... und das Leben geht weiter
(Teil 4)

Sam war gerade von McQueen über die bevorstehende Abreise von Cooper und Nathan unterrichtet worden. Das Frühstück ließ sie unberührt stehen, um so schnell wie möglich zur Krankenstation zu gehen. Dort traf sie auf einen nervösen Cooper, der krampfhaft an dem von ihr gebrachten Teddy festhielt. Als er Sam sah, hellte sich sein Gesicht auf.

"Ich hab gehofft, dass du noch mal herkommst."
"Hey, ich lass‘ dich doch nicht einfach so nach Hause fliegen."
"Nach Hause?"
Sam bemerkte den Fehler und seufzte. " 'Tschuldigung. Reine Gewohnheit."
"Is' okay. Vielleicht denke ich irgendwann mal genauso."

Eine Weile sahen sie sich nur an, bis sich Sam zu ihm aufs Bett setzte und seine Hand ergriff. Cooper lächelte.

"Hör zu..." begann Sam. Es fiel ihr schwer, weiter zu reden, denn sie wollte vermeiden, ihre Sorge wegen ihm zu zeigen. "Ich weiß, dass es kein Urlaub für dich wird, aber wenn du die Möglichkeit hast, etwas über sie herauszufinden, solltest du es tun."

Erst dachte Sam, Cooper hätte nicht verstanden, was sie gemeint hatte, doch dann zog er ihre Hand näher zu ihm heran, welche noch immer seine festhielt. Dann tat er etwas, womit Sam nie im Leben gerechnet hätte. Ganz sanft berührten seine Lippen ihre Fingerknöchel. Diese Geste verursachte, dass sie erst ein paar Sekunden später merkte, dass sie die Luft angehalten hatte. Das einzige, was ihr dazu einfiel, war, es ihm gleichzutun. Abermals sahen sie sich für eine Weile nur in die Augen, bis Sam den intensiven Blickkontakt brach und schnell das Zimmer verließ.

McQueen wartete bereits mit Nathan im Gang. Sam verabschiedete sich mit einer herzlichen Umarmung bei ihm und meinte, dass mit ihm bald alles wieder okay sein würde. Er flüsterte ihr daraufhin ins Ohr, dass er auf Cooper aufpassen würde. Mit einem schwachen Grinsen nahm sie dies zur Kenntnis. Dann wünschte sie ihm einen sicheren Flug und ging.

McQueen begleitete Cooper und Nathan noch zum Transporter. Er wollte etwas sagen, aber es kam einfach nichts über seine Lippen. Auch der ängstliche Blick von Cooper und der unsichere Gesichtsausdruck von Nathan konnten daran nichts ändern. Er wusste, dass ohne die beiden keiner seiner Wildcards mehr an Bord sein würde. Das machte die Sache um so schwieriger. Selbst auf der Erde zu sein und sie hier auf der Saratoga zu wissen, war etwas anderes gewesen. Aber nun sollte es genau andersrum sein. Und dies machte ihm mehr Angst, als sie auf eine Mission gegen die Chigs zu schicken.

"Colonel... wir müssen jetzt einsteigen."
"Ja... Passen Sie auf sich auf. Sie beide." Er sah Nathan, dann Cooper an. "Ihren wichtigsten Auftrag haben Sie nämlich noch lange nicht erfüllt."

Da beide nickten, wussten sie wohl, was er damit gemeint hatte.

Dann stiegen Hawkes und West ein. Sie blieben an der Luke stehen und sahen zu ihm, bis die Tür sich schloß. McQueen atmete zweimal lange ein und aus, um sich dann auf den Weg zur Brücke zu machen.

Während Cooper und Nathan auf dem Weg zur Erde waren, hatte das 58ste einen weiteren Bodeneinsatz. Zwar verfolgte McQueen wie immer das Geschehen, aber Ross merkte sehr wohl, dass er nicht 100%ig bei der Sache war. Es war natürlich, dass er sich Sorgen um seine Jungs machte. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Hoffentlich würde diese Sorge diesmal nicht seine Arbeit beeinträchtigen.

"Lieutenant West, Lieutenant Hawkes."

Zwei Ärzte begrüßten Nathan und Cooper nach ihrer Ankunft in Kalifornien. Es war das erste Mal seit fast zwei Jahren, dass sie die Erde betraten. Für Cooper bedeutete dies nicht besonders viel, aber Nathan war schon ein wenig überwältigt. Auf dem Flug hatte er ein weiteres Mal das Bewusstsein verloren, diesmal für über eine Stunde. Cooper hatte noch immer die Besorgnis in seinen Augen. Als einer der Ärzte Nathan am Arm fasste und sagte, dass er nun mitkommen sollte, griff Cooper nach dessen Hand, um sie grob zu entfernen. Der Arzt zuckte erschrocken und mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammen und sofort kamen zwei MPs angerannt.

"Hey, schon okay. Hawkes wollte sie nicht verletzen. Er dachte nur, dass sie..."
"Ist mir ziemlich egal, was ein Tank denkt. Wenn er das noch mal macht, verbringt er seinen Aufenthalt hier im Gefängnis. Klar?!"

Nathan schluckte. Dr Markenson hatte sich mit dieser Bemerkung bei ihm und mit Sicherheit auch bei Cooper alles andere als beliebt gemacht. Und dieser Mensch sollte ein Arzt sein... Als er zu Cooper sah, bemerkte er den Anflug der Wut, die sein Freund bei solchen Bemerkungen immer zur Schau brachte. Auf der Saratoga war dies nicht mehr so häufig der Fall und dank Colonel McQueen hatte Hawkes gelernt, seine Wut unter Kontrolle zu haben. Meistens zumindest.

"Ist okay, West. Ich komm schon klar." Ein kleines Grinsen umspielte nun Cooper‘s Mundwinkel und Nathan entspannte sich ein wenig. Er fragte sich, wie er hier gesund werden sollte, wenn er sich auch noch um die rassistischen Anfeindungen gegenüber Hawkes Sorgen machen müsste. Aber anscheinend hatte dies Cooper erkannt. Zumindest konnte er keine Anzeichen eines Ausbruchs von Cooper entdecken und so nickte er.

"Wo bringen Sie Lieutenant Hawkes hin?" fragte Nathan schließlich.
"Wir werden Sie beide erst einmal gründlich untersuchen. Und da Sie Ruhe, absolute Ruhe brauchen, werden Sie in den nächsten Tagen auch erst mal keinen Kontakt zu anderen haben."

Das gefiel weder Nathan noch Cooper. Sie wollten gerade protestieren, als Dr. Markenson hinzufügte: "Das soll nicht heißen, dass Sie in ihren Zimmern eingeschlossen werden. Aber es ist für Ihre Genesung vorteilhafter, wenn Sie Ihren Kopf absolut frei haben."

<Klar...> dachte Nathan. <So mache ich mir nur tierisch große Sorgen um Coop.>
"Wenn jetzt alles geklärt wäre..." Der Arzt drängte nun, um mit seiner Arbeit beginnen zu können.
"Du kommst wirklich klar?!"
Mit einem Nicken bestätigte Cooper. "Ich bin doch kein Kind mehr." grinste er.

Dann drehte er sich um und folgte einem der anderen Ärzte. Nathan sah ihm noch eine Weile hinterher, bis auch er von Dr Markenson auf sein Zimmer gebracht wurde.

Cooper saß eine Zeitlang später auf seinem Bett, die Augen geschlossen. Es hatte ihn viel Überwindung gekostet, vorhin so ruhig zu bleiben. Doch er wusste nur zu gut, dass ein Ausraster von ihm Nathan überhaupt nicht gut getan hätte. Und er hatte versucht, seine Angst zu verbergen, als er von Nathan getrennt worden war. Er fühlte sich hier wie in der Höhle des Löwen. Eingeschlossen, unter Aufsicht, alleine. Schlimmer als damals in der IV Erziehungseinrichtung. Da waren wenigstens noch andere wie er gewesen. Aber hier... er öffnete die Augen und sah sich im Zimmer um. Kahle, weiße Wände. Nichts außer einem Bett sowie die Tür zum kleinen Badezimmer. Unbewusst griff er zu seiner Tasche und holte den Teddy heraus. Mit diesem im Arm setzte er sich völlig aufs Bett rutschte weiter hoch, bis er mit dem Rücken an der Wand lehnte. Dann schloß er abermals die Augen. Das erste, was ihm einfiel, war die Zeit während seiner Entgiftung. Er schauderte bei dieser Erinnerung. Aber damals hatte er wenigstens die 'Cards gehabt. Jetzt... jetzt hatte er niemanden. Sam... er dachte an Sam. Das brachte ein Lächeln auf sein Gesicht, welches jedoch schnell verschwand, da sie auch nicht hier war. Er wusste nicht mal, ob sie da draußen die letzten Einsätze überlebt hatte.

Und Nathan...

