Eine lange Nacht

Unruhig wälzte sich Shane in ihrer Koje hin und her. Sie konnte nicht einschlafen. In den letzten Tagen war ihr das nicht sonderlich schwergefallen, sogar bei einer Unterhaltung mit Nathan war sie eingepennt. Seufzend sah sie auf ihre Uhr. Es war im wahrsten Sinne des Wortes fünf vor zwölf. In fünf Stunden würde die Nacht an Bord der Saratoga schon wieder vorbei sein. Bis dahin wollte Shane noch ein bißchen schlafen, sonst würden ihr spätestens bei der Dienstbesprechung die Augen zufallen.

'Würde in meiner Personalakte bestimmt gut aussehen', dachte sie. 'Allerdings werde ich das wohl nicht mehr rausfinden, weil Ross und McQueen mich vorher umbringen werden.'

Shane drehte sich auf die Seite und entdeckte in einem der Wandfächer das Buch, von dem Wang ihr tagelang vorgeschwärmt hatte. Schließlich hatte sie es sich ausgeliehen, damit er endlich Ruhe gab und ihr nicht mehr auf die Nerven ging. Sie begann darin zu lesen, legte es aber schon nach dem ersten Kapitel weder weg. Sie wollte schlafen und sich nicht zu Tode langweilen. 'Vielleicht sollten wir den Chigs ein paar Exemplare davon schicken. Das würde uns jede Menge Arbeit und Verluste sparen.'

