Space: Above And Beyond
Introduction
Wir dachten, wir wären allein, glaubten, das Universum gehöre uns, bis eines Nachts,
im Jahre 2063, eine unserer Raumkolonien angegriffen wurde. Seitdem haben wir Krieg...
Ich bin Lieutenant Colonel McQueen, ein InVitro. Das sind Menschen, die in Brutkästen
heranwachsen. Ich habe das Kommando über eine Einheit des Marine Corps, das 58te. Man
nennt uns die Wildcards.
Wir kämpfen auf Abruf - im Weltraum, an Land und zu Wasser. Diesen Krieg zu verlieren, wäre schlimmer als eine Niederlage. Zu kapitulieren hieße, nie wieder heimkehren. Wir alle müssen unsere Aufgabe erfüllen - bedingungslos!
Prologue
Im Jahre 2027 begann die Regierung mit dem Versuch, eine neue Rasse von Soldaten zu züchten. InVitros sind Menschen, die in Brutkästen herangewachsen sind. Man nennt uns Tanks. Mit 18 Jahren kommen wir zur Welt. Ich heiße Cooper Hawkes. Vor sechs Jahren bin ich geboren worden. Jetzt haben wir 2064. Die Erde führt Krieg gegen hochentwickelte Außerirdische. Meine Einheit heißt Wildcards, die 58. Staffel. Es sind die einzigen Menschen, an denen mir etwas liegt.
Als Cooper aus dem Mannschaftstransporter stieg, der ihn von seiner Mission auf Tigris
zurück zur Saratoga gebracht hatte, herrschte auf dem Schiff Nachtruhe und außer auf der
Brücke und den wichtigsten Stationen schlief alles. Er fühlte sich müde und
zerschlagen, jeder einzelne Muskel und Knochen in seinem Körper schien zu schmerzen und
das kam der Wahrheit wohl ziemlich nahe. Zwei Tage war Cooper in geheimer Mission auf
einem unbekannten Planeten gewesen, um ein paar hochrangige Chigs zu liquidieren; ganz auf
sich allein gestellt, ohne Kontakt zur Saratoga, da sich der Satellit, der für die
Nachrichtenverbindung zuständig war, die ganze Zeit außer Reichweite befand. In der
ersten Nacht der Mission war noch Major Colquitt bei ihm gewesen, um den Auftrag
auszuführen. Doch bei dessen Erledigung hatte es ihn wie aus heiterem Himmel aus dem
Hinterhalt erwischt.
Cooper war darauf nicht vorbereitet gewesen. Obwohl er schon so viele Menschen hatte
sterben sehen (Chigs natürlich auch, aber die zählten ja nicht!), beschlichen ihn
Gefühle, mit denen er nichts anfangen konnte. Natürlich geborene Menschen würden diese
Emotionen mit Angst, Trauer und Hilflosigkeit benennen, aber Cooper hatte als InVitro
keine Ahnung davon. Er lebte erst seit sechs Jahren und kämpfte jeden Tag gegen seine
Unwissenheit und um das Verständnis der Menschen. Er hatte Colquitts verstümmelte Leiche
begraben, wie es das Marine Corps vorschrieb: mit der Waffe in der Hand und der
Erkennungsmarke im Mund.
Die folgenden zwei Tage waren die Hölle gewesen: Tag und Nacht wurde Cooper von den Chigs gnadenlos gejagt; nachts wurde er von Visionen heimgesucht und seine Waffe fiel aus wegen Ladehemmung. Trotzdem hielt Cooper durch, bis er wieder Kontakt zur Saratoga hatte und die Koordinaten für seinen Abtransport bekam. Seine Mission auf Tigris hatte Cooper verändert, er spürte es.
Nachdem man seine Wunden auf der Krankenstation versorgt hatte, legte Cooper bei Commodore Ross einen umfassenden, aber angesichts seiner körperlichen und geistigen Verfassung kurzen Bericht ab, unter Anwesenheit von Colonel McQueen, welcher ihn die ganze Zeit über mit einem nachdenklichen Ausdruck im Gesicht beobachtete. Endlich war Cooper mit seinem Bericht fertig und wurde entlassen.
Als Cooper den Mannschaftsraum der Wildcards betrat, erwartete ihn natürlich kein Begrüßungskomitee. Alle schliefen tief und fest in ihren Kojen. Es war genauso wie in der Nacht, als er zu seiner Mission aufgebrochen war. Niemand durfte etwas von dem Einsatz erfahren, am wenigsten seine Kameraden. Sie wussten auch nichts von der Gegenleistung, die man Cooper für diese gefährliche Mission geboten hatte. die ehrenvolle Entlassung aus dem Mahne Corps! Angesichts seines Hasses auf das Militär, zu dem ihn ein Richter ungerechterweise verdonnert hatte, ein kaum abzulehnendes Angebot.
Nachdenklich rieb sich Cooper seinen Hals, als er an die nun schon so weit zurückliegende Nacht in Philadelphia dachte, wo ein paar Natürlichgeborene versucht hatten, ihn in einem leerstehenden Lagerhaus aufzuhängen. Nur sein starker Lebenswille und seine grenzenlose Wut auf die Menschen hatten ihn davor bewahrt - und brachten ihn auch zum Marine Corps. Damals hätte er nicht gedacht, dass ihm jemals irgend etwas oder jemand etwas bedeuten könne, am wenigsten "Menschen". Cooper ging zu seinem Bett, setzte sich müde auf dessen Rand und begrub den Kopf in den Armen. Obwohl er so entsetzlich müde und erschöpft war, kamen seine Gedanken nicht zur Ruhe. Immer wieder dachte er an die Visionen, die er auf dem Planeten gehabt hatte und was sie wohl zu bedeuten hätten. Resigniert stand Cooper nach einer Weile auf und ging zum Fenster in der Hoffnung, dass ihn der Anblick der Sterne beruhigen würde. Sie kamen ihm so vertraut vor, gehörten sie doch zu den ersten Erinnerungen, die er an sein kurzes bisheriges Leben hatte. Als er noch in der lnVitro-Anstalt auf der Erde gewesen war, gehörten die Sterne am Nachthimmel zu den wenigen Dingen, die er von dem vergitterten Fenster seiner Zelle, die er mit anderen InVitros teilte, sehen konnte. Abend für Abend stand er manchmal bis tief in der Nacht vor dem Fenster und blickte zu den Sternen hinauf. Schon damals wünschte er sich die Freiheit, zu den entlegensten Orten der Galaxie reisen zu können.
Etwa zur gleichen Zeit träumte Shane:
Der Traum. Es ist immer wieder der gleiche Traum.
Ich fliege zwischen den Sternen durch, geradewegs auf die Sonne zu. Allein. Immer allein.
Irgend etwas sagt mir, dass die Sonne jeden Moment explodieren wird und was mich am
meisten beschäftigt, ist: Warum, warum musste die Sonne sterben?
Ich werde durch den Weltraum gewirbelt, zuerst der Schock, noch am Leben zu sein. Aber ich
nehme an, dass bald alles zu Ende sein wird. Ich sehe das Haus, wo es passiert ist wo die
Rebellen der Künstlichen Inteilligenzen, die Silikanten, meine Eltem getötet haben.
Ich möchte wissen, warum. Ich muss unbedingt wissen, warum...
Shane schreckte aus dem Schlaf, schweißgebadet und zitternd vor Angst. Sie brauchte ein paar Sekunden, um sich zu sammeln und den Alptraum abzuschütteln. Danach atmete sie noch einmal tief durch und richtete sich in ihrem Bett auf, stützte den Kopf auf den Arm und blickte durch den Raum, um sich zu vergewissern, dass sie niemanden geweckt hatte. Doch Damphousse, Wang und West schliefen immer noch tief und fest. In der Stille des Raumes konnte man deutlich ihre regelmäßigen Atemzüge hören. Es war wirklich beneidenswert. Hawkes' Bett war unberührt, wie schon die beiden Nächte zuvor.
Es hieß, dass er auf einer geheimen Mission unterwegs sei und dass man ihn gewählt habe, weil er der beste Schütze auf der Saratoga sei. Nun, das konnte man nicht leugnen; trotzdem würde sie sich hüten, es gegenüber Hawkes zuzugeben. Mehr Informationen über die Mission hatte Shane selbst aus McQueen nicht herausbekommen können. Als Teamführer fühlte sich Shane für alle Mitglieder der 58. Staffel verantwortlich und diese Geheimniskrämerei und Ungewissheit verunsicherten sie.
Als ihr Blick auf das Fenster fiel, gewahrte sie dort eine Gestalt, die im Schatten des
hereinfallenden Sternenlichtes stand. Nachdem Shane einige Sekunden intensiv dorthin
gestarrt hatte, erkannte sie, wer es war. Kein Zweifel, es war Hawkes! Langsam und sehr
leise stieg sie aus dem Bett und ging zum Fenster. Cooper stand mit dem Rücken zu ihr und
schien sie gar nicht wahrzunehmen, so tief war er in Gedanken versunken.
"Hey, Coop," sagte Shane und obwohl sie ganz leise gesprochen hatte, zuckte
Hawkes zusammen und drehte sich blitzschnell zu ihr um. Shane hob abwehrend ihre Hände,
so, als ob sie zeigen wollte, dass sie nicht bewaffnet sei.
"Ah, du bist es. Shane," sagte Cooper. Ich dachte, du schläfst wie die anderen.
Tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe."
Shane schüttelte den Kopf. "Ist schon okay, es war nicht deine Schuld. Ich hatte
wieder einen Alptraum!"
Cooper nickte. Er und die anderen Wildcards wussten von Shane's Träumen und wie sie
unter dem Tod ihrer Eltern litt.
"Weißt du, Shane, in den letzten beiden Nächten habe ich auch geträumt, von der
Zeit, als ich noch in der InVitro-Anstalt auf der Erde war und von den Wächtern
instruiert wurde... Und wo man mich kaltblütig umbringen wollte, warum, weiß ich bis
heute nicht.. Ich weiß nur, dass ich den Wächter niederstach, der mich töten sollte und
danach aus der Anstalt floh. Es war ein wunderbares Gefühl, als ich zum ersten Mal in
meinem Leben unter freiem Himmel stand, ohne dass Gitterstäbe meine Sicht verdeckten und
den von Sternen übersäten Nachthimmei sah. Den Anblick werde ich nie vergessen..."
Cooper schwieg und sein Blick schweifte wieder zum Fenster. Stille machte sich breit.
Shane wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie hatte Hawkes noch nie so
mitteilsam erlebt. Er sprach nur selten von seinem Leben vor dem Krieg. Was sie gerade von
ihm gehört hatte, erschütterte sie. Aus Mangel an Worten legte sie Cooper die Hand auf
seine Schulter. Sie fühlte seine Anspannung und die Wärme seiner Haut, die sich auf sie
zu übertragen schien. Er drehte sich zu ihr um und blickte sie fragend an.
Dieser Blick war so kindlich unschuldig, dass es Shane bis in ihr Innerstes drang und dort
etwas berührte, von dem sie dachte, dass es nicht mehr existieren würde. Ihr war, als
würde sie in Coopers blauen Augen versinken und bis auf den Grund seiner Seele
schauen. Nach einigen Sekunden, die ihr wie eine Ewigkeit erschienen, wurde ihr bewusst,
dass sie Cooper anstarrte, deshalb schlug sie schnell die Augen nieder und versuchte, ihre
Unsicherheit zu überspielen, indem sie irgend etwas sagte.
"Schön, dass du wieder heil zurückgekommen bist," war alles, was ihr einfiel.
Cooper verzog den Mundwinkel zu einem bitteren Lächeln und deutete auf den Verband, der
sich unter seinem T-Shirt spannte und seine geprellten Rippen verdeckte. Dann wurde er
wieder ernst und antwortete: "Viel hat nicht mehr gefehlt und es hätte mich
erwischt. Es wäre dann noch nicht einmal jemand da gewesen, der mich begraben hätte und
die Chigs hätten mir das Herz herausgerissen und meine Augen herausgeschniften."
Cooper starrte mit leerem Blick aus dem Fenster, während er in seiner Erzählung
fortfuhr: "Shane, es beschäftigt mich schon lange, dass bei meinem Tod keine
Familienangehörige da sein werden, niemand, der etwas über mein Leben sagen könnte. Das
macht mich wirklich fertig..."
"WIR werden da sein", erwiderte Shane und sah Cooper fest an, "aber ich bin
mir sicher, dass wir den Krieg überstehen werden und nach Hause zurückkehren
können!"
"Shane, verstehst du denn nicht, dass ich auf der Erde kein Zuhause habe!"
entgegnete Cooper, von seinen Gefühlen überwältigt."Weißt du, warum ich auf diese
Mission gegangen bin?!"
Shane schüttelte den Kopf.
"Man hat mir die ehrenvolle Entlassung aus dem Marine Corps angeboten! Erst auf der
Mission ist mir klar geworden, wohin ich gehöre, zum ersten Mal in meinem Leben! Mein
Zuhause ist hier auf der Saratoga, bei den Wildcards..." Es sah so aus, als
wollte er noch "bei dir" hinzufügen. Doch er sprach es nicht aus.
"Ich habe meine Entlassungspapiere zerrissen!" Cooper standen Tränen in den
Augen. Er schien nun von Shane eine Antwort, eine Bestätigung seines Handelns zu wollen
und blickte sie abwartend an.
Shane konnte kaum glauben, was sie soeben gehört hatte. Gerade Hawkes, der so viel
Schwierigkeiten gehabt hatte, sich in die 58. Staffel einzufügen und sich militärischen
Befehlen unterzuordnen und der weiß wie viele Male auf andere Marines, einschließlich
Nathan, losgegangen war, weil sie ihn gereizt hatten und er sein Temperament nicht zügeln
konnte; gerade er hatte die Möglichkeit vertan, ehrenvoll aus dem Corps entlassen zu
werden! Fast jeder hätte diese Chance wahrgenommen.
Und nun wollte Cooper eine Antwort für alles haben. Diese konnte ihm Shane aber nicht
geben. Stattdessen war sie von etwas ganz anderem irritiert: "Ich dachte immer, dass
lnVitros nicht weinen könnten, du bist der erste, bei dem ich es sehe. Es macht dich
viel... menschlicher." Sie berührte sachte eine Träne, die Cooper über die Wange
lief, so als wollte sie deren Echtheit überprüfen. Cooper ließ sie gewähren.
"Das hast du früher auch vom Träumen angenommen," sagte er, aber ich wusste
bis jetzt auch nicht, dass ich dazu fähig bin. Immer, wenn ich Menschen weinen sah,
fragte ich mich, warum sie es taten und was sie wohl dabei fühlen würden. Jetzt weiß
ich es..."
"Aber du bist doch auch ein Mensch", erwiderte Shane bestimmt und blickte Cooper
direkt an.
"Viele behaupten etwas anderes," erklärte er verbittert und ein schmerzvoller
Ausdruck erschien in seinen Augen. Shane fühlte, dass Cooper nun mehr denn je einen
Freund brauchte, an den er sich anlehnen konnte, auch wenn er selbst es vielleicht nicht
wusste. Sie nahm ihn beschützend in die Arme und versuchte, ihn zu beruhigen. Diese
Situation erinnerte Shane an die Nacht vor der Kamikaze-Mission der Wildcards mit dem
Alienbomber. Sie befand sich mit Hawkes auf dem Flugdeck und erzählte ihm von ihrer
Kindheit und aus welchen Gründen sie auf diese Mission gehen wollte. Sie wusste, dass
Hawkes nicht alles verstand, aber im Angesicht des drohenden Todes hatte sie sich ihm
näher gefühlt als je zuvor.
Minutenlang standen beide eng umschlungen vor dem Fenster, nur von dem Licht der Sterne
beleuchtet. Es schien, als ob sie sich nicht mehr voneinander trennen wollten - oder
konnten.
Schließlich löste sich Shane von Cooper und blickte ihn an. Sie küsste ihn sanft auf
seine Lippen und beobachtete seine Reaktion. Er war sichtlich überrascht und verwirrt
zugleich.
"Warum tust du das, Shane?" flüsterte er. "Du kennst doch meine Gefühle
zu dir! Als ich dich in der ersten Nacht auf dem Mannschaftstransporter bei unserer
Marsmission küssen wollte, da hast du mir einen Kinnhaken verpasst und klargestellt, dass
ich es nicht noch einmal wagen sollte. Zitat: Meine Zunge in deinen Hals stecken!"
Shane lachte leise. "Ja, daran kann ich mich noch gut erinnern. Du hättest dein
verdutztes Gesicht sehen sollen!" Dann wurde sie wieder ernst. "Aber das war
damals und die Dinge haben sich eben geändert."
"Was hat sich geändert?" fragte Cooper noch verwirrter als zuvor.
"So genau weiß ich das auch nicht," meinte Shane verlegen, aber wenn du noch
lange herum diskutierst, stehen wir noch morgen früh hier, ohne weitergekommenzu
sein!" Sie beugte ihren Kopf zu Hawkes, um ihn erneut zu küssen und damit alle
weiteren Fragen zu beenden.
Cooper erwiderte den Kuss mit zunehmender Leidenschaft. Das hatte er sich schon seit dem
Tag gewünscht, an dem er im Ausbildungslager des Marine Corps ankam und Shane das erste
Mal unter den anderen Rekruten sah. Hoffentlich würde dieser Kuss niemals enden...
Plötzlich erschallte der Sicherheitsalarrn der Saratoga und unterbrach die friedliche Stille der Nacht. Shane und Cooper zuckten vor Schreck zusammen und sahen sich noch einmal tief in die Augen, bevor sie sich voneinander trennten und zu ihrer Ausrüstung liefen. Wang, Damphousse und West waren mittlerweile auch aus ihren Kojen gesprungen und hasteten zu den Schränken, wo ihre Kampfanzüge und Waffen verstaut waren. West bemerkte als erster Coopers Anwesenheit und begrüßte ihn überschwenglich. "Hey, Coop, schön, dich mal wiederzusehen! Na, da bist du ja pünktlich zur Party zurückgekommen!" Für mehr Begrüßungsworte war keine Zeit, denn schon ertönte McQueen's Befehlsstimme durch das Interkom: "Fünf Acht! Begeben Sie sich sofort zu den Hammerheads! Wir haben Chigfeuer von allen Seiten! Keine Zeit für weitere Erklärungen! McQueen Ende!" Die Übertragung wurde abrupt unterbrochen. Kurz darauf erbebte die Saratoga unter den Treffern der Chigs. Wang warf Damphousse einen letzten Blick zu und schnappte sich seinen Flughelm. Nach einigen Sekunden waren auch die anderen bereit und hetzten durch die nur noch vom roten Notlicht beleuchteten Gänge des Schiffes zum Flugdeck. Weitere Treffer erschütterten die Saratoga.
Auf dem Deck wurden sie schon von McQueen erwartet. "Die Chigs greifen aus allen Richtungen an. Sie müssen sich im Planetenschatten von Eris III versteckt gehalten haben, wo wir sie nicht orten konnten. Sie haben die Aufgabe, die Chigjäger zu zerstören, die eine unmittelbare Gefahr für die Saratoga darstellen. Die 35., 42. und 49. Staffel werden Sie dabei unterstützen! Feuern Sie volles Rohr, wenn Sie da draußen sind! Die Lage ist sehr ernst. Viel Glück, Wildcards!"
Wang, Damphousse und West stürzten zu ihren Hammerheads und machten sich startklar.
Als Hawkes an Colonel McQueen vorbei wollte, hielt ihn dieser am Arm fest. "Sie sind
gerade von einer 72 Stunden Mission zurückgekehrt, Hawkes, Sie können nicht mit den
anderen da raus! Sie würden nur den Einsatz gefährden!" Cooper sah ihn wütend und
ein wenig ungläubig an. "Aber Sie brauchen mich da draußen, sir! Ich kann besser
schießen als jeder andere auf der Saratoga!" verteidigte er sich.
"Nicht in Ihrem jetzigen Zustand, Lieutenant!" McQueen ließ keine weiteren
Ausflüchte zu. "First Lieutenant Baxter von der 27. Staffel wird Ihre Position als
Wingman ersetzen! Ich werde auf der Brücke gebraucht und habe deshalb nicht die Zeit,
weiter mit Ihnen zu diskutieren. Wenn das hier alles vorbei ist, möchte ich Sie in meinem
Quartier sprechen, unter vier Augen! Bis dahin möchte ich, dass Sie sich ausruhen und
niemandem im Weg stehen!"
Cooper nickte langsam und folgte McQueen, der das Flugdeck verließ. Er ging zum Einsatzbesprechungsraum, von wo er den Start der Hammerheads durch das Sichtfenster beobachten konnte. Als er vor dem Fenster stand und alles überblickte, traf sein besorgter Blick auf Shane, die gerade dabei war, die Instrumente ihrer Maschine zu prüfen.
Als ob sie seinen Blick gespürt hatte, hob Shane den Kopf und blickte in seine Richtung. Sie zeigte die Andeutung eines Lächelns und streckte den rechten Daumen in die Höhe, das Zeichen für ,Ready for Take off'. Cooper erwiderte ihre Geste und nickte Shane aufmunternd zu. Aber sie beschäftigte sich schon wieder mit den Bordinstrumenten; kurz darauf schloß sich die Cockpitkanzel über ihr wie auch über den anderen Piloten. Danach sanken die Hammerheads nach unten auf das Abschlußdeck, von wo aus sie starteten.
Nachdem die Hammerheads aus Coopers Augen verschwunden waren, fühlte er sich seltsam leer. Es war einfach nicht fair, dass er hier auf der Saratoga untätig herumsitzen sollte, während seine Kameraden ihr Leben riskierten. Er durfte gar nicht daran denken, dass einer oder mehrere von ihnen nicht mehr zurückkehren würden. Hawkes versuchte, die düsteren Gedanken abzuschütteln und ging zurück zu den Mannschaftsquartieren. Er musste immer wieder anderen Marines und Technikern ausweichen, die durch die engen Gänge des Schiffes hetzten, um zu ihren Stationen zu gelangen. Hawkes schien der einzige Mensch auf der Saratoga zu sein, der keine Aufgabe zu erfüllen hatte. Weitere Treffer ließen das Schiff erzittern und warfen Cooper fast aus der Bahn.
Schließlich gelangte er bei den Mannschaftsquartieren an, die allesamt gähnend leer waren. Cooper fragte sich, was er nun machen sollte. Schlafen? Das war in dieser Situation unmöglich. Hawkes ging stattdessen zum Fenster, um wenigstes so etwas vom Kampf mitzubekommen, der sich da draußen abspielte. Ununterbrochen wurde die Dunkelheit des Alls vom Feuer der Chigs und der Hammerheads erhellt. Es waren Hunderte von kleinen Lichtblitzen zu sehen und manchmal auch größere Explosionen, wenn eine Maschine abgeschossen wurde. Hoffentlich sind es Jäger von den verdammten Chigs und keine von unseren Leuten, dachte Cooper. Er merkte nicht, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten, während er den Kampf weiter verfolgte.
Währenddessen überschlugen sich die Ereignisse auf der Brücke der Saratoga.
Ununterbrochen liefen Schadens- und Bereitschaftsmeldungen von den Stationen und
Kampfberichte von den Hammerheads ein. Commodore Ross verfolgte den Kampf auf dem
visuellen Bildschirm.
"Ich verstehe nicht, wie die Chigs unbemerkt so weit in unser Territorium vordringen
konnten. Dieser Sektor wurde als absolut sicher eingestuft!" erklärte er wütend
Colonel McQueen, der mit hinter dem Rücken verschränkten Armen neben ihm stand und
ebenfalls auf den Schirm starrte.
Dort war ein Teil des Planeten Eris III zu sehen, dessen grüngelbe Farbe von vier
rautenförmigen Chigkampfschiffen verdeckt wurde, welche von zahlreichen Bombern und
Jägern umringt waren.
"Nehmen Sie Kontakt mit Captain Barclay von der 49. Staffel auf!" befahl McQueen
dem Komoffizier. Wir brauchen einen genaueren Bericht über die Stärke der Chigs und eine
Antwort auf die Frage, wie sie uns hier überraschen konnten!"
Der Offizier stellte unverzüglich die gewünschte Verbindung her.
Zunächst war nur statisches Rauschen auf dem Kanal zu hören, doch dann meldete sich die
panische Stimme des Captains.
"Hier Barclay! Sir, die Chigs sind eindeutig in der Überzahl. Sie sind überall und
greifen uns von allen Seiten an. Es sind auch Schiffe unbekannter Bauart unter den
Chigjägem. Vielleiicht ein neuer Typ von Kampfjägern. Solche habe ich vorher noch nie
gesehen, aber sie gehören zu denen, denn sie schießen auf uns!"
"Könnten es vielleicht Silikantenschiffe sein, Captain?" fragte McQueen
ungeduldig.
"Nicht bestimmbar, sir." meldete Barclay, "aber wenn es so wäre, dann
hätten wir längst K.I. Signale aufgefangen! Und ich weiß nicht, wie die Silikanten
solche Schiffe hätten bauen können!"
McQueen dachte kurz nach. "Okay, Captain, wir schicken Ihnen die 34. Und 37.
Staffel zur Verstärkung und melden uns in ein paar Minuten wieder, Queen Six Ende!"
McQueen's Miene drückte noch mehr Besorgnis aus. "Wenn die Silikanten da drin
stecken, haben wir ein echtes Problem!"
Doch bevor er den Gedanken weiterführen konnte, meldete sich der taktische Offizier.
"Sir, drei kleinere Schiffe lösen sich aus der Alienflotte und nehmen direkten Kurs
auf die Saratoga.
Sie befinden sich in einer untypischen Angriffsformation. Es hat den Anschein, als ob die
vielen Chigjäger uns von ihnen ablenken wollen, indem sie unsere Hammerheads
beschäftigen!"
Commodore Ross sah sich die Situation auf dem taktischen Schirm genauer an. Das sieht nach
der Angriffsweise von Selbstmordkommandos der K.l. aus, wie sie in den Silikantenkriegen
oft angewendet wurde." Er wandte sich zu Colonel McQueen um, der ihm zustimmend
zunickte.
"Wir sollten sofort unser Feuer auf sie lenken," schlug er vor. "Schon
einer von denen hat sicher genug Nitro an Bord, um uns alle in die Luft zu jagen!"
Commodore Ross war der gleichen Meinung. "Die Wildcards sollen das erledigen. Sie
sind in Reichweite der Schiffe und mit derart gefährlichen Situationen vertraut!"
Sein Befehlston duldete keine Widerrede. Colonel McQueen ließ eine Verbindung herstellen
und meldete sich bei Shane.
"Queen Six an Wildcards! In Ihrer Reichweite befinden sich drei unidentifizierte
Schiffe, die sich auf Kollisionskurs mit der Saratoga befinden. Wahrscheinlich handelt es
sich um ein Selbstmordkommando der K.I.s mit einer großen Ladung Sprengstoff an
Bord!"
Shane musste ein Zittern in ihrer Stimme unterdrücken, als sie antwortete: "Hier
Vansen. Sir, sind Sie sicher, dass es sich um Silikanten handelt? Wir wussten zwar, dass
sie den Chigs Rohstoffe und Treibstoff liefern, aber sie haben uns noch nie gemeinsam
angegriffen!"
"Was macht das für einen Unterschied, ob es Chigs oder Silikanten sind, Lieutenant?
Zerstören Sie die Schiffe! Halten Sie dabei aber mindestens vier MSK Abstand, sonst
werden Sie von der Explosionswelle erfasst und vernichtet. Queen Six, Ende!"
Shane öffnete einen Kanal zu den anderen Hammerheads ihrer Staffel. "Ihr habt es
gehört, Leute.
Alle wieder zurück in die Formation und dann Kurs auf die Schiffe, Richtung Eins Eins
Null. Vansen, Ende!"
Die Hammerheads bewegten sich nun in Klammerformation auf das Ziel zu. Um sie herum war
die Hölle los. Der Feindannäherungsalarm kam nicht mehr zur Ruhe. Doch unbeirrbar
schossen sich die Wildcards ihren Weg frei.
Dann meldete sich Vansen über das Interkom: "Annäherung zehn MSK. Es geht los! Wang
und Damphousse, ihr übemehmt das Schiff, welches sich auf 12.00 Uhr befindet. Baxter und
West, ihr fliegt auf 2.00 Uhr. Ich greife das letzte Schiff allein an. Vergesst nicht,
einen Mindestabstand von vier MSK einzuhalten... Okay, tun wirs und danach fliegen
wir zurück zur Saratoga! Vansen, Ende!"
Die Hammerheads nahmen die befohlene Position ein und griffen die feindlichen Ziele an.
Doch nach mehrmaligen Treffern wurde deutlich, dass die Schiffe nicht durch Laserbeschuss
zerstört werden konnten.
Nathan begriff das als erster. "Hier West! Shane, die Bomber müssen über eine
zusätzliche Panzerung verfügen. Ich schlage vor, die Raketen einzusetzen!"
"Okay, West!" stimmte Shane zu. "Übrigens kriegen wir gleich Besuch von
einer ganzen Staffel Chigs. Annäherung in etwa fünf Mikes. Ich erwarte also, dass jeder
Schuß ein Treffer ist! Vansen, Ende!"
Wang ersparte sich den Kommentar, der ihm schon auf der Zunge lag. In letzter Zeit hörte
sich Shane genau wie McQueen an.
Währenddessen feuerten die Bomber nach allen Seiten, so dass die Wildcards Mühe hatten, ihren Angriff fortzusetzen. Wang befand sich als erster in Position und schoß die Rakete ab. Einige Sekunden später traf sie auf das Schiff, welches daraufhin in einem riesigen Feuerball erstrahlte, der sich wellenartig um das ganze Schiff ausbreitete. Die folgende Druckwelle erschütterte die Hammerheads.
Danach eröffneten West und Baxter das Feuer. Gerade als sie sich in die richtige
Position manövriert hatten, griff die Staffel Chigs von hinten an. Shane und die anderen
gaben Feuerschutz, damit sie ihren Angriff fortsetzen konnten.
"Hier West!" meldete sich Nathan, "ich versuche als erster mein Glück.
Baxter, bleib in Position!"
Dann feuerte er die Rakete ab. Doch kurz vor dem Einschlag wurde sie vom Laserfeuer der
Chigs getroffen und abgelenkt. Sie streifte die Backbordseite des Bombers und brachte ihn
auf Kollisionskurs mit dem anderen Schiff. Nathan drehte schnell ab, um sich aus der
Gefahrenzone zu bringen.
Baxter war nicht schnell genug. Ein zweiter, größerer Feuerball erhellte das Dunkel des
Alls, als die beiden Bomber zusammensfießen, gefolgt von einer kleinen Explosion, als
Baxters Hammerhead von der Druckwelle erfasst und in Stücke gerissen wurde. Für Trauer
blieb jedoch keine Zeit, da die Chigjäger einen neuen Angriff starteten und versuchten,
die WildIcards einzukreisen. Wang erwischte zwei von ihnen, wobei er seinen typischen
Kampfschrei ausstieß.
Vansen, Damphousse und West erledigten den Rest. Danach machten sie sich auf den
Rückweg zur Saratoga und - entdeckten eine Rettungskapsel, die schwerelos im All trieb.
Nach etwa zwei Stunden gaben die Chigs völlig überraschend auf und zogen sich in den
Planetenschatten zurück. Die Lage entspannte sich auf der Brücke der Saratoga. Commodore
Ross atmete tief durch und drehte sich zu McQueen um.
"Ich traue dem Frieden nicht. Ich gebe es nur ungern zu, aber lange hätten wir der
Flotte nicht mehr standhalten können. Die hecken irgend etwas aus!"
McQueen nickte ernst. Wir werden fünf Hammerheadstaffeln als Kundschafter ausschicken,
damit kein weiterer Überraschungsangriff erfolgen kann. Verstärkung können wir keine
erwarten. Das uns nächste Schiff ist die U.S.S. Potemkin, acht Tage von uns entfernt. Wir
sind also auf uns allein gestellt!"
Ross erteilte die nötigen Befehle und orderte die vom Kampf ermüdeten Marines
zurück.
McQueen bat um die Erlaubnis, die Brücke verlassen zu dürfen und begab sich zu den
Mannschaftsquartieren der Wildcards, wo er Hawkes vermutete.
Cooper hatte sich den gesamten Kampf am Fenster angesehen. Erst als er merkte, dass die Gefechte abflauten und sich die Alienflotte anscheinend zurückzog, wandte er sich vom Fenster ab und ging zu seiner Koje. Auf dem Weg dorthin fiel sein Blick auf die Fotos, die Shane an das Kopfende ihres Bettes geklebt hatte. Er setzte sich auf die Bettkante, um sie sich näher anzusehen. Auf den meisten Fotos sah er Shane mit ihren Schwestern, aber es war auch ein altes Foto von ihren Eltern dabei, die schon seit langem tot waren, von Silikanten ermordet. Er strich mg den Fingerspitzen über das Foto und versuchte ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es wäre, eine Familie zu haben, eine richtige Identität und nicht nur eine InVitro-Nummer.
Dann hörte er, wie jemand den Raum betrat und sah gleich darauf McQueen, der im
Türrahmen stand und ihn und die Bilder stirnrunzelnd ansah. Hawkes stand hastig vom Bett
auf und nahm Haltung an.
"Sir, ich dachte, Sie wollten mich erst später in Ihrem Quartier sprechen,"
bemerkte er zögernd.
Doch dieser ging nicht auf die Bemerkung ein. "Denken Sie wieder an die Familie, die
Sie niemals gehabt haben?" fragte er. "Es ist Zeitverschwendung, weil es nichts,
aber auch gar nichts ändert. Sie müssen sich endlich darüber klar werden, wer und was
Sie wirklich sind," fügte er ernst hinzu.
Cooper wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Erinnerungen zogen blitzschnell vor
seinem geistigen Auge vorbei: seine Schwester, die er auf dem Transporter McArthur
gefunden hatte. Katie hatte er sie genannt, denn sie besaß ja noch keinen Namen, weil sie
eine Ungeborene war. Trotzdem hatte er auf ihrem Gesicht bereits genetische
Gemeinsamkeiten festgestellt, als er sie das erste Mal sah. Doch da war sie schon tot
gewesen, geopfert für ein paar hundert Menschenleben. Er selbst hatte den Knopf
gedrückt, um Sektor 46 abzuschalten, wo Katie und weitere 167 Ungeborene an das Stromnetz
angeschlossen waren, das sie am Leben erhielt - damit sie irgendwann in naher Zukunft
geboren werden würden, wenn sie das 18. Lebensjahr errreicht hatten. Cooper hatte Katie
nicht retten können. Er wusste, er hatte das einzig Richtige getan, doch er wurde von
Schuldgefühlen geplagt und von dem Gefühl verfolgt, einen nicht ersetzbaren Verlust
erlitten zu haben. Damals auf der McArthur hatte Cooper einen Hauch von dem erahnt, was es
bedeutete, eine Familie zu haben. Im Gegensatz zu McQueen hatte er es noch nicht
aufgegeben, nach verwandten InVitros mit derselben Genkombination zu suchen.
McQueen musste wohl etwas von Coopers Gedanken in dessen Augen gesehen haben, als
er ihn mit seinern prüfenden Blick musterte, denn er wandte sich von ihm ab und ging zu
dem Fenster, an dem Hawkes kurz zuvor noch gestanden hatte, um den Kampf zu verfolgen -
und wo er vor wenigen Stunden mit Shane stand. Es schien Jahre her zu sein, wie eine Szene
aus einem anderen Leben. Cooper versuchte, sich ein wenig zu entspannen und wartete, dass
Colonel McQueen das Gespräch fortführte.Doch dieser stand mit hinter dem Rücken
verschränkten Armen seitlich vor dem Fenster und blickte hinaus ins All, das nun wieder
friedlich da lag, nur noch erhellt von dem Licht der Sterne, die schon seit Milliarden von
Jahren strahlten und es noch weitere Milliarden Jahre tun würden, ungeachtet dessen, ob
Menschen oder Außerirdische den Krieg gewannen.
McQueen's Gesicht lag im Halbschatten, unbeweglich, scheinbar ohne Emotionen. Die Zeit
verrann nur langsam und dehnte sich in die Länge. Nach einer halben Unendlichkeit gab es
McQueen auf, die richtigen Worte zu finden und drehte sich entschlossen zu Hawkes um.
"Warum haben Sie noch nicht Ihre Entlassung aus dem Marine Corps eingereicht?"
fragte er.
"Ihre Mission auf Tigris war erfolgreich, also haben die Entlassungspapiere
Gültigkeit."
"Sie wissen davon?" Cooper war überrascht. Die Mission war doch streng geheim,
sir!"
"Ja, natürlich, Hawkes. Aber wenn jemand aus meiner Staffel zu einem Einsatz
abkommandiert wird, weiß ich so viel darüber, wie es die allgemeine Sicherheit erlaubt.
Also, was hält Sie davon ab, zu gehen, Hawkes?"
Cooper atmete tief durch, bevor er antwortete: "Um ehrlich zu sein, sir, ich habe die
Entlassungsurkunde zerrissen. Auf Tigris. Die Papierfetzen sind jetzt wahrscheinlich schon
auf dem ganzen Planeten verstreut."
McQueen's Miene drückte Unglauben aus. "Und warum sind Sie dann auf die Mission
gegangen? Tigris wurde als heiß eingestuft und in Anbetracht Ihrer kurzfristigen
Unterweisung war es ein glattes Selbstmordkommando; der Verlust von Major Colquitt beweist
es. Ich weiß, Sie sind etwas draufgängerisch und wollen oft den Helden spielen, aber
dass Sie wirklich sterben wollten, habe ich nicht gewusst."
Cooper schüttelte den Kopf. "Sie verstehen das falsch, Colonel. Ich ging auf Tigris,
damit ich aus dem Corps entlassen werden würde. Ich war von dem Angebot so überrascht,
dass ich es einfach annehmen musste. Ich meine, das war es doch, was ich die ganze Zeit
gewollt hatte..." McQueen sah Cooper nachdenklich an, während dieser fortfuhr.
"Das dachte ich jedenfalls... Dann ging die Hetzjagd auf dem Planeten los und ich
hatte keine Zeit mehr, um nachzudenken. Aber als alles vorbei war, wurde mir klar, was ich
zu tun hatte." Cooper schwieg. Er erzählte McQueen lieber nichts von seinen Träumen
und Visionen auf Tigris, denn er war sich nicht sicher, ob der Colonel das verstehen
würde.
McQueen räusperte sich. "Sie bleiben also vorerst im Corps, Hawkes. Bis der Krieg
vorbei ist, nehme ich an."
"Bis wir den Krieg gewonnen haben," verbesserte ihn Cooper und zeigte dabei die
Andeutung eines Lächelns. McQueen's Mundwinkel zuckten ein wenig, bevor er wieder ernst
wurde.
"Und was dann? Was machen Sie nach dem Krieg? Kehren Sie auf die Erde zurück, um
miese, unterbezahlte Jobs von Menschen anzunehmen, für die Sie nichts weiter sind als ein
fauler und dummer Tank, der eigentlich nicht das Recht auf Leben hat? Wer weiß,
vielleicht bringt dann jemand das zu Ende, womit man das letzte Mal kein Glück
hatte!"
Die Anspielung auf den Mordversuch traf Cooper tief. Zum ersten Mal dachte er über seine
Zukunft nach.
"Was schlagen Sie vor, sir" fragte er nach einer Weile.
"Nun, erinnern Sie sich an unser Gespräch, damals auf Kazbek, als ich Ihnen erklärt
habe, warum ich ins Corps eingetreten bin?"
"Ja, ich kann mich erinnern, sir. Sie sagten, Sie wollten nie wieder von einem
Menschen Tank oder Nackenwarze genannt werden und dass kein Mensch die Behauptung
aufstellen sollte, dass alle InVitros faul und illoyal sind."
McQueen nickte. "Vielleicht können Sie aus demselben Grund im Marine Corps bleiben.
Sie wissen aus eigener Erfahrung, dass die meisten Menschen uns mißtrauen und
verabscheuen, obwohl wir ein Produkt ihrer Forschung und Entwicklung sind. Viele stellen
uns auf die Stufe von Silikanten und behandeln uns dementsprechend. Ich denke, sie
fürchten sich vor dem, was sie selbst geschaffen haben, und deshalb glaube ich, dass es
noch sehr lange dauern wird, bis sie InVitros als Menschen, als ihresgleichen, akzeptieren
werden. Wir könnten diesen Prozeß vielleicht beschleunigen. Wenn sich mehr InVitros
freiwillig zum Militär meiden und gegen die Chigs kämpfen würden, wäre das ein großer
Schritt in die Richtung, das Vertrauen wiederzugewinnen, dass die Menschen verloren, als
die InVitro-Truppen sich weigerten, gegen die Silikanten zu kämpfen. Überlegen Sie es
sich, Hawkes. Sie sind ein ausgezeichneter Schütze; wenn sie an sich arbeiten, könnten
Sie eine Karriere im Corps anstreben und durch Ihr Beispiel den anderen InVitros auf der
Erde helfen. Dann hätten Sie ein Ziel, etwas wofür es sich zu leben lohnt. Denken Sie
darüber nach..." McQueen schwieg und wartete auf eine Antwort.
Cooper dachte nach. Obwohl die Argumentation des Colonels überzeugend war, brachte er es
nicht über sich, ihm zuzustimmen. Zu lange schon war sein Leben vom Haß auf die Menschen
und das Militär geprägt gewesen. Es widerstrebte ihm, auf Dauer ein Bündnis mit ihnen
einzugehen und auf der anderen Seite zu stehen.
Auf der McArthur hatte er sich bereits gegen Seinesgleichen wenden müssen und er
würde nie den vorwurfsvollen Blick von Keats vergessen, dem InVitro, der es bis zum
Obermaat auf dem Schiff gebracht hatte, als dieser erkannte, dass Cooper den Tanks nicht
bei ihrer Meuterei helfen würde.
Er schloß kurz die Augen, um die richtigen Worte zu finden.
"Ich kann das nicht tun, sir," rutschte es aus ihm heraus. "Es tut mir
leid, wenn ich Sie enttäusche, aber ich bin einfach noch nicht soweit, ein Vorbild für
die InVitros auf der Erde zu werden und ich will auf keinen Fall, dass sie mich als einen
Verräter ansehen. Sie sind doch Meinesgleichen."
