Merry Christmas 58th
Shane, Vanessa und Paul waren nun schon fast seit zwei Wochen vermisst und noch kein einziges Lebenszeichen von ihnen. Coop war der Verzweiflung nahe. Aber auch Nathan schien den Verlust seiner Kameraden, nein, seiner Familie, ziemlich nahe zu gehen. Er vermochte nur besser mit seinen Gefühlen umzugehen. So wirkte es jedenfalls nach außen hin. Immerhin hatte er erst vor kurzem seinen Bruder verloren. Dieser Schmerz, der ihn innerlich zu verzehren drohte, hatte ihn zu einem Menschen gemacht, vor dem er sich manchmal selbst fürchtete. Am Anfang seiner Dienstzeit war er ein naiver, stets nach Regeln handelnder Frischling gewesen. Voller Stolz und Tatendrang. Doch von alledem war nichts mehr zu spüren. Nur noch Wut und Verzweiflung bestimmten sein Dasein. Sein Glaube an bessere Zeiten, der ihn die ganzen Monate über so stark gemacht hatte, war mit seinem Bruder und seinen Freunden dort draußen in der Unendlichkeit des Alls gestorben. Auch die Liebe zu Kylen schien fast erloschen zu sein. Die ganze Zeit über versuchte er sich einzureden, dass dieses verdammte Unglück bei der Bergung der Kolonisten, die Wiedersehensfreude überschattet hatte. Leider belog er sich selbst. Das wurde ihm schon sehr bald bewusst. Er machte sich selbst etwas vor. Als sie sich zum Abschied noch einmal in die Arme nahmen, fühle er rein gar nichts. Sie war nicht mehr seine Kylen. Die Gefangenschaft hatte sie zu einem anderen Menschen gemacht. Und er war nicht mehr der verträumte Junge, den sie damals, genau wegen dieser Eigenschaft, so liebte. Sie nannte ihn immer Träumer und holte ihn in die Realität zurück, wenn er sich zu sehr in seine Phantasiewelt hineinsteigerte. Natürlich flüchtete er sich auch jetzt noch in seine eigene kleine Welt. Nur nicht mehr so intensiv wie damals. Träumen konnte hier nämlich den Tod bedeuten. Nachts plagten ihn meistens Alpträume. Cooper schien auch mit ihnen zu kämpfen. Denn nicht nur Nathan allein wirkte morgens beim Ertönen des Wecksignals übermüdet. Jeden Morgen stellte er sich dieselbe Frage: Wofür lohnte es sich, überhaupt noch aufzustehen?
23.12.2064, ein Tag vor Heiligabend. Nathan war an seinem absoluten Tiefpunkt angelangt. Gestern Abend hatte er per Internet mit Kylen Schluß gemacht. Eine halbe Stunde lang erklärte er ihr seine Beweggründe. Sie schien es eher zu akzeptieren als er selbst. Scheinbar belastete es ihn doch mehr als er zugeben wollte. Obwohl der erste Schritt zur Trennung von ihm kam. Denn Kylen machte ihm keinen einzigen Vorwurf. Nicht einmal einen Gegenkommentar bekam er von ihr zu hören. Vielleicht fühlte sie, dass nach all den Geschehnissen der letzten Monate nun der Zeitpunkt gekommen war, die Beziehung zu beenden.
Heute würde er bei dem Einsatz auf JGL7074 mal ein wenig mehr
Risiko eingehen. Mal sehen, ob er nicht so das ganze Elend beenden konnte. Zwei endlose
Stunden später im Truppentransporter.
"Geht's dir gut, Nathan?"
"Warum fragst du?"
"Ach, nur so. Du bist den ganzen Morgen über schon so komisch."
"Inwiefern?"
"Du redest nur noch das nötigste mit mir, hast dein Essen kaum angerührt und bist
irgendwie geistig abwesend."
"Wenn ich einen Babysitter brauche, der mich Tag und Nacht beobachtet, damit ich ja
auch mein Gemüse esse, dann lasse ich es dich wissen, okay?"
"ist ja schon gut. Entschuldige bitte, dass ich dich überhaupt angesprochen
habe."
