Der Bronzene Stern

Das Quartier der Wildcards lag im Halbdunkel. Das wenige Licht stammte von einer fernen Sonne, die durch das kleine Fenster bleich hereinleuchtete. Alles schlief... bis auf Shane, die barfuss im Zwielicht stand und geistesabwesend in den Weltraum hinausblickte. Ab und zu richtete sie ihre Augen auf einen sternförmigen Orden, den sie in Händen hielt. Der Bronzene Stern. Er war ihr vor wenigen Stunden für ihre Tapferkeit während eines vergangenen Einsatzes verliehen worden. Eigentlich müsste sie stolz sein, doch alles, was sie fühlte, war Dankbarkeit darüber, noch am Leben zu sein. Tapferkeit! Ein hohles Wort! Sie hatte "tapfer" handeln müssen, weil sie keine andere Wahl gehabt hatte. Wie schon so oft in solchen Nächten, in denen sie nicht schlafen konnte, erschien ihr die Vergangenheit als einzige Aneinanderreihung von bitteren Verlusten. Ihre Eltern, Pags, Kelly... John. - Wer würde wohl der nächste sein? Paul? Phousse ... ? Vielleicht sie selbst? Der Krieg war erbarmungslos. Sie hatte Sehnsucht nach der Zeit in ihrer Kindheit, in der noch alles in Ordnung zu sein schien. Aus ihrer heutigen Sicht erschien ihr sogar jener Tag als ein Sieg, in der ihre Fussballmannschaft die Meisterschaft verloren hatte, weil sie - ein Mädchen von acht Jahren - einen Gegenspieler vorbeigelassen hatte. Zu Hause war sie todunglücklich gewesen. Daran hatte auch die Eiscreme nichts andern können, die ihr ihre Mutter in ihr Zimmer gebracht hatte. Doch dann hatte sie ihr diesen unglaublichen Orden überreicht. Ein Stück Schokolade in goldenem Stanniolpapier, mit einer roten Schleife. Dafür, dass sie sich bemüht und ihr bestes gegeben habe, und die Tränen waren sofort nicht mehr geflossen. Das war eine Auszeichnung gewesen! Viel mehr wert als ein Stück Metall dafür, dass man noch am Leben war und ein paar Feinde umgebracht hatte. Es schüttelte sie, wenn sie daran zurückdachte...

Angespannt saßen die Marines des 58sten und des 60sten Geschwaders auf zwei Stuhlreihen verteilt im Einsatzraum des Trägerschiffes USS Saratoga. Im Hintergrund war durch ein Fenster eines der Startdecks zu sehen, wo Techniker die ausgeklinkten Cockpits der Hammerheads umschwärmten. An der Stirnseite des Raumes standen Commodore Ross und Lieutenant-Colonel McQueen vor einem großen Satellitenfoto, das an eine Tafel gepinnt und angeleuchtet wurde. Ross ließ seinen Blick über die jungen Marines schweifen. Mit fester lauter Stimme erklärte er: "Eine Spähsonde hat die Heimbasis von Chiggi von Richthofen auf dem 4.Planeten des Achilies-Systems ausgespäht."

Unter den Marines breitete sich eine leichte Unruhe aus. Der gefürchtete Superflieger der Chigs war von McQueen in einem Raumkampf zwar vor kurzem vernichtet worden, doch die Erinnerung an den scheinbar unsichtbaren und gnadenlosen Jäger war noch frisch. Ross fuhr fort: "Um zu verhindern, dass der Feind uns in absehbarer Zeit erneut einen Roten Baron präsentiert, werden Sie den Stützpunkt vernichten."