Coopers Gesichtsausdruck spiegelte seine widerstreitenden Gefühle wider.
McQueen nickte. "Ich kann verstehen, dass Sie so denken, Hawkes. Aber Sie müssen mir
glauben, dass es manchmal wichtiger ist, das Gemeinwohl über das Wohl des einzelnen zu
stellen. Ich hoffe, Sie werden das irgendwann einsehen, wenn die Zeit dafür reif
ist."
Cooper verstand zwar nicht alles, was der Colonel sagte, aber das wollte er nicht zugeben.
Deswegen nickte er nur. Für McQueen war das Gespräch damit beendet, denn er wandte sich
bereits ab, um zu gehen.
"Ich denke, dass ich alles gesagt habe, was es zu sagen gab," meinte er
als er sich noch einmal zu Cooper umdrehte.
Da meldete sich ein Offizier über das Interkom.
"Colonel McQueen, kommen Sie bitte sofort auf das Flugdeck! Die 58. Staffel ist
zurück, sir. Sie haben eine Rettungskapsel im Schlepptau und erwarten weitere
Anweisungen!"
McQueen runzelte die Stirn. Ich komme sofort!" gab er als Antwort und verließ den
Raum, ohne sich noch einmal nach Cooper umzusehen. Dieser folgte ihm.
Auf dem Flugdeck herrschte starker Betrieb. Die Techniker rannten beschäftigt von einem ankommenden Hammerhead zum nächsten, um die Maschinen zu checken und den Piloten beim Ausstieg behilflich zu sein. Die geborgene Kapsel befand sich im hinteren Bereich des Decks, der von Sicherheitsleuten abgesperrt worden war und wurde von einem Spezialistenteam mit Hilfe von Meßgeräten untersucht.
Shane stand bereits davor und beobachtete das Treiben. West, Damphousse und Wang
gesellten sich kurze Zeit später zu ihr. Sie drehte sich zu ihnen um, so dass sie sah,
wie McQueen und Hawkes das Flugdeck betraten. Sie ging ihnen entgegen, um Meldung zu
machen.
"Wissen Sie schon etwas genaueres über die Kapsel und deren Inhalt?"
fragte der Colonel aufgeregt.
Shane schüttelte den Kopf. "Nur das, was von außen sichtbar ist. Das Ding
ist 20,5 m lang, 10,7 m breit und besteht aus einem ähnlichen Material wie der
Chigbomber, den wir an Bord der Saratoga hatten."
Nathan fügte grinsend hinzu. "Diesmal müssen wir wohl ohne Hilfe von Aerotech
auskommen, aber ich glaube, dass das niemanden stört."
Auch die anderen konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen, bevor sie wieder ernst wurden.
Wang meldete sich nun auch zu Wort. "Ich denke, es handelt sich dabei um eine
Rettungskapsel von einem der unidentifizierbaren Schiffen, die von uns abgeschossen
wurden."
"Aber die Chigs müssen doch gewusst haben, dass die Kapsel in unsere Hände
fällt," warf Damphousse ein. "In den bisherigen Gefechten haben sie nie die
Kapseln ausgesetzt, obwohl sie es sicher gekonnt hätten. Also warum sollten sie es gerade
jetzt tun?"
Wang stimmte ihr zu. "Deswegen wussten wir auch nichts davon, bevor uns der
Chigbomber in die Hände fiel. Erst als wir mit ihm flogen und abgeschossen wurden,
erfuhren wir von der Existenz einer Rettungskapsel."
Cooper ahnte schlimmes. "Wenn die Chigs wussten, dass wir die Kapsel finden und auf
die Saratoga bringen würden, dann haben sie vielleicht darin eine Bombe oder sonstwas
versteckt, was sie hochgehen lassen, wenn sie sicher sind, dass die Kapsel an Bord des
Schiffes ist."
McQueen wurde nun auch immer besorgter. Ein Techniker, der einen Scanner in der Hand
hielt und das Gespräch mitgehört hatte, drehte sich um und wandte sich an den Colonel
als den ranghöchsten der anwesenden Offiziere.
"Sprengstoff ist definitiv nicht an Bord der Kapsel, sir. Das haben wir als erstes
untersucht, um eine Gefahr für die Saratoga ausschließen zu können. Wir haben
Lebenszeichen geortet und wollen versuchen, den Öffnungsmechanismus zu finden, denn wir
haben es nicht geschafft, den Mantel der Kapsel zu durchschneiden. Das Material ist sehr
widerstandsfähig und schirmt den größten Teil unserer Scannerstrahlen ab. Es kann noch
Stunden dauern, bis wir unsere Untersuchungen abgeschlossen haben. Wenn Sie mich jetzt
entschuldigen würden, sir..." sagte er und wandte sich wieder seiner Arbeit
zu.
McQueen drehte sich zu den Wildcards um. "Sie haben es gehört! Es bringt nichts,
hier noch weiter herumzustehen. Wenn etwas passiert, erfahren Sie es rechtzeitig von mir.
Ruhen Sie sich stattdessen etwas aus und schlafen Sie, wenn Sie können. Wer weiß, wann
Sie weder die Möglichkeit dazu haben werden!" Dabei sah er Hawkes scharf an.
"Und das ist ein Befehl!" fügte er hinzu.
Die Wildcards wollten nur ungern das Flugdeck verlassen und Wang konnte ein Maulen nicht
unterdrücken. Er verstummte aber sofort als er sah, dass es McQueen ernst war. So blieb
ihm nichts weiter übrig, als den anderen zu folgen und zu den Mannschaftsquartieren zu
gehen.
Cooper war erleichtert, dass die 58. Staffel nicht mehr als einen Mann Verlust zu beklagen hatte. Es tat ihm leid, dass es Baxter erwischt hatte; schließlich wäre das nicht passiert, wenn er statt ihm geflogen wäre. Dass es ihn vielleicht selbst getroffen hätte, das wollte sich Hawkes nicht eingestehen.
Als er Shane auf dem Flugdeck stehen sah, da hätte er sie am liebsten in seine Arme geschlossen, so froh war er gewesen, sie wiederzusehen. Aber dann dachte er daran, dass es ihr vielleicht nicht recht gewesen wäre; außerdem hatte sie ihm nicht viel Beachtung geschenkt, so sehr war ihre Aufmerksamkeit von der Rettungskapsel eingenommen gewesen.
Menschliche Reaktionen waren wirklich nur schwer zu verstehen. Es war fast so, als ob sich nichts zwischen ihnen geändert hätte. Cooper fühlte sich sehr müde und spürte wieder die Schmerzen in seinen Muskeln und Knochen. Während die anderen unter der Dusche standen, lag er in seiner Koje und dachte über Shane nach.
Als Vanessa, Paul und Nathan wenig später zurückkamen, war Cooper längst vor
Erschöpfung eingeschlafen. Sie unterhielten sich angeregt über die Rettungskapsel und
stellten Vermutungen über deren Inhalt auf.
"Bei den Lebenszeichen kann es sich nur um Chigs handeln," erklärte Nathan
gerade.
"Trotzdem können auch Silikanten an Bord sein," erwiderte Vanessa. "Da man
von ihnen keine Lebenszeichen empfangen kann, muss man auch diese Möglichkeit in Betracht
ziehen."
Paul musste schlucken. Die Erwähnung von Kl. erzeugten in ihm sehr unangenehme
Assoziationen seit seinem Aufenthalt in der Strafkolonie von Kazbek. Vanessa bemerkte
seine Reaktion. Sie verstummte sofort und führte ihre Vermutungen nicht weder aus, um
Paul nicht unnötig damit zu quälen.
"Hoffentlich schicken sie uns in die Kapsel, wenn es soweit ist," bemerkte
Nathan. "Schließlich haben wir ja schon Erfahrung damit." Die anderen nickten
ihm zu.
Als sie sahen, dass Cooper bereits schlief, beendeten sie ihr Gespräch. Jeder ging zu
seiner Koje und machte sich zum Schlafen fertig.
Shane betrat als letzte den Raum. Sie hatte sich nicht an der Diskussion der anderen über
die Kapsel beteiligt. Vermutungen anzustellen, brachte ja doch nichts und McQueen würde
sie schon früh genug über alles informieren. Sie war sehr müde. Jetzt, wo der Kampf
vorbei war, musste sie weder an Cooper denken. Auf dem Flugdeck hatte sie seinen Blick auf
sich gespürt, hatte diesen aber nicht erwidert. Früher oder später würde sie noch
einmal mit ihm reden müssen - darüber, wie es nun mit ihnen weitergehen soll. Sie
versuchte sich einzureden, dass eine richtige Beziehung zwischen ihnen keine reale Chance
hatte, da dies der Krieg einfach unmöglich machte.
Sie fasste den Entschluß, diese Tatsache Cooper klarzumachen, auch wenn er es
wahrscheinlich nicht verstehen würde. Sie musste dabei sehr behutsam vorgehen, denn sie
wollte Cooper auf keinen Fall das Herz brechen. Shane verstaute ihre Flugmontur im Spind
und ging langsam zu ihrem Bett. Sie sah Cooper friedlich schlafend in seiner Koje liegen
und ihr Herz verkrampfte sich. Warum musste nur alles so kompliziert sein?
McQueen befand sich immer noch auf dem Flugdeck und überwachte die Untersuchungen an
der Kapsel. Nach etwa zwei Stunden gesellte sich Commodore Ross zu ihm, um sich einen
Überblick über die Ergebnisse zu verschaffen.
"Gibt es schon etwas neues, Colonel?" fragte er.
"Das Wissenschaftsteam konnte noch immer nicht das Innere der Kapsel scannen, sir.
Sie haben aber die Außenpanzerung untersucht und eine, wie sie es nannten, 'interessante
chemische Zusammensetzung' entdeckt, die für die extreme Widerstandsfähigkeit des
Bombers verantwortlich ist. Wenn Sie es genauer wissen wollen, müssen Sie die 'Experten'
befragen, ich habe, wie Sie wissen, nichts mit chemischen Formeln am Hut."
"Ist in Ordnung, Colonel. Sonst noch was?"
"Im Moment sind sie dabei, den Öffnungsmechanismus zu finden. Sie versuchen ihn mit
elektrischen Impulsen zu aktivieren - bis jetzt ohne Erfolg."
Commodore Ross nickte und beobachtete das emsig arbeitende Team bei der Arbeit. McQueen
räusperte sich.
"Wo befinden sich die Chigs zur Zeit, was machen sie? Was genau haben unsere
Kundschafter herausgefunden?"
"Ja, sehen Sie, Ty, das ist eine merkwürdige Sache. Die Chigs befinden sich immer
noch auf der anderen Seite von Eris III. Sie haben keine weiteren Angriffe gestartet, ja
mehr noch, sie scheinen unsere Kundschafter vollständig zu ignorieren. Deshalb waren sie
in der Lage, den Planeten intensiv zu scannen. Colonel, sie konnten Lebenszeichen und
sogar urbane Strukturen auf der Planetenoberfläche ausmachen! Ich habe mich in den
Datenbanken informiert: Eris III wurde als unbewohnter M-Planet eingestuft,
Sauerstoffatmosphäre, 80 % Landgebiete, Süßwasserseen 20 %. Die durchschnittliche
Jahrestemperatur beträgt 17,8 C, deshalb reiches Pflanzenwachstum, aber keine
Lebensformen höherer Entwicklungsstufen. Außerdem ist der Planet reich an Mineralien und
Metallerzen. Eris III war aufgrund seiner günstigen Lebensbedingungen sogar für das
Siedlungsprogramm von Aerotech vorgesehen. Um diese Information zu bekommen, musste ich
einige Sicherheitscodes knacken."
McQueen warf Ross einen gespielt vorwurfsvollen Blick zu. Doch dieser fuhr mit seinem
Bericht fort.
"Ich weiß, was Sie jetzt denken, Ty, aber manchmal muss man eben Vorschriften
umgehen. Eris III stand bis zuletzt in der engeren Auswahl bei den kolonisierbaren
Planeten. Wie wir alle wissen, wurden letztendlich Vesta und Tellus besiedelt.
Wahrscheinlich war dieser Planet zu weit von der Erde entfernt, obwohl das für Aerotech
sicher nicht entscheidend gewesen sein kann..."
McQueen wurde immer erregter, während Ross redete.
"Sir, ich würde gern eine Staffel auf Eris III schicken, um zu untersuchen, was dort
vor sich geht. Ich meine, wie konnte man das alles übersehen?"
"Ich denke wie Sie, McQueen," stimmte der Commodore zu. Aber was mich am meisten
beunruhigt ist, dass sich die Chigs so ruhig verhalten. Es scheint fast so, als ob sie auf
etwas warten würden."
Auf einmal wurde es laut auf dem Flugdeck. Ein Bereich der Kapsel begann zu glühen.
"Wir haben es geschafft!" rief einer der Techniker.
McQueen und Commodore Ross traten näher. Die Sicherheitsleute bezogen Stellung rund um die Kapsel, ihre Waffen im Anschlag. Alle Augen richteten sich auf den Teil der Kapsel, der den Eingang darstellte. Eine Art Luke kristallisierte sich heraus und gab den Blick auf das pechschwarze Innere frei. Zunächst geschah nichts.
Einer der Marines warf eine Rauchgranate durch die Öffnung. Nach deren Detonation
betraten die ersten zwei die Kapsel, zwei weitere folgten ihnen kurz darauf.
Das Wissenschaftsteam, McQueen und Ross standen wie erstarrt da und wagten kaum zu atmen.
Die Luft schien förmlich vor Spannung zu knistern. Dann erschien einer der Marines an der
Luke.
"Es besteht keine Gefahr! Commodore, das müssen Sie sich ansehen!" Sein Gesicht
drückte totale Verblüffung aus.
Ross sah kurz zu McQueen und deutete mit seinem Blick an, dass er ihm folgen sollte.
Langsam gingen beide zu der Kapsel. Die Sicherheitsleute traten zurück und gaben den Weg
frei. Kurz vor dem Eingang zögerte Ross, überwand aber sein Unbehagen und trat in die
ungewisse Dunkelheit. Kaum war er in der Kapsel, gab er ein Geräusch der Überraschung
von sich. McQueen, der dicht hinter ihm war, sah sie nun auch. Seine Gesichtszüge
entgleisten. "Oh mein Gott ... !" war alles, was er noch hervorbrachte.
Cooper träumte.
Er befand sich wieder auf Tigris. Es war dunkel, nur die zwei Monde des Planeten spendeten kaltes, weißes Licht. Er hörte die heranrückenden Chigs, aber er konnte sie nicht sehen. Er rannte durch die Dunkelheit, mit seinen Armen durchteilte er die Büsche. Er konnte ihre Zweige auf seiner Haut spüren, sie schienen nach ihm zu greifen.
Er rannte immer schneller, aber die Chigs kamen unaufhaltsam näher. Sie waren nun
nicht mehr hinter ihm, sondern um ihn herum. Vor sich sah er etwas in der Dunkelheit
aufleuchten. Er folgte diesem Lichtschimmer. Als er näher kam, tauchte wie aus dem Nichts
eine Tür auf. Er streckte seine Hand nach dem Griff aus, unendlich langsam kamen seine
Finger näher, bis sie ihn berührten. Er stieß die Tür auf, schlug sie schnell hinter
sich zu und lehnte sich schweratmend mit dem Rücken an sie. Kurz darauf spürte er die
Tür unter dem Sturm der Angreifer erbeben. Er drehte sich um und drückte mit aller Kraft
dagegen.
Da legte sich ihm eine Hand auf die Schulter, er schrie auf und wandte sich um.
Es war Shane. Sie sah anders aus als sonst. Dann fiel ihm auf, was es war: Sie trug
keinen Kampfanzug, sondern zivile Kleidung. Cooper schaute sich weiter um und erkannte, wo
er war. Er befand sich wieder auf der Erde, Philadelphia, die InVitro-Anstalt, wo er
aufgewachsen war im ärztlichen Behandlungsraum, wo man den Mordversuch auf ihn
unternommen hatte.
Der Ansturm auf die Tür hörte abrupt auf, er schaute hinter sich: Die Tür war
verschwunden. Er sah wieder zu Shane - sie lächelte.
Dann begannen sich ihre Gesichtszüge zu verändern. Die Haut färbte sich aschfahl,
die Zähne sahen verfault aus und die Augen - die Augen wechselten ihre Farbe, so dass sie
nicht länger "menschlich" zu nennen waren. Cooper sah grauenerfüllt zu und
erkannte die Frau wieder, die ihm auf Tigris erschienen war. Ihre Augen glitzerten
geheimnisvoll und zogen ihn in ihren Bann. Er drückte sich instinktiv näher an die Wand,
als könnte er so diesem Blick entkommen. Sie lächelte ihn noch immer an. Dann sprach sie
mit Shanes Stimme. Sie flüsterte zwar, doch er konnte alles verstehen.
"Siehst du, ich sagte dir doch, dass wir uns wiedersehen werden. Oder hast du schon
unser Treffen auf Tigris vergessen?"
Ihre Stimme klang rauh. Cooper schüttelte hastig den Kopf. Er konnte seine Augen einfach
nicht von ihr abwenden.
Sie sprach weiter: "Ich habe dir geholfen, weißt du noch? Du bist mir etwas
schuldig."
"Was willst du?" Er musste sich regelrecht zu dieser Frage zwingen, denn das
Sprechen viel ihm schwer.
Sie lachte heiser. "Das wirst du noch früh genug erfahren. Du und ich - wir werden
noch viel Spaß miteinander haben."
"Wer bist du?" fragte er mit steigender Panik.
"Das weißt du bereits, Cooper. Ich bin immer bei dir und beobachte dich und deine
Freunde schon sehr lange. Damphousse weiß, wer ich bin oder sie wird es bald wissen. Zeit
spielt für mich keine Rolle. Sie wird erkennen, wenn ich in der Nähe bin und versuchen,
die Dinge zu ändern, aber sie kann es nicht. Genauso wenig wie du, Cooper. Auf dem
Planeten sind wir uns beide sehr nahe gekommen. Du hättest nur meine Hand zu nehmen
brauchen und ich hätte dich mit mir genommen. Aber du hast es vorgezogen, einfach
wegzulaufen, als ob das etwas ändern könnte an dem Unvermeidlichen. Ich habe dir noch
eine Chance gegeben. Du hattest Angst, ich konnte es spüren, genau wie auch jetzt. Die
Angst umgibt dich wie ein unsichtbarer Schleier." Das Funkeln in ihren Augen
verstärkte sich und die Intensität des Lichtes um sie herum schien schwächer zu werden.
Cooper überkam ein Kribbeln am ganzen Körper und er musste ein Zittern unterdrücken. Er
war kurz davor zu begreifen, das Verstehen lag nahe an der Oberfläche, aber noch konnte
es nicht auftauchen und in sein Bewußtsein dringen. Ein lautloser Schrei bildete sich in
seiner Kehle.
Sie sah ihn fasziniert an, als ob sie ein interessantes Insekt beobachten würde.
Auf einmal erfüllte ein schriller Ton den Raum, es klang wie ein Pfeifen. Es wurde noch
dunkler. Cooper hielt sich die Ohren zu und krümmte sich wie vor Schmerzen.
Ihr Gesicht kam immer näher, bis sie seines fast berührte. Ihr Blick schnitt durch
seine Seele.
Dann presste sie ihre Lippen auf seine. Sie waren kalt - eiskalt, aber er hatte nicht mehr
die Kraft, sie wegzustoßen. Es war genau wie bei ihrem letzten Zusammentreffen auf
Tigris.
Dann schien auch sie den schrillen Pfeifton zu bemerken, sie horchte kurz auf und verzog
ihren Mund zu einem weiteren scheußlichen Grinsen.
Cooper erfasste ein Schwindel und das Bild verschwamm vor seinen Augen. Er konnte sie nur
noch schemenhaft und verzerrt sehen. Sie drehte sich um und entfernte sich von ihm.
Während er sich die Ohren zuhielt und an der Wand entlang nach unten in die Hocke
rutschte, konnte er noch einmal ihre Stimme in seinem Kopf hören. "Ich komme wieder,
Cooper. Du wirst mich nie wieder los."
Cooper erwachte mit einem Schrei aus dem Schlaf. Er setzte sich so abrupt in seinem
Bett auf, dass er sich seinen Kopf an der oberen Kante stieß. Der Schmerz war grauenvoll
und ihm wurde schwarz vor Augen. Dann merkte er, dass er schweißgebadet war und fuhr sich
mit den Händen über das Gesicht, um den Schweiß wegzuwischen und einen klaren Kopf zu
bekommen. Seine Kopfwunde hatte wieder begonnen, zu bluten. Er blickte sich um. Was er
sah, ließ ihn voller Panik aufschreien und zurückzucken. Es war Shanes Gesicht direkt
vor ihm, die ihn besorgt anblickte.
"Coop, beruhige dich, es war nur ein Alptraum! Es ist jetzt 5.30 Uhr, der Weckruf kam
gerade."
"Nur ein Traum?" fragte er, noch nicht ganz überzeugt.
"Ja, glaub' mir, ich kenne mich da aus."
"Aber es war so real, ich konnte alles fühlen wie sonst auch. Es war einfach
schrecklich. Da warst du und dann diese andere Frau. Sie erzählte was über Damphousse
und davon, dass sie wiederkommen würde."
Coopers Blick war nach innen gerichtet, als er den Traum noch einmal durchlebte. Shane
strich ihm über die Stirn. Sie verstand seine wirren Reden nicht.
"Du hast Fieber, Coop, du bist ganz heiß. Die Mission, der Angriff der Chigs, das
war einfach zu viel für dich. Ich werde dich auf die Krankenstation bringen, damit man
dich noch einmal untersucht."
"Nein, mir geht es gut!" Cooper schlug ihre Hand weg. Er musste dahinter kommen,
was der Traum zu bedeuten hatte. Er hatte eine Ahnung, dass es lebenswichtig sei.
Shane beobachtete ihn nachdenklich. Er schien sehr angeschlagen zu sein und es war wohl
kaum der richtige Zeitpunkt, um mit ihm ernsthaft zu reden. Sie verschob das Gespräch
geistig auf später.
Die anderen Wildcards hatten sich nun auch um Coopers Bett versammelt. Er spürte ihre
fragenden Blicke auf sich und fühlte sich unbehaglich. "Mir geht es gut!"
wiederholte er ärgerlich. Er war es nicht gewohnt, im Mittelpunkt des Interesses zu
stehen und reagierte deswegen gereizter als er eigentlich wollte.
"Schon was neues von der Rettungskapsel?" fragte er, um ihre Aufmerksamkeit von
sich abzulenken.
Nathan schüttelte den Kopf. "McQueen hat sich bis jetzt noch nicht gemeldet. Ich
frage mich, warum..."
Shane blickte Cooper immer noch besorgt an. Er starrte zurück. Die anderen bemerkten den
intensiven Blickkontakt zwischen den beiden. Nathan runzelte die Stirn. "Was geht da
vor?" dachte er. Doch dann konzentrierte er sich wieder auf das Wesentliche.
"Lasst uns auf das Flugdeck gehen und selbst nachsehen. Shane, du bringst Coop zur
Krankenstation, um den Kopfverband wechseln und ihn durchchecken zu lassen!"
Cooper wandte daraufhin seinen Blick von Shane ab und richtete ihn auf Nathan. Dieser zuckte innerlich zurück, als er die Wut in dessen Augen sah. Er hatte gedacht, dass Hawkes über die Phase der Wutausbrüche hinweg war. Nun, er hatte sich eben geirrt. Cooper atmete hörbar aus. "Ich kann allein gehen, West! Ich brauche keine Mutter, die auf mich aufpasst!"
Er stand von seiner Koje auf, die anderen traten zurück und machten Platz. Cooper wankte, ohne es zu wollen, zur Seite und musste sich an der Bettkante festhalten. Ihm verschwamm wieder das Bild vor den Augen und sein rasender Herzschlag dröhnte in seinen Ohren. Er schloß die Augen, bis sich sein Kopf klärte.
Dann fühlte er eine stützende Hand auf seiner Schulter, automatisch verkrampfte sich
sein Körper. Er öffnete die Augen, starrte zuerst auf den Arm und dann zu Nathan, der
daraufhin seinen Arm hastig zurückzog.
Cooper tastete mit der Hand die Wunde an seiner rechten Kopfhälfte. Sie war feucht -
feucht von seinem Blut. Vanessa's Gesicht wurde blass, als sie es sah.
"Coop, bist du sicher, dass du es allein schaffst?" fragte sie zögernd.
Doch dieser gab ihr keine Antwort, er strahlte Entschlossenheit nach allen Seiten aus. Die
anderen traten schnell beiseite, als er durch ihre Gruppe hindurchtrat und aus dem
Mannschaftsraum stürmte. Die so stehengelassenen Wildcards sahen sich gegenseitig fragend
an.
"Was ist nur los mit ihm?" fragte Paul.
Nathan blickte daraufhin zu Shane, doch sie ging nicht auf die unausgesprochene
Aufforderung ein, sondern blickte auf einen imaginären Punkt an der Wand und schwieg.
"Er stand wahrscheinlich unter starkem Streß in den letzten Tagen. Wir wissen nicht,
wo er in den 72 Stunden war und was er erlebt hat," meinte Vanessa, "vielleicht
erzählt er uns irgendwann davon," fügte sie hinzu.
"Da wäre ich mir nicht so sicher," widersprach Nathan. "Ihm wird es nicht
erlaubt sein und außerdem hat Cooper nun mal Schwierigkeiten, seine Gefühle
auszudrücken."
Die anderen Wildcards nickten.
Nathan sah auf die Uhr. "Okay, machen wir uns fertig, ein schnelles Frühstück und
dann gehen wir zum Flugdeck."
Keiner widersprach, alle gingen auseinander, um sich fertig zu machen.
Draußen auf dem Gang lehnte sich Cooper mit Kopf und Schulter schweratmend an die Wand. Der Stahl war kalt, besonders auf seinem vom Fieber erhitzten Gesicht. Er schluckte und versuchte, ruhiger zu werden. Ihm musste es schlechter gehen, als er gedacht hatte. Dann schleppte er sich mehr oder weniger zur Krankenstation.
Der behandelnde Arzt erkannte sofort seinen Zustand und gab ihm die entsprechenden
Medikamente. Danach sah er sich die Kopfwunde an. Sie hatte sich entzündet und sah übel
aus. Er schüttelte den Kopf. Normalerweise hätten die Medikamente der ersten Behandlung
anschlagen müssen, doch stattdessen hatte sich der Zustand des Lieutenants permanent
verschlechtert.
"Sie müssen sich unbedingt schonen," erklärte er, während er den Verband
wechselte.
"Ich habe bereits ein paar Stunden geschlafen - das reicht!"
Coopers Stimme hatte an Festigkeit verloren, trotzdem klang er immer noch
überzeugend genug. Außerdem fühlte er sich nach der Medikamenteneinnahme schon viel
besser. Der Arzt hatte schon von den Wutausbrüchen Lieutenant Hawkes' gehört und wagte
nicht, zu widersprechen.
"In Ordnung, Lieutenant, ich werde bei Ihnen eine Ausnahme machen."
Sofort machte Cooper Anstalten, sich vom Krankenbett zu erheben.
"Aber wenn Sie merken, dass es Ihnen schlechter geht, kommen Sie sofort zur
Krankenstation und dann bleiben Sie auch hier!"
Cooper murmelte etwas vor sich hin. Der Arzt war sich nicht sicher, ob es ein "Danke
schön" sein sollte oder nicht. Als Cooper die Krankenstation verließ, sah er ihm
kopfschüttelnd nach.
McQueen und Ross starrten immer noch gebannt auf das, was sie in der Kapsel sahen, sie
und die Marines, die hinter ihnen standen, waren wie gelähmt von dem Anblick: Der Feind
stand mit erhobenen Händen vor ihnen - es waren Menschen!
Vier Augenpaare schauten ängstlich zu McQueen und Ross.
Niemand wagte zu sprechen. Man schätzte sich gegenseitig ab, beide Seiten waren unsicher,
was sie nun tun sollten. Einer der Männer, wahrscheinlich der Anführer der Gruppe,
unterbrach die Stille.
"Ich schätze, dass wir Ihre Gefangen sind, Colonel," sagte er, nachdem er einen
Blick auf McQueen's Rangabzeichen geworfen hatte. "Die normale Vorgehensweise wäre
wohl, uns auf Waffen zu untersuchen und danach abzuführen!"
McQueen entging nicht der zynische Tonfall des Mannes. Es brachte seine Willenskraft und
die Gedanken an seine Pflichten zurück.
Eine kurze Kopfbewegung zu den hinter ihm stehenden Marines veranlasste diese,
vorzutreten, die Männer nach Waffen abzutasten und ihnen Handschellen anzulegen. Danach
wurden sie abgeführt.
McQueen folgte ihnen mit seinen Augen und blickte dann zu Ross. Er sah in seinem Blick genau das gleiche, was er auch fühlte: Besorgnis - und Angst.
Ihr Aufenthalt in der Kapsel hatte nicht länger als fünf Minuten gedauert, aber es hatte sich alles verändert. Auf dem Flugdeck herrschte die gleiche Verblüffung beim Anblick der Gefangenen wie im Inneren der Rettungskapsel. Sechs Marines umringten die vier Männer und brachten sie zum Verhörraum. Nun betrat auch das Wissenschaftsteam die Kapsel, um sie zu untersuchen.
Als man vor dem Verhörraum ankam, ergriff McQueen den Arm des Mannes, der in der
Kapsel mit ihm gesprochen hatte. "Mit ihm fangen wir an!" befahl er. "Die
anderen werden unverzüglich in die Zellen gebracht!"
Dann schob McQueen den Mann in den Raum und schloß die Tür hinter sich und Commodore
Ross, der ihm gefolgt war. Zwei der Marines bezogen Stellung vor der Tür.
In dem halbdunklen Raum befanden sich nur ein Tisch und zwei Stühle, auf einem nahm
der Gefangene Platz, McQueen setzte sich ihm gegenüber. Ross war gezwungen, zu stehen, er
lehnte sich an die Wand, so dass er sich hinter dem Gefangenen befand und verschränkte
die Arme vor der Brust. Er würde McQueen das Verhör überlassen und nur eine
Zuschauerrolle übernehmen. McQueen betrachtete den Mann, der ihm gegenüber saß. Er war
nicht älter als 28 Jahre, hatte mittellanges schwarzes Haar und graue Augen, die
den Colonel genauso intensiv musterten wie er ihn. Er strahlte trotz seiner Lage
Gelassenheit, ja sogar Überlegenheit aus und sah McQueen höhnisch an.
Doch dieser ließ sich davon nicht beeindrucken. Er legte das Aufnahmegerät auf den Tisch
und drückte die Recordtaste, um das Verhör aufzuzeichnen.
"Wer sind Sie?" begann er. "Ich will Ihren Namen und Ihren Rang. Aus
Ihren Andeutungen habe ich entnommen, dass sie zum Militär gehören müssen."
Der Angesprochene lächelte, bevor er antwortete: ",Mein Name ist John R. Tresko,
Genpool 48 B, Partie Alpha 9739, Philadelphia Facility - und ja, Colonel, ich gehörte
früher zu einer Einheit, Dienstgrad First Lieutenant, Kennummer 9247158437."
McQueen war mittlerweile von seinem Platz aufgesprungen, er konnte nicht fassen, was er
gerade gehört hatte.
"Sie sind ein Tank?! - Wie ist das möglich?"
Sein Gegenüber hörte auf zu lächeln.
"Passen Sie auf, was Sie für Worte in den Mund nehmen, Colonel. Ich für meinen Teil
ziehe nämlich die Bezeichnung 'InVitro' vor. Sie wollen doch sicher nicht, dass ich
denke, dass Sie ein Rassist sind oder?" sagte er mit eisiger Stimme.
"Aber wenn Sie mir nicht glauben wollen, überzeugen Sie sich doch selbst."
McQueen trat sofort hinter ihn und strich die Haare in seinem Nacken beiseite. Dort sah er
den Nabel, der ihn eindeutig als InVitro kennzeichnete. Er sah, wie Ross ihn fragend ansah
und nickte ihm bejahend zu. McQueen ging daraufhin wieder zu seinem Stuhl, setzte sich
aber nicht, sondern blieb stehen und stützte seine beiden Hände auf die Lehne. Er
blickte John entschlossen an und wies ihn zurecht.
"Ich weiß nur zu gut, was es bedeutet, 'Tank' oder 'Nackenwarze' genannt zu
werden."
Nun war es an John, überrascht zu sein, mit dieser Antwort schien er nicht gerechnet zu
haben.
"Sie sind auch ein... und trotzdem sind Sie Colonel auf diesem Schiff und kämpfen
auf deren Seite!"
Er zeigte mit dem Kopf hinter sich zu Ross.
"Auf welcher Seite sollte ich denn sonst kämpfen, Lieutenant?" fragte McQueen
ärgerlich.
Doch der andere ging nicht auf seine Frage ein. Er schien zu überlegen.
"Wie viele InVitros befinden sich noch auf dem Schiff?" wollte er wissen.
"Gegenwärtig gibt es außer mir nur noch einen. Aber ich weiß nicht, wie das Ihnen
weiterhelfen sollte. Immerhin bin ich hier derjenige, der die Fragen stellt - und nicht
Sie!" schrie er ihn an.
Der andere hatte nun seine Fassung wiedergewonnen und lächelte überheblich.
"Nur zu, Colonel. Fragen Sie, ich habe nichts zu verbergen."
Als Nathan und die anderen Wildcards das Flugdeck betraten, waren sie überrascht, zu
sehen, dass die Kapsel bereits geöffnet war und die Techniker und Wissenschaftler dort
ein- und ausgingen.
Nathan stürzte auf den Erstbesten zu, packte ihn an der Schulter und drehte ihn zu
sich herum.
"Hey, Mann, was soll das?!" fuhr dieser ihn an.
"Seit wann ist die Kapsel offen? Wo sind Colonel McQueen und Commodore Ross?"
fragte Nathan. "Sagen Sie mir, wer oder was war in der Kapsel?"
"Ich bin nicht befugt, auf Ihre Fragen zu antworten, Lieutenant," entgegnete der
Mann und wandte sich wieder von ihm ab. Nathan packte ihn am Kragen und sah ihn
entschlossen an. "Wenn Ihnen Ihre Gesundheit am Herzen liegt - und ich bin mir
sicher, dass das der Fall ist - dann sollten Sie mir vielleicht doch antworten!"
Der Blick des Mannes wurde nun etwas ängstlich. Er sah sich hilfesuchend um, doch in
dem Blickfeld, den Nathan's Klammergriff zuließ, befanden sich nur die anderen Wildcards,
die ebenso ärgerlich und gefährlich aussahen. Das schien ihn zu überzeugen.
"In der Kapsel befanden sich vier Menschen. Sie wurden abgeführt, begleitet von
McQueen und Ross. Mehr weiß ich auch nicht."
Nathan's Griff lockerte sich und gab den Mann frei, der sich sehr schnell zurückzog, um
eine möglichst große Distanz zwischen sich und den Wildcards zu bringen. Nathan drehte
sich zu den anderen herum.
"Jetzt verstehe ich, warum man uns nicht informiert hat! Menschen in einem
Chigbomber... Mein Gott, damit hat nun wirklich niemand gerechnet!"
Auf den Gesichtern von Shane, Paul und Vanessa sah er die gleiche Überraschung, die er
fühlte. Alle waren wie gelähmt, unfähig, eine Entscheidung zu treffen. Shane löste
sich als erste aus der Erstarrung.
"Man hat die Gefangenen sicher zum Verhörraum gebracht. Gehen wir dorthin. Mal
sehen, was wir dort in Erfahrung bringen können," schlug sie vor.
Die anderen stimmten zu und folgten ihr. Vor dem Flugdeck stießen sie mit Cooper
zusammen, der gerade von der Krankenstation kam. Damphousse erklärte ihm kurz die Lage
und zog den verwirrten Cooper hinter sich her.
"Wie sind Sie in die Rettungskapsel gekommen?" fragte McQueen.
"Das haben Sie mich doch schon mindestens dreimal gefragt, während der letzten
Stunden!"
John's Stimme klang müde und gereizt. Sein Blick war auf den Tisch gerichtet, auf seiner
Stirn standen Schweißperlen.
"Dann erzählen Sie es mir noch einmal, Lieutenant Tresko - die Geschichte hört sich
so phantastisch an, dass ich sie gar nicht glauben mag. Früher oder später werden Sie
mit der Wahrheit herausrücken müssen," erklärte McQueen.
"Sie glauben mir also nicht, Colonel? Dann tut es mir leid für Sie, denn etwas
anderes werden Sie nicht von mir zu hören kriegen!" kam sofort die Antwort.
"So - ich soll Ihnen also glauben, dass sich auf Eris III weitere lnVitros befinden,
ja, dass die Anlagen, die unsere Kundschafter entdeckten, von Ihnen bzw. der 'Kolonie',
wie Sie es nannten, stammen?"
McQueen ging quer durch den Raum, während er Tresko's frühere Aussage wiederholte. Als
er an der Wand ankam, drehte er sich um und musterte den Gefangenen zum hundertsten Mal.
Er fühlte sich erschöpft von dem Verhör. Meist konnte er bei Menschen erkennen, ob sie
die Wahrheit sagten oder nicht. Sein Gefühl sagte ihm, dass er nicht log, aber er spürte
auch, dass ihm etwas wichtiges vorenthalten wurde. Er blickte zu Ross, der während der
vergangenen 1 ½ Stunden an der gegenüberliegenden Wand lehnte und das Verhör
mitverfolgt hatte. Dieser zuckte nur die Schultern.
McQueen ergriff wieder das Wort. "Dann erklären Sie mir doch, wie Sie auf diesen
Planeten gekommen sind und vor allem, warum Sie sich in einem Schiff befanden, welches zu
einer Chig-Flotte gehörte?"
"Ich sagte Ihnen bereits, dass das geheim sei, Colonel..."
"Ach geheim?! Sie gehören zu den Erdstreitkräften, Tresko, Sie sind verpflichtet,
uns alles zu sagen, was Sie wissen! Wenn Sie nicht bald damit herausrücken, werde ich
persönlich dafür sorgen, dass Sie und Ihre 'Begleiter nicht nur vor das
Kriegsgericht kommen, sondern dass Sie auch die Höchststrafe erhalten!"
McQueen's Stimme hallte durch den Raum, sein wütender Blick hätte jeden eingeschüchtert
bis auf John. Er wunderte sich insgeheim, dass dieser so lange durchgehalten hatte.
Denn McQueen war sich sicher, dass er ihm nichts erzählt hatte, was er nicht bereit war,
zu erzählen. Irgendwie hatte es John geschafft, den wirklich wichtigen Fragen geschickt
auszuweichen und sie nicht direkt zu beantworten. Es war frustrierend.
Der Gefangene hatte mittlerweile seinen Blick von der Tischplatte gelöst und starrte
McQueen an. Er schien ihn erneut abzuschätzen. Dann senkte er den Blick. Es sah aus, als
hätte er eine Entscheidung getroffen.
"In Ordnung, Colonel. Ich werde Ihnen alles erklären - wenn er den Raum
verlässt." Er zeigte mit dem Kopf zu Ross.
"Sie wagen es, Forderungen zu stellen?! Sie sind nicht in der Position dazu,
Tresko!"
McQueen war von so viel Unverschämtheit überrascht.
"Wie Sie meinen - aber das ist meine Bedingung. Entweder Sie erfüllen sie, oder Sie
werden nichts von mir erfahren!" entgegnete John unnachgiebig,
McQueen sah zu Ross, welcher einige Sekunden nachdachte und dann nickte. Als er sich zur
Tür wandte, meldete sich Tresko noch einmal. "Vergessen Sie nicht das Ding auf dem
Tisch, Commodore..." wobei er seinen Blick auf das Aufnahmegerät richtete.
Ross unterdrückte seinen Unmut, ging zum Tisch und nahm den Recorder. Dann sah er noch
einmal zu McQueen, bevor er den Raum verließ. Nachdem sich die Tür hinter ihm
geschlossen hatte, verschränkte McQueen seine Arme vor dem Oberkörper und räusperte
sich.
"So, Lieutenant, jetzt sind wir allein und ungestört - wie Sie es wünschten!"
Sein ironischer Tonfall erzeugte ein Lächeln auf Tresko's Gesicht.
"Als erstes werde ich meinen Status klarstellen, McQueen. Ich sagte, ich gehörte zu
einer Einheit, nicht dass ich noch im Dienst bin. Also sparen Sie sich Ihr
'Lieutenant ", begann er.
"Wir sind im Krieg, Tresko, als ehemaliger Armeeangehöriger haben Sie die Pflicht,
daran teilzunehmen!" erklärte McQueen.
"Wer sagt denn, dass ich nicht daran teilnehme?" entgegnete der
Gefangene.
McQueen sah ihn erstaunt an, doch er erkannte, dass keine weiteren Erklärungen folgen
würden, ging er nicht darauf ein und versuchte, an einer anderen Stelle anzusetzen.
"Dann erzählen Sie mir von Ihrer Einheit, vielleicht kommen wir auf diese Weise
weiter..." lenkte er ein.
"Alles, was ich dazu sagen kann, Colonel, ist: Es war keine offizielle Einheit und
sie bestand nicht aus Menschen, sondern ausschließlich aus lnVitros."
McQueen sah Tresko scharf an.
"Die InVitro-Truppen wurden alle während der Silikantenrebellion aufgelöst, weil
sich die lnVitros weigerten, zu kämpfen - das ist doch allgemein bekannt. Ich selbst habe
an diesem Krieg teilgenommen und kann das bestätigen."
McQueen erinnerte sich gut an diese gewaltgeladene Zeit und wollte Tresko eine Lektion in
Geschichte erteilen.
"Befehlsverweigerungen und Angriffe auf Vorgesetzte häuften sich, bis es die ersten
Toten gab. Es kam zum Cleveland-Massaker - 2053 - bei dem die gesamten InVitro-Truppen des
dortigen Ausbildungslagers durchdrehten und zwanzig Natürlichgeborene töteten... Die
Navy musste einige ihrer Truppen hinbeordern, um die Lage unter Kontrolle zu bringen - und
ein Exempel zu statuieren: Alle InVitros in diesem Camp wurden ausnahmslos exekutiert -
187 Mann... Das Militär musste daraufhin seinen 'Fehlschlag' in bezug auf die Züchtung
einer neuen Rasse von Soldaten eingestehen und das Programm einstellen... Also wer sollte
ein Interesse daran haben, eine Einheit weiterbestehen zu lassen, die keinen Wert
hat?" stellte er die Frage in den Raum.
