A dark day's night

TEIL 1

Nathan saß allein an der Bar im Casino. Er hatte ein halbvolles Glas in der Hand, in das er mit gesenktem Kopf hineinstarrte. Er sah Bilder darin, die sonst keiner sehen konnte. Er sah Neil, wie er ihm einen Football zuwarf. Kylen, wie er sie das erste Mal küsste. Dann sah er Shane, Paul und Vanessa und sich über den Mars wandern. Er hatte sich gerade mit Cooper gestritten.

Der letzte Tag war für Nathan die Hölle gewesen. Er hatte drei Freunde verloren und als er sich an die einzige Person wenden wollte, die ihn jetzt vielleicht hätte trösten können, hatte Kylen ihm sagen müssen, dass alle Zivilisten sofort zur Erde zurückgeflogen werden. Sie hatten kaum Zeit gehabt, sich voneinander zu verabschieden.

Nathan sah auf seine Uhr. Sie zeigte 23.46 Uhr. In knapp fünf Stunden hatte er eine Einsatzbesprechung. Es würde ihm bestimmt nicht schaden, wenn er vorher noch ein wenig schlafen würde. Er trank aus und machte sich auf den Weg in seine Kabine.

Hawkes war allein in der Mannschaftskabine des 58ten. Er hockte auf seinem Bett und starrte an die Wand gegenüber.

Es klopfte mehrmals, doch er stand nicht auf, um zu öffnen. Er hatte die Kabinentür verriegelt und dass es geklopft hatte, schien ihn nicht im geringsten zu stören. Vor ihm lag ein Tonbandgerät, das einmal Paul Wang gehört hatte. Darauf waren Lieder, die als Protest gegen den Vietnamkrieg vor gut hundert Jahren auf der Erde entstanden waren. Es klopfte erneut, dann klickte der Riegel und die Tür öffnete sich. Colonel McQueen trat ein.
"Gehen Sie nicht mehr an die Tür, wenn es klopft?"
"Warum sollte ich? Jeder, der mich sprechen will, weiß offensichtlich, wie man ‘reinkommt."
McQueen versuchte, die Bemerkung, die Hawkes gemacht hatte, zu ignorieren.
"Kommen Sie, Hawkes, reißen Sie sich zusammen! Wenn Sie hier herumsitzen und sich selbst leid tun, wird das auch keinen von ihnen zurückbringen."
Hawkes stand auf und stellte sich vor McQueen.
"Sir, bei allem Respekt, solange ich dienstfrei habe, tue ich, was ich will."
"Und weil Sie sich so gut auskennen, nennen Sier mir doch eine Möglichkeit, die sie zurück-bringt."
McQueen erkannte, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er senkte den Kopf und sagte: "Es gibt keine. Keine einzige."
Einen Moment lang standen sie sich schweigend gegenüber, dann wandte sich der Colonel zur Tür. Er hatte den Türgriff bereits in der Hand als er sich noch einmal zu Hawkes wandte. "Sie haben sie mehr gemocht, als Sie sich selbst eingestehen wollen."
Hawkes antwortete ihm nicht, als sein Blick hinüber auf Shane Vansen's leeres Bett fiel.

TEIL 2

5.30 Uhr am nächsten Morgen standen Coop und Nathan gemeinsam auf. Beide waren noch etwas müde, aber da sie in dreißig Minuten eine Einsatzbesprechung hatten, versuchten sie sich zu beeilen, damit noch Zeit zum frühstücken blieb. Wie fast jeden Morgen gab es Toast und verschiedene Sorten Brotaufstrich. Für Nathan schmeckten sie alle gleich.
"Das ist doch bloß gefärbter Zucker, Coop. Wie kann man bloß so verrückt danach sein? Komm jetzt, wir müssen los!"
Coop stand langsam auf und schmierte sich dabei noch schnell eine Scheibe.
"Kein Grund zur Panik, bin schon fertig."
Jetzt schien sich an allen Tischen in der Kantine das gleiche abzuspielen. Alle sahen auf ihre Uhren, standen auf und gingen hinaus. Auch Nathan und Coop machten sich auf den Weg.