Damit wäre eines ihrer Probleme gelöst gewesen, aber schlafen konnte sie immer noch nicht. Da wohl nicht mal Mank in der Lage war, ihr ein Glas warme Milch zu besorgen -worum sie auch unter keinen Umständen gebeten hätte - beschloß Shane, es mal mit einer althergebrachten Methode zu versuchen. Also schloß sie die Augen und begann, Schäfchen zu zählen, die jedoch plötzlich zu Chigs mutierten. Daraufhin stellte sie sich einfach vor, dass die Chigs nicht über einen Zaun sprangen, sondern geradewegs vor ihr M-590. Als sie den elften Chig gekillt" hatte, döste sie endlich ein - bis sie Sekunden später ein merkwürdiges, sägendes Geräusch hörte. Schlagartig war Shane wieder hellwach. Dieses Geräusch konnte nur aus einer Koje kommen. Erneut wälzte sie sich herum und starrte Wang giftig an. Aber das Geräusch kam nicht von Paul, sondern aus der Koje über seiner. Ungläubig starrte Shane hoch zu Nathan, der - wie nicht zu überhören war - wohl davon träumte, ein Holzfäller zu sein. Shane verdrehte die Augen. Sie hatte zwar gewusst, dass Paul manchmal schnarchte, aber Nathan... Stöhnend wälzte sie sich wieder rum und zog ihr Kissen über den Kopf. Aber das brachte nicht sehr viel. Nathan schnarchte, als würde er sämtliche Wälder der Welt absägen. 'Wie hat Kylen das bloß ausge-haften? dachte Shane. 'Ich an ihrer Stelle hätte ihn schon längst erwürgt. Wie können die anderen bei seinem Geschnarche bloß schlafen? Nach ein paar Minuten beschloß sie frustriert, einen kleinen Spaziergang zu machen. Auf Zehenspitzen schlich sie rüber zu ihrem Spind und zog sich ein T-Shirt und eine Hose an. Als Shane an Paul und Nathan vorbeischlich, bekämpfte sie den Drang, ihre Hände um West‘s Hals zu legen und zuzudrücken. Leise öffnete sie die Tür. Dabei fiel ihr Blick auf Hawkes' leere, unberührte Koje. Dann schlüpfte sie nach draußen und lehnte die Tür nur an, damit sie gleich problem- und vor allem geräuschlos wieder rein konnte. Mit den Händen in den Hosentaschen ging sie ziellos über die Korridore der Saratoga. Um diese Uhrzeit war der Träger wie ausgestorben. Sogar die Taveme war menschenleer. Aber Shane hatte ja auch nicht vor, einen zu trinken. Sie musste die ganze Zeit an Cooper denken und an das, was er gerade durchmachen musste. Colonel McQueen zufolge ging es dem armen Kerl jetzt wohl hundsmiserabel. Plötzlich kam Shane sich unglaublich dumm vor. Sie hatte sich aufgeregt, weil sie wegen Nathan's Schnarcherei nicht schlafen konnte, aber Coop war ganz allein und wäre mit Sicherheit froh, wenn ihn nur Nathan's Schnarchen wachhielte. Nach einer Weile blieb Shane stehen, um sich ein bißchen zu orientieren. Völlig unbewusst war sie zur medizinischen Abteilung des Schiffes gegangen und stand jetzt vor der Tür, hinter der Coop eine Entziehungskur machte. Shane warf einen Blick durch das Fenster in der Tür und sah Coop, der zitternd auf der schmalen Koje lag und sich an dem Teddy festklammerte, den er von ihr bekommen hatte. Sie sah sich um. Weit und breit war niemand zu sehen. Es war ihr klar, dass sie Ärger bekommen könnte, wenn jemand sie erwischte, aber das war ihr egal. Coop brauchte Hilfe. Kurz entschlossen öffnete sie die Tür und betrat den Raum. Hawkes sah schlimmer aus, als sie es sich je hätte vorstellen können. Er sah sie an, direkt in ihre Augen. .Sh-Shane? W-W-Was ... ?"
"Shhh, Coop, sag' jetzt nichts," unterbrach Shane ihn, als sie sich zu ihm setzte und ihn sanft in den Arm nahm. "Ganz ruhig, ich bin bei dir."
Cooper war schweißgebadet. Shane konnte fühlen, dass er am ganzen Körper zitterte, fühlen, wie sein Herz raste. Sanft kraulte sie seinen Hinterkopf.
"Ist ja gut, Coop," sagte sie mit sanfter Stimme, "du musst keine Angst haben!"
Coop griff nach ihrer Hand und drückte sie sanft. Shane erwiderte den Druck. Auf einmal musste sie an früher denken, als ihre Eltern noch gelebt hatten. Wenn sie oder eine ihrer Schwestern nicht schlafen konnte oder schlecht geträumt hatte, war ihre Mutter ins Zimmer gekommen, hatte sie in den Arm genommen und ein Lied aus einem uralten Film gesungen. Selbst nach so langer Zeit konnte Shane sich noch ganz genau an die Melodie erinnern. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte sie ihren Schwestern das Lied vorgesungen und Shane war sich sicher, dass Ann ihre Tochter ebenfalls mit diesem Lied in den Schlaf singen würde. Plötzlich kam ihr eine Idee. Sie hatte es immer beruhigt. Warum sollte es nicht auch Coop helfen? Sie begann, ihm das Lied mit leiser Stimme vorzusingen. Allerdings der Refrain, das einzige, was vom Text noch zusammenbekam, an den Rest konnte sie sich beim besten Willen nicht mehr erinnern.

".Somewhere over the Rainbow,
way up high
there's a land that I heard of once,
in a lullaby"