Man konnte ganz genau die Sorgen in Coopers Gesicht sehen, die er sich um Nathan
machte. So hatte er ihn nämlich noch nie erlebt.
Zehn Minuten später auf dem Wüstenplaneten JGL7074. Die Aufgabe des neu zusammengesetzten 58ten bestand darin, ca. 20 feindliche Sendeantennen, die in der schier endlosen Wüste verteilt waren, zu zerstören. Die Luft war atembar, doch die Hitze in voller Montur unerträglich. Zu allem Unglück musste sich die Gruppe auch noch trennen, da zehn Antennen in südlicher und die anderen zehn in nördlicher Richtung standen. Die drei Neuen inklusive des Captains, entschieden sich für Norden, Coop und Nathan für Süden. Der Zeitplan ließ einen Aufenthalt von 24 Stunden zu und keine Minute länger. Die ersten vier Antennen zerstörten sie ohne weitere Probleme. Bei der fünften spielte Nathan plötzlich verrückt, als eine Chig-Patrouille auf sie zukam. Cooper wollte sich hinter einer Felsenreihe verstecken, doch Nathan ging einfach auf sie zu und fing an zu feuern. Zwei von vier erwischte er. Die anderen gingen in Deckung und schossen sich von dort aus auf ihn ein. Cooper sprintete los und riß ihn zu Boden. Dabei bekam er einen Streifschuß am rechten Oberarrn ab, den er jedoch erst später bemerkte. Nathan schien es schlimmer erwischt zu haben. Unter größter An-strengung konnte Cooper ihn zurück hinter die Felsenreihe ziehen. Die Chigs zogen sich zurück. Warum sollten sie ihr Leben riskieren oder Munition verschwenden, wenn die Wüste ihnen die Arbeit schon abnehmen würde?
"Nathan, Nathan, alles okay?"
"Ich glaube nicht."
Cooper sah nun das Blut an Nathan's rechter Hand, mit der er sich die linke Seite
unterhalb des Brustkorbs hielt.
"Lass' mal sehen, du Dummkopf."
Nathan schien es tatsächlich nicht besonders gut zu gehen, sonst hätte Cooper schon
längst eine Antwort auf den Dummkopf erhalten. Die Kugel hatte zum Glück keine Organe
verletzt. Trotzdem verlor er ziemlich viel Blut und die Kugel war auch noch drinnen.
"Im Augenblick kann ich hier nichts weiter für dich tun außer die Wunde zu
verbinden. Nathan, Nathan!" Nach einiger Zeit schaffte es Cooper, Nathan aus seinen
Dämmerzustand zurückzuholen.
"Kipp' mir jetzt bloß nicht um. Wir haben noch einen langen Weg vor uns."
Wenn man schon vom Unglück verfolgt wird, dann aber richtig, denn Nathan's Feldflasche
war regelrecht vom Kugelhagel der Chigs zersiebt worden. Das erklärte auch den
freiwilligen Rückzug der Chigs. Jetzt hatten sie die Wahl. Entweder verdursteten sie oder
sie gingen dank ihrer Verwundungen drauf. Cooper konnte es schaffen, denn er hatte noch
eine fast volle Feldflasche. Aber was war mit Nathan? Auf keinen Fall würde er ihn
zurück-lassen und wenn dies seinen eigenen Tod bedeutete. Die Sonne war nun an ihrem
höchsten Punkt angelangt. Unbarmherzig und mit all ihrer Kraft strahlte sie ihre Hitze
aus. Cooper und Nathan waren gerade mal zwei Meilen weit gekommen und noch 20 lagen vor
ihnen.
"Cooper, ich kann nicht mehr. Lass' mich bitte hier
zurück."
"Niemals, ein Marine lässt seine Verwundeten nicht im Stich."
".Ohne mich hast du eine Chance, nach Hause zu kommen."
".Und wenn schon. Ich werde dich auf gar keinen Fall zurücklassen. Das könnte ich
mir nie verzeihen."
Nathan brauchte seine Kräfte noch, also schwieg er.