Er sah zu den Wildcards, die in der ersten Reihe saßen. 5 8, Sie werden als Spähtrupp eingesetzt und kundschaften die Luftabwehrfähigkeit der Basis aus. Dann melden Sie es weiter und verdrücken sich wieder. Das 60ste Geschwader wird mit seinen Hammerheads den Rest besorgen. - Colonel!"
McQueen wies mit der linken Hand auf das Satellitenfoto: "Nach den vorliegenden Daten ist es nur ein kleiner Stützpunkt. Etwa fünfhundert auf fünfhundert Meter. Er enthält einen Bunker, vermutlich für die Besatzung und technische Einrichtungen und zwei kleine runde Gebäude, deren Bedeutung wir bisher noch nicht kennen. - Das herauszufinden ist Ihre Aufgabe, Wildcards."
Er musterte seine Leute, die mißtrauisch auf das Foto starrten. Es hörte sich bisher so einfach an. Um so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erwecken, springen Sie aus etwa 33.000 Fuss Höhe aus dem Transporter ab." Paul Wang verdrehte die Augen. "Ich wusste doch, dass die Sache einen Haken hat. Bis wir unten angekommen sind, werden wir Eiszapfen sein."

Der Colonel würdigte ihn keines Blickes. Unbeirrt fuhr er fort. "Öffnen Sie den Schirm erst auf 500 Fuss und gehen Sie sofort in Deckung! Sie bekommen Nachtsichtgeräte und für alle Fälle einen Raketenwerfer. Sobald Sie den Transporter verlassen haben, bleiben noch exakt zehn Minuten Zeit, die Luftabwehr der Basis aufzuspüren und die Positionen der Stellungen an das 60ste weiterzugeben. - Captain Wilks' Einheit wird dann die Basis angreifen und vernichten."

Commodore Ross' Augen blitzten unternehmungslustig auf. "Operation Down Raid beginnt um 7.00. Alles Klar?" "Ja, sir!!!" schmetterten die anwesenden Marines. Ross ballte eine Faust. "Wegtreten! Macht sie fertig!"

Im Inneren des Transporters war eine ständige Vibration zu spüren. Leise im Hintergrund grummelten die Triebwerke vor sich hin. Das Licht war auf ein Minimum reduziert und entsprach in etwa den Verhältnissen auf Achilles, der noch nie in den Jahrmilliarden seiner Existenz so etwas wie wirkliches Tageslicht erlebt hatte. Die Wildcards saßen in gefütterten Kombis auf den Pritschen, die links und rechts an den Wänden des Transportcontainers befestigt waren. Ihre Hände steckten in Fausthandschuhen, die neben dem Daumen allerdings noch eine Aussparung für den Zeigefinger hatten. So konnten sie Waffen bedienen. Auf dem Rücken trugen sie schwarze Fallschirme und kleine Sauerstoffgeräte, die sie während ihres Ab-sprungs über Atemmasken mit Luft versorgen würden. Wie immer vor einem Einsatz lag eine fast fühlbare Spannung in der Luft.
"Wisst ihr, dass wir als Marines nur äußerst seiten die Chance haben, Fallschirm zu springen?" versuchte Paul auf seine typische Art, die Situation etwas zu entspannen.
"Du kannst den Chigs ja ein Dankesschreiben schicken," knurrte Hawkes düster.
"Nein, ehrlich. Ich meine, manche träumen ihr Leben lang davon, einmal so durch die Lüfte gleiten zu können."
"Zu denen gehöre ich sicher nicht," meine Nathan. "Denn wenn wir bemerkt werden, bevor wir unten sind, sind wir so gut wie tot."

