Apocalypse
Mit einem Blitz, heller als alles, was die Menschheit je zuvor gesehen hatte, begann im August 1945 ein neues Zeitalter des Schreckens. In einer einzigen Sekunde starben im Licht über Hiroshima mehr als 100.000 Menschen. Die Macht der neuen Waffe übertraf alles bisher Dagewesene und bestimmte länger als ein halbes Jahrhundert die Geschichte der ganzen Welt. Sehr bald bedeutete sie nicht weniger als die drohende Vernichtung der gesamten Menschheit.
Nach Jahrzehnten zwischen Furcht, Drohung und möglichem Untergang besannen sich die Mächtigen der Welt. Der Schrecken des Lichts von Hiroshima schien endlich verschwunden und man versprach sich, dieses Licht für immer verlöschen zu lassen.
Doch sobald sich Zeiten ändern, werden viele Versprechen vergessen. So wie dieses...und 119 Jahre nach Hiroshima kehrte das Licht mit einem Blitz zurück, der heller war als alles, was die Menschheit je zuvor gesehen hatte.
Saratoga, 23.Oktober 2064, Ross, Glen van, Commodore
Der Krieg war vorbei. Die Chigs hatten ein Friedensangebot gemacht und UNO-General-sekretärin Diane Hayden war endlich am Ziel ihrer Träume angelangt; in die Geschichte einzugehen als Stifterin des wichtigsten Friedens, der jemals geschlossen worden war. Oder war doch alles nur eine Finte, um sie und all ihre Entscheidungen, die sie zusammen mit dem Vorstand des Megakonzerns AeroTech getroffen hatte, bloßzustellen? Ihr wurde unwohl bei diesem Gedanken. Mit diesem Leben hatte sie abgeschlossen. Nun war sie nicht mehr AeroTech-Vorstandsmitglied Diane Hayden, der die ganze Welt mit Misstrauen begegnete, sondern Generalsekretärin Diane Hayden, die mächtigste Frau des ganzen Planeten.
Sie lächelte bei der Vorstellung und lehnte sich in ihrem Ledersessel hinter ihrem
Schreibtisch im UNO-Hochhaus in New York entspannt zurück. Das Piepsen ihrer Sprechanlage
schreckte sie auf. Sie tastete mit der rechten Hand nach dem Knopf.
"Ja?" fragte sie.
"Frau Generalsekretärin, Mr. Charput und zwei Herren von AeroTech möchten
mit Ihnen sprechen", antwortete ihre Sekretärin. Ihre Stimme klang irgendwie
nervös.
Hayden runzelte die Stirn. Der reaktionäre Franzose Charput, ihr ehemaliger
Gegen-kanndidat um das höchste Amt, war bestimmt der letzte, mit dem sie sprechen wollte.
Und AeroTech brachte eigentlich auch immer nur Ärger mit sich.
"Sagen Sie ihnen, ich bin in einer wichtigen Sitzung", entschied Hayden.
"Frau Generalsekretärin, Sie stehen hier neben mir und sie sagen, es sei dringend.
Es gehe um das Schicksal der Menschheit."
Das hört sich nach Charput an! Hayden fluchte innerlich. Was ist denn nun wieder geschehen? Sie holte tief Luft.
"Okay, schicken Sie sie..."
Und schon hörte sie, wie sich die Tür zu ihrem Büro öffnete. Schwere Schritte
ertönten. Vermutlich nickte Charput den beiden Posten, die vor der Tür Wache standen,
freundlich zu und brachte sie mit einem bloßen Blick aus seinen eiskalten Augen zum
Salutieren. Die Tür fiel wieder ins Schloss.
"Was zum Teufel..." setzte Hayden an, doch sofort brachte sie ein scharfes
"Schschscht!" zum Verstummen. Schritte und ein helles Pfeifen erklangen. Die
durchsuchen meinen Raum doch tatsächlich nach Abhörgeräten! durchfuhr es die
Generalsekretärin. Schließlich hörte sie ein nüchternes "Es ist sauber". Sie
kannte diese Stimme nicht. Vermutlich irgendein AeroTech- Lakai.
