... und das Leben geht weiter
(Teil 3)
"Oh, das tut mir wirklich sehr leid. Ich habe Sie gar nicht
gesehen." Cooper bückte sich mit einer Engelsmiene und tat so, als wolle er ihm
helfen. Doch in Wirklichkeit wollte er nur einen Blick auf diese Unterlagen werfen, weiche
weit verstreut um sie herumlagen.
"Mist! Könnt ihr Marines denn nicht aufpassen?"
Cooper lächelte ihn unschuldig an. "Dass ich auch immer so ungeschickt bin. Hier,
vergessen Sie die nicht. Sonst bekommen Sie womöglich noch Ärger und das wollen wir doch
auf keinen Fall."
Genervt riß er Hawkes einen Stapel Blätter aus der Hand.
"Jaja, schon gut."
Unbemerkt hatte sich Cooper einige Unterlagen hinter seinem Rücken in die Hose gesteckt und entschuldigte sich abermals. Nach einem etwas zornigem Blick zu Hawkes machte er kehrt und ging davon. Cooper sah ihm grinsend nach, während er langsam die stibitzten Unterlagen hervorzog. Doch sein Grinsen erstarrte nur wenige Sekunden später.
Als Nathan Coopers Gesichtsausdruck sah, als dieser in die
Taverne kam, stand er sofort auf.
"Coop, alles okay?"
Er schüttelte den Kopf, einen kurzen Blick auf Anderson werfend. "Ich muß mit dir
reden."
West deutete den anderen an, dass er mit Cooper rausgehen würde und folgte ihm dann.
"Was ist denn nun wieder?"
Wortlos reichte Coop ihm die Unterlagen.
"Was ist das?"
"Frag' nicht so viel, sondern lies."
Nathan schien zu zögern. "Wo hast du die her?"
"Verdammt, du sollst aufhören zu fragen!" Er entriß Nathan die Papiere und
schlug die Mappe auf. "Das sind Berichte von Anderson. Und rate mal, an wen die
adressiert sind ?"
"Aerotech." Seine Antwort klang weder nach einer Frage noch nach einer
Feststellung.
"Richtig. Dieser Mistkerl schreibt Berichte über jedes einzelne Wort, was wir von
uns geben. Ich bring' ihn um."
"Und dann?"
"Na, dann ist er tot, würd' ich mal sagen."
Nathan kratzte sich grinsend am Kinn. "Und wir würden Shane nie wieder finden."
Cooper sah Nathan verständnislos an. "Was... wie meinst du das?"
"Coop, denk` mal nach. Wir haben keine Ahnung, wo Shane festgehalten wird,
richtig?"
"Richtig."
"Ja, und wir werden wahrscheinlich auch nie eine Spur von ihr finden, es sei
denn..."
"Es sei denn, jemand, der weiß, wo sie ist, gibt uns einen Tip."
Cooper lachte erstaunt auf. "Du willst Anderson dazu benutzen, um Shane zu
finden?"
"Damit würden wir endlich mal den Spieß umdrehen."
"Manchmal bist du wirklich genial, West."
Cooper strahlte nun übers ganze Gesicht. Am liebsten wäre er Nathan vor Freude um den
Hals gefallen. "Das ist ganz schon gerissen. Woher hast du das?"'
Nathan's Gesichtszüge strafften sich wieder. "Nach allem bleibt einem nichts anderes
mehr übrig. Ich werde in diesem Leben nichts mehr Aerotech überlassen, was mir wichtig
ist. Die haben mir schon genug genommen..."
"Aber wie kamst du so schnell drauf? Weißt du vielleicht mehr, als du mir sagen
willst?" Da war er wieder, dieser mißtrauische Blick in Coopers Gesicht.
"Das könnte ich dich auch fragen. Immerhin kamst du mit diesen Unterlagen an,
oder?!"
Hawkes grummelt ein unverständliches "ja" und fing wieder an zu grinsen.
"Wenn das klappt, werden wir sie aufgrund deiner tollen Idee finden."
"Nein. Du hast die Vorarbeit geleistet und ich habe den Plan entwickelt. Langsam wird
aus uns beiden..."
"...ein Team?" Überrascht sah Nathan Cooper an. "Jaaa... ein gutes
Team." Daraufhin grinsten beide.
Doch als sie die Taverne betraten und Cooper Anderson bei einem seiner Witze sah, platzte
ihm beinah' der Kragen. Wie konnte dieser Typ nur so falsch sein? Er gab sich als Freund
aus, als ein Mitglied des 58sten und war am Ende bloß ein Spitzel von Aerotech.
Wahrscheinlich würde er keine Sekunde zögern, ihn und Nathan nur aus dem Weg zu
schaffen, wenn es Probleme gab. Er mußte seine ganze Selbstbeherrschung aufbringen, um
den Captain nicht sofort über Bord zu werfen. Aber nicht, ehe er ihn zuvor in tausend
Stücke zerrissen hatte. Ganz bewußt setzten sich Nathan und Cooper Anderson gegenüber
und beobachteten ihn unauffällig. Irgendwann mußte er sich doch verraten und dann
hätten sie ihn.
"Sagt mal..." Nathan stützte sich auf den Tisch und sah
seine Einheit eindringlich an, "was haltet ihr überhaupt von der Aussage des
Chig-Botschafters, dass, Aerotech an diesem Krieg schuld ist?"
Cooper studierte das Gesicht von Anderson... Nicht die geringste Reaktion.
"Völliger Blödsinn!" warf Charly in die Runde. "Auch wenn das alles wahr
sein sollte, gab es ihnen nicht das Recht, die Kolonisten abzuschlachten." Kyle hob
sein Glas und meinte gelassen: "Es ist egal, wer den Krieg begonnen hat. Wichtig ist
nur, wer ihn beenden kann."
"Findest du?" Sam starrte Anderson grimmig an. "Für dich ist es also
unwichtig, dass tausende Leben hätten nicht geopfert werden müssen, wenn
Aerotech...
"Das habe ich nicht gesagt. Aber Fakt ist, dass wir es eh' nicht mehr ändern
könnten. Viele Menschen sind gestorben, das weiß ich sehr wohl, Aber nicht Aerotech hat
abgedrückt."
Nathan sah, dass Cooper unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutschte und stieß ihn
deswegen leicht an. In Coopers Augen war der blanke Haß, als er sein Gesicht Nathan
zuwandte. Nathan schüttelte den Kopf. Er hoffte, dass Coop sich unter Kontrolle hatte.
"Auf welcher Seite bist du überhaupt?"
Anderson sah Robert ernst an. "Auf meiner. Ich habe, genau wie ihr, viele Freunde
wegen den Chigs verloren und das werde ich ihnen heimzahlen."
"Wieso? Weil die Chigs ihre Heimat verteidigt haben?"
Nun schauten alle zu Chris, der an der Bar sitzend seinen Kommentar dazu gegeben hatte.
"Dich hat keiner gefragt, oder?" giftete Anderson ihm zu.
"Hey, er hat dasselbe Recht auf Meinung wie du." Sam schien wütend zu sein, das
konnte man ihr ansehen.
"Was soll das denn? Habt ihr nun alle den Verstand verloren? Die Chigs sind unsere
Feinde."
Nun reichte es Cooper. Er sprang auf, kippte sein Glas um und schmiß seinen Stuhl um.
"Was heißt das schon... der Feind? Soll ich dir mal was sagen, Captain?"
Captain sprach Cooper so verächtlich wie möglich aus. "Ich habe in diesem Krieg
mehr Chigs getroffen, denen ich eher vertraut hatte als irgendeinem Aerotech..."
Nathan stand rechtzeitig auf, um seinen Freund vor einer falschen Bemerkung zu bewahren.
Denn die Aerotech-Mitarbeiter mit Schimpfwörtern zu versehen, würde Coop's Gesundheit
wohl nicht gut tun.
"Okay, das reicht jetzt. Lassen wir das Thema, einverstanden?"'
Alle nickten bis auf Anderson. Sein Blick war noch immer auf Coop gerichtet, miteiner
Kälte wie Eis. Sogar Chris hatte er damit einschüchtern können. Doch Coop wurde nicht
nervös, im Gegenteil. Hier ging es um Shane, dessen war sich Nathan sicher. Und niemand
sollte sich mit Hawkes anlegen, wenn es darum ging.
"Hab' ich dir irgendwas getan, Hawkes?" fragte Anderson plötzlich mit sanfter
Stimme und auch dieser Blick war verschwunden. Hatte er ihn sich womöglich nur
eingebildet?
"Mir nicht, aber..."
Entsetzt riß Nathan die Augen auf. Ein zweites Mal konnte er Cooper doch nicht ins Wort
fallen. Zum Glück schaltete Sam in dieser Situation. Sie wußte ja, was hier auf dem
Spiel stand. Zumindest teilweise und den Rest konnte sie sich zusammenreimen.
"Oh, verdammt, mir ist vielleicht schlecht."
Sie stand übertrieben auf und sackte dann schnell zusammen, so dass Cooper sie auffangen
mußte. Er reagierte blitzschnell und vergaß seinen angefangenen Satz. "Sam... was
ist denn? Hey, sag' doch was!" Er kniete nun auf dem Boden, mit Sam in seinen Armen.
Vorsichtig schlug er ihr auf die Wangen, damit sie endlich die Augen öffnete.
Nathan hatte erleichtert ausgeatmet, als Sam mit ihrer Tat von dem Gespräch abgelenkt
hatte. Das war wirklich verdammt knapp gewesen, ging es ihm durch den Kopf. Irgendwie
wußte er, dass Sam diesen Anfall nur vorgetäuscht hatte. Wieder einmal standen er und
Coop in ihrer Schuld. Jetzt wußte er, dass sie Sam vollständig vertrauen konnten. Nach
einigen Minuten hatte sich Sam erholt. Cooper hatte sie mit einem Glas Wasser versorgt und
als sie sicher war, dass Hawkes und Anderson ihr Gespräch vergessen hatten, stand sie
wieder auf.
"Mir geht's gut, danke. Ich weiß auch nicht, was auf einmal los war."
"Ein Bier zuviel, dass war los," grinste Anderson. "Zeit, schlafen zu
gehen. Wir haben morgen einen schweren Tag."
Die anderen gingen, ausgenommen Sam, Coop und Nathan.
"Coop, du solltest dich bei ihr bedanken. Sam hat dir wahrscheinlich die Haut
gerettet." Cooper sah Nathan verdutzt an. 'Was?"'
"Du warst dabei, alles auszuplappern. Anderson hatte dich danach wohl in der Luft
zerrissen."
"Der soll mir bloß in die Hände geraten. Vor dem habe ich keine Angst."
"Was ist mit Anderson?" Sam wirkte ein wenig unsicher, da sie noch nicht
wußte,
weshalb Cooper und Nathan so komisch auf ihren Captain reagierten.
"Er arbeitet für Aerotech."
Sam schloß die Augen. "Oh, nein... Aber das erklärt einiges."
Nathan nickte, "Hör' zu: Wir sind dir wirklich sehr dankbar, dass du uns..." Er
blickte dabei zu Hawkes, "... aus dem Schlamassel geholfen hast. Wenn wir jetzt einen
Fehler machen, können wir alles vergessen und..." West holte tief Luft und
überlegte kurz, wie er das am einfachsten ausdrücken konnte, "...und es wäre
sicherer für dich, wenn du auch nicht mehr darüber erfährst."
Eigentlich hatte er sich dies sparen können, denn im Grunde wußte er ganz genau, dass
Sam nichts mehr davon abhalten konnte, ihnen zu helfen. Und wenn er ehrlich war, war er
sogar froh darüber. Jede Hilfe konnten sie gebrauchen, vor allem jetzt, wo sie niemandem
mehr trauen konnten.
"Nathan...., " seufzte Sam schließlich, "du und Coop, ihr könnt nicht
gegen die Chigs, Aerotech und alle anderen alleine kämpfen. Bist du sicher, dass es nicht
nur falscher Stolz ist, dass ihr meine Hilfe nicht annehmen wollt?"
"Vielleicht hat du recht. Ich bräuchte wirklich jemanden, der auf Coop
aufpasst."
Sam und Nathan grinsten, während Coop ein wenig verwirrt wirkte. "He, was soll das
schon wieder? Ich..."
"Vergiß' es, Coop. Das war ein Scherz."
"Mal wieder auf meine Kosten, was?" Cooper wirkte nun ein wenig gekränkt, bis
Sam an seinem Ärmel zupfte. Er drehte den Kopf zur Seite, um sie ansehen zu können.
"Verzeihst du mir?" Sie hatte den Kopf gesenkt, doch ein Lächeln umspielte ihre
Lippen.
"Weiß nicht. Ich mag es nicht, wenn man mich wie ein Baby behandelt."
"Wo hast du denn das her?" fragte Nathan erstaunt.
"Keine Ahnung. Aber es ist doch so oder etwa nicht?"
Ein wenig hilflos sahen sich Sam und Nathan an. Sie hatten nicht vorgehabt, Cooper zu
verletzen und diesmal war er es wirklich.
Sam bat Nathan mit einem Kopfnicken, sie mit Coop alleine zu lassen. Nachdem er gegangen
war, stellte sie sich direkt vor ihn.
"Jetzt hör mir bitte mal zu, Coop. Weder ich noch Nathan würden dir jemals bewußt
wehtun. Das muß dir doch klar sein. Wir sind deine Freunde und mögen dich viel zu sehr.
So kleine Scherze unter Freunden sind erlaubt oder willst du mir sagen, dass ihr Wildcards
das nie getan habt?" Damit Sam nicht immer zu ihm hochgucken mußte, setzte er sich
auf den Rand des Tisches. Er war nervös und der einzige Grund, weshalb er wegen des
Witzes so gekränkt reagiert hatte, war, dass sie beide über ihn gelacht hatten; dass Sam
mit Nathan über ihn gelacht hatte. Und das fand Cooper gar nicht lustig. "Ich kann
es nunmal nicht leiden, wenn du mit Nathan... naja, wenn ihr euch über mich lustig
macht."
"Aber das ist doch nicht böse gemeint." Behutsam legte sie ihre Hand auf seine
Brust. Nun blickte er noch verwirrter drein.
"Ich könnte dir niemals wehtun, niemals." Sams Stimme war kaum noch zu hören,
als sie einen Schritt naher zu Coop ging. Kaum eine Handfläche hatte noch zwischen ihnen
gepaßt. Ohne darüber nachzudenken, nahm Cooper Sam's Gesicht in die Hände und zog es
hastig an seines heran. Dann drückte er seine Lippen auf ihren Mund. Irgendwie erwartete
er eine Abwehrreaktion von ihr, aber sie tat genau das Gegenteil. Sie erwiderte seinen
Kuß.
"Nein... stop. Das dürfen wir nicht!" Ruckartig riß sie sich von Cooper
los und sah, dass er seine Stirn runzelte. "Warum nicht?"
"Weil... weil es Krieg ist und wir zu derselben Einheit gehören. Es würde alles so
kompliziert werden."
"Und woher weißt du das?"
"Was?"
"Sam, was ist auf einmal los? Das letzte Mal hast du anders reagiert."
"Ja, und du konntest dich nicht mehr erinnern." Sie grinste.
"Das war doch nicht meine Schuld, Außerdem kann ich mich wieder erinnern und das
zeigt, dass es für mich was schönes war."
"Es ist ja auch was schönes, aber es ist der falsche Zeitpunkt. Denk` doch mal nach.
Hier, auf einem Kriegsschiff eine romantische Beziehung aufzubauen, ist völlig
unmöglich!"
"Was für eine romantische Beziehung?"
"Coop, ich habe mal eine Frage: Hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, wie
eine, ähm... Freundschaft... mit einem Mädchen aussieht?" Er nickte leicht.
"Okay, und weißt du auch, was man alles tun muß, damit es hält?"
Nun schüttelte er den Kopf. "Woher soll ich das wissen? Mir hat es doch niemand
beigebracht."
"Aber du mußt eine Vorstellung oder so davon haben, sonst..."
"Ich habe früher die Menschen beobachtet. Man ist einfach zusammen."
Sam schloß die Augen und atmete lange aus. Hätte es einen Sinn, ihm von der normalen
Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau zu erzählen? Würde er das überhaupt
verstehen können? Andererseits, was war eine normale Beziehung? Vor allem jetzt, in
Kriegszeiten... einfach zusammen ist das nicht vielleicht das einzige, was wirklich
zählt? Während sie darüber nachdachte, hatte sie nicht gemerkt, wie Cooper wieder auf
sie zugekommen war. Er stand nun neben ihr und sah gerade aus.
"Ich brauche deine Hilfe, Sam. Das alles, was im Moment
passiert... das ist so neu und ich verstehe auch nicht alles. Weißt du, Freunde... eine
Familie zu haben, war etwas, was ich nie hatte. Hier draußen ist zwar Krieg, aber erst
hier werde ich wie ein Mensch behandelt. Und... du... du... ach..." Er schaffte es
wieder nicht und er wurde wütend. Coop stieß einen lauten Fluch aus und setzte sich auf
einen Stuhl. "Wieso dürfen Menschen sowas machen?"
"Was machen?"
"Uns. InVitros werden nie ein normales Leben führen können. Ich werde
wahrscheinlich nie ein Mädchen kennenlernen, die mich mag."
Sam sah in seine blauen, traurigen Augen. Er wirkte so allein, so verloren. Hör' auf,
darüber nachzudenken, sagte sie sich. Es kann nichts falsches daran sein, wenn du ihm das
gibst, was er braucht. Was du auch brauchst.
"Okay, dann lass' es uns kompliziert machen."
Coop hob seinen Kopf, in dem seine Augen aufblitzten. "Du meinst..."
"Ich weiß nicht, was ich meine. Ich werde es sicher auch bereuen, aber warum sollten
wir uns gegen unsere Gefühle wehren?"
"Gefühle?"
"Sprechen wir nicht darüber, einverstanden? Aber was... wie stellst du dir das mit
uns eigentlich vor?"
"Wieso soll ich mir alles erst vorstellen? Es ist doch viel schöner, es einfach zu
tun."
Ein breites Grinsen erschien und Sam fragte sich, wer da noch widerstehen könnte. Eine
halbe Stunde später schlichen sich Cooper und Sam in ihr Quartier zurück.
Am liebsten hatte sich Cooper zu Sam gelegt, aber ihm war bewußt, dass sowas hier einfach
nicht ging. Tausend Dinge schwirrten ihm durch den Kopf; so viele Sachen, mit denen er
noch nicht klar kam. Aber dennoch hatte er nicht vergessen, was das wichtigste für ihn
war und wohl auch immer sein wird: das 58ste in der alten Formation.
"Eine Geheimoperation? Was soll das heißen?"'
Commodore Ross überreichte Nathan eine Mappe mit Unterlagen. "Das weiß ich nicht.
Ich wurde nicht unterrichtet."
"Was ist mit den anderen?"
Ross schüttelte den Kopf. "Nur Sie, Lieutenant."
"Nur ich, sir," 'wiederholte Nathan ungläubig. Doch Ross antwortete nicht. Er
saß nur da, mit sorgenvoller Miene.
"Commodore, was..."
"West, es ist ein Befehl von ganz oben. Ich kann nichts dagegen unternehmen."
"Also denken Sie auch, dass... dass mehr als nur ein Spezialauftrag
dahintersteckt?"
"Lieutenant, Sie müssen sich beeilen, sonst verpassen Sie den Transporter."
"Sir..."
"Passen Sie auf sich auf, Nathani. Vielleicht ist es nur ein blöder Zufall, aber
wenn nicht.... Passen Sie auf sich auf. Wegtreten!" Nathan schluckte. War das ein
weiterer Schritt von Aerotech oder ein normaler Einsatz, wo sein Können als Pilot
gebraucht wurde? Er wußte es nicht. Noch nicht...
"Sam, hast du Nathan gesehen?"
"Nein, wieso?"
Cooper seufzte. Er hatte ihn seit dem Frühstück nicht mehr gesehen und das beunruhigte
ihn.
"Ist Ross auf der Brücke?"
"Weiß ich nicht. Coop, was ist los?"
"Erklär ich dir nachher." Cooper rannte los. Er hatte ein verdammt schlechtes
Gefühl, was Nathan anging. Vielleicht wußte Ross mehr.
"Sir, kann ich Sie etwas fragen?"
Der Commodore ahnte, worum es ging und nickte. West war zwar auf einer Geheimmission, aber
wenn er Hawkes nicht sagte, wo Nathan war, würde er eine Dummheit begehen.
"Lieutenant, wenn Sie wissen möchten, wo Lieutenant West ist, kann ich Ihnen nur
eins sagen: Er ist bei einem Auftrag."
"Alleine? Was soll dieser Mist?"
"Lieutenant, Sie vergreifen sich im Ton. Sie selbst haben an einem solchen Auftrag
teilgenommen, also müßten Sie wissen, was..."
"Das war etwas anderes. Nathan kann man nicht mit einer ehrenhaften Entlassung
locken."
"Bitte?" Ross wirkte überrascht. Anscheinend hatte er nichts über diesen Deal
gewußt.
"Nicht so wichtig. Was ist das für ein Auftrag?"
"Auch wenn ich es wüßte, könnte ich es Ihnen nicht sagen. Aber das wissen Sie doch
alles. Er wird bald zurück sein."
"Commodore..."
"Sie können wegtreten, Lieutenant."
Ross drehte sich um und fing an, einem Unteroffizier einen Befehl zu geben. Verärgert
wandte sich Coop um. Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Nachdenklich lief er die Gänge
der Saratoga entlang mit der Hoffnung, dass es Nathan gutginge. Er kann auf sich
aufpassen, redete er sich ein. Dann, als er die Tür des Quartiers erreicht hatte,
überfiel ihn der schrecklichste Gedanke, den er sich vorstellen konnte: Wenn Nathan nicht
mehr zurückkehrte, war er wirklich allein. Der letzte der Wildcards. Er gegen den Rest
der Welt und die Chigs. Wie sollte es dann weitergehen?
Das Quartier der Wildcards war bis auf Anderson verlassen. Dieser
sah kurz auf, als Cooper das Zimmer betrat und grinste. "Hey, wo hast du West
gelassen? Sonst kriegt man euch doch nur im Doppelpack."
"Du Mistkerl!" rief Cooper und stürzte sich auf den Captain. Sie beide landeten
hart auf dem Boden und Cooper verlor die Kontrolle. Immer wieder schlug er auf Anderson
ein. Dieser hatte nicht die geringste Chance, sich gegen den starken InVitro zu wehren.
Erst, als Sam und Charly das Quartier betraten und mit Leibeskräften versuchten, Cooper
von Kyle zu trennten, konnte Anderson wieder durchatmen. Fassungslos starrten alle
einander an. Sam kniete sich neben den blutüberströmten Captain. Er sah übel aus.
"Hawkes, was hast du getan?" Charlys Stimme zitterte leicht, als sie sich
zu Cooper drehte. Doch dieser starrte weiterhin auf Anderson.
"Du kannst froh sein, dass die beiden rechtzeitig kamen. Ich hatte dich sonst
getötet."
Sam schauderte. So hatte sie Cooper noch nie gesehen und sie bezweifelte keine Sekunde,
dass er es nicht ernst gemeint hätte. Ja, sie war sich sogar sicher, dass er Anderson
umgebracht hatte und das machte ihr Angst. Da weder Sam noch Charly in dem Moment zu
Anderson sahen, bekamen sie seinen Ausdruck nicht mit. Trotz seiner Schmerzen brachte er
ein Grinsen zustande, ein höhnisches Grinsen. Mit dieser Aktion hafte sich Hawkes sein
eigenes Grab geschaufelt.
"Wieso tust du das? Wir haben dir nichts getan."
Cooper war auf seine Knie gesunken und nun war keine Wut mehr in seinen Augen vorhanden.
Der kleine, ängstliche Junge hatte wieder die Oberhand gewonnen. Das ließ nicht mal
Anderson kalt.
"Wovon redest du, Hawkes?"
"Das weißt du ganz genau. West und ich wissen über alles Bescheid und wir sind
nicht die einzigen. Wenn er sterben wird, kommt alles heraus. Ist das im Sinn von
Aerotech?"
Charly sah Cooper an, als wäre er verrückt. Was redete er da überhaupt?
"Ich... ich weiß nicht, was du meinst. Was habe ich mit Aerotech zu tun?"
Anderson zuckte zusammen, als Cooper abermals nach ihm griff. Er zog ihn nun an sich, so
dass sich ihre Gesichter beinah' berührten, Cooper fing an zu flüstern. "Hör' mit
dem Scheiß auf! Ich habe deine Unterlagen. Wir wissen alles. Dein Spiel ist hiermit
vorüber. Es sei denn..."
"Warte." Anderson schloß die Augen und wischte sich etwas Blut aus dem Gesicht.
Dann bat er Sam und Charly, das Quartier zu verlassen. Verständnislos erfüllten sie die
Bitte.
"Okay, du willst Klartext reden? Von mit aus, ich habe dieses elende Versteckspiel
eh' satt. Was willst du tun? Du weißt gar nichts. Du glaubst, ihr hattet alle Trümpfe in
der Hand, doch da täuscht ihr euch."
Kyle stöhnte kurz auf als er versuchte, sich aufrecht hinzusetzen. Denn nahm er das Ende
seines T-Shirts und tupfte damit Teile seines Gesichtes ab.
"Du und West, ihr seid nichts. Nicht mal Ross kann etwas gegen Aerotech unternehmen.
Und weißt du auch, warum? Weil es mächtige Leute über ihm gibt. Ein falscher Schritt
von ihm und er ist Geschichte. Dasselbe gilt für euch beide. Und Nathan ist schon seit
langer Zeit viel zu vorlaut. Er nervt. Hätten wir das gewußt, wäre er nie aus dem
Tellus-Programm geflogen. Das war ein Fehler."
Cooper war drauf und dran, Anderson eine weitere zu verpassen. Aber
er wollte endlich die Wahrheit erfahren.
"Trotz allem wurden die Wildcards von Aerotech hoch angesehen. Mit jedem eurer
Einsätze habt ihr Aerotech einen Gefallen getan."
"Was will Aerotech?" Cooper mußte es fragen. Er war neugierig geworden.
"Kannst du dir das nicht denken? Die Chigs müssen vernichtet werden. Es darf keiner
übrig bleiben."
Entsetzt schüttelte Cooper den Kopf. Langsam verstand er. "Aerotech wußte von den
Chigs. Ihr wußtet, dass sie uns überlegen waren. Deswegen wolltet ihr den Krieg, damit
die Chigs euch mit ihrer Technologie nicht überlegen sind."
Anderson nickte. Dann fuhr er fort: "Es steckt noch viel mehr dahinter und du
würdest dich wundern, wer alles mit drin steckt. Ich kann dir eines versichern: Niemand
wird Aerotech aufhalten. Frieden zwischen Mensch und Chig..." Erschüttelte den Kopf.
"Keine Chance."
Cooper lehnte sich gegen die Wand; den Kopf zwischen seinen Händen vergraben.
"Was ist mit Shane?"
"Captain Vansen... sie ist ein aufsässiges, unkooperierendes Wesen. Aber sie lebt
noch. Eine Dummheit von dir oder Nathan und sie ist tot."
Jetzt war Cooper mehr als nur wütend. Dieser Kerl versuchte tatsächlich, ihn zu
erpressen. Aber vielleicht konnte er ihn ja überlisten... "Ich trau' dir nicht.
Shane ist bestimmt schon tot, so wie Vanessa und Paul. Und Nathan scheint ihr nun
ebenfalls aus dem Weg geschafft zu haben. Ich habe also nichts mehr zu
verlieren."
Coopers Augen funkelten Anderson an, voll wilder Raserei und Anderson schluckte es.
"Sie sind nicht tot. Keiner von ihnen."
Coop's Atem stockte. Was hatte er eben gesagt?
"Lügner. Ich habe es doch ges..."
"Nichts hast du gesehen! Vansen und Damphousse sind auf dem Mond sicher gelandet,
haben jedoch etwas entdeckt, was sie nicht hatten entdecken dürfen."
Die Gedanken von Cooper überschlugen sich. Er mußte ruhig werden, sonst würde er es
vermasseln. Anderson war drauf und dran, ihm alles zu erzählen. Das durfte er sich nicht
entgehen lassen. "Und Wang? Wie kann er noch leben? Der Transporter ist
explodiert."
"Ja, er hatte großes Glück. Ist dir eigentlich bewußt, dass ich dich jetzt töten
muß? Du weißt zuviel."
"Du gehst das Risiko ein, dass alles herauskommt? Wenn mir oder Nathan etwas
zustößt, werden gewisse Unterlagen in die richtigen Hände geraten und dann ist es mit
der Lüge vorbei. Jeder einzelne Mensch auf der Erde wird die Wahrheit erfahren und du
wirst zur Rechenschaft gezogen werden, weil du die Unterlagen verloren hast. Du warst
unvorsichtig. Tja, und dann sehen wir uns in der Hölle wieder!"