Eine ganze Weile sang Shane das Lied immer wieder und merkte schließlich, dass Cooper sich entspannte und nicht mehr so stark zitterte. "K-kannst du es noch mal singen?" fragte Coop jedesmal, wenn sie aufhörte. Shane wunderte sich, dass Coop es immer noch hören wollte, vor allem, weil sie nicht gerade die beste Sängerin war. Aber dann fiel ihr ein, dass er niemals jemanden gehabt hatte, der ihm ein Schlaflied hätte vorsingen können. Vorsichtig berührte sie den Nabel in seinem Nacken. Wenn ihr vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass sie sich mal mit einem IniVitro anfreunden und sich seinetwegen sogar eine Nacht um die Ohren schlagen würde, hätte sie denjenigen wohl für verrückt erklärt. Aber jetzt... Wieder war sie am Ende des Liedes angelangt. Doch dieses Mal verlangte Coop nicht nach einer Zugabe. Shane beugte sich vor und sah, dass seine Augen geschlossen waren. Jetzt hätte sie sich eigentlich davonschleichen können, aber sie tat es nicht. Als sie auf Minerva verletzt worden war, hatte er sich, zusammen mit Nathan, um sie gekümmert und später versucht, sie mit diesem grauenhaften Dosenschinken zu füttern, was zu ihrem Glück ein Versuch geblieben war. Aber wenigstens war er da, als es ihr nicht so gut ging, da konnte sie jetzt nicht einfach abhauen. Sie war es ihm schuldig. Nach einer Weile wurden ihre Lider schwer und fielen schließlich zu. Sie wollte sich nur ein paar Minuten ausruhen. Es dauerte nicht lange, bis Shane eingeschlafen war.

Plötzlich hörte sie in ihrem Traum ein ihr nicht unbekanntes Pfeifen. Dann rüttelte sie jemand an der Schulter.
"Lass' das, du Vollidiot," murmelte sie schlaftrunken.
"Vansen!"
Als Shane die Stimme erkannte, war sie schlagartig hellwach.
"Äh, Colonel McQueen, Dr. Lang..."
Shane konnte richtig spüren, wie sie rot wurde.
‚Jetzt steckst du ganz tief in der Tinte, Shane', dachte sie sich.
Doch zu ihrer großen Überraschung sagte Dr. Lang plötzlich: "Schön, dass Sie unseren Termin nicht vergessen haben, Captain. Aber sind Sie nicht etwas zu früh dran?"
Die Ärztin zwinkerte Shane verschwörerisch zu. Shane reagierte augenblicklich. "Äh, ja, ich konnte nicht mehr schlafen und da dachte ich mir, dass ich doch mal Coop besuchen könnte," log sie.
McQueen nickte, dann ging er nach draußen. Shane sah Dr. Lang an.
"Danke," flüsterte sie.
Die Ärztin reckte nur den Daumen hoch und forderte Shane dann auf, mit ihr zu kommen. Sie verabschiedete sich von Coop und folgte Dr. Lang. Dabei wich sie dem strengen Blick des Colonels aus.

Eine halbe Stunde später kehrte Shane in ihr Quartier zurück. Dr. Lang hatte sie untersucht und dann für einen Tag krankgeschrieben, damit sie sich gründlich ausschlafen konnte und genau das hatte sie auch vor. Die anderen waren auf einem Einsatz, so hätte sie erst mal ihre Ruhe. Allerdings freute sie sich gar nicht auf das "Gespräch" unter vier Augen, zu dem McQueen sie sicherlich noch bitten würde. Aber wenigstens war sie für Coop dagewesen, als er sie gebraucht hatte. Mit diesem Gedanken legte sie sich in ihre Koje und schlief sofort ein. Sie merkte nicht, dass McQueen reinkam. Eigentlich hatte er mit ihr reden wollen, aber als er sah, dass sie schlief, änderte er seine Meinung. Er wusste, dass sie ihren Schlaf geopfert hatte, um Hawkes zu helfen, deshalb ließ er sie auch in Ruhe und beschloß, die ganze Sache zu vergessen. Er nahm die Decke, die am Fußende von Shane's Koje lag und breitete sie über "seinem" schlafenden Captain aus. Insgeheim war er stolz darauf, dass sie sich um Hawkes gekümmert hatte. Dann verließ er das Quartier und gönnte ihr den wohlverdienten Schlaf.

Vanessa Kubiak

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Die Charaktere und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above & Beyond" von Glen Morgan und James Wong überein.

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