... und das Leben geht weiter
(Teil 3)

"Oh, das tut mir wirklich sehr leid. Ich habe Sie gar nicht gesehen." Cooper bückte sich mit einer Engelsmiene und tat so, als wolle er ihm helfen. Doch in Wirklichkeit wollte er nur einen Blick auf diese Unterlagen werfen, weiche weit verstreut um sie herumlagen.
"Mist! Könnt ihr Marines denn nicht aufpassen?"
Cooper lächelte ihn unschuldig an. "Dass ich auch immer so ungeschickt bin. Hier, vergessen Sie die nicht. Sonst bekommen Sie womöglich noch Ärger und das wollen wir doch auf keinen Fall."
Genervt riß er Hawkes einen Stapel Blätter aus der Hand.
"Jaja, schon gut."

Unbemerkt hatte sich Cooper einige Unterlagen hinter seinem Rücken in die Hose gesteckt und entschuldigte sich abermals. Nach einem etwas zornigem Blick zu Hawkes machte er kehrt und ging davon. Cooper sah ihm grinsend nach, während er langsam die stibitzten Unterlagen hervorzog. Doch sein Grinsen erstarrte nur wenige Sekunden später.

Als Nathan Cooper‘s Gesichtsausdruck sah, als dieser in die Taverne kam, stand er sofort auf.
"Coop, alles okay?"
Er schüttelte den Kopf, einen kurzen Blick auf Anderson werfend. "Ich muß mit dir reden."
West deutete den anderen an, dass er mit Cooper rausgehen würde und folgte ihm dann.
"Was ist denn nun wieder?"
Wortlos reichte Coop ihm die Unterlagen.
"Was ist das?"
"Frag' nicht so viel, sondern lies."
Nathan schien zu zögern. "Wo hast du die her?"
"Verdammt, du sollst aufhören zu fragen!" Er entriß Nathan die Papiere und schlug die Mappe auf. "Das sind Berichte von Anderson. Und rate mal, an wen die adressiert sind ?"
"Aerotech." Seine Antwort klang weder nach einer Frage noch nach einer Feststellung.
"Richtig. Dieser Mistkerl schreibt Berichte über jedes einzelne Wort, was wir von uns geben. Ich bring' ihn um."
"Und dann?"
"Na, dann ist er tot, würd' ich mal sagen."
Nathan kratzte sich grinsend am Kinn. "Und wir würden Shane nie wieder finden."
Cooper sah Nathan verständnislos an. "Was... wie meinst du das?"
"Coop, denk` mal nach. Wir haben keine Ahnung, wo Shane festgehalten wird, richtig?"
"Richtig."
"Ja, und wir werden wahrscheinlich auch nie eine Spur von ihr finden, es sei denn..."
"Es sei denn, jemand, der weiß, wo sie ist, gibt uns einen Tip."
Cooper lachte erstaunt auf. "Du willst Anderson dazu benutzen, um Shane zu finden?"
"Damit würden wir endlich mal den Spieß umdrehen."
"Manchmal bist du wirklich genial, West."
Cooper strahlte nun übers ganze Gesicht. Am liebsten wäre er Nathan vor Freude um den Hals gefallen. "Das ist ganz schon gerissen. Woher hast du das?"'
Nathan's Gesichtszüge strafften sich wieder. "Nach allem bleibt einem nichts anderes mehr übrig. Ich werde in diesem Leben nichts mehr Aerotech überlassen, was mir wichtig ist. Die haben mir schon genug genommen..."
"Aber wie kamst du so schnell drauf? Weißt du vielleicht mehr, als du mir sagen willst?" Da war er wieder, dieser mißtrauische Blick in Cooper‘s Gesicht.
"Das könnte ich dich auch fragen. Immerhin kamst du mit diesen Unterlagen an, oder?!"
Hawkes grummelt ein unverständliches "ja" und fing wieder an zu grinsen. "Wenn das klappt, werden wir sie aufgrund deiner tollen Idee finden."
"Nein. Du hast die Vorarbeit geleistet und ich habe den Plan entwickelt. Langsam wird aus uns beiden..."
"...ein Team?" Überrascht sah Nathan Cooper an. "Jaaa... ein gutes Team." Daraufhin grinsten beide.

Doch als sie die Taverne betraten und Cooper Anderson bei einem seiner Witze sah, platzte ihm beinah' der Kragen. Wie konnte dieser Typ nur so falsch sein? Er gab sich als Freund aus, als ein Mitglied des 58sten und war am Ende bloß ein Spitzel von Aerotech. Wahrscheinlich würde er keine Sekunde zögern, ihn und Nathan nur aus dem Weg zu schaffen, wenn es Probleme gab. Er mußte seine ganze Selbstbeherrschung aufbringen, um den Captain nicht sofort über Bord zu werfen. Aber nicht, ehe er ihn zuvor in tausend Stücke zerrissen hatte. Ganz bewußt setzten sich Nathan und Cooper Anderson gegenüber und beobachteten ihn unauffällig. Irgendwann mußte er sich doch verraten und dann hätten sie ihn.

"Sagt mal..." Nathan stützte sich auf den Tisch und sah seine Einheit eindringlich an, "was haltet ihr überhaupt von der Aussage des Chig-Botschafters, dass, Aerotech an diesem Krieg schuld ist?"
Cooper studierte das Gesicht von Anderson... Nicht die geringste Reaktion.
"Völliger Blödsinn!" warf Charly in die Runde. "Auch wenn das alles wahr sein sollte, gab es ihnen nicht das Recht, die Kolonisten abzuschlachten." Kyle hob sein Glas und meinte gelassen: "Es ist egal, wer den Krieg begonnen hat. Wichtig ist nur, wer ihn beenden kann."
"Findest du?" Sam starrte Anderson grimmig an. "Für dich ist es also unwichtig, dass tausende Leben hätten nicht geopfert werden müssen, wenn Aerotech...
"Das habe ich nicht gesagt. Aber Fakt ist, dass wir es eh' nicht mehr ändern könnten. Viele Menschen sind gestorben, das weiß ich sehr wohl, Aber nicht Aerotech hat abgedrückt."
Nathan sah, dass Cooper unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutschte und stieß ihn deswegen leicht an. In Cooper‘s Augen war der blanke Haß, als er sein Gesicht Nathan zuwandte. Nathan schüttelte den Kopf. Er hoffte, dass Coop sich unter Kontrolle hatte.
"Auf welcher Seite bist du überhaupt?"
Anderson sah Robert ernst an. "Auf meiner. Ich habe, genau wie ihr, viele Freunde wegen den Chigs verloren und das werde ich ihnen heimzahlen."
"Wieso? Weil die Chigs ihre Heimat verteidigt haben?"
Nun schauten alle zu Chris, der an der Bar sitzend seinen Kommentar dazu gegeben hatte.
"Dich hat keiner gefragt, oder?" giftete Anderson ihm zu.
"Hey, er hat dasselbe Recht auf Meinung wie du." Sam schien wütend zu sein, das konnte man ihr ansehen.
"Was soll das denn? Habt ihr nun alle den Verstand verloren? Die Chigs sind unsere Feinde."
Nun reichte es Cooper. Er sprang auf, kippte sein Glas um und schmiß seinen Stuhl um. "Was heißt das schon... der Feind? Soll ich dir mal was sagen, Captain?"
Captain sprach Cooper so verächtlich wie möglich aus. "Ich habe in diesem Krieg mehr Chigs getroffen, denen ich eher vertraut hatte als irgendeinem Aerotech..."
Nathan stand rechtzeitig auf, um seinen Freund vor einer falschen Bemerkung zu bewahren. Denn die Aerotech-Mitarbeiter mit Schimpfwörtern zu versehen, würde Coop's Gesundheit wohl nicht gut tun.
"Okay, das reicht jetzt. Lassen wir das Thema, einverstanden?"'
Alle nickten bis auf Anderson. Sein Blick war noch immer auf Coop gerichtet, miteiner Kälte wie Eis. Sogar Chris hatte er damit einschüchtern können. Doch Coop wurde nicht nervös, im Gegenteil. Hier ging es um Shane, dessen war sich Nathan sicher. Und niemand sollte sich mit Hawkes anlegen, wenn es darum ging.
"Hab' ich dir irgendwas getan, Hawkes?" fragte Anderson plötzlich mit sanfter Stimme und auch dieser Blick war verschwunden. Hatte er ihn sich womöglich nur eingebildet?
"Mir nicht, aber..."
Entsetzt riß Nathan die Augen auf. Ein zweites Mal konnte er Cooper doch nicht ins Wort fallen. Zum Glück schaltete Sam in dieser Situation. Sie wußte ja, was hier auf dem Spiel stand. Zumindest teilweise und den Rest konnte sie sich zusammenreimen.
"Oh, verdammt, mir ist vielleicht schlecht."
Sie stand übertrieben auf und sackte dann schnell zusammen, so dass Cooper sie auffangen mußte. Er reagierte blitzschnell und vergaß seinen angefangenen Satz. "Sam... was ist denn? Hey, sag' doch was!" Er kniete nun auf dem Boden, mit Sam in seinen Armen. Vorsichtig schlug er ihr auf die Wangen, damit sie endlich die Augen öffnete.
Nathan hatte erleichtert ausgeatmet, als Sam mit ihrer Tat von dem Gespräch abgelenkt hatte. Das war wirklich verdammt knapp gewesen, ging es ihm durch den Kopf. Irgendwie wußte er, dass Sam diesen Anfall nur vorgetäuscht hatte. Wieder einmal standen er und Coop in ihrer Schuld. Jetzt wußte er, dass sie Sam vollständig vertrauen konnten. Nach einigen Minuten hatte sich Sam erholt. Cooper hatte sie mit einem Glas Wasser versorgt und als sie sicher war, dass Hawkes und Anderson ihr Gespräch vergessen hatten, stand sie wieder auf.
"Mir geht's gut, danke. Ich weiß auch nicht, was auf einmal los war."
"Ein Bier zuviel, dass war los," grinste Anderson. "Zeit, schlafen zu gehen. Wir haben morgen einen schweren Tag."
Die anderen gingen, ausgenommen Sam, Coop und Nathan.
"Coop, du solltest dich bei ihr bedanken. Sam hat dir wahrscheinlich die Haut gerettet." Cooper sah Nathan verdutzt an. 'Was?"'
"Du warst dabei, alles auszuplappern. Anderson hatte dich danach wohl in der Luft zerrissen."
"Der soll mir bloß in die Hände geraten. Vor dem habe ich keine Angst."
"Was ist mit Anderson?" Sam wirkte ein wenig unsicher, da sie noch nicht wußte, weshalb Cooper und Nathan so komisch auf ihren Captain reagierten.
"Er arbeitet für Aerotech."
Sam schloß die Augen. "Oh, nein... Aber das erklärt einiges."
Nathan nickte, "Hör' zu: Wir sind dir wirklich sehr dankbar, dass du uns..." Er blickte dabei zu Hawkes, "... aus dem Schlamassel geholfen hast. Wenn wir jetzt einen Fehler machen, können wir alles vergessen und..." West holte tief Luft und überlegte kurz, wie er das am einfachsten ausdrücken konnte, "...und es wäre sicherer für dich, wenn du auch nicht mehr darüber erfährst."
Eigentlich hatte er sich dies sparen können, denn im Grunde wußte er ganz genau, dass Sam nichts mehr davon abhalten konnte, ihnen zu helfen. Und wenn er ehrlich war, war er sogar froh darüber. Jede Hilfe konnten sie gebrauchen, vor allem jetzt, wo sie niemandem mehr trauen konnten.
"Nathan...., " seufzte Sam schließlich, "du und Coop, ihr könnt nicht gegen die Chigs, Aerotech und alle anderen alleine kämpfen. Bist du sicher, dass es nicht nur falscher Stolz ist, dass ihr meine Hilfe nicht annehmen wollt?"
"Vielleicht hat du recht. Ich bräuchte wirklich jemanden, der auf Coop aufpasst."
Sam und Nathan grinsten, während Coop ein wenig verwirrt wirkte. "He, was soll das schon wieder? Ich..."
"Vergiß' es, Coop. Das war ein Scherz."
"Mal wieder auf meine Kosten, was?" Cooper wirkte nun ein wenig gekränkt, bis Sam an seinem Ärmel zupfte. Er drehte den Kopf zur Seite, um sie ansehen zu können.
"Verzeihst du mir?" Sie hatte den Kopf gesenkt, doch ein Lächeln umspielte ihre Lippen.
"Weiß nicht. Ich mag es nicht, wenn man mich wie ein Baby behandelt."
"Wo hast du denn das her?" fragte Nathan erstaunt.
"Keine Ahnung. Aber es ist doch so oder etwa nicht?"
Ein wenig hilflos sahen sich Sam und Nathan an. Sie hatten nicht vorgehabt, Cooper zu verletzen und diesmal war er es wirklich.
Sam bat Nathan mit einem Kopfnicken, sie mit Coop alleine zu lassen. Nachdem er gegangen war, stellte sie sich direkt vor ihn.
"Jetzt hör mir bitte mal zu, Coop. Weder ich noch Nathan würden dir jemals bewußt wehtun. Das muß dir doch klar sein. Wir sind deine Freunde und mögen dich viel zu sehr. So kleine Scherze unter Freunden sind erlaubt oder willst du mir sagen, dass ihr Wildcards das nie getan habt?" Damit Sam nicht immer zu ihm hochgucken mußte, setzte er sich auf den Rand des Tisches. Er war nervös und der einzige Grund, weshalb er wegen des Witzes so gekränkt reagiert hatte, war, dass sie beide über ihn gelacht hatten; dass Sam mit Nathan über ihn gelacht hatte. Und das fand Cooper gar nicht lustig. "Ich kann es nunmal nicht leiden, wenn du mit Nathan... naja, wenn ihr euch über mich lustig macht."
"Aber das ist doch nicht böse gemeint." Behutsam legte sie ihre Hand auf seine Brust. Nun blickte er noch verwirrter drein.
"Ich könnte dir niemals wehtun, niemals." Sams Stimme war kaum noch zu hören, als sie einen Schritt naher zu Coop ging. Kaum eine Handfläche hatte noch zwischen ihnen gepaßt. Ohne darüber nachzudenken, nahm Cooper Sam's Gesicht in die Hände und zog es hastig an seines heran. Dann drückte er seine Lippen auf ihren Mund. Irgendwie erwartete er eine Abwehrreaktion von ihr, aber sie tat genau das Gegenteil. Sie erwiderte seinen Kuß.
"Nein... stop. Das dürfen wir nicht!" Ruckartig riß sie sich von Cooper los und sah, dass er seine Stirn runzelte. "Warum nicht?"
"Weil... weil es Krieg ist und wir zu derselben Einheit gehören. Es würde alles so kompliziert werden."
"Und woher weißt du das?"
"Was?"
"Sam, was ist auf einmal los? Das letzte Mal hast du anders reagiert."
"Ja, und du konntest dich nicht mehr erinnern." Sie grinste.
"Das war doch nicht meine Schuld, Außerdem kann ich mich wieder erinnern und das zeigt, dass es für mich was schönes war."
"Es ist ja auch was schönes, aber es ist der falsche Zeitpunkt. Denk` doch mal nach. Hier, auf einem Kriegsschiff eine romantische Beziehung aufzubauen, ist völlig unmöglich!"
"Was für eine romantische Beziehung?"
"Coop, ich habe mal eine Frage: Hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, wie eine, ähm... Freundschaft... mit einem Mädchen aussieht?" Er nickte leicht.
"Okay, und weißt du auch, was man alles tun muß, damit es hält?"
Nun schüttelte er den Kopf. "Woher soll ich das wissen? Mir hat es doch niemand beigebracht."
"Aber du mußt eine Vorstellung oder so davon haben, sonst..."
"Ich habe früher die Menschen beobachtet. Man ist einfach zusammen."
Sam schloß die Augen und atmete lange aus. Hätte es einen Sinn, ihm von der normalen Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau zu erzählen? Würde er das überhaupt verstehen können? Andererseits, was war eine normale Beziehung? Vor allem jetzt, in Kriegszeiten... einfach zusammen ist das nicht vielleicht das einzige, was wirklich zählt? Während sie darüber nachdachte, hatte sie nicht gemerkt, wie Cooper wieder auf sie zugekommen war. Er stand nun neben ihr und sah gerade aus.

"Ich brauche deine Hilfe, Sam. Das alles, was im Moment passiert... das ist so neu und ich verstehe auch nicht alles. Weißt du, Freunde... eine Familie zu haben, war etwas, was ich nie hatte. Hier draußen ist zwar Krieg, aber erst hier werde ich wie ein Mensch behandelt. Und... du... du... ach..." Er schaffte es wieder nicht und er wurde wütend. Coop stieß einen lauten Fluch aus und setzte sich auf einen Stuhl. "Wieso dürfen Menschen sowas machen?"
"Was machen?"
"Uns. InVitros werden nie ein normales Leben führen können. Ich werde wahrscheinlich nie ein Mädchen kennenlernen, die mich mag."
Sam sah in seine blauen, traurigen Augen. Er wirkte so allein, so verloren. Hör' auf, darüber nachzudenken, sagte sie sich. Es kann nichts falsches daran sein, wenn du ihm das gibst, was er braucht. Was du auch brauchst.
"Okay, dann lass' es uns kompliziert machen."
Coop hob seinen Kopf, in dem seine Augen aufblitzten. "Du meinst..."
"Ich weiß nicht, was ich meine. Ich werde es sicher auch bereuen, aber warum sollten wir uns gegen unsere Gefühle wehren?"
"Gefühle?"
"Sprechen wir nicht darüber, einverstanden? Aber was... wie stellst du dir das mit uns eigentlich vor?"
"Wieso soll ich mir alles erst vorstellen? Es ist doch viel schöner, es einfach zu tun."
Ein breites Grinsen erschien und Sam fragte sich, wer da noch widerstehen könnte. Eine halbe Stunde später schlichen sich Cooper und Sam in ihr Quartier zurück.
Am liebsten hatte sich Cooper zu Sam gelegt, aber ihm war bewußt, dass sowas hier einfach nicht ging. Tausend Dinge schwirrten ihm durch den Kopf; so viele Sachen, mit denen er noch nicht klar kam. Aber dennoch hatte er nicht vergessen, was das wichtigste für ihn war und wohl auch immer sein wird: das 58ste in der alten Formation.

"Eine Geheimoperation? Was soll das heißen?"'
Commodore Ross überreichte Nathan eine Mappe mit Unterlagen. "Das weiß ich nicht. Ich wurde nicht unterrichtet."
"Was ist mit den anderen?"
Ross schüttelte den Kopf. "Nur Sie, Lieutenant."
"Nur ich, sir," 'wiederholte Nathan ungläubig. Doch Ross antwortete nicht. Er saß nur da, mit sorgenvoller Miene.
"Commodore, was..."
"West, es ist ein Befehl von ganz oben. Ich kann nichts dagegen unternehmen."
"Also denken Sie auch, dass... dass mehr als nur ein Spezialauftrag dahintersteckt?"
"Lieutenant, Sie müssen sich beeilen, sonst verpassen Sie den Transporter."
"Sir..."
"Passen Sie auf sich auf, Nathani. Vielleicht ist es nur ein blöder Zufall, aber wenn nicht.... Passen Sie auf sich auf. Wegtreten!" Nathan schluckte. War das ein weiterer Schritt von Aerotech oder ein normaler Einsatz, wo sein Können als Pilot gebraucht wurde? Er wußte es nicht. Noch nicht...

"Sam, hast du Nathan gesehen?"
"Nein, wieso?"
Cooper seufzte. Er hatte ihn seit dem Frühstück nicht mehr gesehen und das beunruhigte ihn.
"Ist Ross auf der Brücke?"
"Weiß ich nicht. Coop, was ist los?"
"Erklär ich dir nachher." Cooper rannte los. Er hatte ein verdammt schlechtes Gefühl, was Nathan anging. Vielleicht wußte Ross mehr.
"Sir, kann ich Sie etwas fragen?"
Der Commodore ahnte, worum es ging und nickte. West war zwar auf einer Geheimmission, aber wenn er Hawkes nicht sagte, wo Nathan war, würde er eine Dummheit begehen.
"Lieutenant, wenn Sie wissen möchten, wo Lieutenant West ist, kann ich Ihnen nur eins sagen: Er ist bei einem Auftrag."
"Alleine? Was soll dieser Mist?"
"Lieutenant, Sie vergreifen sich im Ton. Sie selbst haben an einem solchen Auftrag teilgenommen, also müßten Sie wissen, was..."
"Das war etwas anderes. Nathan kann man nicht mit einer ehrenhaften Entlassung locken."
"Bitte?" Ross wirkte überrascht. Anscheinend hatte er nichts über diesen Deal gewußt.
"Nicht so wichtig. Was ist das für ein Auftrag?"
"Auch wenn ich es wüßte, könnte ich es Ihnen nicht sagen. Aber das wissen Sie doch alles. Er wird bald zurück sein."
"Commodore..."
"Sie können wegtreten, Lieutenant."
Ross drehte sich um und fing an, einem Unteroffizier einen Befehl zu geben. Verärgert wandte sich Coop um. Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Nachdenklich lief er die Gänge der Saratoga entlang mit der Hoffnung, dass es Nathan gutginge. Er kann auf sich aufpassen, redete er sich ein. Dann, als er die Tür des Quartiers erreicht hatte, überfiel ihn der schrecklichste Gedanke, den er sich vorstellen konnte: Wenn Nathan nicht mehr zurückkehrte, war er wirklich allein. Der letzte der Wildcards. Er gegen den Rest der Welt und die Chigs. Wie sollte es dann weitergehen?

Das Quartier der Wildcards war bis auf Anderson verlassen. Dieser sah kurz auf, als Cooper das Zimmer betrat und grinste. "Hey, wo hast du West gelassen? Sonst kriegt man euch doch nur im Doppelpack."
"Du Mistkerl!" rief Cooper und stürzte sich auf den Captain. Sie beide landeten hart auf dem Boden und Cooper verlor die Kontrolle. Immer wieder schlug er auf Anderson ein. Dieser hatte nicht die geringste Chance, sich gegen den starken InVitro zu wehren. Erst, als Sam und Charly das Quartier betraten und mit Leibeskräften versuchten, Cooper von Kyle zu trennten, konnte Anderson wieder durchatmen. Fassungslos starrten alle einander an. Sam kniete sich neben den blutüberströmten Captain. Er sah übel aus.
"Hawkes, was hast du getan?" Charly‘s Stimme zitterte leicht, als sie sich zu Cooper drehte. Doch dieser starrte weiterhin auf Anderson.
"Du kannst froh sein, dass die beiden rechtzeitig kamen. Ich hatte dich sonst getötet."
Sam schauderte. So hatte sie Cooper noch nie gesehen und sie bezweifelte keine Sekunde, dass er es nicht ernst gemeint hätte. Ja, sie war sich sogar sicher, dass er Anderson umgebracht hatte und das machte ihr Angst. Da weder Sam noch Charly in dem Moment zu Anderson sahen, bekamen sie seinen Ausdruck nicht mit. Trotz seiner Schmerzen brachte er ein Grinsen zustande, ein höhnisches Grinsen. Mit dieser Aktion hafte sich Hawkes sein eigenes Grab geschaufelt.
"Wieso tust du das? Wir haben dir nichts getan."
Cooper war auf seine Knie gesunken und nun war keine Wut mehr in seinen Augen vorhanden. Der kleine, ängstliche Junge hatte wieder die Oberhand gewonnen. Das ließ nicht mal Anderson kalt.
"Wovon redest du, Hawkes?"
"Das weißt du ganz genau. West und ich wissen über alles Bescheid und wir sind nicht die einzigen. Wenn er sterben wird, kommt alles heraus. Ist das im Sinn von Aerotech?"
Charly sah Cooper an, als wäre er verrückt. Was redete er da überhaupt?
"Ich... ich weiß nicht, was du meinst. Was habe ich mit Aerotech zu tun?" Anderson zuckte zusammen, als Cooper abermals nach ihm griff. Er zog ihn nun an sich, so dass sich ihre Gesichter beinah' berührten, Cooper fing an zu flüstern. "Hör' mit dem Scheiß auf! Ich habe deine Unterlagen. Wir wissen alles. Dein Spiel ist hiermit vorüber. Es sei denn..."
"Warte." Anderson schloß die Augen und wischte sich etwas Blut aus dem Gesicht. Dann bat er Sam und Charly, das Quartier zu verlassen. Verständnislos erfüllten sie die Bitte.
"Okay, du willst Klartext reden? Von mit aus, ich habe dieses elende Versteckspiel eh' satt. Was willst du tun? Du weißt gar nichts. Du glaubst, ihr hattet alle Trümpfe in der Hand, doch da täuscht ihr euch."
Kyle stöhnte kurz auf als er versuchte, sich aufrecht hinzusetzen. Denn nahm er das Ende seines T-Shirts und tupfte damit Teile seines Gesichtes ab.
"Du und West, ihr seid nichts. Nicht mal Ross kann etwas gegen Aerotech unternehmen. Und weißt du auch, warum? Weil es mächtige Leute über ihm gibt. Ein falscher Schritt von ihm und er ist Geschichte. Dasselbe gilt für euch beide. Und Nathan ist schon seit langer Zeit viel zu vorlaut. Er nervt. Hätten wir das gewußt, wäre er nie aus dem Tellus-Programm geflogen. Das war ein Fehler."

Cooper war drauf und dran, Anderson eine weitere zu verpassen. Aber er wollte endlich die Wahrheit erfahren.
"Trotz allem wurden die Wildcards von Aerotech hoch angesehen. Mit jedem eurer Einsätze habt ihr Aerotech einen Gefallen getan."
"Was will Aerotech?" Cooper mußte es fragen. Er war neugierig geworden.
"Kannst du dir das nicht denken? Die Chigs müssen vernichtet werden. Es darf keiner übrig bleiben."
Entsetzt schüttelte Cooper den Kopf. Langsam verstand er. "Aerotech wußte von den Chigs. Ihr wußtet, dass sie uns überlegen waren. Deswegen wolltet ihr den Krieg, damit die Chigs euch mit ihrer Technologie nicht überlegen sind."
Anderson nickte. Dann fuhr er fort: "Es steckt noch viel mehr dahinter und du würdest dich wundern, wer alles mit drin steckt. Ich kann dir eines versichern: Niemand wird Aerotech aufhalten. Frieden zwischen Mensch und Chig..." Erschüttelte den Kopf. "Keine Chance."
Cooper lehnte sich gegen die Wand; den Kopf zwischen seinen Händen vergraben.
"Was ist mit Shane?"
"Captain Vansen... sie ist ein aufsässiges, unkooperierendes Wesen. Aber sie lebt noch. Eine Dummheit von dir oder Nathan und sie ist tot."
Jetzt war Cooper mehr als nur wütend. Dieser Kerl versuchte tatsächlich, ihn zu erpressen. Aber vielleicht konnte er ihn ja überlisten... "Ich trau' dir nicht. Shane ist bestimmt schon tot, so wie Vanessa und Paul. Und Nathan scheint ihr nun ebenfalls aus dem Weg geschafft zu haben. Ich habe also nichts mehr zu verlieren."
Cooper‘s Augen funkelten Anderson an, voll wilder Raserei und Anderson schluckte es. "Sie sind nicht tot. Keiner von ihnen."
Coop's Atem stockte. Was hatte er eben gesagt?
"Lügner. Ich habe es doch ges..."
"Nichts hast du gesehen! Vansen und Damphousse sind auf dem Mond sicher gelandet, haben jedoch etwas entdeckt, was sie nicht hatten entdecken dürfen."
Die Gedanken von Cooper überschlugen sich. Er mußte ruhig werden, sonst würde er es vermasseln. Anderson war drauf und dran, ihm alles zu erzählen. Das durfte er sich nicht entgehen lassen. "Und Wang? Wie kann er noch leben? Der Transporter ist explodiert."
"Ja, er hatte großes Glück. Ist dir eigentlich bewußt, dass ich dich jetzt töten muß? Du weißt zuviel."
"Du gehst das Risiko ein, dass alles herauskommt? Wenn mir oder Nathan etwas zustößt, werden gewisse Unterlagen in die richtigen Hände geraten und dann ist es mit der Lüge vorbei. Jeder einzelne Mensch auf der Erde wird die Wahrheit erfahren und du wirst zur Rechenschaft gezogen werden, weil du die Unterlagen verloren hast. Du warst unvorsichtig. Tja, und dann sehen wir uns in der Hölle wieder!"