Als Nathan und Coop vor dem Konferenzsaal ankamen, war bereits eine ganze Menge los und sie hatten die Befürchtung, ganz hinten sitzen zu müssen. Doch als sie eintraten, sahen sie, dass McQueen ihnen zwei Plätze freigehalten hatte. Sie setzen sich mit einem "Guten Morgen, sir." Er antwortete mit einem knappen "Morgen." Dann fuhr er fort: "Bevor der da vom anfängt, wollte ich Ihnen noch sagen, dass man Vansen und Damphousse gefunden hat."
"Und?" fragten Coop und Nathan fast gleichzeitig.
"Ihnen geht's gut." Weiter kam er nicht, da die Einsatzbesprechung anfing.
"Guten Morgen, Marines. Ich und Mr. Foster" (der Admiral zeigte auf einen Mann in schwarzer Uniform) "werden Sie heute über den Ablauf der Mission ‚Bright Anvil‘ informieren. Ich möchte Sie daran erinnern, dass alles, was sie ab jetzt hören, geheim ist. Mr. Foster!"
Er gab das Wort an den Kerl in schwarz ab, der per Knopfdruck einen Laserprojektor einschaltete. "Was Sie hier sehen, sind die Umrisse des Planeten X-15, Codename: ‚Ted‘. Auf diesem Planeten haben die Chigs eine riesige Anlage errichtet, mit der sie die Energie des Planetenkems anzapfen und speichern können. Sie benutzen diese Energie für eine neuartige Waffe von unglaublicher Zerstörungskraft. Ihr Auftrag ist es, die Anlage vollständig zu zerstören."
Jetzt sprach wieder der Admiral. "Wir werden Sie in drei Gruppen aufteilen, die jeweils aus einer anderen Richtung angreifen werden. Die Nord-Angriffsgruppe besteht aus folgenden Corps: 24, 17, 102, 104, 50, 58, 69. Sie werden es am einfachsten haben, da auf Ihrem Weg die Arbeiterquartiere liegen..."

Als die Einsatzbesprechung gegen 8.00 Uhr endlich zu Ende war, gingen Hawkes, McQueen und West gemeinsam hinaus. Als sie sich ein wenig abgesetzt hatten, sagte McQ ueen zu Hawkes und West: "Da momentan nur noch Sie beide vom 58ten einsatzbereit sind, werden Ihnen sechs neue Rekruten zugeteilt."
"Na toll", unterbrach ihn Hawkes.
"Es ist mir egal, wie Sie das finden. Ihre Mission beginnt erst in acht Tagen. Das heißt, ihr habt eine Woche Zeit, sie auf alles vorzubereiten."
Nathan und Coop machten etwas verwunderte Gesichter, als sie ihn mit "Ja, sir!" verabschiedeten.

Flugdeck Saratoga:

Coop und Nathan standen vor der Schleuse des Mannschaftstransporters. Jeden Moment würde das Schott aufgleiten und sechs junge, übermütige Marines ausspucken. So wie sie damals. Doch der Colonel hatte so viel Realität wie möglich in sie 'reingestampft. In vielerlei Hinsicht hatte ihnen das ihre Haut gerettet. Das Schott glitt auf und sechs Marines nahmen vor ihnen Haltung an. Nathan war verwundert. Bis jetzt hatte er dieses Schauspiel immer nur von der anderen Seite gesehen.
"Nachschub für das 58te meldet sich zum Dienst!"
"Rühren," erwiderte Hawkes.
"Ihr seid also der Nachschub." Nathan nickte und legte eine kurze Pause ein. "Was glaubt ihr, was ist eure Aufgabe als Marines?"
Ein gewisser Mitchel trat vor."Unser Land mit unserem Leben zu verteidigen."
"Schön gesagt," meinte Nathan. "Ich hoffe, du hast gemerkt, dass jeder deiner Helden bereits tot ist. First Lieutenant Cooper Hawkes" (er zeigte auf Cooper) "wird euch jetzt einweisen und euch sagen, was ihr außer schlafen in den nächsten Tagen noch so tun werdet.
"Okay, erst mal sehen, ob ihr alle da seid."
Er las alle Namen der Reihe nach vor und machte sechs Häkchen hinter die Namen auf seinem Blatt.
"In sieben Tagen werdet ihr an der Operation ‚Bright Anvil‘ teilnehmen. Um euch vorzubereiten, haben wir ein kleines Trainingsprogramm ausgearbeitet. Wir sehen uns morgen Punkt 0700 auf dem Trainingsdeck. Bis dahin wünsch' ich euch einen angenehmen Aufenthalt. Wegtreten!"

