Krieg oder Liebe
"Ist das Minerva, Commodore?" Colonel
McQueen sah Ross verblüfft an. "Die Sternkarte zeigt es so an, dann muss es wohl
auch stimmen, oder?" "Er kann es unmöglich sein. Hier soll in zwei Wochen die
große Offensive stattfinden? Der Planet sieht ja jetzt schon so aus, als ob wir schon da
gewesen wären."
"Hier haben ja auch seit den letzten zwei Stunden heftige Kämpfe mit den Chigs
stattgefunden. Deswegen."
"Und gibt es ein Problem?"
"Und ob, McQueen. Vor 20 Minuten ist eine Transportfähre mit einer sehr wichtigen
Fracht über der südlichen Himmelssphäre abgeschossen worden."
"Was für eine wichtige Fracht denn?"
"Einen Geheimbotschafter mit den neuesten Erkenntnissen über die Chigs. Diese
Biester müssen genau gewusst haben, dass sie genau um diese Zeit, in dieser Fähre sein
würde. Bloß, woher?"
"Sie, sir?"
"Genau. Sie. Kate Morgan. Sie ist die beste. Zwar noch sehr jung, aber mit unheimlich
viel Erfahrung und Selbstvertrauen. Ihre Eltern wurden von abtrünnigen InVitros ermordet,
da war sie zwei Jahre. Sie hat sich allein durch's Leben geschlagen. An ihrem 18.
Geburtstag ist sie ins Corps eingetreten. Hat in vielen Schlachten gekämpft. Sie ist eine
hervorragende Pilotin und eine wahre Überlebenskünstlerin. Sie werden mit dem 58ten da
runtergehen und sie da rausholen. Ach, McQueen, seien Sie vorsichtig. Man weiß nicht, wie
sie auf InVitros reagiert."
"Aye, aye, sir!"
"Sichern Sie nach hinten, Hawkes! West, Vansen, Sie die rechte
Flanke! Wang, Damphousse, Sie die linke!"
Sie duckten sich, bis die Fähre in ausreichender Entfernung war.
"Und los! Vergesst nicht, wir suchen hier nach Überlebenden. Also, erst hinsehen,
dann schießen!"
Die sechs durchkämmten jetzt ein sehr breit gefächertes Tal. Schon von weitem konnte man die Spuren des Absturzes erkennen. Riesige Furchen wiesen den Weg zu einer gigantischen Felsformation. Und da war sie. Die Fähre. Oder besser gesagt, dass, was davon noch übrig war. So, wie die Fähre aussah, musste sie mit einer ungeheuren Geschwindigkeit auf den Felsen aufgetroffen sein. McQueen erinnerte sich an einen Krater, ungefähr in der Mitte des Tales. Da musste sie aufgeschlagen sein, durch die hohe Masse und Geschwindigkeit bis an den Felsen herangerutscht und mit unglaublicher Wucht zerschellt sein. Das Cockpit war auf die Dicke einer Matratze gepresst worden. Blut und zerfetztes Fleisch hingen an den Splittern. Der hintere Teil war dagegen noch relativ intakt. Wie gesagt, relativ. Allerdings hätte die Person, die hinten saß, möglicherweise eine Chance gehabt.
McQueen ging um die Fähre herum.
"Keine Leichen. Entweder die Chigs oder jemand hat die Leichen weggeschafft und
vergraben."
Und so war es. Ungefähr 200 m weiter waren zwei frische Gräber.
"Sicherlich die Piloten."
"Entschuldigen Sie, sir, aber was macht Sie da so sicher?"
"Wang, sehen Sie sich das Cockpit an. Denken Sie, die Piloten laufen hier als
Briefmarken herum oder was?"
McQueen fuhr herum, sofort die Waffe im Anschlag. "Da war doch was?!"
Plötzlich ertönte eine schwache Stimme.
"Normandie?"
"Normandie? Was ist denn das für ein Code?" Hawkes sah den Colonel fragend an.
"Von jemandem, der sich in der Geschichte des zweiten Weltkrieges auskennt.
Allierten."
"Ich bin hier drüben. Hinter dem großen Busch."
Langsam näherte sich das 58te dem Versteck. Sie entdeckten eine große, dunkelhaarige,
gutaussehende Frau, die es sich an einem Feuer gemütlich gemacht hatte. Das Komische
daran war, sie hatten keinen Rauch bemerkt.
"Ist ganz spezielles Holz, qualmt nicht. Wer sind Sie
eigentlich?"
"Das 58te Geschwader vom Trägerschiff Saratoga."
"Ah, ja. Lieutenant Colonel Tyrus Cassius McQueen, Captain Shane Vansen, Lieutenants
Wang, Damphousse, West und Hawkes. Die Wildcards. Ja, Sie sind mir bekannt. Ich fühle
mich geehrt, von den Wildcards gerettet zu werden."
"Ich muss Sie darauf hinweisen, dass Lieutenant Hawkes und ich lnVitros sind."
Im Gesicht der jungen Frau zeigte sich keinerlei Regung.