Anderson's Gesichtsausdruck zeigte wirkliche Besorgnis. Er konnte Hawkes nicht einschätzen, denn ihm war so ziemlich alles egal, außer seinen Freunden. Die einzige Trumpfkarte, die Anderson noch in der Hand hatte. "Du. Ausgerechnet du drohst Aerotech? Du wirst verlieren, Hawkes."
"Was soll ich denn noch verlieren? Meine Freunde habt ihr schon. Ich glaube dir nicht, dass sie noch leben. Also was soll's?!"
"Willst du wirklich dieses Risiko eingehen? Ich dachte, sie bedeuten dir soviel."
"Schon vergessen? Ich bin ein Tank. Ich hab' von dem ganzen Mist keine Ahnung. Ich will nur, dass ihr Nathan in Ruhe lasst. Mit den anderen kann ich mir nicht sicher sein."
"Du willst einen Deal?"
Cooper nickte.
"Nathan kommt von diesem Einsatz lebend zurück und ich vergesse dieses Gespräch. Shane, Damphousse und Wang bleiben am Leben und niemand wird die Unterlagen zu Gesicht bekommen."
Ein Grinsen erschien auf Anderson's Gesicht. Kein fröhliches oder hämisches. Es zeigte, wie überrascht Kyle war und gleichzeitig, wie entsetzt. Er konnte nicht fassen, in welcher Situation er nun war.
"Ich habe dich unterschätzt. Ich hatte angenommen, dass Nathan diese Rolle für sich beansprucht hat. Aber du..."
Cooper hoffte, dass Kyle ihn nicht durchschauen würde. Er pokerte wirklich brutal hoch, aber das war es wert. Im Grunde konnte er nur gewinnen.
"Einverstanden. Aber ich glaube kaum, dass Nathan dieser Handel gefallen wird."
"Er wird es nicht erfahren."
"Was? Du spielst mit eurem Leben und bist zu feige, das zuzugeben?"
"Nein. Aber ich weiß, dass er anders entscheiden würde. Sie alle würden das. Aber mir sind sie wichtiger als alles andere."
"Vier Leben... wie kann das wichtiger sein als die Wahrheit?"
"Die kommt noch froh genug heraus. Aber wie kann jemand wie du das verstehen?"
Cooper stand auf.
"Ich bin kein Unmensch, Hawkes. Auch ich habe meine Gründe."
"Du bist nur ein Stück Scheiße. Und jetzt sag' deinen Freunen, dass sie Nathan verschonen sollen."

Nachdem Anderson gegangen war, legte sich Cooper in seine Koje. Sein Körper zitterte; sein Herz raste. Was hatte er da eben getan? Wie konnte er sowas nur tun?
"Coop?"
Er zuckte zusammen. Gleich würde er die Fassung verlieren. Dennoch drehte er den Kopf beiseite und sah Sam. Sie setzte sich nun zu ihm und strich ihm liebevoll übers Gesicht.
"Bist du in Ordnung?"
Da er kein Wort herausbrachte, schüttelte er nur den Kopf und dann flossen ihm heiße Tränen über die Wangen. Das alles wurde einfach zuviel.
Sam erschrak, als sie Cooper in diesem Zustand sah. Noch vor wenigen Minuten hätte er fast seinen Captain erschlagen und nun weinte er hemmungslos. Was machte er durch, dass er so am Ende war?
Es war das erste Mal für Sam, dass jemand sie brauchte. Cooper legte seinen Kopf in ihren Schoß, während sie ihm beruhigend über die Haare strich. Hatte es nicht vor nicht allzu langer Zeit genau andersherum ausgesehen? Sam schob diesen Gedanken beiseite und konzentrierte sich nur auf Cooper. Sie hielt ihn fest; redete auf ihn ein und nicht lange danach hörte Cooper auf. Mit roten Augen sah er zu ihr hoch. "Das war jetzt das dritte Mal... weinen Menschen immer so viel?"
"Ich weiß nicht. Aber wenn du das kannst, hast du vielen Menschen etwas voraus."
"So? Und was?"
Sam nahm Cooper’s Gesicht in ihre Hände und küsste ihn. In dem Moment wollte Coop die Antwort gar nicht mehr wissen.

Es war spät und das 58ste schlief bereits, als die Tür zu ihrem Quartier geöffnet wurde. Cooper war der einzige, der es mitbekam. Es war Nathan und er lebte.

Cooper und Anderson gingen sich am folgenden Morgen so gut es ging aus dem Weg. Erst bei der Einsatzbesprechung stießen sie zufällig zusammen. Ein kleines bißchen Genugtuung verspürte Cooper bei dessen Anblick, denn Kyle sah aus, als wäre er von einem Panzer überrollt worden.
"Morgen, Captain," flüsterte Hawkes, "'Was ist denn mit Ihnen geschehen?"
"Vorsicht, Hawkes. Übertreib' es nicht."
"Achtung!" Ross betrat den Raum und blieb vor Anderson stehen. "Was ist denn mit Ihnen passiert?"
"Nichts, sir. Ein Unfall..."
"Wollen Sie mich etwa..."
"Guten Morgen, Glen."

Diese Stimme kam Ross irgendwie bekannt vor... "Ty!" Der Commodore drehte sich um und sah in das leicht grinsende Gesicht des Colonels. Gleichzeitig traten Hawkes und West nach vorne und begrüßten McQueen. Sie schüttelten überschwenglich die Hände und waren sie allein gewesen, wäre es wohl ein wenig herzlicher ausgefallen. McQueen's Augen glänzten, als er Cooper und Nathan mit einem breiten Grinsen vor sich stehen sah. Nun war er endlich wieder bei ihnen. Bei seinen Kids...
"Colonel, wie geht es Ihnen? Sind Sie wieder okay?"
"Ja, Cooper, ich bin wieder okay. Bei einem Wettrennen mit Ihnen werde ich zwar verlieren, aber sonst ist alles in Ordnung."
Nun kam ihm Ross entgegen und drückte seine Hand.
"Schön, Sie wieder hier zu haben. Es war nicht dasselbe ohne Sie, Ty."
Obwohl McQueen genau wußte, dass er außer Hawkes und West keinen der Wildcards antreffen würde, hielt er Ausschau nach ihnen. Aber da war niemand. Irgendwie wurde es ihm hier erst richtig bewußt, dass drei seiner Leute tot waren.
Anscheinend bemerkten Cooper und Nathan was in McQueen vorging. Sie warfen sich einen aufmunternden Blick zu und Cooper öffnete gerade den Mund, als ihr Colonel das Wort ergriff.
"Ich hoffe, Sie haben die letzten Wochen gut überstanden. Niemand kann Sie besser verstehen, was Sie durchmachen als ich. Mir lagen Vensen, Damphousse und Wang ebenfalls am Herzen."
Er senkte seinen Blick, damit man ihm seine Trauer nicht ansehen konnte. Nathan wollte etwas sagen, doch McQueen schnitt ihm das Wort ab.
"Ich wäre gern bei der Bestattung dabei gewesen, aber auch wenn ich physisch auf der Erde war, ich war dennoch hier bei Ihnen. "
Als er seinen Blick hob, bemerkte er ein Aufflackern in den Gesichtern seiner Jungs. Er kannte diesen Ausdruck in West's Augen. Dann erschien auch noch ein Grinsen in Coopers Gesicht. Irgendwas stimmte nicht...
"Was ist hier los? Was habe ich verpasst?"
In dem Moment mischte sich Ross ein.
"Ich werde Ihnen alles erzählen, nachdem das 58te seinen Auftrag erhalten hat. Der Krieg ging nämlich weiter."
McQueen nickte. Aber seine Aufregung konnte er kaum noch verbergen.
"Auf ihre Genesung, Ty." Ross und McQueen prosteten sich zu und diesmal tranken beide das Glas mit Rum aus. Einige Sekunden herrschte Schweigen, dann konnte McQueen nicht mehr warten.
"Sie wollten mir etwas erzählen?" Er versuchte, seine Stimme so monoton wie nur möglich zu halten, doch Ross kannte seinen Colonel sehr genau. Ross lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah McQueen ernst an...
"Sie haben viel verpasst, Ty. Um es kurz zu machen: Hawkes und West haben Captain Vansen lebend gesehen, in einem geheimen Lager von Aerotech."
McQueen schreckte hoch.
"Wiederholen Sie das."
"Vansen lebt und Damphousse wahrscheinlich auch. Diese Anlage ist mittlerweile verlassen und es gibt keine Beweise, aber wie gesagt, Hawkes kann es bestätigen."
Dann berichtete Ross ausführlich, was während seiner Abwesenheit vorgefallen war. McQueen sagte kein Wort; bewegte nicht einmal auch nur seinen kleinen Finger. Er war schockiert.
"...und dann erinnerte sich Hawkes wieder. Aber ich weiß nicht, wie ich ihnen helfen kann. Vansen könnte auf der Erde sein, und wir würden es nie erfahren."
Ross schenkte sich ein weiteres Glas ein; McQueen lehnte ab.
"Obwohl Hawkes und West Bescheid wissen, haben Sie noch keine Dummheit begangen?"
Ross grinste schwach. "Es zeigt einmal mehr, welch' gute Arbeit Sie geleistet haben."
"Das ist unglaublich, Glen. Bis jetzt dachte ich, West würde mit seinem Mißtrauen übertreiben."
Ross seufzte. "Ich wünschte, es wäre so."
Betrübt stand McQueen auf. "Wieso begehen Menschen diesen Fehler immer wieder? Ich werde das nie verstehen können."
"Das kann niemand. Es liegt wohl in unserer Natur."
McQueen hob die Augenbrauen an. "Tja, wenigstens konnten wir InVitros eine Zeitlang die Sündenrolle übernehmen."

Erstaunt schaute Ross auf. "Ty..., dass war eine sehr sarkastische Bemerkung. Haben wir etwa auch etwas verpasst?"
McQueen nahm eins von Ross' gerahmten Bildern in die Hand und holte dann selbst ein Foto aus seinem Anzug heraus. Mit einem Lächeln reichte er es dem Commodore.
"Das ist Megan," erklärte er, als er Ross' verwirrten Gesichtsausdruck sah.
"Und das Baby?"
"Er heißt Ty."
Er sah McQueen erschrocken an. "Bitte?"
"Ty." Das Lächeln wurde breiter.
"Haben Sie vielleicht vergessen, mir etwas zu erzählen?"
Nun lachte McQueen und das irritierte Ross vollständig. Er hatte ihn noch nie lachen gesehen.
"Ich habe Megan im Krankenhaus kennengelernt, als sie ihren Sohn besuchte und sie war hochschwanger. Ein paar Tage später half ich ihr bei der Geburt des Jungen." Bei der Erinnerung daran erschien ein glückseeliges Lächeln auf McQueen's Gesicht. Dann schloß er die Augen und seufzte in sich hinein. Ross schüttelte derzeit ungläubig den Kopf. "Also, ich hatte bei Ihnen einiges erwartet, aber dass Sie Geburtshelfer spielen..." Nun schenkte er McQueen und sich doch noch ein Glas Rum ein. "Darauf muß ich einfach trinken." Er hob sein Glas und prostete seinem Colonel zu, welcher ebenfalls sein Glas in die Höhe hob. So sehr er Megen auch vermißte, das hier war es, was er wollte. Das war sein zu Hause.

Kurz bevor Cooper in sein Cockpit steigen konnte, hielt ihn Nathan am Arm fest und sah in eindringlich an. Ein unschuldiges Grinsen huschte über Hawkes' Gesicht und verriet somit, dass er etwas zu verbergen hatte.
"Coop, hast du etwas mit Anderson's Verletzungen zu tun?"
"N... nein, wie kommst du darauf?"
"Du bist ein mieser Lügner, das weißt du."
"Ach, ich... ich hatte eine kleine Meinungsverschiedenheit mit ihm, sonst nichts."
"Coop, sag' mir die Wahrheit!"
Cooper's Blick wuselte nervös durch die Gegend, aber ihm war klar, dass Nathan ihm nichts anderes als die Wahrheit abnehmen würde.
"Du willst es wirklich wissen?"
West nickte.
"Dein Leben gegen die Wahrheit. So lautet der Deal mit Anderson."
Entsetzt drehte sich Nathan um. "Wie konntest du nur?"
Cooper verstand diese Frage nicht. Deswegen ging er um Nathan herum und sah ihn verwirrt an.
"Ich hatte keine Wahl."
"Natürlich hattest du das. Mein Leben ist nichts wert im Gegensatz zu allem, was wir wissen. Wir haben Beweise... zumindest hatten wir die."
Nathan sah Cooper vorwurfsvoll an. "Wie konntest du nur?"
"Verdammt, du weißt genau, wieso. Was interessiert mich die Wahrheit, wenn ich damit auch noch dich verloren hätte?" Bei seinen letzten Worten war Coop's Stimme immer leiser geworden. Nun begriff Nathan endlich. "Das war dir also wichtiger? Mein Leben?"
"Ich habe doch sonst niemanden mehr. Als... als du plötzlich nicht mehr zu finden warst und Ross mir sagte, dass du auf einem Spezialeinsatz wärst, da... da hatte ich irgendwie Angst, dass ich... dass ich von nun an alleine sein würde."
"Es tut mir leid. Ich hatte dich eben nicht so anschnauzen sollen."
"Ich weiß ja, dass es falsch war, aber weder du noch McCueen wart da, um mir das zu sagen. Verstehst du, wenn dir auch noch was passiert wäre, dann würde ich nur noch Mist bauen."
Nathan schüttelte schmunzelnd den Kopf. "Unterschätz' dich nicht. Immerhin habe ich es dir zu verdanken, dass ich noch lebe."
"Naja, irgendwann sind wir dann ja mal quitt, oder?"
In dem Moment ertönte der erste Aufruf zum Start und Nathan machte sich auf den Weg zu seinem Cockpit. Da fiel Coop ein, dass er etwas wichtiges noch gar nicht erwähnt hatte. Also rannte er hinter Nathan her und stoppte ihn etwas unsanft. "Hey, ich hab' noch etwas' rausgefunden. Rate."
"Ich soll raten? Wir haben aber keine Zeit für Ratespiele, Coop."
"Wang lebt. Er ist nicht tot." Cooper hätte zu gerne Nathan's Reaktion gesehen, aber stattdessen lief er mit einem breiten Grinsen zu seinem Cockpit zurück und ließ Nathan einfach wie einen begossenen Pudel stehen.

"Saratoga, hier 58. Haben angegebene Koordinaten erreicht. Keine Spur von Papa Bär."
"58, hier Saratoga. Scannen Sie das Gebiet genauer ab. Papa Bär muß da sein."
Anderson verdrehte die Augen. "Hier ist nichts, glauben Sie mir. Wir werden tiefer ins Feindgebiet eindringen, vielleicht..."
"Captain, ein Geschwader Chigs auf sechs Uhr!"
"Verdammt, die haben nur auf uns gewartet. Ausscheren!"
Die Hammerheads der 58sten Staffel verließen ihre jeweiligen Positionen und verteilten sich, um die feindlichen Flieger selbst aus ihren Positionen zu reißen. So versuchten sie, die Gleichgewichte zu verteilen, um den Feind besser austricksen zu können. Bei den Wildcards hatte es meistens funktioniert.
"Mitchel, aufpassen. Drei Chigs auf fünf Uhr!"
"Das weiß ich, aber ich werd' sie einfach nicht los!" Nachdem West seinen Verfolger losgeworden war, flog er schnellstens zu Charly, um ihr zu helfen. Zwei von ihnen konnte er ablenken, mit dem dritten mußte sie selbst fertig werden. Währenddessen befand sich Anderson in einer richtigen Notlage und nur Hawkes war nah' genug an ihm dran, um ihm zu Hilfe kommen.
"Hawkes, du mußt dem Captain helfen, sonst erwischen sie ihn."
Cooper zögerte. Es war ganz und gar nicht seine Art, jemandem im Stich zu lassen, aber Anderson war eine Ausnahme. Wenn er jetzt nicht eingreifen würde, hatte er sich die Mühe gespart, es irgendwann einmal selbst tun zu müssen. Doch das wollte er sich dann doch nicht nehmen lassen. Falls Anderson draufging, dann nur wegen ihm. Kein anderer hatte das Recht, ihm diese Genugtuung zu nehmen.
"Captain, bestätigen Sie, dass Sie Hilfe brauchen?"
"Hawkes, das ist kein Spiel mehr. Beweg' deinen Hintern her, und zwar sofort!"
"Ay-Ay, sir." Und schon war Cooper da und schoß Anderson's Verfolger mühelos ab. Ein zufriedenes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Das wurde er sicher nicht so schnell vergessen, dass ihm ausgerechnet der, den er sicher irgendwann ein mal aus dem Weg schaffen mußte, das Leben retten würde, dachte Cooper. Er nahm an, dass ihm diese Tatsache nicht gerade gut gefallen wurde. Und damit hatte er auch recht. Anderson war wütend auf sich selbst, dass er ausgerechnet Hawkes hatte brauchen müssen, um zu überleben. Ein Grund mehr, um Hawkes zu hassen.
"Scheint so, als ob wir alle Chigs erledigt hatten. Verluste?"
"Keine. Wir sind vollständig."
"Wenigstens etwas. Saratoga, hier 58. Haben zwar keinen Feindkontakt mehr, aber von Papa Bär ist nichts zu sehen. Wie lauten die Befehle?"
"58, hier Saratoga. Kommen Sie zurück. Wir haben soeben erfahren, dass der Transporter über Ixion abgeschossen worden ist. Ein Suchtrupp ist bereits unterwegs."
"Verstanden. Ihr habt's gehört. Auf nach Hause!"

Nach der Landung streifte Cooper eher zufällig Anderson, der gerade aus seinem Cockpit stieg. Doch Anderson sah darin natürlich eine von Hawkes' Provokationen und riß ihn brutal zurück.
"Mach' das nie wieder, Hawkes! Nie wieder!"
"Dir den Arsch retten? Einverstanden." Cooper funkelte seinen Captain böse an. Allein die Vorstellung, dass er wahrscheinlich wußte, wo seine Freunde waren, machte ihn halb wahnsinnig. Bevor es zu weiteren Zwischenfällen kommen konnte, mischte sich McQueen ein.
"Es gibt doch wohl kein Problem oder irre ich mich da?"
Ein wenig verwundert drehte Cooper den Kopf beiseite. Es war lange her, seitdem sich McQueen in eine Auseinandersetzung von ihm einmischen konnte. Fast hatte er vergessen, wie es ist, wenn der Colonel ein waches Auge auf ihn warf. Daraufhin mußte Cooper grinsen. "Nein, sir. Es gibt kein Problem. Kyle und ich... wir sind gute Freunde." Er zwinkerte Anderson provozierend zu.
"In Ordnung. Hawkes, West, ich habe etwas mit Ihnen zu bereden. Kommen Sie in mein Quartier um 2100!"
"Was meinst du, was er will?"
Nathan zuckte mit den Schultern. "Er war lange nicht hier. Vielleicht will er nur wissen, was so alles passiert ist."
West klopfte an die Tür des Colonels.
"Wer ist da?"
"West und Hawkes, sir!"
"Treten Sie ein!"
Nachdem beide das Quartier betreten hatten, schaltete McQueen die Musik aus und wandte sich seinen Marines zu.
"Commodore Ross hat mich unterrichtet, was Sie beide erlebt haben. Sind Sie sich wirklich sicher, dass es Vansen gewesen war?"
"Ja, sir. Ich würde Shane nie verwechseln."
McQueen unterdrückte ein Grinsen.
"Was ist mit Captain Anderson? Ich hoffe doch, dass Sie nicht für seine Verletzungen verantwortlich sind."
Cooper schluckte. "Er arbeitet für Aerotech. Er weiß, wo sich Shane aufhält."
"Er ist dennoch Ihr vorgesetzter Offizier. Sie können froh sein, dass sie deswegen nicht vors Militärgericht gekommen sind, Cooper."
"Keine Sorge. Er hat mehr zu verlieren als ich."
McQueen hob die Augenbrauen. "So? Und was?"
"Colonel, was..." McQueen schnitt Hawkes mit einer Handbewegung das Wort ab.
"Wie halten sich die Neuen?"
Nathan und Cooper grinsten.
"Die meisten ganz gut. Nur McDowell will sich noch nicht anpassen. Aber das hatten wir ja schon mal." Nathan sah Coop kurz grinsend an. Dann fuhr er fort: "Es sind alle sehr gute Piloten."
"Das ist beruhigend. Und Sie beide? Wie verkraften Sie das alles?"
Ein wenig verwundert sahen sich Cooper und Nathan an. Sie waren es nicht gewohnt, dass McQueen ihnen solche Fragen stellte.
"So gut wie es geht, sir. "
Dann sagte erst mal keiner was, bis McQueen mit einem ernsteren Ausdruck Nathan bat, vor der Tür auf Cooper zu warten. Als West die Tor hinter sich geschlossen hatte, trat McQueen einige Schritte näher zu Cooper heran.
"Ich muß Ihnen etwas mitteilen. Auf der Erde gibt es neuerdings eine Möglichkeit für InVitros, sich nach Verwandten zu erkundigen."
Cooper runzelte die Stim. "Sie meinen, Sie haben nun doch nach Geschwistern gesucht?"
"Ja. Jedoch nicht nach meinen."
"Nach welchen denn?" Bevor McQueen antworten konnte, riß Cooper die Augen auf. "Sie haben..."
Der Colonel nickte. "Der Name Ihres Bruders ist Jordan Becket. Ich habe ihn kennengelernt." Eigentlich hatte McQueen erwartet, dass sich Hawkes entweder freuen oder sauer werden würde. Doch er stand nur da, als ob er nicht wisse, was er damit anfangen sollte.
"Haben Sie verstanden? Sie haben..."
"Jaja... ich... ich habe genau verstanden, was sie sagten. Wieso?"
"Wieso Sie einen Bruder haben? Da fragen Sie den Falschen."
"Nein, wieso haben Sie sich die Mühe gemacht, ihn kennenzulernen?"
Manchmal verfluchte McQueen Cooper's direkte Art.
"Um ehrlich zu sein, weiß ich das gar nicht so genau. Ich saß vor dem Computer und dann..."
In diesem Moment kam sich McQueen plötzlich sehr dumm vor. Nun stand er hier, vor einem seiner Leute und wußte nicht, wie er sein Handeln erklären konnte.
"Wollen Sie denn gar nicht wissen, wie Jordan ist?"
"Äh, ja, ich denke schon."
Das überzeugte McQueen jedoch nicht im geringsten. "Cooper, überfordert Sie das zur Zeit?"
"Im Moment passieren so viele Dinge auf einmal. Es ist schon ein wenig..." Wieder einmal fehlten Hawkes die Worte.
"Okay. Wenn Sie bereit sind, kommen Sie zu mir. Dann reden wir nochmal darüber."
Cooper nickte. Er machte schon kehrt, als er sich mit einem Lächeln umdrehte und mit leiser Stimme meinte: "Willkommen zu Hause, Colonel." Dann verließ er ebenfalls das Quartier.
Ty setzte sich erst mal an seinen Tisch und zog das Foto aus seiner Tasche. Er betrachtete es lange. Es zeigte ihn, Megan und den kleinen Ty an Weihnachten.
David hatte das Foto gemacht und Megan hatte darauf bestanden, dass er das Baby in den Armen hielt. Mit dem Daumen strich er einige Male über das Bild. Dabei fiel ihm auf, wie unsicher er darauf aussah. Und wie unwirklich es schien, jetzt, da er wieder der Colonel der Saratoga war.

"Charly, kann ich mal mit dir reden?" 'Sam trat nervös von einem Bein aufs andere, während sie auf eine Antwort von Charly wartete. Diese schrieb gerade einen Brief an Pete, weswegen Sam eigentlich gar nicht fragen wollte.
"Ist es wichtig?"
Sam nickte. Mit einem Seufzer legte Charly den Stift beiseite und lehnte sich im Stuhl zurück. "Okay, wie kann ich dir helfen?"
"Es... es ist wegen Coop und mir."
"Coop und dir?" Nun wirkte Charly mehr als nur interessiert. Erwartungsvoll stützte sie sich mit den Ellenbogen auf dem Tisch auf. Davon weiß ich noch gar nichts."
"Ja, ist alles ein bißchen anders gelaufen als ich vorhatte."
"Stimmt. Soweit ich mich erinnern kann, warst du damals nicht gerade unglücklich, dass sich Hawkes nicht mehr an euren Kuß erinnern konnte."
"'Woher weißt du...?"'
"Nathan ist damals zufällig reingeplatzt."
"Und du sagst mir nichts? Na, vielen Dank." Ein wenig beleidigt setzte sich Sam auf einen Stuhl.
"Sam, was ist denn nun zwischen euch?"
"Ich... ich habe mich in ihn verliebt und ich glaube, dass es ihm zumindest ähnlich ergeht. "
"Habt ihr schon darüber gesprochen?"
"Ja."
Charly grinste schelmisch.
"Und habt ihr auch schon..."
"Charly!" Sam riß entrüstet die Augen auf "Du weißt, dass ich noch nie mit einem Jungen geschlafen habe."
"Naja, vielleicht hast du es dir aufgrund der momentaren Verhältnisse ja anders überlegt. "
"Natürlich. Warum auch nicht. Da ich ja bald sterben könnte, schnappe ich mir einfach einen Typen und zerre ihn in eine dunkle Ecke. Was denkst du eigentlich von mir?'
Charly zögerte mit der Antwort. Nicht, weil ihr nichts auf ihre Frage einfiel, sondern weil sie erstmal darüber nachdenken wollte, was das für Sam und Cooper bedeuten könnte.
"Ich mache mir Sorgen um dich. Ich verstehe ja, dass du Coop anziehend findest, auch weil er eine ebenso verkorkste 'Kindheit' hatte. Aber willst du es ausgerechnet im Krieg erleben? Ich meine, was hatte es für Folgen für dich, falls Cooper etwas zustoßen würde?"
Sam senkte den Blick.
"Ich weiß das doch. Aber ich kann doch an meinen Gefühlen nichts ändern. Am allerwenigsten habe ich hier sowas geplant."
Charly bemerkte den verzweifelten Unterton in Sam's Stimme. Sie hatte recht, man konnte nichts dagegen tun. Charty hoffte nur, dass es für die beiden gut ausgehen würde.
Zu dem Zeitpunkt, wo Nathan und Cooper das Quartier betraten, hatten Sam und Charly ihr Gespräch beendet. Nathan und Charly beobachteten, wie sich Cooper sofort zu Sam auf ihre Koje setzte.
"Hey, was ist denn? Du siehst so ... verwirrt aus."

Coop seufzte. "McQueen hat mir eben von meinem Bruder erzählt."
"Du hast einen Bruder?"
"Ja, Jordan heißt er."
Sein Blick wanderte von Nathan über Charly zu Sam.
"Das ist doch toll. Du wolltest doch immer..."
"Aber nicht jetzt! Er ist auf der Erde und ich habe keine Möglichkeit, mit ihm Kontakt aufzunehmen."
"Das kannst du ja immer noch, wenn..."
'Wenn der Krieg vorbei ist, meinst du wohl. Oder falls ich überleben sollte."
Sam umfaßte Coopers Hand und drückte sie leicht.
"Ich kann mir vorstellen, was du empfindest. Ich habe vor zwei Jahren auch versucht, meinen kleinen Bruder ausfindig zu machen. Aber das hat nicht funktioniert."
Nun wirkte auch sie traurig.
"Weißt du was? Bei der ersten Gelegenheit werden wir beide uns auf die Suche nach unseren Brüdern machen. Vielleicht bringt uns der andere mehr Glück."
Kopfschüttelnd sah Nathan zu Charly, die das alles mit einem mißtrauischen Blick beobachtet hatte. Er freute sich für Coop, gar keine Frage. Aber er fand, dass McQueen damit bis Ende des Krieges hätte warten sollen. Cooper's, Kopf war zur Zeit sowieso nicht frei und jetzt würde es noch schwieriger werden.

Drei Tage später hatte Sam Geburtstag. Es war zugleich genau zwei Monate her, seitdem Vansen, Damphousse und Wang vermißt waren. Zum Glück hatten sie alle keine Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen. Ihr nächster Auftrag sollte nämlich etwas ungewöhnlich werden.