"Bitte verzeihen Sie, Mrs. Hayden, wir wollten nur sicher gehen, dass das, was wir in
den nächsten Minuten bereden werden, nicht diesen Raum verlässt."
Das war eine andere Stimme. Sehr tief und unheimlich. Diane Hayden erkannte Donald Grant,
einen der Konzernchefs. Sie hörte, wie ihre drei Besucher ihr gegenüber an ihrem
Schreibtisch Platz nahmen.
"Um es kurz zu machen", setzte Grant an. "Der Botschafter der Chigs
verlangt, dass E. Allen Wayne an den Friedensverhandlungen teilnimmt."
Hayden erstarrte. Wayne gehörte zum Vorstand von AeroTech. Und er gehörte zu
denen, die entschieden hatten, die fremden Signale, die eine Sonde vor etwa zwei Jahren
aus dem Ceres-Sektor aufgefangen hatte, zu ignorieren und mit den Siedlungsprojekten
TELLUS und VESTA fortzufahren. Dadurch war es vermutlich zum Krieg gekommen, aber das
durfte natürlich nie an die Öffentlichkeit dringen, sonst war AeroTech erledigt.
Es konnte sich auf die Bilanzen vernichtend auswirken, für einen Krieg verantwortlich
gemacht werden zu können. Was Hayden die meisten Sorgen bereitete, war aber die Tatsache,
dass sie selbst damals im Vorstand gesessen und die Entscheidung mitgetragen hatte.
Zusammen mit AeroTech würde auch sie fallen. -Wie konnten die Chigs
erfahren haben, wer für alles verantwortlich war?
"Wie kommen die denn ausgerechnet auf Wayne?" versuchte Hayden so unschuldig wie
möglich zu fragen.
"Wir sind dabei, das Leck zu suchen und zu stopfen. Es steht aber zu befürchten,
dass sie alles wissen und das sie uns nun damit konfrontieren wollen."
Haydens Magen verkrampfte sich. Ihre schlimmsten Befürchtungen schienen sich zu
bewahrheiten. Ihre Vergangenheit war dabei, sie einzuholen.
"Aber wird man dem Botschafter das denn glauben?"
"Das ist unsere Trumpfkarte", meinte Grant. "Unser Vorteil ist, dass die
Chigs in diesem Krieg nicht gerade zimperlich vorgegangen sind. Unter den Menschen
herrscht Hass und das bedeutet, dass man eher unsere Wahrheit bevorzugen
wird."
Unsere Wahrheit! wiederholte Hayden im Geiste. Das klang wie ein Hohn, aber vielleicht war es nötig, sich darauf einzulassen, um in der Geschichte nicht ins falsche Licht gerückt zu werden. Oder doch nicht?
"Ich werde es nicht zulassen, dass man die Menschen belügt", donnerte Hayden
entschieden. Grant lachte zur Antwort nur.
"Hören Sie bloß auf mit diesen Politiker-Sprüchen, Hayden! Wenn die Chigs
tatsächlich Bescheid wissen, dann gehen Siemit uns unter. Die Presse wird
sich sicher sehr dafür interessieren, wie Sie sich trotz der Funksignale für Tellus und
Vesta eingesetzt haben. Wer einmal zu AeroTech gehört hat, der gehört immer
dazu!"
"Das wagen Sie nicht. Ich bin die Generalsekretärin der Vereinten Nationen!"
fauchte Hayden.
"Na und?" höhnte Grant. "Wir haben schon Präsidenten gestürzt. Ihre
Macht ist ebenso vergänglich."
"Soll das eine Drohung sein?"
"Sie habens erfasst", sagte Grant gönnerhaft. "Und daher werden Sie
nun genau das tun, was wir von Ihnen verlangen."
Haydens Hände verkrampften sich. Ihr Innerstes wehrte sich gegen die Vorstellung, sich zu
einer Marionette machen zu lassen. Aber sie musste sich eingestehen, dass ihr auch daran
lag, Generalsekretärin zu bleiben. Nach einigem Zögern zischte sie: "Was wollen Sie
von mir?"
Hayden spürte förmlich, wie Grant grinste.