Anderson's Gesichtsausdruck zeigte wirkliche Besorgnis. Er konnte
Hawkes nicht einschätzen, denn ihm war so ziemlich alles egal, außer seinen Freunden.
Die einzige Trumpfkarte, die Anderson noch in der Hand hatte. "Du. Ausgerechnet du
drohst Aerotech? Du wirst verlieren, Hawkes."
"Was soll ich denn noch verlieren? Meine Freunde habt ihr schon. Ich glaube dir
nicht, dass sie noch leben. Also was soll's?!"
"Willst du wirklich dieses Risiko eingehen? Ich dachte, sie bedeuten dir
soviel."
"Schon vergessen? Ich bin ein Tank. Ich hab' von dem ganzen Mist keine Ahnung. Ich
will nur, dass ihr Nathan in Ruhe lasst. Mit den anderen kann ich mir nicht sicher
sein."
"Du willst einen Deal?"
Cooper nickte.
"Nathan kommt von diesem Einsatz lebend zurück und ich vergesse dieses Gespräch.
Shane, Damphousse und Wang bleiben am Leben und niemand wird die Unterlagen zu Gesicht
bekommen."
Ein Grinsen erschien auf Anderson's Gesicht. Kein fröhliches oder hämisches. Es zeigte,
wie überrascht Kyle war und gleichzeitig, wie entsetzt. Er konnte nicht fassen, in
welcher Situation er nun war.
"Ich habe dich unterschätzt. Ich hatte angenommen, dass Nathan diese Rolle für sich
beansprucht hat. Aber du..."
Cooper hoffte, dass Kyle ihn nicht durchschauen würde. Er pokerte wirklich brutal hoch,
aber das war es wert. Im Grunde konnte er nur gewinnen.
"Einverstanden. Aber ich glaube kaum, dass Nathan dieser Handel gefallen wird."
"Er wird es nicht erfahren."
"Was? Du spielst mit eurem Leben und bist zu feige, das zuzugeben?"
"Nein. Aber ich weiß, dass er anders entscheiden würde. Sie alle würden das. Aber
mir sind sie wichtiger als alles andere."
"Vier Leben... wie kann das wichtiger sein als die Wahrheit?"
"Die kommt noch froh genug heraus. Aber wie kann jemand wie du das verstehen?"
Cooper stand auf.
"Ich bin kein Unmensch, Hawkes. Auch ich habe meine Gründe."
"Du bist nur ein Stück Scheiße. Und jetzt sag' deinen Freunen, dass sie Nathan
verschonen sollen."
Nachdem Anderson gegangen war, legte sich Cooper in seine Koje. Sein
Körper zitterte; sein Herz raste. Was hatte er da eben getan? Wie konnte er sowas nur
tun?
"Coop?"
Er zuckte zusammen. Gleich würde er die Fassung verlieren. Dennoch drehte er den Kopf
beiseite und sah Sam. Sie setzte sich nun zu ihm und strich ihm liebevoll übers Gesicht.
"Bist du in Ordnung?"
Da er kein Wort herausbrachte, schüttelte er nur den Kopf und dann flossen ihm heiße
Tränen über die Wangen. Das alles wurde einfach zuviel.
Sam erschrak, als sie Cooper in diesem Zustand sah. Noch vor wenigen Minuten hätte er
fast seinen Captain erschlagen und nun weinte er hemmungslos. Was machte er durch, dass er
so am Ende war?
Es war das erste Mal für Sam, dass jemand sie brauchte. Cooper legte seinen Kopf in ihren
Schoß, während sie ihm beruhigend über die Haare strich. Hatte es nicht vor nicht allzu
langer Zeit genau andersherum ausgesehen? Sam schob diesen Gedanken beiseite und
konzentrierte sich nur auf Cooper. Sie hielt ihn fest; redete auf ihn ein und nicht lange
danach hörte Cooper auf. Mit roten Augen sah er zu ihr hoch. "Das war jetzt das
dritte Mal... weinen Menschen immer so viel?"
"Ich weiß nicht. Aber wenn du das kannst, hast du vielen Menschen etwas
voraus."
"So? Und was?"
Sam nahm Coopers Gesicht in ihre Hände und küsste ihn. In dem Moment wollte Coop
die Antwort gar nicht mehr wissen.
Es war spät und das 58ste schlief bereits, als die Tür zu ihrem Quartier geöffnet wurde. Cooper war der einzige, der es mitbekam. Es war Nathan und er lebte.
Cooper und Anderson gingen sich am folgenden Morgen so gut es ging
aus dem Weg. Erst bei der Einsatzbesprechung stießen sie zufällig zusammen. Ein kleines
bißchen Genugtuung verspürte Cooper bei dessen Anblick, denn Kyle sah aus, als wäre er
von einem Panzer überrollt worden.
"Morgen, Captain," flüsterte Hawkes, "'Was ist denn mit Ihnen
geschehen?"
"Vorsicht, Hawkes. Übertreib' es nicht."
"Achtung!" Ross betrat den Raum und blieb vor Anderson stehen. "Was ist
denn mit Ihnen passiert?"
"Nichts, sir. Ein Unfall..."
"Wollen Sie mich etwa..."
"Guten Morgen, Glen."
Diese Stimme kam Ross irgendwie bekannt vor... "Ty!" Der
Commodore drehte sich um und sah in das leicht grinsende Gesicht des Colonels.
Gleichzeitig traten Hawkes und West nach vorne und begrüßten McQueen. Sie schüttelten
überschwenglich die Hände und waren sie allein gewesen, wäre es wohl ein wenig
herzlicher ausgefallen. McQueen's Augen glänzten, als er Cooper und Nathan mit einem
breiten Grinsen vor sich stehen sah. Nun war er endlich wieder bei ihnen. Bei seinen
Kids...
"Colonel, wie geht es Ihnen? Sind Sie wieder okay?"
"Ja, Cooper, ich bin wieder okay. Bei einem Wettrennen mit Ihnen werde ich zwar
verlieren, aber sonst ist alles in Ordnung."
Nun kam ihm Ross entgegen und drückte seine Hand.
"Schön, Sie wieder hier zu haben. Es war nicht dasselbe ohne Sie, Ty."
Obwohl McQueen genau wußte, dass er außer Hawkes und West keinen der Wildcards antreffen
würde, hielt er Ausschau nach ihnen. Aber da war niemand. Irgendwie wurde es ihm hier
erst richtig bewußt, dass drei seiner Leute tot waren.
Anscheinend bemerkten Cooper und Nathan was in McQueen vorging. Sie warfen sich einen
aufmunternden Blick zu und Cooper öffnete gerade den Mund, als ihr Colonel das Wort
ergriff.
"Ich hoffe, Sie haben die letzten Wochen gut überstanden. Niemand kann Sie besser
verstehen, was Sie durchmachen als ich. Mir lagen Vensen, Damphousse und Wang ebenfalls am
Herzen."
Er senkte seinen Blick, damit man ihm seine Trauer nicht ansehen konnte. Nathan wollte
etwas sagen, doch McQueen schnitt ihm das Wort ab.
"Ich wäre gern bei der Bestattung dabei gewesen, aber auch wenn ich physisch auf der
Erde war, ich war dennoch hier bei Ihnen. "
Als er seinen Blick hob, bemerkte er ein Aufflackern in den Gesichtern seiner Jungs. Er
kannte diesen Ausdruck in West's Augen. Dann erschien auch noch ein Grinsen in Coopers
Gesicht. Irgendwas stimmte nicht...
"Was ist hier los? Was habe ich verpasst?"
In dem Moment mischte sich Ross ein.
"Ich werde Ihnen alles erzählen, nachdem das 58te seinen Auftrag erhalten hat. Der
Krieg ging nämlich weiter."
McQueen nickte. Aber seine Aufregung konnte er kaum noch verbergen.
"Auf ihre Genesung, Ty." Ross und McQueen prosteten sich zu und diesmal tranken
beide das Glas mit Rum aus. Einige Sekunden herrschte Schweigen, dann konnte McQueen nicht
mehr warten.
"Sie wollten mir etwas erzählen?" Er versuchte, seine Stimme so monoton wie nur
möglich zu halten, doch Ross kannte seinen Colonel sehr genau. Ross lehnte sich in seinem
Stuhl zurück und sah McQueen ernst an...
"Sie haben viel verpasst, Ty. Um es kurz zu machen: Hawkes und West haben Captain
Vansen lebend gesehen, in einem geheimen Lager von Aerotech."
McQueen schreckte hoch.
"Wiederholen Sie das."
"Vansen lebt und Damphousse wahrscheinlich auch. Diese Anlage ist mittlerweile
verlassen und es gibt keine Beweise, aber wie gesagt, Hawkes kann es bestätigen."
Dann berichtete Ross ausführlich, was während seiner Abwesenheit vorgefallen war.
McQueen sagte kein Wort; bewegte nicht einmal auch nur seinen kleinen Finger. Er war
schockiert.
"...und dann erinnerte sich Hawkes wieder. Aber ich weiß nicht, wie ich ihnen helfen
kann. Vansen könnte auf der Erde sein, und wir würden es nie erfahren."
Ross schenkte sich ein weiteres Glas ein; McQueen lehnte ab.
"Obwohl Hawkes und West Bescheid wissen, haben Sie noch keine Dummheit
begangen?"
Ross grinste schwach. "Es zeigt einmal mehr, welch' gute Arbeit Sie geleistet
haben."
"Das ist unglaublich, Glen. Bis jetzt dachte ich, West würde mit seinem Mißtrauen
übertreiben."
Ross seufzte. "Ich wünschte, es wäre so."
Betrübt stand McQueen auf. "Wieso begehen Menschen diesen Fehler immer wieder? Ich
werde das nie verstehen können."
"Das kann niemand. Es liegt wohl in unserer Natur."
McQueen hob die Augenbrauen an. "Tja, wenigstens konnten wir InVitros eine Zeitlang
die Sündenrolle übernehmen."
Erstaunt schaute Ross auf. "Ty..., dass war eine sehr
sarkastische Bemerkung. Haben wir etwa auch etwas verpasst?"
McQueen nahm eins von Ross' gerahmten Bildern in die Hand und holte dann selbst ein
Foto aus seinem Anzug heraus. Mit einem Lächeln reichte er es dem Commodore.
"Das ist Megan," erklärte er, als er Ross' verwirrten Gesichtsausdruck sah.
"Und das Baby?"
"Er heißt Ty."
Er sah McQueen erschrocken an. "Bitte?"
"Ty." Das Lächeln wurde breiter.
"Haben Sie vielleicht vergessen, mir etwas zu erzählen?"
Nun lachte McQueen und das irritierte Ross vollständig. Er hatte ihn noch nie lachen
gesehen.
"Ich habe Megan im Krankenhaus kennengelernt, als sie ihren Sohn besuchte und sie war
hochschwanger. Ein paar Tage später half ich ihr bei der Geburt des Jungen." Bei der
Erinnerung daran erschien ein glückseeliges Lächeln auf McQueen's Gesicht. Dann schloß
er die Augen und seufzte in sich hinein. Ross schüttelte derzeit ungläubig den Kopf.
"Also, ich hatte bei Ihnen einiges erwartet, aber dass Sie Geburtshelfer
spielen..." Nun schenkte er McQueen und sich doch noch ein Glas Rum ein. "Darauf
muß ich einfach trinken." Er hob sein Glas und prostete seinem Colonel zu, welcher
ebenfalls sein Glas in die Höhe hob. So sehr er Megen auch vermißte, das hier war es,
was er wollte. Das war sein zu Hause.
Kurz bevor Cooper in sein Cockpit steigen konnte, hielt ihn Nathan
am Arm fest und sah in eindringlich an. Ein unschuldiges Grinsen huschte über Hawkes'
Gesicht und verriet somit, dass er etwas zu verbergen hatte.
"Coop, hast du etwas mit Anderson's Verletzungen zu tun?"
"N... nein, wie kommst du darauf?"
"Du bist ein mieser Lügner, das weißt du."
"Ach, ich... ich hatte eine kleine Meinungsverschiedenheit mit ihm, sonst
nichts."
"Coop, sag' mir die Wahrheit!"
Cooper's Blick wuselte nervös durch die Gegend, aber ihm war klar, dass Nathan ihm nichts
anderes als die Wahrheit abnehmen würde.
"Du willst es wirklich wissen?"
West nickte.
"Dein Leben gegen die Wahrheit. So lautet der Deal mit Anderson."
Entsetzt drehte sich Nathan um. "Wie konntest du nur?"
Cooper verstand diese Frage nicht. Deswegen ging er um Nathan herum und sah ihn verwirrt
an.
"Ich hatte keine Wahl."
"Natürlich hattest du das. Mein Leben ist nichts wert im Gegensatz zu allem, was wir
wissen. Wir haben Beweise... zumindest hatten wir die."
Nathan sah Cooper vorwurfsvoll an. "Wie konntest du nur?"
"Verdammt, du weißt genau, wieso. Was interessiert mich die Wahrheit, wenn ich damit
auch noch dich verloren hätte?" Bei seinen letzten Worten war Coop's Stimme immer
leiser geworden. Nun begriff Nathan endlich. "Das war dir also wichtiger? Mein
Leben?"
"Ich habe doch sonst niemanden mehr. Als... als du plötzlich nicht mehr zu
finden warst und Ross mir sagte, dass du auf einem Spezialeinsatz wärst, da... da hatte
ich irgendwie Angst, dass ich... dass ich von nun an alleine sein würde."
"Es tut mir leid. Ich hatte dich eben nicht so anschnauzen sollen."
"Ich weiß ja, dass es falsch war, aber weder du noch McCueen wart da, um mir das zu
sagen. Verstehst du, wenn dir auch noch was passiert wäre, dann würde ich nur
noch Mist bauen."
Nathan schüttelte schmunzelnd den Kopf. "Unterschätz' dich nicht. Immerhin habe ich
es dir zu verdanken, dass ich noch lebe."
"Naja, irgendwann sind wir dann ja mal quitt, oder?"
In dem Moment ertönte der erste Aufruf zum Start und Nathan machte sich auf den Weg zu
seinem Cockpit. Da fiel Coop ein, dass er etwas wichtiges noch gar nicht erwähnt hatte.
Also rannte er hinter Nathan her und stoppte ihn etwas unsanft. "Hey, ich hab' noch
etwas' rausgefunden. Rate."
"Ich soll raten? Wir haben aber keine Zeit für Ratespiele, Coop."
"Wang lebt. Er ist nicht tot." Cooper hätte zu gerne Nathan's Reaktion gesehen,
aber stattdessen lief er mit einem breiten Grinsen zu seinem Cockpit zurück und ließ
Nathan einfach wie einen begossenen Pudel stehen.
"Saratoga, hier 58. Haben angegebene Koordinaten erreicht.
Keine Spur von Papa Bär."
"58, hier Saratoga. Scannen Sie das Gebiet genauer ab. Papa Bär muß da sein."
Anderson verdrehte die Augen. "Hier ist nichts, glauben Sie mir. Wir werden tiefer
ins Feindgebiet eindringen, vielleicht..."
"Captain, ein Geschwader Chigs auf sechs Uhr!"
"Verdammt, die haben nur auf uns gewartet. Ausscheren!"
Die Hammerheads der 58sten Staffel verließen ihre jeweiligen Positionen und verteilten
sich, um die feindlichen Flieger selbst aus ihren Positionen zu reißen. So versuchten
sie, die Gleichgewichte zu verteilen, um den Feind besser austricksen zu können. Bei den
Wildcards hatte es meistens funktioniert.
"Mitchel, aufpassen. Drei Chigs auf fünf Uhr!"
"Das weiß ich, aber ich werd' sie einfach nicht los!" Nachdem West seinen
Verfolger losgeworden war, flog er schnellstens zu Charly, um ihr zu helfen. Zwei von
ihnen konnte er ablenken, mit dem dritten mußte sie selbst fertig werden. Währenddessen
befand sich Anderson in einer richtigen Notlage und nur Hawkes war nah' genug an ihm dran,
um ihm zu Hilfe kommen.
"Hawkes, du mußt dem Captain helfen, sonst erwischen sie ihn."
Cooper zögerte. Es war ganz und gar nicht seine Art, jemandem im Stich zu lassen, aber
Anderson war eine Ausnahme. Wenn er jetzt nicht eingreifen würde, hatte er sich die Mühe
gespart, es irgendwann einmal selbst tun zu müssen. Doch das wollte er sich dann doch
nicht nehmen lassen. Falls Anderson draufging, dann nur wegen ihm. Kein anderer hatte das
Recht, ihm diese Genugtuung zu nehmen.
"Captain, bestätigen Sie, dass Sie Hilfe brauchen?"
"Hawkes, das ist kein Spiel mehr. Beweg' deinen Hintern her, und zwar sofort!"
"Ay-Ay, sir." Und schon war Cooper da und schoß Anderson's Verfolger mühelos
ab. Ein zufriedenes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Das wurde er sicher nicht so
schnell vergessen, dass ihm ausgerechnet der, den er sicher irgendwann ein mal aus dem Weg
schaffen mußte, das Leben retten würde, dachte Cooper. Er nahm an, dass ihm diese
Tatsache nicht gerade gut gefallen wurde. Und damit hatte er auch recht. Anderson war
wütend auf sich selbst, dass er ausgerechnet Hawkes hatte brauchen müssen, um zu
überleben. Ein Grund mehr, um Hawkes zu hassen.
"Scheint so, als ob wir alle Chigs erledigt hatten. Verluste?"
"Keine. Wir sind vollständig."
"Wenigstens etwas. Saratoga, hier 58. Haben zwar keinen Feindkontakt mehr, aber von
Papa Bär ist nichts zu sehen. Wie lauten die Befehle?"
"58, hier Saratoga. Kommen Sie zurück. Wir haben soeben erfahren, dass der
Transporter über Ixion abgeschossen worden ist. Ein Suchtrupp ist bereits
unterwegs."
"Verstanden. Ihr habt's gehört. Auf nach Hause!"
Nach der Landung streifte Cooper eher zufällig Anderson, der gerade aus seinem Cockpit
stieg. Doch Anderson sah darin natürlich eine von Hawkes' Provokationen und riß ihn
brutal zurück.
"Mach' das nie wieder, Hawkes! Nie wieder!"
"Dir den Arsch retten? Einverstanden." Cooper funkelte seinen Captain böse an.
Allein die Vorstellung, dass er wahrscheinlich wußte, wo seine Freunde waren, machte ihn
halb wahnsinnig. Bevor es zu weiteren Zwischenfällen kommen konnte, mischte sich McQueen
ein.
"Es gibt doch wohl kein Problem oder irre ich mich da?"
Ein wenig verwundert drehte Cooper den Kopf beiseite. Es war lange her, seitdem sich
McQueen in eine Auseinandersetzung von ihm einmischen konnte. Fast hatte er vergessen, wie
es ist, wenn der Colonel ein waches Auge auf ihn warf. Daraufhin mußte Cooper grinsen.
"Nein, sir. Es gibt kein Problem. Kyle und ich... wir sind gute Freunde." Er
zwinkerte Anderson provozierend zu.
"In Ordnung. Hawkes, West, ich habe etwas mit Ihnen zu bereden. Kommen Sie in mein
Quartier um 2100!"
"Was meinst du, was er will?"
Nathan zuckte mit den Schultern. "Er war lange nicht hier. Vielleicht will er nur
wissen, was so alles passiert ist."
West klopfte an die Tür des Colonels.
"Wer ist da?"
"West und Hawkes, sir!"
"Treten Sie ein!"
Nachdem beide das Quartier betreten hatten, schaltete McQueen die Musik aus und wandte
sich seinen Marines zu.
"Commodore Ross hat mich unterrichtet, was Sie beide erlebt haben. Sind Sie sich
wirklich sicher, dass es Vansen gewesen war?"
"Ja, sir. Ich würde Shane nie verwechseln."
McQueen unterdrückte ein Grinsen.
"Was ist mit Captain Anderson? Ich hoffe doch, dass Sie nicht für seine Verletzungen
verantwortlich sind."
Cooper schluckte. "Er arbeitet für Aerotech. Er weiß, wo sich Shane aufhält."
"Er ist dennoch Ihr vorgesetzter Offizier. Sie können froh sein, dass sie deswegen
nicht vors Militärgericht gekommen sind, Cooper."
"Keine Sorge. Er hat mehr zu verlieren als ich."
McQueen hob die Augenbrauen. "So? Und was?"
"Colonel, was..." McQueen schnitt Hawkes mit einer Handbewegung das Wort ab.
"Wie halten sich die Neuen?"
Nathan und Cooper grinsten.
"Die meisten ganz gut. Nur McDowell will sich noch nicht anpassen. Aber das hatten
wir ja schon mal." Nathan sah Coop kurz grinsend an. Dann fuhr er fort: "Es sind
alle sehr gute Piloten."
"Das ist beruhigend. Und Sie beide? Wie verkraften Sie das alles?"
Ein wenig verwundert sahen sich Cooper und Nathan an. Sie waren es nicht gewohnt, dass
McQueen ihnen solche Fragen stellte.
"So gut wie es geht, sir. "
Dann sagte erst mal keiner was, bis McQueen mit einem ernsteren Ausdruck Nathan bat, vor
der Tür auf Cooper zu warten. Als West die Tor hinter sich geschlossen hatte, trat
McQueen einige Schritte näher zu Cooper heran.
"Ich muß Ihnen etwas mitteilen. Auf der Erde gibt es neuerdings eine Möglichkeit
für InVitros, sich nach Verwandten zu erkundigen."
Cooper runzelte die Stim. "Sie meinen, Sie haben nun doch nach Geschwistern
gesucht?"
"Ja. Jedoch nicht nach meinen."
"Nach welchen denn?" Bevor McQueen antworten konnte, riß Cooper die Augen auf.
"Sie haben..."
Der Colonel nickte. "Der Name Ihres Bruders ist Jordan Becket. Ich habe ihn
kennengelernt." Eigentlich hatte McQueen erwartet, dass sich Hawkes entweder freuen
oder sauer werden würde. Doch er stand nur da, als ob er nicht wisse, was er damit
anfangen sollte.
"Haben Sie verstanden? Sie haben..."
"Jaja... ich... ich habe genau verstanden, was sie sagten. Wieso?"
"Wieso Sie einen Bruder haben? Da fragen Sie den Falschen."
"Nein, wieso haben Sie sich die Mühe gemacht, ihn kennenzulernen?"
Manchmal verfluchte McQueen Cooper's direkte Art.
"Um ehrlich zu sein, weiß ich das gar nicht so genau. Ich saß vor dem Computer und
dann..."
In diesem Moment kam sich McQueen plötzlich sehr dumm vor. Nun stand er hier, vor einem
seiner Leute und wußte nicht, wie er sein Handeln erklären konnte.
"Wollen Sie denn gar nicht wissen, wie Jordan ist?"
"Äh, ja, ich denke schon."
Das überzeugte McQueen jedoch nicht im geringsten. "Cooper, überfordert Sie das zur
Zeit?"
"Im Moment passieren so viele Dinge auf einmal. Es ist schon ein wenig..."
Wieder einmal fehlten Hawkes die Worte.
"Okay. Wenn Sie bereit sind, kommen Sie zu mir. Dann reden wir nochmal
darüber."
Cooper nickte. Er machte schon kehrt, als er sich mit einem Lächeln umdrehte und mit
leiser Stimme meinte: "Willkommen zu Hause, Colonel." Dann verließ er ebenfalls
das Quartier.
Ty setzte sich erst mal an seinen Tisch und zog das Foto aus seiner Tasche. Er betrachtete
es lange. Es zeigte ihn, Megan und den kleinen Ty an Weihnachten.
David hatte das Foto gemacht und Megan hatte darauf bestanden, dass er das Baby in den
Armen hielt. Mit dem Daumen strich er einige Male über das Bild. Dabei fiel ihm auf, wie
unsicher er darauf aussah. Und wie unwirklich es schien, jetzt, da er wieder der Colonel
der Saratoga war.
"Charly, kann ich mal mit dir reden?" 'Sam trat nervös
von einem Bein aufs andere, während sie auf eine Antwort von Charly wartete. Diese
schrieb gerade einen Brief an Pete, weswegen Sam eigentlich gar nicht fragen wollte.
"Ist es wichtig?"
Sam nickte. Mit einem Seufzer legte Charly den Stift beiseite und lehnte sich im Stuhl
zurück. "Okay, wie kann ich dir helfen?"
"Es... es ist wegen Coop und mir."
"Coop und dir?" Nun wirkte Charly mehr als nur interessiert. Erwartungsvoll
stützte sie sich mit den Ellenbogen auf dem Tisch auf. Davon weiß ich noch gar
nichts."
"Ja, ist alles ein bißchen anders gelaufen als ich vorhatte."
"Stimmt. Soweit ich mich erinnern kann, warst du damals nicht gerade unglücklich,
dass sich Hawkes nicht mehr an euren Kuß erinnern konnte."
"'Woher weißt du...?"'
"Nathan ist damals zufällig reingeplatzt."
"Und du sagst mir nichts? Na, vielen Dank." Ein wenig beleidigt setzte sich Sam
auf einen Stuhl.
"Sam, was ist denn nun zwischen euch?"
"Ich... ich habe mich in ihn verliebt und ich glaube, dass es ihm zumindest ähnlich
ergeht. "
"Habt ihr schon darüber gesprochen?"
"Ja."
Charly grinste schelmisch.
"Und habt ihr auch schon..."
"Charly!" Sam riß entrüstet die Augen auf "Du weißt, dass ich noch nie
mit einem Jungen geschlafen habe."
"Naja, vielleicht hast du es dir aufgrund der momentaren Verhältnisse ja anders
überlegt. "
"Natürlich. Warum auch nicht. Da ich ja bald sterben könnte, schnappe ich mir
einfach einen Typen und zerre ihn in eine dunkle Ecke. Was denkst du eigentlich von mir?'
Charly zögerte mit der Antwort. Nicht, weil ihr nichts auf ihre Frage einfiel, sondern
weil sie erstmal darüber nachdenken wollte, was das für Sam und Cooper bedeuten könnte.
"Ich mache mir Sorgen um dich. Ich verstehe ja, dass du Coop anziehend findest, auch
weil er eine ebenso verkorkste 'Kindheit' hatte. Aber willst du es ausgerechnet im Krieg
erleben? Ich meine, was hatte es für Folgen für dich, falls Cooper etwas zustoßen
würde?"
Sam senkte den Blick.
"Ich weiß das doch. Aber ich kann doch an meinen Gefühlen nichts ändern. Am
allerwenigsten habe ich hier sowas geplant."
Charly bemerkte den verzweifelten Unterton in Sam's Stimme. Sie hatte recht, man konnte
nichts dagegen tun. Charty hoffte nur, dass es für die beiden gut ausgehen würde.
Zu dem Zeitpunkt, wo Nathan und Cooper das Quartier betraten, hatten Sam und Charly ihr
Gespräch beendet. Nathan und Charly beobachteten, wie sich Cooper sofort zu Sam auf ihre
Koje setzte.
"Hey, was ist denn? Du siehst so ... verwirrt aus."
Coop seufzte. "McQueen hat mir eben von meinem Bruder
erzählt."
"Du hast einen Bruder?"
"Ja, Jordan heißt er."
Sein Blick wanderte von Nathan über Charly zu Sam.
"Das ist doch toll. Du wolltest doch immer..."
"Aber nicht jetzt! Er ist auf der Erde und ich habe keine Möglichkeit, mit ihm
Kontakt aufzunehmen."
"Das kannst du ja immer noch, wenn..."
'Wenn der Krieg vorbei ist, meinst du wohl. Oder falls ich überleben sollte."
Sam umfaßte Coopers Hand und drückte sie leicht.
"Ich kann mir vorstellen, was du empfindest. Ich habe vor zwei Jahren auch versucht,
meinen kleinen Bruder ausfindig zu machen. Aber das hat nicht funktioniert."
Nun wirkte auch sie traurig.
"Weißt du was? Bei der ersten Gelegenheit werden wir beide uns auf die Suche nach
unseren Brüdern machen. Vielleicht bringt uns der andere mehr Glück."
Kopfschüttelnd sah Nathan zu Charly, die das alles mit einem mißtrauischen Blick
beobachtet hatte. Er freute sich für Coop, gar keine Frage. Aber er fand, dass McQueen
damit bis Ende des Krieges hätte warten sollen. Cooper's, Kopf war zur Zeit sowieso nicht
frei und jetzt würde es noch schwieriger werden.
