig hilflos fühlte. Im Kampf
wußte er immer, was zu tun war, aber hier ... Es würde ein lange Nacht werden.
"Okay, jetzt pressen ! Ich sehe den Kopf. Komm, du schaffst es. Pressen!"
Megan hatte McQueen auf das Wichtigste hingewiesen und ihm versichert, dass es eigentlich
ganz leicht war. Er mußte ja gar nicht so viel tun. Megan hatte die Arbeit und Tyrus
konnte nichts anderers tun, als ihr beizustehen. Moralische Unterstützung nennt man das
wohl, dachte McQueen, Er versuchte sein bestes, einen klaren Kopf zu behalten, doch es war
was anderes, einem Leben auf die Weit zu helfen als Leben zu nehmen. Kurz vor dem
Morgengrauen hatten sie es geschafft.
Als das Weine Wesen anfing zu schreien, starrte er fassungslos auf Mutter und Kind. Er war
einfach nur überwältigt. Er, der InVitro McQueen, war gerade Zeuge eines Wunders
gewesen. Dem Wunder der natürlichen Geburt. Genau wie Megan war er total erschöpft. Er
hatte schon viel erlebt, aber das übertraf einfach alles. Er betrachtete die für ihn
bewundernswerteste Frau mit dem Kind in ihren Armen. Trotz der Anstrengung strahlte sie.
Vorsorglich zog er seinen Pulli aus und legte ihn auf das Baby.
"Ich - wie kann ich dir nur jemals danken, Ty,?"
"Ich muß mich bei dir bedanken. Das werde ich nie vergessen."
Er schluckte ein paar Mal, da er um Fassung rang. Sie lächelte ihm dankbar an.
"Ich glaube, ich habe den richtigen Namen für meinen Sohn gefunden."
Nachdem die Sonne aufgegangen war, vergewisserte sich McQueen, dass es Megan und Tyrus gut ging. Dann machte er sich auf den Weg, um Hilfe zu holen. Der Kleine war zu früh auf die Weit gekommen und es bestand die Gefahr, dass er sich eine Infektion einfangen könnte oder ähnliches. Ein paar Kilometer weiter entdeckte er eine Straße. Als er ein Auto hörte, sprintete er los, ungeachtet seines Beines. Glücklicherweise hielt das Auto an. Die Frau arbeitete zufälligerweise als Krankenschwester in Loxley. McQueen berichtete ihr hastig, was vorgefallen war. Sofort bog sie mit dem Auto ab und ließ sich von McQueen zu der Stelle leiten, wo Megan und Sohn warteten, Sie hatten Glück. Dem Kleinen hatte die ungewöhnliche Geburt nicht geschadet. Er war ein fideler, strammer Junge. Da hatte er ja den passenden Namen.
Lichtiahre von der Erde entfernt:
"Da unten ist etwas. Sieht ihr?" Anderson deutete auf eine Lichtreflektion
im Tal, was sie von der Anhöhe gut beobachten konnten. Plangemäß hatten sie die die
angegebenen Koordinaten erreicht und hielten nun nach einer Öffnung Ausschau. Bis auf
diese Reflektion gab es nichts auffälliges. Also gab Anderson den Befehl, dieser Spur
nachzugehen. "Hawkes ! Masters ! Ihr seid die besten Schützen. Ihr bleibt hier oben
und haltet uns den Rücken frei." "Verstanden, Captain."
Sie suchten sich einen geeigneten Platz und legten sich in Stellung. Das M-590 im Anschlag
fragte sich Sam plötzlich, wie sie wieder wegkommen würden. Wenn sie den Bunker
zerstörten, worden die Chigs auf Menschenjagd gehen und mit einem drei Tage Rückmarsch
hatten sie gute Chancen, die Marines zu erwischen.
"Was soll die Frage? Wenn der Bunker zerstört ist, können wir schneller abgeholt
werden."
"Meinst du?"
Hawkes sah sie an. "Was denkst du denn? Die lassen uns schon nicht zurück."
Das hatte Sam auch gar nicht gemeint. Aber ihr wurde erst jetzt bewußt, dass sie keine
Chance hatten, den Planeten zu verlassen, wenn sie in Schwierigkeiten kommen sollten.
Schweigend beobachteten sie das Tal. Ihre Staffelmitglieder bewegten sich bereits auf ihr
Ziel zu, als Hawkes ein paar Chigs entdeckte. Über Funk warnte er Anderson vor dem Feind.
Sie konnten sich noch gerade so in Sicherheit bringen. Sie hatten Glück, die Chigs hatten
sie nicht gesehen. Was dann geschah, konnten nur Cooper und Sam sehen. Die Chig-Patrouille
stellte sich genau in die Mitte der Reflektion und weg waren sie. Hawkes und Masters sahen
sich verdutzt an.
"Hast du das ..."
"Hawkes, wo sind die Chigs ? Wir können sie von hier unten nicht ausfindig
machen."
"Kein Wunder, Captain. Die sind soeben abgetaucht."
"Könntest du dich gefälligst deutlich ausdrücken?"
"Sie haben sich in dieses Ding gestellt und dann waren sie weg. Diese Reflektion das
ist wohl der Eingang zu dem Bunker."
Sam konnte sich ziemlich gut vorstellen, welchen Ausdruck Anderson auf dem Gesicht hatte.
Doch er reagierte schneller als erwartet.
"Okay. Wir werden es versuchen."
"Und wie?"
"Hawkes, ihr sollt einfach nur die Augen offenhalten."
Coop schnaufte. Er mochte es nicht, wenn man ihn so behandelte. Anderson und der Rest der
Einheit näherten sich der Öffnung, Als sie davorstanden, bemerkten sie ein
elektronisches Summen, Aber sehen konnten sie nichts. West schüttelte den Kopf. "Wir
können nicht hier runter. Wir haben keine Ahnung, was uns dann erwartet."
"Hast du Angst?"
Nathan funkelte Kyle böse an.
"Du denkst doch nicht im Ernst, dass einer von uns in diesen Kreis tritt? Wie
verrückt bist du eigentlich?"
"West, unser Auftrag lautet, diesen Bunker ausfindig zu machen und ihn zu zerstören.
Wenn das der einzige Weg ist, werden wir es tun, verstanden?"
"Wartet," rief Sam aufgeregt in ihr Kom, Ich glaube, ich habe da hinten was
entdeckt."
Cooper wollte Sam zurückhalten, als sie eine Art Tunnelöffnung in einer Felsspalte
erblickt hatte. Doch sie war zu schnell aufgestanden und lief darauf zu.
"Sam, komm zurück! Wir haben den Befehl, unserer Einheit Rückendeckung zu
geben."
"Das schaffst du allein, Coop. Ich muß mir das ansehen."
"Sam!" Nun verließ auch Cooper seine Stellung und rannte ihr nach.
"Verdammt, bleib' stehen! Was denkst du dir eigentlich?"
Er riß Sam herum, die sich jedoch sofort aus seinem Griff befreite.
"Das hier sieht wie ein Eingang aus und der ist besser als der da unten."
"Ach, du machst dir Sorgen? Wieso lässt du sie dann im Stich?"
"Was? Ich lasse niemanden im Stich."
"Da unten ist etwas. Sieht ihr?" Anderson deutete auf eine Lichtreflektion
im Tal, was sie von der Anhöhe gut beobachten konnten. Plangemäß hatten sie die die
angegebenen Koordinaten erreicht und hielten nun nach einer Öffnung Ausschau. Bis auf
diese Reflektion gab es nichts auffälliges. Also gab Anderson den Befehl, dieser Spur
nachzugehen. "Hawkes ! Masters ! Ihr seid die besten Schützen. Ihr bleibt hier oben
und haltet uns den Rücken frei." "Verstanden, Captain."
Sie suchten sich einen geeigneten Platz und legten sich in Stellung. Das M-590 im Anschlag
fragte sich Sam plötzlich, wie sie wieder wegkommen würden. Wenn sie den Bunker
zerstörten, worden die Chigs auf Menschenjagd gehen und mit einem drei Tage Rückmarsch
hatten sie gute Chancen, die Marines zu erwischen.
"Was soll die Frage? Wenn der Bunker zerstört ist, können wir schneller abgeholt
werden."
"Meinst du?"
Hawkes sah sie an. "Was denkst du denn? Die lassen uns schon nicht zurück."
Das hatte Sam auch gar nicht gemeint. Aber ihr wurde erst jetzt bewußt, dass sie keine
Chance hatten, den Planeten zu verlassen, wenn sie in Schwierigkeiten kommen sollten.
Schweigend beobachteten sie das Tal. Ihre Staffelmitglieder bewegten sich bereits auf ihr
Ziel zu, als Hawkes ein paar Chigs entdeckte. Über Funk warnte er Anderson vor dem Feind.
Sie konnten sich noch gerade so in Sicherheit bringen. Sie hatten Glück, die Chigs hatten
sie nicht gesehen. Was dann geschah, konnten nur Cooper und Sam sehen. Die Chig-Patrouille
stellte sich genau in die Mitte der Reflektion und weg waren sie. Hawkes und Masters sahen
sich verdutzt an.
"Hast du das ..."
"Hawkes, wo sind die Chigs ? Wir können sie von hier unten nicht ausfindig
machen."
"Kein Wunder, Captain. Die sind soeben abgetaucht."
"Könntest du dich gefälligst deutlich ausdrücken?"
"Sie haben sich in dieses Ding gestellt und dann waren sie weg. Diese Reflektion das
ist wohl der Eingang zu dem Bunker."
Sam konnte sich ziemlich gut vorstellen, welchen Ausdruck Anderson auf dem Gesicht hatte.
Doch er reagierte schneller als erwartet.
"Okay. Wir werden es versuchen."
"Und wie?"
"Hawkes, ihr sollt einfach nur die Augen offenhalten."
Coop schnaufte. Er mochte es nicht, wenn man ihn so behandelte. Anderson und der Rest der
Einheit näherten sich der Öffnung, Als sie davorstanden, bemerkten sie ein
elektronisches Summen, Aber sehen konnten sie nichts. West schüttelte den Kopf. "Wir
können nicht hier runter. Wir haben keine Ahnung, was uns dann erwartet."
"Hast du Angst?"
Nathan funkelte Kyle böse an.
"Du denkst doch nicht im Ernst, dass einer von uns in diesen Kreis tritt? Wie
verrückt bist du eigentlich?"
"West, unser Auftrag lautet, diesen Bunker ausfindig zu machen und ihn zu zerstören.
Wenn das der einzige Weg ist, werden wir es tun, verstanden?"
"Wartet," rief Sam aufgeregt in ihr Kom, Ich glaube, ich habe da hinten was
entdeckt."
Cooper wollte Sam zurückhalten, als sie eine Art Tunnelöffnung in einer Felsspalte
erblickt hatte. Doch sie war zu schnell aufgestanden und lief darauf zu.
"Sam, komm zurück! Wir haben den Befehl, unserer Einheit Rückendeckung zu
geben."
"Das schaffst du allein, Coop. Ich muß mir das ansehen."
"Sam!" Nun verließ auch Cooper seine Stellung und rannte ihr nach.
"Verdammt, bleib' stehen! Was denkst du dir eigentlich?"
Er riß Sam herum, die sich jedoch sofort aus seinem Griff befreite.
"Das hier sieht wie ein Eingang aus und der ist besser als der da unten."
"Ach, du machst dir Sorgen? Wieso lässt du sie dann im Stich?"
"Was? Ich lasse niemanden im Stich."
"Wenn auf der anderen Seite plötzlich Chigs auftauchen würden, wäre unsere Einheit schutzlos, weil du einen Alleingang unternimmst." "Ich will nur..." Doch Sam begriff und folgte Cooper zu ihrer Stellung zurück. "Habt ihr euch entschieden?" Anderson's Tonfall war alles andere als geduldig. "Captain, Sie sollten raufkommen." Nach einigen Minuten standen sie alle vor der Öffnung im Felsen. Sie konnten keine Anzeichen von Fallen oder Sicherungen feststellen, weshalb sich Sam anbot, als erste hineinzugehen. Sie hatte ihn entdeckt, also war es ihr gutes Recht. "Sei vorsichtig," gab ihr Anderson noch auf den Weg und dann stieg sie hinein.
Die Taschenlampe reichte nicht aus, um den ganzen Gang zu erleuchten. Aber sie konnte wenigstens die nächsten Schritte ohne Überraschung wagen. Nach einigen Metern ging es plötzlich steil bergab. Zuerst dachte sie, sie müsse umkehren, um ein Seil oder etwas ähnliches zu Hilfe zu holen, doch dann sah sie Treppen. Breite, sichere Treppenstufen. Nach kurzer Überlegung zog sie ihre Pistole und stieg diese hinab. Wenn sie an den Aufstieg dachte, kam ihr das Angebot als Freiwillige ziemlich dämlich vor. Dann hörten die Stufen auf. Vor ihr lag ein schmaler Gang, der leicht beleuchtet war. Sie beschloß, ihre Taschenlampe auszuschalten. Langsam und vorsichtig ging sie weiter. Der Gang wurde zunehmend breiter und mündete in einer Tropfsteinhöhle. Sowas hatte Sam noch nie zuvor gesehen. Es war wunderschön hier unten. Nachdem sie sich eine Weile umgesehen hatte, folgte sie einer Art Weg. Das Wasser plätscherte unbeirrt von den Wanden herab und einmal traf es Sam direkt auf die Nasenspitze. Grinsend wischte sie den nassen Fleck ab. Obwohl ihr bewußt war, dass sie sich in einer feindlichen Höhle befand, spürte sie keinerlei Angst und Unbehagen. Im Gegenteil, dieser Ort sprühte nur so von Geborgenheit. Kein Wunder, dass sich die Chigs diese Höhle ausgesucht hatten. Sie verließ den Teil und bog nach links ab. Was sie dort sah, jagte ihr große Angst ein.
