Unsterblich

"Das weiße Licht kommt näher,
Stück für Stück –
will mich ergeben,
muss ich denn sterben, um zu leben ... ?"

FALCO, "Out of the Dark"

Ross schritt auf die ISSCV zu, die gerade gelandet war. Die Luke öffnete sich und ein Mann in einem grauen Fluganzug stieg aus. Ross nahm Haltung an. "Willkommen an Bord der Saratoga, sir!" Der Blick des Mannes richtete sich auf Ross. Augen wie Stahl, grau - hart, kalt. Dann lächelte er - doch die Augen änderten sich nicht. Er streckte seine Hand aus. "Commodore, ich bin froh, hier zu sein. Clyde Preston."
Ross schüttelte Preston's Hand. "Glen Ross." Er wandte sich einem Private zu. "Smith, zeigen Sie Mr. Preston sein Quartier!"
"Sir, jawohl, Sir!"
Der Commodore blickte dem Private und Clyde Preston nach. Diese Augen...

"Verdammt!" Cooper schmiß die Karten wütend auf den Tisch. "Ich versteh' das nicht!"
Shane Vansen grinste und strich den Gewinn ein. "Kein Kommentar."
"Scheiße - wir Tanks sind einfach nicht für Kartenspiele geschaffen." Er blickte zu Lieutenant Colonel McQueen, aber gerade als er etwas sagen wollte, kam Paul Wang in die Tun Tavern und trat neben Nathan.
"Schlechte Neuigkeiten."
"Ein Klon von Shane rennt rum und nimmt rechtschaffenden Marines ihren Sold ab?"
Alle Augen richteten sich auf Cooper Hawkes.
"Um - sorry." Coop' blickte nach unten.
Wang schüttelte den Kopf. "Ich hoffe nicht. Nein - was anderes. Aerotech."
Allein dieses Wort ließ die Wildcards kollektiv aufstöhnen. Das heißt alle, außer Colonel McQueen. Wie immer verzog er keine Miene, stand aber auf.
"Okay - das war's für heute mit Poker." Er legte die Karten auf den Tisch und verließ die Tun.
"Ob er zum Commodore geht?"
Wang sah Vanessa Damphousse an und zuckte mit den Schultern.

"Herein."
Commodore Ross legte seine Gitarre "Rosslin" weg, als er das Klopfen vernahm. Er blickte zur Luke und sah McQueen. ‚Das ging aber schnell', dachte er.
"Sir. Haben Sie einen Moment für mich Zeit?"
Ross nickte.
"Sir, ich - man sagt, ein Abgesandter von Aerotech befindet sich an Bord. Das..."
"Ty," unterbrach Ross ihn. "Es stimmt, Aerotech hat jemanden gesandt, du wirst ihn früh genug kennenlernen. Das ist alles, was ich sagen kann. Ach ja - Einsatzbesprechung in drei Stunden."
Ty McQueen nickte. "Jawohl, sir."
Ross seufzte. Das würde Ty nicht gefallen. Ganz bestimmt nicht.
Die Cards saßen auf ihren Stühlen. Colonel McQueen stand in der Mitte des Besprechungsraumes, blickte stumm auf die Karte.
"Achtung!" brüllte Nathan.
Alles nahm Haltung an, als Commodore Ross den Raum betrat. "Rühren. Colonel - würden Sie bitte Platz nehmen?"

Das gefiel McQueen überhaupt nicht. Er nickte kurz und setzte sich. Er folgte Ross mit seinen Augen, der nun in die Mitte des Raumes trat und McQueen's Platz einnahm. Er fing ohne Umschweife an.
"Heute Morgen kam ein Abgesandter von Aerotech auf die Saratoga." Er sah, wie die Mundwinkel der Cards nach unten sackten. Wang warf Vansen einen ‚Hab-ich-doch-gesagt' Blick zu. Ross fuhr fort. "Er ist bei Aerotech für InVitro-Fragen zuständig." Bei diesen Worten schaute er McQueen an. Keine Reaktion.
"Er möchte dem 58ten gerne ein paar Fragen stellen." Ross hörte Hawkes' Schnaufen. Er lächelte innerlich. Hawkes erinnerte ihn sehr an den T.C. McQueen vor fast 13 Jahren. "Sie haben den Befehl vom Admiral, zu kooperieren. Keine Widersprüche."
,Zu kooperieren', dachte McQueen. Er schnaufte innerlich sarkastisch. "Ein Elroy-Modell hätte es nicht besser ausdrücken können'. McQueen war so in Gedanken versunken, dass er den Mann, der den Raum betrat, nicht bemerkte.
Ross sah Preston durch die Tür kommen. Er sah auch dessen kurzes Zögern, als sein Blick auf Ty McQueen fiel. Glen schaute auf den Colonel. Dieser hatte den Blick nach unten gerichtet, war in Gedanken versunken. Er hatte Clyde Presten noch nicht bemerkt. Dann, langsam, hob er seinen Blick und schaute direkt auf Preston. Seine Kinnlade klappte nach unten und Ross hörte, wie McQueen hörbar Luft holte. Doch nicht die ungewohnte Reaktion seines Freundes erschreckte Ross, es war der Ausdruck in Ty's Augen. Ein Ausdruck von Angst. Von Horror. Glen war zu geschockt, um auch nur zu zucken, als McQueen aus dem Raum stürmte. Das war einfach nicht der Tyrus Cassius McQueen, den Ross kannte. Verblüfft starrten die Wildcards ihrem CO nach, dann schauten sie sich fragend an und schließlich richteten sie ihren Blick auf Preston. Ross schaute ebenfalls zu dem Mann. Preston stand grinsend im Raum, wandte sich dann den Cards zu.
"Na dann eben ohne McQueen."
Nicht nur Ross bemerkte, dass Preston bewusst Ty's Rang wegließ. Was hat das zu bedeuten, verdammt noch mal?'