Der Flug wurde deutlich unruhiger. Das Schwarz des Weltraums, das bis vor kurzem draußen zu sehen gewesen war, war einem schmutzigen Grau gewichen. Ein Zeichen dafür, dass der Transporter in die oberen Luftschichten der Atmosphäre von Achilles eingetaucht war. An der Decke leuchtete eine rote Signallampe auf.
"Wir nähern uns der Absprungzone. Alles fertigmachen!" tönte eine blecherne Stimme aus einem Lautsprecher.
Shane zog sich die Atemmaske über und setzte dann ihren Helm auf, dessen Riemen sie unter ihrem Kinn fest zog. Dann stand sie auf. "Ok, auf geht's!" befahl sie. "Hängt eure Waffen so über, dass ihr sie abfeuern könnt! - Und denkt daran: Wir öffnen die Schirme erst auf 500 Fuss."
"Und was ist, wenn einer nicht aufgeht?" fragte Wang vorsichtig.
"Ich schätze, dann wird man nicht mehr viel von dir begraben müssen," sagte Cooper zynisch.
Die Cockpittür öffnete sich. Herein kam ein Sergeant; ebenfalls mit Maske und Helm. Ohne zu zögern schlug er mit der Faust auf einen großen Knopf neben der Ein- und Ausstiegsluke. Ein kurzes Zischen ertönte. Dann glitt die Luke zur Seite und gab den Blick auf ein graues Nichts frei. Ein Sturmwind peitschte herein, dass sich die anwesenden Soldaten unwillkürlich irgendwo festhielten.
Der Sergeant blickte Shane direkt an und brüllte in sein Sprechgerät: "Unsere Höhe über der Oberfläche ist 33.500 Fuss. Die Sicht hier oben ist gleich "null", aber weiter unten wird's vermutlich besser."
"33.500," schrie Shane zurück. "Verstanden!"
Sie gab die Höhe noch einmal an ihre Leute durch und stellte dann mit ein paar Knopfdrücken ihren Höhenmesser, den sie um das rechte Handgelenk trug, darauf ein.
"Wir springen in folgender Reihenfolge: West, Wang, Damphousse, Hawkes. Ich bilde das Schlusslicht."
Die rote Lampe wechselte auf eine grüne, welche das Innere des Transporters in ein geisterhaftes Licht tauchte.
"Los, runter mit euch!" Der Sergeant klopfte West, der mit einem tiefen Durchatmen an die Luke getreten war, auf die Schulter.
"Wir sehen uns unten.'* Mit diesen Worten trat er hinaus ins Leere. Shane betätigte ihren Zeitmesser. 10.00... 09.59... 09.58...
Wang blickte Nathan zweifelnd nach. "Wenn ich es mir recht überlege, find' ich Fallschirmspringen doch nicht so toll." Ein lautstarkes "Hooyaahh" ausstoßend, stürzte er sich hinaus. Vanessa folgte ihm auf dem Fuß. Cooper sprang mit einem herzhaften Fluch auf den Lippen. Und dann war Shane an der Reihe. Als sie an der Luke stand, war von dem InVitro schon nichts mehr zu sehen. Nach kurzem Zögern hechtete sie den Wildcards nach.

Von einem Moment auf den anderen rutschte ihr der Magen in die Kehle. Sie war nur von Grau umgeben und für einen Augenblick kam sie sich vor, als sei sie der einzige Mensch im Universum. Die Luftmassen schlugen auf sie ein, bis sie unkontrolliert in die Tiefe stürzte. Langsam kam eine leichte Panik auf. Sie hatte keine Ahnung mehr, wo oben oder unten war. Ruhig bleiben! ermahnte sie sich. Wie sie es in der Ausbildung gelernt hatte, breitete sie Arme und Beine aus, um einen größeren Luftwiderstand zu bieten. Sofort stabilisierte sich ihr Sturz. Sie schien fliegen zu können. Auf einem Luftkissen über den Himmel zu schweben. Die Angst machte einem Hochgefühl Platz. ‚Wow', dachte sie. Wenn, dann will ich als Vogel wiedergeboren werden

Innerhalb eines Augenschlags riss die graue Wolkendecke unter ihr auf. Mit einem Schlag wurde sich Shane wieder bewusst, dass sie keineswegs flog, sondern mit über hundert Meilen in der Stunde auf die Oberfläche von Achilles zu raste. Jene bot sich als finstere Staubwüste dar, die sich von Horizont zu Horizont erstreckte. Der Stützpunkt, der ihr Ziel war, hob sich als schwach helleres Viereck kaum von der Wüste ab.