"Ein Wasserplanet, sir? Wie meinen Sie daß ?" McQueen starrte Anderson für einige Sekunden an. "So, wie ich es sagte." "Und zu welchem Zweck, sir?"
Ein wenig unbehaglich sah McQueen zu Ross, der neben ihm stand. Der Commodore ergriff das Wort. "Sie wurden als Schutztruppe für ein Forschungsteam von Aerotech ausgesucht."
Wie zu erwarten, schreckten West und Hawkes in die Höhe. ihr Gesichtsausdruck war mehr als eindeutig.
"Sir, ich erbitte meine Ver..."
"Setzen Sie sich, Lieutenant West. Dasselbe gilt für Sie, Lieutenant Hawkes !"
Cooper ballte seine Hände zu Fäusten. Er mußte sich sehr zusammenreißen, um nicht seine Beherrschung zu verlieren. Wie konnte man nur von ihnen so etwas verlangen?
"Mir ist bewußt, dass Sie ein Problem damit haben, aber als Marines verlange ich von Ihnen, dass Sie diesen Auftrag so professionell wie auch sonst erledigen."
Ross hoffte, dass Hawkes und West auch diesmal nicht vergaßen, was sie waren. Diesmal würde es sich zeigen, wie sehr sie mittlerweile zu richtigen US Marines geworden waren...

McQueen musterte Cooper und Nathan. Irgendwie hatte er das Gefühl, sie hätten sich verändert; als sähen sie anders aus. Anscheinend waren die vergangenen zwei Monate nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen. In diesem Moment wurde ihm bewußt, wie stolz er auf sie sein konnte und auch war. Sie hatten es geschafft, ohne ihn über den Verlust ihrer Staffel hinwegzukommen oder wie auch immer man diese Situation nennen wollte. Ausgerechnet West und Hawkes... ein Schmunzeln huschte über sein sonst so versteinertes Gesicht, als er an die ersten Wochen der beiden dachte. Nun hatte West Hawkes den nötigen Halt gegeben, aber er wußte genauso, dass es umgekehrt nicht anders war und diese Tatsache war für ihn unglaublich.
"Colonel?"
McQueen blinzelte und sah zu Ross, der ihm einen besorgten Blick zuwarf.
"Sind Sie in Ordnung?"
Nach einem Räuspern nickte er. Ein wenig verärgert stellte er fest, dass Hawkes grinste. Was erlaubte sich dieser Junge eigentlich? Es wurde langsam Zeit, dass seine Lieutenants wieder unter seinem Kommando Disziplin annahmen. Mehr als Zeit...

"Wie ich bereits sagte, ein Forschungsteam von Aerotech befindet sich auf dem Planeten. Zwar wird das 58ste als Schutz abkommandiert, aber das bedeutet nicht, dass Sie sie nicht unterstützen werden. Es ist kein Kampfeinsatz, zumindest ist es nicht vorauszusehen. Dennoch haben wir Krieg. Das sollten Sie da unten nicht vergessen. Wegtreten." McQueen beobachtete seine Leute beim Herausgehen und stellte überrascht fest, wie vertraut Hawkes und Masters miteinander umgingen. Es war ganz und gar nicht Coopers Art, so schnell Vertrauen zu jemandem zu fassen. Und die besondere Art und Weise der Blicke verstärkte sein Unbehagen.

"Captain Anderson? Mein Name ist Miller. Ich bin hier der Leiter des Aerotech-Teams." Als Anderson und Miller ihre Freundlichkeiten austauschten, schaute Nathan angewidert weg. Irgendwann mußte damit doch mal Schluß sein. Wieso bekamen immer sie die Aufträge, die etwas mit Aerotech zu tun hatten? Diesmal hatte er eine einfache Erklärung: Was konnte sich Aerotech mehr wünschen, als die beste Truppe der Saratoga, die sogar noch von einem ihrer 'Mitarbeiter` angeführt wurde? Anderson spielte sein Spiel nahezu perfekt. Kein anderer würde jemals dahinter kommen, was wirklich vor sich ging. Ihm graute der Gedanke, dass er unwissend geblieben wäre, wenn er nicht so mißtrauisch gewesen wäre und Cooper nicht diese Unterlagen ergattert hatte. Er fragte sich noch immer, wie Aerotech es geschafft hatte, einen von ihnen ins Militär einzuschleusen. Noch schlimmer, wer weiß schon, wer sonst noch für Aerotech arbeitet...

Die ersten Stunden auf dem Planeten verbrachten sie damit, sich eine provisorische Unterkunft zu bauen. Immerhin sollten sie hier eine ganze Woche verbringen. Natürlich bedachten sie, dass die jeweiligen Lager getrennt waren. Kein Marine wollte neben einem Aerotech-Mitarbeiter schlafen. Außer vielleicht Anderson. "Hey, Coop, deinen Schlafplatz können wir doch eigentlich sparen. Du und Sam braucht eh' nur einen..." Mitten im Satz verstumme Conroy. Er kannte Hawkes noch nicht lange genug, um seine Blicke einschätzen zu können. Und dieser Blick war ihm nicht gerade geheuer.

Ja, es sollte diesmal kein Kampfeinsatz werden, aber was das 58ste in dieser Woche erlebte, sollten sie so schnell nicht vergessen...

"Schlafmütze, aufwachen!"
Ein wenig unsanft wurde Taylor von West geweckt, aber das war nicht das erste Mal. Robert schlief nun mal gerne und manchmal hatte er Probleme, überhaupt aufzuwachen. Nathan hatte sich freiwillig gemeldet, diese Aufgabe zu übernehmen.
"Was ist denn? Ich dachte, wir können wenigstens hier mal eine Ausnahme machen und..."
Mit einem Grinsen warf Nathan mit einem Kissen nach ihm. "Vergiß' das lieber. Wir haben einen Job zu erledigen."
"Können wir ihn nicht einmal vernachlässigen?"
Nie zuvor hätte sich Nathan dazu eher überreden lassen als diesmal, aber bevor er Zeit hatte, auch nur ja zu sagen, mischte sich Anderson ein.
"West, du und Mitchell werden mit Parker, Shaw und Ward mitgehen. Sie sind das Außenteam für heute. Hawkes, McDowell... ihr seid für die Unterkunft zuständig. Conroy und Lewis übernehmen die Patrouille, Masters und Taylor bleiben mit mir bei den restlichen Aerotechmitarbeitern. Alles klar?!"
Mit einem tiefen Seufzer ließ sich Taylor auf sein Bett zurückfallen.
"Und ich hatte angenommen, wir würden hier so was wie Ferien verbringen."

"War ja logisch, dass wir Tanks den Scheißjob bekommen haben."
Chris schabte sich mit dem Fuß ein Loch in den Boden und setzte sich hinein.
Darin legte er seine Waffe beiseite. Dabei wurde er von Hawkes argwöhnisch beobachtet.
"Deine Freunde haben die dich wirklich akzeptiert? Obwohl du ein Tank bist?"
Cooper schluckte. Chris hatte bisher noch nie Anstalten gemacht, ein vernünftiges Gespräch mit ihm anzufangen. Und diese Frage irritierte ihn deswegen umso mehr.
"Das haben sie. Und noch mehr als das."
"Das kommt nicht oft vor."
"Ich weiß. Aber hast du es überhaupt mal versucht?"
Chris lachte verächtlich aus. "Ich schon. Aber ich merkte schnell, dass es im Grunde keinen Zweck hat, bis..." Chris stoppte. Cooper sah sich um, weil er dachte, Chris hatte etwas gehört oder gesehen, doch dann erkannte er in seinem Blick, dass er sich nur Erinnerungen ins Gedächtnis holte.
"Ich habe einmal den Fehler gemacht und habe einem Menschen vertraut. Das passiert mir nie wieder."
"Was ist geschehen?" Nun setzte sich auch Cooper, Chris sah ihn unsicher an. Er wußte nicht, ob er schon soweit war, darüber zu reden. Aber wenn nicht bei Hawkes, bei wem sonst?
"Ich habe Stephanie kurz nach meiner Entlassung aus der InVitro-Anstalt kennengelernt. Ich arbeitete derzeit in einem Lager und sie war für die Neuen zuständig, also auch für mich. Sie war einfach da für mich. Zum ersten Mal verstand ich, was Leben bedeutet. Andauernd erzählte sie mir, dass ich etwas besonderes wäre und wie sehr sie mich lieben würde." Mit einem Schauern erinnerte sich Cooper an die Monate nach dem Ausbruch. Es hätte ihm viel geholfen, wenn er damals jemanden gehabt hätte.

"Natürlich mussten wir es geheimhalten. Sonst würden sie uns trennen, sagte sie jedes Mal. Eines Tages, so nach drei Monaten, erfuhr ich zufällig, dass sie verheiratet war. Als ich sie zur Rede stellen wollte, fauchte sie mich vor allen Mitarbeitern an, dass ich sie vergewaltigt und geschwängert hätte. Dabei wußte ich nicht mal, was das eine noch das andere bedeutete."
Cooper schüttelte den Kopf. Kein Wunder, dass er so mißtrauisch war. Er selbst hatte nie jemand so engen gehabt, der ihn so mißtrauisch werden ließ. Aber Chris hatte gleich eine Niete gezogen. Wie sollte man sich davon erholen?
"Was haben sie mit dir gemacht?"
"Ich saß vier Jahre im Gefängnis, bis ich letztes Jahr zu den Marines geschickt wurde."
"Oh, man... Was ist mit dem Baby?"
"Was denkst du denn? Dass sie ein Kind von einem Tank kriegt? Es gibt keine Frau, die sich von einem InVitro schwängern lässt, Hawkes."
"Natürlich gibt es das. Zwar nicht viele, aber es gibt sie."
"Du redest von Sam, was?"
Cooper wich Chris' Blick aus. "Weiß nicht. Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht."
"Hätte ich wohl auch nicht." Mehr hatte Chris dazu nicht zu sagen, weswegen er aufstand und Cooper seine Hand hinhielt. "Danke. Du bist der erste, dem ich das erzählt habe."
Coop nickte. "Keine Ursache. Für sowas sind doch Freunde da."

Vier Stunden später veränderte sich plötzlich die Farbe des Tageslichtes. Der ganze Planet tauchte in ein helles Violett ein und schlagartig waren Unmengen von Geräuschen zu hören. Keiner der Aerotech-Leute oder den Marines wusste, woher diese kamen, aber es beruhigte sie irgendwie. Sonst waren die Planeten still, totenstill. Dies war das erste Mal, dass sie sich nicht vorkamen wie auf einem toten Planeten.
Nathan und Charly starrten wie gefesselt auf das Wasser hinaus. Unzählige Kreaturen schwammen umher; einige sogar direkt an der Wasseroberfläche. Mit einem Grinsen ging Nathan in die Hocke und tauchte seine Hand in das Wasser.
"Tun Sie das lieber nicht, Lieutenant. Wir wissen nicht, ob diese Lebewesen gefährlich sind." Enttäuscht nickte er. "Sie haben wohl recht. Es ist nur... es hat mich irgendwie überwältigt, andere Lebewesen zu sehen, die wir nicht töten müssen. Seht euch das an!" Ward, Shaw und Parker kamen näher. "Leben! Es gibt also noch viel mehr als wir dachten." Nathan’s Begeisterung übertrug sich langsam auf die anderen. Eine ganze Weile standen sie nur da und sahen auf das Meer hinaus; beobachteten das wirre Durcheinander. In dem Moment spürte Nathan, dass sein Glaube und seine Hoffnung doch nicht vorbei sein mussten.
"West! West? Könnt ihr mich hören?" Nathan seufzte und bestätigte Anderson. "Wie lange braucht ihr noch?"
"Keine Ahnung. Ich weiß nicht mal, wozu wir hier sind."
"Dann frage einen von denen."
"Parker, der Captain möchte wissen, wann wir fertig sind."
"Dass ihr Marines es auch immer so eilig habt."
Nathan grinste.
"Er wird es merken, wenn wir wieder im Lager sind."
Mehr sagte Parker nicht mehr, sondern beschäftigte sich weiter mit seiner Aufgabe.
"Anderson, hier West! Sie sind sich noch nicht sicher. Ich gebe noch mal Bescheid. West Ende!" "Roger. Ist euch was... eigenartiges aufgefallen?"
"Ja, dass kann man wohl sagen. Dieser Planet wimmelt nur so von Lebewesen. Und bei euch?"
"Wir kriegen ständig neue Daten, die aber erst ausgewertet werden müssen. Was für Lebewesen?"
Nathan’s Augen leuchteten auf. "Unbekannt. Ihr hättet das sehen sollen..."

Sam und Robert hatten das Gespräch zwischen Anderson und West mitbekommen und sahen sich überrascht an.
"Lebewesen... cool. Hoffentlich sind die uns freundlicher gestimmt als die Chigs."
"Seid ihr hier draußen noch nie auf Leben gestoßen?"
Sam schüttelte den Kopf. "Nicht, dass ich wüsste."
"Taylor, Masters... ihr habt es ja mitbekommen. Da wir nicht wissen, womit wir es zu tun haben, solltet ihr eure Augen offenhalten. Wer weiß..." Sam funkelte ihn an. "Ja, Captain, wer weiß..."
Anderson ignorierte ihren sarkastischen Unterton und wandte sich wieder den Instrumenten zu.
Einige Minuten später saßen sich Masters und Taylor gegenüber und verdrückten ihre Essensrationen. Wie üblich beschwerte sich Robert darüber.
"Mensch, deine Eltern haben dich zu sehr verwöhnt. Also, ich habe keine Probleme damit."
"Wenn du das Essen von Ma gewöhnt wärst..."
"Schon okay. Du vermisst deine Eltern wohl sehr."
Grinsend bejahte er. "Wenn das alles vorüber ist, nehme ich dich mal mit. Du würdest ihnen gefallen."
Sam verzog das Gesicht. "Glaube ich kaum."
"Hey, dass werde ich wohl besser wissen. Mum meinte immer, ich wäre ein guter Menschenkenner. Deswegen mochte sie alle meine Freunde."
"Und... ich zähle zu deinen Freunden?" fragte Sam leise.
"Ja, ich denke schon."
Als Sam nichts darauf erwiderte, fuhr Robert fort. "Außerdem... ich weiß auch nicht, aber ich habe das Gefühl, dich schon ewig zu kennen. Aus einem früheren Leben oder so, keine Ahnung. Es ist eigenartig."
"Du bist einfach süß, Taylor. Ich wünschte..." Sam stoppte.
"Was?"
"Vergiss‘ es." Seufzend stand sie auf. "Lass‘ uns Anderson fragen, ob er was für uns zu tun hat." Nach einem tiefen Seufzer schleuderte Taylor sein Dosenessen weg und folgte Sam.

Als es dunkel geworden war, fanden sich alle wieder in ihrem Lager ein. Sie waren müde und erschöpft, dennoch aufgekratzt. Dieser Planet tat ihnen gut, da sie hier vom Krieg rein gar nichts mitbekamen. Zwar war die Saratoga nicht weit entfernt, doch weit genug, um für kurze Zeit zu vergessen.

Die Aerotechmitarbeiter lagen bereits in ihrem Zelt, als die Marines untereinander ausmachten, wer die erste Wache übernehmen wollte. Es traf Hawkes und Masters, was Nathan mit einem Grinsen zur Kenntnis nahm. Als sie von Anderson nochmals erinnert wurden, dass sie Wache zu halten hatten und sonst nichts, funkelte ihn Cooper mit demselben Zorn an, der ihn früher oft in Schwierigkeite gebracht hatte. Dann ging Anderson und ließ Sam und Cooper in der kühlen Nacht allein.
Es verstrichen Minuten, in denen keiner der beiden etwas sagte bis sich ihre Blicke trafen. Sie lächelten sich verlegen an.
"Ich... ach, irgendwie komme ich mir richtig blöd vor. Ich weiß nicht, wie ich mich dir gegenüber verhalten soll."
Coop stellte sein M-590 ab und trat auf Sam zu. "Ich auch nicht. Aber..."
"Aber was?"
"Aber ich weiß, dass ich dich gerne um..., dass ich dich gerne in den..." Da Cooper die Worte nicht herausbrachte, nahm er Sam einfach in den Arm.
"Das tut gut, Lieutenant." Sam schloss die Augen und genoß diesen friedlichen Augenblick so lange wie möglich. Sie standen einfach nur da, engumschlungen.
"Shane war der erste Mensch, der mich jemals umarmt hat."
Blitzartig öffnete Sam wieder die Augen. Shane... schon wieder Shane.
"Coop, ich... ich kann das nicht." Sie löste sich von ihm und drehte Hawkes den Rücken zu.
"Was? Was ist los?"
"Du kannst mich nicht umarmen und von ihr reden. Das... das kann ich nicht ertragen."
"Wieso?"
"Ich habe das Gefühl, dass du sie willst. Dass du mich in den Arm nimmst und an Shane denkst. Und das tut weh."
Cooper sah zu Boden. Das hatte er nicht gewollt. Er wollte ihr zu gerne sagen, was in ihm vorging, aber wie? Er wusste es selbst nicht einmal. Das einzige, was er genau wusste, war, dass er sowas noch nie zuvor empfunden hatte. Ja, da war Shane, aber das war anders gewesen, völlig anders. Zuerst hatte sie nicht das gewollt wie er und dann hatten sich seine Gefühle verändert. Shane war für ihn Freundin, Kumpel, Schwester, Mutter in einem. Aber Sam... Sam sah in ihm dasselbe wie er in ihr. Wie sollte er ihr das bloß verständlich machen?

"Es tut mir leid. Ich weiß einfach nicht, was ich zu sagen habe."
"Coop, es gibt keine Regeln, was du sagen musst. Wenn du mir etwas sagen möchtest, tu‘ es. Wenn nicht, dann lass‘ es. Aber verkrampf‘ dich deswegen nicht. Egal, was du sagst, ich werde dich genauso mögen."
Coop grinste schwach.
"Außer..." Sam verzog das Gesicht, "du sprichst nur von Shane."
"Ist das schlimm?"
Nachdenklich atmete Sam lange aus. "Naja, nicht schlimm, aber stell‘ dir vor, ich würde ausschließlich von einem Mann reden, von dem du weißt, dass ich ihn liebe, dass er etwas ganz besonderes für mich ist."
Coop nickte. "Das würde mir nicht so gefallen." Er sah wieder zu ihr, in ihre Augen. Keiner der beiden konnte dem anderen widerstehen, wenn sich ihre Blicke trafen. Sie hatten das Gefühl, direkt in die Seele des anderen zu sehen.
Cooper machte dies plötzlich Angst. In ihm gingen Sachen vor, die ihn verwirrten, aber gleichzeitig verspürte er etwas tiefes, reines, unglaublich großes – für Sam. War das etwa die Liebe, die allen so wichtig war? War es das, was Nathan für seine Kylen empfand?
"Coop, du musst es mir jetzt sagen. Liebst du Shane? Ich meine, so richtig wie..." Sam suchte verzweifelt nach den richtigen Worten, mit denen Cooper etwas anfangen konnte.
"... So wie Nathan und Kylen?" half ihr Hawkes. Sam nickte, da sie bereits mitbekommen hatte, was es damit auf sich hatte.
"Nein."
"Aber?"
Coop seufzte. "Aber ich weiß nicht, was Liebe ist. Und... und Shane bedeutet mir mehr als alles andere. Ich kann nicht sagen, welche Art... in welche Richtung das geht..."
Sam merkte, wie schwer dies für Cooper sein musste; wie schwer ihm diese Worte fielen, aber sie unterbrach ihn nicht. Es musste raus.
"...Aber es ist anders als bei dir." Die letzten Worte hatte er so leise gesprochen, dass sie ihn kaum verstanden hatte. Doch plötzlich wusste sie genau, was er meinte. Dann berührte er ganz sanft ihre Wange. Erst mit seinem Daumen, dann mit der ganzen Hand. Sein Blick war weich, vollkommen offen und er lächelte. In dieser Sekunde wusste Sam zum ersten Mal in ihrem Leben, was Liebe ist.

Am folgenden Morgan nahm alles seinen gewohnten Lauf. Anderson teilte die Gruppen ein und alle taten ihre aufgetragenen Arbeiten und Pflichten. Conroy und Hawkes kamen an diesem Tag in den Genuß, dass Spektakel im Meer beobachten zu dürfen. Doch Cooper’s Gedanken kreisten um etwas anderes, und zwar um Vansen...

Masters und West hatten an diesem Tag die Aufgabe erhalten, die Gegend zu erkundschaften. Ein wenig neugierig streiften sie umher, auf der Suche nach dem Unbekannten...
"Ist mal was anderes als die Chigs zu bekämpfen, was?"
Sam lachte. "Langsam verstehe ich, wieso du ein Kolonist werden wolltest. War... ohhh."
Nathan war stehengeblieben und schabte mit dem Stiefel im Boden herum.
"Ich hätte wohl nicht davon anfangen sollen, was?"
"Das ist es nicht. Ich musste nur gerade an unsere Ausbildung denken und an das, was danach kam."
"Ich kann mir dich und Coop gar nicht vorstellen, wie ihr als Grünschnäbel vor Bogus kuscht."
Grinsend sah er Sam an. "Und ich will lieber nicht mehr daran denken. Obwohl... ohne seine harten Worte wären wir schon lange tot."
"Er ist sicher sehr stolz auf euch."
Nachdenklich ging Nathan weiter. Sam beschloß, erstmal den Mund zu halten, bevor sie wieder etwas Falsches sagen würde.

Es gab im Grunde nicht allzuviel auf diesem Planeten. Zu 94 % bestand er aus Wasser, über die Trockenebenen wusste man so gut wie nichts. Es wuchsen seltsame Pflanzen, wenn man es so nennen wollte, zwischen den vielen Felsen. Aber ansonsten war es flach. Keine Berge, keine Steigungen. Irgendwann waren Sam und Nathan soweit gekommen, dass sie überhaupt kein Wasser mehr sehen konnten. Auch hier war es nicht geräuschlos. Es schien, als ob auch an Land Lebewesen waren. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf wurden die beiden Marines wachsamer und bemerkten so relativ schnell eine echsenartige Kreatur, welche sie mit silbernen Augen anstarrte. Zumindest nahmen sie an, dass es die Augen waren, denn sonst gab es nichts auffälliges an der Vorderseite des Wesens zu erkennen.
"Hey, das ist ja ein abgefahrenes Tier. Sieh‘ nur, wie neugierig es uns beobachtet."
"Sam, vielleicht überlegt es nur, wen von uns es zuerst verspeisen wird."
Die beiden wagten einen kurzen Blick zum anderen, dann gingen sie langsam ein paar Schritte zurück. Doch das Wesen rührte sich nicht. Erst, als Sam ins Straucheln kam und ihre Bewegungen etwas hektisch zu werden schienen, stand es auf. Bei dem Anblick musste Nathan kräftig schlucken, denn was ausgesehen hatte wie ein süßes, kleines Tierchen war plötzlich dreimal so groß wie sie.
"Oh... was machen wir jetzt?"
"Ich habe keine Ahnung..."

"Lieutenant Hawkes, ich befürchte, eine schlechte Nachricht für uns alle zu haben."
Coop sah ihn an. "Und das wäre?" fragte er ungeduldig.
"Der Meeresspiegel steigt an."
Zu Shaw’s Verwunderung zeigte Hawkes‘ Gesicht keine Regung.
"Lieutenant, Sie wissen doch sicher, was die Gezeiten sind oder?"
"Gezeiten? Nein, weiß ich nicht."
Brian kam nun dazu. "Bedeutet das, wir hatten Ebbe und jetzt kommt die Flut?"
"So könnte man es ausdrücken."
"Hey, was heißt das alles?"
"Das wir mächtig in der Patsche sitzen."

"West, hier ist Anderson. Kommt sofort zum Lager zurück. Wir haben ein Problem."
"Wir ebenfalls, Captain. Wenn wir uns auch nur einen Meter von hier weg bewegen, sind wir Monster-Frühstück."
"Was?? West, lass‘ den Blödsinn und..."
"Sir, West redet keinen Blödsinn. Direkt vor uns befindet sich ein etwa vier Meter großes Lebewesen, dass uns nicht gerade freundlich betrachtet."
Man konnte Anderson’s Seufzer sogar durchs Kom hören.
"West, wir haben gerade Daten erhalten, die ziemlich beunruhigend sind. Demnach dürften wir in ein, zwei Stunden nasse Füße bekommen."
"Nasse Füße?"
"Ja. Das Wasser steigt."
"Na toll. Was ist dir lieber, Sam: Bei unserem kleinen Freund zu bleiben oder einen Weg zu finden, irgendwie noch das Lager zu erreichen, bevor es feucht wird?"

"Hawkes, wo willst du hin? Du hast Anderson gehört. Wir sollen zum Lager zurück."
"Hast du nicht gehört? Sam und Nathan sind in Schwierigkeiten."
"Das ist nicht unser Befehl."
Als ob das Cooper aufgehalten hätte...

"Äh, West, wenn du einen guten Einfall hast, teile ihn mir jetzt bitte mit. Das Ding fletscht nämlich schon die Zähne."
"Sam, keine Panik. Wir kommen..."
"West! Masters! Man, ich habe mir..."
"Coop, pass‘ auf!"

In der Sekunde, in der Hawkes in die Nähe von Nathan und Sam gekommen war, hatte sich das Lebewesen zu ihnen gebeugt und seine Augen oder was auch immer diese silbernen Schlitze waren, schienen noch größer zu sein als einige Sekunden zuvor. Cooper schmiß sich auf Sam und Nathan und die drei landeten unsanft im Dreck. Er kniff seine Augen ganz fest zusammen, da er annahm, das Ding würde sie nun verspeisen. Doch das einzige, was passierte, war, dass das Wesen sich zurückzog. Etliche Sekunden verstrichen bis einer von ihnen es wagte, sich zu rühren. Ganz langsam öffnete Cooper die Augen.
"Coop... was ist? Ich kann nichts sehen." Dann hörte Nathan ein Lachen, das von Sam. Mühsam rappelte er sich hoch. Von jemanden wie Cooper umgeworfen zu werden, war nicht gerade mit einem Handschlag zu vergleichen.
"Sieht so aus, als ob es dich mag, Coop."
Das Ding war mittlerweile wieder kleiner geworden und saß nun ganz brav neben Hawkes auf dem Boden. Nathan bildete sich ein, eine Art Lächeln auf dem Wesen sehen zu können, doch das konnte nicht sein. Oder doch?
"Sehr witzig. Ich dachte, das Ding würde euch was antun."
"Naja, schlimmer als deine Rettungsaktion hätte es auch nicht sein können."
Ein wenig gekränkt, sah Cooper zu Nathan. "Das nächste Mal kannst du dir deinen Arsch selber retten, klar?!"
"Hey, sei doch nicht gleich eingeschnappt, Coop. Wir wissen deine Tat zu schätzen... ehrlich!" Sam fuhr mit ihrer Hand liebevoll durch Cooper’s Haare. Seine Reaktion darauf war ein schüchternes Grinsen.
"Das hätte ich früher wissen müssen. Das hätte uns einige Probleme erspart." Nathan meinte damit die Art, wie man Cooper besänftigen konnte. Doch ob es bei ihm das gleiche ausgelöst hätte...
Nathan konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als er sah, wie sich Cooper und Sam anblickten. Doch dann tönte Anderson’s Stimme aus dem Kom: "West, ihr müsst sofort zum Lager zurück! Das Wasser steigt viel schneller als wir angenommen haben und ihr seid ein ganzes Stück von uns entfernt."
"Verstanden, Captain!"
"Ist Hawkes bei euch?"
"Ja. Er hat uns eben gerettet." Schmunzelnd ging er los.
"Gut. Jetzt beeilt euch. Wir haben schon alles vorbereitet. Der Funkkontakt zur Saratoga ist, aus welchen Gründen auch immer, ausgefallen. Laut den Meßgeräten zieht ein ziemliches Unwetter auf. Habt ihr verstanden?"
"Roger. Bis gleich."