"Ich sehe, wir verstehen uns." Der Konzernchef beugte sich zum Schreibtisch vor
und senkte verschwörerisch die Stimme. "Wir werden verhindern, das es zu
einem Frieden zu unseren Ungunsten kommt und dass uns diese verdammten Chigs verleumden.
Was immer der Botschafter sagen wird, es wird keine Bedeutung mehr haben, wenn die
Verhandelnden während der Gespräche sterben werden."
Die Generalsekretärin wurde bleich.
"Sie wollen die Delegation töten! Das geht über alles, wofür mein Amt steht. Das
darf ich nicht..."
"Um das Amt zu erreichen, waren Sie aber nicht so zimperlich", schaltete sich
Charput ein. "Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie auf der Saratoga drei
Mörder auf mich angesetzt."
Hayden ballte eine Faust und drehte sich in Richtung Charputs Stimme um.
"Wäre ein Kriegshetzer wie Sie an die Macht gekommen, dann wären wir doch
jetzt schon alle tot!"
Grant hakte sofort ein: "Aber wie Sie sehen, sind manchmal unkonventionelle Mittel
nötig, um ans Ziel zu gelangen."
Der Konzernchef und alle anderen in diesem Raum widerten sie an. Sie versuchte es ein
letztes Mal.
"Wenn Sie den Botschafter der Fremden töten, geht der Krieg weiter und wer weiß, ob
wir ihn dann wieder in den Griff bekommen."
"Irrtum!" entgegnete Charput. " Wenn wir den Botschafter töten,
sagen wir diesen Ungeheuern ein für allemal, dass man mit uns nicht verhandelt. Man
ergibt sich ohne Bedingungen oder man geht unter."
"Ha", stieß Hayden verächtlich aus. "Oder wir gehen unter."
"Zum Glück haben wir aber inzwischen eine Möglichkeit gefunden, die Chigs dort zu
treffen, wo es ihnen wirklich weh tut", erklärte Grant. "Es geht um den
Himmelskörper 2064K, vorläufiger Name: Anvil. Das ist einer der Monde ihrer Heimatwelt.
Wir wissen inzwischen mit ziemlicher Sicherheit, dass auf diesem Mond die Nachkommen der
Chigs geboren werden."
"Sie...sie wollen, dass wir drohen, die Welt mit ihren Babys zu beschießen?"
stammelte Hayden.
"Falsch", antwortete Charput. "Wir drohen nicht damit, wir löschen Anvil
aus. Dadurch zwingen wir diese Chigs ein für allemal zur Kapitulation."
Hayden wurde schwindelig. Das war ein Massaker! Ein neuer Holocaust! In einem Krieg gab
es kein schlimmeres Verbrechen als einen Massenmord an Unschuldigen. Allerdings...wenn man
dadurch einen Krieg beenden konnte...? -Aber der Krieg ist schon beendet! Die
Fremden haben einen Botschafter entsandt und wollen verhandeln. -Doch dieser
Botschafter konnte eine Wahrheit ans Tageslicht bringen, die ihr Amt nicht überleben
konnte; die vielleicht sogar das System gefährden konnte. Durfte sie das zulassen? -Auf
keinen Fall! Hayden stand davor, zu entscheiden, was ihr mehr wert war. Ihr Ansehen,
ihre Macht, das Gesicht und die Ehre einer Generalsekretärin und der Vereinten Nationen
oder eine winzige Welt von Wesen, die die vergangenen 18 Monate damit verbracht hatten,
Siedler, Gefangene und Soldaten abzuschlachten.
Hayden hörte, wie Charput eine Tasche öffnete und ein Dokument herausholte.
"Es geht um unser Ansehen und unsere Existenz", lockte Grant. "Entweder
Anvil oder wir!" Er fügte hinzu: "Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf. Dieser
Mond hätte den Krieg sowieso nicht überstanden."
"Es ist bereits alles vorbereitet", erläuterte Charput. "Gemeinsam mit dem
Generalstab wurde in den vergangenen Wochen ein entsprechender Plan entworfen. Für den
Fall, dass sich ein lohnendes Ziel bietet und für den Fall, dass wir keine andere Wahl
mehr haben sollten."