Shane musste sich zwingen, ihren Blick von der Oberfläche loszureißen und die rasch schrumpfenden Leuchtziffern des Höhenmessers in Augenschein zu nehmen. Noch fast 10. 000 Fuss? Konnte das sein? Die Oberfläche erschien ihr bereits zum Greifen nah. Hatte sich die Besatzung des Transporters vielleicht geirrt, was ihre Höhe betraf? - Unsinn! Instrumente irren sich nicht. - Aber was war, wenn doch ein Fehler vorlag? - Dann donnerten sie ungespitzt in den Boden. - Wenn sie ihren Schirm allerdings zu früh öffnete, stieg die Wahrscheinlichkeit, dass die Chigs sie entdeckten, ins Unermeßliche.

Plötzlich entfaltete sich tief unter ihr eine schwarze Blume. West's Fallschirm! Der von Wang flappte ebenfallsauf. Ein kurzes Fiepen im Kopfhörer erinnerte Shane daran, dass auch sie gleich 500 Fuss erreicht hatte. Das Quadrat des Stützpunktes links unter ihr war inzwischen deutlich größer geworden. Pip... pip... Piiiiiip!
Shane zog die Reißleine ... und schien noch im selben Augenblick in ihrem Gurtzeug nach oben gerissen zu werden. Der Sturmwind, der bisher um sie herum gepfiffen hatte, verstummte fast.
"Alles klar, Leute?"' wandte sie sich zum ersten Mal, seit sie den Transporter verlassen hatten, über ihr Sprechgerät an ihre Kameraden.
"Alles..." hörte sie Nathan's Stimme aus dem Kopfhörer. Doch dann stieß er eine Verwünschung aus. Mit gehetzter Stimme rief er: "Verdammt, sie erwarten uns schon. Ich sehe überall..." Der Rest des Satzes ging in mehreren Schüssen einer M590 unter. Shane sah, wie unter ihr auf der Oberfläche etwas aufblitzte. Für einen Augenblick wurde im Umkreis von etwa hundert Metern alles von der Detonation einer Granate taghell erleuchtet. Sie erkannte die dämonenhaften Gestalten mehrerer Chigs. Und dann brach die Hölle los! Die runden Leuchtkugeln des Feindes durchzuckten die Dunkelheit. Die Sturmgewehre der Marines antworteten. Das einzige, was Shane zunächst von den Wildcards sehen konnte, war ihr Mündungsfeuer.
Dann wieder Explosionen. Feuer und Staub grollte in den Himmel. Dazu kamen die Schreie von Nathan, Paul, Coop und Vanessa im Sprechgerät. Für den Bruchteil einer Sekunde war Shane wie gelähmt. Doch dann riß sie sich die Atemmaske herunter und zog sich die Nachtsichtbrille über die Augen. Die Maske ließ sie achtlos fallen. Ihre ganze Umgebung wurde aus ihrer Sicht in ein grünes Schimmern getaucht. Jetzt endlich konnte sie sehen, was unter ihr vor sich ging.
Hawkes erreichte soeben den Boden und ließ sich augenblicklich in den Staub fallen. Die Landezone der Wildcards war ein unförmiger Krater von etwa fünfzig Metern Durchmesser, aber einer nur unwesentlichen Tiefe, so dass es kaum Deckung gab. Die Marines wurden von zwei Seiten unter Feuer genommen, während ein Trupp Chigs von einer driften Seite herangestürmt kam und in wenigen Augenblicken den Krater erreichen würde. Im aufzuckenden Licht erkannte Shane aber noch andere Gestalten. Humanoide Gestalten. -Silicanten!