"Scheiße..." murmelte er und atmete verärgert aus. Dieses Zimmer würde ihn bald verrückt machen. Aber was sollte er tun? Etwas anderes gab es hier nicht, außer sich um alles mögliche Gedanken zu machen. Wenigstens hatte das Zimmer ein Fenster. Also stand er auf und als er am Fenster angelangt war, öffnete er es. Obwohl es noch Frühling war, schien die Sonne und es war angenehm warm. Kalifornien... Shane kam aus Kalifornien. Sie hatte ihm mal vom Herbst erzählt, kurz vor ihrer "Selbstmordmission". Damals hatte er nicht so ganz verstanden, was das mit Kalifornien und den Jahreszeiten auf sich hatte, da es in Philadelphia im Herbst schon sehr kalt gewesen war. Aber nun wusste er es. Zwar gab es einen Unterschied zwischen Herbst und Frühjahr, aber das störte ihn im Moment überhaupt nicht. Er genoß einfach die warmen Sonnenstrahlen, während er sich auf die Fensterbank lehnte und weiteren Erinnerungen nachhing.

Zwei Tage später waren die Ärzte zumindest bei Nathan keinen Schritt weiter gekommen. Cooper schien sich relativ schnell zu erholen. Und das ohne Medikamente. Zwischen den ganzen Tests war Cooper immer wieder in der riesigen Parkanlage spazieren gegangen, so wie er es verordnet bekommen hatte. Und es hatte ihn beinahe zu Tode gelangweilt. Immer öfter musste er ans Fliegen denken, das Gefühl, in seinem Hammerhead durchs All zu gleiten. Dieses Nichtstun war einfach schrecklich, fast so wie das Alleinsein. Das machte ihm richtig zu schaffen. Einmal war es ihm gelungen, sich in Nathan‘s Zimmer zu schleichen, aber dieser hatte geschlafen. Tief und fest, so dass er es nicht übers Herz gebracht hatte, Nate zu wecken. Obwohl er einfach mal mit ihm reden musste. Einfach so, nur, um wieder eine vertraute Stimme zu hören. Diese ganzen Ärzte und Schwestern trieben ihn noch mal in den Wahnsinn.

Er konnte genau spüren, dass ein InVitro hier nicht gern gesehen war, auch wenn er ein Mitglied des United States Marine Corps war. Das interessierte niemanden. Jedenfalls hatte er noch niemanden getroffen, der sich etwas intensiver um ihn kümmerte. Sie holten ihn zu den Tests ab, untersuchten ihn, und ließen ihn dann wieder mit sich selbst alleine. Aber wenn er in den Park ging, bekam er ein Sicherheitsarmband umgeschnallt. Das sollte er tragen, damit sie wissen würden, wo er war, falls ihm etwas passieren sollte. Mit einem Zähneknirschen hatte er dies hingenommen. Er wusste nur zu gut, wofür es wirklich war. Es wurde ihm zwar vertraut, wenn es um ein solch teures Flugzeug wie eine Hammerhead ging, aber hier, zurück auf der Erde, bestand ja die Gefahr, dass er bei der erst besten Gelegenheit desertieren würde. Als ob er abhauen und Nathan hier zurücklassen würde... Da kannten sie Cooper Hawkes wirklich sehr schlecht. Wenigstens hatte er nicht mehr das Gefühl, dass dies alles nur eine Falle von Aerotech war. Nicht, dass er ihnen vertrauen würde. Aber er glaubte, dass sie zumindest Nathan wirklich helfen wollten. Wahrscheinlich untersuchten sie ihn nur deswegen so gründlich, weil sie hofften, über ihn mehr über Nathan herauszufinden. Aber das war ihm egal. Solange sie bald wieder von hier verschwinden könnten, und zwar gesund, zerbrach er sich deswegen nicht den Kopf. Er tat einfach das, was sie von ihm erwarteten. Das hätte McQueen gewollt und es war auch das beste für Nathan. Soweit er gehört hatte, hatte West nur noch einmal das Bewusstsein verloren, wenn auch für beinahe zwei Stunden. Die Ursache dafür war noch immer ein Rätsel, auch wenn Dr Wilson, sein Arzt, meinte, dass sie Fortschritte machen würden. Auch das hatte Cooper nur mit einem misstrauischen Blick kommentiert. Morgen würden die Tests mit ihm beendet sein, so dass er nun die Freiheit hätte, das Krankenhaus zu verlassen. Natürlich würde er dies nicht tun. Aber er hatte etwas vor, einen Besuch. Er hatte zwar keine Ahnung, ob es das richtige war, aber da ihm niemand vom Gegenteil überzeugen würde, würde er es einfach tun.

Auf der Saratoga

"Das ist sie."

Sam und Robert betraten gerade die Taverne, als eine ganze Gruppe von Marines sie anstarrte. Das machte sie schlagartig nervös. Eine Sache, die sie gar nicht mochte war, wenn die Auf samkeit anderer auf sie gelenkt war. Und die Blicke, die ihr zugeworfen wurden, verunsicherten sie noch mehr.

Robert bemerkte dies und drückte sie sanft dem Tisch von Charly und dem Rest ihrer Einheit entgegen. Er setzte sich absichtlich auf den Stuhl neben Anderson, so dass Sam mit dem Rücken in den Raum saß. So bekam sie wenigstens nicht mit, als die Marines ihre Köpfe zusammensteckten und sehr wahrscheinlich über sie redeten. Er war froh, dieses Gespräch nicht mitzubekommen, denn es schien sich um nichts nettes zu handeln.

"Na, was habt ihr beiden denn so lange getrieben?" fragte Brian grinsend. Sam verdrehte die Augen.
"Dreimal darfst du raten, Conroy. Ich gebe dir einen Tip: Etwas, in welchen Genuß du niemals kommen wirst." Nun grinsten sie alle, bis auf Anderson. Er beobachtete noch immer das andere Geschwader und er hatte das dumpfe Gefühl, dass nichts gutes auf sie zukam.
"Nach den vergangenen Monaten hätte ich nicht gedacht, dass die Chigs noch so aggressiv sein können. Die haben uns in den letzten Tagen ganz schön eingeheizt, was?"
Sam sah Charly nach deren Bemerkung kritisch an.
"Man merkt, dass du noch nicht so lange hier bist, Mitchel, sonst würdest du nicht solch einen Mist ablassen."
"Hey, was soll das denn? Ich..."
"Schluss damit," mischte sich Anderson ein. "Ich bin hier, um das Kämpfen für eine Weile vergessen zu können. Aber wenn ihr anders denkt, tut das bitte woanders."

Von da an herrschte schweigen. Chris war mittlerweile ebenfalls in der Taverne und saß wie so oft alleine an der Bar. Ohne Cooper hatte er sich wieder völlig von allen entfernt und manchmal wünschte sich Sam, dasselbe zu tun. Aber sie wollte jetzt nicht alleine sein, da sie sonst nur noch mehr an Cooper dachte. Nie hätte sie für möglich gehalten, einen Menschen so vermissen zu können wie ihn jetzt. Dabei kannten sie sich nicht mal drei Monate, während sie mit Mike beinahe ihr halbes Leben verbracht hatte. Sam war so tief in ihren Gedanken versunken, dass sie weder Robert bemerkte, der unruhig auf seinem Stuhl hin und herrutschte, noch Kyle, dessen flaues Gefühl sich mal wieder zu bestätigen schien, als zwei der von ihm beobachteten Marines aufstanden und in Richtung ihres Tisches kamen.

"Hey..." rief einer von ihnen laut durch den Raum. "Ihr seid doch das 58ste oder?"
Robert schluckte. Was hatte dies wohl zu bedeuten?
"Entweder du bist blind oder blöd," zischte Anderson. "Andererseits würdest du nicht solch dumme Fragen stellen."
"Weder noch. Ich wollte nur siche gehen, ob wir in unseren Gesprächen nicht über die falschen herziehen."
"Und was für ein Problem hast du, Soldat?" Anderson wurde langsam sauer. Er hatte alles andere als Lust, sich auf einen Streit einzulassen. Aber er war genervt, aber da er hier noch der einzige Captain war, konnte er diesen aufkommenden Streit noch verhindern.
"Ich... wir fragen uns die ganze Zeit, wie ihr es ertragen könnt, mit drei Tanks in einer Einheit zu dienen."

Bumm. Jetzt war es raus, worum es also ging.

Nun hatte sich auch Sam umgedreht und funkelte Murphy an. "Und ich frage mich, wie man nur mit solchen Idioten wie euch überleben kann."
Anderson schloß die Augen. Damit war seine Hoffnung auf einen ruhigen Abend endgültig vorbei.
Murphy gefiel es anscheinend, dass sich Sam eingemischt hatte. Grinsend stützte er sich auf Sam‘s Stuhllehne auf und blinzelte ihr zu.
"Hast du etwa Zuckungen, Murphy?" Sein Grinsen verschwand.
"Gerade du solltest dein Mundwerk nicht zu weit öffnen. Gerade du..."
Sam runzelte die Stirn. "Gerade ich?"

Nun erschien ein teuflisches Grinsen auf den Gesichtern beider Marines. Jetzt hatten sie sie genau da, wo sie sie hinwollten.