"Was beinhaltet dieser Plan?" fragte Hayden kleinlaut.
"Die nukleare Vernichtung eines Mondes, eines Kontinents oder einer Flotte des
Feindes zur Erzwingung der Kapitulation. Codename: Apocalypse. -Ich halte hier in
meinen Händen den Einsatzbefehl. Alles, was noch fehlt, ist Ihre Unterschrift."
Er legte das Dokument vor Hayden auf die Tischplatte. Sie tastete nach dem Blatt. Im
unteren Drittel fand sie eine Ausgabe des Textes in Blindenschrift und tastete ihn ab.
Als Vergeltung für den gemeinen Mord an der irdischen Verhandlungsdelegation und blutigen Massakern an den Siedlern von Tellus und Vesta und den Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Krieges, ermächtige ich hiermit den Einsatz von Fusions-waffen zur Beschießung eines feindlichen Mondes, Kontinents oder einer feindlichen Militärstreitmacht, die eine ausreichende Bedrohung für die terranischen Streitkräfte, die Menschheit oder die Erde darstellt.
New York, 10/21/2064...
Hayden stockte. Dieser Befehl stellte zum Teil eine Vergeltung für Dinge dar, die noch gar nicht stattgefunden hatten. Das traf auch auf das Datum zu. Es war ein Tag in einer knappen Woche. Vermutlich der Tag, an dem AeroTech den Tod der Verhandlungsteilnehmer geplant hatte. In was war sie da nur verwickelt worden? -Aber nun gab es kein zurück mehr. Grant und seine Konsorten hatten sie in der Hand. Sie, die theoretisch die mächtigste Frau der Welt war.
Nach langem Zögern tastete Hayden nach ihrem Füller und schraubte ihn auf. Mit ihrer Unterschrift unter dieses Dokument besiegelte sie das Schicksal einer ganzen Welt. Sie war sich nur nicht so ganz sicher, von welcher Welt. Von der der Fremden oder von der Erde. Denn sollte Apocalypse nicht die gewünschte Kapitulation der Außerirdischen nach sich ziehen, gab es im Krieg keine Gnade mehr, für keine Seite.
Hayden hatte ihren Namen kaum ausgeschrieben, da wurde das Blatt schon wieder vom
Schreibtisch gezogen. Grant lachte in sich hinein.
"Macht kompromittiert, nicht wahr, Diane?"
Dafür würde sie Charput und AeroTech bis an ihr Lebensende hassen.
Nathan West bediente mechanisch die Steuerung seines Hammerhead-Jägers. Links von sich konnte er Coopers Maschine erkennen. Sie flogen beide in der Keilformation der 60sten Staffel, die den Auftrag hatte, den Randbereich des Helios-Systems nach Feindbewegungen abzusuchen.
Seit den gescheiterten Friedensverhandlungen vor zwei Tagen hatten ausgesetzte Spähsonden bei Hera starke feindliche Verbände registriert, die sich scheinbar näherten. Auch in anderen Sektoren war es offensichtlich zu Truppenbewegungen gekommen. Damit konnte die Großoffensive Round Hammer und die geplante Invasion der fremden Heimatwelt endgültig zu den Akten gelegt werden. Es sah ganz danach aus, als hätte die 15te Flotte in der nächsten Zeit genug damit zu tun, mit heiler Haut davon zu kommen. Trotzdem war von der Erde der Befehl gekommen, vorläufig die Position im Helios-System zu halten. Was hatten die im Generalstab in New York nun wieder ausgeheckt? Wollten sie die 15te Flotte opfern, um den Chigs zu zeigen, wie heldenhaft die Menschheit untergehen konnte?