Nach der Besprechung machte sich Ross auf die Suche nach seinem Freund. Zwei Stunden später fand er ihn im unteren Teil des Schiffes in einer Nische. McQueen blickte auf die Sterne raus, ohne zu sehen.
"Was hatte das zu bedeuten, Colonel?" Ross wollte bewusst streng klingen.
McQueen reagierte nicht auf den Tonfall. "Clyde Preston," murmelte er leise.
Ross blinzelte. "Was?"
Der Colonel sprang auf. "Clyde Preston!" schrie er. Er wollte an Ross vorbei stürmen, doch dieser hielt ihn am Arm fest. McQueen versuchte, sich los zu reißen. "Lass' mich los!"
"Ty, TY!" Ross schaute seinem Freund in die Augen. "Du kannst nicht immer wegrennen."
McQueen blickte ihn an und sank kraftlos auf das Deck. Ross kniete sich neben ihn und legte einen Arm um Ty's Schulter. Irgendetwas machte McQueen Angst - und es gab nicht viel, vor dem Ty McQueen Angst hatte. "Woher kennst du seinen Namen?"
"Clyde Preston," wiederholte McQueen leise. "*Aufseher* Clyde Preston." Er blickte in Ross' Augen und dieser sah nur Schmerz und Resignation in den tiefblauen Augen seines Freundes. "Omicron Draconis..."

Die Luke öffnete sich und grelles Licht blendete T.C. McQueen. Noch bevor er die Hand schützend vor seine Augen heben konnte, wurde er aus dem Transporter gestoßen und fiel in den grauen Staub.
"Steh auf, Tank!" befahl eine barsche Stimme und bevor T.C. eine Chance hatte, den Befehl auszuführen, schlug der Mann zu. Es war nicht das erste Mal, dass McQueen geschlagen wurde. Aber niemals ohne Grund. Nur, wenn er etwas falsches getan oder gesagt hatte. Es war eine Strafe, aber er verstand nicht, warum er jetzt geschlagen worden war. Er war verwirrt.
"Was ist denn los, Nackenwarze?" Dieselbe Stimme. Hände ergriffen ihn grob und rissen ihn hoch, so dass er stand. Er blickte in das grinsende Gesicht eines Mannes. Diese Augen - grau, kalt. T.C. hatte Angst vor diesen skrupellosen Augen. Der Mann wandte sich ab und die Hände ließen T.C. los. Erst jetzt verspürte er den Schmerz, den der Schlag verursacht hatte. Vorher war er zu geschockt gewesen.

Mittlerweile hatte man alle InVitros, die im Transporter gewesen waren, aufgestellt. McQueen stand am Ende der ersten Reihe. Er hörte leises Wimmern von anderen Tanks. Dröhnend stieg das Schiff, das ihn hergebracht hatte, in die trockene Luft.
"Schnauze!" wieder der Mann mit diesen Augen. Er hatte sich breitbeinig vor die verschreckten Tanks gestellt. Er hatte einen Stock in der rechten Hand, mit dem er immer wieder leicht in seine andere Hand schlug. "Ich bin Oberaufseher Clyde Preston. Ihr seid hier auf Omicron Draconis." T.C. schaute sich um. Bis auf trockenen Staub und karge, graublaue Felsen, sah er nichts. "Aerotech hat euch für fünf Jahre verpflichtet, hier in den Minen zu arbeiten und auch anderweitig." Bei den letzten drei Worten grinste er und schaute T.C. an. "Ihr werdet den Befehlen der natürlichgeborenen Aufseher widerspruchslos Folge leisten, sonst..." Er schlug den Stock etwas fester in seine Hand. "Wir haben auch ein paar InVitro-Aufseher, aber das werdet ihr schon noch früh genug sehen. Und falls jemand von euch Nackenwarzen Hoffnungen hegt, seine fünf Jahre hier durchzustehen - vergesst es!" Wieder dieses Grinsen.
McQueen wurde grob nach vorne gestoßen, prallte mit einem anderen InVitro zusammen. Jetzt, da der Transporter weg war, konnte er das Lager sehen. Ein großer Zaun - keine Wachen. Wozu auch, man konnte fliehen, ja, aber wohin?