Drei Tage später hatte Sam Geburtstag. Es war zugleich genau zwei
Monate her, seitdem Vansen, Damphousse und Wang vermißt waren. Zum Glück hatten
sie alle keine Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen. Ihr nächster Auftrag sollte
nämlich etwas ungewöhnlich werden.
"Ein Wasserplanet, sir? Wie meinen Sie daß ?" McQueen starrte Anderson für
einige Sekunden an. "So, wie ich es sagte." "Und zu welchem Zweck,
sir?"
Ein wenig unbehaglich sah McQueen zu Ross, der neben ihm stand. Der Commodore ergriff das
Wort. "Sie wurden als Schutztruppe für ein Forschungsteam von Aerotech
ausgesucht."
Wie zu erwarten, schreckten West und Hawkes in die Höhe. ihr Gesichtsausdruck war mehr
als eindeutig.
"Sir, ich erbitte meine Ver..."
"Setzen Sie sich, Lieutenant West. Dasselbe gilt für Sie, Lieutenant Hawkes !"
Cooper ballte seine Hände zu Fäusten. Er mußte sich sehr zusammenreißen, um nicht
seine Beherrschung zu verlieren. Wie konnte man nur von ihnen so etwas verlangen?
"Mir ist bewußt, dass Sie ein Problem damit haben, aber als Marines verlange ich von
Ihnen, dass Sie diesen Auftrag so professionell wie auch sonst erledigen."
Ross hoffte, dass Hawkes und West auch diesmal nicht vergaßen, was sie waren. Diesmal
würde es sich zeigen, wie sehr sie mittlerweile zu richtigen US Marines geworden waren...
McQueen musterte Cooper und Nathan. Irgendwie hatte er das Gefühl,
sie hätten sich verändert; als sähen sie anders aus. Anscheinend waren die vergangenen
zwei Monate nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen. In diesem Moment wurde ihm bewußt, wie
stolz er auf sie sein konnte und auch war. Sie hatten es geschafft, ohne ihn über den
Verlust ihrer Staffel hinwegzukommen oder wie auch immer man diese Situation nennen
wollte. Ausgerechnet West und Hawkes... ein Schmunzeln huschte über sein sonst so
versteinertes Gesicht, als er an die ersten Wochen der beiden dachte. Nun hatte West
Hawkes den nötigen Halt gegeben, aber er wußte genauso, dass es umgekehrt nicht anders
war und diese Tatsache war für ihn unglaublich.
"Colonel?"
McQueen blinzelte und sah zu Ross, der ihm einen besorgten Blick zuwarf.
"Sind Sie in Ordnung?"
Nach einem Räuspern nickte er. Ein wenig verärgert stellte er fest, dass Hawkes grinste.
Was erlaubte sich dieser Junge eigentlich? Es wurde langsam Zeit, dass seine Lieutenants
wieder unter seinem Kommando Disziplin annahmen. Mehr als Zeit...
"Wie ich bereits sagte, ein Forschungsteam von Aerotech befindet sich auf dem Planeten. Zwar wird das 58ste als Schutz abkommandiert, aber das bedeutet nicht, dass Sie sie nicht unterstützen werden. Es ist kein Kampfeinsatz, zumindest ist es nicht vorauszusehen. Dennoch haben wir Krieg. Das sollten Sie da unten nicht vergessen. Wegtreten." McQueen beobachtete seine Leute beim Herausgehen und stellte überrascht fest, wie vertraut Hawkes und Masters miteinander umgingen. Es war ganz und gar nicht Coopers Art, so schnell Vertrauen zu jemandem zu fassen. Und die besondere Art und Weise der Blicke verstärkte sein Unbehagen.
"Captain Anderson? Mein Name ist Miller. Ich bin hier der Leiter des Aerotech-Teams." Als Anderson und Miller ihre Freundlichkeiten austauschten, schaute Nathan angewidert weg. Irgendwann mußte damit doch mal Schluß sein. Wieso bekamen immer sie die Aufträge, die etwas mit Aerotech zu tun hatten? Diesmal hatte er eine einfache Erklärung: Was konnte sich Aerotech mehr wünschen, als die beste Truppe der Saratoga, die sogar noch von einem ihrer 'Mitarbeiter` angeführt wurde? Anderson spielte sein Spiel nahezu perfekt. Kein anderer würde jemals dahinter kommen, was wirklich vor sich ging. Ihm graute der Gedanke, dass er unwissend geblieben wäre, wenn er nicht so mißtrauisch gewesen wäre und Cooper nicht diese Unterlagen ergattert hatte. Er fragte sich noch immer, wie Aerotech es geschafft hatte, einen von ihnen ins Militär einzuschleusen. Noch schlimmer, wer weiß schon, wer sonst noch für Aerotech arbeitet...
Die ersten Stunden auf dem Planeten verbrachten sie damit, sich eine provisorische Unterkunft zu bauen. Immerhin sollten sie hier eine ganze Woche verbringen. Natürlich bedachten sie, dass die jeweiligen Lager getrennt waren. Kein Marine wollte neben einem Aerotech-Mitarbeiter schlafen. Außer vielleicht Anderson. "Hey, Coop, deinen Schlafplatz können wir doch eigentlich sparen. Du und Sam braucht eh' nur einen..." Mitten im Satz verstumme Conroy. Er kannte Hawkes noch nicht lange genug, um seine Blicke einschätzen zu können. Und dieser Blick war ihm nicht gerade geheuer.
Ja, es sollte diesmal kein Kampfeinsatz werden, aber was das 58ste in dieser Woche erlebte, sollten sie so schnell nicht vergessen...
"Schlafmütze, aufwachen!"
Ein wenig unsanft wurde Taylor von West geweckt, aber das war nicht das erste Mal. Robert
schlief nun mal gerne und manchmal hatte er Probleme, überhaupt aufzuwachen. Nathan hatte
sich freiwillig gemeldet, diese Aufgabe zu übernehmen.
"Was ist denn? Ich dachte, wir können wenigstens hier mal eine Ausnahme machen
und..."
Mit einem Grinsen warf Nathan mit einem Kissen nach ihm. "Vergiß' das lieber. Wir
haben einen Job zu erledigen."
"Können wir ihn nicht einmal vernachlässigen?"
Nie zuvor hätte sich Nathan dazu eher überreden lassen als diesmal, aber bevor er Zeit
hatte, auch nur ja zu sagen, mischte sich Anderson ein.
"West, du und Mitchell werden mit Parker, Shaw und Ward mitgehen. Sie sind das
Außenteam für heute. Hawkes, McDowell... ihr seid für die Unterkunft zuständig. Conroy
und Lewis übernehmen die Patrouille, Masters und Taylor bleiben mit mir bei den
restlichen Aerotechmitarbeitern. Alles klar?!"
Mit einem tiefen Seufzer ließ sich Taylor auf sein Bett zurückfallen.
"Und ich hatte angenommen, wir würden hier so was wie Ferien verbringen."
"War ja logisch, dass wir Tanks den Scheißjob
bekommen haben."
Chris schabte sich mit dem Fuß ein Loch in den Boden und setzte sich hinein.
Darin legte er seine Waffe beiseite. Dabei wurde er von Hawkes argwöhnisch beobachtet.
"Deine Freunde haben die dich wirklich akzeptiert? Obwohl du ein Tank bist?"
Cooper schluckte. Chris hatte bisher noch nie Anstalten gemacht, ein vernünftiges
Gespräch mit ihm anzufangen. Und diese Frage irritierte ihn deswegen umso mehr.
"Das haben sie. Und noch mehr als das."
"Das kommt nicht oft vor."
"Ich weiß. Aber hast du es überhaupt mal versucht?"
Chris lachte verächtlich aus. "Ich schon. Aber ich merkte schnell, dass es im Grunde
keinen Zweck hat, bis..." Chris stoppte. Cooper sah sich um, weil er dachte, Chris
hatte etwas gehört oder gesehen, doch dann erkannte er in seinem Blick, dass er sich nur
Erinnerungen ins Gedächtnis holte.
"Ich habe einmal den Fehler gemacht und habe einem Menschen vertraut. Das passiert
mir nie wieder."
"Was ist geschehen?" Nun setzte sich auch Cooper, Chris sah ihn unsicher an. Er
wußte nicht, ob er schon soweit war, darüber zu reden. Aber wenn nicht bei Hawkes, bei
wem sonst?
"Ich habe Stephanie kurz nach meiner Entlassung aus der InVitro-Anstalt
kennengelernt. Ich arbeitete derzeit in einem Lager und sie war für die Neuen zuständig,
also auch für mich. Sie war einfach da für mich. Zum ersten Mal verstand ich, was Leben
bedeutet. Andauernd erzählte sie mir, dass ich etwas besonderes wäre und wie sehr sie
mich lieben würde." Mit einem Schauern erinnerte sich Cooper an die Monate nach dem
Ausbruch. Es hätte ihm viel geholfen, wenn er damals jemanden gehabt hätte.
"Natürlich mussten wir es geheimhalten. Sonst würden sie uns
trennen, sagte sie jedes Mal. Eines Tages, so nach drei Monaten, erfuhr ich zufällig,
dass sie verheiratet war. Als ich sie zur Rede stellen wollte, fauchte sie mich vor allen
Mitarbeitern an, dass ich sie vergewaltigt und geschwängert hätte. Dabei wußte ich
nicht mal, was das eine noch das andere bedeutete."
Cooper schüttelte den Kopf. Kein Wunder, dass er so mißtrauisch war. Er selbst hatte nie
jemand so engen gehabt, der ihn so mißtrauisch werden ließ. Aber Chris hatte gleich eine
Niete gezogen. Wie sollte man sich davon erholen?
"Was haben sie mit dir gemacht?"
"Ich saß vier Jahre im Gefängnis, bis ich letztes Jahr zu den Marines geschickt
wurde."
"Oh, man... Was ist mit dem Baby?"
"Was denkst du denn? Dass sie ein Kind von einem Tank kriegt? Es gibt keine Frau, die
sich von einem InVitro schwängern lässt, Hawkes."
"Natürlich gibt es das. Zwar nicht viele, aber es gibt sie."
"Du redest von Sam, was?"
Cooper wich Chris' Blick aus. "Weiß nicht. Ich habe mir noch nie Gedanken darüber
gemacht."
"Hätte ich wohl auch nicht." Mehr hatte Chris dazu nicht zu sagen, weswegen er
aufstand und Cooper seine Hand hinhielt. "Danke. Du bist der erste, dem ich das
erzählt habe."
Coop nickte. "Keine Ursache. Für sowas sind doch Freunde da."
Vier Stunden später veränderte sich plötzlich die Farbe des
Tageslichtes. Der ganze Planet tauchte in ein helles Violett ein und schlagartig waren
Unmengen von Geräuschen zu hören. Keiner der Aerotech-Leute oder den Marines wusste,
woher diese kamen, aber es beruhigte sie irgendwie. Sonst waren die Planeten still,
totenstill. Dies war das erste Mal, dass sie sich nicht vorkamen wie auf einem toten
Planeten.
Nathan und Charly starrten wie gefesselt auf das Wasser hinaus. Unzählige Kreaturen
schwammen umher; einige sogar direkt an der Wasseroberfläche. Mit einem Grinsen ging
Nathan in die Hocke und tauchte seine Hand in das Wasser.
"Tun Sie das lieber nicht, Lieutenant. Wir wissen nicht, ob diese Lebewesen
gefährlich sind." Enttäuscht nickte er. "Sie haben wohl recht. Es ist nur...
es hat mich irgendwie überwältigt, andere Lebewesen zu sehen, die wir nicht töten
müssen. Seht euch das an!" Ward, Shaw und Parker kamen näher. "Leben! Es gibt
also noch viel mehr als wir dachten." Nathans Begeisterung übertrug sich
langsam auf die anderen. Eine ganze Weile standen sie nur da und sahen auf das Meer
hinaus; beobachteten das wirre Durcheinander. In dem Moment spürte Nathan, dass sein
Glaube und seine Hoffnung doch nicht vorbei sein mussten.
"West! West? Könnt ihr mich hören?" Nathan seufzte und bestätigte Anderson.
"Wie lange braucht ihr noch?"
"Keine Ahnung. Ich weiß nicht mal, wozu wir hier sind."
"Dann frage einen von denen."
"Parker, der Captain möchte wissen, wann wir fertig sind."
"Dass ihr Marines es auch immer so eilig habt."
Nathan grinste.
"Er wird es merken, wenn wir wieder im Lager sind."
Mehr sagte Parker nicht mehr, sondern beschäftigte sich weiter mit seiner Aufgabe.
"Anderson, hier West! Sie sind sich noch nicht sicher. Ich gebe noch mal Bescheid.
West Ende!" "Roger. Ist euch was... eigenartiges aufgefallen?"
"Ja, dass kann man wohl sagen. Dieser Planet wimmelt nur so von Lebewesen. Und bei
euch?"
"Wir kriegen ständig neue Daten, die aber erst ausgewertet werden müssen. Was für
Lebewesen?"
Nathans Augen leuchteten auf. "Unbekannt. Ihr hättet das sehen sollen..."
Sam und Robert hatten das Gespräch zwischen Anderson und West
mitbekommen und sahen sich überrascht an.
"Lebewesen... cool. Hoffentlich sind die uns freundlicher gestimmt als die
Chigs."
"Seid ihr hier draußen noch nie auf Leben gestoßen?"
Sam schüttelte den Kopf. "Nicht, dass ich wüsste."
"Taylor, Masters... ihr habt es ja mitbekommen. Da wir nicht wissen, womit wir es zu
tun haben, solltet ihr eure Augen offenhalten. Wer weiß..." Sam funkelte ihn an.
"Ja, Captain, wer weiß..."
Anderson ignorierte ihren sarkastischen Unterton und wandte sich wieder den Instrumenten
zu.
Einige Minuten später saßen sich Masters und Taylor gegenüber und verdrückten ihre
Essensrationen. Wie üblich beschwerte sich Robert darüber.
"Mensch, deine Eltern haben dich zu sehr verwöhnt. Also, ich habe keine Probleme
damit."
"Wenn du das Essen von Ma gewöhnt wärst..."
"Schon okay. Du vermisst deine Eltern wohl sehr."
Grinsend bejahte er. "Wenn das alles vorüber ist, nehme ich dich mal mit. Du
würdest ihnen gefallen."
Sam verzog das Gesicht. "Glaube ich kaum."
"Hey, dass werde ich wohl besser wissen. Mum meinte immer, ich wäre ein guter
Menschenkenner. Deswegen mochte sie alle meine Freunde."
"Und... ich zähle zu deinen Freunden?" fragte Sam leise.
"Ja, ich denke schon."
Als Sam nichts darauf erwiderte, fuhr Robert fort. "Außerdem... ich weiß auch
nicht, aber ich habe das Gefühl, dich schon ewig zu kennen. Aus einem früheren Leben
oder so, keine Ahnung. Es ist eigenartig."
"Du bist einfach süß, Taylor. Ich wünschte..." Sam stoppte.
"Was?"
"Vergiss es." Seufzend stand sie auf. "Lass uns Anderson
fragen, ob er was für uns zu tun hat." Nach einem tiefen Seufzer schleuderte Taylor
sein Dosenessen weg und folgte Sam.
Als es dunkel geworden war, fanden sich alle wieder in ihrem Lager ein. Sie waren müde und erschöpft, dennoch aufgekratzt. Dieser Planet tat ihnen gut, da sie hier vom Krieg rein gar nichts mitbekamen. Zwar war die Saratoga nicht weit entfernt, doch weit genug, um für kurze Zeit zu vergessen.
Die Aerotechmitarbeiter lagen bereits in ihrem Zelt, als die Marines
untereinander ausmachten, wer die erste Wache übernehmen wollte. Es traf Hawkes und
Masters, was Nathan mit einem Grinsen zur Kenntnis nahm. Als sie von Anderson nochmals
erinnert wurden, dass sie Wache zu halten hatten und sonst nichts, funkelte ihn Cooper mit
demselben Zorn an, der ihn früher oft in Schwierigkeite gebracht hatte. Dann ging
Anderson und ließ Sam und Cooper in der kühlen Nacht allein.
Es verstrichen Minuten, in denen keiner der beiden etwas sagte bis sich ihre Blicke
trafen. Sie lächelten sich verlegen an.
"Ich... ach, irgendwie komme ich mir richtig blöd vor. Ich weiß nicht, wie ich mich
dir gegenüber verhalten soll."
Coop stellte sein M-590 ab und trat auf Sam zu. "Ich auch nicht. Aber..."
"Aber was?"
"Aber ich weiß, dass ich dich gerne um..., dass ich dich gerne in den..." Da
Cooper die Worte nicht herausbrachte, nahm er Sam einfach in den Arm.
"Das tut gut, Lieutenant." Sam schloss die Augen und genoß diesen friedlichen
Augenblick so lange wie möglich. Sie standen einfach nur da, engumschlungen.
"Shane war der erste Mensch, der mich jemals umarmt hat."
Blitzartig öffnete Sam wieder die Augen. Shane... schon wieder Shane.
"Coop, ich... ich kann das nicht." Sie löste sich von ihm und drehte Hawkes den
Rücken zu.
"Was? Was ist los?"
"Du kannst mich nicht umarmen und von ihr reden. Das... das kann ich nicht
ertragen."
"Wieso?"
"Ich habe das Gefühl, dass du sie willst. Dass du mich in den Arm nimmst und an
Shane denkst. Und das tut weh."
Cooper sah zu Boden. Das hatte er nicht gewollt. Er wollte ihr zu gerne sagen, was in ihm
vorging, aber wie? Er wusste es selbst nicht einmal. Das einzige, was er genau wusste,
war, dass er sowas noch nie zuvor empfunden hatte. Ja, da war Shane, aber das war anders
gewesen, völlig anders. Zuerst hatte sie nicht das gewollt wie er und dann hatten sich
seine Gefühle verändert. Shane war für ihn Freundin, Kumpel, Schwester, Mutter in
einem. Aber Sam... Sam sah in ihm dasselbe wie er in ihr. Wie sollte er ihr das bloß
verständlich machen?
"Es tut mir leid. Ich weiß einfach nicht, was ich zu sagen
habe."
"Coop, es gibt keine Regeln, was du sagen musst. Wenn du mir etwas sagen möchtest,
tu es. Wenn nicht, dann lass es. Aber verkrampf dich deswegen nicht.
Egal, was du sagst, ich werde dich genauso mögen."
Coop grinste schwach.
"Außer..." Sam verzog das Gesicht, "du sprichst nur von Shane."
"Ist das schlimm?"
Nachdenklich atmete Sam lange aus. "Naja, nicht schlimm, aber stell dir vor,
ich würde ausschließlich von einem Mann reden, von dem du weißt, dass ich ihn liebe,
dass er etwas ganz besonderes für mich ist."
Coop nickte. "Das würde mir nicht so gefallen." Er sah wieder zu ihr, in ihre
Augen. Keiner der beiden konnte dem anderen widerstehen, wenn sich ihre Blicke trafen. Sie
hatten das Gefühl, direkt in die Seele des anderen zu sehen.
Cooper machte dies plötzlich Angst. In ihm gingen Sachen vor, die ihn verwirrten, aber
gleichzeitig verspürte er etwas tiefes, reines, unglaublich großes für Sam. War
das etwa die Liebe, die allen so wichtig war? War es das, was Nathan für seine Kylen
empfand?
"Coop, du musst es mir jetzt sagen. Liebst du Shane? Ich meine, so richtig
wie..." Sam suchte verzweifelt nach den richtigen Worten, mit denen Cooper etwas
anfangen konnte.
"... So wie Nathan und Kylen?" half ihr Hawkes. Sam nickte, da sie bereits
mitbekommen hatte, was es damit auf sich hatte.
"Nein."
"Aber?"
Coop seufzte. "Aber ich weiß nicht, was Liebe ist. Und... und Shane bedeutet mir
mehr als alles andere. Ich kann nicht sagen, welche Art... in welche Richtung das
geht..."
Sam merkte, wie schwer dies für Cooper sein musste; wie schwer ihm diese Worte fielen,
aber sie unterbrach ihn nicht. Es musste raus.
"...Aber es ist anders als bei dir." Die letzten Worte hatte er so leise
gesprochen, dass sie ihn kaum verstanden hatte. Doch plötzlich wusste sie genau, was er
meinte. Dann berührte er ganz sanft ihre Wange. Erst mit seinem Daumen, dann mit der
ganzen Hand. Sein Blick war weich, vollkommen offen und er lächelte. In dieser Sekunde
wusste Sam zum ersten Mal in ihrem Leben, was Liebe ist.
Am folgenden Morgan nahm alles seinen gewohnten Lauf. Anderson teilte die Gruppen ein und alle taten ihre aufgetragenen Arbeiten und Pflichten. Conroy und Hawkes kamen an diesem Tag in den Genuß, dass Spektakel im Meer beobachten zu dürfen. Doch Coopers Gedanken kreisten um etwas anderes, und zwar um Vansen...
Masters und West hatten an diesem Tag die Aufgabe erhalten, die
Gegend zu erkundschaften. Ein wenig neugierig streiften sie umher, auf der Suche nach dem
Unbekannten...
"Ist mal was anderes als die Chigs zu bekämpfen, was?"
Sam lachte. "Langsam verstehe ich, wieso du ein Kolonist werden wolltest. War...
ohhh."
Nathan war stehengeblieben und schabte mit dem Stiefel im Boden herum.
"Ich hätte wohl nicht davon anfangen sollen, was?"
"Das ist es nicht. Ich musste nur gerade an unsere Ausbildung denken und an das, was
danach kam."
"Ich kann mir dich und Coop gar nicht vorstellen, wie ihr als Grünschnäbel vor
Bogus kuscht."
Grinsend sah er Sam an. "Und ich will lieber nicht mehr daran denken. Obwohl... ohne
seine harten Worte wären wir schon lange tot."
"Er ist sicher sehr stolz auf euch."
Nachdenklich ging Nathan weiter. Sam beschloß, erstmal den Mund zu halten, bevor sie
wieder etwas Falsches sagen würde.
Es gab im Grunde nicht allzuviel auf diesem Planeten. Zu 94 %
bestand er aus Wasser, über die Trockenebenen wusste man so gut wie nichts. Es wuchsen
seltsame Pflanzen, wenn man es so nennen wollte, zwischen den vielen Felsen. Aber
ansonsten war es flach. Keine Berge, keine Steigungen. Irgendwann waren Sam und Nathan
soweit gekommen, dass sie überhaupt kein Wasser mehr sehen konnten. Auch hier war es
nicht geräuschlos. Es schien, als ob auch an Land Lebewesen waren. Mit diesem Gedanken im
Hinterkopf wurden die beiden Marines wachsamer und bemerkten so relativ schnell eine
echsenartige Kreatur, welche sie mit silbernen Augen anstarrte. Zumindest nahmen sie an,
dass es die Augen waren, denn sonst gab es nichts auffälliges an der Vorderseite des
Wesens zu erkennen.
"Hey, das ist ja ein abgefahrenes Tier. Sieh nur, wie neugierig es uns
beobachtet."
"Sam, vielleicht überlegt es nur, wen von uns es zuerst verspeisen wird."
Die beiden wagten einen kurzen Blick zum anderen, dann gingen sie langsam ein paar
Schritte zurück. Doch das Wesen rührte sich nicht. Erst, als Sam ins Straucheln kam und
ihre Bewegungen etwas hektisch zu werden schienen, stand es auf. Bei dem Anblick musste
Nathan kräftig schlucken, denn was ausgesehen hatte wie ein süßes, kleines Tierchen war
plötzlich dreimal so groß wie sie.
"Oh... was machen wir jetzt?"
"Ich habe keine Ahnung..."
"Lieutenant Hawkes, ich befürchte, eine schlechte Nachricht
für uns alle zu haben."
Coop sah ihn an. "Und das wäre?" fragte er ungeduldig.
"Der Meeresspiegel steigt an."
Zu Shaws Verwunderung zeigte Hawkes Gesicht keine Regung.
"Lieutenant, Sie wissen doch sicher, was die Gezeiten sind oder?"
"Gezeiten? Nein, weiß ich nicht."
Brian kam nun dazu. "Bedeutet das, wir hatten Ebbe und jetzt kommt die Flut?"
"So könnte man es ausdrücken."
"Hey, was heißt das alles?"
"Das wir mächtig in der Patsche sitzen."
"West, hier ist Anderson. Kommt sofort zum Lager zurück. Wir
haben ein Problem."
"Wir ebenfalls, Captain. Wenn wir uns auch nur einen Meter von hier weg bewegen, sind
wir Monster-Frühstück."
"Was?? West, lass den Blödsinn und..."
"Sir, West redet keinen Blödsinn. Direkt vor uns befindet sich ein etwa vier Meter
großes Lebewesen, dass uns nicht gerade freundlich betrachtet."
Man konnte Andersons Seufzer sogar durchs Kom hören.
"West, wir haben gerade Daten erhalten, die ziemlich beunruhigend sind. Demnach
dürften wir in ein, zwei Stunden nasse Füße bekommen."
"Nasse Füße?"
"Ja. Das Wasser steigt."
"Na toll. Was ist dir lieber, Sam: Bei unserem kleinen Freund zu bleiben oder einen
Weg zu finden, irgendwie noch das Lager zu erreichen, bevor es feucht wird?"
"Hawkes, wo willst du hin? Du hast Anderson gehört. Wir sollen
zum Lager zurück."
"Hast du nicht gehört? Sam und Nathan sind in Schwierigkeiten."
"Das ist nicht unser Befehl."
Als ob das Cooper aufgehalten hätte...
"Äh, West, wenn du einen guten Einfall hast, teile ihn mir
jetzt bitte mit. Das Ding fletscht nämlich schon die Zähne."
"Sam, keine Panik. Wir kommen..."
"West! Masters! Man, ich habe mir..."
"Coop, pass auf!"
In der Sekunde, in der Hawkes in die Nähe von Nathan und Sam
gekommen war, hatte sich das Lebewesen zu ihnen gebeugt und seine Augen oder was auch
immer diese silbernen Schlitze waren, schienen noch größer zu sein als einige Sekunden
zuvor. Cooper schmiß sich auf Sam und Nathan und die drei landeten unsanft im Dreck. Er
kniff seine Augen ganz fest zusammen, da er annahm, das Ding würde sie nun verspeisen.
Doch das einzige, was passierte, war, dass das Wesen sich zurückzog. Etliche Sekunden
verstrichen bis einer von ihnen es wagte, sich zu rühren. Ganz langsam öffnete Cooper
die Augen.
"Coop... was ist? Ich kann nichts sehen." Dann hörte Nathan ein Lachen, das von
Sam. Mühsam rappelte er sich hoch. Von jemanden wie Cooper umgeworfen zu werden, war
nicht gerade mit einem Handschlag zu vergleichen.
"Sieht so aus, als ob es dich mag, Coop."
Das Ding war mittlerweile wieder kleiner geworden und saß nun ganz brav neben Hawkes auf
dem Boden. Nathan bildete sich ein, eine Art Lächeln auf dem Wesen sehen zu können, doch
das konnte nicht sein. Oder doch?
"Sehr witzig. Ich dachte, das Ding würde euch was antun."
"Naja, schlimmer als deine Rettungsaktion hätte es auch nicht sein können."
Ein wenig gekränkt, sah Cooper zu Nathan. "Das nächste Mal kannst du dir deinen
Arsch selber retten, klar?!"
"Hey, sei doch nicht gleich eingeschnappt, Coop. Wir wissen deine Tat zu schätzen...
ehrlich!" Sam fuhr mit ihrer Hand liebevoll durch Coopers Haare. Seine Reaktion
darauf war ein schüchternes Grinsen.
"Das hätte ich früher wissen müssen. Das hätte uns einige Probleme erspart."
Nathan meinte damit die Art, wie man Cooper besänftigen konnte. Doch ob es bei ihm das
gleiche ausgelöst hätte...
Nathan konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als er sah, wie sich Cooper und Sam
anblickten. Doch dann tönte Andersons Stimme aus dem Kom: "West, ihr müsst
sofort zum Lager zurück! Das Wasser steigt viel schneller als wir angenommen haben und
ihr seid ein ganzes Stück von uns entfernt."
"Verstanden, Captain!"
"Ist Hawkes bei euch?"
"Ja. Er hat uns eben gerettet." Schmunzelnd ging er los.
"Gut. Jetzt beeilt euch. Wir haben schon alles vorbereitet. Der Funkkontakt zur
Saratoga ist, aus welchen Gründen auch immer, ausgefallen. Laut den Meßgeräten zieht
ein ziemliches Unwetter auf. Habt ihr verstanden?"
"Roger. Bis gleich."
Ein paar Meter weiter bemerkten sie zum ersten Mal, dass das Wasser
bereits das Land erreicht hatte. Das Rennen fiel dadurch um einiges schwerer.