Doch im Grunde war Nathan das alles gleichgültig. Die Wild Cards existierten nicht mehr. Das 58ste hatte sich für die Rettung einer Handvoll Siedler geopfert. Für die Rettung von Kylen! Oh, es bedeutete Nathan sehr viel, Kylen am Leben und auf dem Weg nach Hause zu wissen, doch der Tod von Shane, Vanessa und Paul sorgte dafür, dass er sich nicht darüber freuen konnte. Es war ein so unglaublich hoher Preis. -Aber der Krieg nahm davon keine Notiz. Das Marine Corps benötigte Piloten und hatte keinen Platz für Trauer. Schon einen Tag, nachdem von den Wild Cards nur Cooper und er aus dem Einsatz zurückge-kehrt waren, teilte man sie der 60sten Staffel zu und schickte sie mit ihren neuen Kameraden auf Patrouille. Die gelben Todesnachrichten von Paul Wang, Shane Vansen und Vanessa Damphousse wurden ausgestellt und die Akten geschlossen. Routinesache! Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen...blablabla. Das war so unmenschlich!
"Schalte jetzt auf Suchfrequenz von Spähsonde Bravo", riss ihn die
Stimme von Staffelführer Wilks aus seinen Gedanken. Verärgert über sich selbst ballte
Nathan seine rechte Hand zur Faust. Verdammt, konzentrier dich, du befindest dich
im Einsatz!
Ein Fiepen ertönte in seinem Helm. Wilks holte sich die Beobachtungen der Sonde in seinen
Bordcomputer.
"Was haben wir denn da?" murmelte Wilks über die Sprechanlage.
"Chig-Streitmacht etwa 5000 MSK außerhalb des Systems. Bomber, Jäger und zwei
Zerstörer. Nähern sich mit hoher Geschwindigkeit. In etwa..."
In der Leitung ertönte ein Krachen und Rauschen.
"Verdammt, die Verbindung zu Bravo ist abgerissen."
Noch bevor der Befehl dazu kam, schaltete Nathan das Langstrecken-Ortungssystem seines Hammerhead
ein. Er brauchte nur wenige Sekunden, um das zu finden, was von Bravo noch
übrig war.
"Sonde durch feindliche Salve zerstört. Feindliche Vorhut entdeckt. Bei 5-700",
rief Nathan aufgeregt.
"Bestätige. Sonde zerstört", schaltete sich Cooper ein. "Chig-Vorhut
nimmt Kurs auf uns. Kommt schnell näher."
Commodore Ross rieb sich vollkommen übermüdet die Augen. Er war nun seit mehr als zwei Tagen auf den Beinen und versuchte seine Kampfgruppe seit dem Scheitern der Friedensverhandlungen auf eine mögliche Schlacht vorzubereiten. Zur Zeit befanden sich alle Staffeln des 5ten Hammerhead-Luftgeschwaders abwechselnd auf Erkundungsflügen und was sie zu berichten hatten, klang ziemlich ernüchternd. Truppenbewegungen, wohin man auch blickte. Und das Oberkommando hatte nichts besseres zu tun, als "halten Sie die Stellung und warten Sie weitere Befehle ab" zu senden. Die hatten ja keine Ahnung, was hier draußen los war!
Noch vor nicht ganz zwei Wochen war alles so einfach gewesen. Round Hammer hatte kurz davor gestanden, in die entscheidende Phase zu gehen. Die Zukunft versprach damals zwar viel Blut und Leid, aber auch Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges. Aber nun? Zur Zeit gab es nur die Gewissheit, dass die 15te Flotte bald ums nackte Überleben kämpfen würde, wenn denen im Oberkommando nicht bald etwas Besseres als "Halten Sie die Stellung!" einfallen würde.
Commodore Ross senkte seinen Blick auf den langen Tisch im Einsatzraum, über den zur Zeit eine riesige Karte ausgebreitet war. Ihm gegenüber begutachtete Admiral Stanner, der Oberkommandierende der Flotte, gerade die vielen Fähnchen, Hütchen und Plastikmo-delle, die über die Karte verteilt standen. Sowohl in der Nähe von Hera als auch in anderen Sektoren wimmelte es von Modellen, die Chig-Streitkräfte darstellten.
"Das verspricht, interessant zu werden", wandte sich Stanner an einen General, der sich ebenfalls in diesem Raum aufhielt. "Die Streitmacht, die die Lincoln-Kampfgruppe noch vor einigen Tagen beobachtet hat, macht sich schnurstracks auf den Weg hierher. Wir scheinen ihnen ja eine Heidenangst einzujagen. - Das wäre eine Aufgabe für die Europäer, finden Sie nicht, General?"