Als er durch das Tor war, sah T.C lauter kleine Eingänge, die tief ins Erdreich führten. Sie waren alle mit Nummern versehen. Die Schächte', dachte er. Gleich nach seiner Geburt' hatte man den 34 InVitros seines Schubes alles beigebracht, was sie als Minenarbeiter brauchten. Weiter hinten sah McQueen niedrige Hütten, zwischen denen andere Leute hin und her liefen. 'lnVitros' vermutete er, Minenarbeiter. Sie sahen erschöpft und ausgebrannt aus, warfen den Neuankömmlingen mitleidige Blicke zu. Die Gruppe stoppte - einer der Aufseher nahm den Tanks die Kärtchen ab, die sie um den Hals hatten. Darauf standen verschiedene Sachen - Name, IV-Identität, Befruchtungs-/Geburtsdatum, etc...
McQueen hatte essich eingeprägt. Ganz oben auf seinem Kärtchen stand ‚Tyrus Cassius McQueen'. Drei Worte, die er wissen musste, sonst hatten die Bewacher ihn geschlagen. Zuerst hatte er nicht verstanden, was sie bedeuteten, dann wurde es ihm langsam klar, als die Bewacher ihn manchmal mit einem der Worte riefen. Er fragte einmal, ob er sich nicht selbst drei Worte aussuchen konnte, mit denen er dann gerufen werden konnte. Der Bewacher hatte ihn so lange geschlagen, bis er kraftlos am Boden lag. So war es bei diesen drei Worten geblieben, Tyrus Cassius McQueen. Es war eh egal - meistens war er einfach nur "Tank" oder "Nackenwarze". Das zweite, was er auswendig lernen musste, war seine IV-Identität, Genpool 13C, Batch Kappa, 9857 Anchorage Facility. Keine Ahnung, was das bedeutete.

Zusammen mit drei weiteren InVitros wurde er zu einer der Hütten geführt und reingelassen. Dort waren sie dann das erste Mal allein - nur unter Tanks. Sechs Paar Augen blickten sie an.
"Frischfleisch."
"Sammies."
McQueen verstand nicht. "Huh? Sammies?"
Einer der Tanks sprang auf, ergriff T.C. an den Schultern und drückte ihn gegen die Tür. "Yeah -Sammies.
Du bist mein Sammy, verstanden? Du tust, was ich dir sage."
Die Hände des anderen Tanks taten T.C. weh und er versuchte, sich zu befreien. Der andere drückte fester zu. McQueen blickte ihm in die Augen. "Warum tust du das?"
"Weil du mein Sammy bist."
"Das ist kein Grund."
Der Tank stieß ihn so fest gegen die Tür, dass T.C. aufstöhnte. "Ganz schön vorlaut, was?"
McQueen holte tief Luft. "Bist... bist du einer der IV-Aufseher,?"
Der Tank lachte leise. "Mann, du hast keine Ahnung. Du weißt gar nichts, nicht wahr?"
"Ich weiß alles über Bergbau."
T.C. wurde losgelassen. "Wenn das alles ist, was du weißt, dann gnade dir Gott."
"Gott?"
"Vergiss' es. Ich bin Tom Sellers."
"Tyrus Cassius McQueen."
Sellers schüttelte den Kopf "Viel zu lang - wie wärs mit T.C.?"
McQueen nickte.
Sellers trat zu den anderen. "Hört zu, ich bin jetzt 3 ½ Jahre hier, noch 18 Monate und ich habe es hinter mir - ich will keine Schwierigkeiten durch euch, klar? Wenn ihr Scheiße baut, dann habt ihr es selber auszulöffeln." Er schaute auf T.C. "Das gilt im Besonderen dir. Ich habe schon viele kommen und gehen sehen. Du erscheinst mir wie jemand, der Probleme macht!" Damit wandte er sich ab.

T.C. schaute sich um. Die Hütte hatte keinen festen Boden, alles war mit dem grauen Staub bedeckt, den er draußen gesehen hafte. Die Hütte bestand nur aus einem Raum, der durch einen großen, verdreckten Vorhang geteilt wurde. Durch eine Lücke konnte er ungefähr 10 verschlissene Matratzen sehen, die auf dem Boden lagen. In der Mitte der Hälfte, wo er stand, war ein Kreis aus Steinen, da drinnen verkohltes Holz. "Wo habt ihr das Holz her?" McQueen hatte nicht einen Baum gesehen.

Tom blickte auf. Er beäugte McQueen, bedeutete ihm dann, sich neben im zu setzen. T.C. tat wie ihm geheißen.
"Du stellst ziemlich viele Fragen, was?"
T.C. schaute auf den Boden. Sein Wissensdurst hatte ihm schon manche Prügel eingebracht. Er zuckte mit den Schultern.
"Was soll's." Tom Sellers schaute wieder weg. "Vielleicht nicht schlecht, solange du mir nicht auf die Nerven gehst!" Damit schaute er T.C. durchdringend an. Dieser studierte sein gegenüber. Braune, tief liegende Augen, dunkles verfilztes Haar, eine recht frische Schramme auf der linken Wange und kräftige, verschwielte Hände. Tom's Kleidung hatte schon lange die Farbe verloren und war voller Löcher.

Sellers merkte, wie T.C. ihn begutachtete. Er tat das gleiche. Tiefblaue Augen, blondes, sandfarbenes Haar. Helle Haut, das lockige Haar fiel in T.C.'s wohlgeformtes, jungenhaftes Gesicht. Seine Augen waren voller Unschuld, Unwissenheit - Naivität. Er sah aus wie ein Kind. Er war ein Kind, kein Jahr alt. Tom seufzte. "Ja, viele Fragen." Er lächelte leicht. Dieser Tank erinnerte ihn an sich selbst, vor ca. 6 Jahren. "Weißt du, T.C., du gefällst mir!" Damit strich er McQueen mit dem Daumen sanft über die Wange - er sah die Angst in diesen wundervollen blauen Augen. "Ich werde versuchen, sie zu beantworten.Wie ist das?" Das erste Mal in seinem Leben und das letzte Mal für eine lange Zeit lachte T.C. McQueen.