"Wir sollten ihr langsam nachgehen, Captain. Sam ist schon 'ne
ganze Weite da unten."
Ausnahmsweise gab Anderson Hawkes recht. Es war eh eine blöde Idee gewesen, sie allein
vorzuschicken.
"Okay. Hawkes, Mitchel, ihr kommt mit. West, du bleibst mit den Neuen hier."
Sie waren gerade dabei, die ersten Stufen herunterzutreten, als ihnen Masters entgegen
kam. Sie war etwas außer Atem, aber sonst unverletzt.
"Leute, ihr werdet es mir nicht glauben, was sich dort unten befindet."
"Was?"
Sie sah Hawkes, dann Anderson und Mitchel an.
"Ich schätze mal, es ist eine Art Labor, wo sie verschiedene Materialien testen. Das
hat auf dem Boden gelegen."
Sam zog aus ihrer Tasche einen Klumpen heraus, der rosa leuchtete. Er sah irgendwie
lebendig aus. Während Hawkes die Augen aufriß, zuckte Anderson zusammen. Das war
dasselbe Erz was Aerotech in der Miene von Kazbek mitgenommen hatte. Auch Cooper kannte
das Material. Er hatte mit McQueen bei der Befreiung seiner Kameraden die Miene gesehen,
in der dieses Erz geborgen wurde. Dass die Chigs damit wieder Versuche anstellten, war
beunruhigend.
"Das ist Sewellkraftstoff. Bist du dir im klaren, wieviel Energie du in der Hand
hältst?" Anderson wollte bereits danach greifen, als Sam es schnell wieder in ihre
Tasche gleiten ließ. Ihr Blick war eindeutig.
"Aber das ist noch nicht alles. Sie haben da unten eine ganze Menge komischer Dinge
rumstehen. Ich weiß nicht, ob es Waffen sind oder Jäger, aber sie alle werden mit diesem
- Kraftstoff versorgt."
"Volltreffer," murmelte Hawkes. "Jetzt wissen wir auch, wieso der Laden so
gut bewacht wird."
"Abgesehen von dem Eingang hier," bemerkte Charly, die anfing, sich unbehaglich
zu fühlen.
"Captain, wie lauten Ihre Befehle?"
Anderson kratzte sich am Kinn. Er war auf vieles vorbereitet gewesen, jedoch nicht auf
das.
"Wir sagen zuerst den anderen Bescheid. Dann fangen wir an, Sprengstoff zu
legen."
"Du willst trotz des Kraftstoffes den Bunker in die Luft jagen? Das wird den ganzen
Planeten zerstören."
"Wenn wir es nicht tun, bleibt es in den Händen der Chigs und du kannst dir sicher
vorstellen, was das bedeutet."
"Wir werden dabei draufgehen."
"Wenn das der Preis dafür ist."
Cooper biß die Zähne zusammen. Es war zu froh. Er konnte noch nicht draufgehen. Shane
brauchte seine Hilfe. Ohne ihn und Nathan würde sie nie lebend aus der Gefangenschaft
herauskommen. Widerstrebend schüttelte er den Kopf.
"Was soll das schon wieder bedeuten?"
Doch Hawkes schwieg und machte sich auf den Weg hinauf.
Oben angekommen, berichtete Sam nochmal von Ihrer Entdeckung. Aber
Anderson's Vorhaben stieß auf wenig Gegenliebe. West schlug vor, die neue Tatsache der
Saratoga weiterzuleiten, damit sie ihnen weitere Anweisungen geben konnten. Doch die
Gefahr war zu groß, dass die Chigs den Funkverkehr mitanhören konnten.
"Dann warten wir, bis der Transporter uns abholt. Danach können wir immer noch
..."
"Was, zum Teufel, ist los mit euch? Ihr seid erfahrene Marines. Unser Auftrag ist
klar definiert. Wo ist also das Problem?"
Hawkes packte Anderson am Kragen und ignorierte West's Aufforderung, diesen Blödsinn zu
lassen.
"Ich habe nicht vor, wegen eines Bunkers draufzugehen. Du bist unser Captain und hast
die Verantwortung übernommen, deine Einheit am Leben zu erhalten, nicht sie in einen
sinnlosen Tod zu schicken. Okay, wir sollen diesen Bunker zerstören. Kein Problem, aber
wir werden einen Weg finden, das zu überleben."
Mit einer raschen Bewegung schüttelte Anderson Hawkes' Hände ab und zog seine Pistole.
Reflexartig riß Nathan sein M -590 hoch und richtete dieses auf Anderson. Die anderen
sahen vollkommen überrascht zu.
"West, du richtest deine Waffe auf einen vorgesetzten Offizier."
"Und du richtest deine auf einen Lieutenant."
Hawkes blickte zwischen Pistole und Anderson hin und her. Er hatte nicht angenommen, dass
Anderson so auf seinen Vorschlag reagieren wurde. Er hätte gern auch seine Waffe gezogen,
doch er war sich nicht sicher, ob Anderson ihn dann erschießen würde. Dieser Kerl benahm
sich nicht gerade wie ein Captain des USMQ dessen war er sich sicher.
"West, nimm das Gewehr runter. Das ist ein Befehl !"
"Erst, wenn der Captain eine vernünftige Erklärung für sein Verhalten gibt."
"Wenn ich Lieutenant Hawkes nicht falsch verstanden habe, will er sich meinem Befehl
widersetzen und hat mich tätlich angegriffen. Ist das nicht so?"
Hawkes schüttelte den Kopf. Das kam ihm alles recht eigenartig vor.
"Captain, ich habe nur gemeint, dass wir uns etwas ausdenken sollen, bevor wir den
halben Planeten in die Luft jagen werden. Es geht hier immerhin um zehn Leben."
Langsam senkte Anderson seinen Arm, gefolgt von einem scharfen Blick
zu West. Auch dieser hatte inzwischen seine Waffe heruntergenommen. Masters atmete
erleichtert aus. Sie konnte nicht verstehen, wie sich die Situation so zuspitzen konnte.
"Okay. Was für Alternativen haben wir ?" fragte Anderson in die Runde. Keine
Antwort.
"Na kommt, Leute. Ihr könnt nicht gegen einen Befehl rebellieren, ohne einen Ersatz
im Ärmel zu haben."
In den nächsten Minuten diskutierten sie über einige Vorschläge, die jedoch schnell
wieder verworfen wurden. Am Ende standen sie vor der Entscheidung, den Bunker zu
zerstören wie sie es vorgehabt hatten oder die Mission abzubrechen und die Entscheidung
anderen zu überlassen. Das bedeutete, dass sie ihren Auftrag nicht erfüllen würden.
Doch das letzte Wort hatte Anderson als ihr Gruppenführer.
"Ihr könnt es drehen wie ihr wollt, aber uns bleibt nur die eine Möglichkeit, Wenn
wir zurückfliegen, werden sie einen Luftangriff anordnen. Aber dieser wird bestimmt nicht
den Bunker zerstören. Dafür liegt er zu tief unter der Erdoberfläche. Und einen zweiten
Trupp aussenden ..." Kyle sah jeden einzelnen erwartungsvoll an, "würde
dasselbe bedeuten wie in unserer Lage im Moment."
"Kyle, wieso willst du unbedingt sterben?"
"Ich will nicht sterben, Charly, aber dieser Bunker ist eine große Gefahr für die
Menschheit. Sam hat mit eigenen Augen gesehen, was dort unten vor sich geht und wir haben
einfach die Pflicht, diesen Beitrag zu leisten."
Wahrend die anderen über seine Worte nachdachten, hatte Hawkes bereits einen Entschluß
gefasst. Seinen Entschluß. Er hatte keine Pflicht gegenüber den Menschen. Er hatte nur
eine Pflicht und die galt seiner Einheit. Wenn sie diesen Bunker sprengen wollten, nur zu,
jedoch ohne ihn. Seine Aufgabe lautete anders. Und er war sich sicher, dass Nathan genauso
dachte. Mit einem Nicken deutete er West an, dass er mit ihm sprechen wollte - allein.
"Ich weiß, was du denkst, Coop, Dir geht es nur um Shane und Vanessa, nicht
wahr?"
Hawkes nickte. Mit leiser Stimme antwortete er: "Sie werden in Gefangenschaft
sterben. Das lass' ich nicht zu."
"Ich - ich habe dich das nie gefragt und vielleicht sollte ich es auch nicht, aber
Shane ..."
"West! Hawkes! Wir haben einen Auftrag zu erfüllen. Diesmal ist es ein Befehl."
Mit hilflosem Blick sahen sich Cooper und Nathan an. Was sollten sie tun?
"Kommen die Lieutenants des berühmten 58sten mit oder lassen sie ihre Einheit im
Stich?""Wie sie es schon mal getan haben" Wollte Anderson zufügen, ließ
es jedoch lieber sein. Er wußte alles über sie. Über jeden kleinsten Auftrag, Aerotech
war diese Staffel ein Dorn im Auge, allen voran West, da dieser seit Beginn des Krieges
einen moralischen Feldzug gegen die Firma führte. Es war Pech gewesen, dass seine
Freundin Celina ihm soviel bedeutete. Man hatte nicht angenommen, dass das ein solches
Problem werden würde. Und nachdem der Chig-Botschafter Feuer ins Öl geworfen hatte,
mußte Aerotech auf Nummer sicher gehen. Deswegen war er geschickt worden. Seine Aufgabe
war es, West und Hawkes unter Kontrolle zu halten und, falls nötig, sie zu eleminieren.
Ahnungslos in bezug auf Anderson gingen Hawkes und West dann doch mit. An erster Stelle waren sie Marines und hatten einen Eid geleistet, ihren vorgesetzten Offizieren zu gehorchen. West brauchte Cooper nur ein Wort zu sagen, dass ihn überzeugte:. McQueen. Sie mußten es für McQueen tun. Es wäre in seinem Sinn gewesen, diesen Bunker zu zerstören. Das leuchtete sogar Cooper ein und so machten sich die zehn Marines an den Abstieg.
Als Masters zum zweiten Mal diese Höhle betrat, kehrte dieses geborgene Gefühl zurück. Hier befand sich etwas, dass unerklärlich schien, denn immerhin war das Feindgebiet. Im Grunde wollte sie den Bunker nicht zerstören. Man konnte diese Sache auch anders angehen, aber Anderson weigerte sich strikt. Ihm war es egal, welche Vorschläge gemacht wurden. Sam hatte nicht vor, hier ihr Leben zu lassen. Während sie das erste Mal in dem Bunker gewesen war, hatte sie diverse Flieger gesichtet und nun hatte sie den Entschluß gefasst, einen der Jäger für ihre Flucht zu benutzen. Da Anderson mit Sicherheit auch dagegen etwas erwidert hatte, wartete sie den richtigen Zeitpunkt ab, um die anderen davon zu unterrichten. Sie selbst hatte noch keins der Alienschiffe geflogen, aber West und Hawkes. Es war ihre einzige Chance, lebend zu entkommen.
Nun standen sie alle vor der Öffnung zu der großen Halle, wie Sam es beschrieben hatte. Sie hatte nicht übertrieben; es war faszinierend. Hier befanden sich Hunderte von Chig-Jägern, die allesamt Ähnlichkeit mit dem "Roten Baron" hatten. Sie alle konnten sich nur zu gut vorstellen, was allein diese Jäger anstellen konnten.
Hier unten befanden sich nicht viele Chigs, aber einige von ihnen,
wenn es Chigs waren; trugen leichtere "Rüstungen". Es wäre auch schwer
vorstellbar gewesen, dass die Chigs Ihre "normalen" Arbeiten in ihren
Kampfrüstungen erledigten- Vorsichtig schlichen die Marines weiter. Es gab genügend
Verstecke, in denen sie unbemerkt ihre Sprengladungen anbringen konnten. Den Zeitzünder
stellten sie auf 1800. Sie hatten also noch über eine Stunde Zeit. bevor hier alles In
die Luft flog. Sam hatte es doppelt eilig. Sie mußte noch einen geeigneten Jäger finden,
welcher sie raus bringen würde. Aber sie hätte weder Hawkes noch West gefragt, bei
welchem der Flieger sie sich auskannten.
"Sam !"
Blitzartig drehte sie den Kopf beiseite und sah Cooper heftig winken. Sie überprüfte
schnell, ob jemand ihn gehört hatte, dann rannte sie geduckt zu ihm. Mit dem Zeigefinger
deutete er auf einige Flugzeuge- Sam erschrak.
"Das sind ja unsere !"
Cooper hielt den Zeigefinger an ihre Lippen, um ihr klarzumachen, dass sie leiser sprechen
sollte.