"Verdammt, in fünf Minuten werden wir schwimmen müssen. Wir schaffen es nicht
rechtzeitig."
"Lauf weiter, Sam! Wir haben keine andere Chance."
Vor ihnen konnten sie mittlerweile keine trockene Stelle mehr erkennen und ihr Lager war
noch immer nicht in Sicht. Soweit sie wussten, hatten sie vorsichtshalber eine Art
Überlebens/ Rettungsboot mitgenommen, das sich bei solchen Zwischenfällen relativ
schnell benutzen ließ. Doch dieses mussten sie erstmal erreichen, da es sich nicht
bewegen ließ.
Als ob es nicht schon schlimm genug war, fing es auch noch an zu regnen. Nicht
tropfenweise, sondern in Strömen. Sam lief keuchend voran. Das Wasser ging ihr bereits
bis zu den Knien.
"Ich sehe immer noch nichts! Ich kann nichts sehen!" In Sams stimme war
ein Anflug von Panik zu hören und dann drehte sie sich um. Sie riß die Augen auf.
"Coop, ich sehe Nathan nicht mehr!"
Cooper stoppte. In diesem Moment war er fast vor Angst gelähmt. Er konnte, er wollte
Nathan nicht auch noch verlieren.
"Coop!"
Er holte tief Luft und drehte sich um. Auch er konnte Nathan nicht sehen. So schnell wie
es ihm möglich war, machte er kehrt. Mühsam kämpfte er sich durch das Wasser, bis vor
ihm plötzlich Nathan aus dem Wasser schoß.
"West! Shit, was sollte das? Los, wir..."
"Irgend etwas hat mich gebissen, Coop. Ich kann nicht weiter. Ich..."
"West? Mach die Augen auf... verdammt... Sam! Nathan hats erwischt! Ich
gehe mit ihm zurück und versuche, einen Unterschlupf zu finden."
Sam konnte kaum etwas verstehen. Der Regen ging zu dicht runter und sie war zu weit von
ihnen entfernt. Auch das Kom versagte.
"Sam?!"
"Hawkes, West... wo bleibt ihr?"
"Wir müssen zurück!" schrie Cooper so laut wie er konnte. "Du musst zu
den anderen, um ihnen Bescheid zu sagen."
"Was? Ich kann dich nicht verstehen!"
Als Sam anfing, auf ihn zuzukommen, winkte er sie wieder fort. "Zurück!" rief
Cooper. "Du musst zurück!!"
"Nein, nicht ohne dich!"
"Verdammt, Sam, nun mach schon! Wir schaffen das schon."
"Nein!"
Hawkes hatte den gerade bewusstlos gewordenen Nathan auf die Schulter genommen und
entfernte sich bereits von Sam.
"Cooooper!!" Sam wollte Cooper davon abhalten, doch es war zu spät. Nur weige
Sekunden später sah sie weder Cooper noch Nathan.
"Nein..." schluchzte sie. "Das ist nicht fair!"
Für ein paar Augenblicke starrte Sam weiter in die Richtung, wo Cooper mit Nathan
verschwunden war. Dann holte sie tief Luft.
"Du musst Hilfe holen, Sam," sprach sie gegen den Wind und Regen, "ohne
dich haben sie keine Chance!" Trotzig fing sie an, sich voran zu bewegen. Noch ging
es, aber sie hatte nicht mehr viel Zeit. Außerdem hatte sie noch längst nicht das Lager
erreicht. Mit all ihrer Willenskraft schob sie die Sorge um Cooper und Nathan beiseite.
Wenn sie es schaffen wollte, durfte sie jetzt nicht an das denken, was ihnen passiert sein
könnte. In dem Moment fiel ihr ein, woher West und Hawkes ihre Stärke nahmen: Ihr
Glaube. Der Glaube an sich selbst und aneinander. "Okay, Jungs, ich glaube daran,
dass ihr in Sicherheit seid." Sie riß sich zusammen und verdoppelte ihre
Bemühungen. Das war eine gute Eigenschaft von Sam. Wenn sie etwas wollte, schaffte sie es
auch, dies zu bekommen. Und wenn es das letzte war, was sie fertigbrachte; sie würde das
Lager erreichen und ihnen sagen, wo Hawkes und West waren, damit sie ihnen helfen konnten.
"Wie war das noch mal? Maßlos hart... allzeit bereit... rauh und tapfer... im
tiefsten Schlamm... hey, ich hätte da wohl besser zuhören sollen. Hätte ich das damals
gewusst, hätte ich die Kurve gekratzt." Sie lachte kurz auf. Allmählich stieg
wieder die Panik in ihr hoch. Der Himmel war pechschwarz, zumindest kam es Sam so vor. Der
Regen peitschte ihr um die Ohren und das Wasser stieg und stieg. Einige Male hatte sie das
Gefühl, dass sich irgendwas um ihre Beine schlängelte, doch auch diesen Gedanken
verdrängte sie schnell.
Ihr Zeitgefühl hatte Sam bereits verloren. Langsam kam es ihr vor, als würde sie schon
seit Stunden herumlaufen. Dann endlich...
"Masters! Masters, hier vorne. Wir sind hier!"
Fassungslos und mit letzter Kraft schwamm Sam zu dem Licht, worin sie Anderson sehen
konnte. "Captain... Hawkes und West sind noch an Land. Das heißt, ich hoffe, dass es
noch Land gibt."
Taylor griff nach ihrer ausgestreckten Hand und zog sie in das provisorische Lager, dass
mittlerweile aus einem nicht allzu großen Boot bestand. Es fühlte sich weich und warm
an, aber da Sam völlig durchgefroren war, käme ihr wohl in dem Moment sogar das kalte
Metall der Saratoga warm vor. Charly legte Sam eine Decke um die Schultern und streifte
ihr einige nasse Strähnen aus dem Gesicht.
"Wir müssen nach Cooper und Nathan suchen. West ist verletzt, ich weiß nicht, wie
schwer. Aber..."
"Das können wir nicht. Wir sitzen fest. Das Boot ist verankert. Wenn wir es
loskappen, fangen wir womöglich an zu treiben und das würde niemandem helfen."
Sam kniff die Augen zusammen. "Hast du mich eben nicht verstanden? West war
bewußtlos, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Cooper musste ihn zurücktragen,
wobei ich mir nicht mal sicher bin, ob es überhaupt noch trockene Stellen hier
gibt."
"Die gibt es," mischte sich Ward ein. "Nach unseren Berechnungen dürfte
das Wasser nun nicht mehr steigen und..."
"Nach Ihren Berechnungen??? Wo waren die vor zwei Stunden, bevor es anfing? Hattet
ihr überhaupt eine Ahnung, dass so was passieren könnte?"
Ward und Shaw sahen sich an. "Naja, wir haben es in Betracht gezo..."
"Was?" Völlig außer sich sprang Sam auf. "Und wann wolltet ihr es uns
sagen?"
"Das haben sie." Anderson zuckte mit der Schulter. "Jetzt sehe ich, dass es
ein Fehler war, euch nichts zu sagen."
"Du wusstest es?" Charlys Stimme zitterte ein wenig. "Du hast es
gewusst und nichts gesagt?"
Kyle nickte. "Die Chancen waren gering, also hielt ich es für unwichtig."
"Unwichtig." Wenn Sams Blicke töten könnten...
"Unser Captain hielt dies für unwichtig."
Alle Augen waren nun auf Anderson gerichtet, dem diese Situation nicht sonderlich gefiel.
Doch irgendwie hatte er damit gerechnet, dass es wieder mal Probleme geben würde. Seitdem
er beim 58sten war, gab es nur noch Schwierigkeiten. Nichts klappte so, wie er oder
Aerotech es geplant hatten. Aber wenn er genau darüber nachdachte, könnte dieser Planet
ihnen die Arbeit, was West und Hawkes betraf, abnehmen. Immerhin war keiner der beiden
hier, in Sicherheit und laut Masters war West sogar verletzt. Für ihn war das ein
genialer Zufall.
"Hört zu, Leute. Ich weiß, war ihr jetzt denken müsst, aber wir sollten uns lieber
auf das konzentrieren, was vor uns liegt. Egal, in welcher Situation wir uns befinden, wir
haben noch immer einen Job zu erledigen."
"Was ist mit Hawkes und West?"
"Was soll mit ihnen sein? Ich sagte doch, dass wir keine Möglichkeit haben, im
Moment nach ihnen zu suchen."
Sam machte sich nicht mal die Mühe, sich darüber aufzuregen.
"Fein. Dann werde ich alleine gehen." Sie streifte sich die Decke von den
Schultern und stand auf. Das gleiche taten ohne zu zögern Taylor, McDowell, Mitchel,
Conroy und Lewis.
"Seid ihr verrückt? Ihr könnt doch nicht..."
"Und ob wir das können," widersprach Chris. "Wir lassen keine Freunde im
Stich."
Anderson lachte auf. "Freunde? Seit wann hast du Freunde, McDowell? Und was den Rest
angeht: Das ist hier keine Sache, bei dem die Mehrheit entscheidet. Ich bin der Captain,
euer Vorgesetzter. Fall ihr euch meinem Befehl widersetzen solltet, kommt ihr vors
Kriegsgericht. Ich glaube kaum, dass das es wert ist."
"Tja, da liegt der Unterschied," meinte Charly, "Sie sind uns das wert.
Aber..." Nun wandte sie sich an die anderen, "es würde weder uns noch Hawkes
und West etwas bringen, wenn wir einfach so losschwimmen würden. Auch wenn wir sie
finden, es gäbe kaum eine Möglichkeit, sie hierher zurück zu bringen."
"Und was schlägst du vor?" Sams Stimme war kaum zu hören. Sie hasste es,
das zuzugeben, aber Charly hatte Recht. Sie mussten einen anderen Weg finden.
"Ich denke, wir sollten warten, bis das Wasser zu sinken beginnt. Es dürfte nicht zu
lange dauern..."
"Na toll. Hauptsache wir sitzen im Trockenen."
"So war das nicht gemeint, Sam."
"Und wie sonst? Wenn es kein Wasser gäbe, würden Coop und Nathan auch nicht unsere
Hilfe benötigen. Vielleicht haben sie es nicht geschafft..." Weiter sprach Sam
nicht.
"Dann ist es doch eh zu spät."
"Captain hin oder her, noch so eine Bemerkung und ich vergesse mich." Während
Kyle und Sam sich angifteten, hatte Parker vergeblich versucht, auf sich aufmerksam zu
machen. Nun nutzte er die kurze Stille, um ihnen etwas mitzuteilen. "Ich störe eure
Konversation ungern, aber ich habe eine höchst beunruhigende Neuigkeit: Eine Art
Wirbelsturm kommt mit großer Geschwindigkeit auf uns zu."
"Ein Wirbelsturm? Mein Gott, was denn noch alles?" meinte Anderson resignierend.
"Wird er uns treffen?"
Parker nickte. "Ja, zumindest wird er in unsere Nähe kommen. Es wäre besser, wir
würden uns auf das schlimmste vorbereiten."
Das ließen sich die Marines kein zweites Mal sagen.
Währenddessen viele Meilen weiter im Landesinneren:
Währenddessen viele Meilen weiter im Landesinneren:
"Verdammt... und ich dachte immer, an Nathan wäre nichts dran."
Total erschöpft ging Cooper in die Hocke und legte Nathan vorsichtig auf den Boden. Vor
einigen Minuten hatte er bemerkt, dass das Wasser nicht mehr stieg und sie hier wohl in
Sicherheit waren. Hawkes sah sich um. Dieser Teil des Planeten war weniger mit Bäumen und
Pflanzen übersät als der, der hinter ihnen lag. Hier war es felsig. Was anderes konnte
man nicht dazu sagen.
Nach einem tiefen Seufzer schulterte sich Coop wieder den noch immer
bewußtlosen Nathan und schritt weiter. Er musste bald einen geeigneten Platz finden, in
dem er Nathans Wunde versorgen konnte. Wenn es nicht so dunkel wäre und es nicht
regnen würde, hätte er dies schon längst getan. Wenige Minuten später entdeckte Hawkes
so etwas wie eine Höhle in einem Felsvorsprung. Der Weg nach oben würde mit West ein
bißchen schwierig werden, aber er hatte ja keine andere Chance. Zudem war er äußerst
dankbar, dass sie nicht wie üblich ihr 40 Pfund schweres Marschgepäck dabei hatten.
Nicht mal er hätte das geschafft. Aber Nathan reichte ihm auch völlig. Mit größter
Anstrengung hatte es Cooper zehn Minuten später geschafft. Nach einem kurzen Blick in die
Höhle stellte er fest, dass sie sehr klein war und sie sich entweder zusammen
reinquetschen mussten oder einer von ihnen zumindest halb draußen bleiben müsste. Bei
dem Wetter sicher kein Vergnügen. Nachdem er Nathan ins Trockene geschafft hatte, merkte
er, dass er sich zu rühren schien. Ein leises Stöhnen bestätigte Coopers
Vermutung.
"Hey, Nate... bist du okay?" Erst jetzt fiel ihm auf, wie blaß Nathan war.
Sofort holte er den kleinen Erste-Hilfe-Koffer raus und wühlte hastig darin rum, bis er
das Desinfektionsmittel gefunden hatte. Dann gab er Nathan die Injektion. Er stellte fest,
wo Nathan gebissen worden war, nämlich an seiner rechten Wade. Die Wunde sah schrecklich
aus. Anscheinend hatte sie sich bereits entzündet. Als Cooper diese Stelle desinfizierte,
schreckte Nathan in die Höhe.
"Hawkes... willst du mich umbringen?" Völlig entgeistert sah Cooper ihn an.
"Ich... ich habe doch nur..." Zu mehr kam er nicht, da Nathan schon wieder
zurücksackte. Seine Augen waren geschlossen und er atmete schnell und schwer. Das gefiel
Cooper überhaupt nicht. Aber was sollte er sonst noch machen? Er hatte nicht die
geringste Ahnung, was Nathan gebissen hatte und was noch wichtiger war, was es für Folgen
haben würde, wenn man dies nicht richtig behandelte. Was wäre, wenn sich bereits eine
Art Gift in Nathans Blutkreislauf befand? Vielleicht würde die Injektion helfen,
vielleicht aber auch nicht. Plötzlich musste Cooper niesen. Einmal, zweimal, dreimal...
Er wunderte sich darüber, da InVitros eigentlich gegen jegliche Art von Erkältungen oder
sonstigem immun sein müssten. Doch er hatte auch noch nie völlig erschöpft und
durchnässt im Regen gesessen...
Eine halbe Stunde später hatte sich Nathans Zustand enorm
verschlechtert. Er fieberte stark, ohne zu schwitzen. Soweit Cooper darüber Bescheid
wusste, war das gar nicht gut. Es musste daran liegen, was durch den Biss in Nathans
Kreislauf gekommen war. Nur was sollte er bloß dagegen tun? Das einzige, an was er sich
erinnern konnte, war die Injektion sowie die Desinfektion gewesen. Eigentlich hätte dies
ausreichen sollen. Unter ihnen bekannten Umständen. Doch da sie es hier mit nicht
bekannten Bakterien, Viren, Erregern oder Ähnlichem zu tun hatten, gab es wohl nichts,
was Cooper hätte anderes tun können. Zur Sicherheit versorgte er nochmals Nathans
Wunde und überlegte, wie er Nathan zum Schwitzen bringen könnte. Es war die einzige
Möglichkeit, dieses Gift oder was auch immer, aus ihm raus zu bekommen. Während er so
mit angewinkelten Beinen dasaß und überlegte, fing er selbst an zu zittern. Sein Anzug
klebte ihm naß und kalt am Körper, was wohl auch nicht gerade gesund war. Er sah ein,
dass er sich schnell etwas einfallen lassen musste, damit sie beide überleben konnten.
"Wie kriege ich Nathan warm... wie nur?" murmelte er leise vor sich hin.
"Coop..." Vor Schreck zuckte er zusammen. Cooper hatte nicht damit gerechnet,
Nathans Stimme zu hören.
"Ja... ich bin hier, Kumpel."
Aus glasigen Augen blickte Nathan ihn an. "Du siehst so besorgt aus..."
krächzte Nathan. "Was ist passiert?"
Cooper legte seine Hand auf Nathans Stirn und erschrak. Er glühte.
"Irgend was hat dich gebissen, im Wasser. Ich weiß nicht, was ich tun soll..."
"Wo... wo sind wir?"
"Ich wie es nicht. Jedenfalls in Sicherheit. Was macht man gegen Fieber, Nate? Du
musst mir helfen..." Aber sein Freund hatte bereits die Augen geschlossen und
reagierte nicht mehr.
"Nate?? Hey, du kannst mich jetzt nicht im Stich lassen, hörst du? Ich schaff
das nicht allein!"
Nun hatte Cooper den Punkt erreicht, wo er völlig verzweifelt war. Normalerweise fand er
immer einen Ausweg, doch dieses Mal fühlte er sich vollkommen hilflos. Sein bester Freund
lag hier vor ihm und er war der einzige, der ihm helfen konnte. Leider hatte er nicht die
geringste Ahnung, wie. Er wusste nur, dass Nathan sterben könnte und das bloß, weil er
ihm nicht geholfen hatte.
"Nathan bitte... du musst kämpfen. Ohne dich werde ich Shane und die anderen nicht
retten können. Alleine schaffe ich das nicht..."
Ohne zu wissen, dass er Nathan damit das Leben retten würde, legte sich Cooper so eng wie
nur möglich zu Nathan und drückte den durch das Fieber heißen Körper an seinen
eigenen. Er hielt ihn nur fest und redete auf ihn ein. Einmal schloß er selbst die Augen
und sprach: "Okay, ich habe keine Ahnung, ob es dich gibt und wer du bist, aber ich
denke, du bist es mir schuldig. Nathan darf nicht sterben. Er ist der einzige, den ich
noch habe und ich brauche ihn. Vielleicht bist du nicht mein Gott. Aber du bist seiner.
Lass ihn am Leben. Es ist noch nicht Zeit für ihn..."
Diese Nacht wollte einfach nicht vergehen. Für Cooper kam es wie eine Ewigkeit vor, bis
er plötzlich merkte, dass Nathan zu schwitzen anfing. Er wand sich hin und her und redete
wirres Zeug, aber irgendwie hatte Cooper das Gefühl, dass das ein gutes Zeichen war. Er
sah aus der Höhle und bemerkte, dass der Himmel heller zu werden schien. Ein schwaches
Grinsen huschte über sein Gesicht. "Danke...," war alles, was er noch
herausbrachte.
Cooper hatte sich in seinem Leben schon oft schlecht gefühlt, aber noch nie so mies wie
jetzt. Er war schlapp, müde, erschöpft und mit den Nerven am Ende. Zudem konnte er
keinen klaren Gedanken mehr fassen. In seinem Kopf hämmerte es wie verrückt und er sah
alles nur noch verschwommen. Dennoch raffte er sich mit den ersten Sonnenstrahlen auf, was
im ersten Moment ziemlich schmerzhaft war. Er sah hinunter auf Nathan, der seit einigen
Stunden tief und vor allem ruhig schlief. Erleichtert atmete Cooper auf und griff nach
seiner Wasserflasche. Das war allerdings zwecklos, da er Nathan all sein Wasser innerhalb
der vergangenen 20 Stunden gegeben hatte. Immerhin hatte es geholfen. Nathans Fieber
war stetig gesunken und nun fühlte er sich wieder völlig normal an. Wenn Nathan
aufwachen würde, mussten sie so schnell wie möglich zurück zum Lager. Falls es das
überhaupt noch gab.
"Cooper... hey, bist du schon wach?"
Ein wenig überrascht, drehte sich Hawkes um. Nathan hatte sich bereits aufgesetzt und
rieb sich die Augen.
"Ich hatte vielleicht einen Traum..."
Erst jetzt bemerkte er, wo er war. "Es war gar kein Traum, hab ich recht?"
Cooper schüttelte den Kopf. "Du hattest verdammt hohes Fieber. Dieser Biss hatte
sich irgendwie entzündet oder es war so was wie Gift. Aber du lebst noch und das ist das
wichtigste."
Nathans Gesichtsausdruck wurde ernst. "Soll ich dir mal was sagen? Ich habe von
Neil geträumt und von Pags... ganz schön verrückt..."
Verständnislos sah ihn Cooper an. Nathan hielt es in dem Moment für besser, dies Cooper
nicht genauer zu erklären. Vielleicht irgendwann einmal.
"Bist du jetzt wieder okay?" wollte Hawkes nach einer Weile wissen.
"Ich fühle mich zwar ein bisschen durch den Wind gedreht, aber ich denke, mir geht
es ganz gut. Was ist mit dir? Du siehst nicht gerade fit aus."
"Naja, immer, wenn ich mit dir unterwegs bin, muss ich dir den Arsch retten. Auch ich
brauche mal eine Pause."
Cooper grinste, aber Nathan wusste ganz genau, dass sich Coop noch schlechter fühlte, als
er jemals zugeben würde. Er kannte das noch von Neil und John, wenn sie als Kinder immer
verheimlichen wollten, dass sie krank waren. Dann mussten sie nämlich zu Hause bleiben
anstatt mit ihren Freunden spielen zu können. Er vermutete, dass sich Cooper noch immer
für ihn verantwortlich fühlte. Erst, wenn sie wieder sicher bei den anderen waren,
würde es sein Freund einsehen.
"Wir sollten uns auf den Weg machen, um das Lager zu finden. Was meinst du,
Lieutenant?"
"Bin ganz deiner Meinung, aber wirst du das auch schaffen? Ich meine, du hast eine
harte Nacht hinter dir und so; vielleicht sollten wir noch etwas warten...?"
"Mir gehts gut. Je eher wir das Lager erreichen umso besser."
Zwar war West noch sehr wackelig auf den Beinen, aber er versuchte, sich nicht allzuviel
anmerken zu lassen. Es fehlte noch, dass Cooper ihn stützen würde. So wie er aussah,
würde er nicht mehr lange mitmachen. Coopers Schritte wurden immer langsamer und
bald darauf fing der Husten an. Es hörte sich grausam an. Nathan konnte nur hoffen, dass
er noch durchhalten würde. Er selbst war weiß Gott noch nicht in der Lage, Hawkes zu
helfen, wenn er zusammenklappen sollte. Wenn es kommt, dann aber auch richtig... dachte
sich Nathan und fluchte leise vor sich hin.
"Du musst was trinken, Coop. Wo ist..."
"Wir haben nichts mehr. Es wird auch so gehen..." Cooper hielt an und hustete
stark. Scheiße... er wird sich doch bloß keine Lungenentzündung geholt haben... ging es
Nathan durch den Kopf.
"West, weisst du, letzte Nacht... da hatte ich echt Angst, dass du... dass du sterben
würdest; dass ich dann ganz alleine sein würde."
"Keine Sorge, mir geht es gut und das habe ich nur dir zu verdanken. Woher wusstest
du, was du zu tun hast?"
"Ich wusste es nicht! Das war wohl Glück..."
Mittlerweile waren sie schon eine ganze Weile gelaufen und sie
hatten das felsige Gelände verlassen. Es wurde sehr matschig und das Gehen fiel ihnen
immer schwerer. Irgendwann schaffte es Cooper nicht mehr alleine, weswegen Nathan ihm
unter die Arme griff. Als ob er der Richtige dafür war... Aber Cooper hatte ihm mit sehr
großer Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet und da musste er sich einfach
zusammenreissen. Davon mal abgesehen, hatte er wohl genauso große Angst, Coop zu
verlieren wie umgekehrt. Wie durch ein Wunder hörten sie bald darauf Stimmen. Sie tippten
auf Sam und Robert und lagen richtigen. Als Masters die beiden sah, blieb sie erstmal
staehen. Sie konnte kaum glauben, dass Cooper und Nathan noch am Leben waren.
"Mal gespannt, was deine Lady dazu sagen wird, dass du sie so lange alleine gelassen
hast, Coop."
"Cooper ließ von Nathan ab und stolperte praktisch auf Sam zu. Nun kam auch sie ihm
entgegen.
"Was fällt dir bloß ein, sowas zu machen, he? Du kannst mir das doch nicht
antun..." Sie stoppte kurz vor ihm und sah ihn an. "Oh, Coop... ich hatte solche
Angst!"
Dann fiel sie ihm um den Hals. Sie spürte sein Grinsen, auch wenn es schwach war.
"Du hörst dich schon an wie Shane."
"Haha..."
Als sich Sam von Cooper lösen wollte, hielt er sie noch fest. Er wollte sie einfach noch
nicht loslassen. Es tat so gut... Dann brach Cooper zusammen.
"Captain... wir müssen sofort zur Saratoga zurück."
Anderson nickte, als er West und Hawkes in einem sehr schlechten Zustand sah. Er mochte
sie nicht; nicht nach allem was er gehört oder gelesen hatte und nach den Monaten mit
ihnen, aber er begann sie zu bewundern. Er hatte gewusst, dass die Wildcards eine
hervorragende Einheit waren und sie alle fünf zu den besten Soldaten des Corps gehörten.
Aber dieser Zusammenhalt... das beeindruckte ihn am meisten. Cooper würde ohne zu zögern
für Nathan sterben und umgekehrt. Und er bezweifelte, dass Vansen, Wang und Damphousse
anders waren. Natürlich hatte er auch das bereits gewusst, dies jedoch selbst
mitzuerleben, überrumpelte ihn. Aus diesem Grund wuchs ein Hass in ihm, der nicht
größer und gefährlicher hätte sein können. Für ihn hatte der Job mittlerweile einen
persönlichen Rachefeldzug angenommen, vor allem nach den Vorfall mit Hawkes. Auf ihn
musste er besonders aufpassen. Ein falscher Schritt und Hawkes würde ihm schneller das
Genick brechen als er noch mal Luft holen könnte. Sein Einsatz auf Tigris war zwar streng
geheim, aber er wusste davon. Doch Aerotech hatte ein As im Ärmel, dass sie bald
ausspielen würden. Sehr bald sogar...
"Die Funkverbindung zur Saratoga müsste in ein paar Mikes
wieder hergestellt sein, sir. Die... Umweltverhältnisse verbessern sich rasch, so dass
wir in ungefähr einer Stunde wieder mit dem Normalzustand rechnen können."
Charly konnte ihre eigenen Worte kaum selbst fassen.
"Dieser Planet ist unglaublich. Es verändert sich alles in so schneller
Zeit..."
"West, wie geht es dir?" Nathan achtete nicht auf Anderson, sondern half Sam,
Cooper in eine Decke zu wickeln. Dann verließ auch Nathan seine letzte Kraft und er
setzte sich erschöpft neben Hawkes.
"Ist wohl eine große Enttäuschung, dass wir es lebend zurück geschafft haben, was
Captain?"
Ohne eine Antwort drehte sich Anderson um und ging. Als Nathan die Augen schloss, musste
er an Kylen denken. Hätten Coop und er es dieses Mal nicht geschafft, wie wäre sie damit
fertig geworden? Nach allem, was sie selbst hatte durchstehen müssen? Er vermisste sie.
In diesem Moment mehr als jemals zuvor. Nathan erinnerte sich an die Zeit auf der Erde,
lange, bevor der Traum von ihnen, gemeinsam auf einen anderen Planeten auszuwandern,
überhaupt in greifbare Nähe gerückt war. Ihre Schulzeit, die Sonntage mit ihren
Familien, der erste Urlaub alleine... es schien ihm eine Ewigkeit her zu sein. Jetzt war
sie sicher auf der Erde, er hier an der Front und keine Ahnung, wie es ihr ging; was sie
machte und was noch wichtiger war, was sie durchgemacht hatte. Einen Brief... einen
einzigen Brief hatte er ihr bisher geschrieben. Sollte das etwa alles sein, was von ihrer
großen Liebe zueinander übrig geblieben war? Dann stellte er sich wie immer und zum xten
Male diese einzige Frage: Wieso?
"West, der Transporter ist gelandet. Schaffst du es
alleine?"
Ein wenig benommen, versuchte er, sich aufzurappeln, aber seine Beine ließen sofort nach.
Resigniert schüttelte er den Kopf. Taylor und McDowell fassten ihn an den Armen und
legten diese um ihre Schultern. Im APC hoben sie Nathan auf eine der Kojen, direkt
gegenüber von der, wo Hawkes lag. Cooper war wieder bei Bewusstsein, aber er sah gar
nicht gesund aus. Seine Wangen waren gerötet und er atmete schnell und hastig zwischen
dem Husten. Sam stand neben ihm, mit besorgtem Gesichtsausdruck, als sie an seine Stirn
fasste. Tapfer lächelte er sie an.
"Mir gehts gut, Sam. Nur ein bisschen erkältet." Sie nickte.
"Ruh dich jetzt aus."