Ein paar Meter weiter bemerkten sie zum ersten Mal, dass das Wasser bereits das Land erreicht hatte. Das Rennen fiel dadurch um einiges schwerer.
"Verdammt, in fünf Minuten werden wir schwimmen müssen. Wir schaffen es nicht rechtzeitig."
"Lauf weiter, Sam! Wir haben keine andere Chance."
Vor ihnen konnten sie mittlerweile keine trockene Stelle mehr erkennen und ihr Lager war noch immer nicht in Sicht. Soweit sie wussten, hatten sie vorsichtshalber eine Art Überlebens/ Rettungsboot mitgenommen, das sich bei solchen Zwischenfällen relativ schnell benutzen ließ. Doch dieses mussten sie erstmal erreichen, da es sich nicht bewegen ließ.
Als ob es nicht schon schlimm genug war, fing es auch noch an zu regnen. Nicht tropfenweise, sondern in Strömen. Sam lief keuchend voran. Das Wasser ging ihr bereits bis zu den Knien.
"Ich sehe immer noch nichts! Ich kann nichts sehen!" In Sam’s stimme war ein Anflug von Panik zu hören und dann drehte sie sich um. Sie riß die Augen auf.
"Coop, ich sehe Nathan nicht mehr!"
Cooper stoppte. In diesem Moment war er fast vor Angst gelähmt. Er konnte, er wollte Nathan nicht auch noch verlieren.
"Coop!"
Er holte tief Luft und drehte sich um. Auch er konnte Nathan nicht sehen. So schnell wie es ihm möglich war, machte er kehrt. Mühsam kämpfte er sich durch das Wasser, bis vor ihm plötzlich Nathan aus dem Wasser schoß.
"West! Shit, was sollte das? Los, wir..."
"Irgend etwas hat mich gebissen, Coop. Ich kann nicht weiter. Ich..."
"West? Mach‘ die Augen auf... verdammt... Sam! Nathan hat’s erwischt! Ich gehe mit ihm zurück und versuche, einen Unterschlupf zu finden."
Sam konnte kaum etwas verstehen. Der Regen ging zu dicht runter und sie war zu weit von ihnen entfernt. Auch das Kom versagte.
"Sam?!"
"Hawkes, West... wo bleibt ihr?"
"Wir müssen zurück!" schrie Cooper so laut wie er konnte. "Du musst zu den anderen, um ihnen Bescheid zu sagen."
"Was? Ich kann dich nicht verstehen!"
Als Sam anfing, auf ihn zuzukommen, winkte er sie wieder fort. "Zurück!" rief Cooper. "Du musst zurück!!"
"Nein, nicht ohne dich!"
"Verdammt, Sam, nun mach‘ schon! Wir schaffen das schon."
"Nein!"
Hawkes hatte den gerade bewusstlos gewordenen Nathan auf die Schulter genommen und entfernte sich bereits von Sam.
"Cooooper!!" Sam wollte Cooper davon abhalten, doch es war zu spät. Nur weige Sekunden später sah sie weder Cooper noch Nathan.
"Nein..." schluchzte sie. "Das ist nicht fair!"
Für ein paar Augenblicke starrte Sam weiter in die Richtung, wo Cooper mit Nathan verschwunden war. Dann holte sie tief Luft.
"Du musst Hilfe holen, Sam," sprach sie gegen den Wind und Regen, "ohne dich haben sie keine Chance!" Trotzig fing sie an, sich voran zu bewegen. Noch ging es, aber sie hatte nicht mehr viel Zeit. Außerdem hatte sie noch längst nicht das Lager erreicht. Mit all ihrer Willenskraft schob sie die Sorge um Cooper und Nathan beiseite. Wenn sie es schaffen wollte, durfte sie jetzt nicht an das denken, was ihnen passiert sein könnte. In dem Moment fiel ihr ein, woher West und Hawkes ihre Stärke nahmen: Ihr Glaube. Der Glaube an sich selbst und aneinander. "Okay, Jungs, ich glaube daran, dass ihr in Sicherheit seid." Sie riß sich zusammen und verdoppelte ihre Bemühungen. Das war eine gute Eigenschaft von Sam. Wenn sie etwas wollte, schaffte sie es auch, dies zu bekommen. Und wenn es das letzte war, was sie fertigbrachte; sie würde das Lager erreichen und ihnen sagen, wo Hawkes und West waren, damit sie ihnen helfen konnten.
"Wie war das noch mal? Maßlos hart... allzeit bereit... rauh und tapfer... im tiefsten Schlamm... hey, ich hätte da wohl besser zuhören sollen. Hätte ich das damals gewusst, hätte ich die Kurve gekratzt." Sie lachte kurz auf. Allmählich stieg wieder die Panik in ihr hoch. Der Himmel war pechschwarz, zumindest kam es Sam so vor. Der Regen peitschte ihr um die Ohren und das Wasser stieg und stieg. Einige Male hatte sie das Gefühl, dass sich irgendwas um ihre Beine schlängelte, doch auch diesen Gedanken verdrängte sie schnell.
Ihr Zeitgefühl hatte Sam bereits verloren. Langsam kam es ihr vor, als würde sie schon seit Stunden herumlaufen. Dann endlich...
"Masters! Masters, hier vorne. Wir sind hier!"
Fassungslos und mit letzter Kraft schwamm Sam zu dem Licht, worin sie Anderson sehen konnte. "Captain... Hawkes und West sind noch an Land. Das heißt, ich hoffe, dass es noch Land gibt."
Taylor griff nach ihrer ausgestreckten Hand und zog sie in das provisorische Lager, dass mittlerweile aus einem nicht allzu großen Boot bestand. Es fühlte sich weich und warm an, aber da Sam völlig durchgefroren war, käme ihr wohl in dem Moment sogar das kalte Metall der Saratoga warm vor. Charly legte Sam eine Decke um die Schultern und streifte ihr einige nasse Strähnen aus dem Gesicht.
"Wir müssen nach Cooper und Nathan suchen. West ist verletzt, ich weiß nicht, wie schwer. Aber..."
"Das können wir nicht. Wir sitzen fest. Das Boot ist verankert. Wenn wir es loskappen, fangen wir womöglich an zu treiben und das würde niemandem helfen."
Sam kniff die Augen zusammen. "Hast du mich eben nicht verstanden? West war bewußtlos, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Cooper musste ihn zurücktragen, wobei ich mir nicht mal sicher bin, ob es überhaupt noch trockene Stellen hier gibt."
"Die gibt es," mischte sich Ward ein. "Nach unseren Berechnungen dürfte das Wasser nun nicht mehr steigen und..."
"Nach Ihren Berechnungen??? Wo waren die vor zwei Stunden, bevor es anfing? Hattet ihr überhaupt eine Ahnung, dass so was passieren könnte?"
Ward und Shaw sahen sich an. "Naja, wir haben es in Betracht gezo..."
"Was?" Völlig außer sich sprang Sam auf. "Und wann wolltet ihr es uns sagen?"
"Das haben sie." Anderson zuckte mit der Schulter. "Jetzt sehe ich, dass es ein Fehler war, euch nichts zu sagen."
"Du wusstest es?" Charly’s Stimme zitterte ein wenig. "Du hast es gewusst und nichts gesagt?"
Kyle nickte. "Die Chancen waren gering, also hielt ich es für unwichtig."
"Unwichtig." Wenn Sam’s Blicke töten könnten...
"Unser Captain hielt dies für unwichtig."
Alle Augen waren nun auf Anderson gerichtet, dem diese Situation nicht sonderlich gefiel. Doch irgendwie hatte er damit gerechnet, dass es wieder mal Probleme geben würde. Seitdem er beim 58sten war, gab es nur noch Schwierigkeiten. Nichts klappte so, wie er oder Aerotech es geplant hatten. Aber wenn er genau darüber nachdachte, könnte dieser Planet ihnen die Arbeit, was West und Hawkes betraf, abnehmen. Immerhin war keiner der beiden hier, in Sicherheit und laut Masters war West sogar verletzt. Für ihn war das ein genialer Zufall.
"Hört zu, Leute. Ich weiß, war ihr jetzt denken müsst, aber wir sollten uns lieber auf das konzentrieren, was vor uns liegt. Egal, in welcher Situation wir uns befinden, wir haben noch immer einen Job zu erledigen."
"Was ist mit Hawkes und West?"
"Was soll mit ihnen sein? Ich sagte doch, dass wir keine Möglichkeit haben, im Moment nach ihnen zu suchen."
Sam machte sich nicht mal die Mühe, sich darüber aufzuregen.
"Fein. Dann werde ich alleine gehen." Sie streifte sich die Decke von den Schultern und stand auf. Das gleiche taten ohne zu zögern Taylor, McDowell, Mitchel, Conroy und Lewis.
"Seid ihr verrückt? Ihr könnt doch nicht..."
"Und ob wir das können," widersprach Chris. "Wir lassen keine Freunde im Stich."
Anderson lachte auf. "Freunde? Seit wann hast du Freunde, McDowell? Und was den Rest angeht: Das ist hier keine Sache, bei dem die Mehrheit entscheidet. Ich bin der Captain, euer Vorgesetzter. Fall ihr euch meinem Befehl widersetzen solltet, kommt ihr vor’s Kriegsgericht. Ich glaube kaum, dass das es wert ist."
"Tja, da liegt der Unterschied," meinte Charly, "Sie sind uns das wert. Aber..." Nun wandte sie sich an die anderen, "es würde weder uns noch Hawkes und West etwas bringen, wenn wir einfach so losschwimmen würden. Auch wenn wir sie finden, es gäbe kaum eine Möglichkeit, sie hierher zurück zu bringen."
"Und was schlägst du vor?" Sam’s Stimme war kaum zu hören. Sie hasste es, das zuzugeben, aber Charly hatte Recht. Sie mussten einen anderen Weg finden.
"Ich denke, wir sollten warten, bis das Wasser zu sinken beginnt. Es dürfte nicht zu lange dauern..."
"Na toll. Hauptsache wir sitzen im Trockenen."
"So war das nicht gemeint, Sam."
"Und wie sonst? Wenn es kein Wasser gäbe, würden Coop und Nathan auch nicht unsere Hilfe benötigen. Vielleicht haben sie es nicht geschafft..." Weiter sprach Sam nicht.
"Dann ist es doch eh‘ zu spät."
"Captain hin oder her, noch so eine Bemerkung und ich vergesse mich." Während Kyle und Sam sich angifteten, hatte Parker vergeblich versucht, auf sich aufmerksam zu machen. Nun nutzte er die kurze Stille, um ihnen etwas mitzuteilen. "Ich störe eure Konversation ungern, aber ich habe eine höchst beunruhigende Neuigkeit: Eine Art Wirbelsturm kommt mit großer Geschwindigkeit auf uns zu."
"Ein Wirbelsturm? Mein Gott, was denn noch alles?" meinte Anderson resignierend. "Wird er uns treffen?"
Parker nickte. "Ja, zumindest wird er in unsere Nähe kommen. Es wäre besser, wir würden uns auf das schlimmste vorbereiten."
Das ließen sich die Marines kein zweites Mal sagen.

Währenddessen viele Meilen weiter im Landesinneren:
Währenddessen viele Meilen weiter im Landesinneren:
"Verdammt... und ich dachte immer, an Nathan wäre nichts dran."
Total erschöpft ging Cooper in die Hocke und legte Nathan vorsichtig auf den Boden. Vor einigen Minuten hatte er bemerkt, dass das Wasser nicht mehr stieg und sie hier wohl in Sicherheit waren. Hawkes sah sich um. Dieser Teil des Planeten war weniger mit Bäumen und Pflanzen übersät als der, der hinter ihnen lag. Hier war es felsig. Was anderes konnte man nicht dazu sagen.

Nach einem tiefen Seufzer schulterte sich Coop wieder den noch immer bewußtlosen Nathan und schritt weiter. Er musste bald einen geeigneten Platz finden, in dem er Nathan’s Wunde versorgen konnte. Wenn es nicht so dunkel wäre und es nicht regnen würde, hätte er dies schon längst getan. Wenige Minuten später entdeckte Hawkes so etwas wie eine Höhle in einem Felsvorsprung. Der Weg nach oben würde mit West ein bißchen schwierig werden, aber er hatte ja keine andere Chance. Zudem war er äußerst dankbar, dass sie nicht wie üblich ihr 40 Pfund schweres Marschgepäck dabei hatten. Nicht mal er hätte das geschafft. Aber Nathan reichte ihm auch völlig. Mit größter Anstrengung hatte es Cooper zehn Minuten später geschafft. Nach einem kurzen Blick in die Höhle stellte er fest, dass sie sehr klein war und sie sich entweder zusammen reinquetschen mussten oder einer von ihnen zumindest halb draußen bleiben müsste. Bei dem Wetter sicher kein Vergnügen. Nachdem er Nathan ins Trockene geschafft hatte, merkte er, dass er sich zu rühren schien. Ein leises Stöhnen bestätigte Cooper’s Vermutung.
"Hey, Nate... bist du okay?" Erst jetzt fiel ihm auf, wie blaß Nathan war. Sofort holte er den kleinen Erste-Hilfe-Koffer raus und wühlte hastig darin rum, bis er das Desinfektionsmittel gefunden hatte. Dann gab er Nathan die Injektion. Er stellte fest, wo Nathan gebissen worden war, nämlich an seiner rechten Wade. Die Wunde sah schrecklich aus. Anscheinend hatte sie sich bereits entzündet. Als Cooper diese Stelle desinfizierte, schreckte Nathan in die Höhe.
"Hawkes... willst du mich umbringen?" Völlig entgeistert sah Cooper ihn an.
"Ich... ich habe doch nur..." Zu mehr kam er nicht, da Nathan schon wieder zurücksackte. Seine Augen waren geschlossen und er atmete schnell und schwer. Das gefiel Cooper überhaupt nicht. Aber was sollte er sonst noch machen? Er hatte nicht die geringste Ahnung, was Nathan gebissen hatte und was noch wichtiger war, was es für Folgen haben würde, wenn man dies nicht richtig behandelte. Was wäre, wenn sich bereits eine Art Gift in Nathan’s Blutkreislauf befand? Vielleicht würde die Injektion helfen, vielleicht aber auch nicht. Plötzlich musste Cooper niesen. Einmal, zweimal, dreimal... Er wunderte sich darüber, da InVitros eigentlich gegen jegliche Art von Erkältungen oder sonstigem immun sein müssten. Doch er hatte auch noch nie völlig erschöpft und durchnässt im Regen gesessen...’

Eine halbe Stunde später hatte sich Nathan’s Zustand enorm verschlechtert. Er fieberte stark, ohne zu schwitzen. Soweit Cooper darüber Bescheid wusste, war das gar nicht gut. Es musste daran liegen, was durch den Biss in Nathan’s Kreislauf gekommen war. Nur was sollte er bloß dagegen tun? Das einzige, an was er sich erinnern konnte, war die Injektion sowie die Desinfektion gewesen. Eigentlich hätte dies ausreichen sollen. Unter ihnen bekannten Umständen. Doch da sie es hier mit nicht bekannten Bakterien, Viren, Erregern oder Ähnlichem zu tun hatten, gab es wohl nichts, was Cooper hätte anderes tun können. Zur Sicherheit versorgte er nochmals Nathan’s Wunde und überlegte, wie er Nathan zum Schwitzen bringen könnte. Es war die einzige Möglichkeit, dieses Gift oder was auch immer, aus ihm raus zu bekommen. Während er so mit angewinkelten Beinen dasaß und überlegte, fing er selbst an zu zittern. Sein Anzug klebte ihm naß und kalt am Körper, was wohl auch nicht gerade gesund war. Er sah ein, dass er sich schnell etwas einfallen lassen musste, damit sie beide überleben konnten. "Wie kriege ich Nathan warm... wie nur?" murmelte er leise vor sich hin.
"Coop..." Vor Schreck zuckte er zusammen. Cooper hatte nicht damit gerechnet, Nathan’s Stimme zu hören.
"Ja... ich bin hier, Kumpel."
Aus glasigen Augen blickte Nathan ihn an. "Du siehst so besorgt aus..." krächzte Nathan. "Was ist passiert?"
Cooper legte seine Hand auf Nathan’s Stirn und erschrak. Er glühte.
"Irgend was hat dich gebissen, im Wasser. Ich weiß nicht, was ich tun soll..."
"Wo... wo sind wir?"
"Ich wie es nicht. Jedenfalls in Sicherheit. Was macht man gegen Fieber, Nate? Du musst mir helfen..." Aber sein Freund hatte bereits die Augen geschlossen und reagierte nicht mehr.
"Nate?? Hey, du kannst mich jetzt nicht im Stich lassen, hörst du? Ich schaff‘ das nicht allein!"
Nun hatte Cooper den Punkt erreicht, wo er völlig verzweifelt war. Normalerweise fand er immer einen Ausweg, doch dieses Mal fühlte er sich vollkommen hilflos. Sein bester Freund lag hier vor ihm und er war der einzige, der ihm helfen konnte. Leider hatte er nicht die geringste Ahnung, wie. Er wusste nur, dass Nathan sterben könnte und das bloß, weil er ihm nicht geholfen hatte.
"Nathan bitte... du musst kämpfen. Ohne dich werde ich Shane und die anderen nicht retten können. Alleine schaffe ich das nicht..."
Ohne zu wissen, dass er Nathan damit das Leben retten würde, legte sich Cooper so eng wie nur möglich zu Nathan und drückte den durch das Fieber heißen Körper an seinen eigenen. Er hielt ihn nur fest und redete auf ihn ein. Einmal schloß er selbst die Augen und sprach: "Okay, ich habe keine Ahnung, ob es dich gibt und wer du bist, aber ich denke, du bist es mir schuldig. Nathan darf nicht sterben. Er ist der einzige, den ich noch habe und ich brauche ihn. Vielleicht bist du nicht mein Gott. Aber du bist seiner. Lass‘ ihn am Leben. Es ist noch nicht Zeit für ihn..."
Diese Nacht wollte einfach nicht vergehen. Für Cooper kam es wie eine Ewigkeit vor, bis er plötzlich merkte, dass Nathan zu schwitzen anfing. Er wand sich hin und her und redete wirres Zeug, aber irgendwie hatte Cooper das Gefühl, dass das ein gutes Zeichen war. Er sah aus der Höhle und bemerkte, dass der Himmel heller zu werden schien. Ein schwaches Grinsen huschte über sein Gesicht. "Danke...," war alles, was er noch herausbrachte.
Cooper hatte sich in seinem Leben schon oft schlecht gefühlt, aber noch nie so mies wie jetzt. Er war schlapp, müde, erschöpft und mit den Nerven am Ende. Zudem konnte er keinen klaren Gedanken mehr fassen. In seinem Kopf hämmerte es wie verrückt und er sah alles nur noch verschwommen. Dennoch raffte er sich mit den ersten Sonnenstrahlen auf, was im ersten Moment ziemlich schmerzhaft war. Er sah hinunter auf Nathan, der seit einigen Stunden tief und vor allem ruhig schlief. Erleichtert atmete Cooper auf und griff nach seiner Wasserflasche. Das war allerdings zwecklos, da er Nathan all sein Wasser innerhalb der vergangenen 20 Stunden gegeben hatte. Immerhin hatte es geholfen. Nathan’s Fieber war stetig gesunken und nun fühlte er sich wieder völlig normal an. Wenn Nathan aufwachen würde, mussten sie so schnell wie möglich zurück zum Lager. Falls es das überhaupt noch gab.
"Cooper... hey, bist du schon wach?"
Ein wenig überrascht, drehte sich Hawkes um. Nathan hatte sich bereits aufgesetzt und rieb sich die Augen.
"Ich hatte vielleicht einen Traum..."
Erst jetzt bemerkte er, wo er war. "Es war gar kein Traum, hab‘ ich recht?"
Cooper schüttelte den Kopf. "Du hattest verdammt hohes Fieber. Dieser Biss hatte sich irgendwie entzündet oder es war so was wie Gift. Aber du lebst noch und das ist das wichtigste."
Nathan’s Gesichtsausdruck wurde ernst. "Soll ich dir mal was sagen? Ich habe von Neil geträumt und von Pags... ganz schön verrückt..."
Verständnislos sah ihn Cooper an. Nathan hielt es in dem Moment für besser, dies Cooper nicht genauer zu erklären. Vielleicht irgendwann einmal.
"Bist du jetzt wieder okay?" wollte Hawkes nach einer Weile wissen.
"Ich fühle mich zwar ein bisschen durch den Wind gedreht, aber ich denke, mir geht es ganz gut. Was ist mit dir? Du siehst nicht gerade fit aus."
"Naja, immer, wenn ich mit dir unterwegs bin, muss ich dir den Arsch retten. Auch ich brauche mal eine Pause."
Cooper grinste, aber Nathan wusste ganz genau, dass sich Coop noch schlechter fühlte, als er jemals zugeben würde. Er kannte das noch von Neil und John, wenn sie als Kinder immer verheimlichen wollten, dass sie krank waren. Dann mussten sie nämlich zu Hause bleiben anstatt mit ihren Freunden spielen zu können. Er vermutete, dass sich Cooper noch immer für ihn verantwortlich fühlte. Erst, wenn sie wieder sicher bei den anderen waren, würde es sein Freund einsehen.
"Wir sollten uns auf den Weg machen, um das Lager zu finden. Was meinst du, Lieutenant?"
"Bin ganz deiner Meinung, aber wirst du das auch schaffen? Ich meine, du hast eine harte Nacht hinter dir und so; vielleicht sollten wir noch etwas warten...?"
"Mir geht’s gut. Je eher wir das Lager erreichen umso besser."
Zwar war West noch sehr wackelig auf den Beinen, aber er versuchte, sich nicht allzuviel anmerken zu lassen. Es fehlte noch, dass Cooper ihn stützen würde. So wie er aussah, würde er nicht mehr lange mitmachen. Cooper’s Schritte wurden immer langsamer und bald darauf fing der Husten an. Es hörte sich grausam an. Nathan konnte nur hoffen, dass er noch durchhalten würde. Er selbst war weiß Gott noch nicht in der Lage, Hawkes zu helfen, wenn er zusammenklappen sollte. Wenn es kommt, dann aber auch richtig... dachte sich Nathan und fluchte leise vor sich hin.
"Du musst was trinken, Coop. Wo ist..."
"Wir haben nichts mehr. Es wird auch so gehen..." Cooper hielt an und hustete stark. Scheiße... er wird sich doch bloß keine Lungenentzündung geholt haben... ging es Nathan durch den Kopf.
"West, weisst du, letzte Nacht... da hatte ich echt Angst, dass du... dass du sterben würdest; dass ich dann ganz alleine sein würde."
"Keine Sorge, mir geht es gut und das habe ich nur dir zu verdanken. Woher wusstest du, was du zu tun hast?"
"Ich wusste es nicht! Das war wohl Glück..."

Mittlerweile waren sie schon eine ganze Weile gelaufen und sie hatten das felsige Gelände verlassen. Es wurde sehr matschig und das Gehen fiel ihnen immer schwerer. Irgendwann schaffte es Cooper nicht mehr alleine, weswegen Nathan ihm unter die Arme griff. Als ob er der Richtige dafür war... Aber Cooper hatte ihm mit sehr großer Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet und da musste er sich einfach zusammenreissen. Davon mal abgesehen, hatte er wohl genauso große Angst, Coop zu verlieren wie umgekehrt. Wie durch ein Wunder hörten sie bald darauf Stimmen. Sie tippten auf Sam und Robert und lagen richtigen. Als Masters die beiden sah, blieb sie erstmal staehen. Sie konnte kaum glauben, dass Cooper und Nathan noch am Leben waren.
"Mal gespannt, was deine Lady dazu sagen wird, dass du sie so lange alleine gelassen hast, Coop."
"Cooper ließ von Nathan ab und stolperte praktisch auf Sam zu. Nun kam auch sie ihm entgegen.
"Was fällt dir bloß ein, sowas zu machen, he? Du kannst mir das doch nicht antun..." Sie stoppte kurz vor ihm und sah ihn an. "Oh, Coop... ich hatte solche Angst!"
Dann fiel sie ihm um den Hals. Sie spürte sein Grinsen, auch wenn es schwach war.
"Du hörst dich schon an wie Shane."
"Haha..."
Als sich Sam von Cooper lösen wollte, hielt er sie noch fest. Er wollte sie einfach noch nicht loslassen. Es tat so gut... Dann brach Cooper zusammen.

"Captain... wir müssen sofort zur Saratoga zurück."
Anderson nickte, als er West und Hawkes in einem sehr schlechten Zustand sah. Er mochte sie nicht; nicht nach allem was er gehört oder gelesen hatte und nach den Monaten mit ihnen, aber er begann sie zu bewundern. Er hatte gewusst, dass die Wildcards eine hervorragende Einheit waren und sie alle fünf zu den besten Soldaten des Corps gehörten. Aber dieser Zusammenhalt... das beeindruckte ihn am meisten. Cooper würde ohne zu zögern für Nathan sterben und umgekehrt. Und er bezweifelte, dass Vansen, Wang und Damphousse anders waren. Natürlich hatte er auch das bereits gewusst, dies jedoch selbst mitzuerleben, überrumpelte ihn. Aus diesem Grund wuchs ein Hass in ihm, der nicht größer und gefährlicher hätte sein können. Für ihn hatte der Job mittlerweile einen persönlichen Rachefeldzug angenommen, vor allem nach den Vorfall mit Hawkes. Auf ihn musste er besonders aufpassen. Ein falscher Schritt und Hawkes würde ihm schneller das Genick brechen als er noch mal Luft holen könnte. Sein Einsatz auf Tigris war zwar streng geheim, aber er wusste davon. Doch Aerotech hatte ein As im Ärmel, dass sie bald ausspielen würden. Sehr bald sogar...

"Die Funkverbindung zur Saratoga müsste in ein paar Mikes wieder hergestellt sein, sir. Die... Umweltverhältnisse verbessern sich rasch, so dass wir in ungefähr einer Stunde wieder mit dem Normalzustand rechnen können."
Charly konnte ihre eigenen Worte kaum selbst fassen.
"Dieser Planet ist unglaublich. Es verändert sich alles in so schneller Zeit..."

"West, wie geht es dir?" Nathan achtete nicht auf Anderson, sondern half Sam, Cooper in eine Decke zu wickeln. Dann verließ auch Nathan seine letzte Kraft und er setzte sich erschöpft neben Hawkes.
"Ist wohl eine große Enttäuschung, dass wir es lebend zurück geschafft haben, was Captain?"
Ohne eine Antwort drehte sich Anderson um und ging. Als Nathan die Augen schloss, musste er an Kylen denken. Hätten Coop und er es dieses Mal nicht geschafft, wie wäre sie damit fertig geworden? Nach allem, was sie selbst hatte durchstehen müssen? Er vermisste sie. In diesem Moment mehr als jemals zuvor. Nathan erinnerte sich an die Zeit auf der Erde, lange, bevor der Traum von ihnen, gemeinsam auf einen anderen Planeten auszuwandern, überhaupt in greifbare Nähe gerückt war. Ihre Schulzeit, die Sonntage mit ihren Familien, der erste Urlaub alleine... es schien ihm eine Ewigkeit her zu sein. Jetzt war sie sicher auf der Erde, er hier an der Front und keine Ahnung, wie es ihr ging; was sie machte und was noch wichtiger war, was sie durchgemacht hatte. Einen Brief... einen einzigen Brief hatte er ihr bisher geschrieben. Sollte das etwa alles sein, was von ihrer großen Liebe zueinander übrig geblieben war? Dann stellte er sich wie immer und zum xten Male diese einzige Frage: Wieso?

"West, der Transporter ist gelandet. Schaffst du es alleine?"
Ein wenig benommen, versuchte er, sich aufzurappeln, aber seine Beine ließen sofort nach. Resigniert schüttelte er den Kopf. Taylor und McDowell fassten ihn an den Armen und legten diese um ihre Schultern. Im APC hoben sie Nathan auf eine der Kojen, direkt gegenüber von der, wo Hawkes lag. Cooper war wieder bei Bewusstsein, aber er sah gar nicht gesund aus. Seine Wangen waren gerötet und er atmete schnell und hastig zwischen dem Husten. Sam stand neben ihm, mit besorgtem Gesichtsausdruck, als sie an seine Stirn fasste. Tapfer lächelte er sie an.
"Mir geht’s gut, Sam. Nur ein bisschen erkältet." Sie nickte.
"Ruh‘ dich jetzt aus."
"Was ist mit West?"
Sam warf Nathan einen Blick.
"Ich bin okay, Coop. Nur ein wenig ausgelaugt, nachdem ich dich hinter mir herziehen musste." Beide tauschten ein mattes Lächeln aus. Dann musste Cooper wieder husten und Nathan driftete langsam in einen unruhigen Schlaf.