Was sollte sie tun? Sie würde gleich selber im Krater landen und wie die anderen in der Falle sitzen. Eine leuchtende Kugel durchschlug ihren Schirm. Flammen züngelten auf. Sie verzehrten den Stoff mit einer beängstigenden Geschwindigkeit. Ihr Fall beschleunigte sich.
Eine unbändige Wut kochte in Shane hoch. Ohne noch eine Sekunde zu zögern, nahm sie ihr M590 in den Anschlag, entsicherte sie mit dem rechten Daumen und begann, wie eine Wahnsinnige zu feuern. In kaum unterbrochener Folge sandte sie tödliche Projektile in die Chig-Gruppe, die ihr am nächsten war. Ohne zu zielen, drückte sie immer und immer wieder ab. Chigpanzer wurden durchschlagen, grünes Blut spritzte durch die Gegend, Staubfontänen wirbelten hoch, wenn sie in den Boden schoß.
"Ich lande außerhalb des Kraters und fall' ihnen in den Rücken!" Hatte sie das wirklich gerufen? Ihre Stimme war weit weg.

Das Gewehr nur noch mit einer Hand bedienend, zog Shane am linken Steuerseil ihres Fallschirms. Eine Qualmwolke hinter sich lassend, beschrieb sie eine schwache Linkskurve. Die Chig-Gruppe wischte nach rechts davon. Plötzlich sah sie direkt unter sich einen Silicanten. Er war offenbar überrascht durch ihre geflogene Kurve, denn seine Waffe zeigte in die falsche Richtung. Das rettete ihr vermutlich das Leben. Mit einem Kampfschrei trat sie dem künstlichen Wesen gegen den Kopf, kurz bevor sie knapp neben ihm zu Boden ging. Noch im Abrollen löste sie sich vom Schirm, der in Zeitlupe direkt über den verwirrten Silicanten sank.