Nach einiger Überlegung fügte er hinzu: "Es sei denn, jemand hätte einen Weg
gefunden, die InVitros gefügig zu machen... Ist es so?" fragte er.
John lächelte. "Ihre Schlußfolgerungen sind absolut richtig, Colonel. Jetzt werden
Sie verstehen, warum das geheim bleiben muss!"
McQueen überlegte. Er war sich sicher, dass das Militär nicht dahinter steckte. Wer
dann? Plötzlich erinnerte er sich an den Loyalitätstest, dem er und Hawkes sich
unterziehen mussten, nachdem ein InVitro UN-Generalsekretär Chartwell ermordet hatte.
Irgendwie hatte man es geschafft, auch Coopers Verhalten so zu manipulieren, dass er
versuchte, Chaput zu töten. Das brachte ihn auf eine Idee, die er weiter verfolgen
wollte.
John beobachtete McQueen interessiert, während dieser nachdachte. "Ich denke, Sie
haben eine Ahnung, wem die Einheit, der ich angehörte, unterstand," stellte er fest.
McQueen nickte. "Ja, aber das erklärt noch nicht, wie Sie auf den Planeten gekommen
sind undwieso."
Da der Gefangene nicht darauf antwortete, stellte McQueen die Frage anders.
"Hat es vielleicht etwas mit dem Siedlungsprogramm von Aerotech zu tun?"
"Sie wissen davon?"
Tresko versuchte erst gar nicht, es abzustreiten. "Ich habe meine Quellen..."
erwiderte McQueen.
"Wenn Sie schon alles wissen, warum fragen Sie dann danach, Colonel?"
John hatte erneut sein überlegenes Grinsen aufgesetzt, doch McQueen ließ sich von ihm
nicht provozieren.
"Nun, mir sind einige Zusammenhänge noch nicht ganz klar," sagte er
ausweichend. Er ging wieder zu der gegenüberliegenden Wand, um besser nachdenken zu
können und wandte Tresko den Rücken zu. Er fühlte sich sehr müde. Er war seit 28
Stunden im Dienst, denn er hatte es sich nicht nehmen lassen, selbst dafür zu sorgen,
dass man wieder eine Verbindung zu dem Satelliten herstellte, um eine Nachricht von Tigris
erhalten zu können und die Koordinaten für den Abtransport von Hawkes zu übermitteln.
Dann kam der Angriff der Chigs und jetzt auch noch dieses schwierige Verhör mit Tresko...
Was sollte eigentlich noch alles geschehen? McQueen versuchte, sich zu konzentrieren und
rieb sich die Augen. Fast sofort wurde ihm bewusst, was diese Geste Tresko zeigte. Er
durfte sich seine Erschöpfung nicht anmerken lassen.
John hatte in der Zwischenzeit geschwiegen und den Colonel beobachtet. Er fragte sich bereits zum hundertsten Mal, ob er ihm trauen konnte oder nicht. So oder so, er musste eine Möglichkeit finden, Brian, Marcus und Stuart freizubekommen und von dem Schiff zu verschwinden. Den Rest würden dann die Na Toth erledigen. Die Anwesenheit der zwei InVitros auf der Saratoga komplizierte die Lage beträchtlich, denn der Kodex verbot, einen anderen InVitro zu töten. Hätte er doch nur nicht befohlen, die Rettungskapsel auszusetzen, dann wäre das Schiff jetzt zerstört und keiner von den Natürlichgeborenen hätte von ihrer Kolonie erfahren. Nun war wegen ihm alles in Gefahr, was sie sich so mühevoll aufgebaut hatten... John war sich sicher: McQueen war der Schlüssel zu seiner Freilassung. Wenn er ihm das wichtigste erzählte, würde ihn das vielleicht überzeugen, mitzukommen, zusammen mit dem anderen InVitro - wenn nicht, dann müsste er es eben auf die harte Tour versuchen und McQueen würde zusammen mit der restlichen Besatzung der Saratoga sterben. Er beschloß, es zu wagen.
"Colonel McQueen, haben Sie sich eigentlich einmal gefragt, warum man damals bei
dem Tellus-Programm kurzfristig zehn InVitros aufnahm?" begann John. McQueen drehte
sich zu ihm um.
"Was meinen Sie damit? Das ganze war das Ergebnis der Bemühungen von Protestgruppen
für die Gleichstellung der InVitros. So gesehen, war es also nur normal, dass sie auch an
diesem Programm teilnahmen..."
"Glauben Sie wirklich, McQueen?" fragte Tresko. Sie wissen genauso gut wie ich,
dass dies Protestler in der Minderheit waren und es auch immer noch sind und somit nicht
den geringsten Einfluss auf eine mächtige Organisation wie Aerotech hatten!"
McQueen widersprach ihm nicht. Er fühlte, dass der Gefangene endlich zum Reden bereit war
und wollte ihn nicht ablenken.
"Sie meinen, Aerotech hat selbst dafür gesorgt, dass InVitros teilnahmen?"
"Ja," war John's kurze Antwort.
McQueen begriff langsam. "Diese lnVitros gehörten zu der Spezialeinheit und Sie
waren einer von ihnen," stellte er fest. "Was war Ihre Aufgabe?"
"Überwachung und die Sicherheit der Tellus-Kolonie," antwortete Tresko.
"Aerotech wusste zu diesem Zeitpunkt noch nichts von der Zerstörung von Vesta?"
wollte McQueen wissen.
"Nein." Die Antwort kam schnell, zu hastig, wie McQueen auffiel. Er wusste
gleich, dass Tresko log. Er speicherte diese Information und fuhr fort, weitere Fragen zu
stellen. "Wie haben Sie den Angriff der Chigs überlebt?"
"Das kann ich Ihnen nicht genau sagen, McQueen, aber alle zehn InVitros haben es
geschafft." McQueen befriedigte diese Antwort nicht. "Sie waren also Gefangene
der Chigs... Und was geschah dann?"
John's Blick war wieder auf die Tischplatte gerichtet, während er versuchte, die
richtigen Worte zu finden.
"Ich weiß, dass das jetzt so etwas wie ein Schock für Sie sein wird, Colonel, aber
wir waren in der Lage, uns mit den - wie Sie sie nennen - Chigs zu verständigen. Was aus
den anderen überlebenden Kolonisten geworden ist, darüber wissen wir nicht viel, nur
dass sie in Gefangenenlagern festgehalten werden"
McQueen konnte nicht ganz folgen. "Sie wurden anders behandelt? Wieso?"
"Nun, wie schon gesagt, wir waren die einzigen, die sich verständlich machen
konnten. Später entdeckten wir einige Gemeinsamkeiten mit den Außerirdischen, die uns
letztendlich in die Lage brachten, uns auf Eris III - wie der Planet von Ihnen genannt
wird - anzusiedeln. Sie haben nicht die geringste Ahnung, wie anders die
Gesellschaftsstruktur der Aliens ist. Und doch ist sie unserer in einigen Aspekten so
ähnlich - es ist einfach unvorstellbar," sinnierte Tresko. McQueen war von diesem
Zugeständnis irritiert.
"Inwieweit war denn Ihre Verständigung erfolgreich?" hakte er nach.
John wusste genau, worauf McQueen hinauswollte.
"Ich würde sagen, dass sie in jeder Hinsicht für beide Seiten von Vorteil
war," gab er zu.
"Sie arbeiten also für den Feind," schlußfolgerte McQueen,
"Wie können Sie das den Menschen antun?" klagte er Tresko an.
Der Gefangene schüttelte den Kopf. "Sie vergessen, dass es Natürlichgeborene und
InVitros gibt. Was kümmert es mich, ob die Menschheit ausgelöscht wird oder nicht! Ist
es denn nicht nur gerecht, dass wir überleben werden, während jene, die uns geschaffen
und für ihre Zwecke mißbraucht haben, sterben, so dass wir als eine neue und bessere
Generation von Menschen überleben und ein neues Zeitalter der Geschichte einleiten
werden?"
John's Augen hatten zu leuchten angefangen, als er seine Vision der Zukunft erzählte.
"Sie sind ja nicht ganz bei Sinnen, Tresko!" unterbrach ihn McQueen energisch.
"Die einzigen, die Sie mißbrauchen, sind die Chigs, die Sie zum Verräter an Ihrer
eigenen Rasse machen. Wie können Sie nachts eigentlich noch ruhig schlafen mit diesem
Wissen und dieser Schuld?"
John sah McQueen nach dieser Frage direkt in die Augen und schüttelte langsam den Kopf.
"Sie verstehen es einfach nicht, Colonel, oder? Wie können Sie denn mit Ihrem Wissen
im Corps dienen?" konterte er.
McQueen fühlte sich von dieser Anschuldigung mehr als nur verärgert. "Wie können
Sie es wagen," zischte er den Gefangenen an.
Tresko blieb von seinem Wutausbruch unbeeindruckt. "Ich muss mich doch sehr wundem,
McQueen, dass Sie Ihre Ursprünge so schnell vergessen haben. Also, wer ist hier der
Verräter - Sie oder ich?!"
So viel Unverfrorenheit war zuviel für McQueen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, so
dass Tresko zusammenzuckte. "Treiben Sie es nur nicht zu weit - langsam bekomme ich
den Eindruck, dass Sie diesen Raum nicht mehr lebend verlassen werden!" sagte er
gefährlich leise zu ihm.
John schluckte, als er die Härte in McQueen's Augen sah. Er hatte seine Loyalität zum
Corps einfach unterschätzt. Ein großer Fehler. Nun versuchte er, den angerichteten
Schaden wieder zu beheben.
"Fakt ist, Colonel, Sie sind ein InVitro wie ich. Ihnen sollte also genauso viel
daran gelegen sein, unsere Kolonie zu schützen und ihre Existenz vor den
Natürlichgeborenen geheimzuhalten. Sie sind nämlich der Feind - und nicht die Chigs. Sie
waren einfach zu lange bei den Marines, um die Wahrheit zu erkennen!"
McQueen gab es auf, sich weiter aufzuregen. "Vielleicht haben Sie sogar recht, Tresko
- und ich habe die letzten 15 Jahre damit vergeudet, einer falschen Idee
nachzujagen," gab er, müde von der Auseinandersetzung, zu.
"Aber ich brauche mehr als ein paar überlebende Tanks auf einem Planeten, um meine
Meinung zu ändern!"
Darauf hatte Tresko gewartet. "Nun, Colonel, wir sind nicht allein auf Eris III. Wir
haben Unterstützung von den Na Toth..." McQueen verstand immer noch nicht.
"Sie erwähnen diesen Namen zum ersten Mal. Wer sind sie - eine weitere
außerirdische Rasse, von der wir noch nichts wissen?" fragte er ahnungslos.
John wurde langsam ungeduldig. "McQueen, wollen Sie es nicht verstehen? Die Flotte,
die Sie angegriffen hat, gehört zu den Na Toth. Sie beschützt den Planeten vor
feindlichen Aggressoren, wie der Saratoga, die die Existenz der Kolonie an Aerotech
weitergeben könnte. Dagegen müssen wir uns wehren. Die Kolonie ist einfach zu wichtig,
um von irgend einem Schiff der Erdstreitkräfte zerstört zu werden!"
McQueen musste sich von diesem Schlag erst einmal erholen. "Sie gehören also
wirklich zu der Chigflotte, die uns angegriffen hat?" fragte er.
"Was haben Sie denn gedacht, wie wir an Bord dieser Schiffe gekommen sind?"
fragte John zurück.
McQueen räusperte sich. "Zuerst dachten wir, es wären Selbstmordkommandos der
K.I.," erklärte er.
"Als wir Sie dann in der Kapsel entdeckten, waren Ross und ich der Meinung, Sie
gehörten zu den Gefangenen der Chigs, die Sie sozusagen als Kanonenfutter verwendeten, um
zu verhindern, dass wir auf diese Schiffe schießen würden. Die Chigs sind bekannt für
solche Grausamkeiten."
"Und wenn Sie es gewusst hätten, hätten Sie auf uns gefeuert?" fragte Tresko.
"Das steht doch hier gar nicht zur Debatte!" wies ihn McQueen zurecht." Ich
hätte nie gedacht, dass nach den Silikanten auch InVitros zum Feind überlaufen würden.
Die K.l. sind keine Menschen, deswegen kann man ihnen schwerlich einen Vorwurf machen,
aber die lnVitros..." er schüttelte den Kopf.
"Mit den Silikanten haben wir nichts zu tun, McQueen," verbesserte ihn John.
"Wir haben zwar das gleiche Ziel, aber man kann ihnen einfach nicht trauen."
McQueen nickte. "Wie viele InVitros befinden sich eigentlich auf Eris III?"
fragte er, die Antwort befürchtend.
"Von den InVitros etwa 400 Männer und Frauen und fast genauso viele von den Na Toth.
Wir haben Kontaktleute auf der Erde, die von der Gesellschaft verfolgte InVitros auffangen
und zu uns bringen. Wir bieten ihnen ein Zuhause, das sie nie hatten," klärte ihn
Tresko über die gegenwärtige Lage auf. "Da ist noch etwas, was Sie wissen sollten,
McQueen, die Na Toth sind ebenfalls Ausgestoßene, genau wie wir. Es ist erstaunlich, wie
ihre Geschichte der unseren gleicht. Deshalb haben wir uns zusammengeschlossen, um etwas
Neues zu schaffen: eine Verbindung zwischen zwei Rassen. Uns ist klar, dass die Zeit noch
nicht reif dafür ist, deshalb muss die Kolonie so lange wie möglich geheim bleiben,
Colonel!" flehte ihn John an.
Nun endlich verstand McQueen. "Sie tragen eine große Verantwortung, Tresko! Aber Sie
müssen auch unseren Standpunkt verstehen. Wir sind im Krieg und die Chigs sind Chigs.
Für uns gibt es keinen Unterschied. Die Saratoga war auf dem Weg zum Eridanussystem und
kam nur deshalb an Eris III vorbei. Da wir nichts von Ihrer Kolonie wussten, konnten wir
gar nicht die Absicht haben, sie zu zerstören. Wenn Ihre Flotte uns nicht angegriffen
hätte, wären wir einfach vorbeigeflogen."
John stimmte zu. "Ja, Sie haben recht, Colonel. Sie müssen dazu aber noch folgendes
wissen. Wir haben Informationen erhalten, nach denen Aerotech Kenntnis von unserer Kolonie
bekommen hat und ein Team nach Eris III senden wollte. Deswegen hielten wir die Flotte
verteidigungsbereit im Planetenschatten. Als sich dann Ihr Kriegsschiff näherte, waren
wir sicher, dass es von Aerotech geschickt wurde und den Rest der Geschichte kennen Sie
ja."
McQueen dachte nach. Eines wollte er noch wissen. "Sie waren bereit, Ihr Leben und
das der anderen für die Kolonie zu opfern, indem Sie die Saratoga zerstören. Hätte das
nicht auch die Flotte allein geschafft? Wir hatten den Eindruck, dass sie uns eindeutig
überlegen war."
"Sie haben sich getäuscht, Colonel. Die Schiffe flogen nur mit halber Mannschaft
Besatzung und die Jäger sind veraltet. Die Verluste wären wesentlich höher gewesen und
unsere Anzahl an Schiffen ist begrenzt, denn wir sind auf uns allein gestellt. Wir haben
extra Kamikaze-Schiffe entwickelt - eine Verbindung zwischen der außerirdischen und
menschlicher Technologie, die schwerer zerstörbar sind. Diese Schiffe sind unsere einzige
Möglichkeit, einen überlegenen Feind abzuwehren. Sie haben es trotzdem sehr schnell
geschafft, sie auszuschalten." Tresko seufzte innerlich. "Für den Flug sind
vier Personen notwendig - wir haben uns freiwillig gemeldet, da wir wussten, was auf dem
Spiel steht. Es wäre ein ehrenvoller Tod für uns gewesen... Denn wissen Sie, McQueen,
manchmal ist das Wohl von mehreren wichtiger als das Wohl von einigen wenigen."
McQueen war erstaunt, seine eigenen Worte aus Tresko's Mund zu hören. Langsam begann er
so etwas wie Sympathie für diesen Mann zu entwickeln und das gefiel ihm überhaupt nicht.
"Warum haben Sie die Rettungskapsel ausgesetzt? Sie mussten doch ahnen, dass wir sie
finden und an Bord nehmen würden," stellte er fest.
"Als wir sahen, wie das erste Schiff zerstört wurde und das zweite, von der Rakete
getroffen, auf uns zusteuerte, war uns klar, dass unsere Mission gescheitert war und wir
wollten uns nicht sinnlos opfern," erklärte Tresko.
"Und Sie dachten, Sie könnten hier auf der Saratoga noch eine Möglichkeit finden,
um ihren Fehlschlag in einen Erfolg umzuwandeln," ergänzte McQueen. John schwieg.
Was sollte er dazu sagen? Die Antwort war doch offensichtlich. McQueen fuhr fort:
"Ich nehme an, die Chigs wissen, dass wir Sie haben. Deswegen brachen sie auch
ihren Angriff ab und zogen sich zurück, um zu warten..." schlußfolgerte er.
John nickte. "Ja, wir hatten noch Zeit, eine Nachricht zu senden. Aber sie werden
nicht ewig warten... Wenn Sie mich gehen lassen, McQueen, kann ich vielleicht dafür
sorgen, dass man die Saratoga weiterfliegen lässt..."
"Und wir dann verraten könnten, was sich auf Eris III befindet?" ergänzte
McQueen. "Das kann ich mir nicht vorstellen. Sie müssen eine sehr geringe Meinung
von meiner Intelligenz haben, Tresko! Ich weiß, Sie werden mir nicht glauben, wenn ich
Ihnen jetzt sage, dass Commodore Ross und ich über alles schweigen werden, was wir über
Sie und Ihre Kolonie wissen!"
John schaute auf. "Was ist mit den anderen Marines, die uns gesehen haben?"
wollte er wissen.
"Sie wissen nichts, was sie erzählen könnten. Wenn von oben befohlen wird zu
schweigen, dann tun sie es auch. So läuft das bei uns im Corps: Ein Befehl ist
Gesetz!" erwiderte McQueen.
"Und ich soll 800 Leben von diesem Versprechen abhängig machen?" fragte Tresko
verärgert.
"Es wird Ihnen wohl nichts anderes übrigbleiben, denn ich werde es zu verhindern
wissen, dass die Saratoga zerstört wird!" war die Antwort des Colonels.
"Ich habe nichts anderes erwartet, McQueen," sagte John ruhig. "Wenn Sie
doch nur unsere Kolonie sehen könnten, dann würden Sie Ihre Meinung ändern..."
McQueen schüttelte entschlossen den Kopf.
"Dann lassen Sie mich wenigstens mit dem anderen InVitro reden, der sich auf der
Saratoga befindet. Er hat ebenfalls ein Recht darauf, alles zu erfahren," schlug
Tresko vor.
"Das kann ich nicht zulassen. Er gehört zum Corps, er hat nicht die Wahl zu tun, was
er will," antwortete McQueen. John sackte merklich auf seinem Stuhl zusammen. Zwei
Stunden hatte er versucht, zu verhandeln und etwas zu erreichen - umsonst.
McQueen beobachtete seine Reaktion. In gewisser Weise konnte er Tresko verstehen. Er
hatte eine Vision, für die er kämpfen und sterben wollte. Das
Zusammengehörigkeitsgefühl der InVitros, zu denen er gehörte, war mindestens genauso
stark wie ihr Hass auf die Natürlichgeborenen. Er brannte darauf, die Kolonie mit eigenen
Augen zu sehen, aber das lag nicht in seinem Entscheidungsbereich. McQueen räusperte
sich. "Ich denke, Sie sollten jetzt in Ihre Zelle gebracht werden. Dann informiere
ich Ross über die Lage."
Tresko's Körper straffte sich augenblicklich und seine Augen funkelten ihn wütend an.
"Ich dachte, nach allem, was ich Ihnen erzählte, würden Sie das nicht tun! Sie
enttäuschen mich!"
McQueen wollte es sich selbst nicht eingestehen, aber die letzte Bemerkung traf ihn in
seinem tiefsten Innerem. Er ließ sich jedoch nichts anmerken.
"Ross kann man absolut vertrauen. Er ist zwar ein Natürlichgeborener, aber er steht
nicht auf der Seite von Aerotech. Wir werden gemeinsam eine Lösung für die festgefahrene
Situation finden, damit nicht noch mehr Menschenleben in Gefahr geraten. Sie müssen mir
glauben, dass wir die Kolonie nicht zerstören wollen. Ich hoffe nur, dass sich Ihre
'Freunde' weiter ruhig verhalten werden, sonst kann ich für nichts garantieren. Wieviel
Zeit bleibt noch, bis sie uns angreifen?"
Tresko zögerte mit der Antwort.
"Nun reden Sie schon!"
"Etwa zehn Stunden," antwortete er leise. McQueen nickte, ging zur Tür und
öffnete sie. Zwei Marines betraten daraufhin den Raum und führten den Gefangenen hinaus.
McQueen folgte ihnen. Draußen auf dem Gang begegnete sie den Wildcards. Er war mehr als
überrascht, sie zu sehen. Shane wollte bereits anfangen, alles zu erklären, aber McQueen
schnitt ihr das Wort ab.
"Sagen Sie gar nichts, ich kann es mir schon denken, Vansen!" Dann wandte er
sich an Cooper.
"Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass Sie sich ausruhen sollen, Hawkes?!"
Dieser nahm automatisch Haltung an, bevor er antwortete: "Ich war heute bereits auf
der Krankenstation - zur Untersuchung und der Arzt sagte, dass ich okay sei... Sir!"
Dann warf er einen Blick auf den Gefangenen. Irgendwie war er 'anders, er konnte
nicht genau sagen, was es war, aber dieses Gefühl ließ ihn nicht los. Tresko starrte
Hawkes ebenso intensiv an. Dann wandte er sich an McQueen.
"Ist er das?" fragte er. Doch er bekam keine Antwort.
"Sie alle sollten nicht hier sein!" sagte McQueen barsch zu den Wildcards.
"Gehen Sie zurück zu Ihrem Quartier und warten Sie weitere Befehle ab!"
Da meldete sich Tresko erneut. "Lassen Sie mich mit ihm reden, Colonel. Bitte."
McQueen packte ihn an der Schulter und zog ihn von den Wildcards weg.
"Versuchen Sie das nicht noch einmal!" zischte er ihn leise an.
"Sie haben wohl Angst, er könnte auf mich hören." McQueen fühlte wieder die
Wut in sich hochsteigen. "Bringt ihn in seine Zelle!" befahl er den Wachen.
Nachdem er noch einen mahnenden Blick zu den Wildcards geworfen hatte, der sie hindern
sollte, weitere Fragen zu stellen, folgte er dem Trupp. Als sie außer Hörweite waren,
sah Vansen Cooper verwundert an. "Was sollte das denn?" fragte sie. "Was
kann der Gefangene nur von dir wollen?" Cooper zuckte die Schultern und sah verwirrt
der Gefangeneneskorte hinterher, wie sie gerade um die Ecke des Ganges bog und aus seinen
Augen verschwand.
Währenddessen im Gefangenentrakt
Marcus lief aufgeregt in der engen Zelle hin und her. Seine langen schwarzen Haare fielen ihm in die Stirn und sein Gesicht war bereits dunkel angelaufen. "Er ist daran schuld, dass wir jetzt hier sind, er ganz allein!" Er gestikulierte wild mit den Händen, um seine Worte zu unterstreichen. Es herrschte diffuses Halbdunkel in der Zelle, weiches Schatten auf die Gesichter der drei Männer warf, die sich darin aufhielten. Stuart lehnte gelassen an der Wand und wartete geduldig darauf, dass sich Marcus beruhigen würde. Er kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass sich sein Zorn sehr schnell in Luft auflösen würde, wenn er erkannt hatte, dass er nichts an ihrer Situation ändern konnte. Er warf einen Blick zu Brian, der auf der einzigen Pritsche der Zelle lag. Er sah müde und erschöpft aus, auch wenn er es sich nicht anmerken lassen wollte. Das alles war einfach zu viel für ihn gewesen. Vor wenigen Stunden waren sie zu dieser Mission aufgebrochen, sie hatten vorher mit ihrem Leben abgeschlossen und hatten nicht im geringsten damit gerechnet, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt noch auf der Seite der Lebenden befinden würden.
Stuart seufzte leise. Warum hatte er Brian nur auf diese Mission genommen? Aber sein Bruder hatte ihn nicht verlassen wollen, auch wenn das bedeutete, an seiner Seite zu sterben. Ja, Brian würde ihn nie allein lassen - und umgekehrt war es genauso. Stuart lächelte unbewusst, als er sich an den Tag erinnerte, an dem er erfuhr, dass einer der InVitros auf dem neu angekommenen Mannschaftstransporter von der Erde dieselbe Genidentität wie er besaß und somit sein Bruder war. Es war ein Schock für ihn gewesen, auf einmal Familie zu haben, jemanden, um den er sich kümmern musste - denn Brian war erst seit zwei Jahren am Leben. Nachdem er das Ausbildungsprogramm durchlaufen hatte, wurde er in ein Arbeitslager für Feldarbeit versetzt. Dort bekam er Ärger mit den Aufsehern, der Grund war völlig unwichtig, er war ein InVitro - das reichte allemal.
Nach seiner Flucht aus dem Lager hatte er sich allein durchschlagen müssen, bis man ihn in das Siedlungsprogramm aufnahm und zur Kolonie brachte. Er hatte es in seinem kurzen Leben nicht leicht gehabt, aber wer von ihnen hatte nicht das gleiche erlebt? Stuart hatte sich vor dem ersten Treffen gefürchtet, es war alles so neu und ungewohnt für ihn gewesen. Dann hatte Brian vor ihm gestanden: dieselben blonden Haare, die gleichen blauen Augen. Er hatte nicht gewusst, was er sagen sollte. Keiner von ihnen hatte gesprochen, stattdessen hatten sie sich gegenseitig angestarrt, bis Stuart das Schweigen nicht mehr ertragen konnte und das erstbeste sagte, was ihm in den Sinn kam: "Hey, ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann einmal meinem eigenen Spiegelbild begegnen würde."
Brian hatte ihn daraufhin zunächst nur verständnislos angesehen, seine Augen
zusammengekniffen, als argwöhnte er, dass sich Stuart über ihn lustig machte. Aber dann
hatte er seinen Mund zu einem schiefen Grinsen verzogen und beide waren gleichzeitig in
schallendes Gelächter ausgebrochen. Seitdem waren sie unzertrennlich gewesen. Wo sich der
eine befand, war auch der andere nicht weit.
"... müssen hier raus!" sagte Marcus gerade und schreckte Stuart aus seinen
Gedanken.
"Was hast du gesagt?" fragte er zurück.
Marcus blickte ihn verwirrt an. "Was zum Teufel denkst du denn, worüber ich die
ganze Zeit geredet habe, Stu? Ist dir nicht klar, in welcher Lage wir uns befinden? Die
werden John bearbeiten und alles aus ihm herausprügeln, was sie wissen wollen! Wenn sie
erst einmal wissen, dass er nur ein InVitro ist, werden sie sich an keine Regeln mehr
halten!" Er schüttelte heftig seinen Kopf.
"Wenn John nicht die Nerven verloren hätte, wären wir gar nicht erst hier gelandet.
Aber er musste ja wieder unbedingt beweisen, wer die Befehlsgewalt auf dem Schiff hatte -
sein verdammter Stolz hat uns hierher gebracht!" Marcus ballte seine Hände zu
Fäusten. "Ach, was sage ich: Stolz! Er war einfach zu feige zum Sterben! Ich
habe es bereits vorher gewusst und es dem Rat wiederholt gesagt, dass er nicht als
Kamikaze-Flieger geeignet ist - immerhin hat er doch Frau und Kind. Gott weiß, warum er
sich freiwillig für diesen Job gemeldet hat!"
"Marcus, jetzt beruhige dich doch endlich."
Brian hatte sich von der Pritsche aufgerichtet und sah ihn ruhig an. "Du
kannst John nicht für alles verantwortlich machen!"
"Und ob ich das kann! Wenn sie ihn zurück zu uns in die Zelle bringen, wird er es am
eigenen Leib zu spüren bekommen. Ich war bereit zum Sterben, wir alle waren es - John hat
uns um einen ehrenvollen Tod betrogen. Er hatte nicht das Recht dazu!"
Marcus schlug wütend mit der Faust gegen die Wand. Der Schmerz raste seinen Arm hoch und
trieb ihm die Tränen in die Augen. Stuart war sofort bei ihm, zog ihn am Arm von der Wand
weg und zwang Marcus, ihn anzublicken.
"Es reicht jetzt!" sagte er betont langsam. "Ich kann nichts Schlimmes
daran finden, dass wir noch am Leben sind. Ehrlich gesagt, wäre ich gar nicht auf diese
Mission gegangen, wenn der Rat nicht der Meinung gewesen wäre, dass ich mit meiner
speziellen Flugausbildung deren Erfolg erhöhen würde und das Nitro ins Ziel bringe. Wir
kennen uns nun schon so lange, Marcus, aber mir war bis zum heutigen Zeitpunkt nicht klar,
wie sehr du dir deinen Tod gewünscht hast. Seit die Sache mit Ellis passiert ist, bist du
ein anderer Mensch geworden."
Marcus Augen füllten sich mit Schmerz, als er sich an den qualvollen Tod seiner
Frau erinnerte, die infolge eines Drogenexperimentes von Aerotech gestorben war. Doch kurz
darauf hatte er sich wieder in seiner Gewalt und alles, was Stuart nun in seinen Augen
erblicken konnte, war blanker Hass und Wut - auf Aerotech, die Menschen, den ganzen Rest
der Welt. Es machte ihn traurig, seinen Freund so zu sehen. Alles, wofür Marcus noch
lebte, war seine Rache und die Suche nach dem Tod, der ihm endlich Ruhe und Vergessen
bringen würde.
Marcus' Zorn hatte sich weiter verstärkt.
"Aber wenn John ihnen nun alles erzählt - dann sterben nicht nur wir, sondern auch
alle, die auf uns vertraut haben. Aerotech wird dafür sorgen, dass von unserer Kolonie
nur noch ein rauchender Krater übrig bleibt und dass keiner überlebt. Geht das nicht in
dein Hirn?" schrie Marcus ihn an. Seine Augen funkelten vor Wut.
"Schrei' es nur noch lauter hinaus, damit dich alle hören können!" Stuart
verstärkte seinen Griff um Marcus' Arm, als sich dieser von ihm losreißen wollte.
"Denkst du nicht, dass sie uns überwachen - was wir sagen, was wir tun?" fragte
er verärgert.
Marcus bekam einen fast trotzigen Blick. "Und wenn schon! Dank John erfahren sie
sowieso alles!" Sein Blick schweifte durch den Zellentrakt, auf der Suche nach
Kameras oder anderen verdächtig aussehenden Geräten. Als er nichts entdecken konnte, sah
er wieder zu Stuart. Er war unsicher geworden. Dann senkte er den Kopf, als ob er es
endlich eingesehen hätte und ging zu der Pritsche, auf deren Rand er sich niederließ.
Die nächsten zwei Stunden verbrachten sie schweigend.
Dann hörten sie Schritte vor dem Zellentrakt, der kurz darauf geöffnet wurde. John trat durch die Tür, gefolgt von zwei Wachen. Hinter ihnen stand noch ein Mann in der Tür: graues Haar, schwarze Flugmontur, unnahbare Ausstrahlung. Dieser ließ seinen Blick nur kurz über die Gefangenen streifen, dann schien er zu überlegen, bevor er sich fast ruckartig abwandte und den Trakt verließ. Die anderen waren sofort aufgesprungen. Einer der Marines stieß mit der M-590 gegen die Gitterstäbe, damit sie zurücktraten. Nachdem dies sichergestellt war, schloß er die Zelle auf und stieß John hinein. Danach ließ er das Schloß wieder einrasten.
"Hey, wollt ihr keinen anderen von uns zum Verhör bringen?" rief Marcus
provozierend, als er sah, dass die Wachen im Begriff waren, zu gehen. Er erhielt keine
Antwort. Nachdem sich die Tür geschlossen hatte und sie wieder allein waren, wandte er
sich an John. "Ich kann mir schon denken, warum sie unsere Aussagen nicht mehr
benötigen."
Da dieser nicht auf seine Anschuldigung antwortete, ging er zielstrebig auf ihn zu, bis
ihn Stuart mit einer Handbewegung stoppte.
"Ich habe einen schweren Fehler gemacht..."
Während Stuart diese Antwort akzeptierte und versuchte, sich ihre weiteren Chancen
auszurechnen, war Marcus kaum noch zu halten.
"Was soll das heißen: Zu viel?"
John blickte nun auf. "Hör zu, Marcus, der Colonel, der mich verhört hat, ist ein
InVitro und es befindet sich noch ein weiterer an Bord der Saratoga!" Alle schauten
ihn erschrocken an.
Marcus reagierte als erster. "Oh verdammt, nein! Wie kann das sein?"
Er lief erneut aufgeregt hin und her.
"Sein Name ist McQueen und er dient freiwillig beim Militär!" erklärte John.
"Er wird Commodore Ross über alles informieren, was ich ihm erzählt habe."
Marcus unterbrach seinen Gang durch die Zelle, er erstarrte mitten in der Bewegung und
drehte sich hastig zu John um. Blitzschnell war er bei ihm und packte ihn mit seiner
Rechten an der Kehle. "Der Commodore wird alles erfahren? Was hast du getan? Du hast
uns alle verraten dafür werde ich dich fertigmachen!"
Langsam verstärkte er seinen Griff, John versuchte, seinen Arm wegzureißen, doch
Marcus war stärker. Nach einigen Sekunden verzweifelten Kampfes färbte sich John's
Gesicht dunkelrot und seine abwehrenden Bewegungen wurden schwächer. In seinen Augen
spiegelte sich die nackte Angst, denn er erkannte, dass es Marcus ernst meinte und sogar
eine gewisse Befriedigung zu empfinden schien. Brian war sofort von der Pritsche
aufgesprungen und eilte zusammen mit seinem Bruder John zu Hilfe. Doch so sehr sie auch
versuchten, Marcus wegzuziehen, sie hatten keinen Erfolg.
"Lass los," röchelte John, "ich... habe keine... Schuld..."
,Aaaah!!" schrie Marcus plötzlich auf. Stuart hatte seinen linken Arm gepackt und
ihn brutal hinter dem Rücken hochgerissen. Nun endlich ließ er John los, welcher sofort
in sich zusammensackte und würgend nach Luft schnappte. Stuart hatte schnell auch noch
den anderen Arm von Marcus nach hinten gedreht und hielt ihn mühsam unter Kontrolle.
"Bist du wahnsinnig geworden?" schrie er. "Egal, was er auch getan hat, du
kannst ihn nicht einfach deswegen umbringen! Was ist nur in dich gefahren?"
John hatte sich in der Zwischenzeit etwas erholt. "Dafür wirst du bezahlen !"
Ein heftiger Husten unterbrach ihn. "Damit wirst du nicht ungestraft davonkommen, das
verspreche ich dir!"
Er richtete sich auf und rieb sich seinen schmerzenden Hals. Dann ging er mit unsicheren
Schritten auf Marcus zu und sah in seine Augen.
Brian schaute unsicher von Marcus zu John und dann wieder zurück zu Marcus. Es gefiel ihm
überhaupt nicht, wie sich beide ansahen. Dann schnellte John's rechte Faust hervor und
landete in Marcus' Gesicht, bevor Stuart oder Brian es verhindern konnten. Als er seine
Faust senkte, war sie rot vom Blut gefärbt. Das schien ihn wieder zur Besinnung zu
bringen und er wandte sich ab. Stuart ließ Marcus sofort los, denn dieser war halb
betäubt von dem Schlag und nicht mehr in der Lage, John etwas anzutun. Seine Lippen waren
aufgeplatzt, seine Augen getrübt. Brian führte ihn langsam zu der Pritsche, wo er sich
erschöpft niederließ.
Stuart stellte sich zu John, der ihm den Rücken zuwandte. "Das war absolut
unnötig, John! Gerade in unserer jetzigen Lage sollten wir doch zusammenhalten und uns
nicht gegenseitig an die Kehle springen!"
John drehte sich nicht zu ihm um, sondern verschränkte die Arme vor seinem Oberkörper,
bevor er antwortete: "Jemand musste ihm zeigen, wo er steht - nämlich ganz weit
unten auf der Bedeutungsskala! Man merkt sofort, dass er keine militärische Ausbildung
genossen hat, sonst würde er wissen, dass man die Vorgehensweise des befehlshabenden
Offiziers nicht in Frage stellt und ich habe vom Rat alle nur erdenklichen
Befugnisse bekommen, um diese Mission durchzuführen!" Seine Haltung straffte sich.
"Ist das klar?" Stuart zog es vor, zu schweigen, aber in ihm brodelte die Wut.
Was dachte sich John eigentlich mit seiner lch-bin-hier-der-Boss-Einstellung? Nur, weil er
zu den zehn InVitros von Tellus gehörte und an der Vergrößerung der Siedlung auf dem
Planeten einen zugegebenermaßen nicht geringen Anteil gehabt hatte? Das gab ihm noch
lange nicht das Recht, seinen verletzten Stolz an erster Stelle zu setzen und die Mission
zu gefährden.
"Was sollen wir jetzt machen?" fragte Brian, der bei dieser Frage zu seinem
Bruder schaute.
Stuart fühlte sich von seinem erwartungsvollen Blick überfordert. Er wusste, dass sich
Brian immer nach seiner Meinung richtete und großes Vertrauen in ihn setzte, aber ihm
fiel einfach nichts ein. Er zuckte mit den Achseln.
"Wir sollten erst einmal abwarten, was der Commodore entscheidet," antwortete
John stattdessen.
"Das Signal für den Angriff können wir immer noch senden. Die Saratoga wird auf
jeden Fall zerstört, auch wenn unsere Verlustrate katastrophal hoch sein wird." Er
hatte wieder an Selbstvertrauen gewonnen.
"Wir sollen uns also auf die Entscheidung eines Natürlichgeborenen verlassen?"
fragte Brian erstaunt. "Sind wir deshalb etliche Lichtjahre weit von der Erde
geflohen?" John drehte sich zu ihm um und sah ihn finster an.
"Hast du eben nicht zugehört, Brian? Ich würde dir raten, nicht denselben Fehler
wie Marcus zu begehen. Ich sage, dass wir warten werden, also keine Widerrede!" Brian
wollte trotzdem widersprechen, aber ein warnender Blick von Stuart hielt ihn gerade noch
davon ab. Also schluckte er seinen Kommentar herunter und kümmerte sich weder um Marcus.
John sah nun zufrieden zu Stuart, bereit, auch seinen Widerspruch abzublocken. Doch dieser
drehte ihm demonstrativ den Rücken zu, trat zu den Gitterstäben und blickte schweigend
in die Dunkelheit.
Nachdem McQueen den Gefangenen in seiner Zelle abgeliefert hatte, suchte er Ross auf,
um ihn unter vier Augen Bericht zu erstatten. Auf der Brücke erfuhr er, dass sich der
Commodore in das Konferenzzimmer zurückgezogen hatte und machte sich auf den Weg dorthin.
Nach dreimaligem Klopfen und einem lauten 'Herein' trat er in den Raum. Da das Deckenlicht
ausgeschaltet war, brauchte er einige Sekunden, bevor er Ross in dem schattigen Halbdunkel
ausmachen konnte.
Dieser stand mit dem Rücken zum Colonel und sah aus dem großen Panoramafenster, welches
den Blick auf die Schwärze des Alls mit seinen Milliarden von leuchtenden Sternen
freigab, die Mitte des Bildes füllte der riesige grünlich-gelbe Planet aus; es war ein
prächtiges Schauspiel voller Kontraste von Hell und Dunkel.
Von der feindlichen Flotte war nichts zu sehen, nur einige Trümmerteile von zerstörten
Schiffen aus der vergangenen Schlacht trieben schwerelos durch den Raum. Alles lag wieder
ruhig und friedlich da, die Wogen des Krieges hatten sich geglättet, doch wer weiß für
wie lange...
"Sir, es gibt einiges, was ich bei dem Verhör aus Tresko herausbekommen habe,"
begann McQueen.
Ross drehte sich zu ihm um. Während er den Bericht hörte, zeigte seine Miene zunächst
Erstaunen, zum Schluß nur noch Besorgnis. Er verschränkte die Arme vor seinem
Oberkörper und dachte über das eben Gehörte nach. Dabei fiel sein Blick auf die
durchsichtige Tafel an der hinteren Wand, wo die derzeitige Position der feindlichen
Flotten und deren eroberte Gebiete im Quadranten gekennzeichnet waren. Es war nicht zu
übersehen, dass die roten Flächen den größten Raum einnahmen.
"Jetzt sind die Chigs also schon mitten unter uns," stellte er resigniert fest.
"Sir, nach allem, was Tresko sagte, handelt es sich um eine Splitttergruppe der
Chigs. Sie scheinen nicht an unserem Krieg interessiert zu sein, ihr Angriff war reine
Verteidigung, denn für sie steht der Schutz der Kolonisten an erster Stelle,"
erwiderte McQueen.
"Aber das ist keine Entschuldigung für ihren hinterhältigen Angriff und macht
unsere Verluste nicht ungeschehen! Wir können sie nicht einfach unbehelligt lassen und
weiterfliegen!" unterbrach ihn der Commodore.
McQueen nickte. "Wir müssen genaueres über diese Na Toth erfahren, vielleicht sind
sie ja doch anders als die Chigs, mit denen wir es für gewöhnlich zu tun haben. Dann
wäre die Kolonie eine Hoffnung auf zukünftigen Frieden zwischen unserer und ihrer
Rasse."
"Was schlagen Sie vor, Colonel? Etwa selbst auf Eris III landen und den Vermittler
spielen?" fragte Ross mit einem sarkastischen Lächeln.