Als Nathan erwachte, lag er auf der Krankenstation der Saratoga. Es war still und ruhig und erinnerte ihn an Weihnachten `63, vielmehr an kurz vor Weihnachten, als er mit einer Kopfverletzung hiergelegen hatte und seine Einheit angeblich tot gewesen war.
Naja, dachte er sich, viel anders sah es im Moment auch nicht aus. Außer Hawkes... Nathan fuhr hoch. Was war mit Cooper? Warum lagen sie nicht zusammen hier? Etwas musste mit ihm sein... Nachdem er einige Male tief Luft geholt hatte, schlug er die Decke beiseite und stand auf. Als seine nackten Füsse den Boden berührten, zuckte er kurz zusammen. Ihm wurde etwas schwindelig, doch dann ging es wieder. Zu seinem Glück hatte jemand seine Stiefel neben die Tür gestellt, welche er grinsend anzog. Zuschnüren tat er sie nicht; er wollte sich seine Kraft für wichtigeres aufheben. Leise schlich er den Gang entlang und sah ziemlich bald McQueen vor einer Tür stehen, den Kopf gesenkt, die Arme vor der Brust verschränkt. Erst als Nathan bereits fast neben ihm stand, bemerkte McQueen ihn. Für eine Sekunde konnte man noch die Besorgnis in seinem Gesicht sehen, dann setzte er wieder seine Maske auf.
"West, was tun Sie hier? Zurück ins Bett mit ihnen!" Doch Nathan’s Blick haftete schon auf Cooper. Durch das kleine Fenster konnte er Sam erkennen sowie einen Arzt und eine Schwester. Cooper wurde gerade eine weitere Infusion gelegt und der Arzt sprach mit Sam, die Cooper’s Hand hielt.
"Er hat eine schwere Lungenentzündung," erklärte McQueen leise, "... und die Medikamente sprechen nicht an. Sie wollen ihm auch nicht zuviel geben, nach seiner Vergangenheit."
"Ich dachte, InVitros hätten nur Probleme mit Amphetaminen?"
"Wissen Sie, West, während unserer ersten Monate bekommen wir so viel Zeug eingeflöst, dass unser Immunsystem eigentlich alle kommenden Krankheitserreger abwehren müsste. Bei manchen entpuppt sich das jedoch als Boomerang, da der Körper die Impfstoffe nicht annimmt."
"Das ist bei Coop der Fall?"
Der Colonel schüttelte den Kopf. "Ich denke eher, dass seine Behandlung noch nicht abgeschlossen war, als... er... seine Ausbildung frühzeitig beendet hat."
Bei dieser Umschreibung musste Nathan innerlich grinsen. Gleichzeitig fragte er sich zum hundertsten Mal, wieso Cooper damals abgehauen war und und wie er überhaupt auf der Straße überleben konnte. Ob McQueen darüber mehr wusste? Den Mut, einen der beiden deswegen zu fragen, würde er zumindest jetzt wohl nicht aufbringen. Stattdessen stellte Nathan die Frage, was das für Cooper bedeuten würde.
"Die Lungenentzündung haben die Ärzte im Griff. Auch ohne unseren Fortschritt in der Medizin gibt es Wege, ihm zu helfen. Im vorigen Jahrhundert wurden die Menschen ja auch geheilt."
Nathan runzelte die Stirn. "Sie wollen ihn ohne Medikamente behandeln?"
"Ganz ohne nicht. Dazu noch Brustumschläge und Franzbranntwein."
"Mit was?"
"Genug davon. Cooper wird es bald besser gehen und Sie gehen jetzt in Ihr Zimmer zurück. Gibt es hier eigentlich niemanden, der aufpasst, dass die Patienten da bleiben, wo sie hingehören?"
McQueen seufzte und fasste Nathan am Oberarm.
"Kommen Sie, West. In Ihrem Zustand werden Sie Cooper nicht helfen können."
"Helfen? Wie kann ich ihm schon helfen?"
"Indem Sie ihm den Rücken waschen."
Fassungslos starrte Nathan seinen Vorgesetzten an. Dass McQueen in solch einer Situation Witze machen konnte...

Während McQueen Nathan zu seinem Zimmer begleitete, gingen ihm die Worte des Arztes durch den Kopf. ‚Hätte der Lieutenant nicht unter so großer Anstrengung gestanden, würde es jetzt nicht so schlecht um ihn stehen. Aber er ist jung und kräftig, so dass ich keine Bedenken habe.‘
Er hielt es für klüger, Nathan nichts davon zu erzählen. Wie er ihn kannte, würde er sich nur wieder die Schuld geben, dass sich Cooper nur wegen ihm in dieser Verfassung befand und das würde niemandem helfen. Und obwohl er sich große Sorgen machte, war er nicht zum ersten Mal sehr stolz auf seine beiden Lieutenants. So schlecht es ihnen auch gehen mag, sie waren für den anderen da – bedingungslos. Früher oder später würde er sie aus diesem Grund verlieren, hatte Ross ihm einmal gesagt. Doch das war ihm lieber als dass sie sich im Stich lassen würden.
"Brauchen Sie noch etwas, West?"
Nathan legte sich zurück und seufzte. "Vieles, Colonel, aber das können nicht mal Sie beschaffen."
McQueen rückte einen Stuhl näher und setzte sich.
"Machen Sie sich keine Sorgen wegen Cooper. Er ist stark."
"Wenn er gesund ist... Aber als ich ihm sogar helfen musste zu gehen..."
"Was ist es wirklich, Nathan?"
"Ich weiss es nicht, Colonel. Dieser Krieg laugt einen einfach aus. In den früheren Kriegen wusste man wenigstes, wer der Feind war. Jetzt sind es die Chigs, aber dazu kommen noch die Silikanten und was noch schlimmer ist, Aerotech."
Er sah McQueen eindringlich an.
"Auch wenn wir die Chigs jemals besiegen werden, wie können wir normal weiterleben, als ob nichts geschehen ist?"
"So ist das Leben. Sie sind nicht der erste, der sich diese Frage stellt."
"Es ist nicht die einzige Frage..."
"Nathan, hören Sie mir zu! Diese ganzen Fragen nützen rein gar nichts. Im Gegenteil. Die einzige Frage, die wirklich wichtig ist, ist, für wen sie kämpfen."
Als Nathan nicht antwortete, stand McQueen auf.
"Denken Sie darüber nach. Und jetzt schlafen Sie."
"Ich brauche nicht darüber nachzudenken, Colonel. Es gibt nur eine Antwort..."

Nachdenklich machte sich McQueen auf den Weg zu Hawkes‘ Krankenzimmer zurück. Nathan’s Worte hallten in seinem Gedächtnis wieder: Für meine Freunde. Nun war Nathan auch in seinen Augen ein 100 %iges Mitglied der Wildcards. Nicht, dass er vorher Zweifel deswegen gehabt hatte. Aber diese Kylen hatte irgendwie immer ein Stück von Nathan beansprucht, was im Grunde ja nichts Negatives war. McQueen hatte sich nur vor einem gefürchtet: Wie sich West entscheiden würde, wenn er die Wahl zwischen seiner Freundin Kylen und seiner Einheit treffen müsste. Das zählte nun nicht mehr. Was zählte, waren die Wildcards, sonst nichts.

"Na, Großer, liegst du bequem?" Cooper grinste ein wenig.
"Ich fühle mich irgendwie eigenartig." Als er wieder zu husten anfing, verkrampfte sich Sam wie jedes Mal, wenn das der Fall war. Es schmerzte sie mehr, ihn so leiden zu sehen, als wenn sie selbst da liegen müsste. Doch sie hatte sich vorgenommen, stark zu sein. Für Cooper.
"So, gleich werde ich dir deinen Rücken mit diesem Zeug einreiben. Du weißt schon, dass, was so frisch riecht."
Gerade, als sie den Franzbranntwein holte, kam Colonel McQueen ins Zimmer.
"Kann ich helfen?"
"Sicher. Alleine kriege ich ihn nicht hoch. Cooper, meine ich."
McQueen versuchte vergeblich, ein Grinsen zu unterdrücken und Sam errötete ein wenig. "Äh... also ich..."
"Schon gut. Haben Sie so was schon mal gemacht?"
"Ich? Nein, aber Dr. Kanellos hat mir genau erklärt, wie ich was zu tun habe. Haben Sie eine Ahnung, woher sie dieses Zeug haben? Ich habe das noch nie gesehen."
"Ein uraltes Hausmittel. Vom Commodore. Er meint, es wirkt Wunder."
Während McQueen Cooper’s Oberkörper aufrecht hielt, rieb Sam ihm den Rücken und das Kreuz ein. Dann tauchte sie ein Tuch in warmes Wasser, wickelte dieses um seine Brust und wickelte darum noch ein trockenes Flanelltuch. Als Cooper wieder lag, zog Sam das Laken gerade, da es keine Falen haben durfte und deckte ihn dann mit der Decke zu. McQueen beobachtete sie dabei, ganz besonders ihren Gesichtsausdruck, wenn sie ihn ansah.
"Cooper liegt Ihnen wohl sehr am Herzen?" Es sollte sich nach einer Frage anhören, doch es klang eher wie eine Feststellung.
Sam nickte. "Den Vortrag können Sie sich sparen, sir. Ich weiss selbst, dass es der denkbar ungünstigste Zeitpunkt ist, sich zu..." Abrupt stoppte sie und suchte schnell nach einer besseren Beschreibung.
"Jemanden so ins Herz zu schließen," beendete sie ihren Satz. Aber McQueen hatte verstanden. Er hatte es bereits befürchtet, so krass sich das auch anhören musste. Wie Sam gesagt hatte, es war der denkbar ungünstigste Zeitpunkt. Doch darum würde er sich später kümmern.
"Ich werde für die nächsten Stunden hier bleiben, Masters. Legen Sie sich in Ihrem Quartier ein paar Stunden schlafen, damit Sie für morgen fit sind."
Als Sam widersprechen wollte, fügte er hinzu: "Das ist ein Befehl."
Es war keine ruhige Nacht für T.C. McQueen. Cooper’s Fieber war gestieben und dann fing er sogar an, Blut zu husten. Dr. Pendrell war mittlerweile bei ihm; er hatte die Nachtschicht.
"Keine Sorge, Colonel, wir haben alles unter Kontrolle. Es wäre zwar einfacher, wenn wir ihm die Medikamente geben könnten, aber sie hatten das ja abgelehnt."
"Ich will kein Risiko eingehen, wenn es auch anders geht."
Der Doc seufzte leicht. "Nun gut, etwas anderes. Die Unterlagen zu Lieutenant Hawkes sind nicht vollständig. Sie können mir da wohl nicht weiterhelfen oder?"
McQueen überlegte. Auf was wollte Dr. Pendrell hinaus?
"Was für Unterlagen?"
"Die aus der Erziehungseinrichtung. Es fehlen die letzten Monate."
McQueen tat überrascht. "So? Sind sie denn so wichtig?" fragte er vorsichtig.
"Im Grunde schon. Aber es wird auch so gehen. Falls sich an seinem Zustand etwas ändert, sagen Sie mir sofort Bescheid. Ich muss nach den anderen Patienten sehen."
Der Colonel nickte. Als der Doc das Zimmer verlassen hatte, setzte er sich leise wieder auf den Stuhl und schloss die Augen. Hoffentlich waren sie nicht so wichtig, dass Dr. Pendrell Nachforschungen ansetzen würde...
"Colonel? Colonel?"
Colonel McQueen schlug die Augen auf und wusste im ersten Moment nicht, wo er sich befand. Dann sah er Cooper’s Gesicht, welches ein wenig amüsiert zu sein schien. Mit einem Räuspern setzte er sich wieder gerade im Stuhl auf und fragte Cooper, wie es ihm heute morgen erginge.
"Besser, ein bisschen." Sein Husten hörte sich zwar noch immer so schlimm an, aber es war ja erst der zweite Tag und es würde laut Dr. Kanellos noch ein paar Tage dauern, bis die Genesung einsetzte.
"Sir, Sie sehen etwas müde aus. Vielleicht sollten Sie..."
"Lieutenant, geben Sir mir lieber keine guten Ratschläge. Nicht solange Sie hier ziemlich hilflos auf der Krankenstation liegen."
"Äh... Colonel, waren Sie schon bei Nathan?"
"Wann? Heute morgen?" McQueen grinste ein wenig und Cooper überlegte, wann er seinen Colonel jemals so locker erlebt hatte. Ihm fiel nichts ein.
"Ich habe gestern mit West geredet, als er sich aus seinem Zimmer hierher geschlichen hatte. Es geht ihm gut. Es würde mich nicht wundern, wenn er..."
"Guten Morgen," ertönte plötzlich Nathan’s Stimme.
Cooper und McQueen sahen sich grinsend an.
"Na, es scheint unserem Patienten ganz gut zu gehen." Nathan trat an die andere Seite von Cooper’s Bett und stieß ganz leicht mit seiner Faust an Cooper’s Schulter. "Ist er okay, Colonel?"
"In der vergangenen Nacht nicht, aber das Gröbste hat er wohl hinter sich. Helfen Sie mir, seinen Rücken zu waschen."
Genauso ungläubig wie das letzte Mal, wo er dies erwähnt hatte, sah er zu McQueen.
"Ich dachte, dass wäre ein Scherz."
"Seit wann mache ich Scherze, West? Und nun heben Sie ihn vorsichtig in die aufrechte Lage..."

Tatsächlich ging es Cooper besser, wie Dr. Kanellos eine Stunde später feststellte. Nicht, dass es ihm gut ginge. Dafür war seine Temperatur zu hoch, sein Herz klopfte zu schnell und seine Schmerzen in der befallenen Seite zu stark. Doch bisher hatte er weder Schüttelfrost gehabt noch war sein Kreislauf zusammen gebrochen.
Sein Herz mussten sie besonders beobachten, aber auch darüber machte sich Dr. Kanellos keine Sorgen. Es war die seelische Belastung, die ihm zu schaffen machte. Als er erwähnte, dass die seelische und körperliche Belastung bei Cooper hätte zum Tode führen können, schluckte Nathan, so, wie McQueen es vermutet hatte. Warum hatte er es auch noch mal erwähnen müssen?
"Heisst das, dass Cooper hätte sterben können, nur weil er mich zum Lager zurückgetragen hat?" wollte Nathan mit bedrückter Stimme wissen. Dr. Kanellos nickte. "Aber ich bin mir sicher, dass, wenn Ihnen etwas zugestoßen wäre, es für Lieutenant Hawkes den sicheren Tod bedeutet hätte. Also machen Sie sich keine Vorwürfe. Er ist hier und er lebt, nur das zählt. Und Sie als sein Freund sollten eine moralische Unterstützung für ihn sein und das auch nur dann, wenn Sie wieder vollkommen fit sind."
Er sah Nathan prüfend an.
"Das bin ich. Können wir sonst noch was für ihn tun?"
"Achten Sie darauf, dass er genug trinkt, Obstsäfte oder gezuckerten Tee und falls er Hunger haben sollte, weiss Lieutenant Masters Bescheid, was er essen soll. Das wäre alles."
Cooper hatte die Unterhaltung nicht mitbekommen. Er hörte gerade Sam zu, die von dem Sturm erzählte, der auf dem Wasser auf sie zugekommen war und das Notlager beinahe gekentert wäre. Sie hatten Glück gehabt, dass sie verankert gewesen waren, sonst wären sie sonstwo gelandet.
"Dank Anderson haben wir überlebt, so ungern ich das auch sage."
Cooper nickte. "Zu etwas muss er ja gut sein."
"Darf man euch mal stören?" mischte sich Nathan ein. "Cooper sollte so viel wie möglich trinken. Hier." Er hielt ihm ein Glas mit Orangensaft hin, welches Cooper mit wackeligen Händen entgegennahm.
"Masters, um 0900 ist Einsatzbesprechung. Nicht vergessen. "McQueen nickte Cooper zu und verließ das Zimmer.
"Geh‘ ruhig. Ich bleibe bei unserem Patienten." Sam holte tief Luft.
"Dass du aber auch gut auf ihn aufpasst, Nathan, sonst..."
"Hey," lachte er, "ich passe bereits seit zwei Jahren auf ihn auf!"
Mit einem Grinsen verabschiedete auch sie sich. Nun waren Nathan und Cooper alleine und zuerst wusste keiner der beiden, was sie sagen sollten. Dann ergriff Nathan das Wort.
"Wer hätte das gedacht? Du und Sam... ihr passt zusammen. Es ist irgendwie süß, euch beide zu sehen."
"Süß? Hast du vielleicht noch einen Schlag auf den Kopf bekommen?" Während Cooper lachte, fing der Husten wieder an und Nathan bereute, dass er das Thema angeschnitten hatte. "Es tut mir leid."
Cooper schüttelte den Kopf. "Verdammt, Nathan, hör‘ doch endlich auf damit. Es war nicht deine Schuld, kapier‘ doch endlich. Weder das mit Shane, Vanessa und Paul noch das hier. Hat dir das deine Kylen nicht auch gesagt?"
"Ich... ich habe ihr nicht mehr geschrieben."
"Warum?"
Nathan zuckte mit den Schultern. "Ich weiss es nicht. Ich kann nicht."
Mühsam setzte sich Cooper ein wenig auf, doch bevor Nathan deswegen protestieren konnte, sah er ihn eindringlich an. Fast so wie McQueen... schoss es Nathan durch den Kopf.
"Gib‘ sie nicht auf, West. Wenn du sie aufgibst, gibst du uns alle auf."
Was in diesem Moment in Nathan vorging, konnte er später kaum selbst beschreiben. Er vermutete, dass sich so sein Dad gefühlt haben musste, als er mit ihm über seine Pläne gesprochen hatte. Damals hatte sein Dad noch für eine Firma gearbeitet, aber sein Traum war es immer gewesen, sich selbständig zu machen. Mit drei Kindern ist das allerdings ein Risiko. Also sprach er mit seinem ältesten Sohn, Nathan, als er 15 gewesen war und Nathan hatte geantwortet: Jeder Trraum ist es wert, ein Risiko einzugehen, Dad. Und egal, was du tust oder was passiert, deine Söhne werden dich trotzdem lieben.
Natürlich war Cooper’s Satz nicht gleichzusetzen mit seinem eigenen, aber dass Cooper ihm riet, Kylen nicht aufzugeben, nach allem, das berührte ihn unglaublich. Cooper beobachtete interessiert den Ausdruck in Nathan’s Gesicht. Er hatte erwartet, dass Nathan ihm sagen würde, dass Kylen ihn nichts anginge, aber jetzt schien er sprachlos zu sein. Er verstand nicht wieso, es war doch nur ein einfacher Satz gewesen, aber als dann ein Lächeln auf seinem Gesicht erschien, war Cooper erleichtert.
"Kommst du für eine Weile allein klar? Ich... habe was zu erledigen."

"... und sie werden den Transportrt eskortieren. Abflug um 1430. Wegtreten."
"Endlich," freute sich Robert. "Endlich fliegen wir mal wieder. Das wurde ja auch Zeit."
"Man könnte meinen, du freust dich auf jeden Einsatz, Taylor. Es ist Krieg, schon vergessen?!"
Robert zog eine Grimasse. "Nein, habe ich nicht. Aber wenn ich in einem Hammerhead sitze, vergesse ich all meine Sorgen. Dieses irre Feeling ist mit nichts zu vergleichen." Seine Augen leuchteten jedes Mal, wenn er über das Fliegen redete. Er war Pilot mit Leib und Seele und das trotz seines noch jungen Alters.
"Och, ich wüsste etwas vergleichbares..." meinte Brian verschmitzt. Alle grinsten daraufhin, außer Sam. Ihre Gedanken waren bei Cooper. Sie wünschte sich nichts mehr als ihm irgendwie helfen zu können, aber im Moment konnte nur er sich selbst helfen. Und nach den zwei Monaten, die sie ihn nun kannte, zweifelte sie keine Sekunde daran, dass er es schaffen würde. Auch wenn der Grund sie etwas beunruhigte. Cooper’s und Nathan’s Überlebenswille war deshalb so groß, da sie noch drei Freunde hatten, die ihre Hilfe brauchten. Allein schon dieser Gedanke machte ihren Willen übermenschlich. Auch wenn sie Angst hatte, dass bei der Rückkehr von Shane Cooper’s Gefühle für sie sich ändern würden, war es gleichzeitig der Grund, weshalb sie Cooper so liebte. Diese bedingungslose Freundschaft. Sie hatte noch nie erlebt, dass jemandem etwas so wichtig gewesen war wie die Wildcards für Cooper. Aber moment mal... hatte sie da eben von Liebe gesprochen? Sie? Unmöglich! Bevor ihr Gedanken total außer Kontrolle geraten würden, dachte sie schnell an ihren Einsatz, für welchen sie sich nun fertig machen musste.

"58, Sie haben Starterlaubnis!"
"Ihr habt’s gehört. Viel Glück." Anderson hatte ein komisches Gefühl in der Magengegend. Etwas würde bei diesem Einsatz schiefgehen, das spürte er und ohne Hawkes und West war die Einheit nur halb so gut. Es waren keine schlechten Soldaten, aber an die berühmten Wildcards kamen sie nicht im entferntesten heran. Manchmal wünschte er sich, das Kommando über die Wildcards zu haben. Dank seiner Beziehungen wäre er sicher bald Lieutenant Colonel. Wer weiss, vielleicht würde er sogar noch in diesem Krieg zum Major befördert werden. Immerhin hatte er bereits viel geopfert und Aerotech vergass so was nicht. Wenn West und Hawkes und auch Ross wüssten, wieviel Macht Aerotech im Militär wirklich hatte... Es erschien ein gehässiges Grinsen auf seinem Gesicht. Früher oder später würden sie es alle erfahren.

Anderson’s flaues Gefühl schien sich mal wieder zu bestätigen. Sie hatten gerade ein Drittel ihres Weges geschafft, als sie von einer ganzen Staffel Chigs angegriffen wurden. Die Pilote hielten sich recht wacker, bis Anderson ein Mayday-Signal hörte. Es kam von Lewis.
"Lewis... Lewis... Melde dich!"
"Captain, hier Lewis. Ich habe die Kontrolle über meine Maschine verloren..." Man konnte die Verzweiflung in ihrer Stimme hören und Anderson wusste bereits in diesem Moment, dass sie Lewis verlieren würden.
"... nichts funktioniert mehr. Ich..."
In dieser Sekunde wurde ihr Hammerhead von einem Chig getroffen und ihre Maschine explodierte. Chris ließ einen verbitterten Fluch los und heftete sich hinter den Chig, um ihn kurze Zeit später ins Jenseits zu befördern. Bald darauf kehrten die restlichen Chigs um. Außer Lewis hatten es alle überlebt.

"58, hier Captain Morris!" Es war der Pilot des Transporters.
"Es tut mir leid um Ihre Kameradin, aber wir müssen so schnell wie möglich zur USS Valley Forge."
"Verstanden. Wir sind sofort da."

Nachdem das 58ste die Valley Forge erreicht hatte, machte sich Colonel McQueen wieder auf den Weg zur Krankenstation. Die Einheit hatte wieder einen Piloten verloren, Lieutenant Lewis. Sie war eine gute Pilotin gewesen und dazu ein netter Mensch. Noch eine dieser grausamen Bestattungen...
Vor Hawkes‘ Tür blieb er kurz stehen. Cooper lag auf dem Bett und schien nachzudenken. West war nicht zu sehen. Wieviel ihm diese Jungs bedeuteten... Es war verrückt, aber er hatte nichts daran ändern können, auch wenn er es anfangs verdrängt hatte.
Mittlerweile hatte er sich mit diesem Gefühl abgefunden und er ertappte sich öfters dabei, dass er es sogar genoss. Leider war das in letzter Zeit nicht der Fall gewesen, da drei seiner Kids noch vermisst waren. Während McQueen seinen Gedanken nachgegangen war, hatte Cooper ihn bereits durch das Fenster gesichtet. Er wunderte sich, dass er nicht hereinkam. Aber McQueen zu verstehen, war wohl seine größte Herausforderung. Ein schwerer Hustenanfall von Cooper riss McQueen aus seinen Gedanken. Er trat ein und blieb neben dem Bett mit besorgter Miene stehen.
"Vielleicht sollte ich den Ärzten doch sagen, dass sie Ihnen die Medikamente geben sollten."
Cooper schüttelte entschlossen den Kopf. "Lieber nicht, sir. Ich hatte schon genug Mühe, mich nach dem... Verlust der anderen von den grünen Pillen fernzuhalten."
"Ich bin froh, dass Sie das getan haben. Nicht mal Nathan hätte das alleine geschafft."
"Nathan hätte mich eigenhändig über Bord geworfen, was?"
Mit einem Lächeln setzte sich McQueen. Eine Weile schwiegen beide. McQueen überlegte, ob er Hawkes von Lewis erzählen sollte. Er hielt es für besser, damit noch zu warten. Und Cooper suchte nach den richtigen Worten, um McQueen nun doch nach seinem Bruder zu fragen.
"Äh... Colonel..."
McQueen sah ihn an. "Ja, Cooper?"
"Mein Bruder... Jordan... Sie hatten mir gesagt, dass ich zu Ihnen kommen kann, wenn ich bereit wäre."
"Und sind Sie sicher, dass Sie das sind?"
Trotz des geschwächten und kranken Zustandes wirkte Cooper nicht im geringsten unsicher oder zweifelnd. Nachdem Hawkes genickt hatte, fragte er Cooper, was er wissen wolle.
"Wie alt ist er? Und was macht er? Geht es ihm gut?"
"Eins nach dem anderen, Cooper," unterbrach er ihn. "Also, zu allererst: Ich habe ihn nur einmal getroffen und kenne ihn nicht gut genug, um Ihnen all Ihre Fragen zu beantworten." Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: "Er ist 22 Jahre alt und sieht Ihnen sehr ähnlich."
Cooper grinste verlegen, als er das hörte.
"Als ich ihn getroffen hatte, spielte er in einem Park von Miami auf seiner Gitarre. Ich würde sagen, dass er ebenso gut Gitarre spielen kann wie Sie schießen können."
"Also wurde er weder zum Minenarbeiter noch zum Soldaten gezüchtet."
"Hawkes, InVitros werden nicht mehr zu irgend etwas gezüchtet."
"Natürlich werden sie das. Kate..." Cooper stockte. Die Erinnerung an seine Schwester schmerzte ihn heute noch genauso wie damals.
"Kate wurde zu dieser Mine verfrachtet und ich wurde für’s Kämpfen ausgebildet. Was denken Sie denn, wieso ich so gut schießen kann?"
Darauf hatte auch McQueen nichts zu entgegnen.

Trotz der Pro-InVitro-Kampagne und all den Fortschritten waren InVitros das geblieben, was sie immer gewesen waren: Menschen zweiter Klasse. Es hieß zwar, dass die InVitro-Truppen für das Militär aufgelöst worden waren, doch er war sich sicher, dass das nicht für alle zutraf. Manche InVitros hatten spezielle Gene und es würde ja ein Verlust sein, wenn diese ungenutzt blieben. InVitros wie z. B. Hawkes konnten für viele Dinge eingesetzt werden. Er kannte Cooper gut genug, um zu wissen, dass er wahrscheinlich eine Sonderausbildung für Geheimaufträge oder etwas in dieser Richtung genossen hatte. Cooper hatte nie über diese Dinge geredet und das einzige, was McQueen wusste, war, dass Cooper bereits einen Natürlichgeborenen getötet hatte. Das und die Tatsache, dass Hawkes aus der Erziehungseinrichtung ausbrechen konnte, indem er einen Aufseher ermordet hatte. Bei seiner möglichen Ausbildung wäre das nicht mal eine schwierige Sache gewesen. Und es würde erklären, wieso Cooper deswegen nie zur Verantwortung gezogen worden war. Man hätte zuviel erklären müssen. Stattdessen hatte man ihn bei einer späteren Verhaftung zum Militär geschickt. Keine schlechte Lösung, wie er fand. Aber es waren alles nur Spekulationen und Cooper würde sicher nicht gerade erfreut über derartige Fragen sein. Allerdings...