"Muss mir das was sagen, McQueen?"
"Ich dachte nur, es ist besser, dass Sie es wissen. Wegen Ihrer Eltern."
"Oh, da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht. Die InVitros, die meine Eltern
getötet haben, waren krank, McQueen. Sie konnten nicht mehr klar denken. Ich bin nicht
wütend auf InVitros. Für mich sind sie etwas ganz besonderes. Sie kennen keine falschen
Gefühle, sie sind rein und unschuldig. Sie sind mir lieber als die Natürlichgeborenen
mit ihrem künstlichen Gehabe. InVitros sprechen aus, was sie denken und fühlen. Einfach
so. Sie zeigen keine Scheu und das bewundere ich."
McQueen war baff. So etwas hatte er noch nie über InVitros gehört. Meistens wurden sie
als faul und egoistisch bezeichnet, aber als rein und unschuldig? Vansen fing sich als
erste wieder nach dieser eindrucksvollen Rede.
"Sind Sie verletzt?"
"Nur ein paar Kratzer, sonst nichts."
"Wie sind Sie denn aus dem Wrack herausgekommen oder besser noch, wie konnten Sie das
überleben?"
"Ganz einfach, ich habe gebetet. Aber das ist doch egal, oder? Hauptsache ich lebe...
McQueen, haben Sie schon ein Quartier für die Nacht?"
"Nein, bis jetzt noch nicht. Wir hatten noch keine Gelegenheit dazu."
"Ein paar hundert Yards von hier liegt eine kleine Höhle. Die sollte uns
ausreichenden Schutz für die Nacht bieten."
"Haben Sie Feindbewegungen ausmachen können?"
"Kommt darauf an, welchen Sie meinen, McQueen."
"Wieso, gibt es mehrere? Und ich dachte, wir führen Krieg gegen die Chigs."
"Nun ja, Ty, ich darf Sie doch so nennen? Es waren nicht die Chigs, die uns
abgeschossen haben. Es waren unsere Schiffe."
"Was! Aber warum sollten die die eigenen Leute angreifen?" Wang war jetzt munter
geworden.
"Ich denke, da will jemand mit mir eine alte Rechnung begleichen. Aber das ist eine
lange Geschichte. Wir sollten jetzt besser die Höhle aufsuchen, bevor es dunkel
wird."
Kate vorneweg mit der Waffe im Anschlag. Danach McQueen, Vansen,
West, Wang und Phousse. Das Schlusslicht bildete Hawkes. Er sicherte die Gruppe nach
hinten. Nach ungefähr zehn Minuten erreichten sie die Höhle. Sie lag geschützt und war
sehr geräumig.
"Hier, machen Sie damit Feuer. Ist besser als das nasse Holz. Qualmt nicht so."
Ungefähr zwei Stunden später hatten sie gegessen und machten sich
nun daran, ihre Nachtlager vorzubereiten. McQueen setzte sich neben Kate.
"Sie schulden mir noch eine lange Geschichte."
"Oh, hätte ich beinahe vergessen. Es begann im K.I. Krieg. Ich war gerade zum
Lieutenant befördert und hatte eine Einheit von 40 Mann bekommen. Mein erstes Kommando.
Unser Oberbefehlshaber war General Barkley. Wir sollten die Silikanten auf den
Kollanhöhen angreifen, mussten davor aber durch ein enges Tal. Prima Gebiet für einen
Hinterhalt. Also machten wir halt und warteten auf Anweisungen. Ich hatte Nachtwache und
patroullierte um das Camp. Plötzlich hörte ich Stimmen. Als ich näher heran war,
erkannte ich General Barkley, wie er mit den Silikanten redete. Vielleicht
Friedensverhandlungen. Also setzte ich meine Patrouille fort. Am nächsten Tag war der
Silikant in unserem Camp. Der General versicherte uns, er würde uns sicher durch das Tal
führen. Wir sollten uns keine Gedanken über einen Hinterhalt machen. Wir waren
unvorsichtig. Keine Rückendeckung und der Silikant führte uns direkt in einen
Hinterhalt. Außer einem Private und mir wurden alle niedergemetzelt. Wir schleppten uns
schwerverletzt aus dem Tal und wurden von General Barkleys Truppe gefunden. Der Private
wurde zuerst zum General beordert, für eine Aussage. Er kam niemals zurück. Zwei Tage
später fanden sie seine verstümmelte Leiche. Im offziellen Bericht hieß es, die
Silikanten hätten ihn erwischt. Aber ich glaubte es nicht. Ich schlich in das Zelt des
Generals und durchwühlte seine Unterlagen. Ich fand einen Überweisungsbeleg. Der
Mistkerl hatte die ganze Einheit für ein paar lausiger Krediteinheiten verkauft.
Ich wurde wegen der Verletzungen in ein Lazarett gebracht. Drei Tage später erschien er,
um mir sein Bedauern für den Verlust meiner Kameraden auszusprechen. Da bin ich
ausgerastet. Habe ihn zusammengeschlagen."
"Die haben nicht eingegriffen?"