McQueen schaute ihn mit unbeweglicher Miene an und nickte.
"Das kann nicht Ihr Emst sein, Ty! Sie haben nicht die geringste Ahnung, was Sie dort
unten erwarten wird. Vielleicht wird Ihre Anwesenheit die Lage sogar verschlechtern,
immerhin haben Sie Tresko sehr deutlich klargemacht, auf welcher Seite Sie stehen."
McQueen schwieg. Er wusste, dass der Commodore recht hatte, aber er wollte unbedingt auf
diese Mission gehen - er musste es einfach. "Ich bin sicher, dass ich es schaffen
könnte, sir. Geben Sie mir eine Chance!"
"Es geht nicht darum, was Sie wollen, McQueen. Hier geht es um Diplomatie und nicht
um einen Bodenangriff! Sie sind ein hervorragender Soldat, aber für diese Sache sind Sie
nicht ausgebildet. Leider befindet sich zur Zeit niemand an Bord der Saratoga, der genug
Erfahrung hätte wenn man davon ausgeht, dass es der erste Kontakt mit den
Außerirdischen ist, gibt es in der ganzen Flotte niemanden... Wir haben ein echtes
Problem, Colonel."
"Es gibt noch eine andere Möglichkeit," bemerkte McQueen zögernd. "Zuerst
wollte ich dies zwar unbedingt vermeiden, aber ich denke nun, dass es unumgänglich ist,
Lieutenant Hawkes über die Lage zu informieren. Tresko hat mir sehr deutlich zu verstehen
gegeben, dass er mit ihm reden will. Hawkes kann sein Vertrauen gewinnen und weitere
Informationen für uns sammeln."
"Wenn ich das richtig verstehe, Colonel, dann wollen Sie die InVitros in Begleitung
von Hawkes wieder zurück auf Eris III schicken... Ist das Risiko nicht zu hoch?"
fragte Ross. "Immerhin könnten sie ihn als Geisel nehmen oder ihn gleich töten.
Außerdem machen wir den Chi... ich meine den Na Toth den Weg für einen Angriff frei,
wenn wir die Gefangenen freilassen!"
McQueen schüttelte den Kopf. "Nein, sie werden Hawkes nicht töten. Er ist ein
InVitro, einer von ihnen. Als Tresko erfuhr, dass sich außer mir noch ein InVitro an Bord
der Saratoga befindet, hat ihn das regelrecht aus der Fassung gebracht. Vielleicht geht
der innere Zusammenhalt der InVitros in der Kolonie so weit, dass sie einfach unfähig
sind, einen der ihren zu töten - wenn sie so wollen - eine Art Tötungshemmung. Das
können wir zu unserem Vorteil ausnutzen."
Ross überlegte. "Hoffentlich haben Sie recht, Ty. Aber Hawkes kann unmöglich allein
gehen. Die gesamte 58. Staffel soll ihn begleiten. Das kann zwar zu Komplikationen mit den
anderen InVitros führen, lässt sich aber nicht umgehen. Sie sagen, wir hätten noch etwa
zehn Stunden Zeit, bis die Na Toth einen neuen Angriff starten?"
McQueen nickte. "Innerhalb dieser Zeitspanne muss eine Verständigung mit ihnen
erfolgt sein - und der Schlüssel zur Kommunikation liegt bei den InVitros auf Eris III.
Wenn das 58te Erfolg hat und wir mehr über die Sprache der Chigs in Erfahrung bringen
können, wären wir in der Lage, mit den Na Toth zu kommunizieren - wenn das nichts nützt
und wir sie vernichten müssen, so wären wir mit den neugewonnenen Informationen in der
Lage, die Funksprüche der Chigs abzuhören, ihre Angriffspläne zu erkennen... Das
könnte diesen unseligen Krieg endlich zu unseren Gunsten wenden und ihn zum Abschluß
bringen."
"Wenn sie dagegen scheitern, wird es schwer sein, gegen die angreifende Flotte zu
kämpfen, da wir nun wissen, dass auf jedem Schiff, das wir abschießen, Menschen an Bord
sein könnten," ergänzte Ross.
"Deshalb müssen wir eine weitere Konfrontation unbedingt vermeiden! Ich weiß, dass
Sie mit den Wildcards gehen wollen, aber ich brauche Sie hier auf dem Schiff - wenn
InVitros alles sind, was die Na Tath davon abhält, uns zu zerstören..."
McQueen wollte etwas entgegnen, aber als er die Unnachgiebigkeit in Ross' Augen sah,
besann er sich auf die Befehlshierachie und gab nach. "Sie haben Recht, Glen. Einer
der Gefangenen sollte ebenfalls hier bleiben - für alle Fälle. Aber was machen
wir, wenn ein Schiff von Aerotech den Planeten erreicht, vorausgesetzt, dass Tresko's
Informationen richtig sind?"
"Wenn es soweit ist, werden wir uns darüber Gedanken machen," erklärte Ross.
"Reden Sie zu erst mit Hawkes. Ich will nichts gegen seinen Willen entscheiden,
immerhin ist er erst vor kurzem von einem Einsatz zurückgekehrt und ich habe von unserem
Bordarzt gehört, dass es Schwierigkeiten mit seinen Verletzungen gab. Andererseits haben
wir keine andere Wahl; der Krieg fordert von uns alles an Kraft und Durchhaltevermögen
und wir können nunmal keine Rücksicht auf die körperliche Verfassung unserer Soldaten
nehmen, solange keine Lebensgefahr besteht".
"Ich verstehe, sir." McQueen wandte sich zum Gehen, drehte sich aber noch einmal
zu Ross um.
"Ich habe, was das betrifft, keine Bedenken. Hawkes ist zäh, er wird diesen Einsatz
auch noch durchstehen. Nein, ich befürchte eher, dass das, was er auf Eris III finden
könnte, ihn dazu verleiten wird... nun ja etwas Unbedachtes zu tun - und das meine ich in
jeder Hinsicht. Vielleicht wird er vor eine Wahl gestellt - und ich bin mir nicht sicher,
wie seine Entscheidung in diesem Fall ausfallen würde... Damals auf der McArthur hat er
sich für das Marine Corps entschieden, aber ich weiß auch, dass er sich im Nachhinein
wünscht, eine andere Wahl getroffen zu haben schließlich musste er seine
Schwester opfern und das belastet ihn sehr..."
Ross hatte sich wieder zum Fenster gewandt und blickte hinaus in die Tiefe des Alls.
"Wir alle müssen unsere Opfer bringen," bemerkte er leise, mehr zu sich selbst
als zu McQueen.
Da für den gesamten Vormittag keine Mission oder andere Verpflichtungen auf dem Plan standen, kehrten die Wildcards zu ihrem Quartier zurück, um die seltene Freizeit sinnvoll zu nutzen. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach und ging zu seiner Koje. Dort angekommen, kramte Vanessa einen zerknitterten Brief aus ihren Habseligkeiten hervor - der letzte, den sie von ihrem Freund von der Erde bekommen hatte. Das war jetzt schon über sechs Wochen her und sie hatte ihn in der Zwischenzeit bestimmt huntermal gelesen.
Paul blätterte in einem Buch und las von Zeit zu Zeit ein paar Zeilen, wobei ein
Lächeln seinen Mund umspielte. Shane hatte nichts zu tun, also setzte sie sich an den
Tisch und begann damit, den Bericht über die letzte Mission der Wildcards zu schreiben.
Vanessa und Paul warfen sich einen bedeutungsvollen Blick zu, als sie das sahen und
schüttelten gleichzeitig den Kopf über so viel Pflichtbewußtsein.
Cooper dachte nach. Er war noch immer von dem Zusammentreffen mit Tresko verwirrt. Er
fragte sich, was das alles zu bedeuten hatte. Am liebsten würde er mit McQueen darüber
reden, aber dieser hatte sehr deutlich klargemacht, dass weitere Fragen unerwünscht
waren. Er ging zu seiner Koje und setzte sich auf deren Rand. Was er jetzt brauchte, war
eine Ablenkung. Zuerst dachte er an das VR-Spiel, aber das war wohl doch nicht ganz das
Richtige, schließlich hatte er in den letzten drei Tagen mehr als genug
"Schießübungen" gehabt. Stattdessen kramte er in seiner CD-Sammlung, schob
eines seiner Lieblingsstücke in den Player und streifte die Kopfhörer über - dann den
Regler auf volle Lautstärke - zum Schluß der Druck auf die Playtaste. Als er den Sound
spürte, durchströmte neue Energie seine Adern.
Die anderen Wildcards schauten sofort auf und in Coopees Richtung, als sie die dröhnende Musik aus den Kopfhörern hörten. Shane wollte gerade ihre Stimme erheben und Cooper ermahnen, den Krach leiser zu stellen, aber dann lächelte sie nur und versuchte, sich wieder auf ihren Bericht zu konzentrieren.
Cooper bekam von alledem nichts mit, er hatte es sich auf seiner Koje bequem gemacht, seine Augen geschlossen und nickte mit dem Kopf im Takt, total in die Musik versunken. Auf diese Weise konnte er all die verwirrenden Gedanken aus seinem Kopf verbannen und es gab keinen Krieg, nichts mehr außer den rauhen Gitarrenklängen und dem stampfenden Bass...
Nathan schwang sich auf seine Koje hinauf. Sein Blick fiel auf die Fotos von ihm und Kylen und blieb daran hängen. Er studierte ihr Gesicht, jede einzelne Linie. Er strich mit den Fingerspitzen über das Foto, berührte ihr strahlendes Lächeln, die wunderschönen Augen...
Wie jedes Mal, wenn er sie anschaute, fühlte er den Verlust genauso stark wie an dem Tag, als er in einer Bar von dem Angriff der Chigs auf die Raumfähre erfuhr. Es hatte ihm regelrecht den Boden unter den Füßen weggerissen und ein zentnerschweres Gewicht hatte sich auf seine Brust gelegt. Er war unfähig gewesen, zu atmen. Deshalb war er nach draußen gestürzt, er hatte gehofft, dass er an der frischen Luft einen klaren Gedanken fassen könnte...
Unwillkürlich griff Nathan nach dem Fotoclip, den er immer um seinen Hals trug. Doch er fasste ins Leere. Er hatte ihn Paul gegeben, damals als der Mannschaftstransporter der Wildcards manövrierunfähig durch das Eridanussystern trieb und Wang das eine Außentriebwerk richten wollte. Der Clip hatte Glück gebracht und sie alle waren heil zur Saratoga zurückgekehrt. Jetzt befand sich der Fotoclip im Besitz von McQueen, er war das Weihnachtsgeschenk der Wildcards an ihn gewesen und er hatte es angenommen.
Nathan seufzte leise. Zum hundertsten Mal stellte er sich die Frage, die ihn am meisten beschäftigte: Warum war alles nur so gekommen? Eigentlich sollte er nicht hier sein, sondern auf Tellus mit Kylen an seiner Seite. Nathan schloß seine Augen und stellte sich vor, wie es wäre, sie wieder in den Armen zu halten, ihre Haare zu berühren, ihre Haut an seiner zu spüren... Doch die Realität holte ihn viel zu schnell ein, Kylen's Bild verblasste, er konnte die Vision nicht länger halten.
Ihn erfüllte wieder dieser nagende Schmerz, das Gefühl, als hätte man sein Herz in zwei Teile gerissen und einen Teil in die Dunkelheit entführt. Doch genauso groß wie der Schmerz war auch seine Gewissheit, dass Kylen überlebt hatte, dass sie sich irgendwo da draußen befand und vielleicht gerade in diesem Moment an ihn dachte. Er hatte so eine Ahnung, dass er es tief in seinem Innern fühlen würde, wenn Kylen starb - ihre beiden Seelen waren so eng miteinander verbunden, dass der Tod des einen den anderen erschüttern würde.
Die Suche nach ihr gab seinem Leben einen Sinn, aber wenn er jemals die Gewißheit hätte, dass sie tot sei, würde das strahlende Licht der Hoffnung erlöschen und sein Leben in Dunkelheit versinken.
Nein, so weit würde er es niemals kommen lassen, trotz seiner immerwährenden Angst zu versagen und Kylen nicht finden zu können.
Wie er Aerotech dafür hasste, seinen - ihren gemeinsamen - Traum zerstört zu haben. Sie waren schuld an seinem Ausschluß aus dem Tellusprogramm und dass er von Kyfen getrennt wurde. Wäre er auf der Raumfähre gewesen, hätte er sie retten können oder sie wären wenigstens zusammen gestorben. Der Tod war immer noch besser als diese quälende Ungewißheit. Er wollte nicht daran denken, dass Kylen in der Stunde der größten Not allein gewesen war und vielleicht seinen Namen gerufen hätte, in der traurigen Gewißheit, dass keine Antwort kommen würde. Nathan erinnerte sich an den Augenblick, als er Kylen das letzte Mal sah. Er hatte ihr zum Abschied ein Blatt aus seinem Tagebuch in die Hand gedrückt, bevor sich die Luke hinter ihr schloß und er von den Aerotech-Wachen weggeführt wurde - seine letzten Worte, die sie kurz vor dem Eintritt in die Tellus-Atmosphäre lesen sollte. Er versuchte, sich an den genauen Wortlaut zu erinnern, zuerst erfasste ihn Panik, weil es ihm nicht sofort einfiel, aber auf einmal wusste er es wieder:
"Von jetzt an in fünf Milliarden Jahren, vielleicht auf den Tag genau, hat die Sonne 90 % ihres Wasserstoffs verbraucht. Das Gleichgewicht zwischen der Energie, die erzeugt und der, die abgegeben wird, ist für immer zerstört. Rasch, in wenigen Millionen Jahren, erschöpft die Sonne ihre gesamte pontentielle Kraft. Die Oberfläche des Sterns expandiert, Merkur, Venus, die Erde sie alle verschwinden und werden einfach verschluckt. An jenem Tag berührt die Sonne endlich den Himmel - es ist der Tag, an dem das Leben, wie wir es kennen, erlischt. Schließlich schrumpft die Sonne nach und nach auf die Größe der Erde, sie wird das Opfer ihrer eigenen Gravitation, die sie unerbittlich in sich zusammenstürzen lässt. Am Ende erstrahlt der Stem im Licht eines roten Zwerges - für die nächsten fünf Milliarden Jahre und vielleicht sogar bis in alle Ewigkeit... Währenddessen werden neue Sterne geboren, andere Galaxien, ältere, größere, existieren weiter. Das Sonnensystem vergeht so schnell, wie es entstanden ist. Aber wenn es sein muss - meinetwegen. Wenn ich so lange warten muss - einverstanden. Denn wenn ich so darüber nachdenke, gibt es nichts, was ich mir mehr wünsche, als jenen Tag zu erleben, wenn die Sonne verlöscht - mit Dir an meiner Seite. Dann sitzen wir irgendwo, allein, auf einem dunklen Gipfel aus Eis... Und die Sterne, über uns und überall um uns herum, scheinen so hell wie noch nie - während wir ganz langsam in den Weltraum treiben..."
Nathan öffnete die Augen und blickte erneut auf die Fotos. Ob Kylen noch die Möglichkeit gehabt hatte, diese Worte zu lesen? Er hoffte es.
McQueen betrat in diesem Moment den Raum und blickte sich um. Die dröhnende Musik aus
Coopers Kopfhörern war nicht zu überhören. Er wurde zunächst nicht bemerkt, erst
als Vanessa zufällig von ihrem Brief aufschaute. Sie räusperte sich übertrieben laut,
um die Aufmerksamkeit der anderen auf die Tür zu lenken. Nathan, Shane und Paul taten
auch genau das, nur Cooper reagierte nicht, auch dann nicht, als McQueen das Wort ergriff:
"5-8! Sie haben einen neuen Auftrag! Sie gehen runter auf Eris III. Besprechung um
8.30!"
Dann sah er zu Cooper. "Hawkes! Sie kommen mit mir um... HAWKES!! Hören Sie mir
überhaupt zu?" Keine Reaktion.
McQueen runzelte die Stim, ging mit schnellen Schritten zu Coopers Koje und baute
sich davor auf. Ein Schatten fiel auf Coopers Gesicht, er öffnete die Augen - und blickte
in die vor Zorn funkelnden Augen des Colonels, welcher seine Arme in die Hüfte gestemmt
hatte.
0-oh, das verhieß nichts Gutes... Hastig streifte Cooper die Kopfhörer herunter, so dass
sie um seinen Hals baumelten und wollte schnell aufstehen, wobei nur wenige Zentimenter
fehlten - zwischen seinem Kopf und der oberen Kante des Bettes. McQueen konnte dies gerade
noch verhindern, indem er Cooper die Hand auf die Schulter legte und ihn
runterdrückte. "Nur die Ruhe, Hawkes, Ihr Schädel hat in letzter Zeit schon genug
abbekommen." Dann drückte er auf die Stop-Taste des CD-Players und das laute
Hintergrundgeräusch der Musik erstarb. Die darauffolgende Stille war regelrecht fühlbar.
McQueen's Bilick fiel auf die leere CD-Hülle, die auf Coopees Bett lag und er griff
interessiert danach. "A-haa... Nirvana... Das lasse ich nochmal durchgehen,
Hawkes," sagte er mit einem kleinen Lächeln auf seinem sonst so ernsten Gesicht.
Cooper sah ihn irritiert an. "Wenn Sie wollen, sir, könnte ich sie Ihnen mal
ausleihen."
"Äh, ja, vielleicht," meinte der Colonel etwas verlegen. "Wie auch immer,
Hawkes -," und er legte die CD beiseite. "Sie kommen mit. Ich muss Sie über
einiges, was die Mission betrifft, informieren!"
Er trat von der Koje zurück. Cooper stand diesmal langsam auf.
"DAS lassen Sie wohl besser hier!" bemerkte McQueen und deutete auf die
Kopfhörer um Coopers Hals. "Äh... ja, sir," stimmte Cooper zu und
führte den 'Befehl' eifrig aus. Er folgte McQueen und warf noch schnell einen
entschuldigenden Blick zu den anderen Wildcards, die ihm unzufrieden hinterherstarrten. Er
wusste doch auch nicht, warum nur er von McQueen in was auch immer eingeweiht werden
sollte. Er fragte sich, ob er jetzt die Antworten bekommen würde, nach denen es ihn
verlangte.
Cooper folgte McQueen, der mit schnellen Schritten durch den Gang eilte. Er hatte keine Ahnung, wohin sie gingen, da der Colonel schwieg, schwieg Cooper auch und hing seinen Gedanken nach.
Dann auf einmal blieb McQueen stehen und er wäre beinahe in ihn hineingerannt. Cooper
blickte auf, sah die dunkel gekleideten Wachen und erkannte, dass sie sich direkt vor dem
Gefangenentrakt befanden. McQueen drehte sich zu ihm um und sah seinen fragenden Blick.
"Sie und der Rest des 58ten haben einen besonderen Auftrag, der Sie auf den Planeten
Eris III führen wird," erklärte er.
"Bodenangriff?"
"Nein, Hawkes, dieses Mal nicht. Wie Sie wissen, befanden sich vier Menschen an Bord
der Rettungskapsel, die die Wildcards zur Saratoga brachten... Um genau zu sein, sind es
vier InVitros."
Coopers Augen weiteten sich.
"Diese InVitros stammen von einer bisher geheimen Kolonie auf Eris III, die Flotte,
die uns angegriffen hat, steht auf ihrer Seite und wird in etwa neun Stunden einen neuen
Angriff starten. Sie sehen uns als eine Bedrohung ihrer Sicherheit bzw. ihrer Existenz.
Nur die Gefangennahme der InVitros hält sie davon ab, uns zu vernichten."
Cooper unterbrach ihn. "Was??? Eine InVitro-Kolonie? Das ist doch nicht
möglich!" Er schüttelte heftig den Kopf. Er hatte noch nie davon gehört, dass es
hier draußen im All, auf einem Planeten, InVitros gab, die unabhängig von Menschen ein
Leben in Freiheit führten. So viele Fragen wollte er stellen, aber er wusste nicht, wo er
anfangen sollte.
"Doch, Hawkes, es ist möglich. Und Sie, als einziger InVitro außer mir auf der
Saratoga, sind vielleicht unsere letzte Hoffnung, den Konflikt friedlich beizulegen."
"Die InVitros und die Chigs haben sich verbündet?" fragte Cooper ungläubig.
McQueen nickte. "Es ist aber noch komplizierter, als Sie denken, Hawkes. Tresko, so
heißt der InVitro, den Sie vor dem Verhörraum trafen, wird es Ihnen erklären."
"Ich soll mit den InVitros reden? Warum gerade ich? Ich weiß doch gar nicht, wie ich
das anstellen soll, sir. Sie haben doch bereits mit Tresko gesprochen, wenn er nicht auf
Sie hört, warum sollte es dann bei mir anders sein?"
McQueen sah die wachsende Unsicherheit in Coopers Augen und verstärkte den
Blickkontakt.
"Er hat versucht, mich davon zu überzeugen, dass ich auf der falschen Seite stehe,
indem ich für die Menschen in diesem Krieg kämpfe und er ging sogar noch weiter mit
seinen Beleidigungen..." McQueen's Augen verengten sich vor Ärger und Zorn.
"Das konnte ich ihm nicht durchgehen lassen und habe ihm unmißverständlich
klargemacht, was ich von seiner Meinung halte. Dadurch habe ich sein Vertrauen auf meine'
Hilfsbereitschaft' zerstört, was mir erst im Nachhinein bewusst geworden ist. Aber Sie,
Hawkes, können die angespannte Lage entschärfen!"
"Aber wie soll ich... Ich kann das nicht, ich würde es nur vermasseln."
"Hawkes, das ist mehr als wichtig! Sie müssen mit diesen InVitros ins Gespräch
kommen und sie davon überzeugen, dass sie uns nicht vernichten müssen, um ihre Kolonie
zu schützen. Tresko wird natürlich nicht verhandeln wollen, bevor er nicht frei ist.
Außerdem ist er sicher nicht befugt, die Entscheidung über Frieden oder Kampf allein zu
treffen. Wir sind bereit, ihn und zwei der anderen InVitros gehen zu lassen. Einer von
ihnen bleibt auf der Saratoga. Sie begleiten Tresko auf Eris III. Ich weiß, dass Ihnen
meine Anweisungen sehr unzulänglich vorkommen, aber ich kann Ihnen auch keine weiteren
Angaben machen, so eine Situation ist eben bisher noch nie eingetreten. Tresko wird keinen
Natürlichgeborenen als Verhandlungspartner akzeptieren, Sie sind der einzige, der in
Frage kommt. Glauben Sie mir, ich würde lieber selbst diesen Auftrag übernehmen, aber
Commodore Ross hat anders entschieden und er hat Recht. Was die Verhandlungen angeht, in
dieser Hinsicht haben Sie völlige Handlungsfreiheit, sorgen Sie dafür, dass Sie und die
Besatzung der Saratoga überleben - sehen Sie, so einfach ist das. Entweder Sie tun es
oder es gibt noch einen Kampf, bei dem nicht nur viele unserer Leute, sondern auch
InVitros ihr Leben verlieren werden. Die anderen Wildcards werden Sie begleiten, zur
Sicherheit und..." McQueen stockte mitten im Satz. 'und um auf Sie aufzupassen' hatte
er sagen wollen.
"Zur Sicherheit!" wiederholte er mit fester Stimme. "Dies ist kein
gewöhnlicher Einsatz, Hawkes, denn Sie werden dieses Mal die volle Befehlsgewalt
haben..."
Der Colonel sah in Coopers Augen kurz so etwas wie Angst aufblitzen. "... was
den diplomatischen Teil angeht," ergänzte er. "Sollte es zu Kampfhandlungen
kommen, die Sie aber unbedingt vermeiden sollten, wird Vansen übernehmen. Ihnen sollte
klar sein, dass Sie in diesem Fall so gut wie keine Chance haben, denn dort unten befinden
sich mehr als 600 Kolonisten." Hawkes schluckte krampfhaft. "Ja, sir, ich bin
mir dessen bewusst."
"Gehen Sie rein, Hawkes." McQueen nickte ernst zu der Tür des
Gefangenentraktes. "Sie schaffen das schon! Aber vergessen Sie eines niemals: Sie
haben einen Auftrag und Ihre persönlichen Gefühle stehen nicht im Vordergrund!"
Cooper nickte langsam und wandte sich zur Tür. Die Wachen gaben den Weg frei. Nach einem
kurzen Zögern trat Cooper ein.
Er blickte sich noch einmal um, als sich die Tür hinter ihm schloß und sein Mut sank.
Jetzt fühlte er sich sehr allein und einsam. Wie sollte er nur ein Gespräch mit den
InVitros anfangen? Sie waren doch Fremde für ihn, wenn nicht sogar Feinde...
Langsam ging er in den hinteren Teil des Traktes, vorbei an den anderen Zellen, die
allesamt gähnend leer waren. Er war wirklich ganz allein mit den Männern. Einer von
ihnen lag ausgestreckt auf der Pritsche der Zelle, ein zweiter saß daneben. Der dritte
InVitro, stand direkt vor den Gitterstäben und sah ihn neugierig an. Nun löste sich ein
vierter Mann aus dem Schatten der hintersten Zellenecke und trat näher. Hawkes erkannte
ihn sofort - das war der Mann, bei dem er so ein merkwürdiges Gefühl gehabt hatte:
Tresko!
Er bemerkte die roten Male, die sich auf seinem Hals zeigten.
"Wie ist das denn passiert?" fragte Cooper zögernd und deutete auf die
betreffende Stelle.
"Oh, das war nur eine kleine Meinungsverschiedenheit..." sagte Tresko lächelnd,
"...die aber absolut notwendig war!" Die letzten Worte hatte er etwas lauter
gesprochen und dabei einen demonstrativen Blick zu dem Mann auf der Pritsche geworfen.
Dessen Gesicht verfinsterte sich kurz vor Zorn, aber dann senkte er den Kopf, so dass sich
Cooper nicht ganz sicher war, ob er diese Reaktion wirklich gesehen hatte.
"Du musst Hawkes sein," sagte der Mann nun und steckte seinen Arm durch die
Stäbe, um ihn die Hand zu schütteln. Cooper wich ein kleines Stück zurück, diese
überschwengliche Begrüßung überraschte ihn. Als Tresko seine Reaktion sah, lächelte
er und zog die Hand schnell weg.
"So so, du bist also vorsichtig - das haben Sie dir wohl bei den Marines
beigebracht... Auch gut! Aber du musst mir nicht mißtrauen..."
"Woher wissen Sie meinen Namen?" fragte Cooper.
"Oh, McQueen hatte ihn erwähnt... Du weisst schon, als wir uns auf dem Gang
trafen."
Cooper nickte, sah auf den Boden und schwieg. Er überlegte, was er als nächstes sagen
sollte. Er dachte angestrengt darüber nach und merkte nicht, wie ihn die anderen InVitros
abschätzend musterten.
"Du willst doch sicher etwas mehr über uns wissen oder?" fragte Tresko immer
noch lächelnd.
Cooper blickte auf und nickte.
"Also ich bin John Tresko - ich denke, auf die Genidentität können wir verzichten -
das ist Stuart Catrez," er zeigte auf den Mann neben sich. "Das ist Marcus
Cole..." Cooper sah, wie der Mann, der auf der Pritsche saß, kurz aufblickte, als er
seinen Namen hörte. "...und zu guter letzt haben wir da noch Brian..." Er
deutete auf den liegenden Mann neben Marcus, der sich jetzt aufrichtete.
Cooper blickte genauer hin. Oh man, der InVitro war noch sehr jung, jünger als er selbst.
"... er ist Stuarts Bruder." ergänzte Tresko.
"Was??!!" Coopers Blick schwenkte blitzschnell von Brian zurück auf Tresko,
welcher ihm zunickte.
"Ja, Hawkes! Stuart und Brian haben sich zufällig gefunden..."
Coopers Augen überzog ein Schatten, als er an Kate dachte. Wieder kam die
Erinnerung an sie und wie sie sterben musste, ohne jemals gelebt zu haben. Stuart
unterbrach seine Gedanken. "Hast du eigentlich jemals nach deiner Familie
gesucht?"
"Äh ja, das habe ich..." Cooper ahnte, was nun folgen würde. Er überlegte
hastig, wie er sich da hinausmanövrieren konnte, aber er wusste, das er unfähig war, zu
lügen.
"Und - hast du jemanden gefunden?"
"Ja, eine Schwester. Sie war eine Ungeborene..."
Cooper hielt seinen Kopf gesenkt und starrte schuldbewusst auf den Boden.
"War? Ist sie etwa tot?" fragte Stuart. Cooper nickte.
"Wie ist es passiert?" - Da war sie nun, die Frage, die er befürchtet hatte.
Cooper schluckte und wollte gerade mit seinem Geständnis anfangen, als sich Brian
einmischte, der seinen gesenkten Blick falsch interpretiert hatte.
"Du musst es uns nicht erzählen." Dann wandte er sich an seinen Bruder.
"Stuart, seit wann bist du so unsensibel? Du siehst doch, wie ihn der Tod seiner
Schwester schmerzt." Cooper sah Brian fast dankbar an. "Außerdem ist es doch
klar, was passiert ist," erklärte Marcus, ohne gefragt worden zu sein.
"Die Natürlichgeborenen haben das getan. Für sie hat das Leben überhaupt keinen
Wert, wenn es künstlich entstanden ist. Vielleicht war es ein Computer- oder ein
Materialfehler oder etwas ähnliches, das die Systeme des Tanks lahmlegte, so dass die
Lebensfunktionen nicht mehr aufrechterhalten werden konnten. Aber wen kümmert das schon?
Es werden Tausende anderer Tanks produziert und obwohl die Überlebensrate nur 27 %
beträgt, bleiben immer noch genügend lebende Tanks übrig, um einen Gewinn zu
erzielen!"
Stuart hörte mit Unbehagen, wie sich Marcus wieder in seine Hasstiraden hineinsteigerte.
In letzter Zeit machte er das immer häufiger.
"Marcus, es reicht! Wir wissen, wie das InVitro-Programm abläuft und dass dabei
Fehler unterlaufen. Du kannst es nicht ändern, also warum fängst du immer wieder damit
an?!"
"Oh, entschuldige, Stu, wenn ich dir damit auf die Nerven gehe," erwiderte
Marcus sarkastisch.
"Aber du warst eben noch nie in einer InVitro-Fertigungsanstalt, hast nie gesehen,
wie die 'missglückten' InVitros beseitigt wurden, denn genau so wurden sie genannt -
diejenigen, die die Zeit bis zur Geburt nicht überlebt haben. Die Natürlichgeborenen
hatten für sie keine Verwendung, für sie war es nur noch totes, organisches Material,
das entsorgt werden musste - und für diese Arbeit haben sie Tanks beschäftigt, denn sie
wollten sich ihre Hände nicht schmutzig machen! Also, sage mir nicht, dass ich mich
beruhigen soll!"
Betroffenes Schweigen folgte. Jeder dachte an die Ungerechtigkeit und die Grausamkeiten,
die ihnen in ihrem Leben als InVitros widerfahren waren. Die Stille zog sich in die
Länge, bis Cooper sie unterbrach.
"Wie ist es eigentlich auf dem Planeten? McQueen sagte, es gäbe bereits 600
Kolonisten, sogar Chigs!"
"Oh, wir nennen sie nicht Chigs! Sie waren zuerst auf dem Planeten und haben uns
dorthin gebracht, nachdem sie uns gefunden hatten."
"Wo fanden?"
"Das ist eine lange Geschichte, Hawkes, und ich denke, hier ist nicht der richtige
Ort, um sie zu erzählen. Man weiß schließlich nie, wer sonst noch mithört."
Diese Antwort befriedigte Cooper ganz und gar nicht, aber er sah, dass Tresko nicht bereit
war, etwas zu dem Thema zu sagen.
"Wie bist du eigentlich in diesem Laden hier gelandet?" fragte Brian plötzlich.
"Das würde mich wirklich interessieren..."
Cooper atmete tief durch, bevor er antwortete: "Man hat mich festgenommen - wegen
versuchter Körperverletzung, mutwillige Zerstörung eines Polizeiwagens, Widerstand gegen
die Staatsgewalt und noch einiges mehr - Sachen, die man mir angehängt hat, weil ich ein
Tank bin. Dabei habe ich mich nur gegen ein paar Männer gewehrt, die versucht haben, mich
aufzuhängen. So etwas geschah ziemlich oft in Philadelphia, wo ich herkomme, fast jede
Nacht durchstreiften Banden von Natürlichgeborenen die Tankviertel und wen sie
erwischten, der hat so gut wie keine Chance, mit dem Leben davon zu kommen.. Ich wollte
nicht so enden - ich nicht! Einen hätte ich fast gehabt, ich hätte ihn kaltgemacht...
aber dann kam mir diese Polizeistreife in die Quere und der Kerl ist mir entwischt!"
Coopers Hände ballten sich zu Fäusten, als er sich an diese Nacht erinnerte und die
vertraute Wut und der Hass in ihm hochstiegen.
"Und deswegen haben sie dich zum Militärdienst verdonnert - die dachten sich wohl,
dass du bei den Marines viele Freunde finden würdest," sagte John sarkastisch. Dann
wurde er ernst. "Aber du hast noch Glück gehabt. Normalerweise wärst du in ein
Umerziehungslager gekommen zu einem speziellen 'Programm' für aufsässige Tanks. Die
hätten dich mit Drogen vollgepumpt, bis du dich nicht mehr an deinen eigenen Namen
erinnert hättest, um dann aus dir etwas 'Brauchbares' zu machen, etwas, das der
Gesellschaft von Nutzen ist." Der Hass in Tresko's Stimme war nicht zu überhören.
"Waren Sie auch einmal in so einem Umerziehungslager?" fragte Cooper.
"Ja, aber das ist schon einige Jahre her," war die ausweichende Antwort.
"Und was haben sie aus Ihnen gemacht?"
Tresko zögerte mit der Antwort. "Ich kam in ein besonderes Ausbildungsprogramm zu
Aerotech. Die Ärzte haben wohl in meinem Erbanlagen besonders gute Eigenschaften finden
können..." Er zuckte mit den Achseln. "Ich habe keine Ahnung, warum sie gerade
mich gewählt haben. An die Zeit in der Anstalt kann ich mich kaum erinnern. Dreimal
täglich bekam ich Injektionen und ich weiß auch, dass sie mir Implantate eingesetzt
haben, während der Zeit, wo ich nicht bei Bewußtsein war. Mit der Zeit merkte ich, dass
ich mich..." Tresko überlegte kurz, "... irgendwie stärker fühlte, meine
Ausdauer vergrößerte sich, meine Bewegungen wurden schneller. Jedesmal, wenn ich am
nächsten Morgen aufwachte, hatte sich wieder etwas verändert. Ich bemerkte diese
Veränderungen, sie erfolgten so schnell in kurzer Zeit, ich konnte es nicht
beeinflussen... Ich fühlte mich wie ein Fremder in meinem eigenen Körper. Die Ärzte
waren natürlich sehr zufrieden mit meinen Fortschritten, man konnte ihre Zufriedenheit
regelrecht von den Gesichtern ablesen. Was immer sie mit mir getan hatten - sie waren
erfolgreich. Erst spät wurde mit klar, wofür ich ausgebildet worden war..." Tresko
stockte. "Man machte mich zu einem Soldaten, eine perfekte Kampfmaschine, ohne eigene
Identität oder ein Gewissen. Nachdem ich das Programm bei den Ärzten durchlaufen hafte,
kam ich in eine Einheit von InVitros, die genauso verändert wurden wie ich: Es folgte nun
eine militärische Ausbildung, eine intensive Vorbereitung auf den Kampf in der Luft, zu
Wasser und an Land. Ich glaube, uns wurde so ziemlich alles beigebracht: wie man Menschen
tötet, ohne eine Waffe zu benutzen... und vor allem, dass man Befehle unter allen
Umständen befolgen muss. Aufsässigkeit wurde nicht geduldet und schwer bestraft. Ich
habe viele InVitros während der Ausbildungszeit sterben sehen, nur etwa 30 % überlebten
das Training. Ich war unter denen, die es geschafft haben, aber der Preis für mein
Weiterleben war hoch, schließlich hatten wir eine Aufgabe zu erfüllen und wurden zu
verschiedenen Einsätzen abberufen... Noch heute quälen mich nachts Alpträume, ich sehe
fremde Gesichter - und Blut, höre Geschützfeuer, sehe Menschen schreien, sie haben
angsterfüllte Augen und sie starren mich an - mich! Ich habe sie getötet! Meine
Erinnerungen wurden gelöscht oder mit Drogen unterdrückt - aber bei mir waren die Ärzte
nicht vollständig erfolgreich oder es liegt daran, dass ich schon lange keine ihrer
Injektionen bekam. Das muss die Wirkung der Implantate abgeschwächt haben... Und nun
fürchte ich mich vor dem Schlaf. Ich höre die Schreie meiner Opfer jede Nacht, wenn ich
schlafe - für den Rest meines Lebens..."
Cooper war geschockt. "Wozu braucht Aerotech Soldaten? Es ist doch eine zivile Einrichtung, nur auf Forschung und Wissenschaft ausgerichtet..."
Tresko nickte. "Darüber habe ich lange nachgedacht, aber erst, nachdem ich frei und dem Einfluss der Medikamente entkommen bin. Wir haben Kontaktleute auf der Erde, die uns mit Informationen über die Lage der InVitros versorgen. Aus dieser Quelle weiß ich auch eine Menge über Aerotech. Die Firma ist in den vergangenen Jahren zur führenden Organisation für Raumfahrt und Entwicklung auf der Erde aufgestiegen. Seit der Gründung im Jahr 2015 hat sich viel verändert. Sie haben das lnVitro-Programm stark unterstützt, seitdem es 2027 von der Regierung begonnen wurde, um eine neue Rasse von Soldaten zu züchten. Aerotech arbeitete an der Besiedlung des Alls und wollte InVitros einsetzen, um die gefährlichen ersten Schritte dieses Zieles zu erreichen. Sie sollten zuerst einen geeigneten Planeten für Menschen bewohnbar machen: Terraforming, Raumstationen errichten... Doch dann erkannte Aerotech die enormen Möglichkeiten und das wirtschaftliche Potential, welches im InVitro-Programm lag und investierte immer mehr Geld in die Forschung und Entwicklung, um das Monopol für die Produktion der Tanks zu bekommen. Dann schlug der Einsatz der InVitro in den Silikantenkriegen fehl und die Regierung verlor das Interesse an dem Programm. Es lag nun nicht mehr länger in ihren Händen, sondern bei Aerotech. Heute werden InVitros vor allem bei Arbeiten eingesetzt, die für Natürlichgeborene zu gefährlich oder einfach unter ihrer 'Würde sind. Ohne sie würde die Wirtschaft zusammenbrechen, denn wer würde schon freiwillig in einem Kernkraftwerk oder in einer Bergmine wie auf Omicron Draconis arbeiten? Aber woher würden sie dann ihre Energie und die Rohstoffe kriegen? Die Gesellschaft auf der Erde ist von den Tanks abhängig und sie wissen es noch nicht einmal! Nur Aerotech ist sich dessen mehr als bewusst, durch ihre Monopolstellung mit dem InVitro-Programm können sie Politik und Wirtschaft beeinflussen und nach ihren Plänen lenken. Die Erdregierung ist nur noch eine Fassade, hinter allen wichtigen Entscheidungen steckt Aerotech. Das ist offensichtlich, seitdem Diane Hayden UN-Generalsekretär ist. Ihr Austritt aus dem Vorstand von Aerotech sollte nur darüber hinwegtäuschen, dass sie weiterhin die Interessen der Firma vertritt. Ich kann zwar nur darüber spekulieren, welche Menschen ich bei meinen Einsätzen getötet habe, aber ich vermute, es handelte sich dabei um Leute, die Aerotech im Wege standen und deshalb beseitigt werden mussten. Sie haben mich, uns alle, ausgenutzt für ihre schmutzigen Pläne. Aber irgendwann werden wir zurückschlagen und diese Menschenbrut vernichten!" Cooper war wegen den vielen Informationen verwirrt und geschockt. Über Dinge wie Politik und Wirtschaft hatte er noch nie nachgedacht. Natürlichgeborene waren von InVitros abhängig? Das musste er erst mal verarbeiten.
Tresko beobachtete ihn und die Wirkung, die seine Worte auf ihn hatten. Dann fiel ihm
etwas ein.
"Warum hat dich McQueen eigentlich doch noch mit uns sprechen lassen? Er wollte dich
eigentlich von uns fernhalten, oder?"
Cooper nickte. Jetzt besann er sich wieder auf seinen Auftrag und räusperte sich, bevor
er antwortete: "Wir sind zum Verhandeln bereit. Drei von Ihnen werden freigelassen
und dürfen in die Kolonie zurückkehren - ich und meine Einheit werden sie
begleiten..."
"Und dann?" fragte Tresko ernst.
"Wir werden einen Weg finden, uns darauf zu einigen, dass die Saratoga nicht
zerstört wird...".
"Also das ist McQueen's ganzer Plan?" lachte Tresko. "Er glaubt wirklich,
dass wir einen dauerhaften Waffenstillstand eingehen? Wie kann er das nur glauben
und wie kannst du ihn dabei auch noch unterstützen?!"
In Cooper wuchs der Ärger. "McQueen ist mein Vorgesetzter, ich vertraue ihm. Er
weiß, was richtig und was falsch ist..." Tresko schüttelte traurig den Kopf über
dieses blinde Vertrauen und die naive Einstellung.
"McQueen ist keiner von uns mehr, er arbeitet schon zu lange mit den
Natürlichgeborenen zusammen! Ich traue ihm kein bißchen, denn er führt ja doch nur die
Befehle der Menschen aus und die können nur hinterhältig sein!"
Cooper atmete tief ein, um sich zu beruhigen. Er würde weiter mit Tresko reden, ohne
ihm an die Gurgel zu springen. Das war sein erster diplomatischer Auftrag und er würde
ihn ohne einen Wutausbruch überstehen.
"Sie haben doch gar nicht die Macht, die Sache allein zu entscheiden, oder?!"
warf er Tresko an den Kopf.
"Ja, das stimmt zwar, aber ich bin mir ganz sicher, dass..."