"Cooper... Sie wurden doch zur selben Zeit zum Militärdienst verurteilt, als die Kolonisierung von Vesta und Tellus begann. Wissen Sie eigentlich, dass es sehr unüblich ist, InVitros dazu zu verurteilen?"
Cooper sah ihn fragend an. "Worauf wollen Sie hinaus?"
Als McQueen’s Gesicht blass wurde, hakte er nach. "Colonel, was..."
"Sie müssen mir sagen, wann Sie den Natürlichgeborenen getötet haben, Cooper. Es ist wichtig."
Cooper’s Augen verkleinerten sich. Dieser alte misstrauische Blick erschien. "Wieso?"
"Lieutenant, bitte. Ich werde Ihnen alles erklären."
Cooper zögerte noch ein wenig. Ihm gefiel das ganz und gar nicht. Dennoch fing er an.
"Es war einer der Aufseher in der Erziehungseinrichtung. Ich sollte liquidiert werden, da ich fehlerhaft war. Ich habe nur das angewendet, was ich die Monate zuvor gelernt habe."
McQueen stöhnte innerlich auf. Er hatte richtig gelegen.
"Warum wollen Sie das wissen, Colonel?"
"Haben Sie sich nie gefragt, wieso Sie damit durchkamen? Spätestes bei Ihrer Verhaftung hätte es rauskommen müssen."
Cooper nickte. Natürlich hatte er sich das gefragt und nicht nur einmal. Irgendwann gab er sich damit zufrieden, dass sich niemand mehr darum kümmern würde.
"Ich... ich verstehe trotzdem nicht..."
McQueen zog den Stuhl näher zum Bett heran. "Wie es aussieht, gibt es doch noch InVitros, die zu Soldaten ausgebildet werden. Allerdings wäre das illegal. Also konnte man Sie nicht zur Rechenschaft ziehen, ohne selbst aufzufliegen. Und was macht man in solch einem Fall?"
"Man zieht ihn selbst zur Rechenschaft," meinte Hawkes leise.
"Oder..." McQueen zog die Augenbrauen hoch, "man schickt diesen Jemand zum Militär, wo er höchstwahrscheinlich sterben wird."
"Wieso das denn? Zu dem Zeitpunkt wusste man doch noch gar nichts von den Chigs."
McQueen sagte nichts, sondern sah Cooper nur eindringlich an, bis dieser die Augen schloss, als er begriff.
"Es sei denn, Aerotech hätte es gewusst. Oh man... paranoid." Cooper seufzte. "Aber ist das kein zu großes Komplott für einen entflohenen Tank?"
"Ich muss Sie enttäuschen. Es geht nicht um Sie, sondern um das, was ans Licht kommen könnte."
"Okay, aber... wie konnte mich das Gericht zu etwas verdonnern, worüber sie gar nicht Bescheid wissen können."
McQueen rieb sich die Augen. Er hatte auch darauf eine Vermutung, doch es war einfach zu verrückt. Es konnte ja nicht jeder in diese Verschwörung, oder wie immer man es nennen mag, verwickelt sein. Aber auf seine Art und Weise machte es Sinn.
"Lassen wir das, Cooper. Es sind alles nur Vermutungen und soweit ich mich erinnern kann, sind Sie noch gar nicht fit für solche Dinge."
Der Colonel stand von seinem Stuhl auf und beugte sich leicht über seinen Lieutenant. "Aber wenn auch nur ein Funken davon stimmt..." flüsterte er, ohne den angefangenen Satz zu beenden.
Cooper erwiderte nichts. Er war zu verwirrt und fühlte sich plötzlich sehr müde. Immer wieder Aerotech... das konnte doch kein Zufall sein. Aber er war dafür nicht der Richtige. Ihm war es letztendlich egal, wieviele Verschwörungen es gab. Natürlich machte es ihn wütend, aber wenn er darüber nachdachte, was ihm anstelle des Militärdienstes geblüht hätte... Er hatte oft von InVitros gehört, was mit ihnen in den Gefängnissen gemacht wurde... Damals verstand er es nicht so genau, aber jetzt wusste er, dass es für ihn die Hölle gewesen wäre. Hier hatte er wenigstens seine Freunde; die ersten in seinem Leben. Keiner auf der Saratoga würde es wagen, ihm etwas derartiges anzutun. Viele InVitros wurden in Gefängnissen missbraucht und vergewaltigt und niemanden störte es. Ihm war dieses Schicksal erspart geblieben und trotz des Krieges sollte er froh darüber sein.
McQueen konnte sehen, wie hart es für Cooper war, dies alles zu verarbeiten. Deswegen wollte er ihm Zeit geben, sich ein wenig auszuruhen. Bevor er das Zimmer verliess, die Tür bereits in der Hand, drehte er sich noch einmal um. "Und Cooper... Sie werden Ihren Bruder sehr wahrscheinlich bald kennenlernen. Er hat nämlich vor, dem Corps beizutreten." Dann ging er.
Cooper zuckte währenddessen zusammen. Sein Bruder hatte vor, sich freiwillig fürs Corps zu melden? Natürlich war er neugierig auf ihn; er wollte ihn auf jeden Fall kennenlernen, aber er hatte schon genug Freunde sterben sehen. Dasselbe konnte auch Jordan passieren. Und wenn er einen ebenso unfähigen Vorgesetzten bekam wie damals Nathan’s Bruder Neil? Neil... Cooper hatte gesehen, was der Verlust von seinem kleinen Bruder Nathan angetan hatte. Normalerweise hatte sich Nathan immer unter Kontrolle; hatte seine Emotionen im Griff, abgesehen von ein paar Ausrutschern am Anfang. Aber mit der Zeit lernte Nathan, damit umzugehen. Nathan hatte wohl genauso getrauert wie jeder andere, wenn ein Mitglied ihrer Einheit umgekommen war. Dennoch hatte er es nie so gezeigt, bis zu dem Tag, wo er seinen Bruder in den Armen hielt; den leblosen Körper seines kleinen Bruders Neil. Es gab keine Garantie, dass das nicht auch ihm passieren konnte. Das würde er nicht verkraften. Nicht, nachdem bereits seine Schwester tot war. Kate... wie sollte er dies Jordan jemals vernünftig erklären können? Immerhin hatte er selbst ihre wohl einzige Schwester ermordet. Die Schuldgefühle deswegen hatten seitdem kein bisschen nachgelassen und er bezweifelte, dass sich das auch je ändern würde. Jordan war seine einzige Chance, noch einmal das Gefühl von einer "richtigen" Familie zu erleben.
Und das hier, an der Front.

In der Zwischenzeit war der Rest des 58sten auf der Valley Forge angekommen. Es hatte keine weiteren Zwischenfälle gegeben, was aber die Stimmung nicht verändert hatte. Sie alle hatten Lewis gemocht und nachdem sie erfahren hatten, dass sie noch vier Stunden Aufenthalt hatten, gingen sie in die Taverne, wo sie sich gemeinsam an einen Tisch setzten und auf ihren Abflug warteten.

"Ich weiß ja nicht, wie's euch geht, aber ich habe es langsam satt, meine Freunde in diesem Krieg zu verlieren."
"Dann sei einfach nur ein guter Marine und halte deine Klappe," zischte Anderson zu Conroy.
"Du wagst es, dein Maul aufzumachen? Du elender..."
"Hey, wir haben eine Kameradin verloren. Wir sollten ihr die Ehre erweisen, mal nicht zu streiten."
Sam nickte Robert zu. Es war gut gewesen, dass Robert sie unterbrochen hatte. Seitdem sie über Anderson Bescheid wusste, fiel es ihr immer schwerer, sich normal zu verhalten. Aber wenn Anderson wüsste, dass sie ebenso eingeweiht war wie Cooper und Nathan, würde sie vielleicht in Schwierigkeiten kommen und das war etwas, was sie nicht vorhatte.

Eine Zeitlang saßen sie schweigend da und jeder von ihnen ging seinen eigenen Gedanken nach, bis vier junge Marines hereinkamen. Sam hätte es nicht registriert, wenn sich Anderson nicht plötzlich versteift hätte. Sein Blick fixierte einen der Marines und Sams Neugierde war geweckt.
"Ähm... was haltet ihr davon, mal nach unseren Maschinen zu sehen? Vielleicht können wir unsere Zeit hier etwas nutzvoller gestalten." Sie alle stimmten Anderson zu und machten sich auf den Weg. Als sie die Marines passierten, die soeben herein gekommen waren, bemerkte Sam ein flüchtiges Nicken von Anderson zu einem der Marines mit dem Namen Bourne.
Doch dieser sah nur mit einem eiskalten Blick zurück. Daraufhin blieb Sam stehen. Nachdem ihre Kameraden die Taverne verlassen hatten, ging sie wieder zu diesem Tisch und setzte ein freundliches Lächeln auf.

"Hi. Ich bin Sam Masters und..."
"Es ist mir egal, wer du bist. Du bist in der Einheit von diesem Schweinehund. Das sagt schon alles."
"Du kennst Anderson?"
Bourne lachte. "Anderson? So nennt er sich also..."
"Ich verstehe nicht, was..."
Bourne nahm sein Glas und entschuldigte sich bei seinen Kumpels. Dann meinte er zu Sam, dass er sich mal mit ihr unterhalten müsse.
"Über was?" fragte sie, während sie sich an einen Tisch in der Ecke setzten.
"Über... Anderson." Sein Ton verriet nichts gutes.
"Von mir aus. Woher kennst du ihn?"
Nach einem langen Schluck und einem intensiven Blick in ihre Augen antwortete er leise: "Er ist mein Bruder."
Sam stutzte. Sie hatte nicht gewußt, dass Anderson einen Bruder hatte, der ebenfalls im Corps war und noch mehr irritierte sie die Art, wie sie sich zueinander verhalten hatten.
"Dein Bruder? Dann heißt Anderson also Bourne. Aber wieso..."
"Nein," seufzte er, "sein richtiger Name... unserer... ist Wayne."
Alle Farbe wich aus Sams Gesicht. Sie hatte mit vielem gerechnet, was Anderson anging, aber was sie soeben gehört hatte, machte ihr Angst.
"Meinst... meinst du E. Allen Wayne, den ehemaligen Chef von Aerotech?"
"Den meine ich. Er war unser Vater."
Sam schloß die Augen. "Verdammt... das kann doch nicht wahr sein. Wie..."
"Warte. Bevor ich dir noch mehr erzähle, solltest du dir im klaren sein, dass all das gefährlich für dich sein könnte."
"Oh und ich dachte, im Krieg zu sein, ist ungefährlich."
Bourne grinste schwach. "Na gut, wie du willst. Kyle ist 3 Jahre älter als ich. Meine Mum bekam mich zu einer Zeit, wo die Ehe meiner Eltern bereits am Ende war. Aber wegen uns blieben sie zusammen, dachte ich zumindest immer. Dad arbeitete bei Aerotech, seitdem er 23 war. Seine ganze Zeit verbrachte er in dieser Firma. Aber um es weit zu bringen, musste man eine heile Familie vorzeigen können. Ein paar Jahre ging es noch gut. Dann fing Dad an, Kyle mit in die Firma zu nehmen. Ich war damals sehr eifersüchtig, da er soviel Zeit mit ihm verbrachte, während ich immer zu Hause bei Mum bleiben musste. Abends, wenn wir schon im Bett sein sollten, hörten wir sie miteinander streiten. Ich war 14, als sich meine Eltern entschlossen, sich zu trennen. Sie nahm mich mit; Kyle blieb bei Dad. Später fand ich heraus, dass meine Mum von Dads Geschäften wusste und sie gedroht hatte, alles publik zu machen, wenn er nicht endlich in eine Scheidung einwilligen würde. Er hatte nur eine Bedingung: Er wollte Kyle. Natürlich wollte Mum darauf nicht eingehen, aber er bedrohte sie. Letztendlich kam es so und ich verlor Dad und Kyle aus den Augen. Nach und nach fand ich heraus, was wirklich abging und als meine Mum starb, kam ich wieder zu Dad. Es waren nur 3 Jahre gewesen, aber Kyle hatte sich verändert. Er arbeitete mittlerweile ganz bei Aerotech. Ich bekam alles so am Rande mit, aber es gefiel mir überhaupt nicht.
Ach, Kyle war inzwischen auch verheiratet. Mary war ein nettes Mädchen. Jedenfalls stellte sie eine Menge Fragen, leider zu einem Zeitpunkt, wo sie schwanger wurde. Irgendwie bekam sie etwas wichtiges mit, was sie nicht hätte erfahren dürfen. Kurz darauf hatte sie einen Unfall und starb. Das war vor ungefähr dreieinhalb Jahren."
Bourne stoppte hier mit seiner Erzählung und sah Sam genau an. "Du weißt, was ich damit meine?"
Sam schluckte. "Was? Die Sache, dass sie etwas wichtiges mitbekam, was sie nicht hätte hören dürfen, kurz vor der Kolonisierung oder dass sie daraufhin einen Unfall hatte."
Er nickte. "Gut, du hast beides erraten."
"Willst du damit etwa sagen, dass Kyle seine Frau und sein ungeborenes Kind hat umbringen lassen?"
"Genau das. Und weißt du, was er zu dieser Zeit machte? Er war mit seinem Vater auf einer Party, um auf die Kolonisierung anzustoßen."
"Das..." Sam schüttelte den Kopf. "Das kann ich nicht glauben. Er ist... er ist doch ein Mensch."
"Alle, die bei Aerotech arbeiten, verkaufen ihre Seele. Sie gehen über Leichen, um an ihr Ziel zu kommen."
"Und du... du weißt doch auch Bescheid. Vielleicht kannst du..."
"Ich kann froh sein, wenn ich überlebe. Es wäre wohl richtig, alles ans Licht zu bringen, aber ich hätte nie den Hauch einer Chance. Aerotech hat überall seine Leute sitzen. Und wenn ich sage überall, dann meine ich das auch."
"Was ist passiert, dass ihr euch jetzt so anfeindet?"
Ein wenig überrascht sah er Sam an. "Ich habe dir doch erzählt, was passiert ist. Wie kann ich mich ihm gegenüber normal verhalten, wenn ich das alles weiß?"
"Hast du keine Angst, dass du auch... einen Unfall haben wirst?"
Mit gesenktem Kopf nickte er. "Mit dieser Angst lebe ich schon mein ganzes Leben. Nachdem Dad bei dieser Explosion getötet worden ist, wurde es noch schlimmer."
"Wieso?" wollte Sam mit hochgezogenen Augenbrauen wissen.
"Weil Dad nie so kaltblütig war wie Kyle. Kyle ist ein Monster. Er hat seine eigene Frau samt dem ungeborenen Kind töten lassen, während er auf dieser Party mit einer anderen geflirtet hat. Dad... er hat Mum leben lassen. Sie umzubringen, hätte er nie gekonnt. Solange Dad noch am Leben war, war Kyle unter Kontrolle. Aber nun... ich würde dir raten, ihm nie deinen Rücken zuzukehren. Und sage ihm nie, dass du es weißt. Wie ich schon sagte, für die Firma hat er seine Seele verkauft und wenn er seine Familie töten konnte, hat er bei dir sicher keine Probleme."
Fassungslos nickte Sam und faltete ihre Hände hinter dem Kopf.
"Aber wieso ist er bei den Marines? Er hat doch alles, was er will. Das verstehe ich nicht."
"Du bist bei den Wildcards. Ich denke, ihr sollt kontrolliert werden. Irgendwas müsst ihr verbrochen haben, damit Aerotech auf euch aufmerksam geworden ist. Aber da kann ich dir leider nicht weiterhelfen."
Sam hatte genug gehört und stand auf. "Danke für alles..." "Tim. Mein Vorname ist Tim."
"Danke für alles, Tim. Und Gott schütze dich."
Er grinste. "Falsch. Wir Marines sagen es anders."
"Semper Fi." flüsterte Sam.
"Semper Fi." wiederholte Bourne

"Masters, wo warst du denn? Ich hatte doch gesagt, dass wir während unseres Aufenthaltes hier zusammen bleiben. Ich will keinen Ärger mit anderen Piloten haben."
Sam musterte Kyle eindringlich. Er sah nicht wie ein kaltblütiger Killer aus, der seine Frau samt Kind töten konnte. Dennoch sagte ihr Gefühl, dass Tim Bourne die Wahrheit gesagt hatte. Wie konnte sie sich nun noch normal verhalten?
"Masters, ich habe dir eine Frage gestellt." Sein Blick hatte sich verändert. Sam befürchtete, dass er zwei und zwei zusammen zählen würde und dachte an Tim‘s Warnung.
"Ich hatte keinen Ärger. Ich wollte im PX etwas für Cooper holen, aber sie hatten nur denselben Schrott wie auf der Saratoga. Sorry. Das nächste Mal sage ich dem Babysitter vorher, wenn ich mich absetze, okay?" Kyle nickte. "Schon okay. Solange du keinen Mist baust..."

"Hey Coop, alles klar bei dir?" Nathan hatte eines dieser überglücklichen Grinsen im Gesicht, als er sich einen Stuhl heranzog und sich hinsetzte.
"Ich fühle mich beschissen. Wann kommt Sam wieder?"
Nathan zuckte mit den Schultern. "Hätte ich gewusst, dass dich meine Anwesenheit so nervt, wäre ich weggeblieben."
Nach einem Hustenanfall meinte Cooper leise: "So war das nicht gemeint. Ich..."
Mit einem Grinsen fühlte Nathan Cooper‘s Stirn. "Schon gut. Hab schon verstanden. Deine Temperatur will einfach nicht sinken. Was haben die Ärzte gesagt?"
"Ohne die Medikamente dauert es eben länger. Aber es ist besser so."
Verständnisvoll nickte Nathan. McQueen hatte ihm die Situation geschildert und es war wirklich sicherer, Cooper nicht diesem Risiko auszusetzen.
"Wo warst du eigentlich?"
"Ich habe etwas erledigt." Da Cooper diese Antwort nicht zufriedenstellte, was sein Gesichtsausdruck mehr als nur deutlich zeigte, fuhr Nathan also fort und erzählte ihm, dass er einen Brief an Kylen geschrieben hatte.
"Was... was schreibt man denn so in solchen Briefen?"
"All das, was man nicht hat sagen können, als man die Möglichkeit dazu hatte."
"Und das wäre?"
Nathan räusperte sich und rutschte nervös auf dem Stuhl hin und her. "All das, was man nicht sehen kann."
Nun verzog Cooper ganz das Gesicht. "Du weißt, dass ich das nicht verstehe. Kannst du mir es nicht so erklären, so dass ich es tue?"
"Das ist schwer, Coop. In Briefen schreibt man Dinge nieder, bei denen einen der Mut verliert, wenn diese Person einem in die Augen schaut. Es ist leichter, seine Gefühle zu Blatt zu bringen, als sie jemandem ins Gesicht zu sagen. Hast du es denn nie versucht?"

Cooper stieß mit dem Husten zugleich ein Lachen aus. "Wem hätte ich schon schreiben können?"
"Gab es nie jemanden, den du früher gemocht hast?"
Mehr als ein Kopfschütteln brachte Cooper nicht zustande.
"Bist du sicher? Du musst doch zumindest jemanden gehabt haben, der dir in der ersten Zeit geholfen hat."
Abermals schüttelte er den Kopf.
"Tut mir leid. Ich hatte immer angenommen, dass..."
"Wer kümmert sich schon um Tanks? Weißt du eigentlich, wie viele von uns auf der Straße verhungert sind oder erfroren? Ich bin immer davon gerannt, wenn ich so was mal wieder gesehen habe, aber ich werde diese Bilder nie vergessen. Es gab da jemanden... sein Name war George. Ein alter IV. Er hat mir gezeigt, wie man auf der Straße überlebt, ohne..."
"Ohne dich zu verkaufen, ich weiß," beendete Nathan den Satz. "Es tut mir leid, dass mit dieser Suzie auf der Bacchus. Ich dachte..."
"Vergiss es. Und denken sollen wir hier auch nicht, erinnerst du dich?"
Nathan‘s Gedanken schweiften fast zwei Jahre zurück und er befand sich wieder in Loxley, während Bougus ihnen mal wieder eine Lektion erteilte. Wie immer hatte Pags nach einer eigenen Maschine gefragt, woraufhin der Sergeant Major sie zum extra Training verdonnert hatte. Eigenartigerweise war ihm deswegen nie einer böse gewesen, obwohl ihre Ausbildung auch so schon hart gewesen war.
"Coop... du weißt vielleicht noch, dass ich dir erzählt habe, dass ich in dieser Höhle von Pags geträumt habe. Jedenfalls kann ich mich kaum noch daran erinnern. Dass, was ich weiß, hat mit dir zu tun, aber verstehen tue ich es dennoch nicht."
"Worum geht's?"
"Ich... ich soll dir von ihm sagen, dass er es weiß. Was auch immer das heißt."
Cooper erschrak. Wie konnte Nathan das wissen? Das letzte Mal, wo er an Pags Grab gewesen war, hatte er versucht, mit Pags zu reden. Aber wie soll man mit einem Toten sprechen, wenn man es noch nicht mal bei Lebenden schafft? Es hatte ihn lange beschäftigt, aber das, was ihm Nathan gerade gesagt hatte, machte auf wunderbare Weise sogar Sinn. Pags hatte ihn damals am Grab verstanden, und das wollte er ihm durch Nathan mitteilen. Er wusste nicht wie, aber er hatte aufgehört, nur an das zu glauben, was sichtbar war.
"Ich weiß, was es heißt, Nathan. Danke."
Nathan runzelte die Stirn. "Ich nehme an, du kannst es mir nicht erklären, was?" Mit einem Seufzer machte er klar, dass er nicht mit einer positiven Anwort rechnete.
"West, seitdem ich hier liege, muss ich die ganze Zeit an Shane, Phousse und Paul denken," meinte Cooper leise. "Wir werden sie niemals finden, hab‘ ich recht?"
Nathan wich Coopers Blick aus. "Wir werden sie finden. Du darfst nicht aufgeben, nicht jetzt. Kylen habe ich doch auch gefunden, obwohl ich nicht wusste, ob sie überhaupt noch lebt."
"Das ist was anderes..."
"Wieso? Wieso ist das was anderes, Coop? Es ist genau dasselbe. Der einzige Unterschied ist, dass ich diesmal nicht alleine bin. Aber wenn du aufgibst, schaffen wir es nicht. Du musst einfach daran glauben."
Cooper schüttelte den Kopf. "Ich kann nicht. Ich rede es mir immer ein, aber..."
Als Nathan Cooper ansah, sah er wieder das Kind vor sich. Ein Kind, das niemals Eltern gehabt hatte und von dem verlangt wurde, zu vertrauen, ohne jemals das bedingungslose Vertrauen der Familie gespürt zu haben. Viele Menschen hatten schon Probleme, einem anderen zu vertrauen, obwohl sie als Kinder ihren Eltern ohne wenn und aber vertraut hatten. Wie sollte Cooper dies können, wo er in seinem gesamten Leben nur verraten und verletzt worden war? Die eineinhalb Jahre mit ihnen, den Wildcards, waren nicht lange genug, um seine ersten Jahre wieder wett zu machen. Das würde wohl nie geschehen.

"Schon gut. Ich verstehe, was du durchmachst, aber du darfst nicht aufgeben, es wenigstens zu versuchen. Es ist verdammt hart, dass weiß niemand besser als ich. Dennoch darfst du nicht zulassen, dass Leute wie Anderson gewinnen. Sie können dir nicht einfach deine Freunde... deine Familie wegnehmen, ohne dass du etwas dagegen unternimmst. Shane, Vanessa und Paul verlassen sich auf uns. Das ist das einzige, was sie am Leben hält. Wir dürfen sie nicht im Stich lassen. Das sind wir ihnen schuldig, meinst du nicht auch?"
Cooper schluckte. Er fühlte sich schuldig dafür, dass er nah dran war, seine Familie zu verraten, indem er aufgab. Aber er hatte Nathan, der dies nicht zulassen würde. Er würde es niemals zugeben, aber er bewunderte Nathan deswegen. Es war so einfach, aufzugeben, wenn alles dagegen sprach, und so schwer, es nicht zu tun. Und egal, was auch passierte, Nathan nahm jeweils den harten Weg.
"Solange du da bist, kann ich sie gar nicht im Stich lassen. Du hast mir schon einmal gezeigt, dass du dich nicht scheust, mir Verstand einzuprügeln."
Beide lachten, als sie an ihre "Anfangszeit" dachten und bemerkten nicht, wie Colonel McQueen ganz leise die Tür schloß. Er hatte nicht vorgehabt, Hawkes und West zu belauschen, aber als er die Tür geöffnet hatte, schienen sie sich gerade über etwas wichtiges zu unterhalten und McQueen wollte sie nicht unterbrechen. Was er daraufhin gehört hatte, machte ihn so unglaublich stolz, dass er es selbst kaum begriff.
Als ein paar Minuten verstrichen waren, trat der Colonel dann doch ein. Seine Jungs spielten Karten und wie es aussah, gewann Cooper. So wie McQueen Nathan einschätzte, ging das nicht mit rechten Dingen zu...
"Lieutenants... wie geht es unseren beiden Patienten?"
"Ich bin kein Patient mehr, sir. Der Doc meinte, ich wäre wieder fit."
"Auf jeden Fall fit genug, um mich im Boxring zu schlagen." Alle drei grinsten.
"Ich wollte nur Bescheid sagen, dass Ihre Einheit bald wieder zurück ist. Abgesehen von..." Seine Miene verfinsterte sich."... Lewis. Sie wurde getroffen."
Mit einem Kopfnicken nahmen es beide zur Kenntnis. Dies erinnerte McQueen an etwas, was er einmal gelesen hatte. Es war ein Zeitungsartikel aus dem Vietnamkrieg. Er lautete:

*Nach fast drei Monaten in Lt. Johnson‘s Einheit kam ich langsam zu der Erkenntnis, dass es für Tränen keine Zeit gibt im Krieg. Langsam deshalb, weil ich bei diesen Männern, die hier kämpfen, mehr Menschlichkeit und Ehrlichkeit entdeckt habe, als mir je vorher begegnet ist. V.H. Lawrence hat gesagt, der Krieg bereitet nur Schmerzen und doch machten Lt. Johnson‘s Männer weiter, ohne ihre Freunde, ohne ihre Unschuld, ohne ihre Tränen. Man fragt sich wieso. Die Antwort ist einfach: Weil sich alle guten Soldaten ihre Trauer aufheben, bis der Krieg vorbei ist. *Nach fast drei Monaten in Lt. Johnson‘s Einheit kam ich langsam zu der Erkenntnis, dass es für Tränen keine Zeit gibt im Krieg. Langsam deshalb, weil ich bei diesen Männern, die hier kämpfen, mehr Menschlichkeit und Ehrlichkeit entdeckt habe, als mir je vorher begegnet ist. V.H. Lawrence hat gesagt, der Krieg bereitet nur Schmerzen und doch machten Lt. Johnson‘s Männer weiter, ohne ihre Freunde, ohne ihre Unschuld, ohne ihre Tränen. Man fragt sich wieso. Die Antwort ist einfach: Weil sich alle guten Soldaten ihre Trauer aufheben, bis der Krieg vorbei ist. *