Colonel McQueen machte leise Musik in seinem Quartier. Beethoven. Er nahm die kleine Schale mit heißem Tee und ging langsam zu seiner Koje. Als er saß, nahm er einen Schluck und betrachtete die bernsteinfarbene Flüssigkeit ließ sich vom aufsteigenden Dampf in die Vergangenheit führen.

Durst. Er hatte Durst. Aber er konnte jetzt nicht aufhören. Er konnte die Hacke nicht aus der Hand legen. Alles schmerzte ihm. Die Schultern, der Rücken, die Arme, die aufgerissenen Hände. Aber er musste weitermachen. Ohne Atempause. Der Aufseher hinter ihm würde nichts anderes zulassen. T.C. blickte auf das einfallende Sonnenlicht. Die schwachen Sonnenstrahlen schienen auf die Wand links von ihm. In den vier Monaten, die er hier war, hatte er gelernt, mit Hilfe dieser Sonnenstrahlen, die Zeit abzuschätzen. Zumindest in Schacht 7, dem Schacht, in dem er 19 Stunden des Tages verbrachte. Er schätzte die Zeit. Noch etwa 2 Stunden, dann hatte er es für heute geschafft. Wieder und wieder schlug er die Hacke in den harten Fels, brach mit seinen Händen das Erz heraus. Weiter vorne hörte er den Krach der großen Maschine. Sie fraß sich tiefer in das Erdreich, grub den Schacht weiter in den Planeten. Sie erwirtschaftete den größten Teil des Erzes - T.C. und die anderen um ihn herum hackten nur die Reste raus. ‚Mehr als genug Reste da,' dachte er. "Zahnputzervögel" nannte es Tom. T.C. hatte noch nie einen Zahnputzervogel gesehen.

Dann, endlich, hörte er die Schritte auf der Leiter. Schichtwechsel. Er nahm seine Hacke und seinen Werkzeuggürtel und ging zur Leiter. Müde und abgekämpfte Tanks traten ihre Schicht an. Sie blickten niederwürfig zu Boden, Resignation und Hoffnungslosigkeit in ihren Augen. T.C. hasste die Schächte. Zu eng. Er war jedesmal mehr als froh, wenn er wieder draußen war. "Klaustrophobie" nannte Tom es. "Scheiß eng" nannte es McQueen. Aber es gab schlimmeres. Drei Tage nach seiner Ankunft hatte er es am eigenen Leib erfahren. Er hatte einen der Aufseher kurz nach einer der kurzen Pausen nach Wasser gefragt. Als Antwort bekam er einen schmerzvollen Schlag quer über die Brust. Er war wieder aufgestanden und hatte dem höhnisch lachenden Aufseher gesagt, dass er nicht das Recht dazu hatte, ihn grundlos zu schlagen. Nachdem er so zusammengeschlagen worden war, dass er nicht mehr aus eigenen Kräften aufstehen konnte, befahl Preston, ihn in das "Loch" zu werfen. Nein - nicht daran denken. Nein.

T.C. gab seine Hacke ab und ging zu seiner Hütte. Ohne ein Wort zu den anderen zu sagen, schlüpfte er durch den Vorhang, legte sich auf seine Matratze und schloss erschöpft die Augen. Durst. Er hatte Durst - nein, lieber schlafen.

Tom Sellers sah T.C. hereinkommen, er stützte sich auf seiner Matratze auf und beobachtete den jungen InVitro. T.C. sah schlimm aus. Die Aufseher verlangten ihm viel zu viel ab. Er war zu jung. Kein Jahr alt. Tom hatte mit Grauen gesehen, wie Aufseher und auch ältere, größere und stärkere Tanks, McQueen von der Matratze und aus der Hütte gezerrt hatten. T.C. hatte einen Fehler - er war verdammt gutaussehend.

Er kam dann blutend und vor Schmerz leise stöhnend zurück und legte sich auf seine Matratze. Sagte kein Wort. Es hieß zwar, Tanks können nicht weinen, aber T.C.'s leises Schluchzen in diesen Nächten bewies das Gegenteil.
Tom wollte ihm helfen, aber - verdammt, 14 Monate. Noch 14 Monate und er hatte es geschafft. Allein das war wichtig. Er legte sich wieder hin und schloss die Augen.

"Hallo, T.C.!"
Eine scharfe Stimme schreckte Tom Sellers auf. Er kannte sie nur zu gut. Preston! Er blickte zu McQueen.
Er sah die Angst in den blauen Augen des Jungen - sah, wie sie ihn hilfesuchend anblickten. Tom schloss die Augen und wandte T.C. den Rücken zu.
Tom und T.C. waren die einzigen in der Hütte, also machte sich Preston keine Umstände. "Zieh dich aus!" Dann hörte Tom einen Schlag. "Verdammt, zieh dich aus, Tank!"
Bei T.C.'s schmerzerfülltem Schrei musste er die Augen zukneifen und sich auf die Lippe beißen. McQueen wimmerte leise, dann ein Aufstöhnen von Preston. Der Aufseher stand auf und lachte leise. Seine Schritte entfernten sich bis er die Tür der Hüfte schloss. Tom drehte sich um und blickte auf T.C. Er hörte keinen Laut von dem Jungen, nur seine unbekleideten Schultern zuckten. Sellers stand auf, zog T.C vorsichtig die Hosen wieder an. Bei der Berührung zuckte der junge Tank zusammen. "Schhhh - schon gut, Tyrus."
McQueen drehte sich um und blickte Tom an. Tränen und Blut verschmierten sein Gesicht. Er schluchzte.
Tom strich ihm sanft über die Wange.
"Warum?"
Die unschuldige Frage ließ Tom zusammenzucken. Er zog die Hand zurück.
"Warum?" fragte T.C. wieder. "Warum wendest du dich ab? Warum?"' Er weinte noch mehr.
Tom legte sich auf seine Matratze und schaute auf T.C. Schaute in diese blauen, unschuldigen Augen - ein Kind. Er war doch nicht mehr als ein Kind. ‚Warum?' fragte sich Sellers. ‚Warum muss ein Kind wie T.C. das hier durchmachen? Und warum helfe ich ihm nicht?' Er konnte nicht mehr in diese fragenden Augen schauen und wandte sich ab. Er lauschte, bis T.C.s Schluchzen durch gleichmäßige Atemzüge ersetzt wurde. Der Junge schlief.