"Du bist ja die schlimmste von allen. Macht sogar mit einem von denen rum... Wie kann sich ein Mensch nur die Hände an diesen dreckigen Tanks schmutzig machen..."
Sam schoß in die Höhe. "Wenn es zum Menschsein gehört, so bescheuert wie du zu sein, wünsche ich den Chigs viel Glück."
Wütend entgegnete Murphy, dass er nichts anderes von einer Tankschlampe erwartet hatte. Daraufhin wurde er herumgerissen und starrte in Chris' zorniges Gesicht.
"Sag noch einmal *Tank* und ich brech‘ dir das Genick."
"War klar, das der sich noch einmischt. Wahrscheinlich lässt sie dich auch ran, Tank."

Er hatte seine Beleidigung kaum beendet, als seine Nase bereits gebrochen war. Wie ein Mann waren das 58ste sowie die Einheit von Murphy aufgesprungen und befanden sich nun in einer üblen Schlägerei. Obwohl Anderson‘s Truppe in der Minderzahl war, sollten sie nicht unterliegen. Das 104te kämpfte mit üblen Tricks, aber das 58ste kämpfte schlauer, nämlich als Team. Doch bevor es zu einem eindeutigen Ende kommen sollte, stürmte ein verärgerter Colonel McQueen in die Taverne. Anderson sah ihn flüchtig und schubste seinen Gegner mühelos weg. "Achtung!" rief er so laut wie er konnte.

Die meisten hörten schlagartig auf, bis auf Masters, die Murphy noch einen harten Kinnhaken verpasste.

Nun kochte McQueen fast über. Er packte Sam, sagte, dass sie sich auf den Weg zu seiner Kabine machen sollte und wandte sich dann dem Rest zu.

"Mir ist völlig egal, worum es hier geht oder wer angefangen hat. Ihr Trupp..." er stand nun vor Anderson, "...hat die nächsten zwei Wochen ihre Freizeit im Quartier zu verbringen. Und jetzt machen Sie, dass Sie aus meinen Augen verschwinden!" Bei der Lautstärke der vor allem letzten Worte zuckten einige der Anwesenden unwillkürlich zusammen. McQueen war normalerweise niemand, der bei einer Standpauke laut wurde. Und keiner der Neuen hatte ihn jemals so erlebt.

McQueen war gleich nach Verlassen der Taverne zu Major Curtis gegangen, um ihn von dem Vorfall mit seinen Männern zu unterrichten. Danach machte er sich auf den Weg zu seinem Quartier, wo bereits Masters vor seiner Tür wartete. Sie straffte sich, als sie ihn erblickte und konnte an seinem Gesichtsausdruck lesen, dass er wirklich sauer war. Mit einem Nicken machte er ihr verständlich, dass sie ihm folgen sollte.

Drinnen sah sich Sam nicht einmal um, da sie sich ganz auf seinen Wutanfall vorbereitete. Doch die Minuten verstrichen und nichts geschah. Der Colonel saß hinter seinem Schreibtisch und las. Wie sich herausstellte, ihre Akte.

"Wie ich sehe, ist das nicht der erste Zwischenfall mit Ihnen, Masters. Woher kommt das?" fragte er schließlich leise.
"Sir?"
"Etwas aufsässig für ein 24 jähriges Mädchen aus Boston, finden Sie nicht auch?"
"Sir..." begann Sam zähneknirschend. "Ich bin kein Mädchen und aufsässig genauso wenig."
"Na, wie würden Sie sich denn sonst beschreiben?"
"Colonel, was soll..."
"Beantworten Sie meine Frage!"
"Ich lasse mir einfach nichts gefallen, sir. Schon gar nicht von solchen Idioten wie Murphy."
"Sind Sie ein Marine?"
Sie sah ihn fragend an. "Aber das wissen Sie..."
"SIND SIE EIN MARINE?"
"Sir, ja, sir."
"Und wieso benehmen Sie sich dann nicht wie einer? Einen anderen Marine zu schlagen, während dieser vorschriftsmäßig salutiert, ist mit Abstand das Unverschämteste, was Sie sich hätten leisten können!"
Nun schluckte Sam. So wie es aussah, hatte sie es sich beim Colonel richtig verscherzt.
"Es... es tut mir leid, sir. Wird nie wieder vorkommen."
"Das hoffe ich. Und nun verschwinden Sie."
"Sir, ja, sir."

Nachdem Sam sein Quartier verlassen hatte, lehnte sich Ty seufzend in seinem Stuhl zurück. Eigentlich hatte er angenommen, dass während der Abwesenheit von Hawkes und West kein derartiger Zwischenfall auftreten würde, aber er hatte nicht die Rechnung mit Masters gemacht. Er hatte eigentlich einen anderen Eindruck von ihr gehabt und er fragte sich, was vorgefallen sein musste, dass es so eskaliert war. Vielleicht ließ er Anderson einen Bericht darüber schreiben. Bei diesem Gedanken musste er abermals seufzen.

Anderson... Hawkes und West hatten mal erwähnt, dass er für Aerotech arbeiten würde, aber darüber hatte er nie weiter nachgedacht. Was würde er tun, wenn dem wirklich so wäre? Zwar war diese Idee völlig absurd, doch er hatte aufgehört, dies sofort zu den Akten zu legen. Vielleicht sollte er doch mal ein wenig in Anderson‘s Vergangenheit suchen.

Nach dem Gespräch mit McQueen lief Sam verärgert durch die Korridore der Saratoga. Sie war wütend, aber nicht auf den Colonel, sondern auf sich selbst. Ihr Hitzkopf war mal wieder mit ihr durchgegangen. Aber sie hatte es sich einfach nicht verkneifen können, diesem Depp Murphy eine zu verpassen. Der Gedanke daran ließ sie grinsen. Damit hatte er sicher nicht gerechnet, sonst hätte sie ihn nie so genau treffen können. Trotz des Ärgers empfand sie eine ganze Menge Genugtuung.

Ein paar Minuten später passierte sie einen menschenleeren Gang. Dies war eigentlich nichts ungewöhnliches, aber diesmal hatte sie irgendwie ein ungutes Gefühl dabei. Ihre Schritte wurden langsamer und als sie Murphy und zwei seiner Kumpels auf sich zukommen sah, lief ein eiskalter Schauer ihren Rücken entlang. Bei ihrem Anblick blieben die drei stehen und sahen sich gegenseitig an. Tausend Sachen schwirrten Sam durch den Kopf. Sollte sie sich zusammenreißen und einfach weitergehen oder war es das beste, sich umzudrehen und zu rennen?

<Und sie denken lassen, du hättest Angst?> dachte Sam. <Nein, mit Sicherheit nicht.> Unauffällig holte sie noch einmal tief Luft, bevor ihre Schritte wieder beschleunigten. Da sich keiner von ihnen regte, hoffte Sam, dass sie sie einfach passieren lassen würden. Doch damit lag sie falsch. Sam wollte sich gerade zwischen Hobbs und Connor vorbeischieben, als Hobbs sie am Oberarm festhielt. Als sie ihn daraufhin wütend anfunkelte, verstärkte sich sein Griff nur.

"Nimm deine Dreckfpoten von mir, oder du kannst was erleben."
Er grinste sie boshaft an. "Hast du das gehört, Murph? Sie mag es nicht, wenn sie angefasst wird."
Während sie noch immer Hobbs ansah, spürte sie den Atem von jemandem in ihrem Nacken. Hastig drehte sie sich um.
"Hey Murphy, mit deiner schiefen Nase siehst du endlich ein wenig männlicher aus."
Sein Blick verfinsterte sich. "Unsere Tankschlampe spuckt ja noch immer große Töne. Aber keine Sorge, ich werde dir gleich beweisen, wie männlich ich sein kann."

In dem Moment spürte Sam, dass sie diesmal wirklich in der Patsche saß. Ein flüchtiger Blick umher zeigte, dass niemand in der Nähe war, der ihr hätte helfen können. Sie war zwar ein Marine, aber sich alleine gegen drei andere Marines durchsetzen zu können schien auch ihr etwas zu optimistisch.

"Was hast du eigentlich für ein Problem, Murphy?" Sam wollte Zeit schinden, bis ihr etwas nützliches eingefallen war. Doch er machte keine Anstalten, auf ihre Finte einzugehen.

Stattdessen kam er näher auf sie zu, bis sie seinen Körper an ihrem spüren konnte. Sofort wich sie einen Schritt zurück, um gleich darauf von Hobbs und Connor wieder zurückgedrückt zu werden. Ihr gefiel diese Situation immer weniger und jetzt verfluchte sie ihren Entschluss, nicht weggerannt zu sein, als sie noch die Möglichkeit dazu gehabt hatte.

"Na, wie ist das, mal endlich einen richtigen Mann vor sich zu haben, Baby?"
"Und wo soll der sein?" <Mist... wieso kannst du nicht einfach den Mund halten, Sam...>
"Oh, du willst es also auf diese Tour, ja? Das hätte ich mir gleich denken können."

Murphy zog Sam grob an sich heran; presste ihre Hüfte gegen die seine. Nun fing sie an, sich richtig zu wehren. Sie wand sich hin und her, um sich aus den schmerzenden Griffen von Hobbs und Connor lösen zu können. Doch diese verstärkten danach den Halt um so mehr.