Auf dem Boden liegend, sah Shane, wie sich die ersten Chig-Soldaten nach ihr umdrehten. Sie waren etwa dreißig Meter von ihr entfernt. Vollkommen mechanisch visierte sie den ersten an und drückte ab.
Klick! Oh nein!
Gerade noch rechtzeitig rollte sie sich hinter einen Felsen, wobei ihr die verdammte Sauerstoffflasche schmerzhaft in den Rücken drückte. In ihrer unmittelbaren Nähe schlugen leuchtende Kugeln ein. Sie wurde mit Dreck überschüttet. Hinter dem Felsen für wenige Sekunden in Sicherheit, riß sie eine Lenkgranate vom Gürtel. Nachdem der Sprengkörper entsichert war, warf sie ihn in die Luft. Die kleinen Flügel schnellten auf. Momente später ertönte eine Explosion, die das Feuer der Chigs kurz zum Verstummen brachte. Noch mehr Dreck regnete herab. Shane blieb genug Zeit, um das leere Magazinauszuwerfen, ein volles in die M590 zu rammen und die Waffe durchzuladen. Sie schaltete auf vollautomatisches Feuer. Zum Zielen würde sie ohnehin keine Zeit haben. Nach einem kurzen Durchatmen schnellte sie hoch. Die Waffe hämmerte los. Sie sah nur noch Blitze und Schatten, während sie schreiend auf die Chigs zurannte, die sie für vollkommen übergeschnappt haften mussten.
"Aus dem Krater! -Los!" Wieder schien ihre Stimme weit weg zu sein. Irgendwo vor ihr erhoben sich Gestalten aus dem Staub. Ein Chig-Soldat tauchte direkt vor ihr auf und war einen Sekundenbruchteil später bereits tot. Um sie herum verschwamm alles. Shane schien außerhalb ihres Körpers zu sein. Sie registrierte die Schlacht, als würde sie sich einen Film ansehen.
Plötzlich schüttelte sie jemand. "Shane!!" Sie glaubte, es war Nathan. Seine Stimme wurde aber von einer anderen fast vollkommen übertönt. Großer Gott, war sie das?
"Shane, hör‘ auf, er ist tot!!!"
Erst langsam begann ihr Verstand wieder zu arbeiten. Sie kauerte auf einem am Boden liegenden Chig.
Ihre rechte Faust umkrampfte ihr Kampfmesser mit nach unten gerichteter Klinge, die tief in einer grünlichen Masse steckte, die vermutlich einmal der Hals des Alien gewesen war. Ihr Kombi war mit Chigblut bespritzt.
"Sie ziehen sich zu ihrem Stützpunkt zurück," triumphierte Hawkes.
Der Stützpunkt! durchfuhr es Shane siedendheiß. Der Grund, warum sie eigentlich hier waren! Die feindliche Luftabwehrl
Lieutenant Vansen sprang auf die Beine."Verdammt, wieviel Zeit haben wir noch?"'
"Knapp fünf Minuten," erklärte Damphousse nach einem kurzen Blick auf ihren Chronometer.
Cooper schüttelte heftig den Kopf. "Seid ihr verrückt? Die Chigs sind bestimmt gleich wieder hier, wir müssen weg! - Scheiß auf den Angriff!"
Shane musste für einen Augenblick die Augen schließen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Ihr Puls raste und das Adrenalin in ihrer Blutbahn hätte jeden Elefanten zum Durchgehen gebracht. Beruhig' dich! Sie musterte so konzentriert wie möglich die Bauwerke der Basis, die in einigen hundert Metern Entfernung in den finsteren Himmel aufragten. Von ihrer Stelle aus war nichts zu erkennen, dass irgendwie nach einer Luftabwehrbatterie aussah. Ein scharfer Knall vom Stützpunkt ließ sie zusammenzucken. Nach wenigen Sekunden war ein langsam lauter werdendes Pfeifen von oben zu hören.
"Artillerie - Volle Deckung!" Und schon lagen sie wieder im Staub. Ein schwerer Einschlag ließ die Luft erzittern und raubte ihnen den Atem. Erde, Staub und Feuer grollte fast fünfzig Meter hoch.
"Wir sind zu dicht zusammen. - Verteilt euch!" befahl Shane. Wäre das Geschoß nur fünfzig Meter kürzer heruntergekommen, wären sie alle auf einen Schlag getötet worden.
Noch vier Minuten!
Sie mussten unbedingt herausfinden, wie die Basis gegen Angriffe aus der Luft geschützt war, sonst flogen die Jäger des 60sten Geschwaders direkt ins Verderben.
Während sie zu einem Erdloch etwa zwanzig Meter links von ihrer jetzigen Position rannte, nahm sie ihr Elektronenfernglas in die linke Hand. Von ihrer neuen Stellung aus riskierte sie einen Blick hindurch, nachdem sie die Nachtsichtbrille heruntergezogen hatte. Der Stützpunkt war von einem Zaun umgeben. Vor dem Gewölbe, das vermutlich die Oberseite eines Bunkers war, standen unzählige fremdartige Fahrzeuge.
An der Vorder- und Rückseite der Basis ragten zwei Kuppeln auf, die auch schon auf dem Satellitenfoto auf der Saratoga zu sehen... Peng!
Shane schloß die Augen und tauchte vollkommen in ihr Erdloch ein. Der folgende Einschlag wirkte so, als habe eine Gottheit mit der Faust in die Planetenoberfläche geschlagen. Für wenige Augenblicke war sie von dichtem Staub umgeben. Als sie die Augen öffnete, fingen diese sofort an zu brennen.
"Das Geschütz steht auf der uns abgewandten Seite," hörte sie Nathan's Stimme im Kopfhörer.
Noch drei Minuten!
"Keine Flugabwehr zu..."
"T-77-Panzer!" wurde Nathan von Paul hastig unterbrochen. "Er nähert sich uns."
"Na klasse, jetzt wird's gemütlich," schimpfte Hawkes.
Shanes Blick wurde jedoch von etwas anderem angezogen. Plötzlich teilten sich die beiden Kuppeln und versanken im Boden. Sie legten zwei Plattformen frei, über denen sie ein Schimmern bemerkte, das ihr nur zu vertraut war. Chig-Jäger!
Unter jeder Kuppel kamen drei von ihnen zum Vorschein. Sie schwebten knapp über ihrer Plattform, als warten sie auf irgend etwas.
"Jäger!" hörte Shane irgend jemanden rufen. Damit konnten sie die scheinbar so einfache Operation Down Raid endgültig in den Wind schreiben. Der Stützpunkt verfügte über keine bodengestützte Flugabwehr, sondern über Kampfflieger. Die Hammerheads von Captain Wilks würden ihnen direkt vor die Rohre fliegen.