'Wie haben die welche von uns gekriegt?" fragte sie so leise wie möglich. Doch
Hawkes zuckte mit den Schultern. "Lass' uns den anderen Bescheid sagen." Cooper
wollte gerade zurückgehen; als ihn Sam festhielt.
''Glaubst du - glaubst du, Anderson lässt uns das machen?"
Zuerst wirkte Hawkes überrascht, dann verriet sein Blick jedoch, dass auch er sich nicht
sicher war. Dennoch machte er sich rasch auf dem Weg. Als sie noch 20 Minuten Zeit hatten,
fanden sich alle Marines in der Tropfsteinhöhle ein- Ihre Gesichter sagten alle das
gleiche aus, aber sie blieben tapfer.
"Okay; das wäre erledigt, ich weiß, wie..."
"Captain, Hawkes und ich haben einen Weg gefunden, hier lebend rauszukommen."
Hoffnungsvolle Augen sahen sie an. Mit einem verächtlichen Unterton fragte Anderson, wie
dies aussehen würde.
"Naja, anfangs dachte ich, dass wir einen ihrer Flieger... aber dann entdeckte Coop
einige Transporter und Hammerheads von uns."
Entsetzen machte sich breit. Jeder schien sich dieselbe Frage zu steilen, wie Sam es
bereits getan hatte Außer Anderson. Er blieb wie immer seelenruhig. "Zu verlieren
haben wir ja nichts, oder ?"
Er entsicherte seine Pistole und ging voraus. Eigenartigerweise wußte er genau, wo sie
hin mußten. Aber das fiel in dieser Situation niemandem auf. In der Halle, wo sich
die Flugobjekte befanden; waren keine Chigs in Sicht und so teilte Anderson seine Einheit
auf. Hawkes, Masters, Mitchel, Taylor und Lewis in die Hammerheads, der Rest flog einen
der Transporter. Sie wollten bereits einsteigen, als Nathan etwas einfiel.
"Wartet! Wie kommen wir eigentlich hier raus? Ich sehe keinen Ausgang oder so."
Cooper fluchte leise vor sich hin und hielt wie die anderen nach einer Öffnung Ausschau.
Taylor hatte plötzlich eine Idee.
"In dem Tal konnten wir doch auch nicht sehen, wie diese Chig-Patrouille verschwand.
Vielleicht können wir es nur nicht sehen. Aber es muß hier irgendwo sein."
"Noch 15 Minuten. Es wird eng, Leute."
Am Ende der Halle befand sich eine Art Schalttafel, mit jedoch unidentifizierbaren Zeichen
darauf.
"Könnte es sich dabei nicht um einen Lande- und Startcomputer handeln? Ich meine,
vielleicht wird das alles hier durch solche Computer gesteuert. Wenn wir nur wüßten, was
die Zeichen bedeuten"
Anderson überlegte. Charly war ein kluges Mädchen, aber die Zeichen würde sie nicht
innerhalb der nächsten Minuten entziffern können. Er konnte es, aber damit würde seine
Tarnung auffliegen. Man hatte ihm gesagt, dass dieser Auftrag wahrscheinlich ihr Leben
kosten würde und er hatte es akzeptiert. Es war nunmal sein Job. Doch als Masters und
Hawkes mit der Idee kamen, einen Transporter zu benutzen, hatte sein Überlebenswille
überhand bekommen. Wieso sollte er unnötig sterben? Die Anlage wurde auch so zerstört
werden, und wenn es eine Chance
gab, rechtzeitig von hier wegzukommen, mußte sie ergriffen werden. Er konnte es zumindest
versuchen.
"Okay, lasst mich mal ran. Ich habe bei sowas immer Glück"
Charly schüttelte den Kopf. "Nein, gib mir ein wenig Zeit..."
"Wir haben aber keine Zeit!" Unsanft stieß Anderson Mitchel beiseite und
drückte eine Taste mit den Zeichen für Öffnen. Nun hieß es, sich zu beeilen, da nach
Betätigung des Schalters der Feind auf sie aufmerksam geworden war.
In der Decke wurde dann Licht sichtbar und man konnte den Himmel sehen. Anderson hatte
ihnen eine Möglichkeit gegeben zu entkommen und so rannten die Marines zu ihren
Fluchtflugzeugen. Die Maschinen waren zu ihrem Glück in bestem Zustand. Sie konnten es
wirklich schaffen.
Während Nathan in den Transporter stieg, gingen ihm Unmengen von Fragen durch den Kopf.
Alle beschäftigten sich mit nur einem-, Anderson. Er wurde aus ihm einfach nicht schlau.
Erst wollte er unbedingt diesen Auftrag erfüllen, auch wenn er damit sein Leben aufs
Spiel setzte. Dann war er jedoch der erste gewesen, der nach Masters' Vorschlag mit den
Transportern wieder in den Bunker gerannt war und zu guter Letzt hatte er auch noch genau
die richtige Taste gedrückt. Es war unfassbar, weiches Glück dieser Mensch zu haben
schien. Als er auf die Uhr sah, verdrängte er schnell diese Gedanken und rannte ins
Cockpit, wo Anderson bereits wartete.
"Alle sind heil in die Hammerheads eingestiegen. Es kann also losgehen."
Nathan sah nochmals in die Halte hinaus, wo sich nun eine ganze Menge Chigs aufhielten.
Sie versuchten, die Öffnung zu schließen, doch dazu waren sie einfach zu schnell
gestartet. Der Transporter erreichte gerade noch so die sich schließende Lücke und
Nathan atmete erleichtert aus. Als er zurückblickte, sah man von oben keine Anzeichen
eines Bunkers oder einer solch großen Öffnung, durch die sie gerade geflogen
waren. Entweder hatten die Chigs einen Weg gefunden, ihre Stellungen zu tarnen, indem sie
es für die Menschen als Illusion darstellten oder es ging einfach sehr schnell. Zu
schnell für ein menschliches Auge. Bei den Chigs konnte man nicht wissen, womit man es zu
tun hatte. West erinnerte sich flüchtig an Kylen auf Kazbek oder ihre elektronische
Waffe, mit der sie die innersten Ängste der Menschen hervorrufen konnten. Es gab genug
Beispiele, dass man bei den Chigs mit allem rechnen mußte. Als Nathan wieder aus dem
Cockpit sah, entdeckte er seine Staffel in heftigen Luftkämpfen mit verschiedenen
Chig-Jägern. Aber Anderson steuerte den Transporter sehr geschickt, so dass sie beinah'
sicher aus der Gefahrenzone fliegen konnten.
"58, hier Anderson. Verzieht euch schnellstens von da unten. In 30 Sekunden fliegt
hier alles in die Luft."
Die Hammerheads beschleunigten ungeachtet ihrer Verfolger, so dass sie außer Reichweite
waren, wenn die Sprengladungen hochgingen. Es war wirklich knapp geworden, aber sie
schafften es dennoch. West zahlte in Gedanken mit und hörte dann eine unglaublich laute
Explosion. Ihre Maschinen waren bereits weit genug entfernt, so dass sie der Druckwelle
entkommen waren. Niemand in der Staffel wagte, sich nochmals umzublicken, denn der Anblick
würde alles andere als schön sein. Nach zwei Volltreffern von Hawkes waren sie dann auch
die Verfolger los.
Anderson sah grinsend zu West, der mit geschlossenen Augen in seinen Sitz gesunken war.
"Hey, wir haben es tatsächlich geschafft und das ohne Verluste!"
Nathan öffnete die Augen.
"Wenn du jetzt noch ein Danke willst ..."
"Was ist denn los mit dir ? Wir sind noch am Leben, nur das zählt."
"Ich trau' dir einfach nicht. Das - da war kein Glück."
Anderson umfasste den Steuerknüppel fester, um seine Fassung nicht zu verlieren. Er
mußte jetzt gut aufpassen, was er sagte. "Hör zu, West. Ich bin nicht der, für den
ich mich ausgebe. Ich habe bis vor meiner Verletzung bei einer Spezialeinheit mitgewirkt,
wo wir einige solcher Aufträge zu erledigen hatten. Daher kannte ich das Zeichen für den
Ausgang. Das war nicht der erste Bunker dieser Art. Sie sind auf jedem Planeten die
gleichen."
"Und wieso ist das so geheim?"
"Weil es diese Spezialeinheit offiziell nicht gibt. Meistens kommen die Jungs
nämlich nicht mehr zurück."
Obwohl Nathan nickte, glaubte er Anderson nicht, In den vergangenen Monaten waren zuviele
Ungereimtheiten aufgetaucht, dass es den Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit kaum noch
gab. Und je langer der Krieg dauerte um so verzwickter wurde das alles.
Zurück auf der Saratoga war man überrascht, dass das 58ste ihren Auftrag erfolgreich ausgeführt hatte. Niemand hatte mehr mit ihnen gerechnet, außer Ross. Er empfing seine Staffel am Flugdeck, mit einem Grinsen auf dem Gesicht. Dann verließ er das Deck wieder. Auch Anderson verschwand sofort und tauchte erst Stunden später wieder auf.
Cooper legte sich nach der Dusche enttäuscht in seine Koje. Es war nicht der erste Auftrag gewesen, wo sie nur knapp mit dem Leben davongekommen waren, aber er hatte das Gefühl, dass man sie schon abgeschrieben hatte. Seit dem Einsatz auf Anvil war sein Leben eine ständige Katastrophe geworden. Vorher fühlte er sich trotz des Krieges wohl. Er hatte Freunde gehabt, man hatte ihn akzeptiert, ihn als einen ganz normalen Marine angesehen. Doch jetzt waren die Aufträge so selbstmörderisch geworden. Vielleicht lag es daran, dass er bei Shane immer gewußt hatte, dass sie ihr bestes gab, um alle lebend wieder heimzubringen. Anderson dagegen waren seine Leute egal. Er führte seinen Auftrag aus, koste es, was es wolle, Die Leben waren ihm egal, sein eigenes inbegriffen, und jemand wie er war Captain. Das war etwas, was Hawkes einfach nicht verstehen konnte.
Einige Erdentage später im Bundesstaat Alabama; auf der Erde:
Megan und ihr Sohn Tyrus waren gesund und munter aus dem Krankenhaus
entlassen worden. Wenn Megan Ty besuchte, passte David auf seinen kleinen Bruder auf. Ihm
machte es im Grunde nichts aus, dass sich seine Mum so gut mit McQueen verstand, aber er
wußte nur zu gut, dass man sich während eines Krieges nicht in einen Soldaten verlieben
sollte, Seine Mum hatte gerade erst ihren Mann verloren; noch jemanden zu verlieren,
würde sie nicht so schnell überwinden. Er wußte, dass seine Eltern keine Musterehe
geführt hatten, trotz des Babys. Aber dieser McQueen bedeutete ihr sehr viel.
"Hallo, Colonel." McQueen sah von seinem Buch auf und strahlte Megan an. Er
hatte schon auf sie gewartet.
"Hallo. Wie geht es dem kleinen Sunshine heute?"
"Ach, dem gehts prächtig. Wenn du mal hier raus darfst, mußt du ihn unbedingt
sehen kommen. Er ist ein richtiger Wonneproppen."
"Naja, vielleicht machen sie an Weihnachten eine Ausnahme. Ich ..."
Sein Lächeln erlosch, als ihm voriges Weihnachten in Erinnerung kam, Auf der Saratoga
hatten sie dieses Fest bereits gefeiert und er konnte sich vorstellen, was Hawkes und West
durchgemacht hatten. Megan bemerkte die Stimmungswandlung und zog einen Stuhl näher an
sein Bett heran.
"Du denkst wieder an deine Leute, nicht wahr?" Sie hatte diese Frage gar nicht
zu stellen brauchen, denn er redete oft von seinen "Kids". Er beteuerte zwar
immer wieder, dass er nur ihr Vorgesetzter war, doch Megan wußte, was er wirklich für
sie empfand. Und sie waren auch der Grund, weshalb er unbedingt zurück an die Front
wollte. Mit seiner Verletzung hatte er problemlos eine Stelle hinter einem sicheren
Schreibtisch bekommen, aber er weigerte sich partout. Auch wenn sie das nicht zugeben
wurde, aber das machte ihn um so liebenswerter.
"Ja. Ich mache mir Sorgen um sie".
"Ty, du sagst doch immer, sie sind erwachsene Marines. Du mußt dir um sie keine
Sorgen machen. Sie werden dich nicht enttäuschen."
Behutsam legte sie eine Hand auf die seine. Er lächelte sie dankbar an.
"Das. .. das ist alles sehr- neu für mich. Ich meine, in den 15 Jahren, die ich nun
beim Militär bin, habe ich das noch nie erlebt. Dann die Sache mit dir und dem Baby
..."
"Die Sache?" lachte Megan. "Du hast aber eine interessante Beschreibung
für eine Geburt."
"Weil ich mich in sowas nicht auskenne."
Megan wurde ernst. "Du hast zu lange nur für das Corps gelebt und dabei vergessen,
was leben bedeutet."
"Ich gehöre in das Corps und das wir sich auch niemals ändern."
Sie nickte. "Ich weiß. Ich weiß," meinte sie leise. Es war das erste Mai, dass
sich McQueen in ihrer Gegenwart unbehaglich fühlte.