Tom hatte recht gehabt. Der Junge machte Probleme. Nicht nur, dass er sehr attraktiv war, er hatte auch seinen eigenen Willen. Verheerend in den Minen. Alles in T.C. sträubte sich dagegen, den Natürlichgebborenen blind und bedingungslos zu gehorchen. Aber Schläge und Schlimmeres brachte ihn immer wieder schmerzlich auf den Boden der Tatsachen zurück. Er war ein Tank. Das war Erklärung genug. Dieser verdammte Dickkopf! Hafte er doch drei Tage nach seiner Ankunft gewagt, einem Aufseher zu widersprechen. Und wie - kein anderer Tank hatte das bisher in diesem Maße gewagt. Kein Recht dazu, ihn zu schlagen - ein Natürlichgeborenereinen Tank. Sturer Bock. Zur Strafe wurde er erst brutal von drei Aufsehern zusammengeschlagen und dann von Preston in das "Loch" geworfen. Das "Loch" war ein nicht allzu tiefer, aber enger Schacht, der senkrecht ins Erdreich führte. So gut wie alle Tanks litten an Klaustrophobie, vielleicht, weil sie den Anfang ihres Lebens in einem Tank verbrachten. T.C. hafte aus Leibeskräften geschrien, bis ihm die Stimme versagte. Dann war nur noch wehleidiges Wimmern zu hören, welches Tom fast das Herz brach. Als er den nächsten Tag herausgeholt wurde, war T.C. ein Wrack gewesen. Psychisch fertig. Physisch waren sie eh alte geschafft, aber Tom dachte, das "Loch" hatte den Jungen gebrochen, er würde das nicht durchstehen. Eine Woche lang hatte T.C. kein Wort gesagt, war allen aus dem Weg gegangen, hatte nicht in der Hütte geschlafen, sondern Gott weiß wo. Dann, plötzlich - mitten in der Nacht, stand er vor Tom, blickte ihn mit diesen naiven Augen an und verkündete trotzig: "In fünf Jahren komm' ich dich auf der Erde besuchen!" Manchmal kann so ein Dickkopf ganz nützlich sein. Er hatte T.C. gerettet. Seit dieser Nacht, seit diesem Moment, in dem ihm McQueen älter erschien, wusste Tom, dass T.C. etwas besonderes war. Keiner der Tanks, der den Natürlichgeborenen blind folgte, sich für sie aufbrauchte und starb, wie die meisten. Er würde es schaffen - irgendwie. In dieser Nacht hatte Tom T.C. sein Buch gezeigt. Es war sein größter Schatz, vermutlich das einzige Buch auf Omicron Draconis. T.C. hatte wissen wollen, wo Tom das Buch her hatte und ein eigenes haben wollen, aber diese Frage hatte ihm Tom nicht beantwortet. Nie würde er den Ausdruck in T.C.'s Augen vergessen. Nie. Wie ein Kind im Bonbonladen. McQueen las so oft er konnte. Alle Tanks konnten von "Geburt" an lesen, schreiben, rechnen.... aber nicht viele bekamen Gelegenheit, das auch zu tun. Wozu auch, sie mussten nur arbeiten, zu mehr wurden sie nicht gebraucht. T.C. kämpfte sich durch das Buch, mittlerweile wusste Tom nicht, wie oft McQueen es gelesen haben musste. Jedesmal, wenn Tom in die Hütte kam, saß McQueen mit dem Buch auf dem Schoß da, nahm alles auf und lernte es. Er hatte viele Fragen während er las. "Was ist Lethargie, Tom?" "Was ist eine Rose?" "Tom, was ist Eiscreme?" Tom hatte ihm die Fragen so gut er konnte beantwortet, war ungeduldig geworden, da T.C. ihn Tag und Nacht löcherte. McQueen hatte sich dann in eine stille Ecke der Hütte zurückgezogen und sich diese und weitere Fragen für später gemerkt.

Bevor Tom Sellers nach Omicron Draconis kam, hatte er etwas mehr als zwei Jahre im Haus einer alten Frau gearbeitet. Sie hatte ihm alles beigebracht, was er wusste, hatte ihm Bücher zum Lesen gegeben, *seine* Fragen beantwortet.
Er fühlte sich für T.C. verantwortlich, irgendwie - denn er sah sich selbst in diesen blauen Augen. Sich selbst vor sechs Jahren. Eine lange Zeit, wenn man mit 18 geboren wird und im Durchschnitt nach drei bis vier Jahren in einer der Minen starb. Jetzt musste er noch 14 Monate hier aushalten, dann würde er zurück zur Erde kommen. Er schaute noch mal auf T.C. Der Junge schlief tief und fest, der Mund leicht geöffnet, Knie angezogen.
‚Gute Nacht, Tyrus Cassius McQueen', dachte er und schloss die Augen.