Eine Stunde später schaute Sam ins Zimmer von Cooper rein. Er und Nathan spielten noch immer Karten, aber sie kannte das Spiel nicht. Jedenfalls spielten sie nicht um Geld, soviel konnte sie erkennen.
"Äh, hallo Leute, darf ich stören?"
Ein breites Grinsen erschien auf Cooper‘s Gesicht, was Nathan dazu brachte, schnell wegzusehen, bevor er laut loslachen musste. Es war für ihn einfach noch zu ungewohnt.
"Hi. Ich habe schon auf dich gewartet."
Nathan stand auf. "Daran hat er mich alle 5 Minuten erinnert."
Verschämt sah Sam zu Boden. Dann holte sie tief Luft. "Habt ihr schon von Lewis gehört?"
Beide nickten.
"Also, ich gehe jetzt mal. Ich..."
"Warte Nathan, ich habe euch beiden was zu erzählen. Ich habe auf der Valley Forge jemanden kennengelernt. Sein Name ist Tim Bourne."
Cooper‘s Blick wurde mißtrauisch. Was war hier los?
"Ja... und?"
Sie setzte sich zu Cooper aufs Bett und nahm seine Hand in die ihre. "Er ist der Sohn von Allan Wayne und zugleich Kyle Anderson‘s Bruder."
"Was?" entfuhr es Nathan.
"Wie geht das?" fragte Cooper.
"Anderson arbeitet nicht nur für Aerotech, sondern hat anscheinend auch ziemlich viel Einfluss. Sein Vater und seine Mutter ließen sich vor ein paar Jahren scheiden, deswegen haben Tim und Kyle kein sonderlich enges Verhältnis. Im Gegenteil, wenn Tim nicht aufpasst, bringt Kyle ihn genauso um wie seine eigene Frau und das Kind."
Nathan wagte gar nicht zu fragen, was Sam damit meinte. Sam bemerkte dies.
"Ja, unser Captain hat seine Frau und sein ungeborenes Kind töten lassen, da sie etwas über die bevorstehende Kolonisierung erfahren hat. Naja, da kommt einem ja die Frage auf, welch großes Geheimnis das hat sein müssen, für dieses Opfer..."
Nun strich Sam mit ihrer Hand über Cooper‘s Gesicht. "Wie geht es dir?"
Verwirrt schüttelte er den Kopf. "Wie soll's mir schon gehen? Und dieser Bourne hat dir das einfach so erzählt?"
"Einfach so nicht. Er hat mich gewarnt, dass mich das in Schwierigkeiten bringen kann..."
"Warum hast du nicht auf ihn gehört? Was ist, wenn Anderson davon was mitbekommen hat? Wie kannst du nur so..."
"Coop..." ging Nathan dazwischen, "Sam weiß, was sie tut."
"Ja? Es reicht doch, dass Shane..."
"Scheiße, ich bin nicht Shane!" schrie Sam plötzlich. "Ich versuche nur herauszufinden, was das alles bedeutet. Es ist mir bewusst, dass es gefährlich ist, aber es betrifft nicht mehr nur euch beide, ist das klar? Und ich bin kein kleines Kind mehr."
Beruhigend legte Nathan ihr eine Hand auf die Schulter. Sie schloß die Augen.
"Es tut mir leid, Coop. Aber du musst verstehen, dass ich nicht tatenlos herumsitzen kann, während du und Nathan auf einem Rachefeldzug gegen Aerotech seid. Mit ihrem Handeln haben sie nicht nur euch schlimme Dinge angetan, sondern allen Menschen. Ihr könnt das nicht für euch selbst beanspruchen, vor allem, da ihr nicht alleine gegen sie ankommen werdet. Laut Tim hat Aerotech überall Leute sitzen. Überall. Wahrscheinlich auch im Militär. Vielleicht ist es die Krankenschwester, der Radaroffizier oder Ross selbst."
"Nein, nicht Ross. Auf keinen Fall." Nathan wirkte sicher.
"Es war auch nur ein Beispiel. Aber ich hoffe, ihr wisst, was ich meine."
"Toll, wir können das nicht alleine durchziehen, aber vertrauen dürfen wir auch niemandem. Und was bedeutet das?" Cooper sah erst zu Sam, dann zu Nathan. In beiden Gesichtern las er dasselbe – Ahnungslosigkeit.
"Ich weiß, ihr werdet das nicht gerne hören, aber ihr solltet euch eine Weile ruhig verhalten. Wenn ihr..."
Sam sprach nicht weiter, als sie die Reaktionen in Cooper‘s und Nathan‘s Gesicht sah. Nichts würde sie davon abhalten, nach ihren Freunden zu suchen. Und wenn es sie das Leben kosten würde. Genau das machte Sam Angst.
"Wieso? Verstehst du denn nicht, dass ich dich nicht verlieren will?" Sie sah beinahe flehend zu Cooper, welcher rasch den Blick senkte. Doch das wollte sie nicht zulassen.
"Oh nein, Hawkes, diesmal nicht. Wieso gibst du dir und mir keine Chance? Wieso bist du so davon besessen, Shane wiederzufinden, wenn du immer behauptest, sie nicht..." Als sie seinen Blick sah, stoppte sie abrupt. Sie war zu weit gegangen, da war sie sich plötzlich sicher. Aber irgendwie war sie auch erleichtert, dass sie es wenigstens einmal angedeutet hatte. Sie hatte nun mal Angst um ihn und das konnte sie nicht mehr verbergen. Das Gespräch mit Tim hatte sie so aufgewühlt, dass ihre Emotionen mit ihr durchgegangen waren. Letztendlich hatte sie Cooper damit verletzt, sehr sogar. Das war das letzte, was sie jemals wollte.
"Das hätte ich nicht sagen dürfen."
Nathan hatte sich die ganze Zeit rausgehalten, aber jetzt ergriff er das Wort.
"Das bist du, Sam, obwohl ich es verstehen kann."
"Wie schön, ich tue es nämlich nicht." Cooper machte einen wirklich verletzten Eindruck und das zu Recht.
"Cooper, ich habe einfach nur Angst um dich. Ich weiß, wieviel dir deine Freunde bedeuten, aber..."
"Sam, lass‘ mich es ihm erklären, ja?"
Ein wenig überrascht sah sie Nathan an, ließ es ihn aber tun.
"Coop, erinnerst du dich an John Oakes, Shanes Freund? Als sie damals mit ihm mitgeflogen ist, hattest du doch auch was dagegen, oder? Es lag nicht nur daran, dass du das Gefühl hattest, sie würde uns verraten, sondern du hattest Angst, dass ihr etwas passieren könnte, ohne das wir da sind, um ihr zu helfen, oder?"
Er nickte.
"Außerdem hast du befürchtet, dass sie uns.. dass sie dich wegen John verlassen könnte, hab ich recht? Das ist in Ordnung, mir ging es ähnlich. Jetzt stell dir vor, du wärst Shane und Sam du. Dann weißt du ungefähr, was in Sam vorgeht."
"Vanessa hat damals zu Paul gesagt, ich wäre eifersüchtig. Das habe ich zufällig mitbekommen, als sie sich unterhalten haben. Bist du eifersüchtig, Sam?"
"Nein," fauchte Sam verärgert, aber sie wusste selbst, dass es nicht der Wahrheit entsprach. Nathan schubste sie leicht an und sie meinte dann leise: "Naja, vielleicht ein bisschen..."
"Aber wieso?"
"Weil ich das Gefühl habe, dass sich zwischen uns alles ändern wird, wenn Shane wieder da ist. Und das ist kein schöner Gedanke."
Cooper setzte sich auf und hielt Sam seine Hand entgegen. Nach kurzem Zögern ergriff sie diese. Nachdem sie sich wieder auf das Bett gesetzt hatte, hielt es Nathan für besser, unauffällig den Raum zu verlassen.
"Warum denkst du das?"
"Ich habe manchmal das Gefühl, dass Shane zwischen uns steht."
"Solange ich nicht weiß, dass sie in Sicherheit ist, wird sie das auch. Ich muss viel zu oft an sie, Vanessa und Paul denken." Und plötzlich begriff Cooper, was in Nathan die ganze Zeit vorgegangen war. "Aber das heißt noch lange nicht, dass wir... dass du mir nicht... genauso wichtig bist."
"Wirklich?" Sam lächelte verlegen und Cooper sah sie unschuldig an. Er wollte mehr sagen, aber er konnte es nicht. Wie immer.
"Ich glaube, langsam sollte ich doch wissen, dass du anders bist als die übrigen Typen. Du würdest so etwas nie machen, oder?"
Cooper schüttelte den Kopf.
"Es tut mir leid. Wirklich."
"Schon okay. Aber..." Er sah sie mit einem schelmischen Grinsen an.
"Aber... was??"
"Aber wenn du es wieder gutmachen willst, musst du mir nur einfach einen Kuss geben."
Nun grinste auch Sam. "Und dann sage noch einer, du hättest keine Ahnung von solchen Dingen..."
Ganz vorsichtig beugte sich Sam tiefer, damit Cooper sich nicht so anstrengen musste. Seine Lippen waren ziemlich trocken, was Sam sofort veranlasste, den Kuß zu unterbrechen und dem verdutzt dreinschauenden Cooper ein Glas Saft hinzuhalten.
"Du sollst viel trinken. Dann können wir weitermachen..."
Er nahm das Glas, trank es beinah vollständig aus und gab es Sam zurück. "Zufrieden?"
"Beinahe. Jetzt musst du nur noch das fortsetzen, was du begonnen hast."
"Mit Vergnügen."
Ein zweites Mal spürte sie seine Lippen und sie wunderte sich, wie sehr sie dies in den letzten Stunden vermisst hatte. Cooper war nicht der erste Junge gewesen, den sie geküsst hatte, aber es war mit Sicherheit der erste, bei dem sie es richtig genoß. Alles spielte in ihr verrückt, wenn Cooper in ihrer Nähe war; besonders, wenn er so nah war. Wieso passierte ihr das ausgerechnet während eines Krieges, wo sie praktisch jede Sekunde befürchten musste, dass Cooper verletzt werden könnte oder schlimmeres? Allein die Vorstellung war unerträglich. Sie war sich sicher, dass sie das niemals verkraften oder überwinden würde.
"Hey, bist du hier?" Sam blinzelte und sah in Cooper‘s Augen.
"Was?" Sie zwang sich zu einem Lächeln. "Ich habe nur nachgedacht."
"Kommt jetzt wieder einer dieser hast-du-wieder-an-Shane-gedacht Sprüche?"
"Nein. Ich versuche, das nicht mehr zu tun. Auch wenn die Angst um dich dadurch nicht verschwindet."
Sam bemerkte, dass sich Cooper nicht sehr wohl dabei fühlte. Das war immer so, wenn es um Gefühle ging. Sie verstand dies natürlich, aber gleichzeitig fragte sie sich, ob sich das jemals ändern könnte. Sie persönlich hätte keine Probleme damit, wohl aber Cooper. In diesem Moment beschloss sie, irgendwann einmal McQueen aufzusuchen. Er könnte ihr da sicher weiterhelfen. Falls er sie überhaupt so persönlich werden ließ.
"Nathan schien mir ziemlich aufgekratzt zu sein. Ist was besonderes passiert, während ich weg war?"
"Hm-hm." Er schüttelte leicht den Kopf. "Er hat seiner Kylen geschrieben."
"Sie hat ja wirklich Glück, jemanden wie Nathan gefunden zu haben. Kennst du sie?"
Cooper schwieg. Er dachte an den Moment zurück, wo er sie das erste Mal wirklich gesehen hatte. Es war kurz vor der Trennung von den Wildcards gewesen, wo noch alles in Ordnung gewesen war.
"Coop?"
"Ja, ich kenne sie, flüchtig. Lassen wir das, okay?"
Als er seine Grübchen zeigte, musste Sam unwillkürlich grinsen. Er sah einfach zu niedlich aus, aber sie würde sich hüten, ihm das zu sagen. Stattdessen fuhr sie sanft über sein Gesicht, um ihn dann abermals zu küssen.
"Sam... du kannst dich ruhig eine Weile zu mir legen, wenn du müde bist. Nach so einem langen Tag..."
Sam verkniff sich das Lachen über sein großzügiges Angebot und nahm es ohne Kommentar an. Sie versuchte, so vorsichtig wie möglich zu sein, da sie genau wusste, wie empfindlich Cooper in seinem Zustand war. Aber ein bisschen menschliche Wärme würde ihm sicher nicht schaden. Während sie so dalagen, eng aneinander, dachte Sam zum ersten Mal daran, mit Cooper zu schlafen. Im Gegensatz zu früher machte ihr dieser Gedanke keine Angst mehr. Was wohl Cooper dazu sagen würde, wenn er in diesem Moment Gedanken lesen könnte... Sam grinste.
"Was ist?" Cooper sah sie eindringlich an.
"Ich dachte nur gerade, wie schön es hier mit dir ist. Wie wohl ich mich bei dir fühle."
Wie zu erwarten, antwortete er nicht, aber er drückte sie noch etwas enger an sich. Sie konnte spüren, wie erhitzt sein Körper durch das Fieber war, aber es schien ein wenig gesunken zu sein. Zumindest bildete sie sich das ein. Das gleichmäßige auf und ab seiner Brust veranlasste Sam, die Augen zu schließen. Sie war wirklich müde, und obwohl sie noch vor wenigen Augenblicken an ganz andere Dinge gedacht hatte, driftete sie langsam in den Schlaf...

"Colonel, warten Sie." Dr. Kanellos erwischte McQueen gerade, als er das Krankenzimmer von Cooper betreten wollte.
"Ich hole nur Lt. Masters und..."
"Das ist okay, Colonel. Ich denke, dass hilft unserem Patienten mehr als jede Medizin."
Mit einem missbilligendem Blick schloß McQueen die Tür und fragte nach Cooper‘s Zustand.
"Spätestens morgen wird sein Fieber anfangen zu sinken oder wir werden ihm was geben, damit es sinkt. Das schlimmste hat er hinter sich. Er wird schon bald wieder fit sein."
McQueen nickte zufrieden. Mehr hatte er nicht hören wollen. Nach einem letzten Blick auf die Schlafenden machte er kehrt und ging zurück zu sein Quartier.

Als Nathan die Taverne betrat, fand er seine Einheit an zwei verschiedenen Tischen vor. Anderson und Charly saßen an einem, Robert, Brian und Chris an einem anderen. Ohne zu zögern setzte er sich zu Robert, Brian und Chris.
"Hat das irgendwas zu bedeuten?" Nathan deute auf den Captain und Charly.
"Keine Ahnung," antwortete Robert. "Sie hat wohl was an ihm gefressen."
Mit besorgter Miene dachte Nathan an Sam‘s Worte. Unser Captain hat seine Frau und sein ungeborenes Kind töten lassen, da sie etwas über die bevorstehende Kolonisierung erfahren hat. Er sah genauer hin. Kyle wirkte gar nicht so, was ihn natürlich um so gefährlicher machte. Aber was Charly plötzlich dazu veranlasste, sich so an Kyle ranzuschmeißen...
<Was soll das?> schoß es Nathan durch den Kopf. <Jetzt siehst du schon Gespenster.>
Dennoch ließ er die beiden keine Minute mehr aus den Augen.

Kurz bevor McQueen sein Quartier betrat, kam ihm die Einladung von Ross in den Sinn. Er hatte im Laufe des Tages mal angefragt, ob er nicht mal wieder Verlangen auf ein Glas Rum verspürte. Nach einem Seufzer schlug er den Weg zu der Kabine des Commodores ein.

"Wer ist da?" hörte er Ross fragen, als er an der Tür geklopft hatte.
"McQueen, sir."
"Kommen Sie rein, Ty."
Der Commodore saß an seinem Schreibtisch und legte gerade einen Stift beiseite.
"Hat das Verlangen nach Rum den Schlaf besiegt?" grinste Ross, während seine Hand bereits nach der Flasche und den Gläsern suchte.
"Wohl eher das Verlangen nach Gesellschaft."
Die Bewegungen des Commodores hielten für den Bruchteil einer Sekunde inne, dann stellte er die Sachen vor ihm auf den Tisch.
"So? Wie geht es Ihren Schützlingen, Ty?"
"West scheint es wieder völlig normal zu gehen und auch Hawkes ist auf dem richtigen Weg."
"Freut mich, zu hören. Ich habe übrigens noch immer nichts neues wegen Vansen, Wang und Damphousse in Erfahrung bringen können. Es ist wie verhext..."
McQueen nickte. Das überraschte ihn nicht.
"... aber wir werden sie schon finden. Glauben Sie... glauben Sie, dass die drei nach so langer Zeit wieder zu Hawkes und West Anschluss finden werden? Sie scheinen sich mit ihren neuen Staffelmitgliedern ganz gut zu verstehen."
"Ja. Aber ich bin sicher, dass es bei der Rückkehr der drei keine Probleme geben wird. Es sind erfahrene Marines, die sich mit jeder Situation auseinandersetzen können."
"Das habe ich auch nicht bezweifelt, Colonel. Ich rede von der menschlichen Perspektive."
"Auch da sehe ich keine Schwierigkeiten."
McQueen hielt Ross' Blick stand und so schenkte er seinem Unteroffizier und Freund ein Glas Rum ein.
"Habe ich schon erwähnt, dass meine jüngste Schwester ein Kind erwartet? Ich werde Ende des Jahres noch einmal Onkel."
McQueen hob sein Glas und stieß mit Ross an.
"Herzlichen Glückwunsch. Vielleicht haben wir dem Krieg bis dahin eine andere Richtung verliehen, zu unseren Gunsten."
Ross trank sein Glas mit einem Schluck aus. "Seit wann sind Sie solch ein Optimist? Haben Sie es etwa eilig, zurück auf die Erde zu kommen?"
Ein kleines Grinsen umspielte McQueen‘s Mundwinkel. "Wer weiß..."
"Wenigstens konnten wir vor einiger Zeit etwas von diesem Sewellkraftstoff sicherstellen. Das könnte uns weiterhelfen."
Die Augen des Colonels blitzten auf. "Wir haben Sewellkraftstoff in die Hände bekommen? Was passiert nun damit?"
Ross zuckte mit den Schultern. "Ich habe ihn weitergeleitet. Aber ich denke, dass sie schon wissen, was sie damit anfangen können, meinen sie nicht auch?"
McQueen nickte, aber er war sich nicht so sicher, ob er in die richtigen Hände gekommen war... 

Am nächsten Morgen wachte Sam mit einem zufriedenen Lächeln in Cooper‘s Armen auf. Er schlief noch und das veranlasste sie, ihn einfach nur anzusehen. <Friedlich wie ein kleines Kind...> dachte sie sich. Mit ihren Fingern strich sie ganz sanft über sein Gesicht; über seine Haare, die er mittlerweile wieder etwas länger trug. <Shane muss verrückt gewesen sein, um ihn abzuweisen.>
Nach ein paar Minuten wachte auch er auf.
"Morgen," murmelte er.
"Na, wie geht's dir?"
Cooper schloß die Augen, drückte Sam fest an sich und seufzte. "Ich bin noch nie mit jemandem in meinem Bett aufgewacht. Mir ging es nie besser."
"Ja, du fühlst dich auch nicht mehr so krank an. Dein Fieber scheint etwas gesunken zu sein.
Leider muss ich mich jetzt auf den Weg machen. Wir haben in 30 Minuten unsere Einsatzbesprechung."
"Boden- oder Lufteinsatz?"
"Ich weiß nicht. Deswegen haben wir ja die Besprechung, Coop." Schweren Herzens löste sich Sam aus Cooper‘s Umarmung und stand auf. "Sobald ich wieder zurück bin, schaue ich wieder nach dir, okay?"
Als er sie daraufhin mit einem diesem verlorenen-Welpen-Blick ansah, meinte Sam: "Das ist nicht fair! Ich kann ja auch nicht so gucken."
So ganz verstand Cooper nicht, was sie damit meinte, woraufhin sie ihm einfach einen Abschiedskuss gab, den er so schnell nicht vergessen würde.

"Schaut mal, wen wir da haben."
Sam ignorierte Anderson‘s spitze Bemerkung und schob sich an ihm vorbei zu ihrem Spind. Auch auf Charly‘s Blick reagierte sie nicht. Nur Nathan bekam ein Guten-Morgen-Grinsen, welches er erwiderte.
"Wie geht's ihm?"
"Besser, glaube ich. Seine Temperatur schien nicht mehr so hoch zu sein."
"Na, dann hast du aber was falsch gemacht," frotzelte Nathan.
Empört meinte Sam: "Bitte??" und schlug dem zu lachen anfangenden Nathan spaßeshalber gegen die Brust.
"Würdet ihr zwei euch beeilen? Es wartet ein Krieg auf uns."
"Du kommst mit?" Sam wirkte überrascht.
"Natürlich. Ich muss ein paar Leute im Auge behalten."
"Hey, ich finde das keine so gute Idee. Du bist noch nicht völlig auskuriert, und wenn..."
"Ich bin okay. Der Arzt hat sein Einverständnis gegeben."
Mit einem skeptischen Blick sah Sam Nathan hinterher. Ihrer Meinung nach war er noch lange nicht so fit, wie er sagte.

"... Der Planet hat eine feindliche Atmosphäre, so dass Sie Atemmasken tragen müssen. Diese geben ihnen gerade genug Zeit, um die Minen zu legen und wieder zu verschwinden. Noch Fragen?"
McQueen nickte, als keiner antwortete. "Abflug um 0900. Uhrenvergleich Achtung- Fertig- Jetzt!"

"Zum Glück ist Cooper nicht bei dieser Mission dabei. Er hasst die Helme."
"West, du magst sie auch nicht besonders, oder?" Charly sah ihn ernst an.
"Wer tut das schon. Ach... hast du was neues von Pete gehört?"
"Seid wann interessiert dich das?"
Nathan zuckte mit den Schultern. "Neugierde, sonst nichts."
"Nein, habe ich nicht. Er hat während dem Krieg sicher wichtigeres zu tun."
"Sicher, aber er hat ja auch mal frei oder etwa nicht?"
Charly sah ihn mißtrauisch an. "Was soll das? Frag ihn doch selber, wenn es dich so brennend interessiert."
Sie drehte sich um und suchte sich einen Platz weit weg von Nathan. Kyle hatte das Gespräch natürlich mitbekommen und setzte sich daraufhin demonstrativ zu Charly. Ein böses Grinsen in Richtung zu Nathan verriet, das es für ihn sowas wie ein Spiel zu sein schien.
"Komm schon." Sam zog ihn am Ärmel auf einen Platz neben sich. "Sie wird merken, was für ein Aas er ist."
"Niemand merkt es. Er spielt sein Spiel perfekt."
"Früher oder später wird auch er einen Fehler machen. Vergiss ihn."
<Vergiss ihn... klar doch.> Nathan sah auf seine Hände. Irgendwie sahen sie plötzlich verschwommen aus. Er kniff die Augen zusammen und versuchte es nochmals, jedoch mit dem gleichen Ergebnis. Nun war es zu spät für eine Rückkehr. Sie waren bereits unterwegs.

Kurz vor ihrer Landung sah Nathan aus dem Fenster. Der Planet war eine kleine Kugel; blau und metallgrau; ohne Mond. Man konnte eine ganze Menge Wolken erkennen, die sich in orkanartiger Geschwindigkeit bewegten. Sie würden unten sicher gut durchgelüftet werden. Schon beim Anflug gab es heftige Turbulenzen. Mit Mühe und Not brachte der Pilot den Transporter in einem Stück runter.
"Na, dann wollen wir mal." Anderson öffnete das Schott und wurde erstmal von einem Windstoß umgehauen. Mitchel und Conroy halfen ihm beim Aufstehen.
"Ganz schön windig..." zischte er daraufhin und wagte es ein zweites Mal.
Die sieben Marines bewegten sich mit großer Mühe vorwärts. McDowell ging an der Spitze, West bildete das Schlusslicht. Taylor ging direkt vor ihm und bemerkte als erster das immer schwerer werdende Atmen von Nathan. Er sah sich ein paar Mal besorgt um, dann hielt er an und packte West am Ärmel.
"Hey, irgendwas stimmt doch nicht mit dir. Du siehst aus wie ausgekotzt."
"Danke..." murmelte er leise. Aber es stimmte. Etwas stimmte ganz und gar nicht.
"Es ist der Helm... ich kann kaum noch atmen..."
"Taylor! West! Wo bleibt ihr?" ertönte Anderson‘s Stimme aus dem Kom.
"Schon auf dem Weg, Captain." Robert sah Nathan daraufhin ernst an.
"Das kann ich nicht machen, Nathan. Wir müssen ihm sagen, dass..."
"Taylor. Halt die Schnauze, klar?!" Er riss sich aus Robert‘s Griff los und marschierte weiter.
Robert stieß einen Fluch aus und rannte hinter seinen Kameraden her, um sie nicht zu verlieren. Nathan lief stramm vor ihm, aber das Atmen war kaum noch zu überhören. Mittlerweile hatten sie über die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Da sie von Gebirgen umringt waren, machte ihnen der Wind nicht mehr so viel zu schaffen. Wenn sie den nächsten Berg umgangen hatten, waren sie am Ziel. Von Chigs war bisher noch nichts zu sehen.
"So, Conroy und Masters. Ihr werdet den Berg hinaufsteigen und uns Feuerschutz geben. Aber schießt erst, wenn wir auf der anderen Seite sind. Ich will nicht, dass sie uns mit offenen Armen empfangen. Wir werden versuchen, unbemerkt zu bleiben. Falls das schief geht, knallt ihr sie ab, während wir anderen uns zurückziehen. Vorher will ich von euch beiden keinen Laut hören, habt ihr verstanden?"
"Ja, sir."
"Viel Glück."
Anderson sah den Rest des Trupps mahnend an. "Wir legen die Minen. Aber ihr solltet nicht vergessen, dass wir erst in zwei Stunden wieder abgeholt werden. Plaziert sie also gut, wo sie am wirkungsvollsten sein könnten. Alles klar?"
In diesem Moment wurde Nathan schwarz vor Augen. Er versuchte, sich noch an Robert festzuhalten, aber er fiel dennoch hart auf den Boden.
"Scheiße, was..."
"Ich wusste es," rief Robert, während er mit Charly versuchte, ihn wieder zu Bewußtsein zu bekommen.
"Taylor, was..."
"Sehen Sie ihn sich doch an, Captain. Er ist total fertig!"
Anderson sah sich Nathan kurz an und fragte Charly, was los sei.
"Ich weiß nicht. Aber er sollte so schnell wie möglich in ärztliche Behandlung. Wir müssen die Mission abbrechen."
"Negativ. Wir werden sie ausführen und dann zurückkehren."
Alle sahen Anderson entrüstet an.
"Aber..."
"Keine Widerrede. Mitchel, du kümmerst dich um ihn. Wir anderen müssen jetzt doppelt so schnell sein, um die beiden zu ersetzen."
"Kyle, ich weiß nicht, was mit Nathan ist. Wir..."
"Ihr habt eure Befehle. Los jetzt!"
Während McDowell, Anderson und Taylor losliefen, versuchte Charly erstmal herauszufinden, was die Ursache für Nathan‘s Bewusstlosigkeit sein könnte. Seine Atmung war flach, aber er atmete wenigstens. Sie suchte nach möglichen Rissen in seinem Anzug, nach einem Leck seiner Sauerstoffzufuhr, aber sie fand nichts auffälliges. Es musste etwas internes sein.
<Das Gift!> schoß es ihr plötzlich durch den Kopf. <Die Ärzte mussten es irgendwie übersehen oder nicht erkannt haben, und jetzt zeigte es seine Wirkung.>
Besorgt hielt sie Nathan in den Armen und wartete. Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, da Nathan nicht wieder zu Bewusstsein kommen wollte. Dann fing sie an, sich Vorwürfe zu machen. Auf dem Hinflug hatte sie ihn auch noch angeschnauzt. Immer wieder sah sie in die Richtung, wo der Rest der Einheit jede Sekunde auftauchen müsste. Und dann endlich erkannte sie Robert. Mit einem Nicken deutete er auf Nathan.
"West?"
Sie schüttelte den Kopf. "Los, hilf' mir."
Charly stand auf und legte sich einen Arm um ihre Schultern. Dasselbe tat Robert mit Nathan‘s anderem Arm. "Gehen wir."
"Anderson ist noch nicht zurück. Er flippt aus, wenn wir einfach so losgehen."
"Soll er doch. Ich will nicht, dass er auf die Idee kommt, ihn hier zu lassen."
Robert nickte. In dem Moment kamen Anderson und McDowell angerannt.
"In Ordnung. Wir gehen zurück." Über Funk rief er Masters und Conroy runter. Dann machten sie sich auf den Rückweg.
Nachdem sie das Gebirge hinter sich gelassen hatten, hinderte sie der starke Wind am raschen Vorwärtskommen. Und da sie den bewusstlosen Nathan tragen mussten, ging es noch langsamer voran.
"Wenn das so weitergeht, werden wir den Transporter verpassen. Lasst euch gefälligst was einfallen."
"Ich werde ihn tragen." Chris ging in die Knie und mit Hilfe von Charly und Robert legte er sich Nathan über die Schulter.
"Packst du das? Wir haben noch ein ganz schönes Stück vor uns."
"Ich habe schon viel schwerere Sachen tragen müssen. Also los!"
Es ging tatsächlich schneller. Bald darauf hatten sie den Landeplatz erreicht.
"Wir haben noch einige Minuten Zeit. Wie geht es ihm?"
"Ach, dass interessiert dich? Vorhin hatte ich aber nicht den Eindruck!"
"Mitchel, schrei mich nicht an! Wir hatten einen Auftrag zu erfüllen, und es ist mein Job, dass er erfolgreich wird."
"Und wie stellst du das fest? Bleibst du hier und wartest, bis die Chigs in die Minen treten?"
Anderson sagte nichts, sondern sah Charly nur an. Dann wandte er sich wieder Nathan zu.
"Was ist jetzt mit ihm? Wird er wieder?"
"Das werden wir sehen, wenn der Doc ihn untersucht hat."
Dann traf auch schon der Transporter ein.