"Was ist mit West?"
Sam warf Nathan einen Blick.
"Ich bin okay, Coop. Nur ein wenig ausgelaugt, nachdem ich dich hinter mir herziehen
musste." Beide tauschten ein mattes Lächeln aus. Dann musste Cooper wieder husten
und Nathan driftete langsam in einen unruhigen Schlaf.
Als Nathan erwachte, lag er auf der Krankenstation der Saratoga. Es
war still und ruhig und erinnerte ihn an Weihnachten `63, vielmehr an kurz vor
Weihnachten, als er mit einer Kopfverletzung hiergelegen hatte und seine Einheit angeblich
tot gewesen war.
Naja, dachte er sich, viel anders sah es im Moment auch nicht aus. Außer Hawkes... Nathan
fuhr hoch. Was war mit Cooper? Warum lagen sie nicht zusammen hier? Etwas musste mit ihm
sein... Nachdem er einige Male tief Luft geholt hatte, schlug er die Decke beiseite und
stand auf. Als seine nackten Füsse den Boden berührten, zuckte er kurz zusammen. Ihm
wurde etwas schwindelig, doch dann ging es wieder. Zu seinem Glück hatte jemand seine
Stiefel neben die Tür gestellt, welche er grinsend anzog. Zuschnüren tat er sie nicht;
er wollte sich seine Kraft für wichtigeres aufheben. Leise schlich er den Gang entlang
und sah ziemlich bald McQueen vor einer Tür stehen, den Kopf gesenkt, die Arme vor der
Brust verschränkt. Erst als Nathan bereits fast neben ihm stand, bemerkte McQueen ihn.
Für eine Sekunde konnte man noch die Besorgnis in seinem Gesicht sehen, dann setzte er
wieder seine Maske auf.
"West, was tun Sie hier? Zurück ins Bett mit ihnen!" Doch Nathans Blick
haftete schon auf Cooper. Durch das kleine Fenster konnte er Sam erkennen sowie einen Arzt
und eine Schwester. Cooper wurde gerade eine weitere Infusion gelegt und der Arzt sprach
mit Sam, die Coopers Hand hielt.
"Er hat eine schwere Lungenentzündung," erklärte McQueen leise, "... und
die Medikamente sprechen nicht an. Sie wollen ihm auch nicht zuviel geben, nach seiner
Vergangenheit."
"Ich dachte, InVitros hätten nur Probleme mit Amphetaminen?"
"Wissen Sie, West, während unserer ersten Monate bekommen wir so viel Zeug
eingeflöst, dass unser Immunsystem eigentlich alle kommenden Krankheitserreger abwehren
müsste. Bei manchen entpuppt sich das jedoch als Boomerang, da der Körper die Impfstoffe
nicht annimmt."
"Das ist bei Coop der Fall?"
Der Colonel schüttelte den Kopf. "Ich denke eher, dass seine Behandlung noch nicht
abgeschlossen war, als... er... seine Ausbildung frühzeitig beendet hat."
Bei dieser Umschreibung musste Nathan innerlich grinsen. Gleichzeitig fragte er sich zum
hundertsten Mal, wieso Cooper damals abgehauen war und und wie er überhaupt auf der
Straße überleben konnte. Ob McQueen darüber mehr wusste? Den Mut, einen der beiden
deswegen zu fragen, würde er zumindest jetzt wohl nicht aufbringen. Stattdessen stellte
Nathan die Frage, was das für Cooper bedeuten würde.
"Die Lungenentzündung haben die Ärzte im Griff. Auch ohne unseren Fortschritt in
der Medizin gibt es Wege, ihm zu helfen. Im vorigen Jahrhundert wurden die Menschen ja
auch geheilt."
Nathan runzelte die Stirn. "Sie wollen ihn ohne Medikamente behandeln?"
"Ganz ohne nicht. Dazu noch Brustumschläge und Franzbranntwein."
"Mit was?"
"Genug davon. Cooper wird es bald besser gehen und Sie gehen jetzt in Ihr Zimmer
zurück. Gibt es hier eigentlich niemanden, der aufpasst, dass die Patienten da bleiben,
wo sie hingehören?"
McQueen seufzte und fasste Nathan am Oberarm.
"Kommen Sie, West. In Ihrem Zustand werden Sie Cooper nicht helfen können."
"Helfen? Wie kann ich ihm schon helfen?"
"Indem Sie ihm den Rücken waschen."
Fassungslos starrte Nathan seinen Vorgesetzten an. Dass McQueen in solch einer Situation
Witze machen konnte...
Während McQueen Nathan zu seinem Zimmer begleitete, gingen ihm die
Worte des Arztes durch den Kopf. Hätte der Lieutenant nicht unter so großer
Anstrengung gestanden, würde es jetzt nicht so schlecht um ihn stehen. Aber er ist jung
und kräftig, so dass ich keine Bedenken habe.
Er hielt es für klüger, Nathan nichts davon zu erzählen. Wie er ihn kannte, würde er
sich nur wieder die Schuld geben, dass sich Cooper nur wegen ihm in dieser Verfassung
befand und das würde niemandem helfen. Und obwohl er sich große Sorgen machte, war er
nicht zum ersten Mal sehr stolz auf seine beiden Lieutenants. So schlecht es ihnen auch
gehen mag, sie waren für den anderen da bedingungslos. Früher oder später würde
er sie aus diesem Grund verlieren, hatte Ross ihm einmal gesagt. Doch das war ihm lieber
als dass sie sich im Stich lassen würden.
"Brauchen Sie noch etwas, West?"
Nathan legte sich zurück und seufzte. "Vieles, Colonel, aber das können nicht mal
Sie beschaffen."
McQueen rückte einen Stuhl näher und setzte sich.
"Machen Sie sich keine Sorgen wegen Cooper. Er ist stark."
"Wenn er gesund ist... Aber als ich ihm sogar helfen musste zu gehen..."
"Was ist es wirklich, Nathan?"
"Ich weiss es nicht, Colonel. Dieser Krieg laugt einen einfach aus. In den früheren
Kriegen wusste man wenigstes, wer der Feind war. Jetzt sind es die Chigs, aber dazu kommen
noch die Silikanten und was noch schlimmer ist, Aerotech."
Er sah McQueen eindringlich an.
"Auch wenn wir die Chigs jemals besiegen werden, wie können wir normal weiterleben,
als ob nichts geschehen ist?"
"So ist das Leben. Sie sind nicht der erste, der sich diese Frage stellt."
"Es ist nicht die einzige Frage..."
"Nathan, hören Sie mir zu! Diese ganzen Fragen nützen rein gar nichts. Im
Gegenteil. Die einzige Frage, die wirklich wichtig ist, ist, für wen sie kämpfen."
Als Nathan nicht antwortete, stand McQueen auf.
"Denken Sie darüber nach. Und jetzt schlafen Sie."
"Ich brauche nicht darüber nachzudenken, Colonel. Es gibt nur eine Antwort..."
Nachdenklich machte sich McQueen auf den Weg zu Hawkes Krankenzimmer zurück. Nathans Worte hallten in seinem Gedächtnis wieder: Für meine Freunde. Nun war Nathan auch in seinen Augen ein 100 %iges Mitglied der Wildcards. Nicht, dass er vorher Zweifel deswegen gehabt hatte. Aber diese Kylen hatte irgendwie immer ein Stück von Nathan beansprucht, was im Grunde ja nichts Negatives war. McQueen hatte sich nur vor einem gefürchtet: Wie sich West entscheiden würde, wenn er die Wahl zwischen seiner Freundin Kylen und seiner Einheit treffen müsste. Das zählte nun nicht mehr. Was zählte, waren die Wildcards, sonst nichts.
"Na, Großer, liegst du bequem?" Cooper grinste ein wenig.
"Ich fühle mich irgendwie eigenartig." Als er wieder zu husten anfing,
verkrampfte sich Sam wie jedes Mal, wenn das der Fall war. Es schmerzte sie mehr, ihn so
leiden zu sehen, als wenn sie selbst da liegen müsste. Doch sie hatte sich vorgenommen,
stark zu sein. Für Cooper.
"So, gleich werde ich dir deinen Rücken mit diesem Zeug einreiben. Du weißt schon,
dass, was so frisch riecht."
Gerade, als sie den Franzbranntwein holte, kam Colonel McQueen ins Zimmer.
"Kann ich helfen?"
"Sicher. Alleine kriege ich ihn nicht hoch. Cooper, meine ich."
McQueen versuchte vergeblich, ein Grinsen zu unterdrücken und Sam errötete ein wenig.
"Äh... also ich..."
"Schon gut. Haben Sie so was schon mal gemacht?"
"Ich? Nein, aber Dr. Kanellos hat mir genau erklärt, wie ich was zu tun habe. Haben
Sie eine Ahnung, woher sie dieses Zeug haben? Ich habe das noch nie gesehen."
"Ein uraltes Hausmittel. Vom Commodore. Er meint, es wirkt Wunder."
Während McQueen Coopers Oberkörper aufrecht hielt, rieb Sam ihm den Rücken und
das Kreuz ein. Dann tauchte sie ein Tuch in warmes Wasser, wickelte dieses um seine Brust
und wickelte darum noch ein trockenes Flanelltuch. Als Cooper wieder lag, zog Sam das
Laken gerade, da es keine Falen haben durfte und deckte ihn dann mit der Decke zu. McQueen
beobachtete sie dabei, ganz besonders ihren Gesichtsausdruck, wenn sie ihn ansah.
"Cooper liegt Ihnen wohl sehr am Herzen?" Es sollte sich nach einer Frage
anhören, doch es klang eher wie eine Feststellung.
Sam nickte. "Den Vortrag können Sie sich sparen, sir. Ich weiss selbst, dass es der
denkbar ungünstigste Zeitpunkt ist, sich zu..." Abrupt stoppte sie und suchte
schnell nach einer besseren Beschreibung.
"Jemanden so ins Herz zu schließen," beendete sie ihren Satz. Aber McQueen
hatte verstanden. Er hatte es bereits befürchtet, so krass sich das auch anhören musste.
Wie Sam gesagt hatte, es war der denkbar ungünstigste Zeitpunkt. Doch darum würde er
sich später kümmern.
"Ich werde für die nächsten Stunden hier bleiben, Masters. Legen Sie sich in Ihrem
Quartier ein paar Stunden schlafen, damit Sie für morgen fit sind."
Als Sam widersprechen wollte, fügte er hinzu: "Das ist ein Befehl."
Es war keine ruhige Nacht für T.C. McQueen. Coopers Fieber war gestieben und dann
fing er sogar an, Blut zu husten. Dr. Pendrell war mittlerweile bei ihm; er hatte die
Nachtschicht.
"Keine Sorge, Colonel, wir haben alles unter Kontrolle. Es wäre zwar einfacher, wenn
wir ihm die Medikamente geben könnten, aber sie hatten das ja abgelehnt."
"Ich will kein Risiko eingehen, wenn es auch anders geht."
Der Doc seufzte leicht. "Nun gut, etwas anderes. Die Unterlagen zu Lieutenant Hawkes
sind nicht vollständig. Sie können mir da wohl nicht weiterhelfen oder?"
McQueen überlegte. Auf was wollte Dr. Pendrell hinaus?
"Was für Unterlagen?"
"Die aus der Erziehungseinrichtung. Es fehlen die letzten Monate."
McQueen tat überrascht. "So? Sind sie denn so wichtig?" fragte er vorsichtig.
"Im Grunde schon. Aber es wird auch so gehen. Falls sich an seinem Zustand etwas
ändert, sagen Sie mir sofort Bescheid. Ich muss nach den anderen Patienten sehen."
Der Colonel nickte. Als der Doc das Zimmer verlassen hatte, setzte er sich leise wieder
auf den Stuhl und schloss die Augen. Hoffentlich waren sie nicht so wichtig, dass Dr.
Pendrell Nachforschungen ansetzen würde...
"Colonel? Colonel?"
Colonel McQueen schlug die Augen auf und wusste im ersten Moment nicht, wo er sich befand.
Dann sah er Coopers Gesicht, welches ein wenig amüsiert zu sein schien. Mit einem
Räuspern setzte er sich wieder gerade im Stuhl auf und fragte Cooper, wie es ihm heute
morgen erginge.
"Besser, ein bisschen." Sein Husten hörte sich zwar noch immer so schlimm an,
aber es war ja erst der zweite Tag und es würde laut Dr. Kanellos noch ein paar Tage
dauern, bis die Genesung einsetzte.
"Sir, Sie sehen etwas müde aus. Vielleicht sollten Sie..."
"Lieutenant, geben Sir mir lieber keine guten Ratschläge. Nicht solange Sie hier
ziemlich hilflos auf der Krankenstation liegen."
"Äh... Colonel, waren Sie schon bei Nathan?"
"Wann? Heute morgen?" McQueen grinste ein wenig und Cooper überlegte, wann er
seinen Colonel jemals so locker erlebt hatte. Ihm fiel nichts ein.
"Ich habe gestern mit West geredet, als er sich aus seinem Zimmer hierher geschlichen
hatte. Es geht ihm gut. Es würde mich nicht wundern, wenn er..."
"Guten Morgen," ertönte plötzlich Nathans Stimme.
Cooper und McQueen sahen sich grinsend an.
"Na, es scheint unserem Patienten ganz gut zu gehen." Nathan trat an die andere
Seite von Coopers Bett und stieß ganz leicht mit seiner Faust an Coopers
Schulter. "Ist er okay, Colonel?"
"In der vergangenen Nacht nicht, aber das Gröbste hat er wohl hinter sich. Helfen
Sie mir, seinen Rücken zu waschen."
Genauso ungläubig wie das letzte Mal, wo er dies erwähnt hatte, sah er zu McQueen.
"Ich dachte, dass wäre ein Scherz."
"Seit wann mache ich Scherze, West? Und nun heben Sie ihn vorsichtig in die aufrechte
Lage..."
Tatsächlich ging es Cooper besser, wie Dr. Kanellos eine Stunde
später feststellte. Nicht, dass es ihm gut ginge. Dafür war seine Temperatur zu hoch,
sein Herz klopfte zu schnell und seine Schmerzen in der befallenen Seite zu stark. Doch
bisher hatte er weder Schüttelfrost gehabt noch war sein Kreislauf zusammen gebrochen.
Sein Herz mussten sie besonders beobachten, aber auch darüber machte sich Dr. Kanellos
keine Sorgen. Es war die seelische Belastung, die ihm zu schaffen machte. Als er
erwähnte, dass die seelische und körperliche Belastung bei Cooper hätte zum Tode
führen können, schluckte Nathan, so, wie McQueen es vermutet hatte. Warum hatte er es
auch noch mal erwähnen müssen?
"Heisst das, dass Cooper hätte sterben können, nur weil er mich zum Lager
zurückgetragen hat?" wollte Nathan mit bedrückter Stimme wissen. Dr. Kanellos
nickte. "Aber ich bin mir sicher, dass, wenn Ihnen etwas zugestoßen wäre, es für
Lieutenant Hawkes den sicheren Tod bedeutet hätte. Also machen Sie sich keine Vorwürfe.
Er ist hier und er lebt, nur das zählt. Und Sie als sein Freund sollten eine moralische
Unterstützung für ihn sein und das auch nur dann, wenn Sie wieder vollkommen fit
sind."
Er sah Nathan prüfend an.
"Das bin ich. Können wir sonst noch was für ihn tun?"
"Achten Sie darauf, dass er genug trinkt, Obstsäfte oder gezuckerten Tee und falls
er Hunger haben sollte, weiss Lieutenant Masters Bescheid, was er essen soll. Das wäre
alles."
Cooper hatte die Unterhaltung nicht mitbekommen. Er hörte gerade Sam zu, die von dem
Sturm erzählte, der auf dem Wasser auf sie zugekommen war und das Notlager beinahe
gekentert wäre. Sie hatten Glück gehabt, dass sie verankert gewesen waren, sonst wären
sie sonstwo gelandet.
"Dank Anderson haben wir überlebt, so ungern ich das auch sage."
Cooper nickte. "Zu etwas muss er ja gut sein."
"Darf man euch mal stören?" mischte sich Nathan ein. "Cooper sollte so
viel wie möglich trinken. Hier." Er hielt ihm ein Glas mit Orangensaft hin, welches
Cooper mit wackeligen Händen entgegennahm.
"Masters, um 0900 ist Einsatzbesprechung. Nicht vergessen. "McQueen nickte
Cooper zu und verließ das Zimmer.
"Geh ruhig. Ich bleibe bei unserem Patienten." Sam holte tief Luft.
"Dass du aber auch gut auf ihn aufpasst, Nathan, sonst..."
"Hey," lachte er, "ich passe bereits seit zwei Jahren auf ihn auf!"
Mit einem Grinsen verabschiedete auch sie sich. Nun waren Nathan und Cooper alleine und
zuerst wusste keiner der beiden, was sie sagen sollten. Dann ergriff Nathan das Wort.
"Wer hätte das gedacht? Du und Sam... ihr passt zusammen. Es ist irgendwie süß,
euch beide zu sehen."
"Süß? Hast du vielleicht noch einen Schlag auf den Kopf bekommen?" Während
Cooper lachte, fing der Husten wieder an und Nathan bereute, dass er das Thema
angeschnitten hatte. "Es tut mir leid."
Cooper schüttelte den Kopf. "Verdammt, Nathan, hör doch endlich auf damit. Es
war nicht deine Schuld, kapier doch endlich. Weder das mit Shane, Vanessa und Paul
noch das hier. Hat dir das deine Kylen nicht auch gesagt?"
"Ich... ich habe ihr nicht mehr geschrieben."
"Warum?"
Nathan zuckte mit den Schultern. "Ich weiss es nicht. Ich kann nicht."
Mühsam setzte sich Cooper ein wenig auf, doch bevor Nathan deswegen protestieren konnte,
sah er ihn eindringlich an. Fast so wie McQueen... schoss es Nathan durch den Kopf.
"Gib sie nicht auf, West. Wenn du sie aufgibst, gibst du uns alle auf."
Was in diesem Moment in Nathan vorging, konnte er später kaum selbst beschreiben. Er
vermutete, dass sich so sein Dad gefühlt haben musste, als er mit ihm über seine Pläne
gesprochen hatte. Damals hatte sein Dad noch für eine Firma gearbeitet, aber sein Traum
war es immer gewesen, sich selbständig zu machen. Mit drei Kindern ist das allerdings ein
Risiko. Also sprach er mit seinem ältesten Sohn, Nathan, als er 15 gewesen war und Nathan
hatte geantwortet: Jeder Trraum ist es wert, ein Risiko einzugehen, Dad. Und egal, was du
tust oder was passiert, deine Söhne werden dich trotzdem lieben.
Natürlich war Coopers Satz nicht gleichzusetzen mit seinem eigenen, aber dass
Cooper ihm riet, Kylen nicht aufzugeben, nach allem, das berührte ihn unglaublich. Cooper
beobachtete interessiert den Ausdruck in Nathans Gesicht. Er hatte erwartet, dass
Nathan ihm sagen würde, dass Kylen ihn nichts anginge, aber jetzt schien er sprachlos zu
sein. Er verstand nicht wieso, es war doch nur ein einfacher Satz gewesen, aber als dann
ein Lächeln auf seinem Gesicht erschien, war Cooper erleichtert.
"Kommst du für eine Weile allein klar? Ich... habe was zu erledigen."
"... und sie werden den Transportrt eskortieren. Abflug um
1430. Wegtreten."
"Endlich," freute sich Robert. "Endlich fliegen wir mal wieder. Das wurde
ja auch Zeit."
"Man könnte meinen, du freust dich auf jeden Einsatz, Taylor. Es ist Krieg, schon
vergessen?!"
Robert zog eine Grimasse. "Nein, habe ich nicht. Aber wenn ich in einem Hammerhead
sitze, vergesse ich all meine Sorgen. Dieses irre Feeling ist mit nichts zu
vergleichen." Seine Augen leuchteten jedes Mal, wenn er über das Fliegen redete. Er
war Pilot mit Leib und Seele und das trotz seines noch jungen Alters.
"Och, ich wüsste etwas vergleichbares..." meinte Brian verschmitzt. Alle
grinsten daraufhin, außer Sam. Ihre Gedanken waren bei Cooper. Sie wünschte sich nichts
mehr als ihm irgendwie helfen zu können, aber im Moment konnte nur er sich selbst helfen.
Und nach den zwei Monaten, die sie ihn nun kannte, zweifelte sie keine Sekunde daran, dass
er es schaffen würde. Auch wenn der Grund sie etwas beunruhigte. Coopers und
Nathans Überlebenswille war deshalb so groß, da sie noch drei Freunde hatten, die
ihre Hilfe brauchten. Allein schon dieser Gedanke machte ihren Willen übermenschlich.
Auch wenn sie Angst hatte, dass bei der Rückkehr von Shane Coopers Gefühle für
sie sich ändern würden, war es gleichzeitig der Grund, weshalb sie Cooper so liebte.
Diese bedingungslose Freundschaft. Sie hatte noch nie erlebt, dass jemandem etwas so
wichtig gewesen war wie die Wildcards für Cooper. Aber moment mal... hatte sie da eben
von Liebe gesprochen? Sie? Unmöglich! Bevor ihr Gedanken total außer Kontrolle geraten
würden, dachte sie schnell an ihren Einsatz, für welchen sie sich nun fertig machen
musste.
"58, Sie haben Starterlaubnis!"
"Ihr habts gehört. Viel Glück." Anderson hatte ein komisches Gefühl in
der Magengegend. Etwas würde bei diesem Einsatz schiefgehen, das spürte er und ohne
Hawkes und West war die Einheit nur halb so gut. Es waren keine schlechten Soldaten, aber
an die berühmten Wildcards kamen sie nicht im entferntesten heran. Manchmal wünschte er
sich, das Kommando über die Wildcards zu haben. Dank seiner Beziehungen wäre er sicher
bald Lieutenant Colonel. Wer weiss, vielleicht würde er sogar noch in diesem Krieg zum
Major befördert werden. Immerhin hatte er bereits viel geopfert und Aerotech vergass so
was nicht. Wenn West und Hawkes und auch Ross wüssten, wieviel Macht Aerotech im Militär
wirklich hatte... Es erschien ein gehässiges Grinsen auf seinem Gesicht. Früher oder
später würden sie es alle erfahren.
Andersons flaues Gefühl schien sich mal wieder zu
bestätigen. Sie hatten gerade ein Drittel ihres Weges geschafft, als sie von einer ganzen
Staffel Chigs angegriffen wurden. Die Pilote hielten sich recht wacker, bis Anderson ein
Mayday-Signal hörte. Es kam von Lewis.
"Lewis... Lewis... Melde dich!"
"Captain, hier Lewis. Ich habe die Kontrolle über meine Maschine verloren..."
Man konnte die Verzweiflung in ihrer Stimme hören und Anderson wusste bereits in diesem
Moment, dass sie Lewis verlieren würden.
"... nichts funktioniert mehr. Ich..."
In dieser Sekunde wurde ihr Hammerhead von einem Chig getroffen und ihre Maschine
explodierte. Chris ließ einen verbitterten Fluch los und heftete sich hinter den Chig, um
ihn kurze Zeit später ins Jenseits zu befördern. Bald darauf kehrten die restlichen
Chigs um. Außer Lewis hatten es alle überlebt.
"58, hier Captain Morris!" Es war der Pilot des
Transporters.
"Es tut mir leid um Ihre Kameradin, aber wir müssen so schnell wie möglich zur USS
Valley Forge."
"Verstanden. Wir sind sofort da."
Nachdem das 58ste die Valley Forge erreicht hatte, machte sich
Colonel McQueen wieder auf den Weg zur Krankenstation. Die Einheit hatte wieder einen
Piloten verloren, Lieutenant Lewis. Sie war eine gute Pilotin gewesen und dazu ein netter
Mensch. Noch eine dieser grausamen Bestattungen...
Vor Hawkes Tür blieb er kurz stehen. Cooper lag auf dem Bett und schien
nachzudenken. West war nicht zu sehen. Wieviel ihm diese Jungs bedeuteten... Es war
verrückt, aber er hatte nichts daran ändern können, auch wenn er es anfangs verdrängt
hatte.
Mittlerweile hatte er sich mit diesem Gefühl abgefunden und er ertappte sich öfters
dabei, dass er es sogar genoss. Leider war das in letzter Zeit nicht der Fall gewesen, da
drei seiner Kids noch vermisst waren. Während McQueen seinen Gedanken nachgegangen war,
hatte Cooper ihn bereits durch das Fenster gesichtet. Er wunderte sich, dass er nicht
hereinkam. Aber McQueen zu verstehen, war wohl seine größte Herausforderung. Ein
schwerer Hustenanfall von Cooper riss McQueen aus seinen Gedanken. Er trat ein und blieb
neben dem Bett mit besorgter Miene stehen.
"Vielleicht sollte ich den Ärzten doch sagen, dass sie Ihnen die Medikamente geben
sollten."
Cooper schüttelte entschlossen den Kopf. "Lieber nicht, sir. Ich hatte schon genug
Mühe, mich nach dem... Verlust der anderen von den grünen Pillen fernzuhalten."
"Ich bin froh, dass Sie das getan haben. Nicht mal Nathan hätte das alleine
geschafft."
"Nathan hätte mich eigenhändig über Bord geworfen, was?"
Mit einem Lächeln setzte sich McQueen. Eine Weile schwiegen beide. McQueen überlegte, ob
er Hawkes von Lewis erzählen sollte. Er hielt es für besser, damit noch zu warten. Und
Cooper suchte nach den richtigen Worten, um McQueen nun doch nach seinem Bruder zu fragen.
"Äh... Colonel..."
McQueen sah ihn an. "Ja, Cooper?"
"Mein Bruder... Jordan... Sie hatten mir gesagt, dass ich zu Ihnen kommen kann, wenn
ich bereit wäre."
"Und sind Sie sicher, dass Sie das sind?"
Trotz des geschwächten und kranken Zustandes wirkte Cooper nicht im geringsten unsicher
oder zweifelnd. Nachdem Hawkes genickt hatte, fragte er Cooper, was er wissen wolle.
"Wie alt ist er? Und was macht er? Geht es ihm gut?"
"Eins nach dem anderen, Cooper," unterbrach er ihn. "Also, zu allererst:
Ich habe ihn nur einmal getroffen und kenne ihn nicht gut genug, um Ihnen all Ihre Fragen
zu beantworten." Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: "Er ist 22 Jahre alt und
sieht Ihnen sehr ähnlich."
Cooper grinste verlegen, als er das hörte.
"Als ich ihn getroffen hatte, spielte er in einem Park von Miami auf seiner Gitarre.
Ich würde sagen, dass er ebenso gut Gitarre spielen kann wie Sie schießen können."
"Also wurde er weder zum Minenarbeiter noch zum Soldaten gezüchtet."
"Hawkes, InVitros werden nicht mehr zu irgend etwas gezüchtet."
"Natürlich werden sie das. Kate..." Cooper stockte. Die Erinnerung an seine
Schwester schmerzte ihn heute noch genauso wie damals.
"Kate wurde zu dieser Mine verfrachtet und ich wurde fürs Kämpfen
ausgebildet. Was denken Sie denn, wieso ich so gut schießen kann?"
Darauf hatte auch McQueen nichts zu entgegnen.
Trotz der Pro-InVitro-Kampagne und all den Fortschritten waren InVitros das geblieben, was sie immer gewesen waren: Menschen zweiter Klasse. Es hieß zwar, dass die InVitro-Truppen für das Militär aufgelöst worden waren, doch er war sich sicher, dass das nicht für alle zutraf. Manche InVitros hatten spezielle Gene und es würde ja ein Verlust sein, wenn diese ungenutzt blieben. InVitros wie z. B. Hawkes konnten für viele Dinge eingesetzt werden. Er kannte Cooper gut genug, um zu wissen, dass er wahrscheinlich eine Sonderausbildung für Geheimaufträge oder etwas in dieser Richtung genossen hatte. Cooper hatte nie über diese Dinge geredet und das einzige, was McQueen wusste, war, dass Cooper bereits einen Natürlichgeborenen getötet hatte. Das und die Tatsache, dass Hawkes aus der Erziehungseinrichtung ausbrechen konnte, indem er einen Aufseher ermordet hatte. Bei seiner möglichen Ausbildung wäre das nicht mal eine schwierige Sache gewesen. Und es würde erklären, wieso Cooper deswegen nie zur Verantwortung gezogen worden war. Man hätte zuviel erklären müssen. Stattdessen hatte man ihn bei einer späteren Verhaftung zum Militär geschickt. Keine schlechte Lösung, wie er fand. Aber es waren alles nur Spekulationen und Cooper würde sicher nicht gerade erfreut über derartige Fragen sein. Allerdings...