Glen Ross stellte sein Glas voll Rum auf den Tisch vor ihm und schaute Ty McQueen an. Der Colonel hatte sich in seinem Sitz zurückgelehnt und die Augen geschlossen.
"Ty..."
McQueen öffnete die Augen und blickte Glen an. Dann senkte er die Augen zum Boden, wie ein kleiner Junge. Wie groß ist die Chance, dass gerade auf der Saratoga... verdammt!"
"Ty - du hast mir niemals von Tom Sellers erzählt."
McQueen schaute Ross in die Augen und schüttelte leicht den Kopf.
"Was geschah mit ihm?"
Wieder schloss McQueen die Augen und nahm einen Schluck von seinem Rum.

"TOM!" T.C. rannte an den Eingängen zu den Schächten vorbei. "TOM!" Verzweifelt und außer Atem blieb er vor dem letzten Schacht stehen. Tom war die Nacht über nicht aufgetaucht, kein Grund zur Sorge, Tom verbrachte so manche Nacht an einem geheimen Ort, mit einem anderen InVitro, aber als er nicht zur nächsten Schicht am Morgen aufgetaucht war, fing McQueen an, sich Sorgen zu machen. Er war durch das ganze Lager gelaufen, hatte alle Hütten durchsucht, alle Schächte. Nichts. Was nun? Ein Aufseher kam vorbei. Fragen? Nein. Er beeilte sich, zurück zu den Hütten zu laufen, ehe der Aufseher ihn bemerkte. Ein InVitro mit weißem Verband kam ihm entgegen. Natürlich - die Krankenstation.
Er war noch nie dort gewesen. Die Aufseher würden ihn lieber sterben lassen, als seine Behandlung zu bezahlen. Aber Tom war immer ein guter Arbeiter gewesen, der nie Probleme machte. *Ein* Grund, warum er noch am Leben war.
T.C. trat vorsichtig in den kahlen Vorraum. Ein Mann in einem weißen Kittel schaute auf.
"Ja?"
T.C. räusperte sich und trat nervös von einem Fuß auf den anderen. "Sir, ich, äh, ist Tom hier?"
"Wer ist Tom?"
"Tom Sellers, sir!"
Der Mann schaute T.C. verwirrt an. Tanks kamen hier normalerweise nicht her und niemals, um andere Tanks zu besuchen. Tanks kümmerten sich nur um sich selbst, sie konnten sich gar nicht um andere sorgen. Nun, anscheinend doch. "Hat dich ein Aufseher geschickt?"
"Nein, sir!"
"Warum bist du hier?"
‚Ja, warum bist du hier, T.C.?‘ McQueen schürzte die Lippen. "Nun, um ihn zu besuchen, sir."
"Besuchen?"
"Ja, sir."
Der Mann schüttelte den Kopf und stand auf. ‚Warum nicht?' Er warf einen Blick auf die Patientenliste, dann sah er den nervösen jungen Tank an. "Komm mit."
Erleichtert folgte T.C. dem Mann in einen anderen Raum. Alles war sauber hier drin, die Luft war kühl und nicht so staubig, wie draußen. Verschiedene Patienten lagen in den Betten. In dem hintersten Bett konnte er Tom Sellers erkennen. "TOM!"
Sellers blickte überrascht auf und sah T.C. auf sich zu rennen. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet.
"T.C.? Was machst du denn hier?"
"Tom - wie geht es dir?" Der Junge klang erleichtert, aber Tom hatte es sich zur Aufgabe gemacht, T.C. ein wenig Anstand beizubringen. Er schüttelte den Kopf.
"Eine Frage beantwortet man nicht mit einer Gegenfrage."
McQueen schaute auf den Boden. "Tut mir leid. Ich, du kamst heute nicht zu deiner Schicht und ich konnte dich im ganzen Lager nicht finden. Ich dachte..."
"Was?"
T.C. blickte auf. "Nichts."
Sellers seufzte, entschied sich aber dagegen, T.C. eine weitere Moralpredigt zu haften. "Deine Schicht fängt gleich an. Hast du mich die ganze Zeit gesucht?" Nach dem Nicken des Jungen fuhr er fort. "Mir geht es gut, T.C. Nur ein kleiner Unfall - wär doch gelacht, wenn ich fünf Monate, bevor ich auf die Erde kann, ins Gras beiße."
T.C. ließ sich die Worte durch den Kopf gehen. Fünf Monate. Noch fünf Monate und er war allein. Er nickte stumm und drehte sich um.
"T.C.! " rief Tom, kurz bevor McQueen die Tür erreichte. Der junge InVitro blickte ihn an. "Danke."
Das brachte ein Lächeln auf T.C.'s Lippen. Es geschah nicht oft, dass sich jemand bei ihm bedankte.
"Gern geschehen."

Drei weitere Monate verstrichen, McQueen war nun schon seit 16 Monaten auf Omicron Draconis und er lebte noch immer. ‚Erstaunlich', hatte Tom einmal bemerkt. Tom. T.C. würde nur noch zwei Monate mit Tom haben, genug Zeit, um ihm Fragen bis zum Umfallen stellen zu können. Tom wusste so viel. Und er würde auf die Erde zurückkehren, von der er T.C. so viel erzählt hatte. Dann würde Tom es hinter sich haben, dann war er frei.