Hochspritzende Staubfontänen näherten sich ihnen. Die Sekundär-Kanonen des T-77, der langsam aber stetig anrückte. Shane drückte sich wieder in ihr Erdloch.
"Phousse, setz dich mit dem 60sten in Verbindung. Sag' ihnen, dass hier Jäger auf sie warten!"
Ein Artillerie-Einschlag in unmittelbarer Nähe! Shane spürte einen Hitzeschwall. Sie schießen sich auf uns ein!
"Stellungswechsel!"
Und schon rannte sie wieder. Aus den Augenwinkeln sah sie die schimmernde Panzerung des T-77, der inzwischen bedrohlich nah war. Shane warf sich hin. Für einen Augenblick sah sie die Ziffern ihres Chronometers. 01.49... 01.48...
"Ich komme nicht durch," hörte sie Vanessa's verzweifelte Stimme im Sprechgerät. Shane ignorierte sie. Sie konnte ihre Augen nicht mehr von dem tödlichen Ungetüm des T-77 wenden. In wenigen Sekunden würde alles vorbei sein.
Plötzlich blitzte etwas auf. Die rechte Seite des Panzers wurde vollkommen zerfetzt. Das Ungeheuer wurde halb herumgedreht und blieb liegen.
"Hoo-yah," triumphierte Paul Wang. Auf der rechten Schulter einen Raketenwerfer. Doch seine Freude war nur von kurzer Dauer. Vom Stützpunkt näherte sich bereits der nächste T-77.
"Ich komme nicht durch!" wiederholte Vanessa.
"Versuch' es weiter, verdammt!" fauchte Vansen.
Eine unglaubliche Druckwelle fegte sie über den Boden. Für einen Augenblick dachte sie, ersticken zu müssen. Mit größter Anstrengung robbte sie durch den Schmutz. So schnell sie konnte.
"Ich kann sie nicht erreichen," meldete Phousse erneut. Ihrer Stimme war anzumerken, dass sie kurz davor stand, in Tränen auszubrechen. Ein Schuß der T-77-Panzerkanone pflügte den Boden um. 00.46...
00.45...

Shane glaubte, aus der Ferne bereits das Donnern der Hammerhead-Triebwerke zu vernehmen. Über den zwei geöffneten Kuppeln kam Bewegung auf. Kein Zweifel! Die Jäger des 60sten waren bereits geortet. Die Wildcards mussten irgend etwas tun, sonst war alles verloren.
"Wang. - Feuer auf die Jäger!" überschrie Vansen das sie umgebende Getöse.
"Oh, Scheiße!" war alles, was Wang antwortete. Shane verstand. Er hatte noch ganze zwei Raketen, denen mit dem T-77, den Jägern und dem Artillerie-Geschütz acht Ziele gegenüberstanden. Darüber hinaus ging die Hauptbedrohung für sie auch gar nicht von den Jägern, sondern von dem Panzer aus.
Aber Shane wusste, dass, sollte das 60ste von den Fliegern heruntergeholt werden, der T-77 ihre Lage auch nicht mehr wesentlich verschlimmern konnte. Dann waren sie ohne Zweifel tot!
Shane sah, wie sich Paul, der in einiger Entfernung von ihr Stellung bezogen hatte, etwas aufrichtete, um besser zielen zu können. Er ging augenblicklich wieder in Deckung. Der T-77 hatte sie fast erreicht und würde in wenigen Sekunden Hackfleisch aus ihnen machen. Quietschend schob er das ausgebrannte Wrack seines unglücklichen Vorgängers zur Seite.
"Ich kann so nicht zielen!" schrie Paul.
"Lenkgranaten! Panzer ablenken!"
Ohne auf die Bestätigung der anderen zu warten, löste Shane ihre zweite und letzte Granate vom Gürtel und schickte sie auf den Weg. Als sie ihr einen kurzen Blick hinterher warf, bemerkte sie, wie die ersten drei Jäger über ihrer Plattform aufstiegen, um die Hammerheads in Empfang zu nehmen. Unten am Boden knallten dem T-77 die ersten drei Granaten in die Seite. Fast gleichzeitig schickte Paul eine Rakete auf den Weg. Einer Feuerlanze gleich fauchte sie durch die Luft.