Stunden später und ca. vier Meilen von ihrem Ziel entfernt, fanden sie eine Höhle als
Unterschlupf. Vorsichtig half Cooper Nathan, sich hinzulegen. Die meiste Zeit über hatte
er ihn gestützt. Nun war auch er körperlich am Ende. Er wollte nur noch schlafen und das
am besten zehn Jahre lang. Der Marsch durch die Wüste hatte bei den beiden auch ihre
Spuren hinterlassen. Ihre Gesichter waren von der Sonne verbrannt und die Lippen dank
Wassermangels aufgesprungen. Das meiste Wasser bekam Nathan unterwegs zu trinken. Cooper
war sich sicher, dass er es selbst nicht so sehr benötigte.
Durch Nathan's unruhigen Schlaf wachte Cooper auf.
"Nathan, Nathan, wach auf!"
Doch sein Freund hörte ihn nicht. Das Fieber war gestiegen und bescherte ihm gnadenlos
Alpträume. Cooper schüttelte ihn leicht.
"Nein, nein ich wollte das nicht. Nie im Leben hätte ich sie im Stich
gelassen."
Cooper konnte sich vorstellen, welchen Inhalt Nathan's Traum hatte. Es ging um ihren
letzten Einsatz mit Shane, Vanessa und Paul. Nathan gab sich die Schuld daran, dass sie
umgekommen waren. Er dachte, wäre Kylen nicht gewesen, würden die anderen heute noch
leben. Schon tausendmal hatte er versucht, ihm diese Gedanken auszutreiben. Doch es schien
nichts genutzt zu haben. Jetzt begriff er auch Nathan's Verhaften bei dem Zusam-mentreffen
mit der Chig-Patrouille. Er wollte dem ganzen einfach ein Ende setzen. Aber das würde er
kein zweites Mal zulassen und wenn er ihn schlagen müsste, damit er wieder zur Vernunft
kam.
Kurz vor 0500 ertönte ein leises Piepsen, das von Coopers Armbanduhr ausging. Es war Zeit, weiterzugehen. Um 0700 hatten sie ihr Rendezvous mit dem Truppentransporter. Auf halben Weg verließen Nathan nun end-gültig die Kräfte. Er brach bewußtlos zusammen.
"Nathan, nein bitte nicht. Wir sind doch bald da. Nicht so kurz
vor dem Ziel."
Stöhnend hob Cooper sich Nathan über die linke Schulter. Sein Arm schmerzte, doch er
ignorierte es. Im Moment zählte nur noch Nathan für ihn. Er würde ihn zurückbringen
und wenn das letzte war, was er tat. Gerade noch rechtzeitig kam er am Transporter an. Sie
hatten schon die Düsen gestartet und waren in Startposition. Völlig entkräftet legte er
Nathan auf eine Pritsche. Dann schloß er die Augen.
24 Stunden später schlug er sie auf der Krankenstation wieder auf.
"Guten Morgen, Lieutenant."
"Guten Morgen, wieso guten Morgen, Dr. Kannelos?"
"Weil heute der 25. Dezember ist."
"Habe ich etwa so lange geschlafen? Einen ganzen Tag lang?"
"Sie waren auch ziemlich am Ende."
"Wo ist Nathan?"
"Im Bett neben ihnen."
Vorsichtig drehte sich Cooper zur Seite. Gott sei Dank, er lebte.
"Wird er... ?"
"Ja, er wird wieder gesund. Aber das hat er nur Ihnen zu verdanken. Noch ein paar
Stunden länger ohne ärztliche Versorgung und es wäre zu spät für ihn gewesen."
Cooper stand etwas wacklig vom Bett auf und ging zu Nathan rüber. Er nahm seine Hand und
drückte sie leicht. Einen kurzen Augenblick später schlug er die Augen auf und brachte
ein schwaches Lächeln zustande. Nathan bat Cooper, näher zu kommen. Leise flüsterte er
ihm etwas ins Ohr: " Merry Christmas, Cooper."
Tanja Jakob
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Die Charaktere
und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen
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erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above & Beyond"
von Glen Morgan und James Wong überein.
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