Und dann, dann war Tom plötzlich tot.
T.C. starrte auf den reglosen Körper vor ihm. Eine Blutlache hatte sich unter Tom's Kopf gebildet, da wo Preston ihn mit seinem Stock getroffen hatte. Der Aufseher berührte den Körper des InVitros mit einem Fuss. Keine Reaktion. Preston machte eine abfällige Bewegung und schaute T.C. an. Dieser blickte auf Preston, auf Preston's Stock, wieder auf Preston. Bevor der Aufseher auch nur zucken konnte, sprang TC. mit einem Schrei nach vorne.
"MÖRDER!" Die Wucht seines Aufpralles ließ beide zu Boden gehen. In McQueen brannte die Wut wie ein Fegefeuer - er hatte keine Kontrolle über sich und seinen Körper. Nicht nötig. Immer wieder schlug er auf Preston ein, bis ihn drei weitere Aufseher von hinten packten und schmerzhaft zurückrissen. Er riß sich los und stürzte vor zu Tom. Tränen rannen seine Wangen runter. Laut schluchzend warf er sich über den älteren InVitro, der ihm so wichtig geworden war. Verzweifelt klammerte er sich an Tom's Körper, vergrub sein Gesicht in der Brust seines Freundes.
Es brauchte die Kraft von vier Aufsehern, um ihn von dem Tank loszureißen. Immer wieder hielt er Tom's Körper fest, klammerte sich an die erste Person, die ihm jemals etwas bedeutet hatte, Erst nachdem Preston ihn halb bewusstlos geschlagen hatte, ließ er los.
"Verdammter Tank!" Er beugte sie über den schluchzenden InVitro. "Ins Loch!"
T.C. wehrte sich nicht. Er schrie nicht, als er in der engen Dunkelheit saß. Er weinte nicht. Er blickte resigniert und aller Hoffnung beraubt nach oben in den Sternenhimmel, aber er sah die Sterne nicht. Er hielt nach dem blauen Stern Ausschau, von dem Tom ihm so viel erzählt hatte. Die Erde. Tom hatte gesagt: "T.C., wenn man das Licht eines Sternes sieht, dann kann es sein, dass dieser schon lange nicht mehr existiert. Das Licht eines Sternes ist wie ein Blick in die Vergangenheit. Er ist tot, nur sein Licht rast durch das All. Unsterblich - so lange jemand da ist, um es zu sehen." Tom. Er sah ihn vor sich, wie er blutend am Boden lag, wie er seine Hand zitternd ausstreckte, um T.C. ein letztes Mal zu berühren, bevor dieser von den Aufsehern zurückgestoßen wurde und Tom vor Schmerz aufschrie, als ihn ein weiterer Schlag von Preston traf. "Das Buch, T.C.," hatte er durch zusammengebissene Zähne hervorgebracht.
"Das Buch." TC. konnte nur nicken, der Klos in seinem Hals hatte verhindert, dass er seinem Freund Lebewohl sagen konnte.

Tom hatte ihm geholfen - noch 8 Wochen bevor er zur Erde konnte. Acht verdammte Wochen. T.C. hatte sich geweigert, einen anderen InVitro festzuhalten, damit Preston diesen bestrafen konnte. Jeder andere Tank in T.C.'s Position hätte getan wie ihm geheißen, aber nicht McQueen. Preston hatte ihn geschlagen, getreten, bis er auf dem Boden lag. Dann trat Tom zwischen ihn und Preston. Er sagte etwas zu dem Aufseher, T.C. verstand nicht was. Und nun - nun war Tom Sellers tot.

T.C. sah ihn vor sich. Seinen Freund. Er war für ihn dagewesen, solange McQueen keine Schwierigkeiten mit den Aufsehern hatte. Und heute hafte er sein Leben für ihn geopfert. Tom hatte ihm so viel beigebracht und gezeigt. Den Wert eines Buches. Die Bedeutung des Wortes Freundschaft. Er hatte unermüdlich T.C.'s endlose Fragen beantwortet und nur selten entnervt aufgegeben. Er hatte T.C. gezeigt, dass Leidenschaft nicht immer mit Schmerz und Gewalt verbunden war, so wie McQueen es von den Aufsehern und anderen InVitros kannte.

Tot. Nicht mehr da. Für immer. Allein. T.C. war wieder allein. Auf sich selbst gestellt. Und noch so viele Fragen.

Er blickte nach oben. Eine einsame Träne rann über seine schmutzige Wange. Würde er jemals wieder jemanden finden, der ihm so wichtig war, dass T.C. um ihn weinte?

Er *hatte* jemanden gefunden. Jahre vergingen nach dem Tod von Tom. Mittlerweile war T.C. endlich auf der Erde, kämpfte in einem Krieg, der nicht seiner war. Noch mehr Schmerz, Tod. Er war ein Außenseiter, konnte nicht gut mit anderen Menschen umgehen, auch nicht mit anderen InVitros - er war anders als sie.
Allein. Bis er Glen van Ross traf.
Der Mann hatte T.C. aufgeholfen, als er verwundet am Boden lag. Ein Natürlichgeborener, der einem Tank die Hand reichte.
Ross übernahm Tom's Rolle in McQueen's Leben. Er lehrte ihn, war für ihn da, wenn er ihn brauchte, zeigte ihm, dass es ein Leben außerhalb von T.C.'s selbst gesteckten Grenzen gab. Er brachte ihn zum Lachen, zum ersten Mal seit Jahren.