"Cooper... Sie wurden doch zur selben Zeit zum Militärdienst
verurteilt, als die Kolonisierung von Vesta und Tellus begann. Wissen Sie eigentlich, dass
es sehr unüblich ist, InVitros dazu zu verurteilen?"
Cooper sah ihn fragend an. "Worauf wollen Sie hinaus?"
Als McQueens Gesicht blass wurde, hakte er nach. "Colonel, was..."
"Sie müssen mir sagen, wann Sie den Natürlichgeborenen getötet haben, Cooper. Es
ist wichtig."
Coopers Augen verkleinerten sich. Dieser alte misstrauische Blick erschien.
"Wieso?"
"Lieutenant, bitte. Ich werde Ihnen alles erklären."
Cooper zögerte noch ein wenig. Ihm gefiel das ganz und gar nicht. Dennoch fing er an.
"Es war einer der Aufseher in der Erziehungseinrichtung. Ich sollte liquidiert
werden, da ich fehlerhaft war. Ich habe nur das angewendet, was ich die Monate zuvor
gelernt habe."
McQueen stöhnte innerlich auf. Er hatte richtig gelegen.
"Warum wollen Sie das wissen, Colonel?"
"Haben Sie sich nie gefragt, wieso Sie damit durchkamen? Spätestes bei Ihrer
Verhaftung hätte es rauskommen müssen."
Cooper nickte. Natürlich hatte er sich das gefragt und nicht nur einmal. Irgendwann gab
er sich damit zufrieden, dass sich niemand mehr darum kümmern würde.
"Ich... ich verstehe trotzdem nicht..."
McQueen zog den Stuhl näher zum Bett heran. "Wie es aussieht, gibt es doch noch
InVitros, die zu Soldaten ausgebildet werden. Allerdings wäre das illegal. Also konnte
man Sie nicht zur Rechenschaft ziehen, ohne selbst aufzufliegen. Und was macht man in
solch einem Fall?"
"Man zieht ihn selbst zur Rechenschaft," meinte Hawkes leise.
"Oder..." McQueen zog die Augenbrauen hoch, "man schickt diesen Jemand zum
Militär, wo er höchstwahrscheinlich sterben wird."
"Wieso das denn? Zu dem Zeitpunkt wusste man doch noch gar nichts von den
Chigs."
McQueen sagte nichts, sondern sah Cooper nur eindringlich an, bis dieser die Augen
schloss, als er begriff.
"Es sei denn, Aerotech hätte es gewusst. Oh man... paranoid." Cooper seufzte.
"Aber ist das kein zu großes Komplott für einen entflohenen Tank?"
"Ich muss Sie enttäuschen. Es geht nicht um Sie, sondern um das, was ans Licht
kommen könnte."
"Okay, aber... wie konnte mich das Gericht zu etwas verdonnern, worüber sie gar
nicht Bescheid wissen können."
McQueen rieb sich die Augen. Er hatte auch darauf eine Vermutung, doch es war einfach zu
verrückt. Es konnte ja nicht jeder in diese Verschwörung, oder wie immer man es nennen
mag, verwickelt sein. Aber auf seine Art und Weise machte es Sinn.
"Lassen wir das, Cooper. Es sind alles nur Vermutungen und soweit ich mich erinnern
kann, sind Sie noch gar nicht fit für solche Dinge."
Der Colonel stand von seinem Stuhl auf und beugte sich leicht über seinen Lieutenant.
"Aber wenn auch nur ein Funken davon stimmt..." flüsterte er, ohne den
angefangenen Satz zu beenden.
Cooper erwiderte nichts. Er war zu verwirrt und fühlte sich plötzlich sehr müde. Immer
wieder Aerotech... das konnte doch kein Zufall sein. Aber er war dafür nicht der
Richtige. Ihm war es letztendlich egal, wieviele Verschwörungen es gab. Natürlich machte
es ihn wütend, aber wenn er darüber nachdachte, was ihm anstelle des Militärdienstes
geblüht hätte... Er hatte oft von InVitros gehört, was mit ihnen in den Gefängnissen
gemacht wurde... Damals verstand er es nicht so genau, aber jetzt wusste er, dass es für
ihn die Hölle gewesen wäre. Hier hatte er wenigstens seine Freunde; die ersten in seinem
Leben. Keiner auf der Saratoga würde es wagen, ihm etwas derartiges anzutun. Viele
InVitros wurden in Gefängnissen missbraucht und vergewaltigt und niemanden störte es.
Ihm war dieses Schicksal erspart geblieben und trotz des Krieges sollte er froh darüber
sein.
McQueen konnte sehen, wie hart es für Cooper war, dies alles zu verarbeiten. Deswegen
wollte er ihm Zeit geben, sich ein wenig auszuruhen. Bevor er das Zimmer verliess, die
Tür bereits in der Hand, drehte er sich noch einmal um. "Und Cooper... Sie werden
Ihren Bruder sehr wahrscheinlich bald kennenlernen. Er hat nämlich vor, dem Corps
beizutreten." Dann ging er.
Cooper zuckte währenddessen zusammen. Sein Bruder hatte vor, sich freiwillig fürs Corps
zu melden? Natürlich war er neugierig auf ihn; er wollte ihn auf jeden Fall kennenlernen,
aber er hatte schon genug Freunde sterben sehen. Dasselbe konnte auch Jordan passieren.
Und wenn er einen ebenso unfähigen Vorgesetzten bekam wie damals Nathans Bruder
Neil? Neil... Cooper hatte gesehen, was der Verlust von seinem kleinen Bruder Nathan
angetan hatte. Normalerweise hatte sich Nathan immer unter Kontrolle; hatte seine
Emotionen im Griff, abgesehen von ein paar Ausrutschern am Anfang. Aber mit der Zeit
lernte Nathan, damit umzugehen. Nathan hatte wohl genauso getrauert wie jeder andere, wenn
ein Mitglied ihrer Einheit umgekommen war. Dennoch hatte er es nie so gezeigt, bis zu dem
Tag, wo er seinen Bruder in den Armen hielt; den leblosen Körper seines kleinen Bruders
Neil. Es gab keine Garantie, dass das nicht auch ihm passieren konnte. Das würde er nicht
verkraften. Nicht, nachdem bereits seine Schwester tot war. Kate... wie sollte er dies
Jordan jemals vernünftig erklären können? Immerhin hatte er selbst ihre wohl einzige
Schwester ermordet. Die Schuldgefühle deswegen hatten seitdem kein bisschen nachgelassen
und er bezweifelte, dass sich das auch je ändern würde. Jordan war seine einzige Chance,
noch einmal das Gefühl von einer "richtigen" Familie zu erleben.
Und das hier, an der Front.
In der Zwischenzeit war der Rest des 58sten auf der Valley Forge angekommen. Es hatte keine weiteren Zwischenfälle gegeben, was aber die Stimmung nicht verändert hatte. Sie alle hatten Lewis gemocht und nachdem sie erfahren hatten, dass sie noch vier Stunden Aufenthalt hatten, gingen sie in die Taverne, wo sie sich gemeinsam an einen Tisch setzten und auf ihren Abflug warteten.
"Ich weiß ja nicht, wie's euch geht, aber ich habe es langsam
satt, meine Freunde in diesem Krieg zu verlieren."
"Dann sei einfach nur ein guter Marine und halte deine Klappe," zischte Anderson
zu Conroy.
"Du wagst es, dein Maul aufzumachen? Du elender..."
"Hey, wir haben eine Kameradin verloren. Wir sollten ihr die Ehre erweisen, mal nicht
zu streiten."
Sam nickte Robert zu. Es war gut gewesen, dass Robert sie unterbrochen hatte. Seitdem sie
über Anderson Bescheid wusste, fiel es ihr immer schwerer, sich normal zu verhalten. Aber
wenn Anderson wüsste, dass sie ebenso eingeweiht war wie Cooper und Nathan, würde sie
vielleicht in Schwierigkeiten kommen und das war etwas, was sie nicht vorhatte.
Eine Zeitlang saßen sie schweigend da und jeder von ihnen ging
seinen eigenen Gedanken nach, bis vier junge Marines hereinkamen. Sam hätte es nicht
registriert, wenn sich Anderson nicht plötzlich versteift hätte. Sein Blick fixierte
einen der Marines und Sams Neugierde war geweckt.
"Ähm... was haltet ihr davon, mal nach unseren Maschinen zu sehen? Vielleicht
können wir unsere Zeit hier etwas nutzvoller gestalten." Sie alle stimmten Anderson
zu und machten sich auf den Weg. Als sie die Marines passierten, die soeben herein
gekommen waren, bemerkte Sam ein flüchtiges Nicken von Anderson zu einem der Marines mit
dem Namen Bourne.
Doch dieser sah nur mit einem eiskalten Blick zurück. Daraufhin blieb Sam stehen. Nachdem
ihre Kameraden die Taverne verlassen hatten, ging sie wieder zu diesem Tisch und setzte
ein freundliches Lächeln auf.
"Hi. Ich bin Sam Masters und..."
"Es ist mir egal, wer du bist. Du bist in der Einheit von diesem Schweinehund. Das
sagt schon alles."
"Du kennst Anderson?"
Bourne lachte. "Anderson? So nennt er sich also..."
"Ich verstehe nicht, was..."
Bourne nahm sein Glas und entschuldigte sich bei seinen Kumpels. Dann meinte er zu Sam,
dass er sich mal mit ihr unterhalten müsse.
"Über was?" fragte sie, während sie sich an einen Tisch in der Ecke setzten.
"Über... Anderson." Sein Ton verriet nichts gutes.
"Von mir aus. Woher kennst du ihn?"
Nach einem langen Schluck und einem intensiven Blick in ihre Augen antwortete er leise:
"Er ist mein Bruder."
Sam stutzte. Sie hatte nicht gewußt, dass Anderson einen Bruder hatte, der ebenfalls im
Corps war und noch mehr irritierte sie die Art, wie sie sich zueinander verhalten hatten.
"Dein Bruder? Dann heißt Anderson also Bourne. Aber wieso..."
"Nein," seufzte er, "sein richtiger Name... unserer... ist Wayne."
Alle Farbe wich aus Sams Gesicht. Sie hatte mit vielem gerechnet, was Anderson anging,
aber was sie soeben gehört hatte, machte ihr Angst.
"Meinst... meinst du E. Allen Wayne, den ehemaligen Chef von Aerotech?"
"Den meine ich. Er war unser Vater."
Sam schloß die Augen. "Verdammt... das kann doch nicht wahr sein. Wie..."
"Warte. Bevor ich dir noch mehr erzähle, solltest du dir im klaren sein, dass all
das gefährlich für dich sein könnte."
"Oh und ich dachte, im Krieg zu sein, ist ungefährlich."
Bourne grinste schwach. "Na gut, wie du willst. Kyle ist 3 Jahre älter als ich.
Meine Mum bekam mich zu einer Zeit, wo die Ehe meiner Eltern bereits am Ende war. Aber
wegen uns blieben sie zusammen, dachte ich zumindest immer. Dad arbeitete bei Aerotech,
seitdem er 23 war. Seine ganze Zeit verbrachte er in dieser Firma. Aber um es weit zu
bringen, musste man eine heile Familie vorzeigen können. Ein paar Jahre ging es noch gut.
Dann fing Dad an, Kyle mit in die Firma zu nehmen. Ich war damals sehr eifersüchtig, da
er soviel Zeit mit ihm verbrachte, während ich immer zu Hause bei Mum bleiben musste.
Abends, wenn wir schon im Bett sein sollten, hörten wir sie miteinander streiten. Ich war
14, als sich meine Eltern entschlossen, sich zu trennen. Sie nahm mich mit; Kyle blieb bei
Dad. Später fand ich heraus, dass meine Mum von Dads Geschäften wusste und sie gedroht
hatte, alles publik zu machen, wenn er nicht endlich in eine Scheidung einwilligen würde.
Er hatte nur eine Bedingung: Er wollte Kyle. Natürlich wollte Mum darauf nicht eingehen,
aber er bedrohte sie. Letztendlich kam es so und ich verlor Dad und Kyle aus den Augen.
Nach und nach fand ich heraus, was wirklich abging und als meine Mum starb, kam ich wieder
zu Dad. Es waren nur 3 Jahre gewesen, aber Kyle hatte sich verändert. Er arbeitete
mittlerweile ganz bei Aerotech. Ich bekam alles so am Rande mit, aber es gefiel mir
überhaupt nicht.
Ach, Kyle war inzwischen auch verheiratet. Mary war ein nettes Mädchen. Jedenfalls
stellte sie eine Menge Fragen, leider zu einem Zeitpunkt, wo sie schwanger wurde.
Irgendwie bekam sie etwas wichtiges mit, was sie nicht hätte erfahren dürfen. Kurz
darauf hatte sie einen Unfall und starb. Das war vor ungefähr dreieinhalb Jahren."
Bourne stoppte hier mit seiner Erzählung und sah Sam genau an. "Du weißt, was ich
damit meine?"
Sam schluckte. "Was? Die Sache, dass sie etwas wichtiges mitbekam, was sie nicht
hätte hören dürfen, kurz vor der Kolonisierung oder dass sie daraufhin einen Unfall
hatte."
Er nickte. "Gut, du hast beides erraten."
"Willst du damit etwa sagen, dass Kyle seine Frau und sein ungeborenes Kind hat
umbringen lassen?"
"Genau das. Und weißt du, was er zu dieser Zeit machte? Er war mit seinem Vater auf
einer Party, um auf die Kolonisierung anzustoßen."
"Das..." Sam schüttelte den Kopf. "Das kann ich nicht glauben. Er ist...
er ist doch ein Mensch."
"Alle, die bei Aerotech arbeiten, verkaufen ihre Seele. Sie gehen über Leichen, um
an ihr Ziel zu kommen."
"Und du... du weißt doch auch Bescheid. Vielleicht kannst du..."
"Ich kann froh sein, wenn ich überlebe. Es wäre wohl richtig, alles ans Licht zu
bringen, aber ich hätte nie den Hauch einer Chance. Aerotech hat überall seine Leute
sitzen. Und wenn ich sage überall, dann meine ich das auch."
"Was ist passiert, dass ihr euch jetzt so anfeindet?"
Ein wenig überrascht sah er Sam an. "Ich habe dir doch erzählt, was passiert ist.
Wie kann ich mich ihm gegenüber normal verhalten, wenn ich das alles weiß?"
"Hast du keine Angst, dass du auch... einen Unfall haben wirst?"
Mit gesenktem Kopf nickte er. "Mit dieser Angst lebe ich schon mein ganzes Leben.
Nachdem Dad bei dieser Explosion getötet worden ist, wurde es noch schlimmer."
"Wieso?" wollte Sam mit hochgezogenen Augenbrauen wissen.
"Weil Dad nie so kaltblütig war wie Kyle. Kyle ist ein Monster. Er hat seine eigene
Frau samt dem ungeborenen Kind töten lassen, während er auf dieser Party mit einer
anderen geflirtet hat. Dad... er hat Mum leben lassen. Sie umzubringen, hätte er nie
gekonnt. Solange Dad noch am Leben war, war Kyle unter Kontrolle. Aber nun... ich würde
dir raten, ihm nie deinen Rücken zuzukehren. Und sage ihm nie, dass du es weißt. Wie ich
schon sagte, für die Firma hat er seine Seele verkauft und wenn er seine Familie töten
konnte, hat er bei dir sicher keine Probleme."
Fassungslos nickte Sam und faltete ihre Hände hinter dem Kopf.
"Aber wieso ist er bei den Marines? Er hat doch alles, was er will. Das verstehe ich
nicht."
"Du bist bei den Wildcards. Ich denke, ihr sollt kontrolliert werden. Irgendwas
müsst ihr verbrochen haben, damit Aerotech auf euch aufmerksam geworden ist. Aber da kann
ich dir leider nicht weiterhelfen."
Sam hatte genug gehört und stand auf. "Danke für alles..." "Tim. Mein
Vorname ist Tim."
"Danke für alles, Tim. Und Gott schütze dich."
Er grinste. "Falsch. Wir Marines sagen es anders."
"Semper Fi." flüsterte Sam.
"Semper Fi." wiederholte Bourne
"Masters, wo warst du denn? Ich hatte doch gesagt, dass wir
während unseres Aufenthaltes hier zusammen bleiben. Ich will keinen Ärger mit anderen
Piloten haben."
Sam musterte Kyle eindringlich. Er sah nicht wie ein kaltblütiger Killer aus, der seine
Frau samt Kind töten konnte. Dennoch sagte ihr Gefühl, dass Tim Bourne die Wahrheit
gesagt hatte. Wie konnte sie sich nun noch normal verhalten?
"Masters, ich habe dir eine Frage gestellt." Sein Blick hatte sich verändert.
Sam befürchtete, dass er zwei und zwei zusammen zählen würde und dachte an Tims
Warnung.
"Ich hatte keinen Ärger. Ich wollte im PX etwas für Cooper holen, aber sie hatten
nur denselben Schrott wie auf der Saratoga. Sorry. Das nächste Mal sage ich dem
Babysitter vorher, wenn ich mich absetze, okay?" Kyle nickte. "Schon okay.
Solange du keinen Mist baust..."
"Hey Coop, alles klar bei dir?" Nathan hatte eines dieser
überglücklichen Grinsen im Gesicht, als er sich einen Stuhl heranzog und sich hinsetzte.
"Ich fühle mich beschissen. Wann kommt Sam wieder?"
Nathan zuckte mit den Schultern. "Hätte ich gewusst, dass dich meine Anwesenheit so
nervt, wäre ich weggeblieben."
Nach einem Hustenanfall meinte Cooper leise: "So war das nicht gemeint. Ich..."
Mit einem Grinsen fühlte Nathan Coopers Stirn. "Schon gut. Hab schon
verstanden. Deine Temperatur will einfach nicht sinken. Was haben die Ärzte gesagt?"
"Ohne die Medikamente dauert es eben länger. Aber es ist besser so."
Verständnisvoll nickte Nathan. McQueen hatte ihm die Situation geschildert und es war
wirklich sicherer, Cooper nicht diesem Risiko auszusetzen.
"Wo warst du eigentlich?"
"Ich habe etwas erledigt." Da Cooper diese Antwort nicht zufriedenstellte, was
sein Gesichtsausdruck mehr als nur deutlich zeigte, fuhr Nathan also fort und erzählte
ihm, dass er einen Brief an Kylen geschrieben hatte.
"Was... was schreibt man denn so in solchen Briefen?"
"All das, was man nicht hat sagen können, als man die Möglichkeit dazu hatte."
"Und das wäre?"
Nathan räusperte sich und rutschte nervös auf dem Stuhl hin und her. "All das, was
man nicht sehen kann."
Nun verzog Cooper ganz das Gesicht. "Du weißt, dass ich das nicht verstehe. Kannst
du mir es nicht so erklären, so dass ich es tue?"
"Das ist schwer, Coop. In Briefen schreibt man Dinge nieder, bei denen einen der Mut
verliert, wenn diese Person einem in die Augen schaut. Es ist leichter, seine Gefühle zu
Blatt zu bringen, als sie jemandem ins Gesicht zu sagen. Hast du es denn nie
versucht?"
Cooper stieß mit dem Husten zugleich ein Lachen aus. "Wem
hätte ich schon schreiben können?"
"Gab es nie jemanden, den du früher gemocht hast?"
Mehr als ein Kopfschütteln brachte Cooper nicht zustande.
"Bist du sicher? Du musst doch zumindest jemanden gehabt haben, der dir in der ersten
Zeit geholfen hat."
Abermals schüttelte er den Kopf.
"Tut mir leid. Ich hatte immer angenommen, dass..."
"Wer kümmert sich schon um Tanks? Weißt du eigentlich, wie viele von uns auf der
Straße verhungert sind oder erfroren? Ich bin immer davon gerannt, wenn ich so was mal
wieder gesehen habe, aber ich werde diese Bilder nie vergessen. Es gab da jemanden... sein
Name war George. Ein alter IV. Er hat mir gezeigt, wie man auf der Straße überlebt,
ohne..."
"Ohne dich zu verkaufen, ich weiß," beendete Nathan den Satz. "Es tut mir
leid, dass mit dieser Suzie auf der Bacchus. Ich dachte..."
"Vergiss es. Und denken sollen wir hier auch nicht, erinnerst du dich?"
Nathans Gedanken schweiften fast zwei Jahre zurück und er befand sich wieder in
Loxley, während Bougus ihnen mal wieder eine Lektion erteilte. Wie immer hatte Pags nach
einer eigenen Maschine gefragt, woraufhin der Sergeant Major sie zum extra Training
verdonnert hatte. Eigenartigerweise war ihm deswegen nie einer böse gewesen, obwohl ihre
Ausbildung auch so schon hart gewesen war.
"Coop... du weißt vielleicht noch, dass ich dir erzählt habe, dass ich in dieser
Höhle von Pags geträumt habe. Jedenfalls kann ich mich kaum noch daran erinnern. Dass,
was ich weiß, hat mit dir zu tun, aber verstehen tue ich es dennoch nicht."
"Worum geht's?"
"Ich... ich soll dir von ihm sagen, dass er es weiß. Was auch immer das
heißt."
Cooper erschrak. Wie konnte Nathan das wissen? Das letzte Mal, wo er an Pags Grab gewesen
war, hatte er versucht, mit Pags zu reden. Aber wie soll man mit einem Toten sprechen,
wenn man es noch nicht mal bei Lebenden schafft? Es hatte ihn lange beschäftigt, aber
das, was ihm Nathan gerade gesagt hatte, machte auf wunderbare Weise sogar Sinn. Pags
hatte ihn damals am Grab verstanden, und das wollte er ihm durch Nathan mitteilen. Er
wusste nicht wie, aber er hatte aufgehört, nur an das zu glauben, was sichtbar war.
"Ich weiß, was es heißt, Nathan. Danke."
Nathan runzelte die Stirn. "Ich nehme an, du kannst es mir nicht erklären,
was?" Mit einem Seufzer machte er klar, dass er nicht mit einer positiven Anwort
rechnete.
"West, seitdem ich hier liege, muss ich die ganze Zeit an Shane, Phousse und Paul
denken," meinte Cooper leise. "Wir werden sie niemals finden, hab ich
recht?"
Nathan wich Coopers Blick aus. "Wir werden sie finden. Du darfst nicht aufgeben,
nicht jetzt. Kylen habe ich doch auch gefunden, obwohl ich nicht wusste, ob sie überhaupt
noch lebt."
"Das ist was anderes..."
"Wieso? Wieso ist das was anderes, Coop? Es ist genau dasselbe. Der einzige
Unterschied ist, dass ich diesmal nicht alleine bin. Aber wenn du aufgibst, schaffen wir
es nicht. Du musst einfach daran glauben."
Cooper schüttelte den Kopf. "Ich kann nicht. Ich rede es mir immer ein,
aber..."
Als Nathan Cooper ansah, sah er wieder das Kind vor sich. Ein Kind, das niemals Eltern
gehabt hatte und von dem verlangt wurde, zu vertrauen, ohne jemals das bedingungslose
Vertrauen der Familie gespürt zu haben. Viele Menschen hatten schon Probleme, einem
anderen zu vertrauen, obwohl sie als Kinder ihren Eltern ohne wenn und aber vertraut
hatten. Wie sollte Cooper dies können, wo er in seinem gesamten Leben nur verraten und
verletzt worden war? Die eineinhalb Jahre mit ihnen, den Wildcards, waren nicht lange
genug, um seine ersten Jahre wieder wett zu machen. Das würde wohl nie geschehen.
"Schon gut. Ich verstehe, was du durchmachst, aber du darfst
nicht aufgeben, es wenigstens zu versuchen. Es ist verdammt hart, dass weiß niemand
besser als ich. Dennoch darfst du nicht zulassen, dass Leute wie Anderson gewinnen. Sie
können dir nicht einfach deine Freunde... deine Familie wegnehmen, ohne dass du etwas
dagegen unternimmst. Shane, Vanessa und Paul verlassen sich auf uns. Das ist das einzige,
was sie am Leben hält. Wir dürfen sie nicht im Stich lassen. Das sind wir ihnen
schuldig, meinst du nicht auch?"
Cooper schluckte. Er fühlte sich schuldig dafür, dass er nah dran war, seine Familie zu
verraten, indem er aufgab. Aber er hatte Nathan, der dies nicht zulassen würde. Er würde
es niemals zugeben, aber er bewunderte Nathan deswegen. Es war so einfach, aufzugeben,
wenn alles dagegen sprach, und so schwer, es nicht zu tun. Und egal, was auch passierte,
Nathan nahm jeweils den harten Weg.
"Solange du da bist, kann ich sie gar nicht im Stich lassen. Du hast mir schon einmal
gezeigt, dass du dich nicht scheust, mir Verstand einzuprügeln."
Beide lachten, als sie an ihre "Anfangszeit" dachten und bemerkten nicht, wie
Colonel McQueen ganz leise die Tür schloß. Er hatte nicht vorgehabt, Hawkes und West zu
belauschen, aber als er die Tür geöffnet hatte, schienen sie sich gerade über etwas
wichtiges zu unterhalten und McQueen wollte sie nicht unterbrechen. Was er daraufhin
gehört hatte, machte ihn so unglaublich stolz, dass er es selbst kaum begriff.
Als ein paar Minuten verstrichen waren, trat der Colonel dann doch ein. Seine Jungs
spielten Karten und wie es aussah, gewann Cooper. So wie McQueen Nathan einschätzte, ging
das nicht mit rechten Dingen zu...
"Lieutenants... wie geht es unseren beiden Patienten?"
"Ich bin kein Patient mehr, sir. Der Doc meinte, ich wäre wieder fit."
"Auf jeden Fall fit genug, um mich im Boxring zu schlagen." Alle drei grinsten.
"Ich wollte nur Bescheid sagen, dass Ihre Einheit bald wieder zurück ist. Abgesehen
von..." Seine Miene verfinsterte sich."... Lewis. Sie wurde getroffen."
Mit einem Kopfnicken nahmen es beide zur Kenntnis. Dies erinnerte McQueen an etwas, was er
einmal gelesen hatte. Es war ein Zeitungsartikel aus dem Vietnamkrieg. Er lautete:
*Nach fast drei Monaten in Lt. Johnsons Einheit kam ich langsam zu der Erkenntnis, dass es für Tränen keine Zeit gibt im Krieg. Langsam deshalb, weil ich bei diesen Männern, die hier kämpfen, mehr Menschlichkeit und Ehrlichkeit entdeckt habe, als mir je vorher begegnet ist. V.H. Lawrence hat gesagt, der Krieg bereitet nur Schmerzen und doch machten Lt. Johnsons Männer weiter, ohne ihre Freunde, ohne ihre Unschuld, ohne ihre Tränen. Man fragt sich wieso. Die Antwort ist einfach: Weil sich alle guten Soldaten ihre Trauer aufheben, bis der Krieg vorbei ist. *Nach fast drei Monaten in Lt. Johnsons Einheit kam ich langsam zu der Erkenntnis, dass es für Tränen keine Zeit gibt im Krieg. Langsam deshalb, weil ich bei diesen Männern, die hier kämpfen, mehr Menschlichkeit und Ehrlichkeit entdeckt habe, als mir je vorher begegnet ist. V.H. Lawrence hat gesagt, der Krieg bereitet nur Schmerzen und doch machten Lt. Johnsons Männer weiter, ohne ihre Freunde, ohne ihre Unschuld, ohne ihre Tränen. Man fragt sich wieso. Die Antwort ist einfach: Weil sich alle guten Soldaten ihre Trauer aufheben, bis der Krieg vorbei ist. *
Eine Stunde später schaute Sam ins Zimmer von Cooper rein. Er und
Nathan spielten noch immer Karten, aber sie kannte das Spiel nicht. Jedenfalls spielten
sie nicht um Geld, soviel konnte sie erkennen.
"Äh, hallo Leute, darf ich stören?"
Ein breites Grinsen erschien auf Coopers Gesicht, was Nathan dazu brachte, schnell
wegzusehen, bevor er laut loslachen musste. Es war für ihn einfach noch zu ungewohnt.
"Hi. Ich habe schon auf dich gewartet."
Nathan stand auf. "Daran hat er mich alle 5 Minuten erinnert."
Verschämt sah Sam zu Boden. Dann holte sie tief Luft. "Habt ihr schon von Lewis
gehört?"
Beide nickten.
"Also, ich gehe jetzt mal. Ich..."
"Warte Nathan, ich habe euch beiden was zu erzählen. Ich habe auf der Valley Forge
jemanden kennengelernt. Sein Name ist Tim Bourne."
Coopers Blick wurde mißtrauisch. Was war hier los?
"Ja... und?"
Sie setzte sich zu Cooper aufs Bett und nahm seine Hand in die ihre. "Er ist der Sohn
von Allan Wayne und zugleich Kyle Andersons Bruder."