"Hört..mit..dem..Scheiß..auf!" presste Sam heraus und verdoppelte ihre Bemühungen, irgendwie loszukommen.

Plötzlich waren Murphys Hände überall. Nun überschlugen sich Sams Gedanken, bevor sie wirklich in Panik geraten würde. Als Murphy seinen Mund auf ihren drückte, schnellte Sam‘s Knie hoch und traf hart seinen Unterleib. Murphy krümmte sich vor Schmerzen zusammen und Sam nutze den Überraschungseffekt, um sich endlich aus den Griffen von Connor und Hobbs befreien zu können. Jetzt rannte sie so schnell wie sie konnte, da sie bereits hörte, wie die Marines ihre Verfolgung aufnahmen. Der Gang kam ihr unendlich vor, bis es endlich um die Ecke ging und sie wusste, dass ihr Quartier nicht mehr weit war. Die Kurve nahm sie gerade noch so, doch dann prallte sie gegen jemanden, kam ins Straucheln und fiel schließlich hin. Hastig versuchte sie, sich aufzurappeln. Es entwich ihr ein Schrei, als jemand sie am Arm packte. In diesem Moment bemerkte sich nicht, dass es weder Murphy noch die anderen zwei waren. Keine Sekunde später stürzten genau diese um die Ecke, um abrupt stehenzubleiben. Denn es war kein geringerer als der Commodore selbst, den Sam beinah über den Haufen gerannt hatte.

"Was zum Teufel geht hier vor?" Ross' Stimme war hart und eiskalt, während er Masters beim Aufstehen half.
"Sir, wir..."

Ross brauchte nur in Sam‘s Augen zu schauen, um die Situation zu begreifen. Die Panik darin sagte mehr als tausend Worte.

"Masters... gehe ich recht in der Annahme, dass diese drei Lieutenants sie belästigt haben?"

Den Blick auf Murphy gerichtet, nickte Sam. Sie hatte noch nie in ihrem Leben jemanden verpfiffen, hatte sogar schon einige Male die Schuld auf sich genommen, aber diesmal kam das Nicken schneller. Nun stand sie wieder aufrecht vor dem Commodore, welcher über das Com zwei Wachen rief.

"Bis auf weiteres stehen Sie unter Arrest. Auf meinem Schiff dulde ich solche Dinge mit Sicherheit nicht!"
"Sir, ich kann das erklären...," versuchte Connor sich rauszureden, doch der Commodore brachte ihm mit einem Blick zum Schweigen.
"Ich versichere Ihnen, dass diese Angelegenheit schnellstens geklärt wird, Lieutenant."

Die MPs trafen in der Sekunde ein und wussten nach einem Nicken von Ross, was zu tun war. Nachdem Murphy, Connor und Hobbs mit den MPs hinter der Ecke verschwunden waren, wandte sich Ross wieder Masters zu. Er sah sie besorgt an, doch sie lächelte.

"Ich... ich werde mal wieder zurück ins Quartier gehen, sir. Wenn Sie..."
"Lieutenant, was ist passiert?" Ross hatte seine Hände auf ihre Schultern gelegt und sah sie mitfühlend an. Sam hatte nicht vorgehabt, dem Commodore hier etwas zu erzählen, doch früher oder später würde sie ihm eh die Antworten geben müssen.
"Ach, es hat mit dem Vorfall aus der Taverne zu tun, sir. Nichts weiter."
Ross' Blick wurde ein wenig strenger. "Nichts weiter?"
Nach einem Seufzer schloß Sam die Augen. "Die Lieutenants haben etwas gegen InVitros. Deswegen der Streit in der Taverne und... das eben."
"Und was hat das mit Ihnen zu tun?"
"Sir, das 58ste hat drei InVitros in seiner Einheit. So viele gibt es sonst nicht auf einem Träger zusammen."
"Und hat das 58ste damit Probleme?"

Sam schüttelte energisch den Kopf. "Oh nein, sir. Im Gegenteil." Ein winziges Lächeln erschien kurz auf ihrem Gesicht. "Ich habe in den vergangenen Monaten erlebt, wie loyal InVitros wirklich sein können. Kein Mensch, den ich kenne, kommt da auch nur annähernd heran. Abgesehen von Lieutenant West." Wieder dieses Lächeln. "Aber wenn sich die Feindseligkeit gegenüber drei Mitgliedern unserer Einheit richtet, ist der Rest mitbetroffen. Und so entstehen Zwischenfälle wie heute. Wir suchen uns das ja nicht aus, sir."

Der Commodore wirkte etwas bedrückt, nachdem Sam geendet hatte. Es gefiel ihm absolut nicht, dass nach allem, was McQueen und Hawkes in diesem Krieg geleistet hatten, noch immer Menschen gab, die ihnen gegenüber rassistische Bemerkungen abließen. Er fragte sich, wie oft es in der Vergangenheit solche Zwischenfälle gegeben hatte, über die er nicht Bescheid wusste. Oder wieviel Hawkes eingesteckt hatte, ohne darauf zu reagieren. Colonel McQueen war sicher davon verschont blieben. Keiner würde es wagen, einen Lieutenant Colonel zu beleidigen. Schon gar nicht, da bekannt war, dass McQueen und er Freunde waren. Und das seit langem.

"Das erklärt einiges, Masters. Aber wieso hatten die Lieutenants Murphy, Hobbs und Connor es so auf Sie abgesehen?"

Nun wurde Sam ein wenig nervös. Gut, Freundschaften zwischen gleichrangigen Offizieren im Militär waren offiziell nicht verboten, aber gern gesehen auch nicht. Deswegen zögerte sie mit der Antwort. Ross merkte natürlich, dass sie sich unwohl bei seiner Frage fühlte.

"Hat es etwas damit zu tun, dass sich Hawkes und Sie.. sagen wir mal, recht gut verstehen?"
Sam sah zu Boden. <Na toll, sogar der Commodore weiß davon.>
"Das braucht Ihnen nicht unangenehm zu sein, Lieutenant. Ich wäre ein sehr schlechter Commodore, wenn ich solche Beziehungen auf meinem Schiff unterbinden würde. Ich bin kein Unmensch."

Ross war erleichtert, ein Grinsen auf Masters Gesicht zu sehen. "Wie auch immer, diese Angelegenheit wird in den nächsten Tagen untersucht werden. Wenn Sie Probleme haben sollten, dies zu verarbeiten, zögern Sie bitte nicht, den Arzt aufzusuchen. Ich möchte nicht, dass Sie sich und Ihre Staffel aus unangebrachtem Stolz in Gefahr bringen." Ross wartete, bis Masters genickt hatte. Dann meinte er, dass sie sich nun ausruhen sollte und ging.

Nachdenklich betrat Sam das Quartier. Die anderen hatten bereits auf sie gewartet und sahen sie gespannt an. Da Sam etwas blaß um die Nase war, vermuteten sie, dass das ein Resultat von dem Gespräch mit dem Colonel sein würde. Sam erwähnte mit keinem Wort, was ihr auf dem Gang passiert war.

Kalifornien

"Hey, du siehst ja richtig gut aus, Nate."

Nathan drehte sich erschrocken zur Tür hin, wo Cooper mit einem unschuldigen Grinsen stand. Erleichtert stellte Nathan fest, dass Coop wohl einen Scherz mit ihm gemacht hatte.

"Das nächste Mal suche dir bitte einen Witz ohne Vergangenheit aus, ja?"
Nun grinste Cooper richtig und kam näher. "Sie haben mir gesagt, dass ich dich jetzt besuchen könnte. Deine Tests sind also auch beendet."
"Ja. Aber soweit ich weiß, haben sie bisher nichts gebracht. Wie sieht es bei dir aus?"
Cooper zuckte mit der Schulter. "Ich fühl mich gut. Mehr interessiert die auch nicht." Als Nathan ihn daraufhin fragend ansah, wechselte er schnell das Thema. "Ich werde gleich nach San Diego fahren."
Jetzt war Nathan völlig perplex. Was sollte Coop schon in... Er riss die Augen auf. "Du willst doch nicht Shane‘s Schwestern besuchen? Coop, dass kannst du nicht. Niemand darf erfahren, was wir wissen. Es..."
"Reg dich nicht auf." Cooper drückte Nathan wieder ins Bett zurück. "Die lassen mich sonst nicht mehr zu dir."
Nathan wagte einen Blick an Cooper vorbei, doch niemand schien zu kommen.
"Ich will zu Shane‘s Schwester, aber nur, um ihr den Teddy zu bringen."
Zuerst dachte Nathan, er hätte sich verhört, doch bei Cooper‘s schüchternen Lächeln auf seine Reaktion hin nahm er es ernst.
"Du willst... DEN Teddy weggeben?"
Cooper nickte. "Er war ja eigentlich für ihre Nichte..." Fragend zog er die Augenbrauen hoch und Nathan nickte bestätigend. "...ja, für ihre Nichte gedacht. Ich weiß ja, dass sie nicht wissen dürfen, dass Shane noch lebt. Deswegen will ich, dass die Kleine den Teddy bekommt."