Weihnachten verbrachte er, wie gewünscht, bei Megan und ihrer Familie. Ihre Geschwister samt Familien waren anwesend und es war ein hoffnungsloses Chaos. Aber McQueen genoß es in vollen Zügen. Als er den Mann ihrer kleinen Schwester kennenlernte, wußte er auch, warum sie alle so tolerant ihm gegenüber waren, Tim war nämlich auch ein InVitro. Sie unterhielten sich lange über die Lage, in der sich InVitros heutzutage befanden und er erfuhr, dass es eine Firma gab, in der sie mehr über sich und mögliche "Verwandte" herausfinden konnten. Tim hatte so schon zwei Brüder gefunden. Doch McQueen war skeptisch. Er hatte es Hawkes mal erklärt, warum er sich nie auf die Suche nach Geschwistern gemacht hatte, aber seitdem er wieder auf der Erde war und mit Megan und ihrer Familie hier feierte, war er sich dessen nicht mehr sicher. Also fragte er Tim nach der Adresse. Er brauchte ja nicht hinzugehen.
Drei Tage später fuhr ihn Megan nach Atlanta/Georgia. Dort war die Firma nämlich ansässig. Vor dem Gebäude bat McQueen, dies alleine erledigen zu können. Megan nickte verständnisvoll und deutete auf ein antikes Restaurant, wo sie essen würden. Mit einem Küßchen auf die Wange verabschiedete er sich von ihr. Vor der Eingangstür blieb er nochmal stehen. Sollte er das wirklich tun? Dann sah er eine junge Frau herauskommen, mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht. Er holte tief Luft und ging hinein.
"So. Hier ist der Computer, wo Sie nur ihre Angaben eintippen
müssen und schon haben Sie eine Familie. Naja, Sie wissen, wie ich das meine."
Der Mann klopfte ihm auf die Schulter und ließ ihn allein. McQueen mißfiel die Art, wie
er ihn behandelt hatte, aber hier war er bloß einer von vielen InVitros, die auf der
Suche waren. Nach einem tiefen Seufzer fing er an zu tippen. Gen-Pol 1 ... Er ballte seine
Hände zu Fäusten und schloß die Augen. Das war seine Chance. Aber eine innere Blockade
behinderte ihn dabei. Stattdessen tippte er eine andere Information ein, und zwar die von
Hawkes. Cooper hatte sich damals sehr schlecht gefühlt, als er die Energie für den
Laderaum abgestellt hatte, wo sich seine ungeborene Schwester befunden hatte. Cooper
brauchte eher eine Familie als er, vor allem jetzt, nach dem Tod der Wildcards. Vielleicht
konnte er Hawkes etwas mitbringen, wenn er wieder zur Saratoge zurückkehrte. Und da fand
er schon
etwas. Cooper Hawkes, Kate Stevens und Jordan Becket. Hawkes hatte
also noch einen Bruder. Sie hatten identische Gene; gleiche Haarfarbe, Augenfarbe und
andere Merkmale- nur war Jordan zwei Jahre später "geboren" worden. McQueen
ließ sich die Daten ausdrucken und schlenderte dann zu dem Restaurant hinüber, wo Megan
gerade eine Portion Spaghetti aß. Lächelnd setzte er sich zu ihr.
"Und? Hast du was gefunden?"
Erwartungsvoll blickte sie ihn an. Während er nickte, nahm er eine Serviette und wischte
damit Megan einen Tomatenklecks aus dem Gesicht.
"Erzähl'. Eine Schwester1 Einen Bruder'?" "Einen kleinen Bruder. Aber
nicht meiner."
Mit hochgezogenen Augenbrauen legte sie das Besteck auf den Teller
"Von wem dann?"
"Hawkes. Ich habe seine Daten eingegeben."
Eigentlich hatte er angenommen, sie würde sich aufregen oder ihn zumindest fragen, wieso
er das getan hatte. Aber sie stand nur auf, nahm sein Gesicht in die Hände und küßte
ihn auf den Mund. Auf der Rückfahrt erzählte McQueen pausenlos über seine Einheit. Zwar
kam das nicht zum ersten Mal vor, aber er wurde von Tag zu Tag persönlicher. Ihm fiel es
schwer, über solche Dinge zu reden; er hatte es bereits seit Jahren nicht mehr getan.
Aber etwas hatte sich verändert. Er hatte sich verändert. Er war froh, diese Erfahrung
gemacht zu haben.
SpaceCarrier U. S. S. Saratoga:
"Hey, Coop, warum sitzt du hier so alleine?"
Er legte seinen CD-Player beiseite, um Sam seine Aufmerksamkeit zu widmen.
"Wieso bist du nicht mit den anderen mitgegangen?"
"Ich war mit, aber ... ich weiß auch nicht. Ich habe nicht dieselbe Wellenlänge wie
sie. Wir sind zu verschieden."
"Das dürfte hier doch kein Problem sein."
Schweigend setzte sie sich auf den Tisch. Es schien, als würde sie darüber nachdenken.
"Meinst du nicht auch?" hakte Cooper nach einer Weile nach.
"Ich finde schon. Charly ist ja okay und du und Nathan auch, aber der Rest ... Robert
scheint noch ein netter Kerl zu sein."
"Kann ich dich mal was fragen?"
"Aber natürlich."
"Dieser Kerl auf dem Foto ist das dein Freund?"
Traurig schüttelte Sam den Kopf. "Nein. Er ist - war ein guter Freund."
"Ist er gestorben?"
Abermals schüttelte sie den Kopf "Es ist kompliziert. Wieso fragst du?"
Cooper schluckte. Nervös spielte er mit seinem Ring herum.
"Warst du schonmal verliebt?"
Erschrocken blickte er auf. Was sollte er denn darauf antworten?'
"Keine Ahnung. Ich weiß nicht, was Verliebtsein bedeutet."
Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie ihn verstand. Er konnte es selbst nicht
erklären, aber Sam schien genau zu wissen, was er meinte.
"Kann ich dir mal was verraten? Ich habe noch nie ... naja, ich hatte noch nie einen
richtigen Freund. Aber jetzt, wo ich jeden Tag sterben könnte, wünschte ich, ich hätte
nicht damit gewartet."
"Damit?" wiederholte Cooper unschuldig. Sie lächelte ihn daraufhin unsicher an.
"Oh Gott, ist mir das peinlich- Ich sitze hier mit einem Kerl, der anscheinend noch
weniger Ahnung davon hat wie ich."
Coopers Blick wurde noch hilfloser.
"Was meinst du mit davon?"
Verwirrt stand sie auf.
"Tut mir leid. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Aber in deiner Gegenwart
... ach, vergiß es einfach."
Nun stand auch Hawkes auf.
"Nein, ich möchte wissen, wie du das alles gemeint hast."
"Es ist sowieso egal. Du ... du bist in Shane verliebt und das macht alles so
schwierig."
"Hey" Er hielt sie am Arm fest und drehte Sam zu sich herum. Mit Tränen in den
Augen sah sie Cooper an.
"Das mit Shane ... das kann ich dir nicht erklären. Aber ich weiß, dass du ... dass
du mich auf eine gewisse Weise ... interessierst. Nein, dass ist das falsche Wort."
"Wenn, wenn ich dich sehe, mit Nathan zum Beispiel, bin ich auf ihn wütend. Oder
wenn du in der Nahe bist, kann ich meinen Blick nicht von dir abwenden. Aber ich weiß
nicht, was das bedeutet."
Er befürchtete, dass sie nach seinem Gestottere anfangen würde zu lachen oder ihn
einfach stehenlassen wurde. Aber nichts dergleichen geschah. Sie sah ihn noch immer an und
diesmal flossen einige Tränen ihre Wangen hinunter.
"Das habe ich nicht gewollt," flüsterte er dann mit gesenktem Kopf in den Raum
hinein. Er fühlte sich schuldig, als ob er was gesagt hatte, dass sie verletzt haben
könnte.
"Ich wollte dir nicht weh tun."
"Das hast du doch gar nicht."
"Und wieso weinst du?"
"Coop, man weint nicht nur aus Schmerz. Manchmal ist man über etwas so ..."
Dann verstummte sie. Ihr Herz pochte wie verrückt, aber sie durfte das nicht zulassen.
Ihr gesunder Menschenverstand riet ihr von so etwas ab. Immerhin befänden sie sich im
Krieg, wo es um das Überleben der Menschheit ging. Da konnte sie doch nicht plötzlich
anfangen, sich zu verlieben. Dann machte sie einen Fehler, sie sah ihm in die Augen.
Dieser verwirrte, naive, unschuldige Blick machte sie total nervös, machte sie
widerstandslos. Sie fing an zu lächeln.
"Bist du jetzt wieder okay?"
Wahrend sie nickte, wischte Cooper mit seinen Daumen die restlichen Tränen aus ihrem
Gesicht.
"Darf - darf ich dich küssen?'
"Coop, man fragt nicht, wenn man die Antwort schon weiß."
Sein Grinsen konnte sie jedoch nicht deuten. Sie merkte, dass er sich nicht ganz sicher
war, was er nun zu tun hatte. Also stellte sie sich auf die Zehenspitzen und drückte ihm
sanft ihre Lippen auf die seinen.
"Nathan, lass' sie doch. Wenn die beiden doch nicht
wollen."
Charly versuchte, Nathan davon abzuhalten, Cooper und Sam zu holen. Aber Nathan sah das
anders.
"Er soll sich zusammenreißen, Es hilft ihm gar nichts, wenn er sich im Quartier
verkriecht. "
Dann öffnete er die Tür. Beim Anblick der beiden mußte er unwillkürlich grinsen. Er
konnte sich Hawkes in so ziemlich allen Situationen vorstellen, aber nicht mit sowas.
Okay, er hatte Cooper auf der Bacchus zu dieser Suzie "verholfen", aber mit Sam
war es etwas anderes. Als Charly bemerkte, dass sie stören, zog sie Nathan wieder heraus.
"Hey ..." protestierte er kleinlaut, Aber ihr warnender Blick ließ ihn
schweigen.
Glen Ross hatte in den letzten Tagen über viele Dinge nachgedacht. Aber am meisten hatte ihn beschäftigt, wie er die Sache mit Vansen und ihrer Staffel klären konnte. West und Hawkes hatten ihm berichtet, dass sie Vansen lebend gesehen hatten, und zwar in einer Anlage, die Aerotech errichtet hatte. Er war sich sicher, das& sie das nicht allein geschafft haften. Am meisten ärgerte er sich jedoch über die Tatsache, dass man seinem Carrier Verpflegung abgezapft hatte. Es mußte Leute im Militar geben, die Aerotech unterstützten und das war beängstigend. Er gehörte zu diesem Militär und er war trotz einiger Entscheidungen immer stolz darauf gewesen. Aus dieser Anlage jemanden zu befreien, sollte mehr als nur schwierig sein, aber Hawkes und West würden es dennoch tun. Und das auch ohne seine Hilfe. Er hatte den Entschluß gefasst, ihnen zu helfen. Er würde seine Beziehungen spielen lassen müssen und denn wurde es endlich Zeit, diese ganzen Lügen aufzudecken.
Am nächsten Tag beorderte Ross West und Hawkes zu sich. Er wollte
ihnen mitteilen, wie er sich in bezug auf die Aerotech-Anlage entschieden hatte.
"Ich habe heute morgen eine Order erhalten, wo weitere Mittel für 2063 angefordert
wurden, Sie werden diese überbringen. Um die eigentliche Besatzung werde ich mich
kümmern. Der Rest Ihrer Einheit wird ..."
"Sir," unterbrach West, "darf ich offen sprechen?"
Ross nickte.
"Ich habe die Vermutung, dass Captain Anderson nicht ganz ehrlich ist, was seine
Loyalität gegenüber dem Marine Corps betrifft."
"Ich hoffe, Sie haben dafür Beweise, Lieutenant? Solche Anschuldigungen sind
schwerwiegend, wie Sie hoffentlich wissen."
"Ja, sir. Und nein, ich habe keine Beweise. Nur ein Gefühl."
Mit zusammengepressten Zähnen setzte sich Ross.
"Lieutenant, dieser Krieg wird nicht durch Gefühle entschieden. Ich mag auch hin und
wieder ein schlechtes Gefühl haben, aber wir können es uns nicht erlauben, jeden
aufgrund eines Gefühls zu verurteilen."
"Das tue ich nicht, sir. Aber Captain Anderson hat nicht nur einmal durch sein
Verhaften das Mißtrauen erweckt. Wir haben akzeptiert, dass er unser Captain ist, aber
wenn es um die Wildcards geht ..."
Ross wußte nicht, wieso, aber er kam ihnen auch in diesem Punkt entgegen.
"Und was schlagen Sie vor,
Lieutenant?"
"Sir, bei dieser Sache geht es nur um uns. Keiner der anderen sollte da mit
reingezogen werden. Das ist etwas, was nur..."
"... die Wildcards angeht, habe verstanden." Ross fühlte sich plötzlich sehr
müde. Der Krieg war eine Last an sich, aber diese Sache mit Aerotech war schlimmer als
der Krieg. Denn es waren Menschen, die das Leben von anderen Menschen riskierten, nur um
ihren eigenen Vorteil zu sichern. Wieso sollte Aerotech auch Frieden wollen? Falls die
Menschen einen Weg finden würden, sich mit den Chigs zu einigen und vielleicht sogar
friedlich miteinander leben könnten, würde Aerotech früher oder später Verluste
machen. Denn die Technik der Chigs war der von Aerotech weit überlegen. Die Firma würde
überflüssig werden und das versuchten sie mit allen Mitteln zu verhindern.