Die Woche verging schnell und die Leistungen der neuen waren mehr als gut. McQueen hatte nur Bedenken, wie sie sich unter realen Bedingungen verhalten würden.

0600 Flugdeck Saratoga:

Die Fähre hob pünktlich ab. Ray Goose, einer der neuen, saß zwischen Hawkes und West. Er versuchte, seine Nervosität durch ein Gespräch zu unterdrücken. "Wie gefällt euch eigentlich, dass die Marines jetzt wieder jeden Transporter oder Jäger eine Rumpfbemalung und einen Namen verpassen?"
Nathan versuchte, aufmerksam zu klingen. "Und? In weichem ‚Vogel‘ sitzen wir? Enola Gay?"
"Nein, nein, viel besser. Wir sitzen in der Memphis Belle!"
Nathan kannte den Namen aus einem alten Buch über den zweiten Weltkrieg, aber Coop war er unbekannt.
"Wer war.Memphis Belle? Irgendein Rockstar oder so?"
Goose lachte leise und begann, die Geschichte der Memphis Belle" zu erzählen.
Nathan stand auf und ging zu Steve Mitchel, der ein Notizbuch und einen Bleistift in den Händen hielt.
"Du schreibst?" fragte er.
"Ja, bloß heute fällt mir nichts ein. Bis auf diesen Vers aus einem meiner Bücher."
Nathan fragte höflich: "Darf ich's sehen?" und streckte gleichzeitig die Hand aus. Mitchel gab ihm das Buch und er begann zu lesen.

"Sein Schwert war lang, sein Speer war kühn,
weithin sein Helm aus Silber schien;
und silbern spiegelte sich sein Schild
der Sterne tausendfaches Bild."

John R. R. Tolkien, 1954

Nathan kannte das Buch nicht, fand den Vers aber trotzdem gut.

Eine Stunde später: Die Kabinenbeleuchtung tauchte alle in ein tiefes rot und der Pilot meldete: "Schwenken jetzt in den Orbit ein. Erreichen der Landezone in vier Minuten. Bitte bereithalten." Eine leichte Nervosität befiel alle und jeder versuchte, sich mit irgend etwas zu beschäftigen. Für die meisten war das ein stilles Gebet oder ein letzter Blick auf den Glücksbringer, bevor dieser in der Brusttasche verschwand. Der Truppführer des 24ten ließ seine Männer antreten und Nathan tat das gleiche. Hawkes und er standen ganz vom. Coop sollte als erster und Nathan als letzter raus. Die Fähre setzte mit einem leichten Ruck auf. Draußen wirbelten die drei anderen Fähren, die zur Angriffsgruppe gehörten, eine Menge Staub auf. Als sie alle aufgesetzt hatten, öffnete sich die Luke und sie rannten nach draußen. Dort fanden sie eine trockene und felsige Landschaft vor. Hawkes rannte zum ersten großen Fels, den er sah und ging in Deckung. Die anderen folgten ihm.

Als sich alle acht Corps gesammelt hatten, marschierten sie die Anhöhe vor ihnen hinauf. Als sie auf dem Rand der Anhöhe angekommen waren, bemerkten sie, dass zwischen ihnen und der Anlage noch etwa 500 m deckungsloses Land lag. Da aber keine Schützengräben oder Minen zu erkennen waren, gaben die Truppführer den Befehl zum Vorrücken. Die Marines stürmten nach vorn und warfen sich gut zehn Meter vor dem Komplex zu Boden. Dann eröffneten sie das Feuer. Auf was, wussten sie nicht genau, denn in der Gasse und den beiden Häusern vor ihnen war niemand zu sehen.

Der Funkoffizier meldete, dass die beiden anderen Angriffsgruppen eine ähnliche Situation vorgefunden hatten. Also stellten sie das Feuer ein und rückten weiter vor.