"Das ändert aber nichts an dieser Tatsache! Wir werden Sie auf den Planeten
begleiten, um mit ihrer Regierung oder was auch immer Sie da unten haben, zu sprechen und
erst dann wird sich zeigen, wer Recht hat - Sie oder McQueen!"
Tresko war von diesem Ausbruch überrascht.
"Ich verstehe einfach nicht, warum du ihnen hilfst, sie haben dich dein ganzes Leben
nur für ihre Zwecke benutzt! Dir kann doch egal sein, ob die Saratoga zerstört wird. Du
kannst hier bei uns leben, als freier Mensch und niemand wird dir jemals wieder
vorschreiben, was du zu tun oder zu lassen hast!"
"Nein! Ich habe Freunde hier, die mich wie einen Menschen behandeln. Sie würden ihr
Leben für mich geben und ich würde das gleiche für sie tun. Es ist möglich, dass
InVitros und Natürlichgeborene nebeneinander leben, ohne dass einer den anderen gleich
umbringt. Ich denke, dass der Unterschied zwischen uns und ihnen gar nicht so groß
ist..."
"Wie kommst du nur auf diese Idee?! Glaubst du wirklich, dass Natürlichgeborene
deine Freunde sein können? Hat dir das McQueen eingeredet?"
"Nein, aber..."
Die anderen hatten den Wortwechsel zwischen den beiden aufmerksam verfolgt und nun ergriff
Stuart das Wort, als er sah, wie Tresko den Lieutenant in die Enge trieb. Er brachte das
Gespräch zurück auf das Hauptthema.
"Wann genau kommen wir frei?"
"Sobald wie möglich." Cooper war erleichtert, dass Stuart ihn von Tresko's
bohrenden Fragen befreite. Er sah auf die Uhr. "In einer halben Stunde ist
Einsatzbesprechung, danach geht es los. Wissen Sie schon, welcher von Ihnen hier auf dem
Schiff bleibt?" fragte er. Die vier InVitros sahen sich gegenseitig fragend an.
"Darüber müssen wir uns erst noch beraten," erklärte Stuart.
"Wir sind zwar mit dieser Bedingung einverstanden..." ergänzte Tresko,
"...aber nur, wenn man auch unsere Bedingungen akzeptiert."
"Und die wären?"
"Keine Abhörgeräte, Waffen, keinerlei militärische Ausrüstung, die gegen uns
verwendet werden könnte! Der Mannschaftstransporter, mit dem wir auf den Planeten
gebracht werden, wird sofort nach dem Absetzen starten und zur Saratoga
zurückkehren."
"Und wie kommen wir dann zurück zum Schiff?" fragte Cooper erstaunt.
Tresko lächelte hintergründig. "Nun, so wie ich das sehe, gibt es nur zwei
Möglichkeiten: Entweder McQueen hat recht und wir schließen mit euch 'Frieden...,"
er spuckte das letzte Wort förmlich aus, "...dann gestatten wir euch freies Geleit
oder ich behalte recht und dann ist es egal, ob ihr auf dem Planeten oder auf dem Schiff
sterben werdet." Als Tresko die wachsende Anspannung von Hawkes sah, fügte er noch
hinzu: "Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, du bist einer von uns und hast nichts
zu befürchten. Aber für deine 'Freunde' kann ich natürlich nichts garantieren."
Coopers Augen verengten sich. "Wenn sie sterben, werde ich nicht zögern, sie
zu rächen!"
"Und andere InVitros töten?" fragte Tresko provozierend.
"Wenn es sein muss... ja!" Aber Cooper's zögernde und unsichere Stimme strafte
seine Worte Lügen.
Brian erkannte das sofort. "Nein, das könntest du nicht. Du könntest keinen anderen
InVitrro töten! Auf unserer Welt wäre das ein Kapitalverbrechen, unser Gesetz besagt,
dass kein InVitro einen anderen töten darf!"
Cooper schluckte krampfhaft, als er erkannte, was seine Tat auf der MacArthur für diese
InVitros und auch für ihn selbst bedeutete, wenn sie jemals davon erfahren würden. Brian
hatte recht, er könnte keinen InVitro töten - aber nicht, weil er dazu nicht in der Lage
war, sondern weil er es bereits getan hatte und ihn diese Schuld niemals losließ. Ein
zweites Mal könnte er diese Entscheidung nicht treffen...
Stuart nickte. "Wenn wir eins bei den Natürlichgeborenen gelernt haben, dann dies:
Nur als Einheit sind wir stark und können uns wehren. Ein einzelner allein ist schutzlos
und ausgeliefert. Die Menschen wissen das und sorgen deshalb dafür, dass sich InVitros
nirgends in Gruppen zusammenfinden. Sie erzeugen ein Klima des Mißtrauens und der Angst
überall dort, wo sich viele InVitros an einem Ort befinden: in einem Arbeitslager oder in
einer Fabrik. Sie scheuen sich nicht, für diese Aufgabe InVitro-Aufseher einzusetzen, die
speziell dafür gezüchtet wurden. Sie unterbinden jede Art von Hilfsbereitschaft oder gar
Freundschaft unter den InVitros, um eine optimale Kontrolle ausüben zu können..."
"Als wir die Kolonie gründeten, haben wir uns geschworen, dass wir dieses System
überwinden werden," fügte Tresko emst hinzu. "Den InVitros auf der Erde ist es
schon zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen, jedem zu mißtrauen und sich nur um die
eigenen Sachen zu kümmern. Das ist nämlich unsere größte Schwäche."
Cooper glaubte zu verstehen, was er meinte. "Das ist wie in meiner Einheit: Es ist absolut notwendig, dass man sich auf jeden verlassen kann, denn ohne den anderen hat man schwerlich eine Chance, im Gefecht zu überleben. Wenn einer aus der Einheit verletzt wird, ist es Pflicht, ihn zu bergen, egal, wie gefährlich es sein mag..."
Die vier InVitros starrten ihn verständnislos an. Tresko hatte den Kopf schiefgelegt,
als habe er nicht richtig gehört oder etwas falsch verstanden.
"Also das ist etwas völlig anderes, Hawkes! Bei uns geht es nicht einfach ums
Überleben, sondern darum, eine InVitro-Gesellschaft zu gründen, die frei vom Einfluss
der Natürlichgeborenen ist! Genau das wollen die Menschen nämlich vermeiden - dass wir
eine eigene Identität, einen Volkswillen aufbauen könnten, der sich gegen sie richten
würde. Sie verwehren uns das Recht auf eine kulturelle Entwicklung und reden uns ein,
dass wir minderwertig seien und dass dies die einzige Gemeinsamkeit ist, die uns
verbindet."
"Aber Sie hatten doch auch eine militärische Ausbildung, wurde Ihnen nicht
beigebracht, dass alle Mitglieder der Einheit voneinander abhängig sind und dass der
Fehler eines einzelnen das Leben der anderen gefährdet?" fragte Cooper verwirrt. Er
erinnerte sich noch lebhaft an die Flugsimulationsstunde bei Major Bogus, als dieser
ausgerastet war, weil er mutwillig einen Flug sabotiert hatte, indem er die Formation
verließ und direkt auf West's Hammerhead zuflog. Die darauffolgende Lektion von Bogus
würde er niemals vergessen.
"Nein, wir wurden ausgebildet, um auf Ein-Mann-Missionen geschickt zu werden.
Kameradschaft im Kampf war das allerletzte, was wir dafür brauchten!" erwiderte
Tresko unnachgiebig.
Cooper nickte, aber eigentlich verstand er es nicht. Er sah keinen Sinn in weiteren
Wortgefechten mit Tresko und da er nicht wusste, was er jetzt noch sagen sollte, sah er
aus Verlegenheit erneut auf die Uhr.
"Ich glaube, Sie wissen jetzt das Notwendigste und ich werde Sie nun allein lassen,
damit sie sich, äh... beraten können..." Auf einmal hatte er es sehr eilig, von den
lnVitros wegzukommen. Er fühlte sich, als hätte man ihm den Boden direkt unter den
Füßen weggezogen.
Tresko's Worte hatten ihm ein völlig anderes Bild von den InVitros gezeigt und seine
eigene Sichtweise stark angegriffen, wenn nicht sogar zerstört. Sie, nein wir sind
in der Lage, ohne Natürlichgeborene zu leben, die Kolonie war der beste Beweis dafür.
Vielleicht sollte er sich ihnen anschließen, er hatte es so satt, in diesem Krieg zu
kämpfen, sein Leben jeden Tag aufs Spiel zu setzen, ohne dass er einen Sinn darin sah.
Doch nein, es gab einen Sinn: das Ziel zu Überleben. Es ging nicht darum, den Krieg zu
gewinnen, sondern dafür zu sorgen, dass die gesamte Einheit heil aus jedem Einsatz
zurückkam.
Aber wenn er ihnen erzählte, dass er mit einem Knopfdruck 168 Tanks einschließlich
seiner Schwester getötet hatte, dann würden sie ihn niemals in der Kolonie aufnehmen,
vielleicht würden sie ihn sogar bestrafen.
Er fragte sich, was wohl die Strafe für einen 168fachen Mord war...
"Ja, ich denke, wir haben genug geplaudert, Hawkes," antwortete Tresko.
"Diese Unterhaltung war sehr aufschlußreich. Wenn wir auf dem Planeten sind, werden
wir unsere Diskussion fortsetzen. Es gibt noch vieles, was ich von dir wissen möchte -
und du sicher auch von uns."
Cooper sah, dass damit das Gespräch beendet war und warf noch einen Blick zu den anderen
InVitros, bevor er sich umdrehte, um zur Tür zu gehen.
Tresko lächelte wieder, aber er fand dieses Lächeln zu aufgesetzt, zu berechnend. Er
empfand bei ihm ein unbehagliches Gefühl, als ob er sich in Acht nehmen und seinen
Rücken freihalten müsste. Ein merkwürdiges Gefühl - so etwas hatte er das letzte Mal
gespürt, als er Gefangener der Silikanten auf Bunoel war und ihn eins der Modelle
überreden wollte, seine Einheit zu verraten. Er versuchte, diesen Gedanken zu
verdrängen.
Stuart erinnerte ihn irgendwie an McQueen, obwohl er sicher nicht älter als 30 war: die gleiche Ruhe und Entschlossenheit, sich niemals in den Vordergrund zu drängen und nur das Nötigste zu sagen und er hatte auch den gleichen prüfenden Blick, der anscheinend mehr sah als ein anderer. Bei Marcus war er sich nicht sicher, was er von ihm halten sollte. Es war viel Haß in ihm, aber er an seiner Stelle, mit seinen Erfahrungen, würde nicht anders sein. Cooper erinnerte sich, dass er auch einmal so wie Marcus war, vielleicht nicht ganz so extrem, aber... Dann fiel ihm der entscheidende Unterschied zwischen ihnen auf: Marcus hatte bereits aufgegeben, aus ihm sprechen nur noch der Sinn nach Rache - da war überhaupt keine Hoffnung, kein Wunsch nach einem Neuanfang, nach einem besseren Leben. In ihm war der Funke des Lebenswillens erloschen und Cooper hatte das instinktiv erkannt, noch ehe er diese Erkenntnis in einen Gedanken fassen konnte.
Als letztes fiel sein Blick auf Brian. Sein Lächeln war echt, das konnte er fühlen. Vielleicht lag es an seiner Jugendlichkeit und der Offenheit, die er zeigte. Sie schien das volle Gegenteil zu Marcus' tief sitzender Enttäuschung vom Leben und seinen düsteren Rachegedanken zu sein und er hatte das tiefe Bedürfnis, ihn näher kennenzulernen, denn er hatte noch nie einen so jungen InVitro gekannt. Seit er aus der lnVitro-Anstalt geflohen war, war er meist allein geblieben und hatte sich von den anderen InVitros, die alle älter waren als er, ferngehalten. Bei einem Leben auf der Straße war es schwer, einem anderen zu vertrauen und er hatte kein Risiko eingehen wollen, schließlich hatte er schreckliche Gerüchte darüber gehört was einem jungen Tank passieren konnte, wenn er an den Falschen geriet...
Vielleicht bekam er später noch Gelegenheit, mit Brian zu reden. Irgendwie beneidete er Stuart, denn er hatte wenigstens einen Verwandten, jemand, zu dem eine natürliche Verbindung bestand, die ihm niemand streitig machen konnte. Es müsste ein schönes, sicheres Gefühl sein, zu wissen, dass man immer jemanden hatte, er einfach da ist, wenn man ihn braucht, einfach so, weil sie eine ähnliche DNS-Kombination hatten.
Das war eben der entscheidende Unterschied zwischen einer Familie und einem Freund: eine Freundschaft musste man sich erst aufbauen und das konnte manchmal sehr lange dauern und mit Schwierigkeiten verbunden sein. Er fand es jedenfalls sehr schwierig. Natürlichgeborenen schien es so leicht zu fallen, Freunde zu finden, aber... er machte immer irgendeinen Fehler und das schlimmste war, er wusste nicht welchen. Erst bei den Wildcards hatte er das Gefühl, dass sie echte Freunde für ihn waren, sogar Nathan, mit dem er manchmal Auseinandersetzungen' hatte, aber die wurden auch immer seltener...
Cooper stand nun draußen auf dem Gang und hatte den Zellentrakt hinter sich gelassen. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er die Tür bewegt hatte. Oh man, ich muss wirklich versuchen, nicht so viel zu denken' sagte er sich insgeheim und musste kurz darauf lächeln. Denken war das schlimmste Verbrechen, das ein Tank in den Augen eines Natürlichgeborenen begehen konnte. Nun ja, es hatte sich viel bei ihm verändert, seit seinem ersten Tag bei den Marines, als er auf dem Exerzierplatz stand und Major Bogus ihm ins Gesicht sagte, dass er seine Vorurteile gegenüber Tanks nicht enttäuschen würde.
Es war 0830 und die Wildcards versammelten sich im Besprechungsraum. Nathan sah stimrunzelnd zu Coopers leeren Platz hinter sich. Was hatten er und McQueen heimlich miteinander zu besprechen? Wenn es etwas mit der Mission zu tun hatte, dann sollten es doch alle erfahren oder etwa nicht?
In diesem Augenblick betrat Colonel McQueen den Raum, gefolgt von Hawkes, der rasch auf seinem Stuhl Platz nahm. McQueen kam schnell zur Sache. Mit knappen Worten erläuterte er die Lage, präzise, klar und emotionslos wie immer. Er machte deutlich, wieviel von der Mission abhing und was von ihnen erwartet wurde.
Also das war es! dachte Nathan, in seinem Kopf begann es zu arbeiten. InVitros... was hatten die hier draußen zu suchen - und wie kamen sie auf den Planeten? Ein Kribbeln lief seinen Rücken entlang, denn sein altes Mißtrauen war erwacht.
Shane runzelte verwirrt die Stirn, weil Cooper diesmal den größten Teil der Verantwortung tragen sollte. Sie schaute kurz zu ihm, als ob sie damit rechnete, dass er dagegen Einspruch erheben würde. Doch Hawkes zeigte keine Anzeichen von Überraschung oder Widerwillen, McQueen musste vorher bereits alles abgesprochen haben. Shane schüttelte ungläubig den Kopf, Cooper als provisorischer Truppführer? Das war mehr als ungewöhnlich und es gefiel ihr überhaupt nicht. Ihr war bisher gar nicht bewusst gewesen, wie sehr sie sich daran gewöhnt hatte, die Befehlsgewalt zu haben, alles zu kontrollieren und Entscheidungen zu treffen. Sie hatte gedacht, dass sie dieser Job belastete und dass sie froh wäre, ihn endlich los zu sein. Doch nun musste sie erkennen, dass es für sie geradezu ein Bedürfnis war, die Verantwortung zu tragen und wenn sie ehrlich sein sollte, traute sie Cooper nicht zu, dass er diese Aufgabe übernehmen könnte. Hoffentlich wusste McQueen, was er tat. Warum sollten sie überhaupt unbewaffnet auf Eris III landen? Das war doch totaler Wahnsinn! Wie hatte der Colonel nur auf diese Bedingung eingehen können?! Und warum bekam eigentlich immer das 58te die wirklich gefährlichen Einsätze zugeteilt? Der letzte lag doch erst ein paar Stunden zurück! An Tagen wie diesen wünschte sie sich, dass sie nie zu den Marines gegangen wäre...
".. aus diesem Grund ist es auch überflüssig, dass Sie Ihre Kampfanzüge tragen,
das würde die InVitros nur mißtrauisch machen, weil sie dann annehmen, dass Sie
irgendwelche Waffen darin verstecken," erklärte McQueen gerade. Die Wildcards
hielten gleichzeitig den Atem an. Dann meldete sich Shane. "Das ist ein Scherz, sir,
oder?" fragte sie, aber sie wusste bereits die Antwort - noch bevor sie McQueen's
finsteren Blick sah und seine gereizte Stimme hörte. "Nein, Vansen!" Etwas
milder gestimmt fügte er hinzu: "Ziehen Sie etwas 'Nettes' an, etwas 'Ziviles', Sie
wissen schon..."
"Etwas 'Nettes, sir?" fragte Paul wütend. "Sollen wir unsere besten
Klamotten tragen, damit man uns gleich darin beerdigen kann?"
Er fühlte sich von McQueen zum Narren gehalten.
Vanessa rutschte nervös auf ihrem Sitz hin und her, weil auch sie immer mehr das Gefühl
hatte, dass diese Mission anders war als die vorherigen, sogar sehr viel anders.
"Wang, lassen Sie Ihre Witze!" McQueen blickte ihn entnervt an.
"Warum müssen Sie immer alles so dramatisieren? Sie haben alle die beste
militärische Ausbildung durchlaufen, die es bei den Streitkräften gibt! Marines
benötigen keine Waffen oder sonstige Ausrüstung, sie sind selbst die einzige Waffe, die
sie brauchen! Außerdem erwarte ich nicht von Ihnen, dass Sie den Kampf mit 600 Kolonisten
aufnehmen, das würden Sie nicht mal schaffen, wenn Sie voll bewaffnet wären. Sie sollen
Hawkes lediglich bei den Verhandlungen friedlich unterstützen. Und ich wünsche
keine weitere Diskussion deswegen!" Er sah auf seine Uhr. "Okay, Uhrenvergleich!
Es ist augenblicklich 08.42! Achtung - Fertig -jetzt!" Ein synchrones Klicken der
Uhren folgte. "Und denken Sie daran, Sie haben nur bis maximal 18.00 Zeit, um Ihren
Auftrag auszuführen! Das ist alles."
Ruhe trat ein. McQueen hatte seinen Vortrag beendet und sah zur Tür. Die Wildcards
folgten seinem Blick. Drei Männer betraten den Raum, flankiert von zwei Wachen.
Cooper erkannte John, Stuart und Brian wieder. Marcus fehlte, also war er wohl derjenige,
der an Bord der Saratoga bleiben würde. Cooper nickte unmerklich. Etwas anderes hatte er
nicht erwartet: John musste auf jeden Fall mitkommen und Stuart würde Brian nicht allein
lassen. Tresko überblickte schnell den Raum: McQueen stand mit vor dem Körper
verschränkten Armen vor dem Bildschirm, auf dem Luftaufnahmen von der Kolonie zu sehen
waren und sah ihn ernst an. Da war auch Hawkes.
Er nickte ihm unmerklich zu und dieser nickte knapp zurück. Die Marines, die ihn auf
den Planeten begleiten würden, saßen auf den Plätzen und starrten ihn und die anderen
lnVitros an. In ihren Blicken las er Neugier, aber nicht die erwartete Verachtung und
Arroganz, die er sonst von Natürlichgeborenen gewohnt war. Doch nein, der eine Marine in
der ersten Reihe zeigte den ihm bekannten Ausdruck in den Augen - es war Mißtrauen.
Auf ihn musste er aufpassen, er könnte vielleicht Ärger machen
Nathan fühlte sich unbehaglich unter dem Blick, mit dem ihn der InVitro musterte. Er
hasste es, so taxiert und abgeschätzt zu werden. Er konnte es nicht verhindern, aber in
ihm stieg plötzlich eine Feindseligkeit gegen diesen Mann auf. Er wusste, es war
unlogisch, weil er doch gar nichts von ihm wusste, aber dieses Gefühl war nun einmal da
und er konnte es nicht unterdrücken. Nathan hielt seinem prüfenden Blick stand und
starrte demonstrativ zurück, bis der InVitro wegsah. Nathan überlegte, was er davon
halten sollte. Er hatte gemerkt, wie dieser lnVitro Hawkes zugenickt hatte, also mussten
sie sich in der Zwischenzeit getroffen und miteinander gesprochen haben.
Das war sehr merkwürdig...
Tresko atmete tief durch. Zum Glück blieb Marcus auf der Saratoga, er hätte mit seinem
nicht zu versteckenden Hass garantiert Streit angefangen und am Ende wären die Marines
tot gewesen, noch bevor der Mannschaftstransporter auf dem Planeten gelandet war. Nicht,
dass ihm das etwas ausgemacht hätte, aber er wollte wenigstes so tun, als ob er zu
Verhandlungen bereit war und nicht riskieren, im letzten Moment abgeschossen zu werden,
bevor sie alle außer Waffenreichweite und in Sicherheit waren. Eigentlich hatte Stuart
auf dem Schiff bleiben wollen, aber Marcus hatte sich förmlich darum gerissen, derjenige
zu sein, der blieb. Seine Argumentation war, wie erwartet, bei Stuart auf taube Ohren
gestoßen. Marcus hatte erklärt, dass er bereit zum Sterben war und wenn die Saratoga
zerstört werden musste, dann wollte er an Bord sein und kein anderer. Stuart hatte hatte
ihn fassungslos angeblickt, weil Marcus darum bettelte, zu sterben, aber John brauchte ihn
nur anzusehen, um zu wissen, dass er recht hatte. Denn, wenn sie schon einen von ihnen
opfern mussten, dann sollte dieser auch bereit dazu sein. Stuart war es nicht, er hatte
sich nur freiwillig gemeldet, weil er wusste, dass derjenige, der blieb, wahrscheinlich
nicht wiederkehren würde und er fühlte sich dazu verpflichtet, zu verhindern, dass ein
anderer starb, wenn er diesen Platz einnehmen konnte. Diese 'Logik' war wirklich nur
schwer nachvollziehbar, aber eben typisch Stuart! Oh, wie er dessen krankhaften
Beschützerinstinkt und sein Pflichtbewußtsein hasste!
Wenigstens stand schon von vornherein fest, dass er selbst auf jeden Fall auf den Planeten zurückkehren würde, denn er hatte keine Lust, auf dem Schiff zu sein, wenn es in paar Stunden durch gezielten Raketenbeschuß in tausend kleine Stücke zerrissen würde. Denn genau das würde nämlich passieren, auch wenn Stuart daran glaubte, dass trotz allem eine friedliche Einigung noch möglich war. Sicherlich hatte der Rat darüber zu entscheiden, aber er würde ihn schon dazu bringen, dass dessen Wille mit seinem übereinstimmte, immerhin war er ein ehemaliges Mitglied und hatte noch immer seine Leute dort sitzen. Tresko schaute erneut zu McQueen, wie er vor ihm stand: entschlossen und so von sich überzeugt - er erinnerte ihn mehr und mehr an einen Natürlichgeborenen. Er wusste, dass der Colonel dachte, dass die Anwesenheit von zwei lnVitros auf der Saratoga den Angriff verhindern würde. Es stimmte zwar, dass sie niemanden von den eigenen Leuten töteten, aber McQueen wusste nicht, dass es auch Ausnahmen gab, wie in seinem Fall Verrat und Zusammenarbeit mit Natürlichgeborenen' und bei Marcus' ehrenvoller Tod im Kampf für die Kolonie'.
Wenn der Colonel seinen Fehler erkannte, würde es bereits zu spät sein und dann bye bye McQueen, viel Spaß in den ewigen Jagdgründen... Tresko unterdrückte ein hämisches Grinsen. Cooper fühlte sich sehr unbehaglich und er bemerkte Shane's Seitenblick. Er wusste genau, was sie dachte, auch wenn sie es ihm gegenüber nicht zugeben würde. Er hatte doch nicht darum gebeten, diesen Job zu übernehmen, schließlich war es viel leichter, Befehle zu befolgen als sie zu geben. Er würde sicher einen Fehler machen und dieser konnte für sie tödlich sein. Wie hielt Shane diesen Druck nur aus? Die Mission hatte noch nicht einmal angefangen und es fiel ihm jetzt schon schwer, klar zu denken, wie sollte das erst auf dem Planeten werden? Die anderen würden wissen wollen, was zu tun sei, aber was sollte er ihnen sagen, wenn er es selbst nicht wusste? Bei Shane sah immer alles so leicht aus, sie wusste, was zu tun war, bei ihr gab es kein Zögern, keine Unsicherheit. Er erinnerte sich an das Gespräch mit McQueen, zu dem er gegangen war, nachdem er den Gefangenentrakt verlassen hatte. Er hatte Bericht erstattet und McQueen hatte daraufhin gezielt Fragen gestellt: nach dem Verhalten der InVitros, wie er sie einschätzte, ob man ihnen trauen konnte... Cooper hatte nicht alle Fragen zufriedenstellend beantworten können, aber aus McQueen's Verhalten hatte er geschlossen, dass er trotzdem eine Menge erfahren hatte.
Als der Colonel hörte, wie nah' er daran gewesen war, den InVitros alles über die
Ereignisse auf der McArthur zu erzählen, hatte er sehr besorgt ausgesehen und ihm
eindringlich eingeschärft, dieses Thema nie wieder in Gegenwart der InVitros anzusprechen
oder auf ihre Fragen zu antworten.
Zum Schluß gab er ihm noch einen fingernagelgroßen Sender, mit dem er im Fall des
Scheiterns der Verhandlungen ein Signal zur Saratoga schicken sollte, um Alarmbereitschaft
auszulösen. Er sollte ihn dicht am Körper tragen, damit er nicht entdeckt werden konnte.
Cooper hatte den Sender mit Unbehagen an sich genommen - noch ein Geheimnis, das die
anderen InVitros nicht wissen durften. Er durfte gar nicht daran denken, dass er alles
vermasseln konnte...
McQueen wandte sich an Tresko: "Ich habe meine Leute über alles informiert, ich
denke, wir sollten keine Zeit verlieren und den Abflug vorbereiten. 0900 geht es
los!"
Tresko nickte knapp. Er fragte sich, was für weitere Instruktionen McQueen seinen Leuten
wohl noch gegeben hatte, aber er bezweifelte ernsthaft, dass er ein doppeltes Spiel
spielte und einen geheimen Plan hatte. Nein, der Colonel war fest davon überzeugt, dass
seine kleine 'Delegation' etwas ändern könnte. Wenn er sich nicht in Handschellen,
umringt von Wachen, auf einem feindlichen Kriegsschiff befinden würde, hätte er laut
aufgelacht vor so viel Dummheit! Stattdessen versteckte er seine Emotionen hinter einem
unbewegten Gesichtsausdruck und tat so, als ob er mit allem einverstanden sei.
"Noch eine Frage, Colonel..."
"Ja, was ist denn, Tresko?"
"Wann werden wir die endlich los?" Er hob seine mit Handschellen umschlossenen
Handgelenke hoch.
"Erst, wenn Sie an Bord sind!"
",Das dachte ich mir schon..."
McQueen nickte kurz zu den Wachen, die InVitros wurden aus dem Raum geführt und zu dem
bereits bereit stehenden Mannschaftstransporter gebracht. Dann blickte der Colonel noch
einmal zu den Wildcards, sah jedes einzelne Gesicht prüfend an, als ob er sie sich
einprägen wollte. "Viel Glück 5-8! Weggetreten!"
Sie erhoben sich von ihren Plätzen und verließen eilig den Raum. Zeit war knapp und sie
mussten sich noch umziehen.
Punkt 09.00 startete der Mannschaftstransporter. Er hob von der Startplattform der Saratoga ab und setzte Kurs auf Eris III. Die Stimmung an Bord war gespannt, keiner sagte ein Wort. Die drei InVitros saßen im hinteren Teil des Transporters, die Wildcards in der Nähe der Flugkanzel.
Cooper wurde das Schweigen unerträglich. Mussten sie denn nicht bereits in der Nähe der Planetenatmosphäre sein? Er warf einen Blick aus dem Fenster. Alles dunkel. Er versuchte, ruhig zu bleiben und zu überlegen, was zu tun sei, wenn sie auf dem Planeten gelandet waren. Ihm fiel nichts konkretes ein, ihn erfasste Panik. Er sah zu Shane, die ihm gegenüber neben West saß. Vielleicht konnte sie ihm helfen. Doch ihr emotionsloser Ausdruck, der auf ihrem Gesicht lag, hielt ihn davon ab. Es war sowieso eine dumme Idee, er konnte sich nicht erinnern, dass Shane schon einmal einen von ihnen gefragt hätte, was sie tun sollte, als Truppführer musste sie das ganz allein entscheiden, eine Abstimmung war nicht üblich.
Cooper rieb nervös seine Handflächen gegeneinander, sie waren eiskalt. Dieser Einsatz
war schlimmer als die vielen anderen zuvor. Da hatte er wenigstens gewusst, was zu tun
war: Auf alles feuern, was sich bewegte und nicht menschlich war. Aber jetzt hatte er
keine Waffe und keinen direkten Feind, auf den er zielen konnte. Er blickte zu den
InVitros. Gehörten sie zum Feind?
John und Stuart schauten erwartungsvoll zu ihm herüber, als wollten sie ihn damit
auffordern, zu ihnen zu gehen. Brian zeigte die Andeutung eines Lächelns.
Nathan entging dieser Blickkontakt nicht, er runzelte nachdenklich die Stim.
Da räusperte sich Vanessa und unterbrach das Schweigen. "Ich fühle mich so
'nackt ohne Kampfanzug und Waffen. Ihr auch?" fragte sie in die Runde.
Wang zwang sich ein Lächeln ab. "Also für mich siehst du überhaupt nicht
'nackt aus. Da fehlt doch noch einiges, oder Coop?" Er grinste und stieß
Hawkes mit der Schulter an. Dieser wandte langsam seinen Blick von den InVitros ab und
schaute zu Paul. "Äh ja, du hast sicher recht," sagte er zögernd.
Wang sah ihn irritiert an, doch bevor er einen weiteren Kommentar abgeben konnte, wurde er
abgelenkt. Grünes Licht strahlte durch das Fenster. Der Mannschaftstransporter trat in
die Atmosphäre von Eris III ein. Das Spiel der Farben war beeindruckend, gelb und grün
vermischten sich zu einem strudelförmigen Wirbel und bildeten seltsam anmutende
Wolkenformationen.
Stuart trat ans Fenster. "Ist es nicht wunderschön?" Es war mehr eine
Feststellung als eine Frage.
Auch auf den Gesichtern von Brian und John lag ein Ausdruck von Ehrfurcht und Stolz. Es
war ihre Welt, ihre Heimat - etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnte.
"Es ist nun Zeit, den Piloten die genauen Koordinaten für den Landeanflug zu
geben," sagte John und sah dabei zu Cooper. Dieser schaute ihn für einen kurzen
Augenblick verständnislos an und warf dann schnell einen fragenden Blick zu Shane. Dann
begriff er und gab John mit einem Nicken sein Einverständnis. Tresko begab sich zur
Flugkanzel. Cooper senkte den Kopf, damit keiner sah, wie sehr er sich ärgerte.
Verdammt, wieso war er so überrascht gewesen, dass John ihn um Erlaubnis bat? Er hatte
schließlich auf dieser Mission das Sagen und nicht Shane. Seine Hände ballten sich zu
Fäusten, als er versuchte, sich zu beruhigen. Der Transporter sank tiefer und tauchte
durch die Atmosphäre. Plötzlich riß die Wolkendecke auf und gab den Blick auf die
Planetenoberfläche frei. Man sah Felsenschluchten, steile Canyons, die sich tief in die
Landschaft eingegraben hatten. Die Felsformationen wechselten sich mit blauen
Wasserflächen ab, die umgeben waren vom zarten Grün der Vegetation. Der Landeanflug
begann und die Wildcards starrten gebannt aus dem Fenster. Der Transporter steuerte auf
einen der Canyons zu, aber mit bloßem Auge waren keine Anzeichen einer Siedlung zu
erkennen. Das Geräusch der Triebwerke änderte sich, da die Geschwindigkeit verringert
und die Manöverdüsen ausgerichtet wurden. Sie befanden sich nun direkt über einem
riesigen Canyon, der mehrere Kilometer durchmaß. Langsam sanken sie tiefer, die
Felswände rückten näher an sie heran. Nun konnte man in den Wänden Öffnungen
erkennen, teils natürlichen, teils künstlichen Ursprungs. Der Transporter steuerte auf
eine besonders große Öffnung zu. Sie war gewaltig und diente dem Start und der Landung
von Schiffen. Ein Chigjäger verließ die Öffnung. Er flog ganz langsam, doch sobald er
einen genügend großen Abstand hinter sich gelassen hatte, drehte er seinen
projektilartigen Rumpf vertikal nach oben und schoß steil in den Himmel hinauf. Cooper
verfolgte seinen Flug, bis er aus seinem Blickfeld verschwunden war.
Spätestens jetzt wurde den Wildcards klar, dass dies kein Vergnügungsausflug war. Sie
begaben sich in die Höhle des Löwen.
Sie flogen nun direkt hinein. Als sie den Eingang passierten, sahen sie, dass sich links
und rechts schwere StahIschotten befanden, die man im Notfall schließen konnte, um das
Eindringen von Feinden zu verhindern. Oder, um sie nicht wieder herauszulassen, dachte
Nathan und runzelte erneut die Stirn. Er hatte mehr und mehr das Gefühl, dass der ganze
Planet eine Falle war und trotzdem dachte keiner von ihnen ans Umkehren.
Der Transporter bewegte sich nun mit minimaler Geschwindigkeit durch das Hangartor. Vor
ihnen erstreckte sich eine riesige Halle, die von diffusem Licht erleuchtet war.
Signallichter zeigten den Weg zum Landeplatz. Über einer rotmarkierten Plattform
verhielten sie kurz in der Schwebe, dann bewegten sie sich in die Tiefe.
Die darauffolgende Erschütterung zeigte an, dass sie gelandet waren.
John trat als erster an die Tür und öffnete die Luftschleuse. Er wandte sich an die
Wildcards.
"Worauf wartet ihr?" fragte er spöttisch. West's Antwort war ein finsterer
Blick, Vansen, Damphousse und Wang zeigten keinerlei Gefühlsregungen. Cooper ging voran
und trat aus dem Mannschaftstransporter. Draußen war es dunkel. Er bemerkte, dass die
Luft extrem trocken und kühl war. Ihn fröstelte und er versuchte, die Dunkelheit zu
durchdringen. Direkt vor ihm erstreckte sich ein Weg, welcher durch zwei Lichterketten
links und rechts auf dem Boden abgegrenzt war.
Mehr war nicht zu erkennen.
Cooper ging ein paar Schritte vorwärts und drehte sich dann zu John um, der hinter ihn
getreten war. "Endlich wieder zu Hause," sagte dieser wehmütig und klopfte
Hawkes ermutigend auf die Schulter. Zu Hause... Der Klang von John's Worten hallte in
Cooper nach. Er blickte sich erneut um, versuchte zu verstehen, was dieser Ort für
den InVitro bedeutete. Für ihn war die Saratoga sein erstes und einziges zu Hause, das er
jemals gehabt hatte. Aber es war ein Kriegsschiff und sie alle waren im Krieg. Hier
dagegen... ein Ort abseits der Schlachten und der Kämpfe.
Wie war das wohl, ein Leben zu führen, in dem man nicht verfolgt wurde oder wo man nicht ums Überleben kämpfen musste? Bisher hatte Cooper nichts anderes kennengelernt und ein friedliches Leben entzog sich seiner Vorstellungskraft. Letztendlich gab es keinen Ort, wo es Ruhe gab, selbst hier auf diesem Planeten, versteckt in der unendlichen Weite des Weltraumes, war der Krieg angekommen und hatte bereits seine ersten Opfer gefordert.
Coopers Körper straffte sich und er fühlte etwas Neues, etwas, was er nicht definieren konnte.
Dieser Ort schien dafür verantwortlich zu sein. Er würde dafür sorgen, dass er nicht zerstört wurde, das war er den InVitros, die hier lebten, schuldig. Deswegen war er hier, das war sein Ziel. Die anderen hatten nun auch den Mannschaftstransporter verlassen und sofort schloß sich die Außentür. Dann heulten die Triebwerke auf und die Maschine hob ab.
"Bitte folgen Sie mir!" forderte John die Wildcards auf und deutete in die vor ihnen liegende Dunkelheit. Er ging voran, die Marines folgten ihm, den Abschluß bildeten Stuart und Brian. Nathan bemerkte diese Reihenfolge - sie waren nichts weiter als Gefangene, die eskortiert wurden. Seine innere Anspannung wuchs weiter an. Schweigend liefen sie den Weg entlang, folgten den Lichtern auf dem Boden. Links und rechts neben dem Weg gähnte ein Abgrund. Das hier war nicht einfach nur eine Halle, es war ein mehrstöckiger Flugplatz.
Die Lichtintensität nahm zu, das Licht kam von unten. Vansen warf einen Blick nach links. Sie erstarrte plötzlich und blieb stehen. Dort unten, eine Ebene tiefer, standen Chigjäger, zehn, zwölf Stück, außerdem noch vier Bomber - und da waren Chigs! Instinktiv tastete Shane nach ihrer Waffe, sie griff ins Leere. Doch trotz McQueen's Anweisung war sie nicht unbewaffnet. In dem Halfter, das um ihre rechte Wade geschlungen war, steckte ihre 'Trumpfkarte'.
Die anderen Marines waren ebenfalls stehengeblieben und blickten hinunter zu den Chigs, welche auf dem unteren Deck beschäftigt hin und her liefen. Sie trugen keine Waffen - ein ungewohnter Anblick. Wahrscheinlich waren es Techniker. Zivilisten.
Einer von den Chigs sah zufällig nach oben und blickte zu John. Dann tat er etwas merkwürdiges: Er streckte beide Arme vor seinem Oberkörper aus, in Brusthöhe, spreizte dabei seine vier Finger zur Seite. John erwiderte den Gruß mit der gleichen Geste. Die Wildcards sahen fassungslos zu. Cooper war wie vor den Kopf geschlagen. Die Erinnerung an den Chig auf Tigris traf ihn mit voller Wucht. Dieser hatte genau dieselbe Bewegung ausgeführt, gerade, als er kurz davor war, ihn mit seinem Kampfmesser zu erledigen. Wie konnte das sein? Er hatte damals nicht weiter darüber nachgedacht, warum der Chig so gehandelt hatte, er verstand selbst nicht, was ihn davon abgehalten hatte, ihn zu töten...
Tresko tat so, als ob er die geschockten Blicke der Wildcards nicht gesehen hätte und ging weiter.
Die anderen folgten ihm zögernd. Der Weg schien endlos zu sein und verlief stur geradeaus. Wie aus dem Nichts tauchte auf einmal eine Wand vor ihnen auf. Tresko berührte eine Schalttafel, woraufhin ein Durchgang freigegeben wurde. Vor ihnen erstreckte sich ein enger Gang, in dem höchstens drei Mann nebeneinander Platz hatten. Nach der weiträumigen Halle wirkte dieser Ort doppelt so bedrückend und einengend.
Die Achteckform des Ganges erinnerte an die Gänge, die sie von der Strafkolonie Kazbek kannten. Paul fühlte Panik in sich aufsteigen. Vanessa bemerkte es und nahm beruhigend seine Hand in die ihre.
Die an der niedrigen Decke angebrachten Leuchtstäbe strahlten ein schwaches grünliches Licht ab. Zuerst gingen sie immer geradeaus. Ihnen begegnete niemand, sie schienen die einzigen hier zu sein. Links und rechts zweigten in bestimmten Abständen weitere Gänge ab. Shane warf einen Blick in die Seitengänge, aber diese waren ebenfalls von diesem undurchdringlichen grünen Licht erfüllt. Sie fragte sich, ob die Lichtintensität nicht mit Absicht so schwach eingestellt war, damit sie sich nicht orientieren und sich den Weg einprägen konnten.
Tresko bog nun nach links ab, wenig später ging er nach rechts, danach zweimal hintereinander
nach links. Nach einer Weile gab es Shane auf, sich die Reihenfolge der Abzweigungen zu merken. Das hier war ein Labyrinth und es gab sicher Hunderte von Gängen. Sie liefen nun schon seit über einer halben Stunde und es war immer noch kein Ende in Sicht.
Vielleicht hatte Tresko sie ein paarmal im Kreis geführt, um sie zu verwirren - das war schwer einzuschätzen, denn es gab absolut keine Anhaltspunkte, keine Markierungen, an denen man sich orientieren konnte. Nur eines war sicher - sie hatten sich bisher nur in horizontaler Richtung bewegt, also befanden sie sich noch auf derselben Ebene, überlegte Shane. Hier drin war es wie in einem riesigen Ameisenhügel und dieses Gängesystem war eigentlich ganz praktisch: Sollte hier ein Feind eindringen, so würde er ohne genauen Plan der Tunnel nicht weit kommen.
Außerdem müsste er sich in kleine Gruppen aufteilen, da die Gänge so eng waren. Dadurch war eine Verteidigung des Labyrinths auch mit wenigen Männern möglich.
Shane sah mißtrauisch zur Decke. Vielleicht konnte sogar Giftgas in die Gänge eingeleitet werden, das wäre natürlich die einfachste und schnellste Methode, unerwünschte Eindringlinge aufzuhalten. Sie schüttelte unmerklich den Kopf wegen ihrer Gedanken. Sie wurde langsam paranoid und das war denkbar ungünstig in ihrer Lage. Sie musste einen klaren Kopf bewahren und ruhig bleiben. Noch deutete nichts direkt darauf hin, dass man sie alle gleich hier umbringen wollte. John Tresko schien genau zu wissen, wo es lang ging, denn er zögerte an keiner Abzweigung. Zielstrebig führte er sie durch das Labyrinth. Cooper, der hinter Tresko ging, berührte ihn kurz an der Schulter, um ihn auf sich aufmerksam zu machen. "Wohin gehen wir?" fragte er.