Cooper konnte nicht wissen, welch großen Eindruck dies auf Nathan machte. Nathan wusste, wieviel Cooper dieser Teddy bedeutete, auch wenn er dies nie zugeben würde. Und diesen nun wegzugeben, hatte Coop sicher große Überwindung gekostet.

"Meinst du... meinst du, dass ich das richtige mache? Ich meine, Shane hat ihn mir ja gegeben. Wird sie böse sein, wenn sie das erfährt?" Wie sicher sich das anhört... dachte Nathan.
"Oh nein. Sie wird begeistert sein... und verdammt stolz." fügte er leise hinzu. Denn das war genau das, was er im Moment auf Cooper war.

Abermals lächelte Cooper und fragte Nathan, ob er für einen Tag alleine klar käme. Nach Nathan‘s lachendem "Jetzt geh schon!" zeigte er ihm den nach oben gerichtetem Daumen und verschwand schließlich in Richtung Ausgang.

Aufgeregt und unsicher klopfte Cooper an der Tür des Hauses VansenBowman. Er hatte die Adresse in Shane‘s Sachen gefunden, nachdem er und Nathan diese in Eigengewahrsam genommen hatten. Zwar hätte er damals nie gedacht, sie mal gebrauchen zu können, aber nun stand er hier, vor einem schönen, blaßgelben Haus in einer sauberen Gegend. Er war noch nicht oft in solchen Gegenden gewesen, da sie meist von Polizeistreifen überwacht wurde und in seiner Zeit vor dem Militär hatte er zu denen gehört, die bei Betreten solcher Viertel ziemlich schnell verhaftet wurden. Jetzt aber war er ein Offizier des USMC und keiner würde es wagen, ihn grundlos in Gefangenschaft zu nehmen. Als er Schritte hörte, straffte er sich unwillkürlich. Er fühlte sich schrecklich unwohl.

Dann stand sie vor ihm. Ann Vansen, Shane‘s kleine Schwester.

"Ja?" Sie sah ihn prüfend an, doch dann hellte sich ihr Gesicht auf.
"Ähm, mein Name ist..."
"Cooper Hawkes, ich weiß." Grinsend hielt sie ihm ihre Hand hin, welche er irritiert schüttelte.
"Sie sind ein bekannter Mensch hier, Lieutenant. Es gibt nicht viele, die den Bericht über Sie und Colonel McQueen im Fernsehen nicht gesehen haben."
Cooper schluckte. Er hatte schon ewig nicht mehr daran gedacht und schon gar nicht hatte er vermutet, dass er jetzt bekannt war.
"Davon abgesehen... hat Shane viel von Ihnen geschrieben. Von Ihnen und Ihren Freunden."
Er schluckte abermals, diesmal härter. "Sie.. sie hat... geschrieben? Von mir?"

Ann nickte. "Das hat sie. Sie haben ihr verdammt viel bedeutet." Bei der Erinnerung an Shane wich die Fröhlichkeit aus ihren Augen. Wenn Cooper über eine Emotion Bescheid wusste, dann über Trauer und Schmerz und genau das machte sich nun in Ann breit. Mittlerweile hatten sie das Wohnzimmer betreten und Cooper suchte nach Worten, um etwas sagen zu können. Aber wie so oft schlug dies fehl.

Ann schien zu merken, wie verwirrt Cooper war. Auch darüber hatte Shane ihr geschrieben und sie versuchte, die Situation irgendwie zu lockern.

"Wie wäre es mir einem Drink, Lieutenant?" Als Cooper nickte, meinte sie, dass er es sich bequem machen sollte, während sie in die Küche ging.

Nachdem Ann das große Wohnzimmer verlassen hatte, sah sich Cooper etwas neugierig um. Auch das war ein seltener Anblick. Er fand, dass es das mit Abstand gemütlichste Haus war, in welches er jemals einen Fuss gesetzt hatte. Aber dieses Haus mit diesen Bruchbuden zu vergleichen wäre eine Beleidigung. Dann entdeckte er auf dem Kamin etliche Fotos, die fein säuberlich aufgereiht in silbernen Rahmen dastanden. Als er sich diesen Bildern näherte, wurde sein Blick immer unfassbarer. Denn er sah sich selbst, mit den anderen Wildcards. Hier, in diesem schönen Haus, stand tatsächlich ein Foto mit ihm! Vorsichtig nahm er es in die Hand und betrachtete es lange. Shane hatte nie erzählt, dass sie eins der Fotos, die sie mal zusammen gemacht hatten, an ihre Schwester geschickt hatte. Aber wahrscheinlich war das etwas ganz normales, dachte Cooper. Woher sollte er auch wissen, dass es eine bedeutende Sache war, wenn man Fotos von seinen Freunden an die Familie schickte...

"Ist schon eine Weile her." Cooper erschrak ein bisschen, da er nicht gemerkt hatte, wie Ann wieder ins Zimmer gekommen war. Zum Glück gab es hier keine Chigs... Dann stellte er verlegen das Foto wieder auf seinen Platz und murmelte eine Entschuldigung.
"Sie brauchen sich doch nicht entschuldigen, Cooper. Ich darf Sie doch Cooper nennen, oder?"
"Natürlich. Oder Coop, wie alle meine Freunde."
"Geht in Ordnung, Coop. Hier, Ihr Glas."

Mit einem Grinsen nahm er es dankend entgegen. In diesem Moment fragte sich Ann, wie ihre Schwester ihn nur hatte abblitzen lassen können. Shane hatte mal erwähnt, dass Cooper in ihr mehr sehen würde als nur eine Freundin. Für sie war es unfassbar, dass Shane Cooper hat widerstehen können. Selbst sie konnte bei seinem Anblick nicht sagen, dass er sie uninteressiert lassen würde. Sorry Ed... dachte sie grinsend.

"Wenn ich fragen darf, wie kommt es, dass Sie hier auf der Erde sind, Coop?"
"Ist 'ne lange Geschichte. Jedenfalls liegt Nathan... Nathan ist der mit dem ernsten Gesichtsausdruck auf dem Foto, noch im St. Joseph und ich habe die Erlaubnis bekommen, das Krankenhaus zu verlassen."
"Das Krankenhaus?" Ann sah kurz die Treppe hoch, wo sie wusste, dass ihre Tochter dort oben schlafen würde.
"Es ist nichts ansteckendes, wenn Sie das befürchten. Ich hatte eine Lungenentzündung und brauche einen Klimawechsel, wie die Ärzte es ausgedrückt haben."
Ann entspannte sich wieder und fragte, wie es Nathan ginge. Nach ein paar Minuten hörten sie dann Marion weinen. Ann stand auf.
"Die Kleine zahnt gerade. Wollen Sie sie mal sehen?"
Während er sein Glas abstellte, bemerkte sie sein Stirnrunzeln. "Was ist, Cooper?"
"Was bedeutet: sie zahnt gerade?"
"Das bedeutet, dass sie ihre Zähne bekommt. Und bald wird sie auch schon laufen können. Die Zeit vergeht so schnell. Ich wünschte, Shane..." Sie stoppte und ärgerte sich, dass sie ihre Schwester wieder erwähnt hatte. Cooper hatte sicher genug Schmerzen wegen dem Tod ihrer Schwester.

Cooper blieb in der Tür zu Marion‘s Zimmer stehen und beobachtete Ann, wie sie ihre Tochter aus dem Bettchen hob. Das erste, was Cooper in den Sinn kam, war, wie klein sie ist. Sie weinte schrecklich, während Ann mit ihr auf dem Arm das Zimmer durchquerte.

"Sieh mal, Mäuschen, wir haben Besuch. Das ist ein Freund deiner Tante Shane."