"Schon, aber wer kann schon einen voll ausgebildeten Marine aufhalten, ohne auf ihn
zu schießen? Aber sie konnten es doch. Sechs Mann. Ich wurde vors Kriegsgericht gestellt,
verurteilt und aus dem Corps geworfen. Später habe ich für die Regierung gearbeitet,
habe geholfen, InVitros aus ihren Tanks zu holen. Das ist, als ob man bei einer Geburt
dabei ist. Man fühlt sich dann zu dem InVitro hingezogen. Als ob es das eigene Kind
wäre."
"Daher diese doch verblüffende Einstellung zu InVitros."
"Tja, Colonel, ich habe mehr InVitros als Freunde, als Natürlichgeborene. Und
darüber bin ich sehr glücklich und stolz."
McQueen sah die junge Dame an. Er fand, dass sie etwas ganz besonderes war. Sie war das
genaue Gegenteil von seiner Ex-Frau. Sie kannte sich in der Militärgeschichte aus, mochte
InVitros (d.h. nicht, dass seine Frau InVitros nicht mochte, sonst hätte sie ihn nicht
geheiratet, aber sie kam mit den Anschul-digungen nicht zurecht). Außerdem hatte McQueen
herausgefunden, dass sie ebenfalls Homer liest, klassische Musik hört und sie mag die
Filme von W.C. Fields (im Gegensatz zu seiner Frau). Die ideale Frau und... Was sollte
das? Was waren das für Gedanken? McQueen schüttelte den Kopf.
"Stimmt etwas nicht, Colonel?"
"Nein, es ist alles in Ordnung. Ich..."
"Ty, ich kenne euch InVitros schon sehr lange. Ich weiß, was dieses Augenflimmem,
Herumstottern und Zittern bedeutet."
"Und was?"
Kate beugte sich langsam herüber und gab dem Colonel sanft einen Kuss. McQueen allerdings
zuckte mit dem Kopf zurück.
"Ich mag Sie wirklich sehr, Kate, aber das Corps ist das einzige, was mir etwas
bedeutet. Tut mir leid."
"Schon gut, Colonel McQueen. Mir tut es leid."
Sie stand auf und ging zu ihrem Nachtlager. McQueen blieb sitzen und überlegte noch
lange, ob es richtig war, waser gesagt und getan hatte. Er hatte einmal zu Vansen
gesagt, dass es außer diesem Krieg auch noch etwas anderes geben muss und heute hatte er
sich dagegen entschieden. Ehrlich gesagt, hatte er Angst. Angst, dass er noch einmal
verlassen wird, dass er noch einmal auf die schiefe Bahn gerät und ob er es diesmal
schaffen würde, wieder von ihr wegkommen würde. Außerdem hatte er etwas in den Augen
von Kate zerbrechen gesehen. Er wusste nur nicht, was. Nach einer halben Stunde war er
endlich auch eingeschlafen.
"Die Fähre holt uns auf 0 Punkt 30 ab. In zehn Minuten. Also vorwärts. Wir haben
noch einen langen Weg vor uns." McQueen drehte sich zu Kate um. Die jedoch unterhielt
sich lebhaft mit Wang über die Chicago Bears.
"Haben Sie etwas wichtiges zu bereden, Wang oder wollen Sie
sich von den Chigs Ihren Hintern wegschießen lassen?"
"Was ist denn mit dem Colonel los?"
"Wohl mit dem falschen Bein aufgestanden." Vansen deutete mit dem Kopf in
Richtung des Colonels.
"Nur noch fünf Minuten bis zur Landung."
Plötzlich ein ohrenbetäubender Knall.
"CHIGS!"
Alle gingen sofort in Deckung. Bis auf Kate. Sie lag reglos auf der Lichtung. Die Chigs
feuerten weiter. Es gab keine Chance für McQueen, an sie heranzukommen, ihren Puls zu
fühlen, sich da von zu überzeugen, ob sie tot war oder lebte oder einfach ihre Hand zu
halten, sich von ihr zu verabschieden.
"Da, die Fähre. Los, ich gebe euch Rückendeckung!"
"Wir können sie hier nicht zurücklassen. Sie lebt noch."
"Sir, sie ist tot. Die Chigs haben sie voll erwischt. Glauben Sie mir. Wir müssen
jetzt los, sonst können wir uns gleich daneben legen. Wir schicken noch jemanden her, der
ihre Leiche abholt." McQueen lief los. Jetzt bloß nicht umdrehen, die Leiche nicht
noch einmal sehen. An der Fähre angekommen, tat er es doch. Die Leiche war weg. Die
Chigs. Die Fähre hob ab. McQueen blickte aus dem Fenster. Er fühlte sich schlecht.
Vielleicht hatte sie doch noch gelebt, hatte sich retten können. Diese Gedanken
beschäftigten ihn noch tagelang bis die Nachricht kam. Da wusste er es. Sie bestand nur
aus einem Wort: Normandie.
Nicole Lehmann
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Die Charaktere
und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen
Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und
basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei
erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above & Beyond"
von Glen Morgan und James Wong überein.
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