"Wir sind bald da," lautete die knappe Antwort.
Cooper schwieg. Dieses Gelaufe erschöpfte ihn. Die fehlenden Stunden Schlaf in den letzten Tagen machten sich bemerkbar, außerdem begann seine Kopfwunde wieder zu schmerzen. Kurz bevor sie die Saratoga verlassen hatten, war er zwar vom Bordarzt noch einmal durchgecheckt worden und hatte ein paar Schmerzmittel injiziert bekommen, aber deren Wirkung war im Abklingen.
Sie liefen weiter. Gerade, als Shane die Geduld verlor und etwas sagen wollte, bogen sie nach links ab, in einen Gang, an dessen Ende sich ein Aufzug befand. Als Tresko auf etwa fünf Meter herangekommen war, blieb er wie an einer unsichtbaren Linie stehen. Aus einer kameraähnlichen Linse über der Aufzugstür kam auf einmal ein rötlicher Lichtblitz und er richtete sich direkt auf Treskos rechtes Auge. Der Laser scannte seine Netzhaut für ein paar Sekunden, verglich das Ergebnis mit gespeicherten Daten und erlosch. Zunächst geschah nichts. Dann war das sich langsam nähernde Geräusch eines Fahrstuhles zu hören, ein dumpfes Klicken der Mechanik und die Türen öffneten sich. Sie traten ein. Der Aufzug hatte Raum für mehr als zwanzig Mann, so dass sie alle bequem hineinpassten. Die Türen schlossen sich. Tresko drückte mehrere Tasten, auf denen Chigsymbole zu sehen waren. Er gab einen Code ein. Dann setzte sich der Aufzug in Bewegung und sank rasend schnell in die Tiefe. Shane hielt die Luft an, denn sie hatte ein sehr ungutes Gefühl im Magen. Sie zählte die Sekunden bis zum Anhalten des Aufzuges, um in etwa abschätzen zu können, wie weit sie sich nach unten bewegten, wie viele Ebenen sie hinter sich ließen.
76... 77... 78...
Als sie bei 136 angekommen war, hielt der Fahrstuhl mit einem Ruck an. Das war unglaublich. Sie mussten sich nun über 1000 m unter der Planetenoberfläche befinden, schätzte Shane. Sie schluckte, als sie daran dachte, dass sich über ihnen einige Millionen Tonnen Felsen auftürmten. Sie konnte körperlich fühlen, wie sie dieses Gewicht niederdrückte.
Vor ihnen lag wieder ein Gang, doch dieser war mehr als doppelt so breit und von grellem weißen Licht erleuchtet. Cooper sah auf die Uhr. Sie zeigte 10:23 an. Die Zeit verrann und sie hatten noch nicht einmal mit den Verhandlungen begonnen! Sie waren noch keinen Schritt weitergekommen, dachte er ärgerlich. Tresko hatte wieder die Führung übernommen und schwieg noch immer. Diesmal ging er nur eine kurze Strecke geradeaus, dann wandte er sich nach rechts. Ein Schott glitt zur Seite. Mit einer einladenden Geste deutete er in den dahinterliegenden Raum.
"Warten Sie hier bitte!" Seinem Tonfall war zu entnehmen, dass es keine
Bitte, sondern ein Befehl war.
Nathan entging dieser Unterschied nicht. "Und was dann?!" fragte er
provozierend.
John lächelte. "Nun, ich werde eine Ratsversammlung anberaumen lassen, die
gegenwärtige Lage erläutern und den Vorschlag unterbreiten, eine friedliche Einigung zu
erwägen."
"Wie lange wird das dauern?" fragte Cooper ruhig.
Tresko zuckte lässig mit den Schultern. "So lange, wie es eben dauert."
Nathan's Augen verdunkelten sich vor Zorn. Er trat schnell auf John zu und fixierte ihn
mit seinem Blick.
"Hören Sie zu, Tresko! Ich schlage vor, dass es nicht zu lange dauert, denn wir
haben nicht ewig Zeit. Außerdem liegt es doch wohl auch im Interesse der Kolonie,
dass die Verhandlungen rechtzeitig stattfinden!"
"Ach wirklich?" John war von Wests Wutausbruch nicht beeindruckt.
Nathan's Geduld war zu Ende, er ging zwei weitere Schritte auf Tresko zu. Shane wollte ihn
zurückhalten, doch Cooper kam ihr zuvor und trat Nathan in den Weg.
"West, wir werden tun, was er sagt und hier warten."
Nathan tat so, als ob er ihn nicht gehört hätte und starrte weiter zu John. Dann senkte
er den Blick und nickte langsam.
Tresko schien es zu amüsieren, dass Nathan dem Befehl eines InVitros nachgeben musste -
seinem und Coopers.
Die Wildcards betraten den Raum. Er enthielt nichts weiter als einen länglichen,
merkwürdig gebogenen Tisch und mehrere Stühle. Er sah einer Zelle sehr ähnlich.
"Ich schätze mal, wir kommen hier nicht von alleine raus, oder?" fragte Cooper.
John nickte.
Stuart zeigte einen unbeteiligten Gesichtsausdruck, aber Brian war anzusehen, wie
unbehaglich er sich fühlte. Er wich Coopers Blick aus. Konnte es sein, dass er
etwas wusste?
Dann schloss sich das Schott hinter ihnen und sie waren allein. Nathan drehte sich
augenblicklich zu Cooper um.
"Warum hast du das getan, Hawkes?! Willst du, dass wir in diesem elenden Loch
verrecken, oder was?! Die haben doch gar nicht vor, zu verhandeln, das ist doch
offensichtlich! Und außerdem..."
"Sie werden verhandeln," unterbrach ihn Cooper.
"Ach ja? Woher willst du das wissen?! Diese InVitros stecken mit den Chigs unter
einer Decke, schon allein deshalb kann man ihnen nicht trauen!" Nathan's Augen
funkelten.
"Wie kannst du das sagen, du kennst sie doch überhaupt nicht!" schrie ihn
Cooper an.
"Kennst du sie etwa?" fragte Nathan selbstsicher. Dann sah er Coopers
unruhigen Blick, der seinem auswich und ihm kam ein ungeheuerlicher Verdacht.
"Du weißt etwas," stellte er fest. "Rück schon damit heraus! Wir
haben ein Recht darauf, alles zu erfahren!"
Cooper schwieg und sah Nathan finster an. Er hatte schon lange nicht mehr so eine Wut
auf ihn gespürt, er hasste sich selbst dafür, dass er so fühlte und auch Nathan, weil
er ihm unterstellte... ja, was eigentlich? Dass er andere InVitros kennengelernt hatte,
die ihn akzeptierten und die ihn ohne zu zögern bei sich aufnehmen würden? Aber davon
konnte Nathan doch gar nichts wissen, er war schließlich nicht bei ihrem Gespräch im
Gefangenentrakt dabei gewesen. Cooper verstand nicht, warum Nathan so gereizt war und ihm
fiel nichts ein, was er gestehen sollte, er war sich keiner Schuld bewusst.
"Wir haben nur... geredet, das ist alles," sagte er stockend.
"Und was weiter?' fragte Nathan ungeduldig. Als keine Antwort kam, sah er
herausfordernd zu Vansen.
"Shane, sag' du ihm, dass es wichtig ist, dass wir alles erfahren."
Shane hafte die Arme vor dem Oberkörper verschränkt und war dem Wortwechsel gefolgt.
"Es bringt doch überhaupt nichts, wenn ihr euch hier gegenseitig angiftet! Ihr
benehmt euch wie kleine Jungs, es fehlt nur noch, dass ihr wieder anfangt, euch zu
prügeln!"
"Verdient hätte er es!" schnappte Cooper. "Er behandelt mich wie früher,
als wäre ich nur ein dummer, illoyaler Tank, dem man nicht trauen kann. Ich habe es
verdammt noch mal satt, mich dafür zu rechtfertigen, dass ich anders bin als ihr! Und
du..." Er ging drohend auf Nathan zu. "... du kannst mich nicht dafür
verantwortlich machen, was andere InVitros getan haben oder was sie tun werden! Weißt du,
an wen du mich erinnerst - an die Männer, die mich damals nach der Ermordung von
Chartwell verhörten, du bist nicht besser als sie! Und das nach allem, was wir gemeinsam
durchgemacht haben" Cooper wandte sich verletzt ab.
Dieser Vorwurf erzielte eine Wirkung auf Nathan. Seine Wut kühlte sich augenblicklich ab und er blickte betroffen zu Boden. Dann ging er auf Cooper zu und legte ihm von hinten die Hand auf die Schulter. "Es tut mir leid, Coop. Ich habe es nicht so gemeint... Es war nur die Anspannung und das Gefühl, von Feinden umgeben zu sein... Vergiß' einfach, was ich gesagt habe, okay?"
Cooper drehte sich zu Nathan um und sah ihn verwundert an, denn dessen plötzliche Entschuldigung überraschte ihn. Er war es nicht gewohnt, so schnell seine Stimmung zu wechseln und es kostete ihn viel Mühe, seine Aggressionen zu unterdrücken. Aus Mangel an Worten drehte er Nathan wieder den Rücken zu und schwieg beleidigt.
"Und was machen wir jetzt?" fragte Vanessa an Shane gewandt.
"Coop?" gab sie die Frage an Hawkes wieder. Dieser kämpfte noch immer mit
seinen Gefühlen und mit dem Drang, auf jemanden oder etwas einzuschlagen. Dann bemerkte
er die Blicke, die auf ihn gerichtet waren und begriff, dass sie von ihm wissen wollten,
was zu tun sei. Vor diesem Augenblick hatte er sich gefürchtet.
"Viele Möglichkeiten haben wir nicht gerade," sagte er ausweichend. "Ich denke, wir bleiben hier und warten ab, was diese Ratsversammlung entscheidet."
Seine Antwort schien die anderen nicht zu befriedigen. Hastig suchte er in Gedanken
nach Alternativen, aber außer der Anwendung von Gewalt fiel ihm nichts ein, was
ihre gegenwärtige Lage ändern könnte. Um überhaupt etwas zu sagen, beschloß er, auf
Nathan's Vorschlag zurückzukommen und von seinem Gespräch mit den InVitros zu erzählen.
Vielleicht fiel ihnen dann gemeinsam etwas ein, was sie tun konnten.
Nachdem er mit seinem Bericht fertig war, herrschte Schweigen.
"Das erklärt einiges..." sagte Shane. "Ihre Feindseligkeit gegenüber
uns... den Versuch, Cooper auf ihre Seite zu ziehen..."
"Dieser Tresko ist mir nicht geheuer," warf Nathan ein.
"Ja, mir geht es genauso," stimmte Paul zu. "Alle verbergen etwas, aber ihm
scheint es regelrecht Spaß zu machen, uns zu provozieren. Ihm sind die Verhandlungen
vollkommen egal."
"Hoffentlich ist sein Einfluss auf die Ratsversammlung nicht zu groß... Andernfalls
haben wir keine Chance, unseren Auftrag zu erfüllen." Alle schauten besorgt zu
Shane.
West überlegte. "Nachdem, was Tresko zu Cooper gesagt hat, wäre es vielleicht doch
besser, wenn diese Kolonie zerstört wird."
"Nathan, wie kannst du das sagen?!"
"Aber Shane! Tresko hat damit gedroht, die InVitros auf der Erde zu einem Aufstand
anzuzetteln, wenn nicht sogar zu einem Krieg gegen uns!"
"Sie haben ja auch allen Grund, sich zu wehren!" brummte Cooper.
Nathan sah ihn entschlossen an. "Du hast ja Recht und es tut mir genauso wie dir
leid, was man deinen Leuten angetan hat, aber erneute Gewalt ist keine Lösung! Und du
wirst doch auch nicht wollen, dass wir, wenn die Chigs besiegt sind - falls wir es
schaffen sollten - den nächsten Krieg haben, oder?"
Cooper schaute ihn drohend an. "Gewalt ist alles, was ihr uns gelehrt habt!"
"Warum sagst du 'ihr'? Es sind Leute wie die von Aerotech, die das getan haben -
nicht ich oder Paul oder Vanessa oder Shane! Du hast doch selbst gesagt, dass Aerotech die
Experimente an Tresko durchgeführt hat!"
"Du hast auch einmal für Aerotech gearbeitet!"
"Aber ich hatte doch keine Ahnung! Woher sollte ich denn von deren geheimen
Forschungen wissen?!" Doch Cooper war nicht für logische Argumente empfänglich und
wollte widersprechen, als ihn Vansen am Arm packte und zur anderen Seite des Raumes zog,
um ungestört mit ihm zu reden.
Cooper folgte ihr unwillig und riss sich aus ihrem Griff los. Bevor er ihr seine
Meinung sagen konnte, begann Shane mit ihrer Zurechtweisung.
"Coop, was soll das?!" zischte sie ihn an. "Diese Streiterei ist völlig
destruktiv und untergräbt die Moral der Einheit! Du bist der kommandierende
Offizier!"
"Ich habe nicht darum gebeten!" Cooper starrte sie finster an.
"Und wenn schon, Hawkes!" Shane hatte wütend ihre Arme in die Seite gestemmt
und starrte zurück. "McQueen hat es so angeordnet, also hast du dementsprechend zu
handeln!"
"Und wie wäre das?" fragte Cooper herausfordernd.
"Bleibe einfach ruhig, denke objektiv und nimm nicht alles so persönlich! Du darfst
dich nicht immer ablenken lassen, sondern musst einen klaren Kopf behalten, egal, was
passiert!"
Coopers Blick richtete sich nach innen, als er ihren Vorschlag überdachte. Dann gab
er nach, seine Schultern sackten nach unten.
"Ja, ich weiß," sagte er leise. "Aber es ist wirklich verdammt schwer und
ich bin nun mal nicht so wie du oder wie McQueen. Am liebsten würde ich das Kommando
vollständig an dich übertragen. Das wäre doch möglich, oder?" fragte er
hoffnungsvoll.
Shane tat so als überlegte sie, obwohl sie die Antwort bereits wusste. "Ja, das
könntest du theoretisch... aber so wie ich das sehe, liegt bis jetzt kein Grund dafür
vor. Außerdem hat dich McQueen bewusst für diese Aufgabe ausgesucht und er hat sich doch
noch nie geirrt, oder?"
Cooper schüttelte den Kopf.
"Okay, du vertraust McQueen und der Richtigkeit seiner Befehle?" fragte Shane.
"Ja ."
"Dann verstehe ich nicht, warum du das Kommando abtreten willst! Du weißt, dass du
die richtige Wahl bist..."
Cooper nickte zögernd.
"... McQueen vertraut dir und wir vertrauen dir auch..." Erneutes Nicken.
"...also warum vertraust du dir dann nicht selbst?!"
Cooper fühlte sich von Shane's Argumentation überrumpelt und fragte sich erstaunt, warum
er nicht schon von allein darauf gekommen war. Sein Gesicht hellte sich auf.
"Du hast Recht, Shane!" stimmte er enthusiastisch zu und sah sie fast dankbar
an. Dann drehte er sich abrupt um und ging wieder zu den anderen Wildcards. Shane atmete
erleichtert auf und beglückwünschte sich im Stillen für ihren Erfolg bei dem Versuch,
Cooper auf den richtigen Weg zu bringen.
In der Zwischenzeit war Cooper auf West zugetreten und streckte ihm seine rechte Hand
zur Versöhnung entgegen.
"Ich äh... werde ab jetzt nicht mehr alles persönlich nehmen und nicht mehr mit dir
streiten..." sagte er zögernd. Nathan sah zuerst erstaunt zu ihm, danach zu Shane
und lächelte dann.
"Okay, ich weiß das zu schätzen, Cooper. Sind wir wieder Freunde?"
"Freunde," bestätigte Cooper und sah ihn erleichtert an. Auf einmal fühlte er
sich viel besser und war bereit für das, was kommen würde.
Nach 3 ½ Stunden kehrte John Tresko zurück. Allein. Er sah ernst, fast zerknirscht
aus. Scheint so, als ob das Treffen mit dem Rat nicht so gelaufen war, wie er es sich
vorgestellt hat, dachte Nathan mit Genugtuung.
"Du kommst mit mir!" sagte Tresko zu Cooper und wandte sich gleich zum Gehen.
"Was, nur er allein?" fragte Shane erstaunt.
"Ja, so lautet die Anordnung des Rates!"
"Wenn er geht, gehen wir auch!" erwiderte Nathan.
"Die Meinung eines Natürlichgeborenen interessiert mich herzlich wenig." John
lächelte ihn kalt an.
"Wir bleiben zusammen!" sagte Paul bestimmt.
"Immer treu." Damphousse war an seine Seite getreten und sah Tresko bei ihren
Worten fest entschlossen an.
"Was soll das nun wieder heißen?" fragte John irritiert. Dann lächelte er
höhnisch. "Ah, ich verstehe. Das gehört wohl zu eurem Ehrenkodex... wir haben hier
auch so etwas ähnliches, aber das tut jetzt nichts zur Sache."
Er sah die Entschlossenheit in den Gesichtern der Wildcards, seufzte theatralisch und
blickte zu Cooper, der bisher geschwiegen hatte.
"Willst du auch, dass sie mit dir kommen?" fragte er ernst.
"Habe ich denn eine Wahl?"
"Du bist ein InVitro. Du gehörst zu uns, deshalb wird der Rat deine Entscheidung
akzeptieren," erwiderte Tresko.
Cooper dachte kurz nach und nickte dann. "Wir werden gemeinsam gehen."
John war anzusehen, dass er diese Antwort bereits erwartet hatte. "Los, gehen wir!'
forderte er die Wildcards auf. Sie verließen den Raum und traten wieder in den hell
erleuchteten Gang. Links von ihnen befand sich der Aufzug, mit dem sie gekommen waren. Sie
gingen nach rechts. Nach mehreren Abzweigungen in verschiedene Richtungen standen sie
erneut vor einer Aufzugstür. Diesmal erfolgte kein Netzhautscan und zu Shane's Erstaunen
führte die Fahrt nach unten. Sie hatte angenommen, dass sie sich bereits auf der
untersten Ebene befanden. Wieder zählte sie die Sekunden bis zum nächsten Halt - sie kam
bis 24.
Es war jetzt 14:37.
Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich, aber zu keinem Gang, sondern zu einer dunklen
Halle, in die sie nun von Tresko geführt wurden. Der Raum musste riesig sein, nach dem
Hall ihrer Schritte zu urteilen. Sie alle fühlten sich unwohl, weil sie in der Dunkelheit
so gut wie gar nichts sehen konnten und das war sicher auch der Zweck dieses
unheimlichen Ortes, dachte Nathan.
"Das ist wie in einer Freakshow," flüsterte Paul Vanessa ins Ohr. "Ich
warte regelrecht darauf, dass uns gleich ein Monster aus der Dunkelheit anspringt."
Damphousse lächelte zaghaft. Sie wusste, dass es Paul's Art war, mit witzigen
Bemerkungen seine Anspannung und Angst zu überspielen. Trotzdem war sie ihm dankbar, dass
er versuchte, sie etwas aufzuheitern. Dann konzentrierte sie sich wieder auf die
Dunkelheit, die sie umgab. Ihre Schritte hallten dumpf auf dem Boden, während sie die
Halle durchquerten. Auf einmal blieb Tresko stehen und kurz darauf erstrahlte vor ihnen
ein scheinwerferartiges Licht, so dass sie für einen Augenblick geblendet wurden. Cooper
kniff die Augen zusammen.
"Was soll das?" fragte er ärgerlich. Tresko antwortete ihm nicht, sondern stand
einfach nur vor ihm, als ob er auf etwas warten würde.
Coopers Augen gewöhnten sich langsam an das grelle Licht, so dass er vor ihnen eine
erhöhte Plattform erkennen konnte, auf der sich eine Art Tisch befand. An ihm saßen
fünf Personen der Rat. Aufgrund des Lichtes sah er nicht mehr als deren Umrisse.
Er runzelte die Stirn - der Mann, der ganz rechts außen saß, sah irgendwie merkwürdig
aus, etwas stimmte mit seinen Umrissen nicht.
Shane erkannte als erste, was es war. "Ein Chig!" zischte sie leise. Tresko
drehte sich hastig zu ihr um.
"Sie hassen es, wenn ihr sie so nennt, also vermeidet diese Beleidigung - dann lebt
ihr vielleicht länger!" erklärte er wütend. Danach drehte er sich wieder
zur Plattform und begrüßte den Rat mit der Geste, die sie bereits auf dem Flugfeld
gesehen hatten. Zu Shane's Erschrecken ahmte Cooper den Gruß nach. Die Ratsmitglieder,
die bis jetzt bewegungslos dagesessen hatten, reagierten darauf, doch noch immer sprach
keiner von ihnen ein Wort.
Cooper trat neben Tresko. "Und was nun?" fragte er ungeduldig.
"Warte es ab. Sie werden die Fragen stellen. Die Fakten wissen sie bereits, nun
wollen sie sich vergewissern, ob ihr es ernst meint."
Cooper schluckte krampfhaft. Nun schien alles von ihm abzuhängen und er fürchtete sich
vor den Fragen, die sie stellen würden. Was, wenn er sie nicht beantworten konnte oder
wenn ihm, wie so oft, nicht die richtigen Worte einfielen? Das Gewicht der Verantwortung
lastete schwer auf ihm. Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als eines der
Ratsmitglieder das Wort an ihn richtete.
"Warum seid ihr hier?"
"Wir wollen Frieden schließen," erklärte Cooper leicht irritiert wegen dieser
für ihn überflüssigen Frage. Doch er hatte nicht viel Zeit, weiter darüber
nachzudenken, denn es folgte bereits die nächste Frage.
"Warum?"
"Nun.. wir sind nicht eure Feinde."
"Aber auch nicht unsere Freunde," erwiderte eine andere Stimme.
"Du hast die Natürlichgeborenen entgegen unserer Anordnung mitgebracht
warum?"
Cooper drehte seinen Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Seine Gedanken
überschlugen sich panisch und sein Herz begann zu rasen.
"Sie sind meine Freunde" sagte er stockend.
"Warum?" Eine einfache Frage, klar und deutlich. Aber Cooper fiel die
Beantwortung schwer. Er erinnerte sich an das, was Shane gesagt hatte und wusste die
Antwort. "Ich... weil... Ich vertraue ihnen."
"Warum?" Immer dieselbe Stimme, der gleiche Tonfall.
"Was... was hat das mit den Verhandlungen zu tun?" fragte Cooper verwirrt.
"Wir stellen hier die Fragen, du hast nur zu antworten!"
"Aber... ich verstehe einfach nicht, was das soll, diese Frage ist doch völlig
unwichtig und..."
"Es ist die wichtigste Frage überhaupt!" unterbrach ihn eine wütende Stimme -
weiblich, sie kam von links.
Cooper schwenkte seinen Kopf in diese Richtung. Shane sah seine wachsende Unsicherheit und
wollte ihm helfen, aber Nathan legte ihr die Hand auf die Schulter, bevor sie etwas sagen
konnte und schüttelte den Kopf.
Die Stimme sprach weiter. "Wenn wir verstehen, warum du ihnen vertraust, dann sind
wir vielleicht in der Lage, eurem Angebot zu trauen!"
"Woher sollen wir wissen, dass ihr nicht von Aerotech geschickt wurdet, um die
Kolonie zu zerstören?" fragte eine Stimme von rechts.
"Wir gehören nicht zu ihnen," erklärte Cooper mit Nachdruck. "Was hat
Aerotech mit dem hier zu tun?"
Sekundenlanges Schweigen folgte, währenddessen er ungeduldig auf eine Antwort wartete.
"Uns liegen Informationen vor, dass Aerotech ein oder mehrere Schiffe in diesen
Sektor hinbeordert hat - ihr Ziel ist Eris IIl!" sagte eines der Ratsmitglieder.
Die Wildcards warfen sich erstaunte Blicke zu.
"Davon hat McQueen kein Wort erwähnt," flüsterte Nathan Shane zu. Seine Stimme
klang besorgt.
"Ich... wir wussten nichts," verteidigte sich Cooper hastig. "Die
Saratoga flog zum Eridanussystem, um unsere dort stationierten Truppen zu
unterstützen."
"Wir glauben dir, aber es besteht die Möglichkeit, dass man euch über euren Zielort
falsch informiert hat."
"Unser Commodore würde uns nie anlügen," erklärte Cooper wütend.
"Das kannst du nicht beweisen," warf eine andere Stimme ein.
Cooper wollte auffahren, atmete dann aber tief durch, um die Kontrolle über seine
aufgewühlten Gefühle zu behalten. Er rief sich Shane's Worte ins Gedächtnis:
ruhig bleiben... einen klaren Kopf bewahren...
"Nein," stimmte er ruhig zu. "Es sieht so aus, als ob die ganze Fragerei
völlig sinnlos ist, da wir euch nicht zeigen können, dass es uns mit dem Frieden ernst
ist... Ich kann euer Mißtrauen verstehen, es ist für euch lebensnotwendig - aber jetzt,
zu diesem Zeitpunkt, bringt es absolut nichts. Tresko hat mir einmal gesagt, dass es die
größte Schwäche der InVitros wäre, dass sie so mißtrauisch sind, unfähig, sich mit
etwas anderem außer sich selbst zu beschäftigen... Ich denke, er hatte recht...
Vertrauen könnte die Kolonie retten."
"Die Zerstörung der Saratoga ebenso!' lautete die gnadenlose Antwort.
"Vielleicht würdet ihr es sogar schaffen," gab Cooper freimütig zu. "Aber
zu welchem Preis? Eure Flotte würde bei dem Angriff fast völlig ausgelöscht werden und
nach uns werden weitere Schiffe kommen, um die Saratoga zu suchen, wenn sie nicht
zum Treffpunkt erscheint. Wenn sie dann nur noch Trümmerteile vorfinden, wird es keine
weiteren Verhandlungen mehr geben... Alles wird zerstört werden - und das ist dann das
Aus für die Kolonie!"
Cooper schwieg erschöpft. Er konnte sich nicht erinnern, jemals eine so lange Rede
gehalten zu haben. Aber er wollte mehr als alles andere, dass die Kolonie nicht
angegriffen wurde und dafür musste er den Rat überzeugen. Obwohl es ihm nicht bewusst
war, hatte der Schutz der Saratoga in seinem Denken nicht mehr oberste Priorität. Der Rat
musste es doch einsehen, dass es keinen anderen Weg gab. Cooper unterdrückte den Impuls,
auf die Uhr zu schauen, um festzustellen, wieviel Zeit ihnen noch blieb, bevor die
Entscheidung nicht mehr in seiner Hand lag. Ihm kam es so vor, als ob alles von der
nächsten Antwort abhängen würde. Als er sie dann hörte, konnte er es kaum fassen.
"Wir sind zu demselben Ergebnis gekommen und sind bereit, einen vorläufigen Frieden
zu schließen. Unsere Flotte wird die Saratoga nicht angreifen, aber sich bereithalten,
falls wir uns in euch geirrt haben sollten."
Nathan atmete hörbar aus vor Erleichterung. Er hatte nicht geglaubt, dass der Rat
darauf eingehen würde. Den anderen Wildcards ging es genauso. Cooper brauchte etwas
länger, um zu begreifen, dass er es wirklich geschafft hatte. Doch dann runzelte er die
Stirn. War die Entscheidung des Rates schon vor oder erst während des Gespräches
gefallen? Machte es überhaupt einen Unterschied?
"Wie können wir uns mit der Saratoga in Verbindung setzen, um sie über alles zu
informieren?" wollte er wissen.
"Wir werden das erledigen," lautete die knappe Antwort.
"Was sind die genauen Bedingungen für den Frieden?" fragte Cooper.
"Ihr beordert die Hammerheadstaffeln zurück, die den Planeten umkreisen und
deaktiviert eure Waffensysteme. Bevor die Saratoga den Orbit von Eris III verlässt, um
weder zum Eridanus-System zu fliegen, werden alle Logbucheintragungen und andere
Aufzeichnungen, die Hinweise auf die Kolonie enthalten, gelöscht. Für die Mannschaft
soll der Angriff unserer Flotte nichts weiter gewesen sein, als eine gewöhnliche
Chigattacke, bei dem fast alle Schiffe zerstört wurden und sich der Rest zurückgezogen
hat ohne wiederzukehren. Da keine Gefahr mehr bestand, ist die Saratoga weitergeflogen.
Das soll die offizielle Version der Ereignisse sein! Weiterhin soll Marcus Cole, der sich
im Augenblick auf der Saratoga befindet, freigelassen und zurück in die Kolonie gebracht
werden. Das ist alles. Wir werden die Bedingungen zusammen mit der Friedensbotschaft an
die Saratoga senden."
Cooper nickte. "McQueen sagte bereits, dass Sie das fordern würden. Es ist alles mit
dem Commodore abgesprochen, es wird also keine Schwierigkeiten deswegen geben. Wann genau
können wir zu unserem Schiff zurückkehren?"
"Dem steht nichts im Weg, aber es wird einige Zeit dauern, bis alles geregelt und der
Frieden offiziell besiegelt ist. Bis dahin sollen Sie unsere Gastfreundschaft genießen -
sozusagen als Entschädigung für den Aufenthalt in unserem Überwachungsraum. Sie
verstehen sicher, dass es notwendig war. Tresko wird für alles sorgen."
Es schien alles gesagt worden zu sein. Die Ratsmitglieder erhoben sich einer nach dem anderen und verließen die Plattform. Das Licht erlosch und sie befanden sich wieder im Dunkeln. Dann wurde es im Raum langsam aber merklich heller und nun sahen sie, wie groß die Halle wirklich war.
Nathan sah nach oben und erkannte, dass es gar keine Halle, sondern eine Höhle war. Die Felsdecke erhob sich etwa zwanzig Meter über ihnen. Wie war das nur möglich, dass so tief unter der Erde ein so großer leerer Raum existieren konnte, ohne einzustürzen? fragte er sich unwillkürlich. Nathan ließ seinen Blick schweifen. Das hier musste so etwas wie der Versammlungsort der Kolonisten sein, die Höhle konnte sogar mehr als 600 Leute aufnehmen. Links und rechts neben dem Mittelgang, in dem sie standen und der zum Podium führte, befanden sich Bänke. Das alles erinnerte ihn an den Innenraum einer Kirche. Der Aufzug, mit dem sie gekommen waren, lag am anderen Ende des Ganges, aber es gab weitere Aufzüge an den Seiten der Höhle.
Die Wildcards folgten Tresko, wobei sie sich verwundert weiter umschauten. Keiner von
ihnen hatte jemals etwas ähnlich beeindruckendes und gewaltiges gesehen.
Cooper sah auf die Uhr: 15:32. Das war wirklich knapp gewesen. Eigentlich sollte er sich
jetzt entspannen können, genau wie die anderen, aber irgend etwas hinderte ihn daran. Es
war, als ob er in seinem Innersten darauf wartete, dass noch etwas passieren würde - ein
sehr beunruhigendes Gefühl.
Sie fuhren nach oben. Shane schätzte, dass sie sich nun wieder an der Planetenoberfläche befanden. Als sich diesmal die Türen öffneten, waren sie überrascht von der Geschäftigkeit, die auf dieser Ebene herrschte. Der Gang war voller Menschen. Nathan schaute sich mißtrauisch um, konnte aber keinen Chig entdecken. Die Kolonisten musterten die Fremden mit unverhohlener Neugier. Anscheinend wussten sie sehr genau, wer sie waren. Den Wildcards entgingen auch nicht die feindseligen Blicke, die man ihnen zuwarf und die sich in ihre Rücken brannten.
Tresko bog in einen kleinen Seitengang ein, wo es sehr viel ruhiger war. Er legte seine Hand auf eine Art Türschloß, an der Wand und trat durch den Eingang, der daraufhin freigegeben wurde. Sie kamen in einen Vorraum, auf den ein größerer, möblierter Raum folgte. Nathan hätte schwören können, dass es ein Wohnzimmer war. Es war so ziemlich das letzte, was er an diesem Ort erwartet hätte.
Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein breites Panoramafenster, durch
welches das Licht der untergehenden Sonne fiel. Es tauchte den Raum in eine rötliche
Farbe. Vor dem Fenster standen zwei Männer und eine junge Frau, die in Gedanken versunken
hinaus auf die Landschaft der Canyons starrte. Alle drei hatten ihnen den Rücken
zugewandt. Cooper erkannte Stuart und Brian wieder.
"Sie sind da." sagte Stuart, der ihre Anwesenheit als erster bemerkt hatte. Die
Frau drehte sich erwartungsvoll um, wobei das lange Haar, das ihr über die Schultern
fiel, sachte mitschwang. Ihr Blick streifte kurz die Wildcards und blieb dann an Tresko
hängen. Sofort breitete sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht aus.
"John!" rief sie erstaunt, erfreut und erleichtert zugleich.
Sie lief auf ihn zu.
"Du bist wieder da!" Es war, als ob sie es nicht glauben konnte.
"Ich sagte doch, dass ich wiederkommen würde, Deanna!" erwiderte Tresko. Er
nahm sie in die Arme und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. "Wie ich sehe,
haben dich Stu und Brian gleich nach unserer Ankunft aufgesucht."
"Ich habe nie wirklich daran gezweifelt, dass du es schaffen würdest, John."
Deanna strich ihm mit der Hand eine Strähne seines dunklen Haares aus der Stirn und
blinzelte eine Träne aus den Augenwinkeln weg. Dann fiel ihr Blick wieder auf die
Wildcards, die abwartend da standen. Sie straffte sich.
"Wen hast du da mitgebracht, John? Sind das die Natürlichgeborenen, von denen Stu
erzählt hat?" erwiderte Tresko, sichtlich unwohl. "Sie sind für eine Weile
unsere Gäste."
"Ich verstehe... der Rat wollte es so." stellte sie sachlich fest. Tresko
nickte.
"In Ordnung," sagte Deanna leise. Dann drehte sie sich zu den Wildcards um.
"Herzlich willkommen in unserem Heim. Es ist nicht so komfortabel, wie Sie es auf der
Erde gewöhnt sind, aber ich hoffe, Sie werden sich trotzdem bei uns wohl fühlen."
Shane lächelte. "Sie brauchen nicht so förmlich zu sein. Nennen Sie mich Shane und
das sind Nathan, Vanessa, Paul und Cooper." Sie deutete nacheinander auf die
genannten, wobei Deanna jedem freundlich zunickte.
Shane trat auf das Fenster zu und blickte hinaus. "Ich finde es sehr schön hier," sagte sie. "Viel besser als die engen Quartiere auf der Saratoga und die Aussicht ist einfach wundervoll," fügte sie hinzu. Es wäre grauenvoll, wenn das alles zerstört werden würde, dachte sie wehmütig.
Deanna lächelte scheu wegen dem Kompliment und besann sich dann auf die Regeln der
Gastfreundschaft. "Haben Sie Hunger, kann ich Ihnen etwas anbieten?" fragte sie
in die Runde.
"Also ich habe einen Bärenhunger," gab Paul zu. Vanessa stieß ihm mit dem
Ellbogen in die Seite. Wang warf ihr daraufhin einen ärgerlichen Blick zu. "Was
denn?! Sie hat doch gefragt, oder?" verteidigte er sich leise.
Deanna bekam natürlich ihre kleine Streiterei mit. "Es ist mehr als genug für
alle da," versicherte sie lachend. "Ich hoffe, Sie mögen vegetarisches Essen,
aber wir leben hier hauptsächlich von dem, was unsere künstlichen Gärten
abwerfen."
Pauls Augen weiteten sich daraufhin. "Sie meinen, Sie haben richtiges Gemüse und
Obst, frisch und nicht gefriergetrocknet?" Deanna nickte leicht irritiert wegen
dieser merkwürdigen Frage.
"Auf der Saratoga ist so etwas eine Seltenheit," erklärte ihr Paul. "Für
ein paar frische Gurken oder Tomaten würde ich alles geben!"
"Na, dann werde ich mich am besten gleich darum kümmern," sagte Deanna
lächelnd.
"Wo ist eigentlich Sarah?" fragte John plötzlich und schaute sich um.
"Oh, sie ist nebenan und spielt," antwortete seine Frau. "Ich werde sie
gleich holen, sie wird sich freuen."
Mit diesen Worten verschwand sie durch die Tür und kam gleich darauf mit ihrer Tochter
auf dem Arm zurück. Sie war etwa vier Jahre alt und sie hatte das gleiche lange
Haar wie ihre Mutter. Sie sah neugierig zu den Wildcards, dann zu John. Deanna ließ sie
herunter und sie lief so schnell, wie sie mit ihren kleinen Beinen laufen konnte, auf
ihren Vater zu. "Daddy, Daddy!" rief sie.
"Komm' her, mein Schatz!" John kniete sich hin und breitete die Arme aus, gerade
rechtzeitig, um sie in Empfang zu nehmen. Er nahm sie hoch und wirbelte mit ihr ein
paarmal im Kreis herum, was sie gern zu haben schien, denn sie jauchzte vor Freude auf.
Nathan musste nun auch lächeln. Er war überrascht, dass Tresko Familie hatte, als Vater hatte er ihn sich nicht vorstellen können. Es fiel ihm immer schwerer, Feindseligkeit ihm gegenüber zu empfinden. John ließ Sarah herunter und nahm sie an die eine Hand, mit der anderen deutete er auf die Sitzgelegenheiten, die um einen Tisch in der Mitte des Raumes plaziert waren. Nathan, Shane, Vanessa und Paul setzten sich.
Nur Cooper stand noch immer und starrte Sarah fasziniert an. Sie war so... klein.
Er hatte in seinem bisherigen Leben bereits Kinder gesehen, aber so nah wie jetzt war er
noch keinem gewesen. InVitros mit Kindern waren auf der Erde eine Seltenheit, sie wurden
geduldet, mehr aber auch nicht.
Die Natürlichgeborenen sahen es nicht gern, wenn sich die von ihnen geschaffenen Menschen unkontrolliert vermehrten, aber der wahre Grund war wohl, dass sie dadurch menschlicher erschienen und das wiederum entsprach nicht dem Bild von InVitros als Menschen zweiter Klasse, die nur zum Arbeiten und Dienen da waren. Früher, als Cooper noch in der lnVitro-Anstalt gewesen war, hatte er geglaubt, dass alle Menschen so wie er auf die Welt kamen - vollständig ausgewachsen und bei vollem Bewusstsein. Erst später war ihm klargeworden, was "natürlich geboren" wirklich bedeutete und wie groß die Kluft zwischen den Natürlichgeborenen und Tanks wie ihm wirklich war. An das alles dachte er, als er Sarah anblickte.
Sie bemerkte seinen Blick und ging neugierig auf ihn zu. Cooper war irritiert, dass sie
sich so furchtlos und zielstrebig auf ihn zubewegte. Er wollte am liebsten zurückweichen,
blieb dann aber stehen und schaute auf Sarah herab, die nun bei ihm angekommen war. Auf
einmal streckte sie beide Arme zu ihm nach oben. Cooper stand hilflos da, unschlüssig,
was er tun sollte. Er sah zu Sarah, dann fragend zu John. "Äh... was soll das?"
John lächelte. "Sie will, dass du sie auf den Arm nimmst. Das ist so eine
Angewohnheit von ihr, immer will sie herumgetragen werden - und das in ihrem Alter. Aber
das macht sie nur bei Leuten, die sie kennt oder die sie mag," fügte er lächelnd
hinzu.
Cooper schluckte, er überlegte, wie man wohl ein Kind hochnimmt. Er dachte daran, wie
Deanna sie gehalten hatte und tat es einfach nach. Sarah war schwerer, als er erwartet
hatte, so dass er sie auf dem Arm ausbalancieren musste, damit sie ihm nicht herunterfiel.
Sie legte ihren kleinen Arm um seinen Hals, um sich festzuhalten und lächelte ihn an.
Cooper entspannte sich ein wenig. Er war aber immer noch unsicher, was das Mädchen nun
von ihm erwartete - einfach nur auf dem Arm gehalten zu werden - Wozu und vor allem wie
lange? fragte er sich besorgt. Cooper blickte hilfesuchend zu seinen Freunden, doch sie
sahen ihn alle mit einer Mischung aus Erstaunen und so etwas wie Schadenfreude an.
Nathan konnte sein offenes Grinsen nicht verstecken, angesichts des Ausdruckes, den Cooper aufgesetzt hatte. Er wünschte sich, dass er seine Kamera dabei hätte, um dieses Bild festzuhalten. Der Widerstreit der Gefühle stand Cooper deutlich ins Gesicht geschrieben, sie schwankten zwischen Widerwillen, Faszination, Angst und auch Freude darüber, dass er von jemandem, von einem Kind, akzeptiert wurde, das ihn überhaupt nicht kannte. Noch nie war jemand so voller Vertrauen auf ihn zugegangen, hatte seine Nähe gesucht. Selbst bei seinem ersten Zusammentreffen mit Shane, Paul, Nathan und Vanessa hatte er nur Mißtrauen, Ablehnung und Feindseligkeit gespürt. Er hatte dies, ohne auch nur darüber nachzudenken, akzeptiert, denn an diese Gefühle der Menschen war er gewöhnt.
Seit er aus der InVitro-Anstalt geflohen war, hatte er sich nach und nach einen emotionalen Schutzpanzer aufgebaut, an dem alle verletzenden Gefühle abprallten - es war eine natürliche Reaktion auf seine feindselige Umwelt gewesen. Deshalb war es ihm sehr schwer gefallen, sich bei den Wildcards einzufügen, einen Teil seiner Selbständigkeit und Unabhängigkeit aufzugeben und nicht jeden Kontaktversuch ihrerseits als einen Eingriff in seine Privatsphäre anzusehen. Selbst nach all den Monaten, die er mit ihnen in Schlachten auf unzähligen feindlichen Planeten und im All verbracht und die ihn ein zuvor gekanntes Vertrauen in die Mitglieder seiner Einheit gelehrt hatte, gab es noch immer diesen Schutzpanzer und bis jetzt hatte nichts und niemand ihn vollständig durchdringen können. Es hatte nur wenige Augenblicke gegeben, wo er nahe daran gewesen war, den Schild herunterzulassen und meist geschah es, wenn er mit Shane zusammen gewesen war: damals auf dem Flugdeck kurz vor der Kamikaze-Mission, bei seinem ersten Weihnachten, wo sie ihm die CD geschenkt hatte und sogar erst letzte Nacht auf der Saratoga, als sie sich geküsst hatten. Doch diese Augenblicke waren immer nur flüchtig gewesen, viel zu schnell vorbei, um etwas in ihm zu verändern, etwas Nachhaltiges zu bewirken. Und nun fühlte er erneut dieses Nachlassen in seiner ständig aufrecht gehaltenen Wachsamkeit und Anspannung und das alles nur, weil er in die leuchtend blauen Augen eines kleinen Kindes schaute, das noch vollkommen frei von Vorurteilen und Hass war.