Cooper lächelte das Baby unsicher an. Unbeirrt weinte sie weiter, wenn auch nicht mehr so schlimm wie zuvor. Und auch ihre Augen sahen den fremden Mann neugierig an. Bei Cooper‘s Anblick musste Ann lachen. Er glich dem ihrer Tochter. Dieselbe Neugierde, dieselbe Naivität, dieselbe Unschuld. Und das, obwohl er seit fast zwei Jahren in einem grausamen Krieg kämpfte. In dem Moment klingelte das Telefon. Ann überlegte kurz und dachte an Shane‘s Worte, dass sie Cooper ohne zu zögern ihr Leben anvertrauen würde. Dann meinte sie: "Cooper, können Sie Marion mal kurz halten? Ich bin sofort wieder da." Ohne seine Antwort abzuwarten, drückte sie ihm das kleine Wesen in den Arm und verschwand nach unten. Cooper stand regungslos da; er traute sich nicht mal zu atmen. Er hatte Angst, dass er dieses Baby fallen lassen würde. Aber er wollte auch nicht fester zudrücken, da er sie sonst zerdrücken könnte. Erst dann bemerkte er, dass das Baby aufgehört hatte zu weinen. Sie sah ihn nur mit ihren großen, blauen Augen an und packte dann mit einem ihrer winzigen Händchen seine Nase. "Autsch!" zischte Cooper und grinste. Er hätte nicht gedacht, dass so ein kleines Ding so fest zugreifen konnte. Nachdem er nun wusste, dass sie nicht aus Watte war, wurde er ein wenig gelöster und ging zum Fenster, wo er sich mit einer Hälfte auf die große Fensterbank hockte. Dort setzte er Marion auf seinen Oberschenkel und betrachtete sie. Noch nie zuvor hatte er ein Baby aus dieser Nähe gesehen. Schon gar nicht hatte er eines im Arm gehalten. Anfangs war es ein eigenartiges Gefühl gewesen, sie im Arm zu halten, aber jetzt gefiel es ihm. Es kam nicht oft vor, dass jemand kürzer am Leben war wie er. Als er genauer darüber nachdachte, wurde ihm bewusst, dass sie ungefähr in dem Alter war wie er, als er aus der IV Erziehungseinrichtung geflohen war. Er sah sie genauer an. Sie hatte noch von nichts eine Ahnung, und er hatte in ihrem Alter bereits einen anderen Menschen getötet gehabt. "Tja, das Leben ist ziemlich beschissen, weißt du?" fing er dann an zu reden. "Du hast es ganz gut, wenn ich das alles hier so sehe. Du hast übrigens eine coole Mum, aber das weißt du sicher, oder? Sprechen kannst du wohl noch nicht... aber das ist okay. So kannst du mir wenigstens nicht sagen, dass ich die Klappe halten soll." Cooper lachte und spielte mit den kleinen Fingern. "Mensch, du bist so winzig! Sieh mal, deine Hand ist nicht mal so groß wie meine Finger... Ich finde, das ist ein Nachteil, wenn man natürlich zur Welt kommt. Als ich zur Welt kam, war ich schon so groß. Aber das hat mir auch nicht viel gebracht..." Nun hatte Marion an Cooper‘s Zeigefinger Gefallen gefunden und quiekte vergnügt. Cooper schüttelte den Kopf. "Soll ich dir was sagen? Deine Tante Shane... ich vermisse sie. Du kennst sie nicht, aber das wird sich noch ändern..." Ann, die das Telefonat bereits beendet hatte, zuckte bei diesem Satz zusammen. Sie hatte gerade reingehen wollen, als sie Cooper‘s Stimme gehört hatte. Shane hatte ihr geschrieben, dass er große Probleme hatte, mit Menschen zu reden, erst recht über Gefühle. Nun saß er hier und schüttete ihrer kleinen Marion sein Herz aus. Sie nahm an, dass es daran lag, dass sie ein Baby war. Alle anderen in seiner sonstigen Umgebung waren Erwachsene, unter denen er sich bestimmt oft unsicher fühlte. Doch jetzt ließ er seine ganzen Mauern fallen und redete und das wollte sie sicher nicht stören.

"Shane... oh man, Shane ist echt toll. Sie ist verdammt mutig und der härteste Marine auf der 'Toga. Aber gleichzeitig kann sie so... ich weiß nicht, so weich sein. Immer, wenn ich sie gebraucht habe, war sie für mich da. Sie war sogar die erste Frau, die mich umarmt hat. Was red‘ ich da, sie war überhaupt der erste Mensch, der mich berührt hat, ohne mir weh tun zu wollen. Und das werde ich ihr nicht vergessen. Wir haben uns in den letzten Monaten ein paar Mal in der Wolle gehabt, aber manchmal konnte sie einem wirklich auf die Nerven gehen. Und das auf Demios... ich war damals ziemlich wütend auf sie. Sie wusste das, aber sie wusste nicht, wie stolz ich auf sie war. Sie hat uns angelogen, aber uns damit zusammengehalten. Sie hat die Verantwortung übernommen, die ganze Last auf ihre Schultern genommen. Während wir anderen den Kopf in den Sand gesteckt haben, hat sie ihren oben behalten und die Hoffnung nicht aufgegeben. Das Funkgerät war tot und somit wir auch, aber dank Shane waren wir es doch nicht. Mist, ich hätte ihr sagen sollen, dass ich das verstanden habe. Jaa, ich weiß. Ich habe mich benommen wie ein kleines Kind. Auch als ihr Freund auf die Saratoga kam. Kein Wunder, dass sie mich nicht wollte. Jetzt verstehe ich sogar das. Wenn sie zurück ist, sollte ich ihr das wohl sagen, was? Und da war noch eine Sache: Auf Anvil, als wir diesen Chig trafen und ich ihn töten wollte, im Gegensatz zu den anderen, da hat mich Shane gelassen. Sie hätte mich zurückhalten können, mir den Befehl geben können, bei ihnen zu bleiben. Aber sie ließ mich. Das, was ich gesagt habe, hat in ihren Augen Sinn gemacht. Ich war jemand für sie. Das hat mir wirklich viel bedeutet.

Ich wünschte, ich könnte deiner Mum sagen, dass Shane noch lebt. Aber das darf ich nicht, sonst bringe ich euch in Gefahr. Und das will ich nicht. Ich werde aber alles versuchen, um sie zu finden. Nate und ich... Nathan ist mein Freund, habe ich das schon gesagt? Jedenfalls werden Nathan und ich deine Tante finden. Das verspreche ich dir. Ich brauche sie nämlich, genauso wie Phousse und Paul. Das sind unsere anderen Freunde. Sie sind meine Familie, weiß du? Hey, dann zählst du ja auch zu meiner Familie. Ich habe zwar keine Ahnung, was ich dann für dich bin, aber das ist ja auch egal. Scheiße, wieso quatsche ich dich eigentlich voll?"

Ann entschloß, dass es langsam Zeit wurde, ins Zimmer zu gehen. Sie wischte sich schnell die Tränen aus dem Gesicht und hoffte, dass er ihr nichts anmerken würde. Shane war am Leben... sie konnte es kaum glauben.

"Na, Marine? Alles gut überstanden?" Cooper blickte sie strahlend an und nickte.
"Die Kleine ist so süß. Winzig, aber süß." Er stand auf. Bevor er sich von Marion trennte, gab er ihr noch einen ganz sanften Kuß auf die Stirn. Dann nahm Ann ihre Tochter und legte sie zurück ins Bettchen, wo sie noch immer Cooper anstarrte. "Es scheint so, als ob sie ihr das Herz brechen würden, wenn Sie jetzt gehen, Coop. Wann müssen Sie wieder zurück?"
Er zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Die haben mir so ein Ding umgebunden, dass sie wissen, wo ich mich befinde. Aber sie haben mir nicht gesagt, wann ich zurück sein muss. Wieso?"
"Das war eben Lauren, meine Schwester. Sie kommt nachher vorbei und würde Sie gerne kennenlernen. Also wenn Sie nichts anderes zu tun haben, bleiben Sie doch zum Essen."
"Meinen Sie wirklich? Vielleicht hat ja Ihr Mann etwas dagegen."
Ann lachte. "Ed? Oh nein, er hätte sicher nichts dagegen. Außerdem ist er bis morgen verreist und er würde es sicher begrüßen, wenn ich nicht mit dem Baby allein wäre. Na, bleiben Sie?"

Cooper grinste. Natürlich würde er bleiben.

Als Cooper mitten in der Nacht ins Krankenhaus zurückkehrte, war es drinnen bereits dunkel und totenstill. Nur der Nachtwächter schien noch wach zu sein. Und dieser hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass er nicht einfach kommen und gehen konnte wie er wollte. Dies wäre ja kein Hotel. Daraufhin hatte Cooper nur gelächelt. Er hatte einen zu schönen Tag gehabt, den er sich sicher nicht von einem alten Griesgram verderben ließ.

Um sein Glück noch mehr herauszufordern, schlich er sich anstatt zu seinem zu Nathan‘s Zimmer. Leise öffnete er die Tür, doch wie es aussah, schlief Nathan. Er wollte die Tür gerade wieder schließen, als Nathan‘s Stimme ertönte. "Coop?"
"Bist du wach?"
"Nein. Ich rede im Schlaf."
Cooper verzog das Gesicht und schlüpfte durch die Tür ins Zimmer. Dann setzte er sich vorsichtig auf die Bettkante.
"Du solltest schlafen."
"Wenn du mich nicht geweckt hättest..." Nathan grinste. Er sollte diese Scherze bei Cooper lieber nicht machen. Er nahm es einfach zu ernst. "Ach... ich kann einfach nicht schlafen. Es ist... es ist..."
"Zu ruhig?" fragte Cooper schließlich.
"Ja, irgendwie schon. Es fehlt die Saratoga unter deinem Hintern." Beide lachten.
"Wie war es bei Ann?"
"Cool. Ann und Lauren sind total nett. Stell dir vor, wir haben nach dem Abendessen einen alten Film gesehen. Es ging um ein Schiff, daß vor 140 Jahren untergegangen ist. Ganz schön grausam, sag ich dir."
"Titanic?" Nathan zog ungläubig die Augenbrauen hoch. "Ihr habt Titanic gesehen?"
Cooper nickte. "Ja. Kennst du den auch?"
"Oh man..." Lachend ließ sich Nathan zurückfallen. Er hatte vieles vermutet, aber das Cooper bei Ann Titanic sehen würde, mit Sicherheit nicht.
"Wenn wir zurück sind, muss ich den mit Sam noch mal gucken. Ich will wissen, ob sie auch weint."
"Das ist gemein, Coop. Deswegen sieht man sich kein altes Drama an."
"Aber es ist ein toller Film. Irgendwie... irgendwie verstehe ich dich jetzt. Warum du sie so lange gesucht hast."
"Sie?"
"Kylen. Ich glaube, nun verstehe ich dich. Ich verstehe jetzt vieles."