"Hawkes und ich sollten alleine fliegen."
Entschlossen schüttelte der Commodore den Kopf. "Auf keinen Fall. Das geht zu weit
und außerdem ist es auch gar nicht möglich. Diese... Mitarbeiter.. erwarten mehr als nur
zwei Piloten. Und wie wollen Sie überhaupt an Vansen herantreten, wenn Sie die einzigen
sind, die da auftauchen ?"
West nickte. Daran hatte er gar nicht gedacht. Jemand mußte die Aerotech-Leute ablenken,
damit er und Hawkes Shane suchen konnten. Aber wem konnten sie so sehr vertrauen? Ein
Blick zu Cooper genügte, um wenigstens Ross einen Namen nennen zu können.
"Okay. Masters und Mitchel. Bei den anderen..."
"West, dass reicht nicht."
"Sir, dass hier ist wichtig. Wir werden niemanden mitnehmen, dem wir nicht
vertrauen."
"Und ich nahm an, Sie würden keinem vertrauen?" Anscheinend hat McQueen ihm
sehr viel erzählt, dachte West. Nun mischte sich auch Hawkes ein, der bisher zu dem
ganzen geschwiegen hatte.
"Wieso schicken Sie nicht eine Staffel, die keine Ahnung hat von uns? West und ich
verstecken uns im Transporter. Wir müssen uns halt in Acht nehmen und uns beeilen."
Es schien nicht die sicherste und vor allem nicht die logischste Art zu sein, wie sie es
angehen mußten, aber Ross war einverstanden. Irgendwie würden Hawkes und West es schon
schaffen.
Cooper saß mit Nathan in einer Ecke des Transporters und wartete auf die von Ross ausgesuchte Besatzung. Er wußte selbst, dass es eine blöde Idee war, aber ihm war nichts besseres eingefallen. Das einzige, was zählte, war das Leben von Shane und Vanessa, falls sie auch noch lebte. Davon war Cooper jedoch überzeugt. Eine Ewigkeit später ging es endlich los. Während dem Flug spürte Hawkes den enormen Adrenalinstoß, den er jedes Mal vor einem Einsatz hatte. Diesmal kam aber noch die Vorfreude hinzu. Er und Nathan hatten es in der Hand, eine Karte der Wildcards zurückzuholen. Vielleicht sogar zwei.
Der Transporter landete. Wieder stiegen drei Aerotech-Mitarbeiter ein und sie fuhren ein zweites Mal in die Tiefe. Dann stoppte er endgültig. Hawkes und West warteten kurz, bevor sie ihre Köpfe vorsichtig in die Höhe reckten. Der Transporter war leer. Die Marines waren zu sehr mit dem Ausladen beschäftigt,-dass sie West und Hawkes bei deren Ausstieg nicht bemerkten. Doch Nathan kamen die Gesichter der Einheit bekannt vor. Ross hatte es wohl für klüger gehalten, die eigentliche Mannschaft einzusetzen und West stimmte damit überein. Sie wußten ja nicht, wie die auf andere Marines reagiert hätten. Vielleicht gehörten die sogar zu Aerotech. Bei Andersen zog er es ja auch in Erwägung. Hawkes ging einige Schritte vor ihm, seine Waffe in der rechten Hand. Nathan war deswegen ein wenig eunruhigt, denn er kannte Cooper, Er hatte einen lockeren Finger am Abzug. Dieses Mal hatten sie den Gang am anderen Ende der Halle genommen. Zu ihrem Glück befanden sich hier keine Arbeiter von Aerotech. Der Gang war leer und er führte in eine größere Halle. Dort standen noch einige Armee-Transporter; einer davon war im Begriff zu starten. Und dann ging es schnell.
Cooper hatte sich gerade gefragt, wo Aerotech die ganzen Militärtransporter her hatte. Sein Blick fiel auf zwei Männer, die an einer Tor standen und anscheinend auf etwas warteten. Nathan hatte sie auch bemerkt, da er im selben Moment in die Hocke ging wie er. Er sah Nathan fragend an, in der Hoffnung, dass sein Kumpel eine Idee hafte. Doch Nathan zuckte nur mit den Schultern. Dann glitt die Tür auf. Die zwei Männer drehten sich um und halfen zwei anderen, eine sich wehrende Person festzuhalten. Diese Person war Shane Vansen. Als Cooper sie erkannt hatte, sprang er ruckartig auf und rief ihren Namen. "Coop? Coop, verschwinde von hier! Schnell !" Shane trat einen der Männer in den Unterleib und hoffte, dass Cooper ihre Anweisung befolgen wurde. Was er jedoch nicht tat, Nun konnte sie auch Nathan sehen, der versuchte, Hawkes etwas zu erklären. Was das war, bekam sie nicht mit, aber seine Antwort war laut genug. "Nein. Ich lasse sie kein zweites Mal im Stich !" Er riß sich aus Nathan's Griff los und rannte auf sie zu. Die Männer zerrten sie ungeachtet weiter. Wahrscheinlich warteten sie nur darauf, dass Hawkes oder West auf sie zukamen. Cooper richtete seine Waffe auf einen der Männer und drückte ab. Im selben Augenblick schoß jemand aus einer anderen Richtung auf Hawkes. Entsetzt riß Shane die Augen auf. "Nein !" Auch Nathan kam zu spät. Er erschoß zwar den Schützen, aber in der Halle befänden sich nun ein Dutzend Aerotech-Leute und ein Geschoß traf auch Nathan. Shane's Widerstand war sofort erloschen, als sie ihre beiden Freunde blutend am Boden liegen sah. Tränen des Schmerzes rannten ihr über das Gesicht und sie fühlte sich wie gelähmt, unfähig, sich zu bewegen. Die vergangenen Tage hatte sie nur überlebt, indem sie an ihre Wildcards gedacht hatte. Ihre Jungs... In der Sekunde hörte sie Vanessa. Sie schrie Coopers und Nathan's Namen, dann eine nicht jugendfreie Beschimpfung. Und sie weinte. Als Vanessa in den Transporter geschubst wurde, trafen sich ihre Blicke. Shane wollte zu ihr, sie in den Arm nehmen, aber jemand hielt sie mit eisenhartem Griff zurück. Shane war außer sich vor Wut. Das war das letzte, was sie noch mitbekam.
"Lieutenant Hawkes, können Sie mich hören?" Der Militärarzt der Saratoga stand zusammen mit Commodore Ross und Lieutenant Masters am Krankenbett von Cooper Hawkes. Nur mühsam öffnete dieser seine Augen. Schemenhaft konnte er ein paar Leute erkennen, die um ihn herum standen. "Lieutenant Hawkes, hören Sie mich?" Es folgte ein schwaches Nicken. Der Commodore atmete erleichtert aus. Gestern war bereits West aus der Bewußtlosigkeit erwacht, hatte sich jedoch nicht an die Ereignisse der vergangenen Tage erinnern können. Nun hoffte er von Hawkes ein wenig mehr Klarheit in diese Angelegenheit zu bringen. Der Doc hatte Ross versichert, dass Hawkes es auf jeden Fall überleben würde. Seine Schußverletzung war zwar gefährlich gewesen, aber die akute Gefahr war gebannt worden. Er war heilfroh darüber. Denn McQueen zu erzählen, dass der Rest der Wildcards nun ebenfalls tot war, wäre die Hölle gewesen und zugegeben, es hätte ihn auch menschlich getroffen.
Einige Stunden später besuchte Nathan Cooper in seinem Zimmer. Er selbst hatte die Erlaubnis des Arztes bekommen, in ihrem Quartier zu übernachten. Trotz allem. "Hey, Coop, siehst gut aus, Junge." Hawkes verdrehte die Augen.
Ich habe mich noch nie so schlecht gefühlt. Was ist eigentlich
passiert?"
Nathan runzelte die Stirn. Er hatte gehofft, das von Cooper zu erfahren.
"Du ... du weißt nicht ..."
Cooper schüttelte den Kopf. "Totaler Blackout. Ich kann mich noch an Weihnachten
erinnern und einige Einsätze danach, aber das wars auch schon. Ross sagte, dass as
bereits über zwei Wochen zurückliegt."
Nathan schluckte. Ihm ging es nicht anders.
"Da stimmt was nicht. Uns beiden fehlt die Erinnerung an zwei Wochen. Wieso?"
"Hat Ross nichts gesagt?"
"Er will damit warten, bis wir wieder okay sind.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht fuhr sich Cooper über die Einschußstelle. Das Geschoß
hatte nur knapp seinen Magen verfehlt.
"Weißt du wenigstens, wo wir uns die Verletzungen zugezogen haben?"
"Auch das will er uns erst sagen. Verdammt ... ich könnte schwören, dass wir etwas
sehr wichtiges verloren haben."
Ross schonte seine Männer noch für einige Tage. Er hatte ihnen alles erzählt, was er wußte. Vor drei Tagen waren sie aufgebrochen, um Vansen aus der AerotechAnlage zu befreien. Die Transporter-Mannschaft hatte ausgesagt, dass sie in einen Chig-Hinterhalt gekommen waren, wobei Hawkes und West angeschossen wurden. Als Ross sie deswegen selbst noch mal befragen wollte, waren alle von ihrem Einsatz nicht mehr zurückgekehrt. Das hieß, dass sie mit leeren Händen dastanden. Denn ihre Erinnerungen kamen einfach nicht zurück. Für den Arzt unerklärlich. Das einzige, was er vermuten konnte, war ein Eingriff in das Gedächtnis, aber in so kurzer Zeit konnte niemand einen so präzisen Eingriff vornehmen, Es war sowieso unmöglich, da keine Anzeichen von etwas derartigem vorhanden waren. Für Nathan war das besonders schwer. Immerhin hafte er bereits Teile seines Langzeitgedächtnisses verloren. Er konnte sich anstrengen wie er wollte, nicht die kleinste Erinnerung kam wieder. Absolute Leere ...nichts aus den letzten zwei Wochen wollte ihm wieder in den Sinn kommen. Aber es gab noch einen Leidtragenden: Sam, Cooper hatte auch die Annäherung zwischen ihm und Sam vergessen. Sie hielt es für das beste, es auch dabei zu belassen. Es würde vieles vereinfachen, so wie sie es gewollt hatte.
Auf der Erde:
T. C. McQueen hatte so eben von seinem Arzt erfahren, dass er in einer Woche auf die Saratoga zurückfliegen konnte. Er konnte es kaum noch erwarten, aber irgendwie tat es ihm auch leid, Megan bereits jetzt schon verlassen zu müssen. Vielleicht dachte sie immer noch, dass er es sich anders überlegen würde. Aber für ihn war das nie eine Frage gewesen
Nachdenklich ging er auf sein Zimmer. Ross hatte ihm mitteilen lassen, dass Hawkes und West bei einem Einsatz verwundet worden waren, aber es sollte ihnen mittlerweile wieder gut gehen, Der Commodore hatte ihm eine Überraschung versprochen ... worum es dabei ging, hatte er verschwiegen. McQueen war nicht neugierig, doch es mußte etwas besonderers sein, sonst hätte Ross es nicht erwähnt. Als er dann auf seinem Bett saß und das Buch, das er gerade las, in die Hand nahm, fiel ein Zettel hinaus. Es war der Ausdruck des Computers über Hawkes' Bruder. Anfangs wollte McQueen Cooper nur sagen, dass er zufällig auf seinen Bruder gestoßen war, aber jetzt hatte er vor, ihn zu suchen. Er wußte, dass Jordan in Florida geboren worden war und wahrscheinlich würde er ihn dort auch finden. Dann schüttelte er den Kopf. Es wäre gar nicht gut, wenn Cooper von seinem Bruder erfahren würde, zumindest nicht vor Ende des Krieges. Es würde ihn nur verrückt machen. Entschlossen legte er den Zettel in eine Schublade. Doch kaum hatte er angefangen, in dem Buch zu lesen, zweifelte er daran. So, wie er Cooper kannte, wäre es sogar ein Motivationsschub für ihn. Noch immer unsicher, aber weniger abgeneigt, öffnete Ty die Schublade und sah den Zettel in seiner Hand lange an.
"Du willst wohin?" Megan glaubte ihren Ohren nicht, als
sie von Tyrus' Vorhaben erfuhr. Sie kannte ihn wirklich nicht sehr gut, dennoch war das
nicht typisch für ihn. In den Wochen, die sie ihn jetzt kannte, hatte er sich verändert.
Zu seinem Vorteil, wie sie fand.
"Nach Florida. Ich werde Jordan Becket finden."
"Und was sagt dein Arzt dazu?"
"Megan, ich dachte, du werdest mich in meinem Vorhaben unterstützen? Als ich die das
mit Coopers Bruder sagte, warst du doch begeistert oder etwa nicht?"
Megan stand auf und ging zum Fenster.
"Das bin ich immer noch. Aber ich hafte dich lieber hier bei mir."
Ty gestattete sich ein erfreutes Grinsen. Es tat ihm gut, solche Dinge zu hören, auch
wenn es seine Entscheidung, zurückzukehren, nicht vereinfachte.
"Möchtest du nicht mitkommen?"
"Das würde ich wirklich sehr gerne und das weißt du. Aber ..."