Sarah schien sich bei ihm wohlzufühlen, denn sie machte keine Anstalten, wieder auf
den Boden heruntergelassen zu werden. Deanna kam in den Raum, in jeder Hand eine Platte
mit appetitlich aussehendem Essen, die sie auf dem Tisch stellte. Dann sah sie ihre
Tochter und runzelte die Stirn. "Sarah - Liebes, ich habe dir doch oft genug gesagt,
du sollst nicht immer darum betteln, getragen zu werden!" Sie sah Cooper
entschuldigend an.
"Sie können sie ruhig wieder absetzen, wenn sie Ihnen zu schwer wird. Schließlich
sind Sie unser Gast und müssen nicht alles tun, was unsere kleine verwöhnte Sarah
will." Sie lächelte.
"Es ist schon okay, es macht mir nichts aus," sagte Cooper. Er sagte es nicht
aus Höflichkeit, sondern weil er es wirklich so meinte. Aus irgendeinem Grund, der ihm
nicht ganz klar war, mochte er dieses Kind. So kam es, dass er weiter dastand, während
sich die anderen über das Essen hermachten. Dann hatte Nathan Erbarmen und gab ihm einen
gutgemeinten Ratschlag. "Coop, du kannst dich zu uns setzen, Sarah wird bestimmt
nichts dagegen haben."
Cooper schaute zu Sarah, die ihm zustimmend zunickte und dann erst setzte er sich auf
einen freien Platz, wobei er sich jede Mühe gab, das Kind weiter zu halten. Sie machte es
sich auf seinem Schoß bequem, griff nach einem Teller, den sie mit Essen füllte und
reichte ihn ihm hin.
"Ich glaube, Coop hat eine neue Freundin gefunden," sagte Paul mit einem
Seitenblick zu Vanessa.
Selbst Tresko sah nun nicht mehr so angespannt aus und die allgemeine Stimmung hob sich.
Ein unbeteiligter Beobachter würde wahrscheinlich nicht erkennen, dass sich hier Menschen
gegenüber saßen, die bis vor kurzem noch Feinde gewesen waren. Doch der Schein konnte
trügen.
Als das Essen vorbei war und Deanna den Tisch abräumte, rutschte Sarah von Coopers Schoß
und zog an seiner Hand als Zeichen, dass er aufstehen sollte.
"Ich will dir was zeigen," sagte sie munter. Cooper stellte den Teller ab, den
er in der Hand hielt und stand gehorsam auf. Sarah zog ihn durch das Zimmer in Richtung
der Tür, durch die sie vorhin mit ihrer Mutter gekommen war.
Was will dieses Kind nun schon wieder? fragte sich Cooper, als er sich von ihr führen
ließ.
"Ich gehe mit." Brian stand auf und folgte den beiden.
Cooper schaute sich in dem Raum, den sie betreten hatten, neugierig um. Er enthielt nicht
viel, ein paar Möbel und einige verstreut auf dem Boden liegende Gegenstände, die er
nicht identifizieren konnte.
"Was sind das für Dinge?" fragte er Brian, der neben ihm stand.
"Oh, das sind ihre Spielsachen. Aber ihr ganzer Stolz ist das da..." Er zeigte
auf einen Bildschirm, der sich in der hinteren Ecke des Raumes befand und vor dem ein paar
Joysticks neben einem verschlungenen Haufen von Kabeln lag. Sie erinnerten Cooper an den
Steuerknüppel in seinem Hammerhead.
"Ein VR-Spiel?" fragte er hoffnungsvoll.
"So etwas ähnliches," erklärte Brian. "3D - etwas veraltet, aber trotzdem
liebt sie es."
Sarah hatte sich in der Zwischenzeit vor dem Bildschirm im Schneidersitz niedergelassen
und drückte einige Knöpfe. Der Schirm erwachte zum Leben. Eine täuschend echt
aussehende Berglandschaft wurde eingeblendet, aus der Sicht eines Cockpits.
"Setz' dich hin!" drängte sie Cooper. Er tat es.
"Nimm' das in die Hand!" Sarah zeigte auf einen der Joysticks. Sie hatte bereits
einen in der Hand.
"Wir sind die Guten," erklärte sie Cooper. "Und das da sind die
Bösen!" Sarah deutete auf ein paar fliegende Maschinen, die gerade am Horizont des
Bildes aufgetaucht waren und die wild herum ballerten.
"Ich weiß schon, was ich machen muss." Cooper drehte den Joystick nach allen
Seiten, um ein Gefühl für die Bewegung der Maschine zu bekommen, feuerte dann drauf los
und fegte die Ziele vom Himmel.
"Das macht Spaß!" Mit seiner Zurückhaltung war es vorbei. Sarah freute sich
mit ihm.
"Jetzt ich!" Sie schaltete auf ihren Joystick um und versuchte, Cooper's
Flugmanöver nachzuahmen. Ihre Bewegung war noch etwas ungelenk, aber sie traf trotzdem
ins Schwarze.
Deanna war ins Zimmer getreten und verfolgte mit einem Stirnrunzeln, mit welchem Spaß
ihre kleine Tochter die feindlichen Maschinen abschoß.
"John hätte ihr nicht dieses Spiel von der Erde mitbringen sollen,"
sagte sie ärgerlich. "Das ist nichts für sie, in ihrem After sollte sie nicht
'Krieg spielen'!"
"Das ist doch nur Spaß," beruhigte Brian sie.
"Aber sie ist doch noch zu klein für so etwas!" Sarah drehte sich zu ihrer
Mutter um.
"Ich bin nicht klein!" erklärte sie entrüstet. "Ich bin schon vier!"
sagte sie stolz. Deanne verdrehte die Augen.
Immer musste ihre Tochter das letzte Wort haben, dachte sie.
"Also, mir gefällt das Spiel..." sagte Cooper langsam, er hatte angefangen,
weiterzuspielen. Auf dem Bildschirm war die Berglandschaft mittlerweile von der Ansicht
eines Ozeans abgelöst worden. Er feuerte auf alles, was sich über der Wasserfläche
bewegte - jeder Schuß war ein Treffer.
"Siehst du, Mum." Sarah sah ihre Mutter herausfordernd an.
"Bei Cooper ist es auch etwas anderes, er ist älter als du, Schatz."
Sarah drehte sich zu Cooper um. "Wie alt genau?" fragte sie neugierig.
,Äh, sechs, fast schon sieben Jahre." Cooper war voll auf das Spiel konzentriert und
vollführte gerade eine scharfe Rechtskurve mit seinem Joystick.
Sarah runzelte die Stirn, sie überlegte. Daenna ahnte, worüber sie nachdachte.
"Ich habe dir mal den Unterschied erklärt, weißt du noch?"
Sie nickte. "Ja, ich verstehe. Cooper ist genauso wie du und Daddy, stimmt's?!"
"Genau so ist es, Sarah." Deanna lächelte ihrer Tochter zu.
"Kann ich jetzt weiterspielen7 fragte sie ungeduldig.
Deanna seufzte. "Ja, natürlich, habe ich eine andere Wahl?"
Sarah hatte sich längst wieder dem Spiel zugewandt und hatte Cooper am Joystick
abgelöst.
"Da ist noch einer auf zwei Uhr - Position!" warnte er sie. Sarah zog den
Joystick nach links.
"Nein!! Die andere Seite!"
Brian und Deanna standen da und schauten Cooper und Sarah zu, die total in ihr Spiel
vertieft waren und nichts mehr von ihrer Umwelt mitbekamen.
"Ich glaube, unsere Anwesenheit ist nicht länger erwünscht," sagte Brian und
verließ das Zimmer. Deanna folgte ihm zögernd nach ein paar Sekunden.
"Wie sind Sie eigentlich hierher nach Eris III gekommen?" fragte Shane
gerade. Tresko wechselte schnell einen Blick mit Stuart, der bis jetzt nur wenig gesagt
hatte. Dieser zeigte ein unmerkliches Verneinen mit dem Kopf.
"Nun, das kann ich Ihnen nicht sagen..." sagte er ausweichend.
"Natürlich kannst du, John!" erwiderte Deanna, die eben in den Raum getreten
war und die letzte Frage gehört hatte.
"Er war einer der ersten, die hierher gebracht worden sind, nachdem das auf Tellus
passiert war..."
Tresko warf ihr einen wütenden Blick zu, der sie zum Schweigen bringen sollte. Doch es
war zu spät.
"Was wissen Sie über Tellus?" Nathan's Aufmerksamkeit war nun voll und ganz auf
Tresko gerichtet.
Dieser sah ein, dass es sinnlos war, zu schweigen.
"Ich war einer von den Siedlern," sagte er ruhig.
Nathan runzelte die Stirn. "Das kann nicht sein, ich war selbst in dem Programm und
kannte alle, die nach Tellus fliegen sollten..." Dann begriff er.
"Sie waren einer der zehn InVitros, die kurzfristig in das Programm aufgenommen
wurden und wegen denen ich ausgeschlossen wurde!" fügte er verbittert hinzu.
"Das tut mir leid... wirklich." Tresko schien es ernst zu meinen.
"Aber Sie leben - warum?!" Nathan ließ nicht locker. Es gab nur einen
Überlebenden auf Tellus - einen einzigen, den die Chigs nicht getötet oder verschleppt
hatten. Ich war nach dem Angriff noch einmal auf dem Planeten, ich weiß es!"
"Ich habe gesehen, wie sie weggebracht wurden," erinnerte sich Tresko.
"Wissen Sie wohin, haben Sie eine Frau unter ihnen gesehen - etwa 1,70 m groß,
rötlichblondes Haar - sie hieß Kylen Celina. ?" fragte Nathan aufgeregt.
"Ich weiß es nicht, ich kann mich nicht an alle Namen und Gesichter der Siedler
erinnern und als wir angegriffen wurden, war ich viel zu sehr damit beschäftigt, selbst
am Leben zu bleiben, als auf die anderen zu achten," verteidigte er sich.
"Sie haben zugesehen, wie sie weggebracht wurden und haben nichts getan?"
brauste Nathan erbittert auf.
"Ja," antwortete Tresko ruhig. "Und ich schäme mich deswegen nicht. Unter
den Gefangenen waren keine InVitros, also ging mich das nichts an!"
In Nathan's Innersten zerbrach etwas, sein Blick wurde glasig. In dem einen Augenblick
starrte er Tresko noch fassungslos an, im nächsten stürzte er bereits auf ihn los. Mit
einer schwungvollen Bewegung riß er Tresko zu Boden und schlug auf ihn ein. Doch er hatte
die Stärke des InVitros unterschätzt. Mit spielerischer Leichtigkeit rollte sich Tresko
zur Seite, so dass Nathan unter ihm lag und rammte ihm sein Knie in den Magen. Nathan
stöhnte auf und stieß gezwungenermaßen die Luft aus seinen Lungen aus. Für einige
Sekunden war er außer Gefecht gesetzt, doch als er wieder zu Atem kam, ging er erneut auf
seinen Gegner los.
"Das würde ich an deiner Stelle nicht versuchen!" warnte ihn Tresko eisig und
nagelte Nathan mit seinem Knie auf dem Boden fest. "Ich kann dir jeden Knochen
einzeln brechen, glaube mir. Ich hatte eine ausgezeichnete Ausbildung und weiß, wie das
geht."
"John!!!" schrie Deanna auf. "Was tust du da?!! Lass' ihn sofort
los!!"
"Was soll der Lärm hier?" fragte Cooper ahnungslos, als er in den Raum trat,
Sarah an der Hand. Als er sah, in welcher Situation sich Nathan befand, verfinsterte sich
sein Blick. Er ließ Sarah's Hand los und machte sich für einen Angriff bereit.
Tresko ließ Nathan sofort frei und stand auf. "Es ist alles in Ordnung, Cooper.
Deinem Freund geht es gut und außerdem hat er damit angefangen - nicht ich!"
"Nathan, warum? Wir sind hier, um Frieden zu schließen und nun, wo wir es so gut wie
geschafft haben, drehst du einfach durch!!" Shane war erstaunt, diese Worte von
Cooper zu hören. Gerade er warf Nathan vor, sich nicht unter Kontrolle zu haben -
andererseits hatte er auch Recht.
"Hawkes, er war auf Tellus und hat zugesehen, wie die Chigs ihre Gefangenen
abgeführt haben!"
Nathan zeigte dabei anklagend auf Tresko. Dann schaute er wütend zu Cooper.
"Du hast doch mit ihm geredet, hat er dir das nicht erzählt?! Du hättest es mir
sagen müssen!"
"Ich... habe es nicht gewusst, das musst du mir glauben, Nathan..." Cooper war
von der schlagartigen Änderung der Situation überrascht. "Vielleicht wusste es
McQueen..."
"Und das soll ich dir glauben? Was hast du uns denn noch alles verschwiegen?!"
Nathan war immer noch wütend. "Wird das hier wieder so eine Show, wie damals
auf der McArthur, wo du mit den anderen InVitros gemeinsame Sache gemacht
hast?!"
"Nathan, sei endlich ruhig und lass' Cooper in Ruhe!" schrie ihn Shane an.
"Ich habe nicht mit ihnen gemeinsame Sache gemacht!" Coopers Augen waren fest
auf Nathan gerichtet. "Falls du dich nicht mehr daran erinnern kannst, war ich es,
der Keats auf der Brücke entwaffnet hat!"
"Wenn du die Meuterei gleich am Anfang verhindert hättest, dann wäre das alles gar
nicht nötig gewesen und der Captain würde noch leben!"
In Cooper kamen die seit den Ereignissen auf der McArthur tief begrabenen Gefühle wieder
hoch.
"Was weißt du schon von Notwendigkeit ! Keats und die anderen hatten
jedes Recht, zu meutern!
Wie würdest du dich fühlen, wenn man dir sagt, du sollst mit einem Knopfdruck 168
Menschen töten?"
"Aber wir brauchten die Energie für den Reaktor, ohne dieses Opfer wären wir alle
draufgegangen! Sie waren Ungeborene, ohne Bewusstsein, sie haben nichts
gefühlt." Als Nathan Coopers verletzten Blick sah, taten ihm seine Worte
augenblicklich leid, aber nun, wo sie gesagt waren, konnte er sie nicht mehr rückgängig
machen.
"Sie waren Menschen! Und sie mussten sterben, ohne dass sie jemals leben konnten.
Meine Schwester hat keine Chance bekommen..." Cooper brach mitten im Satz ab. Er
hatte das ausgesprochen, vor dem ihn McQueen gewarnt hatte. Aber er konnte noch nicht
einschätzen, weiche Folgen seine Unachtsamkeit haben würde. Warum hatte Nathan nur damit
anfangen müssen? fluchte er innerlich.
Tresko hatte ihren Streit mit steigernder Erregung verfolgt. Er glaubte, zu verstehen.
"Du hast ungeborene InVitros getötet? Deine eigene Schwester...?" fragte er
Cooper ungläubig.
"Ich hatte keine Wahl..." sagte dieser leise. In Deanna's Augen zeigte sich
Entsetzen und sie nahm Sarah sofort an die Hand, um sie aus Coopers Nähe wegzuziehen.
"Man hat immer eine Wahl!" Tresko wandte sich von Cooper ab und schritt
aufgeregt in Richtung Fenster. Er blickte bestürzt hinaus und dachte über Coopers
Geständnis nach. Die Sonne war fast hinter den Felsen verschwunden und in dem Raum
herrschte bereits Halbdunkel. Seine Gefühle waren im Aufruhr, als ihm nun das ganze
Ausmaß von Coopers Handlungen klar wurde.
"Oh mein Gott, du hast deine eigenen Leute umgebracht und du kommst hierher, du
redest mit uns und wir haben keine Ahnung, dass du genauso ein Mörder bist wie die
Natürlichgeborenen - das ist unfassbar!"
Tresko redete Richtung Fenster, dann drehte er sich mit einer hastigen Bewegung zu
Cooper um.
"Du bist wie McQueen - nichts weiter als ein Verräter! Wie viele von uns hat er denn
schon getötet?"
Cooper schmerzte dieser Vorwurf und der Ausdruck in Treskos Gesicht. Er sah Wut, Abscheu
und keinerlei Vertrauen mehr. Er wusste nicht, was er antworten sollte und schwieg. Shane
versuchte, zu vermitteln.
"Sie wissen nicht genug darüber, was genau auf der McArthur passiert ist, es war
eine Ausnahmesituation und Cooper..." Tresko schnitt ihr das Wort ab.
"Ich brauche es nicht zu wissen, das Ergebnis bleibt das gleiche und in unserer
Kolonie gibt es gewisse Bestimmungen, die ich nicht ignorieren kann. Ich muss den Rat
sofort davon unterrichten!"
Er sah entschlossen zu Deanna. "Nimm' Sarah und geh' in ihr Zimmer, sie soll das
nicht alles mitanhören."
Dann verließ er den Raum. Sarah wollte sich dem Griff ihrer Mutter entziehen und zu Cooper laufen. Sie verstand nicht, was auf einmal los war und warum alle so ernst waren. Doch Deanna hielt sie zurück und schob sie durch die Tür. Das letzte, was Cooper von ihr sah, war der verwirrt verzweifelte Ausdruck, der sich auf ihrem Gesicht spiegelte. Er spürte eine große Leere in sich.
Dann bemerkte er Brian's Blick. "Es tut mir leid, dass es so kommen musste, Cooper. Ich verstehe einfach nicht, wie du zu so etwas fähig sein konntest...Das, was du getan hast, ist unentschuldbar, und nun mußt du die Konsequenzen dafür tragen..." sagte er traurig.
Auf der Brücke der Saratoga starrten Ross und McQueen auf den taktischen Schirm, der die Lage der feindlichen Schiffe anzeigte.
"Es bleibt nicht mehr viel Zeit," bemerkte der Commodore ernst. McQueen
nickte stumm. Dann meldete sich der Kommunikationsoffizier.
"Sir, wir bekommen ein Signal rein.""Position?" fragte McQueen .
"Es kommt aus Richtung 2-6-1 - von einem Schiff der Flotte."
"Was senden sie?"
Der Offizier hielt die Kopfhörer mit der Hand näher an sein Ohr und hörte sich die
Übertragung an.
"Sie wollen... Frieden, Sir."
Der Commodore entspannte sich sichtlich. "Gott sei Dank, sie haben es
geschafft!" Er drückte McQueen's Schulter.
"Sir, sie geben jetzt die Bedingungen durch. Ich schreibe sie sofort auf." Ross
nickte zustimmend.
Die nächsten sieben Minuten herrschte gespannte Stille, während der Komoffizier die
Nachricht notierte. Dann riss er die vollgeschriebenen Folien von seinem Block ab und
reichte sie dem Commodore.
"Sie beginnen mit der Wiederholung der Nachricht," teilte er mit. Ross überflog
schnell die Bedingungen und reichte die Folien an McQueen weiter. "Sie verlangen
genau das, was wir erwartet haben."
Ross nahm eine andere Folie, die vor ihm lag, zur Hand.
"Ich habe bereits eine Antwort vorbereitet. Geben Sie sie an das Schiff weiter."
Der Komoffizier nickte und machte sich an die Arbeit.
Ein hochfrequentiges Klicken zeigte ein neues Signal an. "Sir, ein unbekanntes
Flugobjekt aus Richtung 1-8-9, Abstand 6000 MSK. Der Abstand verringert sich."
Ein anderer Offizier drehte sich zum Commodore um und sah ihn an. "Es kommt direkt
auf uns zu."
"Freund-Feind-Erkennung?" fragte McQueen.
"Negativ, Sir, ich kann nichts empfangen, der Abstand ist noch zu groß."
McQueen sah ungeduldig auf die Anzeigen und bestätigte mit einem Nicken. Nach einigen
Sekunden erfolgte die Identifizierung. McQueen runzelte die Stirn.
"Das kann nicht sein - sind Sie sicher, dass keine Fehlfunktion vorliegt?"
Kopfschütteln war die Antwort.
McQueen drehte sich zum Commodore um. "Es ist eines von unseren Schiffen - die USS
Yorktown. Ihre Waffen sind voll aktiviert und auf den Planeten Eris III gerichtet."
"Verdammt!" Ross war außer sich. "Das muss ein außerplanmäßiger Flug
sein - was zum Teufel wollen die hier?!"
"Die Flotte wird ihr Auftauchen als feindlichen Akt ansehen und das gerade jetzt, wo
wir in Verhandlungen eintreten wollen!"
"Sie rufen uns, sir!" stellte der Komoffizier fest.
Ross ging ans Funkgerät. "Hier spricht Commodore Ross vom Trägerraumschiff
Saratoga. USS Yorktown - erklären Sie Ihren Auftrag! Warum sind Sie in diesem Sektor? Sie
haben hier..."
Von der anderen Seite erklang eine wütende Stimme.
"Genau das gleiche wollte ich Sie gerade fragen, Commodore. Sie befinden sich
nicht auf der Position, auf der Sie zu diesem Zeitpunkt sein sollten."
"Wir hatten Feindkontakt und..." wollte Ross erklären, doch die Stimme am
anderen Ende unterbrach ihn sofort.
"Wir werden einen Mannschaftstransporter schicken, an Bord wird jemand sein, der Sie
über alles informieren wird."
"Sie müssen sofort Ihre Waffen deaktivieren!!" schrie Ross ins Funkgerät.
"Das ist in der jetzigen Situation nicht möglich, wir haben feindliche Schiffe in
der Umlaufbahn von Eris lIl geortet!"
Ross' Finger verkrampften sich um das Funkgerät. "Tun Sie es einfach! Wir haben die
Lage unter Kontrolle, Sie machen mit Ihrer Präsenz alles nur noch schlimmer!"
Die Stimme auf der anderen Seite des Funkgerätes schwieg für einige Sekunden.
"Einverstanden. Aber eines muss Ihnen klar sein, Commodore: Sie haben nicht das
Recht, mir Befehle zu erteilen und Sie werden Ihre Handlungsweise erklären müssen."
Ross atmete erleichtert auf. "Sie können sich darauf verlassen, dass ich das tun
werde. Ross Ende!"
"Wie sieht es aus - befolgen sie unsere Anweisungen?" fragte er.
"Ja, sir, die Waffen wurden soeben deaktiviert.«
"Gut. Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Öffnen Sie einen Kanal zu der Flotte.
Sie dürfen nicht annehmen, dass wir sie angreifen wollen."
"Sir, der Kontakt wurde soeben beendet, die Friedensbotschaft wird nicht mehr
gesendet," meldete der Komoffizier.
"Es ist Aktivität in der Flotte zu verzeichnen, Commodore. Sie formieren sich
neu!"
"Sir, ein Mannschaftstransporter ist soeben von der Yorktown gestartet. Sie erbitten
Landeerlaubnis."
"Erteilt," sagte Ross grimmig. "Teilen Sie ihnen mit, dass Sie auf
Plattform 6 landen sollen!"
"Aye, aye, sir!"
Der Commodore drehte sich zu McQueen um.
"Sie werden sich darum kümmern, Colonel. Ich verlasse mich darauf, dass Sie ihnen
unseren 'Standpunkt deutlich machen werden!"
McQueen nickte knapp und verließ die Brücke.
Als er zum Flugdeck kam, war der Transporter soeben gelandet. McQueen stand abwartend
davor und legte sich in Gedanken bereits die richtigen Worte zurecht. Als dann das Schott
zur Seite glitt, wünschte er sich, dass Commodore Ross jemand anderen geschickt hätte.
Sein Gesicht verfinsterte sich.
"Sewell!" McQueen's Stimme klang gepresst.
"Aber, aber, Colonel! Ich hätte mir einen netteren Empfang vorgestellt." Sewell
lächelte leutselig.
"Man könnte annehmen, dass Sie nicht erfreut sind, mich hier zu sehen. Dabei bin ich
nur hier, um Ihre Haut zu retten."
"Was wollen Sie?!" McQueen ließ sich nicht ablenken.
"Nun, ich bin im Auftrag von Aerotech hier. Eigentlich dürfte die Saratoga nichts
von der Anwesenheit der USS Yorktown in diesem Sektor wissen, aber da sie von der Kolonie
erfahren haben, macht das nun auch keinen Unterschied mehr."
"Sie wissen von der Kolonie?" fragte McQueen erstaunt.
"Ja, sicher, deswegen sind wir doch hier. Sie muss zerstört werden!"
"Das werden Sie nicht tun, wir haben bereits Friedensverhandlungen
aufgenommen..."
"Sie haben was??" Mit Sewell's Ruhe war es nun vorbei. "Ich muss sofort mit
Commodore Ross sprechen. Er muss alle Bemühungen in diese Richtung sofort
abbrechen!"
"Sie haben ihm gar nichts zu befehlen," sagte McQueen ruhig.
"Ach ja?! Hier..." er zeigte auf die Aktentasche in seiner Hand, "...habe
ich die Berechtigung - schriftliche Befehle von Generalsekretärin Diane Hayden!!"
Das hatte McQueen nicht erwartet.
"Aber meine Leute sind noch dort unten auf dem Planeten."
"Ist das Ihr Ernst??" Sewell schüttelte ungläubig den Kopf. "Das scheint
eine Angewohnheit von Ihnen zu sein, Colonel - Ihre Männer auf Selbstmordkommandos zu
schicken... Das ist genauso selbstmörderisch wie Ihre Idee damals, die Chigs mit dem
Bomber anzugreifen - und was hat es Ihnen eingebracht? - Einen Aufenthalt in der
Strafkolonie von Kazbek! Sie hatten wirklich Glück, dass Sie das überlebt haben - war es
das wirklich wert gewesen? Was soll's, Ihre Leute sind jetzt sicher schon tot,
Colonel..."
"Ich werde sie nicht im Stich lassen!!"
"Das haben Sie doch längst getan - genau in dem Augenblick, als Sie sie auf den
Planeten geschickt haben! Außerdem - wie wollen Sie sie dort herausholen? Die Kolonie ist
groß und Sie wissen nicht genau, wo sie sich aufhalten!"
McQueen's wütender Blick brachte ihn zum Schweigen. "Einer von ihnen hat einen
Sender bei sich - wird er aktiviert, empfangen wir ein Signal und erhalten damit ihre
Position." erklärte er.
Sewell schien nicht recht davon überzeugt. "Okay, lassen wir das... Bringen Sie mich
jetzt zum Commodore, wir dürfen keine Zeit verlieren."
McQueen unterdrückte seinen Unmut und ging voran.
"An Flucht würde ich an eurer Stelle nicht denken, ihr hättet sowieso keine
Chance, hier herauszukommen," bemerkte Stuart.
Shane fühlte sich ertappt. Sie hatte überlegt, ob sie ihre versteckte Waffe ziehen
sollte. Sie wusste, dass sie auf die anderen zählen konnte, gemeinsam könnten sie Stuart
und Brian überwältigen. Doch was dann - sollten sie sie als Geiseln nehmen und sich zum
Flugdeck durchschlagen? Nein, das Risiko war einfach zu groß. Sie alle hatten gesehen,
wie viele Kolonisten sich draußen in den Gängen aufhielten, von den anderen
Sicherheitsmaßnahmen ganz abgesehen.
"Wieso, was geschieht denn jetzt mit uns?" fragte Nathan nach. Stuart schwieg.
"Wir warten, bis John zurück kommt." Das war alles, was Brian erwiderte.
Cooper tauchte langsam aus seiner Verzweiflung auf und überschlug in Gedanken die Möglichkeiten, die ihnen offen standen. Er kam zu dem gleichen Ergebnis wie Shane. Plötzlich fiel ihm der Sender ein, den ihm McQueen gegeben hatte. Er sollte ihn aktivieren, falls sie scheitern würden. Dieser Augenblick war nun gekommen, dachte Cooper verbittert. Er verschränkte langsam die Arme vor seinem Oberkörper und beobachtete unauffällig Stuart und Brian. Sie durften keinen Verdacht schöpfen. Er tastete langsam mit der rechten Hand nach dem Sender. Kurz unter der linken Achselhöhle war er angebracht worden. Cooper fühlte nach der Sicherung, die ein zufälliges Aktivieren des Senders verhindern sollte und setzte sie außer Kraft. Er zögerte noch einige Sekunden und drückte dann den winzig kleinen Knopf auf dem Sender. Er wusste, dass das Signal nicht nur von der Saratoga empfangen werden würde und hoffe inständig, dass McQueen sie rechtzeitig herausholen würde - bevor sich 600 Kolonisten auf sie stürzten.
Als McQueen und Sewell die Brücke betraten, gab Commodore Ross gerade verschiedene Anweisungen an die Verteidigungsstationen durch - sie sollten sich für einen möglichen Angriff bereitmachen. Es herrschte hektische Betriebsamkeit. Der Commodore bemerkte ihre Anwesenheit und seine Reaktion auf Sewell war ähnlich wie die von McQueen. Seit ihrem letzten Zusammentreffen, bei dem er sich Sewell's Anweisungen unterordnen musste und mitten in feindliches Territorium geflogen war, war nicht viel Zeit vergangen und sein Ärger auf ihn war immer noch nicht verraucht.
Sewell bemerkte seinen Blick und hob abwehrend seine Hände vor den Oberkörper.
"Bevor Sie in Freudentränen ausbrechen, Commodore, kommen wir lieber gleich zur
Sache. Wir haben viel zu bereden und nur wenig Zeit."
Ross nickte grimmig. "Gehen wir ins Konferenzzimmer, dort sind wir ungestört."
Er sah zu McQueen. "Colonel, Sie werden mit anwesend sein."
"Aber was ich Ihnen zu sagen habe, ist nicht für seine Ohren bestimmt," warf
Sewell ein. "Es ist absolut nicht notwendig, dass er..."
"Mr. Sewell, das hier ist mein Schiff und ich entscheide hier, was notwendig ist und
was nicht!" Ross unterdrückte nur mit Mühe seinen Ärger.
Sewell zuckte lässig die Achseln. "In Ordnung, Commodore - aber Sie müssen
verstehen, dass ich nur auf Befehl von oben handle..." Doch Ross hatte sich bereits
abgewandt und die Brücke verlassen. Sewell und McQueen folgten ihm in den Konferenzraum.
Sewell ging zielstrebig auf den Tisch zu, der sich im Zentrum des Raumes befand und
plazierte seine Aktentasche darauf. Er entnahm ihr einige Papiere und reichte sie
Commodore Ross.
"Das ist ein Bericht unseres Geheimdienstes über die Kolonie, die Sie durch eine
Verkettung unglücklicher Umstände zufällig entdeckt haben," fügte er hinzu.
"Einer unserer Satelliten hat vor einiger Zeit diese Aufnahmen hier gemacht." Er
deutete auf die Satellitenfotos, die Ross rasch durchblätterte.
"Wir haben in diesem Sektor keine Wachsatelliten stationiert," sagte McQueen mit
einem Stirnrunzeln.
Sewell lächelte. "Nun, Aerotech hat... " Dann wandte er sich an Ross."
Fakt ist, Commodore, dass wir die Kolonie weiter beobachtet haben..."
"Wie haben Sie das angestellt?" fragte McQueen nach.
"Wir haben einige unserer Leute dort eingeschleust - sie haben uns während der
letzten Monate mit erstklassigen Informationen versorgt. Deshalb wissen wir auch von den
Bestrebungen der Kolonisten, die Erde anzugreifen - speziell uns Natürlichgeborene. Das
geht nicht gegen Sie, Colonel..." sagte er mit einem Seitenblick auf McQueen.
"Keine Ahnung, wie sie das anstellen wollen, sie haben nicht die Mittel dazu - noch
nicht. Wir müssen sie so oder so aufhalten, allein schon der Versuch, uns Schaden
zuzuführen, muss im Keim erstickt werden! Sie verstehen nun sicher, warum die USS
Yorktown hier ist, Commodore."
Ross hatte seinen Worten genau zugehört und sich bereits eine Meinung gebildet. Er
verschränkte seine Arme vor dem Oberkörper und blickte Sewell finster an. "Nein,
verstehe ich nicht!"
Sewell war nun wirklich überrascht. "Wie können Sie das sagen?! Diese Kolonie
gefährdet die Sicherheit der Erde! Wenn die InVitros zum richtigen Zeitpunkt zuschlagen,
könnten sie uns erheblichen Schaden zufügen, sie bräuchten nur auf das Ende des Krieges
mit den Chigs warten, wenn die Erdstreitkräfte geschwächt sind... soweit darf es nicht
kommen!"
"In der Kolonie befinden sich auch Frauen und Kinder, ich werde Ihnen nicht
dabei helfen, Unschuldige zu töten! Ich werde auf keinen Fall derjenige sein, der zuerst
schießt..." erklärte Ross.
"Im Krieg gibt es keine Unschuldigen, Commodore, außerdem haben Sie keine
Wahl!" Sewell holte nun ein paar Papiere hervor. "Ich habe vorausgesehen, dass
Sie Schwierigkeiten machen würden. Dem hier werden Sie sich nicht widersetzen
können!"
"Was ist das?" fragte Ross.
"Das sind Anweisungen von Diane Hayden," antwortete McQueen für Sewell.
"Ja genau, Commodore!" stimmte dieser zu. "Da sie in ihrer Funktion als
Generalsekretärin gleichzeitig das Oberkommando über die Streitkräfte hat, können Sie
ihre Befehle nicht ignorieren. Ich denke, die Befehlshierarchie ist eindeutig und lässt
keinen Handlungsspielraum zu." Bei den letzten Worten lächelte er nicht mehr.
"Wer sagt mir, dass diese Befehle echt sind?" fragte Ross ruhig.
"Was meinen Sie mit echt?" Sewell wurde nun sichtlich nervös.
"Sie würden es doch niemals wagen, diese Befehle anzuzweifeln, Commodore..."
Es hörte sich fast wie eine Frage an.
"Aber vielleicht muss ich mich erst mit dem Hauptquartier auf der Erde in Verbindung
setzen, nur um ganz sicher zu gehen..." sagte Ross mit ausdruckslosem Gesicht.
"Aber das würde Tage dauern!" Sewell wurde immer unruhiger.
"Ganz genau so ist es!" erwiderte Ross.
"Das wird Sie vors Kriegsgericht bringen!" drohte Sewell.
Ross zog die Augenbrauen zusammen. "Sie haben hier gar nichts zu sagen!"
"Diane Hayden hat mich persönlich beauftragt, dieses Problem mit der Kolonie
aus der Welt zu schaffen - Ihnen wird nichts anderes übrig bleiben, als uns dabei zu
unterstützen!" Sewell sah auf die Uhr.
"Sie haben doch nicht wirklich geglaubt, dass Sie selbst entscheiden können,
Commodore! Jetzt, in diesem Augenblick starten bereits zwanzig Hammerheadstaffeln von der
USS Yorktown, zusammen mit 35 Mannschaftstransportern, die auf dem Planeten landen werden.
Wir wissen genau, wo der Hauptstützpunkt der Kolonie liegt, welche
Verteidigungsvorrichtungen sie haben, wir sind im Besitz von Plänen, die das Innere der
Anlage zeigen... Ich glaube, es dürfte Ihnen nun sehr schwer fallen, die
Friedensverhandlungen weiter fortzusetzen, Commodore." sagte er sarkastisch.
"Was wollen Sie jetzt machen - einfach abwarten und sich kampflos abknallen
lassen?"
Ross starrte ihn wütend an. "Was? Sie haben bereits mit dem Angriff begonnen?"
Er warf McQueen einen Blick zu und sie machten sich sofort auf dem Weg zur Brücke.
Beide wussten, dass es bereits zu spät war.
Die Sonne von Eris III war fast hinter den Felsen untergegangen und Shane bemerkte deswegen nicht sofort, dass noch etwas anderes den Himmel verdunkelte. Sie lief zum Fenster und schaute hinaus. Stuart packte sie brutal am Arm, um sie zurückzuhalten, doch dann lockerte sich sein Griff, als er ihrem Blick folgte. Vor seinen Augen sah er Hammerheads über den Canyon dahin rasen und Mannschaftstransporter landen.
"Oh mein Gott..." Entsetzen spiegelte sich auf seinem Gesicht. Die anderen
waren nun auch an das Fenster getreten und schauten hinaus.
"Das muss McQueen sein, oder?" fragte Cooper zweifelnd.
"Das war also alles von Anfang an so geplant gewesen..." Brian fühlte sich
verraten.
"Das ist nicht McQueen," warf Nathan ein. "Und das war auch nicht
geplant..."
Stuart glaubte ihm nicht. "Ach nein? Es müssen aber eure Leute sein, woher sollen
sie sonst kommen?"
Nachdem die Hammerheads den Canyon mit Feuer eingedeckt hatten, griffen sie gezielt das Hangartor an und setzten den Schließmechanismus außer Kraft. Das Stahlschott, das gerade dabei war, sich zu schließen, blieb auf halbem Wege stehen und ließ genug Raum für die Mannschaftstransporter. Nach kurzer Zeit befand sich das Flugfeld unter der Kontrolle der Marines. Sie drangen nun in das Tunnelsystem ein - ihr systematisches Vorgehen zeigte an, dass sie genaue Kenntnis von der Anlage hatten. Schüsse hallten durch die Gänge, die Kolonisten leisteten erbitterten Widerstand - aber auf die Dauer konnten sie die Marines nicht aufhalten.
Die Erde erbebte und im selben Augenblick ertönte ein schriller Ton - das Alarmsignal.
"Sie sind in die Anlage eingedrungen," stellte Stuart resigniert fest.
"Aber wie haben sie das geschafft?!" In Brian's Stimme schwang Panik mit.
"Wir müssen hier raus und den anderen bei der Verteidigung helfen!" Er wollte
davonstürzen, doch Stuart hielt ihn am Arm fest.
"Es hat keinen Sinn, Brian, nicht, wenn sie schon hier drin sind. Verstehst du nicht,
sie wissen anscheinend über die Kolonie Bescheid, es muss unter uns einen Verräter
geben... Nichts wird sie jetzt noch aufhalten können."
"Aber wir müssen doch irgend etwas tun!" drängte Brian.
"Nein, wir bleiben zusammen hier!" Brian sah die Unnachgiebigkeit in den Augen
seines Bruders und gab nach.
"Geh' zu Deanna und Sarah und bleib bei ihnen - es wird nicht mehr lange dauern, bis
sie hierher kommen und ich will nicht, dass ihr in die Schußlinie geratet." Brian
gehorchte Stuart's Worten und ging nach nebenan.
Ein weiteres Beben erschütterte den Raum. Als es abgeklungen war, sah Stuart
anklagend zu den Wildcards. "Ich hoffe, ihr seid nun zufrieden!"
Cooper wollte etwas erwidern, aber er wusste einfach nicht, wie er das alles erklären
sollte. Er gab sich selbst die Schuld für alles, weil er glaubte, dass die Aktivierung
des Senders für den Angriff verantwortlich war. Es schmerzte ihn, zu sehen, wie die
Kolonie in Schutt und Asche gelegt wurde. Und sie alle waren mittendrin und konnten nichts
dagegen unternehmen.
Commodore Ross wandte sich von den Bordanzeigen ab und sah zu Sewell, der gerade wieder
die Brücke betrat.
"Sie haben es also wirklich getan"
Sewell zuckte die Achseln. "Das war mein Auftrag, nur deswegen wurde die USS Yorktown
hergeschickt," sagte er leichthin.
"Sir, die Flotte nimmt Kurs auf die Saratoga und die Yorktown. Sie zielen auf
uns." teilte der taktische Offizier mit.
"Noch 50 Sekunden bis wir in der Reichweite ihrer Waffen sind! Alle Stationen melden
Bereitschaft, sie warten nur noch auf Ihren Feuerbefehl, Commodore."
Die Hammerheadstaffeln und Mannschaftstransporter der USS Yorktown steuerten in Klammerformation auf die Flotte zu. Sie befanden sich nun zwischen ihr und der Saratoga. Einige von ihnen scherten aus und nahmen Kurs auf Eris III. Die anderen flogen weiter in Richtung Feind. Kurz bevor sie sich in Reichweite befanden, standen sich beide Parteien gegenüber - nur ein paar Sekunden, in der keine von beiden etwas tat und sie nur schwerelos im All schwebten. Eine klar abgegrenzte Fläche schien sie voneinander zu trennen. Wer würde zuerst die Waffen einsetzen? Der Moment schien ewig zu dauern... Dann kam der Befehl zum Angriff und die Hammerheads eröffneten das Feuer - der Kampf hatte begonnen. Die Feuerwelle riss eine breite Kluft in die Flotte, doch die feindlichen Jäger waren wendig und durchbrachen die Formation der Hammerheads.
Ross schwieg und starrte weiter auf den taktischen Schirm. Die feindlichen
Schiffe kamen unaufhaltsam näher.
"Sie wissen, dass sie gegen uns keine Chance haben, sie fliegen in den sicheren
Tod..." murmelte er vor sich hin. Er sah traurig zu McQueen. "Ich möchte sie
nicht töten, schließlich sind auch lnVitros...Menschen unter ihnen."
Dann wandte er sich an Sewell. "Ich will, dass Sie wissen, dass ich Sie dafür
verantwortlich mache!"
"Sir, nur noch zehn Sekunden bis zur Feindberührung!"
Ross hielt immer noch Blickkontakt mit Sewell. Dieser wurde immer unruhiger,
Schweißperlen erschienen auf seiner Stirn.
"Commodore, die Zeit wird knapp..."
"Noch fünf Sekunden," kam die Durchsage. Nun endlich reagierte Ross und
öffnete einen Kanal. Seine Stimme klang seltsam ruhig und gefasst.
"An alle Stationen - Feuer frei!'
Dann sah er wieder zu McQueen. "Es tut mir leid..." McQueen's Gesicht war
ausdruckslos.
"Ich weiß, sir..."
"Sofort alle verfügbaren Hammerheadstaffeln und Mannschaftstransporter
starten!" befahl der Commodore.