Der Angesprochene nickte.
"Ich werde mich mit Admiral Chevalier in Verbindung setzen. Er soll sich
bereithalten." Der General ließ sich von einem anwesenden Adjutanten ein Telefon
reichen und zog sich etwas in den Hintergrund zurück, um in Ruhe sprechen zu können.
"Die werden ein blaues Wunder erleben", schwärmte Stanner.
So langsam wurde es Ross zu bunt. Diese hohen Tiere verhielten sich, als wäre alles nur
ein verdammtes Planspiel und sie hielten sich anscheinend für unglaubliche militärische
Genies.
"Sir", wandte er sich vorsichtig und leise an Stanner. "Ich weiß, dass es
respektlos erscheinen wird, wenn ich Ihre Strategie kommentiere, aber..."
Stanner klopfte ihm lächelnd auf die Schulter.
"Wenn Sie ein Problem haben, Glen, dann raus damit!"
Für seine Vertraulichkeit wäre Ross dem Admiral am liebsten an die Gurgel gesprungen. Er
holte tief Luft und fuhr so leise wie bisher fort:
"Sir, Ihre Strategie in Ehren, aber wenn wir die Flotte nicht bald in Bewegung
setzen, werden wir unser blaues Wunder erleben." Er wies auf den Tisch vor
ihnen. "So, wie es aussieht, ist der sich nähernde Feind uns kräftemäßig
überlegen und wird uns zudem bald zwingen, an mehreren Fronten gleichzeitig zu
kämpfen."
"Keine Sorge, das machen wir schon." Stanner war die Ruhe selbst. Und das
brachte Ross fast in Rage. Zudem war er es gewöhnt, über seinen Träger Saratoga und
seine Leute die vollkommene Kontrolle zu haben. Nun aber zwang ihn die Eingliederung in
die 15te Flotte dazu, sein Schicksal und das seiner Leute in die Hände eines Admirals zu
legen, für den alles scheinbar nur ein Spiel war.
"Sir", zischte Ross. "Wenn wir hier weiter warten, geraten wir in
eine ausgesprochen ungünstige Lage." Das war eine diplomatische Formulierung für:
"Wenn wir noch länger bleiben, verwandeln die Chigs uns und unsere phantastische
Flotte in Sternenstaub."
Nun senkte auch Stanner die Stimme. Und sie klang auf einmal schneidend scharf:
"Wir haben den ausdrücklichen Befehl vom Oberkommando, die Stellung zu halten!"
"Sir, mit Verlaub gesagt, aber das Oberkommando hat keine Vorstellung von dem, was
sich da auf uns zubewegt."
"Ich werde diese Diskussion nicht fortsetzen, Ross!" fauchte Stanner.
"Zudem waren es Ihre Leute, die uns an den Feind verraten haben. Wagen Sie
also nicht noch einmal, mein Vorgehen in Frage zu stellen!"
Ross funkelte sein Gegenüber an und rang um seine Beherrschung. Diese Bemerkung war unfair und falsch! Und es traf ihn persönlich, dass Stanner die Wild Cards, die ihr Leben für die Siedler geopfert hatten, als Verräter abstempelte. Das hatten sie nicht verdient.
"Darf ich wegtreten, Sir?" Ross Blick bohrte sich in Stanners Augen.
"Ich werde auf der Brücke gebraucht."
Stanner drehte sich desinteressiert weg. "Wenn Sie meinen, bitte!"
Ross salutierte überförmlich und wandte sich zum Gehen. In diesem Augenblick meldete
sich die Brücke über die Sprechanlage:
"Commodore Ross, eine Meldung von der 60sten Staffel."
Sofort drückte er auf die Sprechtaste des Intercom, das ihn mit der Brücke verband.
"Ross hier. Sprechen Sie!"
"Captain Wilks meldet: Zwei Zerstörer plus eine Bomber- und Jägergruppe nähern
sich aus Sektor Bravo. Noch 4000 MSK bis zur Grenze. Treffen mit feindlicher Vorhut
steht unmittelbar bevor."