"Was?" entfuhr es Nathan.
"Wie geht das?" fragte Cooper.
"Anderson arbeitet nicht nur für Aerotech, sondern hat anscheinend auch ziemlich
viel Einfluss. Sein Vater und seine Mutter ließen sich vor ein paar Jahren scheiden,
deswegen haben Tim und Kyle kein sonderlich enges Verhältnis. Im Gegenteil, wenn Tim
nicht aufpasst, bringt Kyle ihn genauso um wie seine eigene Frau und das Kind."
Nathan wagte gar nicht zu fragen, was Sam damit meinte. Sam bemerkte dies.
"Ja, unser Captain hat seine Frau und sein ungeborenes Kind töten lassen, da sie
etwas über die bevorstehende Kolonisierung erfahren hat. Naja, da kommt einem ja die
Frage auf, welch großes Geheimnis das hat sein müssen, für dieses Opfer..."
Nun strich Sam mit ihrer Hand über Coopers Gesicht. "Wie geht es dir?"
Verwirrt schüttelte er den Kopf. "Wie soll's mir schon gehen? Und dieser Bourne hat
dir das einfach so erzählt?"
"Einfach so nicht. Er hat mich gewarnt, dass mich das in Schwierigkeiten bringen
kann..."
"Warum hast du nicht auf ihn gehört? Was ist, wenn Anderson davon was mitbekommen
hat? Wie kannst du nur so..."
"Coop..." ging Nathan dazwischen, "Sam weiß, was sie tut."
"Ja? Es reicht doch, dass Shane..."
"Scheiße, ich bin nicht Shane!" schrie Sam plötzlich. "Ich versuche nur
herauszufinden, was das alles bedeutet. Es ist mir bewusst, dass es gefährlich ist, aber
es betrifft nicht mehr nur euch beide, ist das klar? Und ich bin kein kleines Kind
mehr."
Beruhigend legte Nathan ihr eine Hand auf die Schulter. Sie schloß die Augen.
"Es tut mir leid, Coop. Aber du musst verstehen, dass ich nicht tatenlos herumsitzen
kann, während du und Nathan auf einem Rachefeldzug gegen Aerotech seid. Mit ihrem Handeln
haben sie nicht nur euch schlimme Dinge angetan, sondern allen Menschen. Ihr könnt das
nicht für euch selbst beanspruchen, vor allem, da ihr nicht alleine gegen sie ankommen
werdet. Laut Tim hat Aerotech überall Leute sitzen. Überall. Wahrscheinlich auch im
Militär. Vielleicht ist es die Krankenschwester, der Radaroffizier oder Ross
selbst."
"Nein, nicht Ross. Auf keinen Fall." Nathan wirkte sicher.
"Es war auch nur ein Beispiel. Aber ich hoffe, ihr wisst, was ich meine."
"Toll, wir können das nicht alleine durchziehen, aber vertrauen dürfen wir auch
niemandem. Und was bedeutet das?" Cooper sah erst zu Sam, dann zu Nathan. In beiden
Gesichtern las er dasselbe Ahnungslosigkeit.
"Ich weiß, ihr werdet das nicht gerne hören, aber ihr solltet euch eine Weile ruhig
verhalten. Wenn ihr..."
Sam sprach nicht weiter, als sie die Reaktionen in Coopers und Nathans Gesicht
sah. Nichts würde sie davon abhalten, nach ihren Freunden zu suchen. Und wenn es sie das
Leben kosten würde. Genau das machte Sam Angst.
"Wieso? Verstehst du denn nicht, dass ich dich nicht verlieren will?" Sie sah
beinahe flehend zu Cooper, welcher rasch den Blick senkte. Doch das wollte sie nicht
zulassen.
"Oh nein, Hawkes, diesmal nicht. Wieso gibst du dir und mir keine Chance? Wieso bist
du so davon besessen, Shane wiederzufinden, wenn du immer behauptest, sie nicht..."
Als sie seinen Blick sah, stoppte sie abrupt. Sie war zu weit gegangen, da war sie sich
plötzlich sicher. Aber irgendwie war sie auch erleichtert, dass sie es wenigstens einmal
angedeutet hatte. Sie hatte nun mal Angst um ihn und das konnte sie nicht mehr verbergen.
Das Gespräch mit Tim hatte sie so aufgewühlt, dass ihre Emotionen mit ihr durchgegangen
waren. Letztendlich hatte sie Cooper damit verletzt, sehr sogar. Das war das letzte, was
sie jemals wollte.
"Das hätte ich nicht sagen dürfen."
Nathan hatte sich die ganze Zeit rausgehalten, aber jetzt ergriff er das Wort.
"Das bist du, Sam, obwohl ich es verstehen kann."
"Wie schön, ich tue es nämlich nicht." Cooper machte einen wirklich verletzten
Eindruck und das zu Recht.
"Cooper, ich habe einfach nur Angst um dich. Ich weiß, wieviel dir deine Freunde
bedeuten, aber..."
"Sam, lass mich es ihm erklären, ja?"
Ein wenig überrascht sah sie Nathan an, ließ es ihn aber tun.
"Coop, erinnerst du dich an John Oakes, Shanes Freund? Als sie damals mit ihm
mitgeflogen ist, hattest du doch auch was dagegen, oder? Es lag nicht nur daran, dass du
das Gefühl hattest, sie würde uns verraten, sondern du hattest Angst, dass ihr etwas
passieren könnte, ohne das wir da sind, um ihr zu helfen, oder?"
Er nickte.
"Außerdem hast du befürchtet, dass sie uns.. dass sie dich wegen John verlassen
könnte, hab ich recht? Das ist in Ordnung, mir ging es ähnlich. Jetzt stell dir vor, du
wärst Shane und Sam du. Dann weißt du ungefähr, was in Sam vorgeht."
"Vanessa hat damals zu Paul gesagt, ich wäre eifersüchtig. Das habe ich zufällig
mitbekommen, als sie sich unterhalten haben. Bist du eifersüchtig, Sam?"
"Nein," fauchte Sam verärgert, aber sie wusste selbst, dass es nicht der
Wahrheit entsprach. Nathan schubste sie leicht an und sie meinte dann leise: "Naja,
vielleicht ein bisschen..."
"Aber wieso?"
"Weil ich das Gefühl habe, dass sich zwischen uns alles ändern wird, wenn Shane
wieder da ist. Und das ist kein schöner Gedanke."
Cooper setzte sich auf und hielt Sam seine Hand entgegen. Nach kurzem Zögern ergriff sie
diese. Nachdem sie sich wieder auf das Bett gesetzt hatte, hielt es Nathan für besser,
unauffällig den Raum zu verlassen.
"Warum denkst du das?"
"Ich habe manchmal das Gefühl, dass Shane zwischen uns steht."
"Solange ich nicht weiß, dass sie in Sicherheit ist, wird sie das auch. Ich muss
viel zu oft an sie, Vanessa und Paul denken." Und plötzlich begriff Cooper, was in
Nathan die ganze Zeit vorgegangen war. "Aber das heißt noch lange nicht, dass wir...
dass du mir nicht... genauso wichtig bist."
"Wirklich?" Sam lächelte verlegen und Cooper sah sie unschuldig an. Er wollte
mehr sagen, aber er konnte es nicht. Wie immer.
"Ich glaube, langsam sollte ich doch wissen, dass du anders bist als die übrigen
Typen. Du würdest so etwas nie machen, oder?"
Cooper schüttelte den Kopf.
"Es tut mir leid. Wirklich."
"Schon okay. Aber..." Er sah sie mit einem schelmischen Grinsen an.
"Aber... was??"
"Aber wenn du es wieder gutmachen willst, musst du mir nur einfach einen Kuss
geben."
Nun grinste auch Sam. "Und dann sage noch einer, du hättest keine Ahnung von solchen
Dingen..."
Ganz vorsichtig beugte sich Sam tiefer, damit Cooper sich nicht so anstrengen musste.
Seine Lippen waren ziemlich trocken, was Sam sofort veranlasste, den Kuß zu unterbrechen
und dem verdutzt dreinschauenden Cooper ein Glas Saft hinzuhalten.
"Du sollst viel trinken. Dann können wir weitermachen..."
Er nahm das Glas, trank es beinah vollständig aus und gab es Sam zurück.
"Zufrieden?"
"Beinahe. Jetzt musst du nur noch das fortsetzen, was du begonnen hast."
"Mit Vergnügen."
Ein zweites Mal spürte sie seine Lippen und sie wunderte sich, wie sehr sie dies in den
letzten Stunden vermisst hatte. Cooper war nicht der erste Junge gewesen, den sie geküsst
hatte, aber es war mit Sicherheit der erste, bei dem sie es richtig genoß. Alles spielte
in ihr verrückt, wenn Cooper in ihrer Nähe war; besonders, wenn er so nah war. Wieso
passierte ihr das ausgerechnet während eines Krieges, wo sie praktisch jede Sekunde
befürchten musste, dass Cooper verletzt werden könnte oder schlimmeres? Allein die
Vorstellung war unerträglich. Sie war sich sicher, dass sie das niemals verkraften oder
überwinden würde.
"Hey, bist du hier?" Sam blinzelte und sah in Coopers Augen.
"Was?" Sie zwang sich zu einem Lächeln. "Ich habe nur nachgedacht."
"Kommt jetzt wieder einer dieser hast-du-wieder-an-Shane-gedacht Sprüche?"
"Nein. Ich versuche, das nicht mehr zu tun. Auch wenn die Angst um dich dadurch nicht
verschwindet."
Sam bemerkte, dass sich Cooper nicht sehr wohl dabei fühlte. Das war immer so, wenn es um
Gefühle ging. Sie verstand dies natürlich, aber gleichzeitig fragte sie sich, ob sich
das jemals ändern könnte. Sie persönlich hätte keine Probleme damit, wohl aber Cooper.
In diesem Moment beschloss sie, irgendwann einmal McQueen aufzusuchen. Er könnte ihr da
sicher weiterhelfen. Falls er sie überhaupt so persönlich werden ließ.
"Nathan schien mir ziemlich aufgekratzt zu sein. Ist was besonderes passiert,
während ich weg war?"
"Hm-hm." Er schüttelte leicht den Kopf. "Er hat seiner Kylen
geschrieben."
"Sie hat ja wirklich Glück, jemanden wie Nathan gefunden zu haben. Kennst du
sie?"
Cooper schwieg. Er dachte an den Moment zurück, wo er sie das erste Mal wirklich gesehen
hatte. Es war kurz vor der Trennung von den Wildcards gewesen, wo noch alles in Ordnung
gewesen war.
"Coop?"
"Ja, ich kenne sie, flüchtig. Lassen wir das, okay?"
Als er seine Grübchen zeigte, musste Sam unwillkürlich grinsen. Er sah einfach zu
niedlich aus, aber sie würde sich hüten, ihm das zu sagen. Stattdessen fuhr sie sanft
über sein Gesicht, um ihn dann abermals zu küssen.
"Sam... du kannst dich ruhig eine Weile zu mir legen, wenn du müde bist. Nach so
einem langen Tag..."
Sam verkniff sich das Lachen über sein großzügiges Angebot und nahm es ohne Kommentar
an. Sie versuchte, so vorsichtig wie möglich zu sein, da sie genau wusste, wie
empfindlich Cooper in seinem Zustand war. Aber ein bisschen menschliche Wärme würde ihm
sicher nicht schaden. Während sie so dalagen, eng aneinander, dachte Sam zum ersten Mal
daran, mit Cooper zu schlafen. Im Gegensatz zu früher machte ihr dieser Gedanke keine
Angst mehr. Was wohl Cooper dazu sagen würde, wenn er in diesem Moment Gedanken lesen
könnte... Sam grinste.
"Was ist?" Cooper sah sie eindringlich an.
"Ich dachte nur gerade, wie schön es hier mit dir ist. Wie wohl ich mich bei dir
fühle."
Wie zu erwarten, antwortete er nicht, aber er drückte sie noch etwas enger an sich. Sie
konnte spüren, wie erhitzt sein Körper durch das Fieber war, aber es schien ein wenig
gesunken zu sein. Zumindest bildete sie sich das ein. Das gleichmäßige auf und ab seiner
Brust veranlasste Sam, die Augen zu schließen. Sie war wirklich müde, und obwohl sie
noch vor wenigen Augenblicken an ganz andere Dinge gedacht hatte, driftete sie langsam in
den Schlaf...
"Colonel, warten Sie." Dr. Kanellos erwischte McQueen
gerade, als er das Krankenzimmer von Cooper betreten wollte.
"Ich hole nur Lt. Masters und..."
"Das ist okay, Colonel. Ich denke, dass hilft unserem Patienten mehr als jede
Medizin."
Mit einem missbilligendem Blick schloß McQueen die Tür und fragte nach Coopers
Zustand.
"Spätestens morgen wird sein Fieber anfangen zu sinken oder wir werden ihm was
geben, damit es sinkt. Das schlimmste hat er hinter sich. Er wird schon bald wieder fit
sein."
McQueen nickte zufrieden. Mehr hatte er nicht hören wollen. Nach einem letzten Blick auf
die Schlafenden machte er kehrt und ging zurück zu sein Quartier.
Als Nathan die Taverne betrat, fand er seine Einheit an zwei
verschiedenen Tischen vor. Anderson und Charly saßen an einem, Robert, Brian und Chris an
einem anderen. Ohne zu zögern setzte er sich zu Robert, Brian und Chris.
"Hat das irgendwas zu bedeuten?" Nathan deute auf den Captain und Charly.
"Keine Ahnung," antwortete Robert. "Sie hat wohl was an ihm
gefressen."
Mit besorgter Miene dachte Nathan an Sams Worte. Unser Captain hat seine Frau und
sein ungeborenes Kind töten lassen, da sie etwas über die bevorstehende Kolonisierung
erfahren hat. Er sah genauer hin. Kyle wirkte gar nicht so, was ihn natürlich um so
gefährlicher machte. Aber was Charly plötzlich dazu veranlasste, sich so an Kyle
ranzuschmeißen...
<Was soll das?> schoß es Nathan durch den Kopf. <Jetzt siehst du schon
Gespenster.>
Dennoch ließ er die beiden keine Minute mehr aus den Augen.
Kurz bevor McQueen sein Quartier betrat, kam ihm die Einladung von Ross in den Sinn. Er hatte im Laufe des Tages mal angefragt, ob er nicht mal wieder Verlangen auf ein Glas Rum verspürte. Nach einem Seufzer schlug er den Weg zu der Kabine des Commodores ein.
"Wer ist da?" hörte er Ross fragen, als er an der Tür
geklopft hatte.
"McQueen, sir."
"Kommen Sie rein, Ty."
Der Commodore saß an seinem Schreibtisch und legte gerade einen Stift beiseite.
"Hat das Verlangen nach Rum den Schlaf besiegt?" grinste Ross, während seine
Hand bereits nach der Flasche und den Gläsern suchte.
"Wohl eher das Verlangen nach Gesellschaft."
Die Bewegungen des Commodores hielten für den Bruchteil einer Sekunde inne, dann stellte
er die Sachen vor ihm auf den Tisch.
"So? Wie geht es Ihren Schützlingen, Ty?"
"West scheint es wieder völlig normal zu gehen und auch Hawkes ist auf dem richtigen
Weg."
"Freut mich, zu hören. Ich habe übrigens noch immer nichts neues wegen Vansen, Wang
und Damphousse in Erfahrung bringen können. Es ist wie verhext..."
McQueen nickte. Das überraschte ihn nicht.
"... aber wir werden sie schon finden. Glauben Sie... glauben Sie, dass die drei nach
so langer Zeit wieder zu Hawkes und West Anschluss finden werden? Sie scheinen sich mit
ihren neuen Staffelmitgliedern ganz gut zu verstehen."
"Ja. Aber ich bin sicher, dass es bei der Rückkehr der drei keine Probleme geben
wird. Es sind erfahrene Marines, die sich mit jeder Situation auseinandersetzen
können."
"Das habe ich auch nicht bezweifelt, Colonel. Ich rede von der menschlichen
Perspektive."
"Auch da sehe ich keine Schwierigkeiten."
McQueen hielt Ross' Blick stand und so schenkte er seinem Unteroffizier und Freund ein
Glas Rum ein.
"Habe ich schon erwähnt, dass meine jüngste Schwester ein Kind erwartet? Ich werde
Ende des Jahres noch einmal Onkel."
McQueen hob sein Glas und stieß mit Ross an.
"Herzlichen Glückwunsch. Vielleicht haben wir dem Krieg bis dahin eine andere
Richtung verliehen, zu unseren Gunsten."
Ross trank sein Glas mit einem Schluck aus. "Seit wann sind Sie solch ein Optimist?
Haben Sie es etwa eilig, zurück auf die Erde zu kommen?"
Ein kleines Grinsen umspielte McQueens Mundwinkel. "Wer weiß..."
"Wenigstens konnten wir vor einiger Zeit etwas von diesem Sewellkraftstoff
sicherstellen. Das könnte uns weiterhelfen."
Die Augen des Colonels blitzten auf. "Wir haben Sewellkraftstoff in die Hände
bekommen? Was passiert nun damit?"
Ross zuckte mit den Schultern. "Ich habe ihn weitergeleitet. Aber ich denke, dass sie
schon wissen, was sie damit anfangen können, meinen sie nicht auch?"
McQueen nickte, aber er war sich nicht so sicher, ob er in die richtigen Hände gekommen
war...
Am nächsten Morgen wachte Sam mit einem zufriedenen Lächeln in
Coopers Armen auf. Er schlief noch und das veranlasste sie, ihn einfach nur
anzusehen. <Friedlich wie ein kleines Kind...> dachte sie sich. Mit ihren Fingern
strich sie ganz sanft über sein Gesicht; über seine Haare, die er mittlerweile wieder
etwas länger trug. <Shane muss verrückt gewesen sein, um ihn abzuweisen.>
Nach ein paar Minuten wachte auch er auf.
"Morgen," murmelte er.
"Na, wie geht's dir?"
Cooper schloß die Augen, drückte Sam fest an sich und seufzte. "Ich bin noch nie
mit jemandem in meinem Bett aufgewacht. Mir ging es nie besser."
"Ja, du fühlst dich auch nicht mehr so krank an. Dein Fieber scheint etwas gesunken
zu sein.
Leider muss ich mich jetzt auf den Weg machen. Wir haben in 30 Minuten unsere
Einsatzbesprechung."
"Boden- oder Lufteinsatz?"
"Ich weiß nicht. Deswegen haben wir ja die Besprechung, Coop." Schweren Herzens
löste sich Sam aus Coopers Umarmung und stand auf. "Sobald ich wieder zurück
bin, schaue ich wieder nach dir, okay?"
Als er sie daraufhin mit einem diesem verlorenen-Welpen-Blick ansah, meinte Sam: "Das
ist nicht fair! Ich kann ja auch nicht so gucken."
So ganz verstand Cooper nicht, was sie damit meinte, woraufhin sie ihm einfach einen
Abschiedskuss gab, den er so schnell nicht vergessen würde.
"Schaut mal, wen wir da haben."
Sam ignorierte Andersons spitze Bemerkung und schob sich an ihm vorbei zu ihrem
Spind. Auch auf Charlys Blick reagierte sie nicht. Nur Nathan bekam ein
Guten-Morgen-Grinsen, welches er erwiderte.
"Wie geht's ihm?"
"Besser, glaube ich. Seine Temperatur schien nicht mehr so hoch zu sein."
"Na, dann hast du aber was falsch gemacht," frotzelte Nathan.
Empört meinte Sam: "Bitte??" und schlug dem zu lachen anfangenden Nathan
spaßeshalber gegen die Brust.
"Würdet ihr zwei euch beeilen? Es wartet ein Krieg auf uns."
"Du kommst mit?" Sam wirkte überrascht.
"Natürlich. Ich muss ein paar Leute im Auge behalten."
"Hey, ich finde das keine so gute Idee. Du bist noch nicht völlig auskuriert, und
wenn..."
"Ich bin okay. Der Arzt hat sein Einverständnis gegeben."
Mit einem skeptischen Blick sah Sam Nathan hinterher. Ihrer Meinung nach war er noch lange
nicht so fit, wie er sagte.
"... Der Planet hat eine feindliche Atmosphäre, so dass Sie
Atemmasken tragen müssen. Diese geben ihnen gerade genug Zeit, um die Minen zu legen und
wieder zu verschwinden. Noch Fragen?"
McQueen nickte, als keiner antwortete. "Abflug um 0900. Uhrenvergleich Achtung-
Fertig- Jetzt!"
"Zum Glück ist Cooper nicht bei dieser Mission dabei.
Er hasst die Helme."
"West, du magst sie auch nicht besonders, oder?" Charly sah ihn ernst an.
"Wer tut das schon. Ach... hast du was neues von Pete gehört?"
"Seid wann interessiert dich das?"
Nathan zuckte mit den Schultern. "Neugierde, sonst nichts."
"Nein, habe ich nicht. Er hat während dem Krieg sicher wichtigeres zu tun."
"Sicher, aber er hat ja auch mal frei oder etwa nicht?"
Charly sah ihn mißtrauisch an. "Was soll das? Frag ihn doch selber, wenn es dich so
brennend interessiert."
Sie drehte sich um und suchte sich einen Platz weit weg von Nathan. Kyle hatte das
Gespräch natürlich mitbekommen und setzte sich daraufhin demonstrativ zu Charly. Ein
böses Grinsen in Richtung zu Nathan verriet, das es für ihn sowas wie ein Spiel zu sein
schien.
"Komm schon." Sam zog ihn am Ärmel auf einen Platz neben sich. "Sie wird
merken, was für ein Aas er ist."
"Niemand merkt es. Er spielt sein Spiel perfekt."
"Früher oder später wird auch er einen Fehler machen. Vergiss ihn."
<Vergiss ihn... klar doch.> Nathan sah auf seine Hände. Irgendwie sahen sie
plötzlich verschwommen aus. Er kniff die Augen zusammen und versuchte es nochmals, jedoch
mit dem gleichen Ergebnis. Nun war es zu spät für eine Rückkehr. Sie waren bereits
unterwegs.
Kurz vor ihrer Landung sah Nathan aus dem Fenster. Der Planet war
eine kleine Kugel; blau und metallgrau; ohne Mond. Man konnte eine ganze Menge Wolken
erkennen, die sich in orkanartiger Geschwindigkeit bewegten. Sie würden unten sicher gut
durchgelüftet werden. Schon beim Anflug gab es heftige Turbulenzen. Mit Mühe und Not
brachte der Pilot den Transporter in einem Stück runter.
"Na, dann wollen wir mal." Anderson öffnete das Schott und wurde erstmal von
einem Windstoß umgehauen. Mitchel und Conroy halfen ihm beim Aufstehen.
"Ganz schön windig..." zischte er daraufhin und wagte es ein zweites Mal.
Die sieben Marines bewegten sich mit großer Mühe vorwärts. McDowell ging an der Spitze,
West bildete das Schlusslicht. Taylor ging direkt vor ihm und bemerkte als erster das
immer schwerer werdende Atmen von Nathan. Er sah sich ein paar Mal besorgt um, dann hielt
er an und packte West am Ärmel.
"Hey, irgendwas stimmt doch nicht mit dir. Du siehst aus wie ausgekotzt."
"Danke..." murmelte er leise. Aber es stimmte. Etwas stimmte ganz und gar nicht.
"Es ist der Helm... ich kann kaum noch atmen..."
"Taylor! West! Wo bleibt ihr?" ertönte Andersons Stimme aus dem Kom.
"Schon auf dem Weg, Captain." Robert sah Nathan daraufhin ernst an.
"Das kann ich nicht machen, Nathan. Wir müssen ihm sagen, dass..."
"Taylor. Halt die Schnauze, klar?!" Er riss sich aus Roberts Griff los und
marschierte weiter.
Robert stieß einen Fluch aus und rannte hinter seinen Kameraden her, um sie nicht zu
verlieren. Nathan lief stramm vor ihm, aber das Atmen war kaum noch zu überhören.
Mittlerweile hatten sie über die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Da sie von Gebirgen
umringt waren, machte ihnen der Wind nicht mehr so viel zu schaffen. Wenn sie den
nächsten Berg umgangen hatten, waren sie am Ziel. Von Chigs war bisher noch nichts zu
sehen.
"So, Conroy und Masters. Ihr werdet den Berg hinaufsteigen und uns Feuerschutz geben.
Aber schießt erst, wenn wir auf der anderen Seite sind. Ich will nicht, dass sie uns mit
offenen Armen empfangen. Wir werden versuchen, unbemerkt zu bleiben. Falls das schief
geht, knallt ihr sie ab, während wir anderen uns zurückziehen. Vorher will ich von euch
beiden keinen Laut hören, habt ihr verstanden?"
"Ja, sir."
"Viel Glück."
Anderson sah den Rest des Trupps mahnend an. "Wir legen die Minen. Aber ihr solltet
nicht vergessen, dass wir erst in zwei Stunden wieder abgeholt werden. Plaziert sie also
gut, wo sie am wirkungsvollsten sein könnten. Alles klar?"
In diesem Moment wurde Nathan schwarz vor Augen. Er versuchte, sich noch an Robert
festzuhalten, aber er fiel dennoch hart auf den Boden.
"Scheiße, was..."
"Ich wusste es," rief Robert, während er mit Charly versuchte, ihn wieder zu
Bewußtsein zu bekommen.
"Taylor, was..."
"Sehen Sie ihn sich doch an, Captain. Er ist total fertig!"
Anderson sah sich Nathan kurz an und fragte Charly, was los sei.
"Ich weiß nicht. Aber er sollte so schnell wie möglich in ärztliche Behandlung.
Wir müssen die Mission abbrechen."
"Negativ. Wir werden sie ausführen und dann zurückkehren."
Alle sahen Anderson entrüstet an.
"Aber..."
"Keine Widerrede. Mitchel, du kümmerst dich um ihn. Wir anderen müssen jetzt
doppelt so schnell sein, um die beiden zu ersetzen."
"Kyle, ich weiß nicht, was mit Nathan ist. Wir..."
"Ihr habt eure Befehle. Los jetzt!"
Während McDowell, Anderson und Taylor losliefen, versuchte Charly erstmal herauszufinden,
was die Ursache für Nathans Bewusstlosigkeit sein könnte. Seine Atmung war flach,
aber er atmete wenigstens. Sie suchte nach möglichen Rissen in seinem Anzug, nach einem
Leck seiner Sauerstoffzufuhr, aber sie fand nichts auffälliges. Es musste etwas internes
sein.
<Das Gift!> schoß es ihr plötzlich durch den Kopf. <Die Ärzte mussten es
irgendwie übersehen oder nicht erkannt haben, und jetzt zeigte es seine Wirkung.>
Besorgt hielt sie Nathan in den Armen und wartete. Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, da
Nathan nicht wieder zu Bewusstsein kommen wollte. Dann fing sie an, sich Vorwürfe zu
machen. Auf dem Hinflug hatte sie ihn auch noch angeschnauzt. Immer wieder sah sie in die
Richtung, wo der Rest der Einheit jede Sekunde auftauchen müsste. Und dann endlich
erkannte sie Robert. Mit einem Nicken deutete er auf Nathan.
"West?"
Sie schüttelte den Kopf. "Los, hilf' mir."
Charly stand auf und legte sich einen Arm um ihre Schultern. Dasselbe tat Robert mit
Nathans anderem Arm. "Gehen wir."
"Anderson ist noch nicht zurück. Er flippt aus, wenn wir einfach so losgehen."
"Soll er doch. Ich will nicht, dass er auf die Idee kommt, ihn hier zu lassen."
Robert nickte. In dem Moment kamen Anderson und McDowell angerannt.
"In Ordnung. Wir gehen zurück." Über Funk rief er Masters und Conroy runter.
Dann machten sie sich auf den Rückweg.
Nachdem sie das Gebirge hinter sich gelassen hatten, hinderte sie der starke Wind am
raschen Vorwärtskommen. Und da sie den bewusstlosen Nathan tragen mussten, ging es noch
langsamer voran.
"Wenn das so weitergeht, werden wir den Transporter verpassen. Lasst euch gefälligst
was einfallen."
"Ich werde ihn tragen." Chris ging in die Knie und mit Hilfe von Charly und
Robert legte er sich Nathan über die Schulter.
"Packst du das? Wir haben noch ein ganz schönes Stück vor uns."
"Ich habe schon viel schwerere Sachen tragen müssen. Also los!"
Es ging tatsächlich schneller. Bald darauf hatten sie den Landeplatz erreicht.
"Wir haben noch einige Minuten Zeit. Wie geht es ihm?"
"Ach, dass interessiert dich? Vorhin hatte ich aber nicht den Eindruck!"