Man sagt, dass InVitros keine Emotionen kannten, dass das Wort Liebe keine Bedeutung für sie hatte. Aber T.C. wusste ganz tief in seinem Herzen, dass er Glen Ross liebte. Nicht wie man eine Freundin oder Partnerin liebte, sondern wie einen Vater.

Und nun blickte er in die Augen seines Freundes und sah darin nur Trauer - Trauer um ihn und Mitgefühl. Diese braunen Augen sagten mehr als alle Worte der Welt. McQueen lächelte. "Ein Wunder, dass Clyde Preston die Begegnung mit dir überlebt hat."
"Ja."
"Ich kann nichts machen."
"Ich weiß."
Ross blickte auf den Boden. "Es tut mir leid!"
"Nein - Glen, es muss dir nicht leid tun." Wieder lächelte McQueen. "Du bist für mich da, mehr kann ich nicht erwarten. Mehr konnte ich mir niemals erträumen." Er stand auf. An der Luke angekommen, wandte er sich noch einmal um. "Danke." Dieses Mal lächelte Glen. "Gern geschehen."

Widerwillig war Rossin der Landebucht, um Clyde Preston zu verabschieden. Nachdem, was Ty ihm über diesen Mann erzählt hatte, hätte er ihn am liebsten durch eine Ladeluke ins All geblasen, aber das war nicht möglich – leider...
"Vielen Dank, Commodore Ross. Es war mir eine Ehre, an Bord der Saratoga gewesen zu sein und Sie getroffen zu haben."
Ross nickte und schüttelte stumm Preston's Hand.
"Und richten Sie McQueen meine Grüße aus. Ich hätte ihn geme ,privat' gesehen, Sie wissen schon." Er grinste.
,Bastard!' dachte Ross.
"Nicht nötig."
Preston wandte sich um. Tyrus Cassius McQueen kam langsam auf ihn und Ross zu, eine Hand hinter dem Rücken.
"McQueen, welch' Überraschung. Hätte nicht gedacht, dass Sie den Mut haben würden, zu kommen, Colonel." Er betonte McQueen's Rang höhnisch. "Wie geht es dir, T.C.?"

Kalter Hass funkelte in McQueen's blauen Augen und Ross fürchtete einen Moment lang, der Colonel könnte Preston zu Boden schlagen. Als McQueen seine Hand hinter dem Rücken hervor nahm, war Glen bereit, nach vorne zu springen, um Ty, welche Dummheit er auch plante, aufzuhalten. Aber anstelle einer Waffe oder ähnlichem, war ein Päckchenl in McQueen's Hand. Preston blickte auf das mit rotem Papier eingewickelte Päckchen. McQueen reichte es ihm. "Von Tom," war alles, was er sagte. Dann wandte er sich ab und schritt davon.

Verwirrt blieb Preston stehen, bis ein Besatzungsmitglied der ISSVC ihn aufforderte, einzusteigen. Ross ging, noch bevor sich die Türen des Transporters geschlossen hatten. Es war Nacht auf der Saratoga. Glen ging in einen der Ladebereiche. Die dunkle Figur in einer Ecke reagierte nicht auf den Klang seiner Schritte. Blaue Augen schauten auf die Sterne hinaus.
"Wenn man das Licht eines Sternes sieht, dann kann es sein, dass dieser schon lange nicht mehr existiert. Das Licht eines Sternes ist wie ein Blick in die Vergangenheit. Er ist tot, nur sein Licht rast durch das All. Unsterblich." McQueen drehte sich zu Ross. "So lange jemand da ist, um es zu sehen."
Ross nickte und trat neben seinen Freund. "Was war in dem Päckchen?"
McQueen wandte sich wieder den Sternen zu und lächelte leicht. "Ein Buch."
"Ein Buch?" Glen runzelte die Stirn. "Warum schenkst du Preston ein Buch?"'
Ty zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht. Tom sagte mir einmal, wenn es soweit wäre, würde ich wissen, wem ich sein Buch geben soll." Er blickte Ross an. "Selbst wenn Preston das Buch wegwirft, so wird er sich doch an Tom erinnern. Das ist alles, was ich will. Wie das Licht eines Sternes, Glen. Unsterblich." Er lächelte. "Scheiße - ich werde sentimental." McQueen schüttelte den Kopf. "Kommst du mit in die Tun?"
"Willst wohl deinen Monatssold verspielen, Ty?" Ross klopfte McQueen auf die Schulter. "Du weißt doch - gib einem Tank Karten und du hast bald keine Probleme mehr mit deinen Schulden. Im Gegenteil zum Tank." Er lachte leise.
"Weißt du, Glen, jeder andere hätte dafür einen kräftigen Tritt in den Hintern bekommen."
"Ich weiß, Ty - ich weiß. Bitte denke daran, ich bin dein vorgesetzter Offizier. Drohungen dieser Art könnten Sie in die Arrestzelle bringen, Lieutenant Colonel! "
McQueen schüttelte den Kopf. "Lass' uns in die Tun gehen, Glen. Bitte!'
Ty... "
McQueen blieb wieder stehen. "Was denn?"
"Die Sterne." Ross trat an seinen Freund heran. "Wirst du für mich einmal das Gleiche tun, wie für Tom?"
Ty spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen und blinzelte sie schnell weg. "Ja, Glen, das werde ich.
Das verspreche ich dir."

Ende

Annette Seifert

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Die Charaktere und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above & Beyond" von Glen Morgan und James Wong überein.

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