Mit einem traurigen Gesicht wandte sie sich ihm zu. "Ich kann nicht. Mein Baby
braucht mich hier, Das müßtest du verstehen oder ?!"
Tyrus seufzte. Natürlich tat er das, wenn auch ungern. Er hatte sie wirklich gern
dabeigehabt.
Ich verspreche dir, dass ich mich beeilen werde. Dann ..."
"Dann was?"
'Dann werden wir noch einige Zeit vor meiner Abreise verbringen können', dachte er, ließ
es jedoch unausgesprochen. Er wurde noch warten, auf den richtigen Zeitpunkt. Obwohl es
diesen gar nicht gab.
Auf der Saratoga:
"Dazu noch Fragen?" Als sich niemand meldete,
verabschiedete sich Ross vom 58sten und verließ den Raum, gefolgt von Hawkes und West,
die ihn unter sechs Augen sprechen wollten.
"Was gibt's, Lieutenants?"
"Sir, haben Sie was neues von Colonel McQueen gehört?"
Ross nickte Hawkes zu. Das hatte er fast vergessen, ihnen zu sagen. "Colonel McQueen
macht hervorragende Fortschritte. Er verträgt die Prothese an seinem Bein und wird
voraussichtlich in zwei Wochen wieder an Bord sein."
Cooper grinste. Nathan hatte mit seiner Unkraut-Theorie anscheinend recht gehabt.
"Das ist schon zu hören. Das Corps ist alles, was er hat."
Wenn Nathan gewußt hätte, womit sich sein Colonel die Zeit vertrieb ...
"Ich weiß. Er wird sich freuen, dass es Ihnen beiden gut geht."
"Weiß er ... von Vansen und ... dem allen?"
"Nein- Ich hielt es für besser, ihn in Ruhe genesen zu lassen."
In diesem Moment dachten alle drei das gleiche: Das McQueen ihnen fehlte. Für Glen Ross
war er ein guter Freund geworden. Es gab nicht viele Menschen hier draußen im Weltall,
die er als Freunde bezeichnete, aber McQueen gehörte sicher dazu. Und für Cooper und
Nathan hatte der Colonel einen moralischen, seelischen Halt in Form eines Vaterersatzes
angenommen, wenn auch eher unfreiwillig. Sie hatten die Grenze zwischen Colonel und
Lieutenant bzw. Captain nie überschritten, aber es gab ein ganz besonderes Band zwischen
ihnen. Ohne McQueen fühlten sich Nathan und Cooper in gewisser Weise hilflos. Ihr Colonel
war immer für sie da gewesen- hatte ihnen mit harten, aber immer berechtigten Worten den
Weg gewiesen. Auch ihm war es zu verdanken, dass aus den unerfahrenen Anfängern eine
selbstsichere, schlagkräftige Truppe geworden war. Die beste in diesem Krieg und nur mit
McQueen würde aus ihnen wieder das werden, was sie gewesen waren. Denn er gehörte zu
ihnen wie jeder der fünf auch.
"Sir, er muß es erfahren. Vielleicht" Hawkes sprach seine Befürchtung nicht
aus. Er wollte sagen, dass McQueen vielleicht nicht zurückkehren würde, da seine Staffel
nun nicht mehr existierte. West und er waren nur Überbleibsel einer schmerzhaften
Erinnerung. Was sollte ihn also veranlassen, wieder in den Krieg zu ziehen? Ja, McQueen
hatte ihm den Grund einmal genannt, aber mit jeder Verletzung mehr konnte er für alle
InVitros weniger tun und nur wegen ihm und Nathan würde er sicher nicht zurückkommen.
"Hawkes, so schwer es ihnen auch fällt, aber hören Sie auf, sich über diese Dinge
den Kopf zu zerbrechen. Sie haben einen Einsatz, nur das ist wichtig. Verstanden?"
Widerwillig nickte Cooper, Ihm war bewußt, dass er sich zuviele Gedenken machte. Aber was
solle er sonst tun? Außer Nathan war ja niemand mehr da, dem er vertraute. Bevor Ross
sich umdrehte, schüttelte er nochmals den Kopf.
"Ihr Wildcards, ihr seid schon eine eigenartige Truppe. Aber meine Bewunderung haben
Sie." Mit diesem Kompliment ließ er die beiden stehen.
Das 58ste hatte zwei Aufklärungsflüge, die sie nahe an Chig-Stützpunkte heranbringen
würde. Schon nach wenigen Minuten trafen sie auf Jäger.
"Ausscheren! Sofort! " Anderson's Stimme klang gefasst, beinah' ruhig, wenn man
bedachte, dass hinter ihm eine ganze Reihe Chigs waren. Entweder war er so arrogant zu
glauben, ihm könne nichts passieren oder es war ihm schlichtweg egal.
Selbst Anderson wußte nicht immer, was der Wahrheit entsprach. Es waren zuviele Dinge
geschehen, die er noch nicht verarbeitet hatte, so dass er die ganze Wut noch in sich drin
trug. Vielleicht war es schon zu spät, um mit der Vergangenheit Frieden zu schließen. Er
würde nicht aufhören können, bis auch der letzte Chig vernichtet war. Genau deswegen
hatte Aerotech ihn ins Militär geschleust. Damit er, zumindest was das 58ste anging,
sicherstellte, dass sie keinen Ärger machen würden. Doch seit er bei ihnen war, war er
sich über eines sicher, West und Hawkes hatten noch eine Rechnung mit den Chigs offen. Er
glaubte nicht, dass sie dem Vorhaben von Aerotech im Weg stehen worden, Zumindest solange
nicht, bis sie herausfinden würden, dass ihre Staffel noch nicht tot war. Irgendwie
hatten es Hawkes und West doch herausgefunden, aber man hatte ihm mitgeteilt, dass dieses
Problem gelöst worden war. Aerotech hatte ihnen die Erinnerung der Letzten zwei Wochen
genommen. Seine Aufgabe war nun, besser auf sie aufzupassen, damit sowas nicht noch einmal
nötig war. Aber auch wenn sie ihre Erinnerung wiedererlangen sollten, würde es ihnen
nichts nützen, da man Vansen und Damphousse an einen anderen Ort gebracht hatte. Und von
Wang ...
"Mayday, ich bin getroffen. Wiederhole, ich bin getroffen !"
"Wie schlimm, West?"
"Ah, ich ... ich muß auf dem Planeten notlanden. Beginne Landeanflug. Falls das die
Kiste überhaupt noch schafft."
Andersond runzelte die Stirn. Der Planet Teriton war heiß; die Chigs beherrschten ihn. Er
war sehr klein, dschungelartig und somit gefährlich. West würde alleine nicht lange
überleben, Das dachte wohl auch Hawkes.
"Ich gehe mit West runter. Captain, habe ich Ihre Erlaubnis?"
Anderson schloß die Augen.
"Als ob das Ihren Entschluß ändern würde."
Hawkes drehte ab und nahm Wests Verfolgung auf Der Rest der Einheit hatte inzwischen alle
Chig-Jäger abgeschossen und warteten auf weitere Befehle.
"In Ordnung. Wir fliegen zurück. Viel Glück."
Hawkes machte sich große Sorgen um Nathan. Sein Hammerhead war stark beschädigt und eine
Landung auf dem Planeten schien keine einfache Sache zu werden. Aber er wußte, dass
Nathan ein großartiger Pilot war. Also machte er sich lieber Sorgen um seine eigene
Landung. Nathan hatte bereits einen geeigneten Landeplatz gefunden und Cooper hielt es
für das beste, wenn er nicht allzu weit davon runter ging. Falls West Hilfe benötigen
wurde, Von Chigs war keine Spur zu sehen, also ging auch Cooper runter. Er deckte gerade
seinen Flieger mit dem Tarnnetz zu als er Geräusche hinter sich hörte. Ruckartig drehte
er sich um.
"Coop, ich bin's. Nathan. Was willst du hier?"
"Was ich hier will?" wiederholte Hawkes ungläubig. Ich bin hier, um deinen
Arsch zu retten."
Die beiden grinsten. Sie wußten, was der andere dachte. Und das war bei ihrer
Vergangenheit ein Wunder.
"Was machen wir jetzt? Sollen wir warten bis ein Transporter nach uns geschickt
wird?"
Nathan meinte achselzuckend, dass er keine Ahnung hatte. Mit einem tiefen Seufzer setzte
er sich auf den Boden. Cooper tat es ihm gleich.
"Mir kommt das alles so unwirklich vor, Dir nicht auch?"
Nathan sah Cooper bei seiner Frage nicht an. Sein Blick war in den Himmel gerichtet. Er
dachte an Kylen, aber im Gegensatz zu früher spürte er nicht mehr ihre Nähe. Es war,
als ob sie die vergangenen 19 Monate gelebt hatte und er sich nun nicht mehr sicher sein
könnte, dass sie noch lebte. Es war ein eigenartiges Gefühl, welches er sich nicht
erklären konnte. Als Cooper nicht antwortete, sah er ihn an. Sein Kumpel hielt den
Fotoklipp in der Hand, wie er damals und betrachtete ihn. Dieses Bild schien Nathan noch
unrealer.
"Coop?" Dann endlich sah Cooper auf.
"Seit Shane, Fus und Paul nicht mehr bei uns sind, kommt mir alles wie in einem Traum
vor, Ich bin nicht mehr ich, du bist nicht mehr du- nichts. Ich dachte, dass läge an
mir."
"Was, was glaubst, was uns in dieser Anlage passiert ist? An die Anlage tust du dich
noch erinnern, oder?'
Hawkes nickte. Das erste Mal, wo sie die Aerotech-Anlage betreten hatten, war noch in
seinem Gedächtnis. Vielleicht hatte man ihnen das nicht nehmen können oder sie wußten
einfach nicht, dass es dieses Betreten gegeben hatte. Die Wahrheit über das alles würden
sie wahrscheinlich nie erfahren.
"Vielleicht haben wir Shane und Vanessa befreien können und sie haben uns erwischt.
Verdammt, wenn ich mich doch bloß erinnern könnte," Cooper griff nach einem Stein
und schleuderte ihn wen von sich weg. Es gab ein Rascheln als der Stein in den Bäumen
verlorenging und ein komisches Geräusch. Es hörte sich an, als ob ein Tier getroffen
worden war. Ganz plötzlich ertönte ein lauter Schrei, Nicht der eines Menschen, aber ein
schrecklicher Laut. Nathan und Cooper fuhren zusammen und Cooper sah seinen Freund
grinsend an. "Oops"
Nun lachte auch West.
"Du bist furchtbar, weißt du das?'
"Ja, ihr sagt es mir doch oft genug. Habt es gesagt," verbesserte er sich.
"Bin ... bin ich wirklich so schlimm, West?"
Mit hochgezogenen Augenbrauen tat Nathan so als würde er darüber nachdenken. Er
entschied, ehrlich zu sein. "Du hast dich verändert, Coop. Für einen 7 jährigen
bist du aber ganz in Ordnung." Cooper verdrehte die Augen.
"Ich meine das ernst."
"Ich weiß. Manchmal sagst oder tust du Dinge, die nicht okay sind, aber das ist
normal. Warum machst du dir Gedanken über sowas?"
"Weil ich das Gefühl habe, dass ich alles falsch mache. Ich seh' dich an und du
machst alles richtig. Und..."
"Hey, warte mal. Wer sagt denn, dass ich alles richtig mache? Du hättest ..."
Nathan stockte.
"Ich hätte was?"
"Du hättest sie nicht im Stich gelassen."
Cooper kreuzte seine Beine. "Ja. Ich wäre ihnen nachgeflogen und wir wären jetzt
alle tot."
"Nein. Es wäre zumindest anders verlaufen. Wir würden auf jeden Fall nicht mit
neuen Marines unsere Einsätze fliegen und so tun, als wäre es in Ordnung."
Cooper wollte Nathan sagen, dass er sich keine Vorwürfe machen sollte, aber aus
irgendeinem Grund dachte er, dass das bereits geschehen war. Er hatte West das schon mal
gesagt. Daran konnte er sich schwach erinnern. Nein, daran konnte er sich ganz genau
erinnern, Oder bildete er sich das nur ein?
"Ich habe Hunger. Willst du auch was?"
Nathan schüttelte den Kopf. Ihm war nicht nach Essen zumute. Er wollte andere Sachen. Er
wollte endlich die Verantwortlichen von Aerotech stellen, die an dem Krieg schuld waren.
Nicht die Chigs. Sie hatten ihm zwar wichtige Menschen genommen, aber ohne Aerotech wäre
es nie soweit gekommen. Während Cooper die Umgebung absuchte, erinnerte er sich an alles,
was man ihm genommen hatte:
Seinen Traum, Kylen, einen Teil seines Gedächtnisses, Freunde, Neil, seine Einheit,
wieder ein Stück seiner Erinnerung, seine Unschuld und bald würde auch sein Glaube daran
zerbrechen. Außer seinem eigenen Leben besaß er nichts mehr; auch Kylen hatte er
verloren. Seine Stimmung wurde immer trüber, was natürlich auch Cooper bemerkte. Doch
Hawkes hatte von sowas nicht die geringste Ahnung, weswegen er Nathan in Ruhe ließ.