Und wieder einmal hatte es Cooper geschafft, Nathan zu beeindrucken.

Als Nathan daraufhin schwieg, entschied Cooper, sich hinzulegen. Doch er hatte eigentlich eine Frage und eine Bitte an seinen Kumpel. Dieser bemerkte dies recht schnell. Cooper zu lesen, war leicht geworden.

"Hast du noch was auf dem Herzen, Coop?"
"Ja," schluckte er. "Ich... ich würde gerne nach Loxley fahren, wegen Jordan."
"Das ist doch eine gute Idee. Wann fährst du? Morgen?"
Cooper schüttelte den Kopf. "Solange du nicht in Ordnung bist, bleibe ich hier."
"Das ist unnötig. Sieh mal, ich weiß am besten, wie dir zumute ist. Seit Neil..." er stockte. Neil‘s Tod war nun fast ein Jahr her, aber noch immer schmerzte ihn die Erinnerung daran.
"Du solltest Jordan besuchen, so lange du das kannst. Du würdest es bereuen, wenn..."
"Wenn er sterben sollte? So wie Neil oder Kate?" Nathan schloß die Augen. Was erzählte er ihm da. Immerhin hatte Cooper bereits eine Schwester in diesem Krieg verloren.
"Du solltest ihn wirklich besuchen. Dabei kannst du sehen, ob Bougus noch immer den Jungs und Mädels die Hölle heiß macht."
Es folgte ein schwaches Grinsen. "Auch wenn ich wollte, es geht nicht. Ich hab kein Geld."
"Aber du hast doch lange nichts mehr beim Pokern verloren."
"Schon vergessen? Ich krieg noch immer weniger als ihr."

Nathan erinnerte sich an das Gespräch, das er mal zwischen Coop und Paul mitangehört hatte. Cooper hatte erzählt, dass er wegen seiner Strafe nur einen Bruchteil von dem, was die übrigen Soldaten bekamen, erhielt. Zudem hatten InVitros noch immer nicht die gleichen Rechte wie Natürlichgeborene. Das bedeutete zugleich niedrigeren Sold.

"Wieviel brauchst du?"

Nun wurde Hawkes verlegen. Er hatte sich noch nie Geld von irgendwem geliehen. Aber die Zeiten, wo er sich das nötige Geld anders beschaffte, waren vorbei. Jedoch hatte er es sich leichter vorgestellt, denn er fühlte sich nicht besonders wohl dabei.

"Coop..." Nathan seufzte und richtete sich auf, um dann in die Schublade seines Nachttisches zu greifen.
"Hier." Er reichte Cooper seine Kreditkarte. "Das ist alles, was ich habe. Ich brauche es im Moment nicht."
Ungläubig schüttelte Coop den Kopf. "Das geht doch nicht."
"Wieso nicht?"
"Äh.. naja... hast du keine Angst, dass ich damit durchbrenne?" Coop grinste schließlich.
"Nein," antwortete Nathan überzeugt. "Denn dann werde ich zur Saratoga zurückkehren und mir Sam dafür nehmen."
Nun stutzte Cooper. Doch kurz darauf fiel er in Nathan‘s Lachen ein und nahm die Karte dankbar an.
"Das würdest du tun?" fragte Cooper nach einer Weile.
"Würdest du durchbrennen?"
Cooper verneinte.
"Na also. Hast du Marion eigentlich den Teddy gegeben?"
"Ja. Sie hat sich ziemlich gefreut. Oh man, du müsstest die Kleine sehen. Die ist so winzig, aber man merkt schnell, dass sie mit Shane verwandt ist."

Nathan‘s Gedanken schweiften ein wenig ab. Er dachte an seine und Kylen‘s Pläne von eigenen Kindern. So wie es aussah, würde daraus, zumindest in der nächsten Zeit, nichts werden. Dies stimmte ihn traurig.

"Hörst du mir zu?" Cooper‘s Stimme bohrte sich zwischen seine Gedanken.
"Was? Oh, tut mir leid. Was hast du gesagt?"
"Ich habe gefragt, ob es was neues wegen dir gibt."
"Ach... ich weiß nicht. Vielleicht morgen, haben sie gesagt. Aber seit zwei Tagen hatte ich zumindest keine Blackouts mehr. Immerhin etwas."
"Du siehst auch wirklich besser aus."
"Hey, du brauchst nichts nettes mehr sagen. Mein Geld hast du doch schon."
Cooper verzog das Gesicht. "Die scheinen dir hier die falschen Medikamente zu geben. Idiot."

Abermals grinsten beide. Nach ein paar Minuten ging Cooper schließlich auf sein Zimmer und schlief, nachdem er an die kleine Marion gedacht hatte, schnell ein.

Nathan wurde kurz vor dem Arztbesuch geweckt. Er war noch müde, aber womöglich konnte ihm Dr. Markenson etwas neues mitteilen. Als sich die Tür öffnete und sein Doc mit einem kurzen Nicken eintrat, versteifte sich Nathan innerlich. Hoffentlich waren es diesmal gute Nachrichten.

"So, Lieutenant. Ich denke, wir haben endlich herausgefunden, was Ihre Schwächeanfälle bewirkt. Es war eine Kombination aus einer Art Flüssigkeit, die sich in Ihrem Blutkreislauf befindet sowie die Reaktion auf die äußeren Umstände auf diesem Planeten. Wir konnten den Fremdkörper in Ihrem Blut bisher nicht identifizieren, da es ein für uns unbekanntes Element ist, dessen Eigenschaften auch jetzt noch unklar sind. Allerdings haben wir eine Technik angewandt, die es uns ermöglicht, die Ursache endlich zu finden. Wir werden noch einige weitere Tests machen müssen, um herauszufinden, wie wir es entfernen können. Danach werden wir es gründlich untersuchen. Es besteht die Möglichkeit, dass es sich weiterentwickelt und auf andere Teile Ihres Inneren übertragen hat."

Nathan hatte bisher stumm zugehört, doch eine Sache beschäftigte ihn.

"Doc, Sie reden die ganze Zeit von "es". Ich habe das Gefühl, dass "es" lebt."

Dr. Markenson sah Nathan ernst an. "So wie es aussieht, können wir das nicht ausschließen. Wir wissen nicht, was es ist, aber anscheinend braucht es Ihr Blut, um... ich würde nicht sagen um weiterzuleben, aber wenn wir es vom Blut trennen, bin ich fest der Überzeugung, dass es abstirbt oder einfach verschwindet. Das Problem ist nur, daß wir es nicht als einen festen, erkennbaren oder sichtbaren Organismus ausmachen können."

"In anderen Worten, Sie haben noch immer keine Ahnung, was es genau ist. Nur, dass es da ist."
Da Dr. Markenson schwieg, betrachtete es Nathan als ein Ja.
"Und was jetzt?"
"Wie gesagt, wir werden weitere Tests machen, aber wenigstens wissen wir, auf was wir uns spezialisieren müssen."
"Können Sie nicht einfach mein Blut austauschen oder so?"
"Nathan, ich halte es zwar für unmöglich, aber was ist, wenn Sie es mittlerweile zum Überleben brauchen? Vielleicht hat sich Ihr Körper auf diesen Fremdkörper so eingestellt, dass es lebenswichtig ist. Wir dürfen diesen Aspekt nicht ausschließen, bis wir das Gegenteil beweisen können."

Nun lachte Nathan laut auf. Es war mal wieder typisch, dass er so etwas verrücktes abbekommen hatte. Vielleicht war er der Wirt für eine andere Lebensform geworden... abermals lachte er. Das konnte einfach nicht wahr sein.

"Okay... und was hat das mit dem angeschlagenen Immunsystem von Cooper zu tun? Brütet er vielleicht auch E.T. aus?"
Markenson blickte ihn fragend an. "Was? Was ist..."
"Vergessen Sie's, Doc. Ich wollte nur wissen, ob Cooper von dem allen betroffen ist, war oder was auch immer."
"Nein, er weist keine Anzeichen auf. Wir sind der Meinung, dass er einfach durch die ungewohnte Umwelt so angeschlagen war, dass seine Lungenentzündung eben längere Zeit brauchte, um vollständig auszukurieren. Er ist momentan in bester Gesundheit und somit frei, das Krankenhaus zu verlassen."

Nathan schüttelte ungläubig den Kopf. Es war ihnen wirklich gleichgültig, was mit Hawkes war. Sie nahmen sogar in Kauf, ihm einen ungeplanten Urlaub zu beschaffen, nur dass sie sich nicht mehr um ihn zu kümmern brauchten. Diese bescheuerten Ärsche... dachte Nathan.