"Mitchel, schrei mich nicht an! Wir hatten einen Auftrag zu erfüllen, und es ist
mein Job, dass er erfolgreich wird."
"Und wie stellst du das fest? Bleibst du hier und wartest, bis die Chigs in die Minen
treten?"
Anderson sagte nichts, sondern sah Charly nur an. Dann wandte er sich wieder Nathan zu.
"Was ist jetzt mit ihm? Wird er wieder?"
"Das werden wir sehen, wenn der Doc ihn untersucht hat."
Dann traf auch schon der Transporter ein.
Währenddessen hatte Cooper auf der Saratoga einen Rückfall. Das Fieber war schlagartig gestiegen und die Ärzte mussten Medikamente zur Hilfe nehmen, da seine Temperatur kritisch geworden war. McQueen wusste kaum, wo er zuerst hingehen sollte.
"Doktor, was hat das mit Lieutenant West zu bedeuten? Sie
sagten doch, er sei völlig gesund."
McQueen war außer sich, als Dr. Kanellos aus Nathans Krankenzimmer kam.
"Ich weiß es nicht, Colonel. Es ist mir ein Rätsel. Noch heute morgen hatte er
nicht die geringsten Anzeichen und auch jetzt verstehe ich seinen Zustand nicht. Wir
werden eine Gesamtanalyse bei ihm machen. Erst dann kann ich Ihnen weiteres sagen. Wenn
Sie mich jetzt entschuldigen. Ich muss Lieutenant Hawkes untersuchen."
Dr. Kanellos hatte befürchtet, dass ihm McQueen auch dahin folgen würde. Kurz vor der
Tür bat er ihn, draußen zu warten.
"Colonel..." Sam kam völlig außer Atem den Gang entlang
gerannt. McQueen ging ihr entgegen.
"Masters, Sie haben hier nichts zu suchen. Oder ist ihr Einsatzbericht schon
fertig?"
Fassungslos sah sie ihn an. "Mein Bericht? Darauf sch... äh, entschuldigen Sie, sir,
aber ich kann doch jetzt nicht an diesen dämlichen Bericht denken!"
"Das sollten Sie aber. Wenn es etwas neues..."
"Sir, bei allem Respekt, aber sie können mir nicht verbieten, hier bei Cooper zu
bleiben. Ich habe dasselbe Recht wie Sie."
"Das haben Sie nicht! Wenn Sie nicht so selbstsüchtig gewesen wären und sich zu ihm
ins Bett gelegt hätten, wäre das nie passiert."
Seine Worte trafen Sam wie ein Schlag. Sie konnte nicht fassen, dass er das soeben zu ihr
gesagt hatte.
"Und an Nathans Zustand bin ich wohl auch schuld, was?" Sie schüttelte
den Kopf. "Ich mache mir um Cooper und Nathan genauso viele Sorgen wie sie, Colonel.
Ob Sie das glauben oder nicht."
McQueen seufzte. "Das weiß ich. Ich denke, der Bericht hat noch etwas Zeit."
Sam sah mit sorgenvoller Miene durch das kleine Sichtfenster an Coopers Tür. Sie
konnte sehen, wie er sich hin- und her wälzte und eine Krankenschwester ihm mit einem
Tuch die Stirn betupfte.
"Was ist bloß los? Es ging ihm doch so gut..."
"Er ist ein InVitro. Da gelten andere Regeln."
"Trotzdem verstehe ich das nicht."
McQueen konnte die Angst in ihren Augen sehen. Oder vielleicht war es nur die Spiegelung
seiner Augen. Es war unwichtig. Sie beide hatten Angst um Coopers Leben.
"He, wann kann ich hier endlich raus?"
Seit ihrer Ankunft auf der Saratoga war gerade mal eine Stunde vergangen und schon machte
Nathan wieder einen vollkommen normalen Eindruck. Nichts war ihm mehr von seinem
Zusammenbruch anzumerken und auch die Ärzte konnten keine befriedigende Diagnose stellen.
Er war gesund. So gesund wie man nur sein kann.
"Was soll das schon wieder heißen? Er war bewusstlos, weil der
Fußmarsch ihn noch überanstrengt hat?" McQueen schüttelte den Kopf. "Das
glauben Sie doch selbst nicht."
"So sieht es jedoch aus. Wir haben Nathan von Grund auf durchgecheckt. Wir haben es
dreimal überprüft. Mehr können wir nicht tun." Dr. Kanellos versuchte, sich von
seiner Ratlosigkeit nichts anmerken zu lassen. Er spürte, dass noch mehr dahinter stecken
musste, aber sie hatten bei Nathans Befunden nichts finden können. Er hatte es
selbst in Betracht gezogen, dass dieses Gift oder mit was auch immer Nathan auf diesem
Planeten in Kontakt gekommen war, etwas mit der Tatsache zu tun hatte, das West bei diesem
Einsatz zusammengeklappt war. Aber beweisen konnte er das nicht. Eine Blutprobe war
bereits auf dem Weg zur Erde, um dort genauer analysiert zu werden. Doch das Ergebnis
würde noch auf sich warten lassen.
Innerhalb der nächsten Tage geschah es noch zwei weitere Male, dass Nathan ohne Vorwarnung ohnmächtig wurde. Glücklicherweise hatte ihm der Arzt ein vorläufiges Startverbot gegeben, sonst hätte es böse ausgehen können. Einmal war es im Aufenthaltsraum passiert, das andere Mal während dem Frühstück. Dr. Kanellos hatte offen zugegeben, dass er absolut nicht wisse, was mit Nathan los war. So etwas hatte er in seinem ganzem Leben noch nie erlebt und er bezweifelte sogar, dass man auf der Erde mit Wests Proben etwas anfangen könnte. Das einzige, was man tun könne, sei auf Nathan aufzupassen; ihn zu beobachten. So kam es, dass Robert und Charly Nathan nicht aus den Augen ließen, während Sam jede freie Sekunde bei Cooper verbrachte. Coopers Zustand hatte sich genauso wenig verbessert wie der von seinem Staffelkameraden, so dass die Ärzte vor drei Tagen beschlossen hatten, ihn mit Medikamenten zu behandeln. Das Fieber war endlich richtig ausgebrochen und völlig zurückgegangen. Nun hofften alle, dass Cooper davon nicht abhängig geworden war.
"Was gibt es, Mitchel?" McQueen sah von seinem Buch auf,
als Charly sein Quartier betreten hatte.
"Ich mache mir große Sorgen um West, sir. Ich habe das Gefühl, er wird mit seinen
Anfällen oder wie auch immer man das nennen mag, nicht fertig. Er..." Sie stockte
kurz und sah McQueen hilfesuchend an. "... er ist nicht mehr er selbst."
McQueen zuckte bei diesem Satz innerlich zusammen. Das hatte er bereits schon einmal
gehört, allerdings unter anderen Umständen. Damals nach dem Einsatz auf Tartarus, wo die
Wildcards unter dem Einfluss einer außerirdischen Waffe gestanden hatten.
"Wie meinen Sie das, Lieutenant? Er ist nicht mehr er selbst..."
Charly holte tief Luft. "Er hat sich total von uns allen zurückgezogen. Nichtmal
Cooper hat er besucht. Er redet kaum noch und wenn, dann reagiert er aggressiv und
verletzend. Soweit ich das beurteilen kann, hat er in den letzten Tagen so gut wie nichts
mehr gegessen. Nathan scheint im Moment nur noch auf den Augenblick zu warten, wo es ihm
das nächste Mal passiert."
"Wissen Sie, ob er geschlafen hat?"
Sie lächelte ironisch. "Haben Sie ihn sich mal genau angesehen? Es ist mittlerweile
über eine Woche her, seitdem er..." Sie schien nicht zu wissen, wie sie es
ausdrücken sollte. Schließlich meinte sie leise: "Seitdem er in diesem Zustand
ist."
Man konnte Charly genau ansehen, wieviel Sorgen sie sich um ihn machte. Es war anders als
bei Sam und Cooper, aber die Angst war dennoch da. McQueen nickte und sagte Charly, dass
das alles wäre und sie nun zu ihrer Einheit zurückgehen könne. Widerwillig verließ sie
sein Quartier. Wahrscheinlich hatte sie erhofft, von ihm aufmunternde Worte zu hören;
Worte, die ihr neuen Mut gaben. Aber da war sie an der falschen Stelle.
Nachdem die Tür hinter Mitchel zugefallen war, sah er auf das Buch hinab, welches
geöffnet vor ihm auf dem Tisch lag. Es war ein Buch über die Psyche des Menschen. Und
einige Dinge, die ihm Mitchel soeben genannt hatte, kamen ihm sehr bekannt vor. Er hoffte,
dass sich das Blatt noch wenden würde, aber so wie es aussah, befand sich Nathan am
Anfang einer Depression.
"Colonel, ich bin nicht abhängig von diesem
Mist." Cooper schlug ungehalten das Laken von sich und stand auf. "Nur weil ich
das einmal war, muss das doch nicht sofort wieder passieren."
"Der Doc hat mir aber was anderes erzählt."
"Was weiß der schon. Kann ich jetzt endlich hier raus?" Cooper fing an zu
husten, woraufhin er sich geschlagen gab und sich wieder auf das Bett setzte.
"Das beantwortet wohl Ihre Frage. Aber nicht meine."
Mit wütenden Augen funkelte Cooper seinen vorgesetzten Offizier an. Er mochte diese
Situation gar nicht. McQueen wusste wahrscheinlich über jede einzelne Sekunde Bescheid,
die er seitdem hier auf der Krankenstation verbracht hatte. Seine Antibiotika hatten sein
Fieber recht schnell verschwinden lassen und der Husten war ebenfalls besser geworden. Die
Lungenentzündung war eigentlich ausgestanden, aber trotzdem fühlte er sich matt und
kraftlos. Das tagelange Liegen machte ihn völlig verrückt, aber sobald er auch nur für
einen Augenblick aufstand, ließen seine Knie nach und er begab sich resignierend ins Bett
zurück. Er mochte dieses Gefühl von Schwäche nicht. Er war es einfach nicht gewöhnt,
tatenlos rumzuliegen und vor sich hin zu dösen. Die ganze Zeit war er am Grübeln. Er
dachte über Dinge nach, die er bereits tief in sich vergraben hatte. Jetzt kam alles
wieder hoch und das mit einer Wucht, von der er selbst erstaunt war. Doch das schlimmste
von allem war, dass Nathan ihn seit ihrem Gespräch vor einer Woche nicht mehr besuchen
gekommen war. Es war ihm eiskalt den Rücken runtergelaufen, als Sam ihm erzählt hatte,
was mit Nathan vor sich ging. Doch er lag nur hier in diesem sterilen Zimmer und tat
nichts, um seinem Freund zu helfen. Genau wie er und Nathan nur die Tage vergeudeten, in
denen sie eigentlich nach dem Rest ihrer verschollenen Einheit suchen sollten.
"West."
Nathan hielt an und drehte sich nach seinem Colonel um. "Ja, sir?"
McQueen sah nun zum ersten Mal, was Mitchel ihm berichtet hatte. Nathan war bleich,
während unter seinen Augen dunkle Ringe zu sehen waren. <Mein Gott, der Junge ist
wirklich krank,> schoß es McQueen durch den Kopf.
"Ich... Hat Dr. Kanellos Sie noch mal untersucht?"
"Wozu? Niemand weiß, was mit mir los ist."
McQueen suchte fieberhaft nach etwas, was er Nathan sagen könnte. Aber der Grund, wieso
er ihn aufgesucht hatte, war, dass er sich Sorgen um ihn machte. Einer seiner Jungs lag
noch immer auf der Krankenstation und der andere gehörte ebenfalls dorthin.
"Sonst noch was, Colonel?"
"Ja... der Fotoclip von Ihnen..."
"Was interessiert Sie das?" wurde er von Nathan unterbrochen. "Sie haben
ihn mir zurückgegeben. Zu dem Zeitpunkt, wo Sie sich aufgaben ... wo Sie uns
aufgaben..."
McQueen öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch hielt inne, als Nathan ein drittes
Mal bewusstlos wurde. Sein Körper sackte zusammen wie ein nasser Sack; so schnell, dass
McQueen Mühe hatte, ihn aufzufangen. "Nathan..."
Zu seinem Glück kam gerade ein Lieutenant um die Ecke, welcher ihm half, Nathan auf die
Krankenstation zu bringen.
"Und was für eine Erklärung haben Sie nun parat, Doc?"
"Keine. Aber ich befürchte, dass sich Nathans Zustand hier nicht verbessern
wird. Wenn wir nicht im Krieg wären, würde ich ihn sofort in das St. Joseph in
Kalifornien überweisen. Dort könnten sie womöglich herausfinden, was Nathan
fehlt."
"Wir sind aber nicht auf der Erde!" meinte McQueen ungehalten. "Sie müssen
doch etwas für ihn tun können."
"Es tut mir leid. Aber das kann ich nicht. Außerdem habe ich noch mehr Patienten,
die ebenfalls meine Hilfe brauchen." Dr. Kanellos ging zwei Schritte, dann sagte er
leise: "Das meinte ich ernst. Meine letzte Hoffnung besteht für Nathan auf der Erde.
Ich kann hier nichts mehr für ihn tun und solange wir nicht wissen, was seinen Körper
dermaßen schwächt, kann er im Krieg sowieso nicht teilnehmen. Je länger wir warten, um
so geringer werden seine Chancen. Denken Sie darüber nach, Colonel."
McQueen stand neben Nathans Bett und wartete darauf, dass
Nathan wieder erwachen würde. Als die Tür sich öffnete, kam zu seinem Entsetzen Cooper
herein. Sein warnender Blick kündigte eine Standpauke an, so dass Cooper in die Offensive
ging.
"Colonel, Sie können sagen, was Sie wollen, ich gehe nicht zurück. Nicht, bis er
wieder wach ist."
Da es eh zwecklos war, nickte McQueen. Und zum X-ten Mal bewunderte er die Tatsache, wie
eng das Band ausgerechnet zwischen ihnen geworden war.
"Was ist mit West? Wieso passiert ihm das immer wieder?"
"Wenn die Ärzte das wüssten, könnten sie etwas dagegen unternehmen, Hawkes. Aber
sie wissen es nicht."
"Und wie lange soll das noch so weitergehen? Bis er gar nicht mehr aufwacht?"
Coopers Blick durchdrang sogar McQueens äußere Fassade. Zum ersten Mal sah
Cooper in McQueen die Sorgen, die er sich immer schon um seine Wildcards gemacht hatte.
Und diese Tatsache verriet ihm, wie ernst es war.
"Es ist nicht nur West, Cooper. Die Ärzte sorgen sich auch um Sie."
"Ich nehme keine Tabletten. Heute morgen habe ich Dr. Pendrell meine tägliche Dosis
wieder in die Hand gedrückt. Sie können ihn fragen, wenn Sie mir nicht glauben."
"Ich glaube Ihnen," meinte McQueen leise.
"Colonel..." Nathans Stimme hörte sich schwach an, aber er war wieder bei
Bewusstsein.
"Ja. Wir sind hier, Nathan."
"Was... was ist nur mit mir? Was?"
McQueen schluckte. Was sollte er Nathan darauf antworten?
"Das würde ich Ihnen nur zu gerne sagen, aber ich weiß es nicht. Niemand kann
das."
Nathan schloß kurz die Augen. "Und wie geht es weiter?"
"Dr. Kanellos möchte Sie in eine Klinik auf der Erde schicken. Dort kann Ihnen
geholfen werden."
Aus dem Augenwinkel sah er Coopers Reaktion. Nathan nahm es besser auf als Cooper.
"Auf die Erde? Sir, dass.. dass können Sie nicht zulassen. Die werden sonst was mit
ihm machen und wir können ihm nicht helfen!"
"Hawkes, machen Sie mal langsam. Hier geht es um Nathans Gesundheit."
"Sie werden ihn an die ausliefern. Sehen Sie denn nicht, was die vorhaben?" In
Coopers Stimme erkannte McQueen pure Panik. Er war sich nicht sicher, ob Cooper mit
seiner Vermutung recht haben könnte, aber was hatte er für andere Möglichkeiten?
"Er ist ja noch hier. Wenn sich sein Zustand jedoch nicht bessert..."
"Nate... sag ihm, dass sie das nicht machen können. Sag ihm, dass du hier bleiben
willst."
Nathan warf einen Blick auf McQueen. Er wirkte über Coopers Bitte genauso ratlos
wie er selbst.
"Was hast du eigentlich?" fragte er dann, um dies gleich darauf zu bereuen. Er
erinnerte sich an einen Tag vor vielen Jahren. Seine Mutter war mit Neil zum Arzt gegangen
und hatte Nathan das erste Mal mit seinem jüngsten Bruder John alleine gelassen. Er war
13 oder 14 und hatte an diesem Tag eigentlich mit seinen Freunden spielen wollen. Um John
zu ärgern, versteckte er sich im Haus. Er hatte es nur im Spaß gemeint, aber als nach
etlichen Minuten noch immer nichts von seinem Bruder zu sehen war, kam er aus dem Keller
und suchte nach John. Er fand ihn in seinem Zimmer, weinend in einer Ecke. Lachend hatte
er gemeint, dass das doch nur ein Scherz gewesen sein sollte, aber John hatte immer weiter
geweint. Er war noch zu jung gewesen, um Nathans Spiel als solches zu verstehen und
hatte angenommen, dass man ihn alleine gelassen hatte. Natürlich hatte Nathan Ärger
bekommen, als seine Mutter heimgekommen war und John sich erst dann hatte richtig
beruhigen können. Nie wieder hatte er mit einem seiner Brüder solch einen Scherz
gemacht.
"Die wollen uns auseinanderreißen, damit wir nicht nach ihnen suchen. Verstehst du
nicht, die haben das alles so geplant..."
Plötzlich wurde Colonel McQueen bewusst, was das zu bedeuten hatte. "Hawkes!"
McQueen packte Cooper an den Schultern und schüttelte ihn leicht. "Sie hatten mir
gesagt, Sie nehmen keine Tabletten. Wieso haben Sie gelogen? Wieso??"
Cooper versuchte, sich von McQueen loszureißen, aber sein Colonel war stärker.
"Lassen Sie mich doch einfach in Ruhe!" schrie er ihn daraufhin an.
McQueen ließ von Hawkes ab. "Wie Sie wollen."
Cooper zögerte nicht eine Sekunde, um das Zimmer zu verlassen. Als sich McQueen wieder
Nathan zuwandte, war dieser dabei, das Bett zu verlassen.
"Vergessen Sie das, West. Es bringt nichts, ihm hinterherzurennen."
"Doch, sir. Damals auf der Bacchus haben wir ihn im Stich gelassen. Ein zweites Mal
passiert das nicht." McQueen merkte die Entschlossenheit, die er an Nathan so
schätzen gelernt hatte. Obwohl Nathan anfangs auf wackeligen Beinen stand, suchten sie
die gesamte Saratoga nach ihm ab. Es dauerte über zwei Stunden, bis sie ihn fanden. In
der Nähe der Lagerungsbucht der Transporter gab es einige Lagerräume, wo sich all die
Dinge befanden, die nicht oft gebraucht wurden, wie Bettlaken oder Stühle. Kaum hatten
sie die Tür einer dieser Räume geöffnet, hallte ihnen Musik entgegen. Sie hatten Cooper
gefunden.
"Hawkes..."
Cooper zuckte zusammen, als wie aus dem Nichts McQueen und West vor ihm standen.
"Wie.. wie habt ihr mich gefunden?" fragte er völlig perplex, während er den
CD-Player abstellte.
"Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, Cooper. Was machst du hier?" Nathan setzte
sich zu ihm auf den Boden. "Du hast es dir hier ja richtig gemütlich gemacht."
Sein Blick wanderte umher und blieb auf einem kleinen Kasten hängen. Er konnte sich
vorstellen, was es war und fragte deshalb nicht weiter. Wahrscheinlich bewahrte Cooper
dort Sachen auf, die keiner finden sollte.
McQueen war vor der ausgebreiteten Decke stehengeblieben und bückte sich nun, um ein
Tütchen voller Pillen aufzuheben.
"Sie hatten Recht, Colonel. Es... es tut mir leid..." stammelte Cooper
schuldbewusst. Tröstend legte ihm Nathan eine Hand auf die Schulter.
"Wie viele, Hawkes? Und ich will die Wahrheit wissen."
"Eine. Heute morgen, bevor ich zu West ins Zimmer ging. Ich schaffte nicht, mich
lange auf den Beinen zu halten, und so... Danach habe ich sie nicht mehr angerührt.
Ehrlich."
Nun ging auch McQueen in die Hocke und sah Cooper scharf an. Dann überlegte er es sich
anders. Strenge würde in Coopers Situation nichts helfen.
"Hawkes, wollen Sie denn nicht, dass Nathan wieder gesund wird?"
"Natürlich will ich das." Cooper schien überrascht, dass ihm McQueen diese
Frage überhaupt stellen konnte.
"Dann müssen Sie verstehen, dass ihm nur in einer Klinik geholfen werden kann.
Sobald er wieder einsatzfähig ist, kehrt er zurück. Verstehen Sie?"
"Ist das wirklich die einzige Möglichkeit, sir?" hakte nun auch Nathan nach.
"Ich fürchte ja. Aber keine Sorge, ich werde mich um alles kümmern. Darauf haben
Sie mein Wort."
Nathan nickte und legte seinen ganzen Arm um Coopers Schulter, um ihm zu zeigen,
dass er ihn nicht im Stich lassen würde. Niemals.
"Und Dr. Kanellos sagt, dass das die einzige Möglichkeit für
West ist?"
McQueen sah Ross ernst an und nickte. "Ja. Es scheint sich um etwas zu handeln, was
sie nicht identifizieren können."
Nach einem langen Seufzer stützte der Commodore den Kopf auf seine Hände.
"Hawkes?"
McQueen öffnete den Mund, aber es kam nichts heraus.
"Ty, was ist mit ihm?"
"Hawkes hätte eigentlich schon längst wieder fit sein sollen. Die Ärzte haben ihn
mit Medikamenten behandelt, die ihn sehr wahrscheinlich wieder abhängig gemacht
haben."
"Sie wissen, was das bedeutet. Ein zweites Mal kann ich ihn nicht decken."
"Sir, ich bin der Überzeugung, dass auch Hawkes mit... Was immer West befallen hat,
könnte womöglich die Ursache für Hawkes' schwachen Gesundheitszustand sein. Dr.
Kanellos ist der Meinung, dass vielleicht die Saratoga der Grund für ihre Verfassung
ist."
Ross runzelte die Stirn. "Und was meint Dr. Kanellos dazu?"
"Er hält eine Veränderung ihrer Umgebung für das beste. Ich habe mit ihm eben
darüber gesprochen. Ich bin jedoch anderer Meinung."
"Und wieso, Ty?"
"Weil wir es uns nicht leisten können, zwei unserer besten Soldaten für
unbeschränkte Zeit auf die Erde zu schicken. Wir haben noch immer Krieg."
"Welchen wir nicht mit kranken Marines gewinnen werden."
"Wir können das nicht tun. Ich kann das nicht tun."
"Ich werde selbst noch einmal mit Dr. Kanellos darüber reden. Wenn er der Meinung
ist, dass diese Möglichkeit das richtige ist, fliegen West und Hawkes mit der nächsten
Fähre zur Erde."
Als er sah, wie McQueen die Lippen schürzte und die blauen Augen ihn vorwurfsvoll
anfunkelten, wurde sein Ton eindringlicher. "Ich weiß, was Sie empfinden, Ty, aber
denken Sie an Ihre Piloten. In ihrem jetzigen Zustand kann ich sie nicht gebrauchen. Das
wissen Sie selbst. Aber warum sprechen Sie es nicht aus, vor was Sie wirklich Bedenken
haben?"
"Falls Hawkes wieder abhängig wird und zur Erde fliegt, kommt er nicht mehr zurück.
Und was ist, wenn jemand nicht will, dass West wieder gesund wird? Ich kann das einfach
nicht zulassen, Glen."
"Mein Gott, Ty... Was reden Sie da bloß?" Ross schüttelte den Kopf. Wenn es um
McQueens Wildcards ging, war er einfach nicht mehr wiederzuerkennen. Normalerweise
handelte er stets bedacht und sachlich, aber es war nicht das erste Mal, dass er seine
ganzen Überzeugungen über den Haufen warf, nur um seine Kids zu schützen, wenn er eine
Gefahr sah. Er hatte nie um etwas gebeten, aber seitdem er das Kommando über die
Wildcards hatte, war selbst dies vorgekommen. Es ging nie um ihn selbst, nur um sein
58stes. Ross fand es erstaunlich, in seinem langjährigen Freund den Vater zu sehen, der
er nie hatte sein können. Nun besaß er gleich fünf Kinder und es würde ihn zerstören,
die zu verlieren. Er hatte McQueen oft genug daran erinnert, dass sie Marines in einem
Krieg waren, der viele Opfer forderte, aber was helfen Worte gegenüber solch starken
Gefühlen?
"Ty... Indem sie Hawkes und West jetzt hier behalten, verlieren Sie die Chance, dass
die Wildcards jemals wieder zusammenkommen. Wollen Sie das wirklich?"
Die Augen von McQueen, die sonst so kalt schienen, verrieten ihn jedesmal. Jedenfalls
gegenüber Ross. McQueen wusste, dass der Commodore absolut Recht hatte, aber er hatte
einfach nur Angst, sie nie wiederzusehen.
"Colonel, überlegen Sie doch einmal. West muss auf jeden Fall auf die Erde. Was
konnte überhaupt besseres passieren, dass Hawkes ebenfalls muss?"
Dies leuchtete ihm ein. Wenigstens wären sie nicht auf sich alleine gestellt. So gesehen
war es die perfekte Lösung. Es fiel ihm nur schwer, dem zuzustimmen.
"Denken Sie gründlich über alles nach. Morgen fliegt ein Transporter zurück nach
Hause und ich werde zwei Plätze freihalten lassen, wenn ich mit Dr. Kanellos gesprochen
habe. Es ist Ihre Entscheidung, Ty. Ich weiß, dass Sie das richtige tun werden."
Es war mitten in der Nacht, als McQueen sein Bett verließ, um auf
die Krankenstation zu gehen. Er hatte nicht schlafen können, d.h. er war nach einem
Alptraum schweißgebadet aufgewacht. Schnell hatte er gemerkt, dass es keinen Sinn hatte,
es ein weiteres Mal zu versuchen.
Nathan schlief ruhig und fest, als er das Zimmer betreten hatte. Nach ein paar Minuten
machte er sich in Hawkes' Zimmer auf und fand diesen wach vor. Jemand hatte ihm den halb
verbrannten Teddy gebracht, den er bei seinem Entzug von Vansen bekommen hatte.
Als Cooper McQueen bemerkte, legte er ein wenig verlegen den Teddy zur Seite, was ein
kleines Grinsen vom Colonel zur Folge hatte.
"Was tun Sie so spät noch hier, sir?" fragte Cooper neugierig.
"Ich habe eine wichtige Entscheidung getroffen."
"Und... welche?"
Jeder andere hätte eine andere Antwort erhalten. Aber bei Cooper machte McQueen öfters
mal eine Ausnahme. Cooper wollte immer alles genau wissen, was sicher der Grund war, wieso
er letztendlich doch so klug war. Er war so anders, als InVitros hätten sein sollen.
Egal, wie er es drehte, Cooper war wie er selbst. Irgendwie zumindest.
"Sie und West werden in ungefähr zehn Stunden mit einem Transporter auf die Erde
fliegen. Die Ärzte sind der Ansicht, dass es Ihnen beiden helfen wird."
"Aber..."
"Ich weiß, Cooper. Aber wie ich schon Nathan sagte, Sie brauchen sich keine Sorgen
zu machen. Ich werde aufpassen, dass alles mit rechten Dingen zugeht."
"Und wie wollen Sie das anstellen?"
"Vertrauen Sie mir etwa nicht?"
Cooper zog eine Grimasse. "Ein Tank redet von Vertrauen..." Normalerweise hätte
sich Cooper auf diesen Kommentar hin eine Standpauke gefallen lassen müssen, aber diese
blieb aus. Ein wenig überrascht grinste Hawkes. "Colonel...?"
"Passen Sie gut auf Nathan auf. Er braucht Sie jetzt, Cooper."
"Darauf können Sie einen... äh, dass werde ich, sir."
McQueen schüttelte beim Herausgehen den Kopf. Was war bloß mit ihm passiert...
Fortsetzung folgt ....
Claudia Norden
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Die Charaktere
und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen
Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und
basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei
erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above &
Beyond" von Glen Morgan und James Wong überein.
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James Wong autorisiert. Copyright Verletzung ist in keinster Weise
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