Stattdessen durchforschte er das Gestrüpp und suchte nach der Quelle des eigenartigen
Lautes, nachdem er den Stein geworfen hatte. Dieser Dschungel war ihm nicht geheuer. Es
war zu ruhig, obwohl es hier Pflanzen gab, die von Leben nur so wimmeln müßten, Aber der
Planet schien tot. Cooper wurde schlagartig bewußt, dass sie auf keinem der Planeten
jemals ein Tier oder Tierartiges gesehen hatten. Das machte ihn schon neugierig, und so
ging er weiter in den Dschungel hinein. Es mußte doch einfach irgendeine Form von Leben
geben und die wollte er finden.
Als Nathan eine halbe Stunde später noch immer nichts von Cooper
gehört hatte, stand er mürrisch auf und folgte Hawkes Fußspuren. Vorsichtshalber zog er
seine Waffe, denn Teriton war in den Händen von Chigs. Aber bei der Dichte des Dschungels
war es beinahe unmöglich, sie ausfindig zu machen. Dennoch war Cooper nicht
zurückgekehrt und das gefiel Nathan gar nicht. Einige Meter weiter hörte er etwas. Es
klang wie ein Rufen. Es hatte Ähnlichkeit mit Coopees Stimme und sie rief um Hilfe.
Vorsichtig näherte er sich und blieb vor einem großen Sumpf stehen.
Die Stimme war nicht mehr zu hören. Er wollte schon weitergehen, als er ein Stück weiter
etwas entdeckte.
"Coop?",
"Nathan, schnell. Ich bin hier !"
Und tatsächlich, Cooper befand sich mal wieder in Schwierigkeiten. Er steckte fest. Eher
gesagt, war er versunken und kam allein aus dem Sumpf nicht mehr heraus.
"Was soll das? Mußt du denn immer so einen Blödsinn anstellen?"
"West, dass ist nicht witzig. Also nimm' dein blödes Grinsen aus dem Gesicht und
hilf mir raus."
Doch das war für Nathan zuviel. Ein heftiger Lachkrampf schüttelte ihn durch und wurde
durch Coopers wütendes Zureden noch verstärkt. Nathan hatte das Gefühl, als würde er
jetzt durchdrehen. Nach all den schrecklichen Dingen, die geschehen waren, saß er nun auf
einem fremden Planeten und lachte seinen Freund aus, der dreckverschmiert in einem Sumpf
feststeckte und um seine Hilfe bat. Das konnte doch alles nicht wahr sein.
"West, du verdammter Idiot. Hilf mir jetzt endlich hier raus!"
Langsam fing er sich wieder und holte ein paar Mal tief Luft, Doch gerade als Cooper seine
Hand nach ihm ausstreckte und er diese ergreifen wollte, fing er wieder an. Unter dem
Schluchzen stammelte er immer wieder eine Entschuldigung, aber das machte Hawkes umso
rasender. Doch letztendlich schaffte er es doch, Cooper herauszuziehen.
"Es ... es tut mir leid, Coop. Ganz ehrlich."
"Du ... du Mistkerl. Ich konnte mich da drin nicht bewegen und du weißt, dass ich
...dass ich ..." Er schnaufte verärgert aus und ließ sich auf den festen Boden
plumpsen. Er war nicht wirklich sauer auf Nathan, aber bei sowas geriet er leicht in
Panik.
Bei sowas ... als er darüber nachdachte, mußte auch er grinsen, Welcher Marine hat im
Krieg schon das Vergnügen, ein Schlammbad zu nehmen? Er wollte Nathan gerade danke sagen,
als dieser ihn mit einem seltsamen Blick ansah und dieser machte Cooper Angst.
"Hey, bist du okay?"
"Nein," antwortete Nathan leise. "Gar nichts ist okay. Wenn das so
weitergeht ... Ich fühle mich nicht besonders, Cooper, Etwas stimmt nicht. Mit mir stimmt
was nicht,"
"Was - was meinst du damit? Glaubst du, man hat dir etwas gegeben, dass du dich
schlecht fühlst?"
Nathan wollte Cooper antworten, doch er fand, dass es nichts ändern wurde.
Cooper konnte es nicht so verstehen, da er noch zu wenig Erfahrung im Leben hatte. Es war
schon bewundernswert, wie gut sich Cooper seit ihrer Ausbildung entwickelt hatte, aber
manche Sachen kamen erst mit der Zeit. Also beließ West es bei einem Kopfschütteln und
stand auf. Cooper fragte zwar noch einmal nach, aber das Thema war bereits für Nathan
erledigt.
"Wir sollten uns in der Umgebung umsehen. Vielleicht finden wir etwas, was uns
nützlich sein könnte."
"Nützlich bei was? West, wir sollten abwarten, bis man uns abholt. Nachher verpassen
wir sie noch."
"Dennoch befinden wir uns hier auf feindlichem Boden. Wer weiß, ob man uns bei der
Landung gesehen hat."
"Dann wären die doch längst dagewesen. Lass' uns zurückgehen, ja?"
Trotz anderer Meinung ging Nathan mit Cooper mit, Er war zur Zeit nicht in der Lage, eine
Diskussion mit Hawkes anzufangen. Im Grunde wollte er nur auf die Saratoga zurück, in
seine Koje und einen ganzen Tag oder zwei durchschlafen.
Alle paar Meter sah sich Cooper nach Nathan um. Er schien wirklich
nicht in Ordnung zu sein, denn sein Gesicht machte einen müden und erschöpften Eindruck.
Cooper überlegte, was Nathan vorhin gemeint haben könnte. Einige Vermutungen hatte er
ja, aber bei West konnte er sich sowas wie Depression oder derartig psychische
Mißstimmigkeiten einfach nicht vorstellen. Wang hatte mit ihm mal einen Film über die
möglichen Auswirkungen des Krieges auf einen Soldaten gesehen. Aber Nathan... Er hielt es
für ausgeschlossen und zudem hatte er keine Anzeichen bei ihm erkennen können, bis sie
auf diesen Planeten notlanden mußten. Auch wenn Cooper in solche Gedanken vertieft war,
seine Sinne waren geschärft, weswegen er das kaum hörbare Knacken eines Astes mitbekam.
Er blieb stehen und hörte genauer hin.
"Coop, was..."
"Psst. Da ist was."
Beide sahen sich vorsichtig um. Doch es war nichts zu sehen. Genervt schob sich Nathan an
Cooper vorbei.
"Du siehst Gespenster. Da hinten ist schon unser" In dem Moment fiel der erste
Schuß. Reflexartig schmissen sich Hawkes und West auf den Boden und zogen ihre Waffen.
"Wo? ich seh' nicht, wo es herkommt," rief Nathan aufgeregt.
"Zwei Uhr. Hinter dem Baum."
Es waren drei Chigs, die auch auf ihre Flieger aufmerksam geworden waren. Es dauerte eine
Weile, bis sie den Feind ausgelöscht hatten.
"Ich hoffe, unsere Jungs beeilen sich. Wer weiß, ob die nicht über uns Bescheid
wissen?"
Nathan mußte Hawkes recht geben. Wenn die Patrouille über ihre Entdeckung Meldung
gemacht hatte, würden sie bald Gesellschaft bekommen.
"Wir sollten uns irgendwo ein Versteck suchen, falls die Chigs eine weitere
Patrouille schicken."
"Ich werde mich nicht verstecken," protestierte Copper, "Falls sie kommen,
ich bin bereit."
Um seine Worte noch zu unterstreichen, entsicherte er seine Waffe und sah Nathan
herausfordernd an.
"Das bringt doch nichts. Wir sind zu zweit und die Chigs besitzen den ganzen
Planeten, Wir können nicht ..."
"Was ist los mit dir? Hast du auf einmal Angst?"
Wieder erhielt Hawkes keine Antwort, da sich Nathan umdrehte. Es war nicht das erste Mal,
dass Nathan befürchtete, Cooper zu verlieren. Es lag an ihnen, den Glauben der Wildcards
aufrecht zu erhalten; dieses besondere Band zu erhalten, aber das war schwierig. Immerhin
fehlten drei, die mindestens genauso wichtig gewesen waren. Jeder hatte seinen Teil dazu
beigetragen und allein wurden sie es einfach nicht schaffen. Würde auch der letzte Teil
der Wildcards auseinanderbrechen?
"Entscheide ich. Gehst du nun mit oder bleibst du hier?"
Cooper fuhr mit der Hand über den Fotoklipp, dann meinte er: "Shane wäre stolz auf
mich." Und so machten sich die beiden auf den Weg.
"Sir, sollten wir nicht warten, bis Hawkes und West wieder bei
der Truppe sind?"
Commodore Ross blickte zu Masters.
"Habe ich mich irgendwie undeutlich ausgedrückt?"
"Nein, sir. Aber das 58ste besteht ...
"Lieutenant, es reicht! Sie haben diesen Auftrag erhalten. Mehr gibt es nicht zu
sagen."
Sam wollte abermals Einspruch einlegen, wurde jedoch von Charly davon abgehalten. Auf dem
Weg zum Flugdeck wurde sie von Anderson gewarnt, noch einmal ihre Einheit so in
Verlegenheit zu bringen. Dem Commodore zu widersprechen, war mit das Schlimmste, was ein
Marine tun konnte. Prinzipiell gab Masters ihm recht, aber die Einheit ohne Hawkes und
West loszuschicken, war ihrer Meinung nach unverantwortlich. Denn West war ihr bester
Pilot und Hawkes der beste Schütze und davon mal abgesehen, gehörten die beiden zu ihrem
neuen Auftrag einfach dazu. Mit einem tiefen Seufzer folgte Sam ihrer Einheit. Sie machte
sich Sorgen um Nathan, aber ganz besonders um Cooper. Ihr gefiel dieser Gedanke nicht,
aber was kann man schon gegen Gefühle tun?
Ein paar Stunden später hatten Hawkes und West einen geschützten Platz gefunden und verschlangen ihre Verpflegung. Nathan zog es vor zu schweigen, damit er sich irgendwie wieder in den Griff bekam. Ihre Situation war nicht aussichtslos und Cooper war bei ihm. Sie würden es ganz sicher schaffen, wieder auf die Saratoga zu kommen. Und er mußte diese eigenartige Stimmung bis dahin loswerden. Er hatte schon soviel durchgemacht, da würde er alles Kommende ertragen können.
Fast alles zumindest. Er sah rüber zu Hawkes, der gerade verbissen
versuchte, den getrockneten Schlamm abzuklopfen. Dieses Bild brachte ein Grinsen auf
Nathan's Gesicht.
"Gib's auf, Junge. Einen Schönheitswettbewerb wirst du hier sicher nicht
gewinnen."
Ein letztes Mal versuchte Cooper sein Glück dann stand er auf Er sah Nathan mit einem
undefinierbaren Blick an.
"Was meinst du, was ... was Shane und Fus im Moment machen?"
"Ich weiß nicht. Aber das ist auch nicht wichtig. Ross ist sich sicher, dass
Aerotech die Anlage aufgeben wird."
Coop nickte und drehte sich um, Er stemmte seine Hände in die Hüften, seinen Kopf nach
hinten geneigt.
"Wir werden sie nicht finden, hab' ich recht?"
Nathan schloß die Augen. Bitte nicht jetzt, Coop ... dachte er.
"Hab' ich recht?!" schrie Cooper abermals, diesmal mit Tränen in den Augen. Als
Nathan nach oben schaute, spürte er seine eigene Verzweiflung deswegen. Doch er hatte
nicht die Kraft dagegen anzukämpfen. Nicht mehr ... In einem plötzlichen Wutanfall
schmiss Hawkes seine Waffe gegen einen Baum und trat danach immer wieder auf diesen ein.
Nun weinte er wirklich und schrie alt seine Trauer und seinen Zorn heraus. Nathan kniff
seine Augen fest zusammen. Wenn Coop so weitermachte, würde auch er sich nicht mehr
beherrschen können. Hilflos vergrub er seinen Kopf in den Händen und wartete. Als er
nichts mehr hörte, öffnete er seine Augen und sah Cooper vor ihm stehen. Zum ersten Mal
wirkte Hawkes ganz und gar nicht wie ein Erwachsener, sondern einfach nur wie ein kleiner
Junge, der etwas, was ihm viel bedeutet hatte, verloren hatte. Es war zwar nicht das erste
Mal, dass Cooper mit demselben Ausdruck ihn hilfesuchend anstarrte, aber Nathen hatte noch
nie zuvor in Coop nur ein Kind gesehen. Aber jetzt hatte er alles andere über Cooper
vergessen. Nur der kleine Junge blieb. Nun liefen auch Nathan heiße Tränen die Wangen
hinunter. Er wollte gerade aufstehen, als Cooper sich vor ihn hinplumpsen ließ.
"Es tut so weh," schluchzte er und Nathan konnte nichts anderes tun, als Cooper
in den Arm zu nehmen. Mit dieser Geste wollte er eigentlich seinen Freund trösten, doch
im Grunde tröstete er sich auch selbst. Immer fester drückte er ihn an sich, aus Angst,
ihn wieder loslassen zu müssen. So wie er es bei Neil hatte tun müssen. In dem Moment
nahm Cooper Neil's Platz ein und Nathan fand endlich die Gelegenheit, über den Tod seines
Bruders hinwegzukommen. Genau das hatte er gebraucht. Alles Angestaute aus den vergangenen
Monaten brach aus ihnen beiden heraus, ohne Rücksicht. Sie brauchten lange, um sich
wieder unter Kontrolle zu bekommen, aber sie waren erleichtert, dass es geschehen war.