"Wie ich höre, wissen die endlich, was dein Problem ist. Bald können wir wieder zurück zur Saratoga, was?"

Cooper stand mit seiner Tasche vor dem Bett und grinste. Er machte wirklich einen gesunden Eindruck und auch von einer erneuten Pylophitaminabhängigkeit war nichts zu sehen.

"Ich hoffe doch. Wie lange hast du vor, in Loxley zu bleiben?"
Cooper zuckte mit den Schultern. "Ich will ihn nur mal sehen. Und...," das Grinsen kehrte wieder, "...ich werde Bougus einen Gruß von dir ausrichten."
Nathan verdrehte die Augen. "Wem geben sie hier die falschen Medikamente?"
Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: "Pass‘ auf dich auf, Coop. Du weißt ja, du bist nicht auf der 'Toga und seit dem Attentat auf Chartwell..."
"Ich weiß. Ich habe lange genug hier überleben müssen. Und du mach, dass du wieder gesund wirst. Ich will nämlich Sam wiedersehen!"
Lachend schüttelte Nathan den Kopf. "Bis dann."
"Bis dann," meinte Cooper leise. Dann war er weg.

Cooper saß eine halbe Stunde später in einem Linienflug von Los Angeles nach Alabama. Der Flug dauerte gerade mal 15 Minuten, aber er fand, dass er lieber selbst flog als die Initiative einem dieser LinienflugPiloten zu überlassen. Es war das erste Mal, dass er mit einem normalen Flugzeug flog. Es war überhaupt das erste Mal, dass er sich alleine und vor allem frei außerhalb von Philadelphia bewegte. Das Armband hatte er zwar behalten müssen, zu seiner Sicherheit, aber es störte ihn nicht weiter. Er konnte gehen wohin er wollte. Niemanden interessierte dies. Diesmal nutzte er es zu seinem Vorteil aus. Nach der unsanften Landung; Cooper murmelte ein "Ich hätte das besser hingekriegt als der" vor sich hin; schnappte er sich seine Tasche und überlegte, wie er am besten nach Loxley kommen würde. Sein erster Gedanke war, sich ein eigenes Auto zu leihen, doch er hatte keinen Führerschein; keinen Führerschein, aber fliegt mit dem modernsten Flugzeug durchs All... hatte Paul mal sarkastisch bemerkt und außerdem bevorzugte er ein Motorrad, aber für solche Spielereien wollte er keine Zeit verschwenden. Also nahm er den Militärbus. Da er seine Ausgehuniform anhatte, konnte er problemlos mitfahren. Als er sich darin umsah, entdeckte er nur blutjunge Gesichter, genau wie bei der Ankunft von Nathan‘s kleinem Bruder. Er schluckte. In ein paar Monaten würden die meisten von ihnen wahrscheinlich tot sein... Er setzte sich auf den Platz hinter dem Fahrer und schloß die Augen. Alles kam ihm so unwirklich vor. Viel lieber sollte er an der Front sein und nach ihren vermissten Freunden suchen. Shane... schoß es ihm wieder durch den Kopf. <Wieso muß ich immer nur an sie denken?>

"Äh... Lieutenant?" hörte er eine junge Frauenstimme fragen.
Cooper öffnete die Augen und blinzelte. "Ja?"
"Sie sind doch im 58sten, den Wildcards, nicht?!"
Er nickte. Sie holte tief Luft und machte Andeutungen, sich neben ihn zu setzen. Cooper setzte sich aufrecht hin und fragte sich, was sie von ihm wollte.
"Ich... ich bin gerade alt genug geworden, um mich zum Corps zu melden. Aber... tue ich das Richtige?"
"Äh... woher soll ich das wissen?" Cooper hatte keine Ahnung, was er sonst hätte antworten können.
"Aber Sie gehören doch zu den Wildcards. Sie müssen mir doch sagen können, ob es das Richtige ist, gegen die Chigs zu kämpfen."
Das verstand Cooper noch weniger. "Was sollen wir denn sonst tun? Warten, bis sie uns vernichten?"
Die junge Frau wurde nervös. "Das meinte ich nicht. Ist es richtig, sich in meinem Alter freiwillig zu melden? Es sterben doch so viele."
Langsam reichte es Cooper. Sie schien total verblödet zu sein, stellte er fest.
"Hör zu: Es ist Krieg. In einem Krieg sterben viele Menschen..." Er betonte die nächsten zwei Wörter absichtlich laut, "... und InVitros. Alte und junge. Den Chigs ist es egal, wie alt du bist. Aber wenn du dir nicht sicher bist, wieso hast du dich dann freiwillig gemeldet?"
"Weil es alle tun."
"Ach ja? Bougus wird sich sicher freuen, dich ausbilden zu können."
Die Kleine wirkte etwas verwirrt. Anscheinend hatte sie sich etwas anderes erhofft und stand schließlich auf. "Danke für das Gespräch, Lieutenant."

Erleichtert stellte Cooper fest, dass sie sich wieder auf ihren ursprünglichen Platz setzte und hörte dann den zwei Jungen zu, die hinter ihm saßen. Die waren wenigstens davon überzeugt, dass sie das Richtige taten.

Nur wenige Minuten später erreichten sie den Stützpunkt. Alles sah noch genauso aus wie vor zwei Jahren, nur das es von Soldaten, oder die, die es noch werden wollte, wimmelte. Der Bus kam schließlich zum Stop und ein Ausbilder, den Hawkes nicht kannte, stürmte herein und schüchterte die Rekruten mächtig ein. Cooper konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und stieg langsam nach allen aus. Er sah sich kurz die Begrüßungsrede von einem groß gewachsenen Sergeant Major an, dann schlenderte er den Weg zum Verwaltungsgebäude entlang. Er wollte erst in Erfahrung bringen, ob Jordan überhaupt eingetreten war, bevor er Bougus gegenübertrat. Wie es der Zufall wollte, war auch Bougus Jordan‘s Ausbilder. Er würde sie bei den Simulatoren finden.

<Stimmt. Er befindet sich gerade im FPT. (Fortgeschrittene Piloten Training).>

Obwohl er eine Ewigkeit nicht mehr hier gewesen war, wusste er noch genau den Weg dorthin. Am Ziel angelangt, hörte er bereits Bougus.

<Manches ändert sich wohl nie> grinste Cooper und trat ein.

Die Rekruten waren gerade in ihre Cockpits eingestiegen. Bougus bemerkte Cooper sofort und sah ihn für einige Sekunden nur an. Cooper salutierte und Bougus erwiderte den Gruß.

"Lieutenant Hawkes... ich hätte nicht gedacht, Sie noch mal wiederzusehen."
"Naja, ich hatte wohl einen guten Ausbilder."
Auf Bougus' Gesicht erschien für einen winzigen Augenblick die Andeutung eines Lächelns. Dann fragte er, wieso er auf der Erde war.
"Lieutenant West und ich mussten uns einigen Untersuchungen im St. Joseph unterziehen. Er ist noch immer dort, aber er wird wieder."
"Ich habe das mit Vansen, Damphousse und Wang mitbekommen. Es ist eine Schande. Sie waren die beste Staffel seit den Angry Angels."
"Ich sagte ja schon, wir hatten einen guten Ausbilder. Und mit Colonel McQueen haben wir den besten Vorgesetzten, den man haben kann."

Bougus hatte es wirklich bedauert, als er von dem Verlust des 58sten hörte. Schon damals hatte er das Potential in den jungen Leuten erkannt und sie hatten ihn nicht enttäuscht. Es war keine Überraschung gewesen, dass die Wildcards die Besten geworden waren. Nicht für ihn.

"Ich war immer sehr stolz auf Sie alle gewesen. Ich habe nie bessere Marines ausgebildet."
"Wie machen sich die Neuen?"
"Alle noch grün hinter den Ohren. Aber jeder fängt so an, nicht wahr?!"

Auch dieses Gespräch wirkte für Cooper unrealistisch. Immerhin war dies sein früherer Ausbilder, der harte Sergeant Major Bougus, nicht irgendein Versorgungsoffizier. Dennoch redete er mit ihm, mit ihm, als ob er ihn als Offizier respektierte. Hawkes war von dieser Erkenntnis überwältigt.

"Aber unter denen gibt es einen, der es wirklich drauf hat. Etwas wild und ungezügelt, aber er kann fliegen... Er erinnert mich an Sie. Sein Name ist Jordan..."
"Beckett?"
"Ja, sein Name ist Jordan Beckett. Kennen Sie ihn?"
"Noch nicht, sir. Aber er ist mein Bruder."
"Hm, dann wundert mich gar nichts."

Mit einem Grinsen sah Cooper auf den Boden. Er konnte es kaum noch erwarten, ihm endlich gegenüberzustehen. Und das würde schon sehr bald sein...

Fortsetzung folgt...

Claudia Norden

Copyright © 1999 Alle Rechte beim Autor. Nachdruck, aus Auszugsweise, Veröffentlichung oder Vervielfältigung jeglicher Natur  ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors erlaubt.  

Die Charaktere und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above & Beyond" von Glen Morgan und James Wong überein.

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