Zwei weitere Sprengkörper traktierten den Panzer. Die Detonationen grollten über ihn hinweg, ohne auch nur eine Beule zu hinterlassen. Aber mehr als eine symbolische Wirkung war ohnehin nicht zu erwarten gewesen.
Nun stiegen auch die drei übrigen Chig-Jäger auf. Paul's Rakete änderte, sich seinem Opfer nähernd, die Richtung. In etwa siebzig Metern Höhe wurde die feindliche Maschine zerfetzt. Glühende Trümmer regneten vom Himmel. Ein paar von ihnen trafen eine zweite Maschine, die zu trudeln begann.
"... Verstanden. Köpfe runter!" Das war Vanessa's Stimme.
Mehrere Meilen hinter ihnen leuchteten Feuerkugeln am Himmel auf. Shane's Blick fiel auf ihren Zeitmesser. 00.00.
Über ihnen heulten plötzlich mehrere SRAMs (Short Range Attack Missiles) von Hammerheads durch die Luft. Der T-77 und die Chig-Jäger wurden hinweggefegt.
Die ersten zwei Hammerheads donnerten über den Stützpunkt hinweg. Sie hinterließen mit ihren Streubomben ein Flammeninferno. Shane's Welt bestand nur noch aus Tosen und Feuer. Sie lag flach auf dem Boden, die Augen fest geschlossen und die Hände schützend über ihrem Kopf. Und sie glaubte, den Verstand zu verlieren.

"Treten Sie vor, Lieutenant," tönte Commodore Ross' Stimme über das Landedeck. Mechanisch folgte Shane Vansen seinem Befehl. Mit streng geradeaus gerichtetem Blick baute sie sich vor dem hohen Offizier auf. Schräg hinter ihr standen die übrigen Wildcards, wie sie in makelloser Paradeuniform und weißen Handschuhen, nach einem Kommando von Colonel McQueen auf einen Schlag stramm. Commodore Ross entfaltete mit ausgestreckten Armen eine Urkunde. "Für herausragende Leistungen und besondere Tapferkeit vor dem Feind verleihe ich dem hier anwesenden Lieutenant Shane Vansen den Bronzenen Stern. 15. März 2064!" Der Commodore fuhr mit stolzer Stimme fort. Redete von Pflichtbewusstsein, Tapferkeit und Vorbildern, doch Shane hörte ihm kaum zu. Sie dachte an eine Zeit zurück, in der noch alles in Ordnung zu sein schien. An ein Stück Schokolade in goldenem Stanniolpapier, mit einer roten Schleife.

Mit einem dicken Kloß im Hals hob Shane den Bronzenen Stern in das schwache Licht der fernen Sonne, die noch immer bleich durch das Fenster hereinleuchtete. Ein Stück Metall, mit dem sie wahrlich keine schönen Erinnerungen verband. Wäre das 60ste Geschwader nur einen Moment später gekommen und hätte Vanessa Wilks' Truppe über Funk nicht doch noch vor den Jägern warnen können, sie stünde jetzt nicht hier.

Ganz allmählich wurde sie sich des kalten Fußbodens im Quartier der Wildcards bewusst. Vielleicht sollte sie versuchen, doch noch etwas zu schlafen. Mit einem Seufzen drehte sie sich um und ging zu ihrer Koje.

Eric Zerm

Copyright © 1999 Alle Rechte beim Autor. Nachdruck, aus Auszugsweise, Veröffentlichung oder Vervielfältigung jeglicher Natur  ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors erlaubt.  

Die Charaktere und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above & Beyond" von Glen Morgan und James Wong überein.

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