Sogar Nathan verspürte keine Scham über seinen Gefühlsausbruch. Es war das einzige, was
die beiden vor dem Durchdrehen bewahrt hatte.
"Sei mir nicht böse, aber du siehst echt beschissen aus, West."
Wahrend Cooper grinsend sein Gesicht trocknete, schüttelte Nathan lachend den Kopf. Bei
jedem anderen hatte er sich zu Tode geschämt, aber Coop war der einzige, bei dem es ihn
nicht störte. Er vertraute Ihm zur Zeit mehr als allen anderen zusammen und das hieß
eine ganze Menge. Kylen war etwas anderes. Es war soviel geschehen, dass sie sich nach
Ende des Krieges erst \wieder aneinander gewöhnen mußten. Es war gut, dass sie zurück
auf der Erde war. Auch sie hatte viel durchmachen müssen und mußte selbst damit fertig
werden, Im Moment wäre er gar nicht fähig, mit ihr weiterzuleben, nicht bevor Shane und
Vanessa in Sicherheit waren.
"Hey, sieh' erst mal in einen Spiegel. Wenn Vansen dich so sehen würde, hättest du
alte Chancen bei ihr verspielt."
Coopers Augen blitzten auf.
"Glaubst du, ich hatte eine Chance bei ihr?"
Nathan schluckte. So hatte er es gar nicht gemeint. Um Coop nicht seine Hoffnung zu
nehmen, zuckte er mit den Schultern.
"Ich hatte angenommen, du hättest ein Auge auf Sam geworfen?"
Nathan hoffte, dass Hawkes darauf eingehen würde.
"Sam ist nicht übel, was?"Ein verschmitztes Grinsen erschien auf Cooper's
Gesicht. "Aber ..." Seine Unsicherheit schien sich wieder breit zu machen,
" ...ich weiß ja, dass es nicht gut ist, im Krieg und so."
Darauf hatte Nathan nichts zu erwidern, aber das war auch gar nicht nötig. Denn in dem
Moment hörten sie Geräusche eines sich n#hernden Flugobjektes.
"Chigs?"
West schüttelte den Kopf. "Nein. Das sind unsere Leute. Lass' uns nachsehen."
Die beiden pirschten sich vorsichtig, aber schnell an ihren Landeplatz heran und waren
heilfroh, als sie das 78ste sahen.
"Ihr habt euch aber ganz schon Zeit gelassen, Marines."
"Lieutenant Brown empfing sie mit einem freundlichen Händedruck. "Schön, euch
lebend zu sehen. Wir hatten keine Lebensformen registrieren können, aber dann entdeckten
wir eure Hammerheads. Chigs?"
"Eine Patrouille, Das war alles."
"Dann lasst uns euch heimfliegen. Ihr werdet bereits vom Commodore erwartet."
Commodore Ross war Über Funk informiert worden, dass die Bergungsaktion erfolgreich
verlaufen war. Nun sah er seine Elitepiloten aus dem Transporter steigen, nicht mehr ganz
frisch aussehend. Er unterdrückte ein Grinsen und ging auf West und Hawkes zu.
"Lieutenants, ich habe Neuigkeiten, was das Lager," Ross betonte es
überdeutlich, "angeht. Es wurde verlassen aufgefunden. Keine Spuren, keine Hinweise.
Es tut mir leid."
Er hatte von den Wildcards eine größere Reaktion erwartet. Stattdessen nickten beide,
als ob sie nichts anderes erwartet hatten.
"Ihre Einheit befindet sich im Einsatz. Nächste Einsatzbesprechung ist morgen um
0700"
Hawkes und West schliefen schon, als Anderson samt Staffel das Quartier betraten. Masters war erleichtert, Cooper in seiner Koje liegen zu sehen. Sie hätte es sehr bedauert, wenn ihm etwas zugestoßen wäre.
Tampa/Florida, auf der Erde
McQueen suchte nun seit drei Tagen nach dem Bruder von Hawkes. Bis
jetzt hatte er nur in Erfahrungen bringen können, dass Jordan hier lebte, aber nicht wo
und was er machte. Aber aufgeben würde er nicht, Das war wohl eine seiner besten
Eigenschaften. Da sein Bein anfing zu schmerzen, suchte er sich in einem großen Park eine
Bank und setzte sich mit einem erleichterten Seufzen darauf. Er beobachtete das Geschehen
um ihn herum. Keine Spur von Angst oder Besorgnis in den Gesichtern der Menschen zu sehen,
dachte er sich verärgert. Und dann hieß es, InVitros wären gleichgültig. Sein Blick
blieb auf einem Jungen haften, der mit einer Gitarre auf der Wiese saß und ein Lied sang.
McQueen grinste. Wenn es dieser Junge nicht war, wer dann.
"Jordan?"
Der Junge hörte auf zu singen und sah ihn mißtrauisch an. Kein Zweifel. Diesen Blick
kannte er nur zu gut. Aber dann änderte sich der Ausdruck in seinem Gesicht und ein
hinreißendes Lächeln erschien.
"Ja? Kenn' ich Sie von irgendwoher?"
McOueen schüttelte den Kopf. "Nein, das nicht. Mein Name ist McQueen. Ich bin
Colonel im US Marine Corps und wegen einer Verletzung zur Zeit auf der Erde."
"Oh, tut mir leid," meinte er mitfühlend und spielte ein paar Töne auf seiner
Gitarre. Dann hielt er McQueen seine Hand hin. "Jordan Becket. Aber das scheinen Sie
ja bereits zu wissen."
Ty wunderte sich immer mehr, welch' große Ähnlichkeit der Junge mit Cooper hatte.
Dieselben Augen, dieselben unbezähmbaren Strähnen, dasselbe Grinsen. Eben nur jünger
als Hawkes.
Jordan legte die Gitarre beiseite und sah den Colonel erwartungsvoll an.
"Okay, und wann sagen Sie mir, woher Sie mich kennen?"
Ty räusperte sich. Wie sollte er bloß anfangen? "Jordan, haben Sie jemals ..."
"Hey, Sie können mich duzen. So alt bin ich noch nicht," grinste er und sogar
McQueen mußte über den gelungenen Scherz lachen. "In Ordnung. Hast du schon mal
nach - Geschwistern gesucht?"
Jordan's Grinsen verschwand und der mißtrauische Blick wurde wieder deutlich.
"Geschwister? Ich habe keine"
"Auch InVitros haben Brüder oder Schwestern. Und ..."
"Stop!" Jordan stand auf. Ich will jetzt sofort wissen, was das alles soll. Ich
weiß, dass ich Sie noch nie in meinem, wenn auch sehr kurzen, Leben gesehen habe und mit
Leuten wie Ihnen will ich auch gar nichts zu tun haben. Ich komme klar, verstanden? Ich
brauche niemanden, der ..."
McQueen versuchte zweimal, ihn zu beruhigen, aber er kannte Coopers Temperament. Also
erhob er sich ebenfalls, was einen weiteren Schmerz in seinem Bein verursachte und packte
ihn an den Schultern. "Du hast einen Bruder, Jordan."
Das hatte die gewünschte Wirkung. Jordan sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
Was?"
"Kann ich es von vorn erzählen?"
McQueen setzte sich und nach kurzem Zögern tat es ihm Jordan gleich.
"Wie bereits erwähnt, ich bin Colonel bei den Marines. Ich habe das Kommando über
eine Einheit, in der sich auch ein InVitro befindet. Sein Name ist Cooper Hawkes. Und ich
kann dir sagen" meinte Ty lächelnd, ". ...er ist dir sehr ähnlich."
"Einen Bruder." Jordan starrte McQueen fassungslos an. Ich - ich weiß noch
nicht viel über solche Dinge. Ich kam erst vor knapp einem Jahr aus der
InVitro-Einrichtung und sehr viel haben die uns nicht über Familie und sowas erzählt.
Wie - wie haben Sie das herausgefunden, dass mit mir?"
In Georgia können InVitros in ihre Datenbänke einsehen und da ich weiß, wie wichtig
Cooper diese Sache ist, habe ich mir vorgenommen, Jordan Becket zu finden. Was mir wohl
auch gelungen ist."
"Scheint so," murmelte Jordan.
"Was hälst du davon, wenn ich dir ein Essen spendiere und dir ein wenig mehr über
deinen Bruder erzähle?"
Zwar war Jordan noch immer ein bißchen skeptisch, aber ein kostenloses Essen lehnte man
einfach nicht ab.
". .. und da Cooper sehr an seiner Einheit hängt, hielt ich es
für eine gute Idee, nach "Verwandten" von ihm zu suchen, damit er wenigstens
jemanden hat, mit dem er sich verbunden fühlt. Cooper hat nämlich ein sehr großes
Verlangen nach einer Familie und nach dem Tod von eurer Schwester ist es noch wichtiger
für ihn geworden. Die Wildcards haben diesen Wunsch lange unterdrückt, aber nachdem
..." Ty schluckte. Ihm fiel der Verlust wahrscheinlich genauso schwer wie Hawkes und
West. "...nachdem seine Freunde nun ebenfalls tot sind, könnte sein Verlangen wieder
ausbrechen." "Und Sie denken, dass ich ihm helfen kann?"
Tyrus runzelte die Stirn. "Helfen vielleicht nicht, aber die Gewißheit, dass er
einen Bruder hat, könnte vieles verändern."
"Ja, aber - er ist doch auf diesem Carrier, solange der Krieg dauert. Was kann ich
also tun?"
"Nichts~ Ich werde bei meiner Rückkehr mit ihm reden und ihm von dir erzählen. Das
ist alles."
"Das ist alles? Ich möchte ihn kennenlernen, mit ihm sprechen. Kann ich?'
"Jorden, da draußen tobt ein brutaler Krieg. Du bist Zivilist und Cooper ein Marine.
Mit dem Kennenlernen müßt ihr euch noch gedulden."
"Hey, dass ist ein ziemlich mieser Trick. Da tauchen Sie einfach so auf, erzählen
mir von meinem Bruder und wollen sich dann einfach so verziehen?"
Jordan's Augen starrten ihn nun wütend an, so wie es Coopees schon einige Male getan
haften, Ihm war bewußt, dass er Jordan wirklich nicht so zurücklassen konnte. Vielleicht
wer es doch ein Fehler, ging es Ty durch den Kopf.
"Jordan, denk' mal nach. Was gibt es denn sonst für Möglichkeiten?"
Seine Antwort kam schnell und entschlossen, "Ich werde mich auch melden."
"Nein!" Ty schüttelte entsetzt den Kopf. "Du wirst dich auf keinen
Fall"
Jordan schmiß seinen Teller vom Tisch und sprang auf. "Sie können mir gar nichts
verbieten, ist das klar?"
McQueen schloß die Augen. Einmal versuchte er, für jemand anderen etwas Gutes zu tun und
es ging völlig daneben. Wenn er eines nicht wollte, dann Hawkes' kleinen Bruder an der
Front. Das würde Cooper wirklich aus der Bahn werfen.
"Jordan, bitte setz' dich wieder. Lass' uns in Ruhe darüber reden."
Doch der Junge kniff seine Augen noch fester zusammen, wahrend er seine Gitarre in die
Hand nahm. "Da gibt's nichts zu reden, Colonel. Sie haben mir gesagt, wo mein Bruder
ist. Mir bleibt nichts anderes übrig. Das müßten Sie doch eigentlich verstehen."
Er nickte McQueen kurz zu und verließ das Lokal.
"Oh mein Gott," stöhnte Ty, vollkommen fassungslos. "Was hast du bloß
getan?'
U.S.S. Saratoga
"Du verdammter Idiot!" Anderson feuerte
seinen Flugheim in sein Cockpit und stürmte auf Chris zu.
"Deinetwegen haben wir Sanchez verloren."
Wütend packte er McDowell am Kragen, doch dieser schüttelte seinen Captain mühelos ab.
"Fassen Sie mich nicht noch mal an, ist das angekommen?!"
Anderson's Stimme wurde leiser. "Deinetwegen wurde ein guter Soldat abgeschossen,
Dafür wirst du bezahlen, Tank!"
Hawkes kam gerade noch rechtzeitig, um Chris vor einem Fehler zu bewahren. Er hielt ihn so
fest wie er nur konnte und er bemerkte, welch' große Kraft der ältere InVitro hatte.
West zog Anderson mit sich und die anderen versperrten ihm die Sicht auf Chris, Als sie
die Hammer-Bay verlassen hatten, lockerte Cooper seinen Griff.
"Lass' mich los, Hawkesl Er ist weg."
Hawkes wartete noch einige Sekunden, dann tat er es wirklich.
"Chris, was war da draußen los?"
"Es war nicht mein Fehler. Ich habe Anderson nicht am Schuß gehindert."
Seine Augen zeigten zum ersten Mal nicht sowas wie Haß oder Verachtung, aber sehr viel
mehr konnte Hawkes auch nicht entdecken.
"Der hackt auf mir rum, seit ich hier bin."
"Das ist auch kein Wunder."
Fortsetzung folgt ....
Claudia Norden
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Die Charaktere
und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen
Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und
basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei
erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above &
Beyond" von Glen Morgan und James Wong überein.
Erklärung: Diese Seite ist nicht von FOX
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