Währenddessen hatte Cooper auf der Saratoga einen Rückfall. Das Fieber war schlagartig gestiegen und die Ärzte mussten Medikamente zur Hilfe nehmen, da seine Temperatur kritisch geworden war. McQueen wusste kaum, wo er zuerst hingehen sollte.

"Doktor, was hat das mit Lieutenant West zu bedeuten? Sie sagten doch, er sei völlig gesund."
McQueen war außer sich, als Dr. Kanellos aus Nathan‘s Krankenzimmer kam.
"Ich weiß es nicht, Colonel. Es ist mir ein Rätsel. Noch heute morgen hatte er nicht die geringsten Anzeichen und auch jetzt verstehe ich seinen Zustand nicht. Wir werden eine Gesamtanalyse bei ihm machen. Erst dann kann ich Ihnen weiteres sagen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen. Ich muss Lieutenant Hawkes untersuchen."
Dr. Kanellos hatte befürchtet, dass ihm McQueen auch dahin folgen würde. Kurz vor der Tür bat er ihn, draußen zu warten.

"Colonel..." Sam kam völlig außer Atem den Gang entlang gerannt. McQueen ging ihr entgegen.
"Masters, Sie haben hier nichts zu suchen. Oder ist ihr Einsatzbericht schon fertig?"
Fassungslos sah sie ihn an. "Mein Bericht? Darauf sch... äh, entschuldigen Sie, sir, aber ich kann doch jetzt nicht an diesen dämlichen Bericht denken!"
"Das sollten Sie aber. Wenn es etwas neues..."
"Sir, bei allem Respekt, aber sie können mir nicht verbieten, hier bei Cooper zu bleiben. Ich habe dasselbe Recht wie Sie."
"Das haben Sie nicht! Wenn Sie nicht so selbstsüchtig gewesen wären und sich zu ihm ins Bett gelegt hätten, wäre das nie passiert."
Seine Worte trafen Sam wie ein Schlag. Sie konnte nicht fassen, dass er das soeben zu ihr gesagt hatte.
"Und an Nathan‘s Zustand bin ich wohl auch schuld, was?" Sie schüttelte den Kopf. "Ich mache mir um Cooper und Nathan genauso viele Sorgen wie sie, Colonel. Ob Sie das glauben oder nicht."
McQueen seufzte. "Das weiß ich. Ich denke, der Bericht hat noch etwas Zeit."
Sam sah mit sorgenvoller Miene durch das kleine Sichtfenster an Cooper‘s Tür. Sie konnte sehen, wie er sich hin- und her wälzte und eine Krankenschwester ihm mit einem Tuch die Stirn betupfte.
"Was ist bloß los? Es ging ihm doch so gut..."
"Er ist ein InVitro. Da gelten andere Regeln."
"Trotzdem verstehe ich das nicht."
McQueen konnte die Angst in ihren Augen sehen. Oder vielleicht war es nur die Spiegelung seiner Augen. Es war unwichtig. Sie beide hatten Angst um Cooper‘s Leben.

"He, wann kann ich hier endlich raus?"
Seit ihrer Ankunft auf der Saratoga war gerade mal eine Stunde vergangen und schon machte Nathan wieder einen vollkommen normalen Eindruck. Nichts war ihm mehr von seinem Zusammenbruch anzumerken und auch die Ärzte konnten keine befriedigende Diagnose stellen. Er war gesund. So gesund wie man nur sein kann.

"Was soll das schon wieder heißen? Er war bewusstlos, weil der Fußmarsch ihn noch überanstrengt hat?" McQueen schüttelte den Kopf. "Das glauben Sie doch selbst nicht."
"So sieht es jedoch aus. Wir haben Nathan von Grund auf durchgecheckt. Wir haben es dreimal überprüft. Mehr können wir nicht tun." Dr. Kanellos versuchte, sich von seiner Ratlosigkeit nichts anmerken zu lassen. Er spürte, dass noch mehr dahinter stecken musste, aber sie hatten bei Nathan‘s Befunden nichts finden können. Er hatte es selbst in Betracht gezogen, dass dieses Gift oder mit was auch immer Nathan auf diesem Planeten in Kontakt gekommen war, etwas mit der Tatsache zu tun hatte, das West bei diesem Einsatz zusammengeklappt war. Aber beweisen konnte er das nicht. Eine Blutprobe war bereits auf dem Weg zur Erde, um dort genauer analysiert zu werden. Doch das Ergebnis würde noch auf sich warten lassen.

Innerhalb der nächsten Tage geschah es noch zwei weitere Male, dass Nathan ohne Vorwarnung ohnmächtig wurde. Glücklicherweise hatte ihm der Arzt ein vorläufiges Startverbot gegeben, sonst hätte es böse ausgehen können. Einmal war es im Aufenthaltsraum passiert, das andere Mal während dem Frühstück. Dr. Kanellos hatte offen zugegeben, dass er absolut nicht wisse, was mit Nathan los war. So etwas hatte er in seinem ganzem Leben noch nie erlebt und er bezweifelte sogar, dass man auf der Erde mit West‘s Proben etwas anfangen könnte. Das einzige, was man tun könne, sei auf Nathan aufzupassen; ihn zu beobachten. So kam es, dass Robert und Charly Nathan nicht aus den Augen ließen, während Sam jede freie Sekunde bei Cooper verbrachte. Cooper‘s Zustand hatte sich genauso wenig verbessert wie der von seinem Staffelkameraden, so dass die Ärzte vor drei Tagen beschlossen hatten, ihn mit Medikamenten zu behandeln. Das Fieber war endlich richtig ausgebrochen und völlig zurückgegangen. Nun hofften alle, dass Cooper davon nicht abhängig geworden war.

"Was gibt es, Mitchel?" McQueen sah von seinem Buch auf, als Charly sein Quartier betreten hatte.
"Ich mache mir große Sorgen um West, sir. Ich habe das Gefühl, er wird mit seinen Anfällen oder wie auch immer man das nennen mag, nicht fertig. Er..." Sie stockte kurz und sah McQueen hilfesuchend an. "... er ist nicht mehr er selbst."
McQueen zuckte bei diesem Satz innerlich zusammen. Das hatte er bereits schon einmal gehört, allerdings unter anderen Umständen. Damals nach dem Einsatz auf Tartarus, wo die Wildcards unter dem Einfluss einer außerirdischen Waffe gestanden hatten.
"Wie meinen Sie das, Lieutenant? Er ist nicht mehr er selbst..."
Charly holte tief Luft. "Er hat sich total von uns allen zurückgezogen. Nichtmal Cooper hat er besucht. Er redet kaum noch und wenn, dann reagiert er aggressiv und verletzend. Soweit ich das beurteilen kann, hat er in den letzten Tagen so gut wie nichts mehr gegessen. Nathan scheint im Moment nur noch auf den Augenblick zu warten, wo es ihm das nächste Mal passiert."
"Wissen Sie, ob er geschlafen hat?"
Sie lächelte ironisch. "Haben Sie ihn sich mal genau angesehen? Es ist mittlerweile über eine Woche her, seitdem er..." Sie schien nicht zu wissen, wie sie es ausdrücken sollte. Schließlich meinte sie leise: "Seitdem er in diesem Zustand ist."
Man konnte Charly genau ansehen, wieviel Sorgen sie sich um ihn machte. Es war anders als bei Sam und Cooper, aber die Angst war dennoch da. McQueen nickte und sagte Charly, dass das alles wäre und sie nun zu ihrer Einheit zurückgehen könne. Widerwillig verließ sie sein Quartier. Wahrscheinlich hatte sie erhofft, von ihm aufmunternde Worte zu hören; Worte, die ihr neuen Mut gaben. Aber da war sie an der falschen Stelle.
Nachdem die Tür hinter Mitchel zugefallen war, sah er auf das Buch hinab, welches geöffnet vor ihm auf dem Tisch lag. Es war ein Buch über die Psyche des Menschen. Und einige Dinge, die ihm Mitchel soeben genannt hatte, kamen ihm sehr bekannt vor. Er hoffte, dass sich das Blatt noch wenden würde, aber so wie es aussah, befand sich Nathan am Anfang einer Depression.

"Colonel, ich bin nicht abhängig von diesem Mist." Cooper schlug ungehalten das Laken von sich und stand auf. "Nur weil ich das einmal war, muss das doch nicht sofort wieder passieren."
"Der Doc hat mir aber was anderes erzählt."
"Was weiß der schon. Kann ich jetzt endlich hier raus?" Cooper fing an zu husten, woraufhin er sich geschlagen gab und sich wieder auf das Bett setzte.
"Das beantwortet wohl Ihre Frage. Aber nicht meine."
Mit wütenden Augen funkelte Cooper seinen vorgesetzten Offizier an. Er mochte diese Situation gar nicht. McQueen wusste wahrscheinlich über jede einzelne Sekunde Bescheid, die er seitdem hier auf der Krankenstation verbracht hatte. Seine Antibiotika hatten sein Fieber recht schnell verschwinden lassen und der Husten war ebenfalls besser geworden. Die Lungenentzündung war eigentlich ausgestanden, aber trotzdem fühlte er sich matt und kraftlos. Das tagelange Liegen machte ihn völlig verrückt, aber sobald er auch nur für einen Augenblick aufstand, ließen seine Knie nach und er begab sich resignierend ins Bett zurück. Er mochte dieses Gefühl von Schwäche nicht. Er war es einfach nicht gewöhnt, tatenlos rumzuliegen und vor sich hin zu dösen. Die ganze Zeit war er am Grübeln. Er dachte über Dinge nach, die er bereits tief in sich vergraben hatte. Jetzt kam alles wieder hoch und das mit einer Wucht, von der er selbst erstaunt war. Doch das schlimmste von allem war, dass Nathan ihn seit ihrem Gespräch vor einer Woche nicht mehr besuchen gekommen war. Es war ihm eiskalt den Rücken runtergelaufen, als Sam ihm erzählt hatte, was mit Nathan vor sich ging. Doch er lag nur hier in diesem sterilen Zimmer und tat nichts, um seinem Freund zu helfen. Genau wie er und Nathan nur die Tage vergeudeten, in denen sie eigentlich nach dem Rest ihrer verschollenen Einheit suchen sollten.

"West."
Nathan hielt an und drehte sich nach seinem Colonel um. "Ja, sir?"
McQueen sah nun zum ersten Mal, was Mitchel ihm berichtet hatte. Nathan war bleich, während unter seinen Augen dunkle Ringe zu sehen waren. <Mein Gott, der Junge ist wirklich krank,> schoß es McQueen durch den Kopf.
"Ich... Hat Dr. Kanellos Sie noch mal untersucht?"
"Wozu? Niemand weiß, was mit mir los ist."
McQueen suchte fieberhaft nach etwas, was er Nathan sagen könnte. Aber der Grund, wieso er ihn aufgesucht hatte, war, dass er sich Sorgen um ihn machte. Einer seiner Jungs lag noch immer auf der Krankenstation und der andere gehörte ebenfalls dorthin.
"Sonst noch was, Colonel?"
"Ja... der Fotoclip von Ihnen..."
"Was interessiert Sie das?" wurde er von Nathan unterbrochen. "Sie haben ihn mir zurückgegeben. Zu dem Zeitpunkt, wo Sie sich aufgaben ... wo Sie uns aufgaben..."
McQueen öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch hielt inne, als Nathan ein drittes Mal bewusstlos wurde. Sein Körper sackte zusammen wie ein nasser Sack; so schnell, dass McQueen Mühe hatte, ihn aufzufangen. "Nathan..."
Zu seinem Glück kam gerade ein Lieutenant um die Ecke, welcher ihm half, Nathan auf die Krankenstation zu bringen.

"Und was für eine Erklärung haben Sie nun parat, Doc?"
"Keine. Aber ich befürchte, dass sich Nathan‘s Zustand hier nicht verbessern wird. Wenn wir nicht im Krieg wären, würde ich ihn sofort in das St. Joseph in Kalifornien überweisen. Dort könnten sie womöglich herausfinden, was Nathan fehlt."
"Wir sind aber nicht auf der Erde!" meinte McQueen ungehalten. "Sie müssen doch etwas für ihn tun können."
"Es tut mir leid. Aber das kann ich nicht. Außerdem habe ich noch mehr Patienten, die ebenfalls meine Hilfe brauchen." Dr. Kanellos ging zwei Schritte, dann sagte er leise: "Das meinte ich ernst. Meine letzte Hoffnung besteht für Nathan auf der Erde. Ich kann hier nichts mehr für ihn tun und solange wir nicht wissen, was seinen Körper dermaßen schwächt, kann er im Krieg sowieso nicht teilnehmen. Je länger wir warten, um so geringer werden seine Chancen. Denken Sie darüber nach, Colonel."

McQueen stand neben Nathan‘s Bett und wartete darauf, dass Nathan wieder erwachen würde. Als die Tür sich öffnete, kam zu seinem Entsetzen Cooper herein. Sein warnender Blick kündigte eine Standpauke an, so dass Cooper in die Offensive ging.
"Colonel, Sie können sagen, was Sie wollen, ich gehe nicht zurück. Nicht, bis er wieder wach ist."
Da es eh zwecklos war, nickte McQueen. Und zum X-ten Mal bewunderte er die Tatsache, wie eng das Band ausgerechnet zwischen ihnen geworden war.
"Was ist mit West? Wieso passiert ihm das immer wieder?"
"Wenn die Ärzte das wüssten, könnten sie etwas dagegen unternehmen, Hawkes. Aber sie wissen es nicht."
"Und wie lange soll das noch so weitergehen? Bis er gar nicht mehr aufwacht?"
Cooper‘s Blick durchdrang sogar McQueen‘s äußere Fassade. Zum ersten Mal sah Cooper in McQueen die Sorgen, die er sich immer schon um seine Wildcards gemacht hatte. Und diese Tatsache verriet ihm, wie ernst es war.
"Es ist nicht nur West, Cooper. Die Ärzte sorgen sich auch um Sie."
"Ich nehme keine Tabletten. Heute morgen habe ich Dr. Pendrell meine tägliche Dosis wieder in die Hand gedrückt. Sie können ihn fragen, wenn Sie mir nicht glauben."
"Ich glaube Ihnen," meinte McQueen leise.
"Colonel..." Nathan‘s Stimme hörte sich schwach an, aber er war wieder bei Bewusstsein.
"Ja. Wir sind hier, Nathan."
"Was... was ist nur mit mir? Was?"
McQueen schluckte. Was sollte er Nathan darauf antworten?
"Das würde ich Ihnen nur zu gerne sagen, aber ich weiß es nicht. Niemand kann das."
Nathan schloß kurz die Augen. "Und wie geht es weiter?"
"Dr. Kanellos möchte Sie in eine Klinik auf der Erde schicken. Dort kann Ihnen geholfen werden."
Aus dem Augenwinkel sah er Cooper‘s Reaktion. Nathan nahm es besser auf als Cooper.
"Auf die Erde? Sir, dass.. dass können Sie nicht zulassen. Die werden sonst was mit ihm machen und wir können ihm nicht helfen!"
"Hawkes, machen Sie mal langsam. Hier geht es um Nathan‘s Gesundheit."
"Sie werden ihn an die ausliefern. Sehen Sie denn nicht, was die vorhaben?" In Cooper‘s Stimme erkannte McQueen pure Panik. Er war sich nicht sicher, ob Cooper mit seiner Vermutung recht haben könnte, aber was hatte er für andere Möglichkeiten?
"Er ist ja noch hier. Wenn sich sein Zustand jedoch nicht bessert..."
"Nate... sag ihm, dass sie das nicht machen können. Sag ihm, dass du hier bleiben willst."
Nathan warf einen Blick auf McQueen. Er wirkte über Cooper‘s Bitte genauso ratlos wie er selbst.
"Was hast du eigentlich?" fragte er dann, um dies gleich darauf zu bereuen. Er erinnerte sich an einen Tag vor vielen Jahren. Seine Mutter war mit Neil zum Arzt gegangen und hatte Nathan das erste Mal mit seinem jüngsten Bruder John alleine gelassen. Er war 13 oder 14 und hatte an diesem Tag eigentlich mit seinen Freunden spielen wollen. Um John zu ärgern, versteckte er sich im Haus. Er hatte es nur im Spaß gemeint, aber als nach etlichen Minuten noch immer nichts von seinem Bruder zu sehen war, kam er aus dem Keller und suchte nach John. Er fand ihn in seinem Zimmer, weinend in einer Ecke. Lachend hatte er gemeint, dass das doch nur ein Scherz gewesen sein sollte, aber John hatte immer weiter geweint. Er war noch zu jung gewesen, um Nathan‘s Spiel als solches zu verstehen und hatte angenommen, dass man ihn alleine gelassen hatte. Natürlich hatte Nathan Ärger bekommen, als seine Mutter heimgekommen war und John sich erst dann hatte richtig beruhigen können. Nie wieder hatte er mit einem seiner Brüder solch einen Scherz gemacht.
"Die wollen uns auseinanderreißen, damit wir nicht nach ihnen suchen. Verstehst du nicht, die haben das alles so geplant..."
Plötzlich wurde Colonel McQueen bewusst, was das zu bedeuten hatte. "Hawkes!" McQueen packte Cooper an den Schultern und schüttelte ihn leicht. "Sie hatten mir gesagt, Sie nehmen keine Tabletten. Wieso haben Sie gelogen? Wieso??"
Cooper versuchte, sich von McQueen loszureißen, aber sein Colonel war stärker. "Lassen Sie mich doch einfach in Ruhe!" schrie er ihn daraufhin an.
McQueen ließ von Hawkes ab. "Wie Sie wollen."
Cooper zögerte nicht eine Sekunde, um das Zimmer zu verlassen. Als sich McQueen wieder Nathan zuwandte, war dieser dabei, das Bett zu verlassen.
"Vergessen Sie das, West. Es bringt nichts, ihm hinterherzurennen."
"Doch, sir. Damals auf der Bacchus haben wir ihn im Stich gelassen. Ein zweites Mal passiert das nicht." McQueen merkte die Entschlossenheit, die er an Nathan so schätzen gelernt hatte. Obwohl Nathan anfangs auf wackeligen Beinen stand, suchten sie die gesamte Saratoga nach ihm ab. Es dauerte über zwei Stunden, bis sie ihn fanden. In der Nähe der Lagerungsbucht der Transporter gab es einige Lagerräume, wo sich all die Dinge befanden, die nicht oft gebraucht wurden, wie Bettlaken oder Stühle. Kaum hatten sie die Tür einer dieser Räume geöffnet, hallte ihnen Musik entgegen. Sie hatten Cooper gefunden.

"Hawkes..."
Cooper zuckte zusammen, als wie aus dem Nichts McQueen und West vor ihm standen.
"Wie.. wie habt ihr mich gefunden?" fragte er völlig perplex, während er den CD-Player abstellte.
"Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, Cooper. Was machst du hier?" Nathan setzte sich zu ihm auf den Boden. "Du hast es dir hier ja richtig gemütlich gemacht." Sein Blick wanderte umher und blieb auf einem kleinen Kasten hängen. Er konnte sich vorstellen, was es war und fragte deshalb nicht weiter. Wahrscheinlich bewahrte Cooper dort Sachen auf, die keiner finden sollte.
McQueen war vor der ausgebreiteten Decke stehengeblieben und bückte sich nun, um ein Tütchen voller Pillen aufzuheben.
"Sie hatten Recht, Colonel. Es... es tut mir leid..." stammelte Cooper schuldbewusst. Tröstend legte ihm Nathan eine Hand auf die Schulter.
"Wie viele, Hawkes? Und ich will die Wahrheit wissen."
"Eine. Heute morgen, bevor ich zu West ins Zimmer ging. Ich schaffte nicht, mich lange auf den Beinen zu halten, und so... Danach habe ich sie nicht mehr angerührt. Ehrlich."
Nun ging auch McQueen in die Hocke und sah Cooper scharf an. Dann überlegte er es sich anders. Strenge würde in Cooper‘s Situation nichts helfen.
"Hawkes, wollen Sie denn nicht, dass Nathan wieder gesund wird?"
"Natürlich will ich das." Cooper schien überrascht, dass ihm McQueen diese Frage überhaupt stellen konnte.
"Dann müssen Sie verstehen, dass ihm nur in einer Klinik geholfen werden kann. Sobald er wieder einsatzfähig ist, kehrt er zurück. Verstehen Sie?"
"Ist das wirklich die einzige Möglichkeit, sir?" hakte nun auch Nathan nach.
"Ich fürchte ja. Aber keine Sorge, ich werde mich um alles kümmern. Darauf haben Sie mein Wort."
Nathan nickte und legte seinen ganzen Arm um Cooper‘s Schulter, um ihm zu zeigen, dass er ihn nicht im Stich lassen würde. Niemals.

"Und Dr. Kanellos sagt, dass das die einzige Möglichkeit für West ist?"
McQueen sah Ross ernst an und nickte. "Ja. Es scheint sich um etwas zu handeln, was sie nicht identifizieren können."
Nach einem langen Seufzer stützte der Commodore den Kopf auf seine Hände. "Hawkes?"
McQueen öffnete den Mund, aber es kam nichts heraus.
"Ty, was ist mit ihm?"
"Hawkes hätte eigentlich schon längst wieder fit sein sollen. Die Ärzte haben ihn mit Medikamenten behandelt, die ihn sehr wahrscheinlich wieder abhängig gemacht haben."
"Sie wissen, was das bedeutet. Ein zweites Mal kann ich ihn nicht decken."
"Sir, ich bin der Überzeugung, dass auch Hawkes mit... Was immer West befallen hat, könnte womöglich die Ursache für Hawkes' schwachen Gesundheitszustand sein. Dr. Kanellos ist der Meinung, dass vielleicht die Saratoga der Grund für ihre Verfassung ist."
Ross runzelte die Stirn. "Und was meint Dr. Kanellos dazu?"
"Er hält eine Veränderung ihrer Umgebung für das beste. Ich habe mit ihm eben darüber gesprochen. Ich bin jedoch anderer Meinung."
"Und wieso, Ty?"
"Weil wir es uns nicht leisten können, zwei unserer besten Soldaten für unbeschränkte Zeit auf die Erde zu schicken. Wir haben noch immer Krieg."
"Welchen wir nicht mit kranken Marines gewinnen werden."
"Wir können das nicht tun. Ich kann das nicht tun."
"Ich werde selbst noch einmal mit Dr. Kanellos darüber reden. Wenn er der Meinung ist, dass diese Möglichkeit das richtige ist, fliegen West und Hawkes mit der nächsten Fähre zur Erde."
Als er sah, wie McQueen die Lippen schürzte und die blauen Augen ihn vorwurfsvoll anfunkelten, wurde sein Ton eindringlicher. "Ich weiß, was Sie empfinden, Ty, aber denken Sie an Ihre Piloten. In ihrem jetzigen Zustand kann ich sie nicht gebrauchen. Das wissen Sie selbst. Aber warum sprechen Sie es nicht aus, vor was Sie wirklich Bedenken haben?"
"Falls Hawkes wieder abhängig wird und zur Erde fliegt, kommt er nicht mehr zurück. Und was ist, wenn jemand nicht will, dass West wieder gesund wird? Ich kann das einfach nicht zulassen, Glen."
"Mein Gott, Ty... Was reden Sie da bloß?" Ross schüttelte den Kopf. Wenn es um McQueen‘s Wildcards ging, war er einfach nicht mehr wiederzuerkennen. Normalerweise handelte er stets bedacht und sachlich, aber es war nicht das erste Mal, dass er seine ganzen Überzeugungen über den Haufen warf, nur um seine Kids zu schützen, wenn er eine Gefahr sah. Er hatte nie um etwas gebeten, aber seitdem er das Kommando über die Wildcards hatte, war selbst dies vorgekommen. Es ging nie um ihn selbst, nur um sein 58stes. Ross fand es erstaunlich, in seinem langjährigen Freund den Vater zu sehen, der er nie hatte sein können. Nun besaß er gleich fünf Kinder und es würde ihn zerstören, die zu verlieren. Er hatte McQueen oft genug daran erinnert, dass sie Marines in einem Krieg waren, der viele Opfer forderte, aber was helfen Worte gegenüber solch starken Gefühlen?
"Ty... Indem sie Hawkes und West jetzt hier behalten, verlieren Sie die Chance, dass die Wildcards jemals wieder zusammenkommen. Wollen Sie das wirklich?"
Die Augen von McQueen, die sonst so kalt schienen, verrieten ihn jedesmal. Jedenfalls gegenüber Ross. McQueen wusste, dass der Commodore absolut Recht hatte, aber er hatte einfach nur Angst, sie nie wiederzusehen.
"Colonel, überlegen Sie doch einmal. West muss auf jeden Fall auf die Erde. Was konnte überhaupt besseres passieren, dass Hawkes ebenfalls muss?"
Dies leuchtete ihm ein. Wenigstens wären sie nicht auf sich alleine gestellt. So gesehen war es die perfekte Lösung. Es fiel ihm nur schwer, dem zuzustimmen.
"Denken Sie gründlich über alles nach. Morgen fliegt ein Transporter zurück nach Hause und ich werde zwei Plätze freihalten lassen, wenn ich mit Dr. Kanellos gesprochen habe. Es ist Ihre Entscheidung, Ty. Ich weiß, dass Sie das richtige tun werden."

Es war mitten in der Nacht, als McQueen sein Bett verließ, um auf die Krankenstation zu gehen. Er hatte nicht schlafen können, d.h. er war nach einem Alptraum schweißgebadet aufgewacht. Schnell hatte er gemerkt, dass es keinen Sinn hatte, es ein weiteres Mal zu versuchen.
Nathan schlief ruhig und fest, als er das Zimmer betreten hatte. Nach ein paar Minuten machte er sich in Hawkes' Zimmer auf und fand diesen wach vor. Jemand hatte ihm den halb verbrannten Teddy gebracht, den er bei seinem Entzug von Vansen bekommen hatte.
Als Cooper McQueen bemerkte, legte er ein wenig verlegen den Teddy zur Seite, was ein kleines Grinsen vom Colonel zur Folge hatte.
"Was tun Sie so spät noch hier, sir?" fragte Cooper neugierig.
"Ich habe eine wichtige Entscheidung getroffen."
"Und... welche?"
Jeder andere hätte eine andere Antwort erhalten. Aber bei Cooper machte McQueen öfters mal eine Ausnahme. Cooper wollte immer alles genau wissen, was sicher der Grund war, wieso er letztendlich doch so klug war. Er war so anders, als InVitros hätten sein sollen. Egal, wie er es drehte, Cooper war wie er selbst. Irgendwie zumindest.
"Sie und West werden in ungefähr zehn Stunden mit einem Transporter auf die Erde fliegen. Die Ärzte sind der Ansicht, dass es Ihnen beiden helfen wird."
"Aber..."
"Ich weiß, Cooper. Aber wie ich schon Nathan sagte, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Ich werde aufpassen, dass alles mit rechten Dingen zugeht."
"Und wie wollen Sie das anstellen?"
"Vertrauen Sie mir etwa nicht?"
Cooper zog eine Grimasse. "Ein Tank redet von Vertrauen..." Normalerweise hätte sich Cooper auf diesen Kommentar hin eine Standpauke gefallen lassen müssen, aber diese blieb aus. Ein wenig überrascht grinste Hawkes. "Colonel...?"
"Passen Sie gut auf Nathan auf. Er braucht Sie jetzt, Cooper."
"Darauf können Sie einen... äh, dass werde ich, sir."
McQueen schüttelte beim Herausgehen den Kopf. Was war bloß mit ihm passiert...

Fortsetzung folgt ....

Claudia Norden

Copyright © 1999 Alle Rechte beim Autor. Nachdruck, aus Auszugsweise, Veröffentlichung oder Vervielfältigung jeglicher Natur  ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors erlaubt.  

Die Charaktere und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above & Beyond" von Glen Morgan und James Wong überein.

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