Seweil entspannte sich. "Vielen Dank für Ihre Kooperation!" bemerkte er
sarkastisch.
Ross drehte sich langsam, aber entschlossen zu ihm um. "Verlassen Sie sofort die
Brücke," sagte er ruhig.
"Aber wieso..."
"Mr. Sewell! Ich werde Sie hier nicht länger dulden! Lieutenant..." Er nickte
einem Mann zu. "Begleiten Sie unseren Gast zu einem freien Quartier, und zwar
schnell!"
"Ich protestiere ausdrücklich gegen diese Behandlung!" Sewell wurde
währenddessen von dem Lieutenant unnachgiebig Richtung Ausgang geschoben.
Als er endlich die Brücke verlassen hatte, atmete McQueen auf. Er blickte auf den
taktischen Schirm. Die blinkenden Lichter, die die feindlichen Schiffe anzeigten,
erloschen unaufhörlich, eines nach dem anderen. Er spürte fast körperlich, wie sie
zerfetzt wurden. Ihm war bewusst, dass er von den InVitros, die in den Jägern saßen,
keinen einzigen retten konnte - aber bevor ihn ein Gefühl der Hilflosigkeit überkommen
konnte, schob er das Unabänderliche beiseite und konzentrierte sich auf Aufgaben, die er
lösen konnte. An erster Stelle stand die Rettung der Wildcards.
"Sir, wir empfangen ein Signal von Eris III !" meldete der Komoffizier. "Es
ist die Frequenz des Senders, den die Wildcards bei sich haben!"
"Geben Sie mir die Position!" befahl McQueen aufgeregt. Er studierte schnell die
Koordinaten und drehte sich zu Ross um. "Bitte um Erlaubnis, mit einem
Mannschaftstransporter zu starten, Commodore!"
"Colonel, das ist zu gefährlich! Überlassen Sie unseren Leuten die Arbeit - sie
werden die Wildcards dort herausholen."
"Was ist, wenn sie für Kolonisten gehalten werden - schließlich tragen sie
Zivilkleidung - und man sie im Eifer des Gefechtes tötet?!" fragte McQueen.
"Das wird nicht passieren!" widersprach Commodore Ross. "Außerdem sind die
Mannschaftstransporter der Yorktown sicher schon auf dem Planeten gelandet, sie würden
also zu spät kommen."
"Ich muss es trotzdem versuchen, sir!" Ross sah die Entschlossenheit in
McQueen's Gesicht.
"In Ordnung, Colonel," gab er nach. "Aber bringen Sie mir den Transporter
heil wieder zurück, Sie wissen, dass unsere Bestände arg geschrumpft sind!"
McQueen unterdrückte ein Lächeln. "Aye, sir, ich werde mich bemühen, sir!"
Damit verschwand er von der Brücke und machte sich auf den Weg zum Flugdeck.
Die Geräusche der Schüsse kamen immer näher, jetzt waren sie schon draußen
auf dem Gang zu hören.
"Sie sind gleich da!" rief Damphousse aufgeregt. Alle schauten gebannt auf die
Tür, durch die sie kommen würden. Stuart schien am ruhigsten zu sein. Shane sah ihn an.
"Wenn Sie sich sofort ergeben, wird Ihnen nichts geschehen... "
"Ich weiß," erwiderte Stuart. "Ich werde mich nicht wehren, denn ich will
die anderen nicht in Gefahr bringen. Sie..." Seine Worte wurden unterbrochen, als die
Außentür eingetreten wurde und Marines in den Raum stürmten. Einige von ihnen zielten
auf sie, der Rest verteilte sich, um systematisch die Räume zu durchsuchen.
"Hände über den Kopf legen!" befahl ein Marine, nach seinem Namensschild zu
urteilen, hieß er Cromwell. Sie gehorchten der Anweisung.
"Wir gehören nicht zu den Kolonisten, wir sind diejenigen, die Commodore Ross
geschickt hat," erklärte Shane. Cromwell sah sie unwillig an. "Wer ist Ross?
Uns hat niemand etwas davon erzählt, dass es hier unten außer Chigs und Tanks auch noch
Menschen gibt!"
"Ihr kommt also wirklich nicht von der Saratoga," erkannte Shane. Cromwell wurde
nun hellhörig.
"Saratoga? Nein, wir sind auf der Yorktown stationiert," erklärte er.
"Woher soll ich wissen, dass ihr wirklich die seid, für die ihr euch ausgebt? Ich
muss zuerst dem Captain Meldung erstatten!"
Er gab drei anderen Marines mit einem Wink zu verstehen, dass sie weiter auf die
Gefangenen aufpassen sollten und verschwand in den Nebenraum.
Nach einigen Sekunden kam er mit dem Captain zurück, der sie intensiv musterte. Er
hieß Bradley.
"Geben Sie Ihren Namen und Ihren Rang an, damit ich per Funkgerät bei unserem
Commodore nachfragen kann. Er wird sich dann mit der Saratoga in Verbindung setzen. Aber
es gibt noch einen einfacheren Weg, um zu überprüfen, ob ihr die Wahrheit gesagt
habt," fügte er hinzu.
Er blickte zu Cromwell. "Mach' den Test!" ordnete er an.
Cromwell trat hinter Shane und strich die langen Haare aus ihrem Nacken beiseite.
"Sie ist ein Mensch," bestätigte er. Die gleiche Prozedur wiederholte er bei
Vanessa, Nathan und Paul. Cooper kam als letzter dran. "Er ist ein Tank!"
Cromwell stand hinter Cooper und zielte drohend mit seiner Waffe auf ihn.
"Er gehört zu uns!" erklärte Shane, als sie das Mißtrauen in Cromwell's Augen
sah.
"Das kann ich mir nicht vorstellen, wie kommt so ein fauler Tank zu den
Marines?" fragte er feindselig und stieß Hawkes den Lauf seiner Waffe in den
Rücken, so dass dieser nach vorn stolperte.
Shane warf Cooper einen warnenden Blick zu, damit er ruhig blieb und nicht auf
Cromwell losging.
"Er ist ein vollwertiges Mitglied unserer Einheit!"
"Sie hat Recht, er gehört zu den Wildcardsd... die Namen wurden soeben
bestätigt," warf der Captain ein.
Cromwell ging auf Stuart zu und baute sich vor ihm auf. "Aber dieser da ist keiner
von ihnen, er gehört zu dem Abschaum, der sich hier auf diesem Planeten eingenistet hat.
Wegen euch haben wir viele Männer verloren und ich würde mich mit Freude dafür
revanchieren..." Stuart hielt seinem hasserfüllten Blick stand und ließ sich
keinerlei Angst anmerken. Das machte Cromwell nur noch wütender.
"Lassen Sie ihn in Ruhe, Lieutenant!" befahl der Captain.
Soeben kamen Marines aus dem Nebenraum, in ihrer Mitte führten sie Deanna, Brian und die
kleine Sarah, die sich ängstlich an ihre Mutter klammerte.
"Diese hier haben wir noch gefunden, das waren dann alle," meldete einer von
ihnen.
Bradley nickte. "Abführen! Bringt sie zu den anderen!"
"Was geschieht jetzt mit ihnen?" fragte Cooper.
"Sie werden zurück zur Erde gebracht und dann - keine Ahnung, das ist nicht unser
Problem!" antwortete der Captain. "Für Tanks findet sich immer irgendeine
Verwendung."
Cooper fühlte wieder Wut in sich aufsteigen, aber das schlimmste war, dass er wusste,
dass er absolut nichts dagegen machen konnte. Sie würden sie wegbringen und er würde sie
niemals wiedersehen. Wie um seine Gedanken zu bestätigen, führte man Deanna und Brian an
ihm vorbei.
Sie würdigten ihn keines Blickes. Nur Sarah sah zu ihm und lächelte zaghaft. Cooper
wollte etwas zum Abschied sagen, wusste aber nicht, was. So schaute er ihnen hilflos
hinterher, wie sie aus seinem Blickfeld verschwanden.
Als sie schon fast draußen auf dem Gang waren, entstand Bewegung unter den Marines, die die Gefangenen eskortierten. Einige von ihnen stürzten zu Boden.
Cooper erkannte kurz darauf den Grund dafür: Brian hatte sie blitzschnell
niedergeschlagen und eine Waffe gezogen. Anscheinend war er von den Marines nicht
gründlich untersucht worden.
"Brian, was tust du da?!" schrie Stuart auf." "Leg' sofort das Ding
weg, das ist Selbstmord!" Er stand immer noch bei den Wildcards in der Nähe des
Panoramafensters und wollte in seine Richtung stürzen. Doch er wurde von zwei Marines
festgehalten.
"Du hast doch gehört, was sie gesagt haben, Stu - sie bringen uns zurück zur Erde,
sie werden uns voneinander trennen und in ein Gefängnis oder Umerziehungslager
stecken," verteidigte sich Brian. "Ich weiß, wie es dort zugeht und ich will da
nicht hin - nie wieder!"
Die anderen Marines hatten längst reagiert und ihrerseits ihre Waffen im Anschlag. Brian
drehte sich hastig nach allen Seiten und zielte reihum auf die Marines.
"Ich werde schießen!" Ihm standen Schweißperlen auf der Stirn.
"Brian, bitte, hör' mir zu!" flehte Stuart. "Sie werden dich töten, wenn
du die Waffe nicht wegwirfst!"
"Nein, Stu, wir kommen hier raus!" Brian sah sich im Raum um, bis sein Blick an
Bradley hängen blieb.
"Sie sind der Captain, sagen Sie Ihren Leuten, sie sollen uns gehen lassen, ansonsten
werde ich so viele von euch töten, wie ich schaffe... das ist mein Ernst!"
Bradley schwieg und überschlug in Gedanken seine Handlungsmöglichkeiten. Er würde
nicht auf Brian's Forderung eingehen, aber er wollte seine Männer auch nicht gefährden.
"Bleiben Sie ruhig" beruhigte er ihn und ging ein paar Schritte auf ihn zu.
Er bemerkte, wie Brian zurückwich und in die Reichweite eines Lieutenants kam, nur
noch ein paar Schritte...
"Was ist, worauf warten Sie? Sie haben doch gehört, was ich gesagt habe!"
schrie Brian, als er sah, dass der Captain keine Anstalten machte, ihm zu gehorchen. Dann
erkannte Stuart, in weicher Gefahr sich sein Bruder befand. "Brian, pass' auf -
hinter dir!"
Doch es war schon zu spät. Als sich Brian umdrehte, lief er direkt in die Faust des
Lieutenants.
Der Kinnhaken ließ ihn zurücktaumeln, er schien, als wäre er außer Gefecht gesetzt,
denn er sank auf die Knie und hielt die Waffe nur noch schlaff in der Hand. Zwei Marines
traten vor, um ihn zu entwaffnen und danach zu fesseln, doch sie hatten ihn unterschätzt.
Als sie sich in seiner Reichweite befanden, sprang Brian plötzlich auf, riss' dem einen
seine M-590 aus der Hand, stieß sie ihm in den Magen, schwang herum und versetzte dem
anderen Marine einen Schlag gegen den Kopf, so dass dieser zu Boden ging. In Brian's Augen
leuchtete der Hass, aber auch Panik und Angst auf. Er führte sich auf wie ein wildes
Tier, das man in die Enge getrieben hatte und wich zu der hinter ihm liegenden Wand
zurück, um seinen Rücken freizuhalten. Damit gab er ungewollt eine freie Schußbahn für
die Marines.
"NEEIIN!!" In dem Moment, als sie feuerten, schrie Stuart auf und riss sich
los, um sich in die Schußlinie vor seinen Bruder zu werfen. Doch es war schon alles
vorbei - Brian war unter dem Beschuß zusammengebrochen. Stuart kniete neben ihm nieder,
sah das dunkle Blut aus tödlichen Wunden in seiner Brust sickern. Er blickte in seine
Augen und erkannte, dass noch Leben in ihnen war.
"Oh, warum hast du das nur getan?" Er strich Brian liebevoll über das Gesicht,
bemerkte, wie er krampfhaft hustete. Blut rann aus seinen Mundwinkeln, er versuchte, etwas
zu sagen. Stuart stützte seinen Kopf, um ihm das Sprechen zu erleichtern.
"Es tut mir leid." Brian rang nach Atem und richtete seinen Blick fest auf
seinen Bruder, als ob er sich auf diese Art an ihn und an das Leben klammern könnte.
"Ahhh, es tut so weh..." stöhnte er. "Aber lieber hier... als langsam auf
der Erde... ich hätte es nicht... ertragen..."
"Ja, ich weiß... " Stuart blinzelte ein paar Tränen weg, das Bild verschwamm
vor seinen Augen. "Ich bin bei dir, Brian... du bist nicht allein... weißt du noch
damals, als wir uns das erste Mal trafen, was ich dir gesagt habe?"
Auf Brian's Gesicht erschien ein schwaches Lächeln, seine Worte waren nur noch ein
Flüstern.
"Du sagtest, ich... ich sehe aus... wie dein... Spiegelbild..."
"Ja, Brian, niemand hat uns trennen können, nicht einmal jetzt haben sie es
geschafft..." Er sah auf ihn hinunter, sah, wie er immer schwächer wurde, nur in
seinen Augen blieb bis zuletzt das Leben - bis auch dort nichts mehr war, nichts als Tod
und Kälte. Der Körper seines Bruders verkrampfte sich noch ein letztes Mal und
erschlaffte dann in seinen Armen.
Stuart schloss für einen kurzen Moment seine Augen, um sich zu sammeln, doch selbst
jetzt sah er Brian noch vor sich liegen, blutüberströmt - dieses Bild war von nun an in
seinem Gedächtnis festgebrannt. Er fühlte eine Hand auf seiner Schulter. Als er
hochschaute, blickte er in Coopers trauriges Gesicht.
"Es... tut mir leid," murmelte er. Stuart hatte nicht mehr die Kraft, seine Hand
abzuschütteln. Er sah noch einmal hinunter auf die Leiche seines Bruders und stand
langsam auf. Cooper wusste nicht, wie er seinen Blick deuten sollte, den er ihm zuwarf.
"Erkennst du nun, dass es immer so sein wird?" fragte Stuart herausfordernd.
"Sie und wir werden niemals friedlich nebeneinander leben können."
"Was... meinst du?" Cooper runzelte die Stirn.
"Schau dich doch mal um!" Stuart vollführte eine Geste, die den ganzen Raum
einschloß. "Was siehst du? Du siehst Zerstörung, Blut und Tod!" beantwortete
er seine Frage selbst. "Das ist das einzige, zu dem sie fähig sind ..."
Cooper tat, was Stuart ihn geheißen hatte und blickte sich um. Er sah in die grimmigen Gesichter der Marines, die um ihn herum standen, die meisten von ihnen zeigten keinerlei Gefühlsregungen, der Tod eines Tanks schien ihnen nicht besonders nahe zu gehen. Warum war er überhaupt hier, warum gehörte er zu ihnen? fragte sich Cooper. Er kämpfte täglich mit ihnen, riskierte sein Leben, aber sie würden ihn niemals als einen der ihren akzeptieren...
Warum das alles? Stuart beobachtete ihn und nickte langsam, als er sah, dass Cooper es
begriffen hatte. Dann wurde er von den Marines weggeführt und Cooper machte keinen
Versuch, sie aufzuhalten. Nathan trat auf ihn zu und wollte ein paar tröstende
Worte sagen, doch er sah, dass Cooper nicht mehr ansprechbar war. Er starrte vor sich hin
und schien nichts mehr von seiner Umgebung wahrzunehmen.
"Wir müssen jetzt auch gehen," sagte Shane leise zu ihm. Cooper reagierte
nicht.
Nachdem die Gefangenen den Ausgang passiert hatten, betraten weitere Marines den Raum.
McQueen war unter ihnen. Sein Blick streifte schnell durch den Raum. Er sah Brian's
leblosen Körper auf dem Boden liegen und ahnte, was passiert war. Er sah die Wildcards
daneben stehen und erkannte erleichtert, dass alle unverletzt waren. Sein Gesicht blieb
ausdruckslos, nur seine Augen leuchteten auf, als er zielstrebig auf sie zuging.
"Da sind Sie ja endlich!"
Er blickte besorgt zu Cooper, denn es gefiel ihm nicht, dass er so apathisch dastand. Doch
jetzt war keine Zeit für Mitgefühl.
"Los - gehen wir! Der Mannschaftstransporter startet in dreißig Minuten und wir
müssen weg sein, bevor das Sprengkommando kommt!" ordnete er an. Bei
McQueen's letzten Worten horchte Cooper auf und erwachte aus seiner Starre.
"Sie wollen die Kolonie sprengen, sir?" fragte er. Resignation klang in dieser
Frage mit. McQueen nickte knapp, ohne weitere Erklärungen zu geben und wandte sich zum
Ausgang. Die Wildcards folgten ihm.
Draußen auf dem Gang bot sich ihnen ein Bild des Schreckens: Überall lagen Leichen verstreut auf dem Boden, sie wurden gerade von Marines zur Seite geschafft, um für sie Platz zu machen. Es hing der Geruch von Rauch, Blut und verbranntem Fleisch in der Luft.
Als sie den Gang entlang gingen, kamen ihnen immer wieder gefangengenommene Kolonisten entgegen, mit den Händen über dem Kopf. Cooper sah das alles, doch es zog an ihm vorbei wie die Bilder eines Films, er ließ es nicht an sich heran, sonst würde er wahrscheinlich durchdrehen.
Er hielt den Kopf gesenkt, um so wenig wie möglich vom Tod zu sehen, der ihn umgab. Als er dann zusammen mit den anderen Wildcards im Mannschaftstransporter saß, konnte er sich nur noch schemenhaft an den Weg erinnern, den sie genommen haften, um auf das Flugdeck zu gelangen. Er blickte aus dem Fenster:
Überall standen Hammerheads zum Abflug bereit und Transporter, mit denen die Gefangenen zur USS Yorktown transportiert werden sollten. Irgendwo unter ihnen befand sich auch Stuart und Tresko, falls er noch lebte. Nun hoben sie ab und reihten sich in die lange Schlange von Transportern ein, die zum Hangartor hinausflogen. Die Marines hatten ihre Arbeit erledigt und verließen die Kolonie bzw. das, was von ihr noch übriggeblieben war. Cooper wandte den Blick ab und sah kein einziges Mal wieder zurück, als sie den Planeten verließen.
Nachdem sie Eris III hinter sich gelassen hatten und sich auf halbem Weg zur Saratoga befanden, erstrahlte auf einmal ein grelles weißes Licht durch das Fenster. Cooper wollte nicht hinsehen, doch irgend etwas zwang ihn dazu. Er sah den Planeten in seiner Gesamtheit, seine grüne Farbe und eine riesige kreisrunde Fläche aus Licht, die sich, von einem Punkt ausgehend, in alle Richtungen ausbreitete. Was auch immer dort unten gezündet worden war, es hatte die Kolonie in einem groß angelegten Radius vollständig zerstört.
Nun, wo er den Blick auf dieses Schauspiel gerichtet hatte, konnte Cooper ihn nicht mehr abwenden. Er hatte viel dort unten zurückgelassen, nur die Erinnerungen würden ihm bleiben. Nun glaubte er zu verstehen, was Paul damals gemeint hatte, als er sagte, er hätte seinen Glauben verloren, nach all dem Leid, das er im Krieg gesehen hatte... und er musste sich ständig eine Frage stellen: Warum war alles nur so gekommen?
Als die Wildcards gelandet waren und den Mannschaftstransporter verließen, wurden sie
bereits von Commodore Ross erwartet.
"Ich denke, Sie sollten wissen, warum die Kolonie zerstört werden
musste," sagte er ernst und führte sie in den Besprechungsraum. Dort erklärte er,
wie es zu dem Angriff gekommen war und dass sie keine Schuld an dem Scheitern der
Friedensverhandlungen traf.
Für Cooper war das nur ein schwacher Trost, er wusste, dass er irgend etwas hätte tun müssen, er wusste nur nicht, was - und das trieb ihn in den Wahnsinn.
Nach der Besprechung rief ihn McQueen zu sich, während die anderen Wildcards den Raum
verließen. Der Colonel sah ihn prüfend an, doch Cooper hielt den Kopf gesenkt. Er wollte
jetzt nicht reden.
"Denken Sie darüber nach, was Sie hätten anders machen können, Hawkes?"
fragte McQueen.
Coopers Schweigen war Antwort genug.
"Sie müssen es hinter sich lassen und dürfen nicht weiter darüber grübeln,
sonst wird es Sie zerstören!"
"Sie wissen doch gar nicht, wie ich mich fühle..." sagte Cooper leise.
"Wie können Sie mir da Ratschläge geben?"
"Hawkes!" sagte McQueen etwas lauter, um Coopers volle Aufmerksamkeit zu
erlangen. Seine eindringliche Stimme verfehlte nicht ihre Wirkung und Cooper blickte ihn
direkt an. "Ich weiß, was das für ein Gefühl ist!"
"Das sagen Sie doch nur so, sir..." erwiderte Cooper, obwohl er in McQueen's
Augen sah, dass es nicht so war. Seine Schultern sackten nach unten.
"Wie halten Sie das nur aus?" fragte er. "Ich kann nicht anders, ich muss
andauernd an sie denken, sie haben mir vertraut... und nun ist nichts mehr von ihrer
Kolonie übrig... es waren Marines wie ich, die das getan haben... wie kann ich da jetzt
weitermachen wie bisher?" stammelte er.
"Stuart hatte Recht, es wird sich nie etwas ändern."
McQueen schüttelte den Kopf. "Cooper, Sie müssen jetzt daran denken, dass wir
einen gemeinsamen Feind haben, den wir bekämpfen müssen, sonst werden die Chigs siegen
und die Erde angreifen!"
"Und wenn schon, ich wurde zwar dort geboren, aber ansonsten verbindet mich nichts
mit diesem Planeten, sollen doch die Chigs machen, was sie wollen, ich will nicht mehr
kämpfen... es ist alles so sinnlos..." murmelte Cooper trotzig.
"Genau diese Einstellung hat dazu beigetragen, dass die Natürlichgeborenen uns
hassen... wenn man nichts mehr hat, für das man kämpft, wofür lebt man dann?"
fragte McQueen.
"Ich bin nicht so wie Sie, Colonel, ich kann nicht einfach vergessen, was passiert
ist und weiter für die Natürlichgeborenen kämpfen..."
"Doch, Sie können es! Sie werden, Sie müssen es lernen, Cooper..."
widersprach McQueen.
"Denken Sie an Ihre Kameraden, sie brauchen Sie. Sie wollen doch nicht, dass einer
von ihnen stirbt, nur weil Sie nicht dagewesen sind, um es zu verhindern..."
Cooper dachte über McQueen's Worte nach, sie schienen einen Sinn zu ergeben, aber sie
vermochten nicht das Hauptproblem zu lösen.
"Alles in Ordnung, Hawkes?" fragte McQueen, da er schwieg.
Cooper nickte zögernd. "Ich werde versuchen, es hinter mir zu lassen, sir."
"Das hoffe ich." McQueen entspannte sich etwas und wechselte übergangslos das
Thema.
"Jetzt, wo das geklärt ist, sollten Sie sich ausruhen. Lassen Sie Ihre Kopfwunde
noch einmal untersuchen, der Verband muss gewechselt werden."
Cooper wusste zunächst nicht, wovon der Colonel sprach, an seine Kopfverletzung hatte er gar nicht mehr gedacht, seit... Er schloß schnell die Augen, um die Bilder zu verdrängen, die, wie aus dem Nichts erschienen. Ihm war nicht bewusst, dass er seine Hände zu Fäusten ballte und sie gegen seine Schläfen presste erst, als er McQueen's festen Griff um seine Handgelenke spürte, ließ er los. Cooper sah in das besorgte Gesicht des Colonels.
"Ich begleite Sie am besten selbst zur Krankenstation, Hawkes," schlug er vor. Cooper nickte abwesend, denn auf einmal fühlte er sich sehr schwach. McQueen beobachtete ihn unauffällig von der Seite, um herauszufinden, wie schlimm es wirklich um ihn stand. Er hoffte, dass sein geistiger Zustand nicht so schlimm war, dass der Arzt die gleichen Maßnahmen ergreifen musste wie bei Nathan. Er wollte das Ganze nicht noch einmal durchmachen.
Cooper ging von der Krankenstation zurück zum Mannschaftsquartier der Wildcards. Er hielt sich vor Erschöpfung nur noch mit Mühe auf den Beinen und musste sich mehrmals an der Wand abstützen, um nicht zusammenzubrechen. Der Arzt hatte ihm wieder Medikamente verabreicht und Cooper fühlte sich irgendwie merkwürdig.
Er betrat das Quartier und bemerkte nur noch am Rande seines Bewußtseins, dass die anderen bereits schliefen. Er ließ sich kraftlos auf seine Koje fallen und tat es ihnen nach.
Sein Schlaf war zunächst traumlos, seine Atemzüge langsam und gleichmäßig. Dann auf
einmal veränderte sich der Atemrhythmus, beschleunigte sich und die Augen hinter den
verschlossenen Lidern bewegten sich unkontrolliert, als ob sie imaginäre Bilder sehen
würden - die Anzeichen eines Traumes...
Cooper fühlte ein schweres Gewicht auf seiner Brust und schlug die Augen auf. Es war
dunkel, er konnte nicht das mindeste sehen. Er versuchte, zu atmen, doch der Druck auf
seinen Lungen machte dies unmöglich. Er streckte die Arme aus und stieß sofort an ein
Hindernis, weniger als eine Armlänge direkt vor ihm. Er wandte sich zur anderen Seite und
wiederholte die Bewegung - mit dem gleichen Ergebnis. Cooper drehte sich im Kreis, doch er
war von allen Seiten eingeschlossen. Dann erkannte er, wo er sich befand - in einem Tank,
die gleiche Vorrichtung, in der er bereits 18 Jahre verbracht hatte. Die Enge, die ihn
einschloß und die er nicht sehen, nur fühlen konnte, zog sich um ihn zusammen. Er
hämmerte panisch gegen die Wände des Tanks, um sich zu befreien - ohne Erfolg. Gerade,
als er es nicht mehr aushalten konnte, verschwand das Hindernis und er stolperte in einen
Raum, der keine sichtbaren Grenzen hatte. Er blickte sich um, die Dunkelheit hatte sich
aufgelöst und war einem dämmrigen Licht gewichen. Im Zentrum des Lichts stand jemand,
der ihm den Rücken zukehrte, eine Frau, die nach unten auf einen undefinierbaren
Gegenstand am Boden blickte.
Cooper trat näher und erkannte, dass das Ding auf dem Boden ein Mensch war. Er spürte augenblicklich eine schleichende Angst, die sich mit jedem Schritt, den er machte, vergrößerte, er fürchtete sich vor dem, was er sehen würde. Den Blick starr nach unten gerichtet, schritt er langsam, aber unaufhörlich darauf zu, bis er es sehen konnte. Hastig wandte er den Blick ab - vor ihm lag ein Toter auf dem Boden - es war Brian, der genauso aussah, wie in dem Augenblick, als er starb. Cooper blickte nun zu der neben ihm stehenden Frau und war nicht überrascht zu sehen, dass sie es war - sie, die er auf Tigris gesehen hatte.
"Warum verfolgst du mich?" fragte er. Sie antwortete nicht und sah hinunter
auf den Boden.
Cooper folgte ihrem Blick und wich erschrocken zurück. Dort lag immer noch ein Toter,
aber seine Gesichtszüge hatten sich verändert. Nun sah er aus wie Pags.
Cooper schüttelte langsam den Kopf, als könnte er dadurch verneinen, was er sah. Er
drehte sich um und wollte weglaufen, doch vor ihm stand plötzlich die Frau und versperrte
ihm den Weg.
"Du musst hinsehen!" befahl sie. Cooper packte das Entsetzen, er wollte in eine
andere Richtung ausweichen, doch egal, wohin er lief, überall befand sie sich vor ihm und
hielt ihn auf. So wurde er schließlich zurückgedrängt und stand wieder vor dem Toten.
Er weigerte sich hinzusehen, aber dann tat er es doch und schauderte. Diesmal sah er Shane
dort liegen, blutüberströmt, mit leblosen Augen, die gebrochen nach oben starrten.
"Nein!!" schrie Cooper auf und kniff die Augen zusammen, um es nicht länger
sehen zu müssen.
Als er sie wieder öffnete, hatte der Tote Vanessa's Gesichtszüge angenommen und bevor er
den Blick abwenden konnte, veränderte sich das Gesicht vor seinen Augen, bis es wie das
von Paul aussah.
"Was ist das??" wollte er wissen.
Die Frau stand auf einmal neben ihm und blickte ihn mit ihren kalten Augen an. "Die Vergangenheit - und die Zukunft..." sprach sie mit ihrer unheimlichen Stimme.
Cooper lief ein Frösteln den Rücken hinunter. Das musste alles ein Traum sein, dachte er. Seltsamerweise beruhigte ihn dieser Gedanke nicht. Er blickte wieder auf den Boden. Wenn das nur ein Traum war, dann brauchte ihn nichts zu erschüttern, was er hier sah.
Jetzt sah er sich selbst dort liegen - tot, die Augen geschlossen. Cooper überwand seine Angst und trat näher. Das kann nicht sein, dass bin ich nicht! versuchte er, sich selbst zu beruhigen. Er kniete nieder, um sich davon zu überzeugen. Das, was vor ihm lag, trug seine Gesichtszüge, nur waren sie wie im letzten Todeskampf verzerrt und überall war Blut. Für einen Traum sah das erschreckend echt aus, überlegte er. Cooper beugte sich über den Oberkörper des Toten, er wollte sehen, woran er gestorben war. Dann geschah das Unfassbare: Etwas packte ihn an seinem Handgelenk und drückte es fest zusammen. Cooper schrie vor Schmerz auf, aber als er sah, wie sich die Augen des Toten, der ihn festhielt, sprunghaft öffneten, erreichte sein Schmerz ein neues Maß an Intensität. Er blickte in die nichtmenschlichen, dunkel funkelnden Augen des Wesens.
"Du bleibst bei mir!" sprach das Ding, das wie Cooper aussah und verzog das Gesicht zu einem Grinsen. Cooper wehrte sich gegen den Griff, er riss sich mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, los und rannte durch die Dunkelheit. Er blickte hinter sich, um sich zu vergewissern, ob er verfolgt wurde, doch es war nichts zu sehen. Also wandte er sich um und lief...
...gegen eine Wand, die vor ihm aufgetaucht war. Cooper stöhnte vor Schmerzen auf und rieb sich die Stelle, wo es so höllisch weh tat. Es war immer noch dunkel, doch er konnte Schemen ausmachen, die sich nach und nach zu den Umrissen des Quartiers verdichteten. Die Wand, gegen die er gerannt war, entpuppte sich als die Unterseite des über ihm liegenden Bettes, er musste sich während des Traumes aufgesetzt und sich den Kopf gestoßen haben. Cooper atmete erleichtert auf - der Alptraum war endlich vorbei. Er strich sich über die Augen, um die Bilder abzuschütteln, dabei bemerkte er, dass seine Hände zitterten.
Oh man, das war wirklich hart gewesen, dachte er. Vielleicht wäre es doch besser, wenn die Natürlichgeborenen mit ihrem Vorurteil Recht hätten, dass InVitros unfähig waren, zu träumen. Auf Träume wie diesen konnte er gut und gerne verzichten. Cooper drehte sich aus der Rücken- in die Seitenlage und schaute sich um. Automatisch fiel sein Blick auf Shane's Koje, die seiner schräg gegenüber lag und er bemerkte, dass sie wach war und ihn beobachtete.
"Alles in Ordnung, Coop?" fragte sie leise. Er nickte, wobei ihm einfiel,
dass sie es in der Dunkelheit vielleicht nicht sehen konnte. "Ja," bestätigte
er.
Shane schien nicht überzeugt zu sein, denn sie stand geräuschlos von ihrem Bett auf und
ging zu ihm. Dort kniete sie sich nieder, um ihm in die Augen sehen zu können.
Mit Cooper war nicht alles in Ordnung, erkannte sie. Er sah aus wie ein
verängstigtes kleines Kind.
"Willst du darüber reden?" fragte Shane und nahm seine Hand in die ihre.
"Nein." Coopers Stimme klang gequält. Shane sah, dass es nutzlos war, ihn zum
Reden zu zwingen, deshalb schwieg sie.
"Warum sterben eigentlich alle Menschen, die mir etwas bedeutet haben?" fragte
Cooper nach einer Weile. Shane schreckte aus ihren Gedanken hoch, dann dachte sie über
seine Frage nach.
"Ich weiß es nich...t" antwortete sie ehrlich. "Es geschieht
einfach."
"Ich will nicht, dass es wieder passiert," erwiderte Cooper. "Es macht mir
Angst..."
Shane nickte und sah ihn mitfühlend an. "Ich weiß, wie das ist, man sieht Menschen
sterben und fragt sich, ob man vielleicht schon bald der nächste ist... diese Angst
lässt einen nie los..."
"Ja, genau das meine ich." Cooper atmete tief ein. "Außer diesem
Gefühl spüre ich gar nichts mehr, da ist nichts als... Leere... seitdem das auf...Eris
III passiert ist... ich will nicht, dass ich noch einmal diesen Verlust fühle... dieses
gewaltsame Zerreißen einer... Verbindung... ach, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken
soll!" Cooper verstummte. Er war ärgerlich darauf, dass er unfähig war, seine
Gefühle in Worte zu fassen.
Shane drückte seine Hand. "Ich verstehe es, Cooper..." beruhigte sie ihn.
"Wirklich?" Cooper hob den Kopf. Es bedeutete ihm viel, dass er seine Gefühle
mit jemandem teilen konnte, dass er nicht allein damit war.
"Wir werden dir helfen," sagte Shane. "Wenn du jemanden zum Reden brauchst,
dann bin ich für dich da... das verspreche ich dir."
"Danke, Shane..." Cooper fühlte sich unsagbar erleichtert und mit einem Male
auch sehr müde.
"Versuch wieder einzuschlafen," sagte Shane, die das bemerkte.
"Ich... ich kann nicht... ich habe Angst, dass sie dann wieder kommt..."
Cooper sah sie panisch an.
"Wen meinst du?" Shane klang besorgt.
"Die Frau in meinem Traum, sie verfolgt mich..." Cooper unterdrückte ein
Zittern.
"Die Frau, von der du schon einmal geträumt hast?" Cooper nickte.
Shane sah ihn eindringlich an. "Du brauchst keine Angst zu haben... vielleicht
sind die Medikamente, die dir der Arzt gegeben hat, an deinen Alpträumen schuld..."
versuchte sie zu erklären.
Cooper nickte langsam, er wollte daran glauben, aber tief in seinem Innersten wusste er,
dass es nicht so war. Diese unbegründete Gewißheit machte ihm Angst.
Shane sah die Furcht in seinen Augen. "Wenn es dir hilft, dann bleibe ich hier, bis
du eingeschlafen bist, okay?"
"Das würdest du tun?" fragte Cooper hoffnungsvoll. Shane nickte und zog seine
Bettdecke, die zerknüllt am Fußende der Koje lag, über ihn, wobei sie die ganze Zeit
seine Hand hielt.
Cooper lag auf der Seite und schaute sie an. Shane lächelte zaghaft und er entspannte sich langsam. Nach einigen Minuten war er eingeschlafen und atmete ruhig. Shane beobachtete ihn noch eine Weile, um sicherzugehen, dass ihn keine weiteren Alpträume verfolgten. Dann löste sie seine Hand aus der ihren, legte sie sachte zurück unter die Decke und strich ihm sanft über das Haar.
Shane stand langsam auf und wandte sich ab, um zu ihrem Bett zu gehen. Dort lag sie lange Zeit und starrte die Decke über ihr an, denn der Schlaf wollte nicht kommen. Vielleicht war es besser so, dachte sie, denn mit dem Schlaf kamen die Alpträume - jede Nacht, seit ihrem achten Lebensjahr. Ihre Gedanken schweiften ab, zu glücklicheren Tagen, als noch alles in Ordnung war...und sie bemerkte nicht, dass sie nun doch eingeschlafen war.
Der Traum begann - sie kannte ihn auswendig, denn er lief immer in der gleichen Weise ab. Shane bewegte sich unruhig im Schlaf, sie versuchte, den Ereignissen, die sich vor ihrem geistigen Auge abspielten, zu entkommen, doch sie musste sie mitverfolgen, unfähig, das schreckliche Ende aufhalten zu können...
"Der Ort unserer persönlichen Hölle ist das Gedächtnis und seine unerschöpflichen Tiefen."
Marcel Jwhandeau
Nachdem sich die Aufregung gelegt hatte und Nachtruhe auf der Saratoga einkehrte, trafen sich Ross und McQueen im Quartier des Commodores, um eine Runde Scotch zu trinken - ein Ritual, das sie oft nach einem besonders streßreichen Tag in aller Ruhe vollzogen. Ross hatte es sich in dem Stuhl hinter seinem Schreibtisch bequem gemacht, McQueen saß ihm gegenüber. Wie so oft, schwiegen sie auch dieses Mal die meiste Zeit über und hingen ihren Gedanken nach.
"Welche Befehle hat die Saratoga bekommen?" fragte
McQueen.
"Unser Auftrag wurde geändert, wir fliegen jetzt zum Planeten Daedalus. Dort sind
mehrere Bodeneinsätze geplant. Die Chigs haben dort ein riesiges unterirdisches
Tunnelsystem angelegt, in dem sie ihre Munitionsvorräte verstecken, mit dem sie den
ganzen Sektor versorgen. Die Depots müssen zerstört werden," erklärte der
Commodore. "Es dauert acht Tage, bis wir dort ankommen, so dass sich Ihre Leute
ausruhen können," fügte er hinzu, denn er ahnte, woran der Colonel dachte. McQueen
nickte und es herrschte erneutes Schweigen.
"Sie wollen nicht darüber reden, oder?" fragte Ross plötzlich. McQueen
schüttelte den Kopf und blickte starr geradeaus. Er weigerte sich, daran zu denken, es
hatte keinen Sinn, über etwas nachzusinnen, dass man nicht ändern konnte und dass vorbei
war.
"Sie müssen ein sehr einsamer Mann sein, Colonel," stellte der Commodore fest.
McQueen runzelte die Stirn. "Wie meinen Sie das, sir?"
"Nun..." Ross beugte sich zu seinem Tisch vor, um sein Glas nachzufüllen.
"Sie riskieren Ihr Leben für die Wildcards in einer Weise, die weit über die
Pflicht eines kommandierenden Offiziers hinausgeht. Sie werden von ihnen respektiert, aber
jede freundschaftliche Annäherung ihrerseits weisen Sie zurück..."
"Wenn es hilft, dass meine Männer länger leben und jeden Einsatz heil überstehen,
ist es mir das wert!" erklärte McQueen ernst. Ross nickte nachdenklich, doch McQueen
sah, dass ihn diese Antwort nicht zufriedenstellte.
"Sie sind doch der Commodore dieses Schiffes. Sie wissen, wie es ist, wenn man ein
Kommando führt. Das kann nur funktionieren, wenn die Befehlshierarchie streng eingehalten
wird," fügte er hinzu.
Ross seufzte. "Ja, ich weiß es, und manchmal wünschte ich mir, ich könnte die
Verantwortung abstreifen und einfach ich selbst sein..." erwiderte er.
"Sir?! Ich verstehe nicht ganz..." McQueen runzelte erneut die Stirn.
Ross sah ihn prüfend an. "Haben Sie denn noch nie diesen Wunsch verspürt,
Colonel?"
"Nein, ich bin immer ich selbst, wenn ich das Kommando führe..."
Ross blickte ihn erstaunt und irgendwie traurig an. Dann lehnte er sich in seinem Sessel
zurück und nippte an seinem Glas, wobei er einen kurzen Blick auf das gerahmte Foto warf,
das auf seinem Schreibtisch stand.
"Das glaube ich Ihnen sogar, Ty... Sie kennen nichts anderes als das Corps, Sie haben
keine Familie..." McQueen folgte seinem Blick und schaute ebenfalls auf das Foto.
"Haben Sie diese Art zu leben selbst gewählt, oder hat Sie etwas oder jemand dazu
gezwungen?" fragte Ross.
McQueen starrte an ihm vorbei und dachte über diese Frage nach.
"Beides," antwortete er nach einer Weile. Dann sah er den verwirrten Blick des
Commodores und versuchte, es näher zu erläutern. "Wissen Sie, ein Dichter des 18.
Jahrhunderts hat einmal gesagt: 'Wohl dem, der gelernt hat, zu ertragen, was er nicht
ändern kann und preisgeben mit Würde, was er nicht retten kann.' - Es steckt viel
Wahrheit in diesem Ausspruch..." Ross nickte und glaubte zu verstehen.
McQueen nippte abwesend an seinem Scotch und schwieg.
Er schien in Gedanken weit weg zu sein - an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit...
EPILOG
"Ich weiß nicht, wer mich in die Welt gesetzt hat, noch was die Welt, noch was ich selbst bin... Ich sehe diese grauenvolle Räume des Alls, die mich einschließen und bin an einem Winkel dieses weiten Weltenraumes gefesselt, ohne zu wissen, weshalb ich an diesen Ort gesetzt worden bin und nicht an einen anderen; warum die kurze Zeit, die mir zum Leben gegeben ist, gerade in dem Moment und nicht in einem der ganzen Ewigkeit, die mir vorausgegangen ist und mir folgt, gemessen wurde.
Ich sehe ringsum nur Unendlichkeiten, die mich einschließen wie ein Atom und wie ein Schatten, der nur einen Augenblick dauert ohne Wiederkehr. Alles, was ich kenne, ist, dass ich bald sterben muss, aber was ich am wenigsten kenne, ist gerade dieser Tod, den ich nicht zu vermeiden weiß."Biaise Pascal
Claudia Silberborth
Copyright © 1999 Alle Rechte beim Autor. Nachdruck, aus Auszugsweise, Veröffentlichung oder Vervielfältigung jeglicher Natur ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors erlaubt.
Die Charaktere
und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen
Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und
basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei
erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above &
Beyond" von Glen Morgan und James Wong überein.
Erklärung: Diese Seite ist nicht von FOX
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James Wong autorisiert. Copyright Verletzung ist in keinster Weise
beabsichtigt !