Plötzlich trat aus dem zerschossenen Haus vor ihnen eine kleine Gestalt heraus. Hawkes rief:
"Nicht schießen, das ist nur ein Kind!" Aber es war zu spät. Gleich mehrere Marines eröffneten das Feuer und der Körper des jungen Chigs' zuckte hin und her, bevor er zu Boden fiel. Als sie an dem Toten vorbeimarschierten, wurde den meisten, die den Körper ansahen, übel. Diese Übelkeit zerstörte irgendeine Sicherung im Kopf der Soldaten. Ab jetzt streckten sie jeden Chig nieder, den sie sahen. So zogen sie eine blutige Spur zum Zentrum, wo sie sich mit den anderen beiden Gruppen trafen.

Die Offiziere berieten jetzt darüber, wie es nun weitergehen sollte. Die meisten waren dafür, die Mission abzubrechen, da man sie offenbar falsch abgesetzt hatte. Andere meinten, man sollte trotzdem weitermachen. Einer aus dem 35ten wandte sich an Nathan. "Denk‘ mal nach, West. Selbst, wenn das hier eine Stadt der Chigs ist, dann ist das doch die ideale Gelegenheit, die Rechnung für Tellus und Vesta zu begleichen."

Einen Augenblick lang dachte Nathan ernsthaft darüber nach. Dann erwiderte er: "Pass‘ mal auf. Weißt du eigentlich, dass nicht die Chigs, sondern wir diesen blöden Krieg angefangen haben? Wir sind doch auf ihren Planeten gelandet und haben uns ihr Land unter den Nagel reißen wollen. Denkst du vielleicht, Aerotech wusste nichts von den Chigs? Denkst du, die bauen all die Schlachtschiffe, Jäger und so weiter aus Gutmütigkeit für die Armee?"

Plötzlich herrschte absolute Stille. Nathan wandte sich an den Funker: "Frag' mal nach, was der ‚Mann im Vogel‘ meint!"
Der Funker leistete seinem Befehl folge.
"... das Ziel ist eine zivile Stadt, keine militärische Anlage. Erbitte Anweisungen!"
"Habe verstanden. Wir führen einen Luftangriff durch. Ziehen Sie sich unverzüglich zurück!"
Der Funker sah keinen Sinn in einem Luftangriff. Also wiederholte er: "Das ist keine mil..."
"Habe verstanden. Ziehen Sie sich zurück!"
Nathan hatte mitgehört und gab den Befehl an das 58te weiter. Die anderen Truppführer taten das gleiche.
Bereits eine Viertelstunde später befanden sich alle drei Angriffsgruppen wieder auf dem Hügel, von dem die Nord-Gruppe gekommen war. Ein Donnern erfüllte die Luft und eine Staffel Hammerheads fauchte über sie hinweg. Unten liefen die Chigs um ihr Leben. Die, die bereits aus der Stadt flohen, wurden von den MG's der Flieger niedergemäht. Dann brach einer aus der Formation aus und überflog die Stadt. Über dem Stadtzentrum warf er eine Bombe ab. Sie fiel pfeifend auf die Erde zu und explodierte. Der Feuerball war eine Mischung aus schwarz und rot und aus ihm stießen hunderter kleiner Rauchwolken hervor, die wie Lava zu Boden regnete. Ein Flammenmeer war jetzt noch von der Stadt übrig. Mehr nicht. Der Wind trug einen seltsamen Geruch zum Hügel hinüber.
"Wie Benzin," meinte Nathan.
"Oder Leim," meinte Cooper. In Wahrheit war es eine Mischung aus beidem.
Cooper richtete seinen Blick zum Himmel. Die Transporter befanden sich bereits im Anflug und formten Wirbel in die Rauchwolken. Langsam und einer nach dem anderen bestiegen die Marines die Fähren. Es herrschte beklemmende Stille. Keiner wusste, wer für diesen Alptraum verantwortlich war, aber alle waren sich einig, dass nach diesem Angriff auf Zivilisten der Krieg auch für ihre Seite eine neue Dimension beschreiten würde.

Matthias Teichmann

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Die Charaktere und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above & Beyond" von Glen Morgan und James Wong überein.

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