"Sagen Sie Wilks, er soll Feindkontakt vermeiden und umkehren! Ich bin
unterwegs."
Kurz bevor er den Raum verließ, warf Ross Admiral Stanner noch einmal einen zornigen
Blick zu. Der beachtete ihn aber gar nicht, sondern stellte nur ein paar Spielzeugmodelle
dorthin, wo sich auf der Karte Sektor Bravo befand. Als wäre alles nur ein
verdammtes Planspiel!
Dafür, einen Kampf mit den Chigs zu vermeiden, war es für die 60ste Staffel inzwischen zu spät. Sie befand sich bereits mittendrin. Vor wenigen Minuten hatte Wilks die Formation auseinander gezogen und wollte gerade einen Ausweichkurs befehlen, da eröffneten die feindlichen Jäger bereits das Feuer. Von einem Augenblick zum anderen durchzuckten tödliche Flammenkugeln die Schwärze des Weltraums. Den Hammerhead von Wilks Flügelmann Landis zerriss es in tausend Fetzen und Cooper konnte durch eine Drehung seiner Maschine um die Längsachse gerade noch verhindern, mit der glühenden Trümmerwolke zu kollidieren. Sekunden später befand sich die 60ste Staffel mitten in einem Schwarm feindlicher Jäger. Coopers Instrumente stießen warnende Töne aus, auf seinem Monitor, der ein stilisiertes Bild der gegenwärtigen Situation zeigte, herrschte ein unglaubliches Durcheinander. Chigs und Hammerheads waren wild vermischt. Er starrte hektisch aus seiner Kanzel. Links über ihm wischte ein Hammerhead vorbei. Etwas weiter unten schimmerte etwas. Da noch etwas! Unverkennbar zwei der seltsamen Feindjäger.
"Hier Pik-Bube, ich habe zwei auf 10 Uhr. Greife an."
Hawkes brachte seine Maschine sofort in Position und schaltete die Zielautomatik ein. Auf
seinem Display erschienen zwei Punkte. Hawkes Welt schrumpfte auf sein Fadenkreuz,
die feindlichen Ziele und den Auslöser der Impulskanone. Gleich hab ich euch!
"Eine anständige Meldung, verdammt!" polterte Wilks Stimme aus seinem
Kopfhörer.
Verdammt! Für einen winzigen Augenblick schweiften Coopers Gedanken ab. Für einen
winzigen Augenblick hatte er vollkommen vergessen, dass er sich nicht mehr mit den Wild
Cards im Kampf befand. Einen "Pik-Bube" gab es nicht mehr. Er war
nun...wer?!
"Achtung, Coop, sie haben dich im Visier!"
Das war Nathan. Der winzige Augenblick war vorüber. Und er hatte den beiden Chigs
gereicht, sich durch eines ihrer wahnwitzigen Manöver hinter ihn zu setzen. Ein Heulen
ertönte. Die elektronische Warnung des Computers, dass Coopers Jäger von einer
Zieleinrichtung erfasst war. Instinktiv riss er das Steuer nach rechts. Nichts! Der
Ton blieb.
"Sie sind noch an mir dran." Ein Leuchten wischte an seiner Kanzel vorbei.
Das war knapp!
"Wenn ich "drei" sage, ziehst du runter, Hawkes", rief Nathan.
"Eins, zw..."
Ein Stoß riss Cooper fast aus seinem Sessel. Zu dem Zielalarm mischten sich weitere
Töne. Seine Welt drehte sich. Die Maschine taumelte unkontrolliert um ihre Längsachse.
"Hawkes!" Nathan klang wirklich erschrocken. Mechanisch steuerte er gegen
die Bewegung des Fliegers. Die Drehung verlangsamte sich. Aber irgend etwas qualmte hier. Keine
Zeit für solche Kleinigkeiten!
"Okay, ich hab sie wieder."
Ein Kreischen ertönte. Der Kollisionsalarm. Aus geweiteten Augen erkannte Cooper plötzlich einen Chigjäger unmittelbar vor ihm. Und irgendwie hatte er den Eindruck, dass der feindliche Pilot ebenso erschrocken war. Er bekam aber keine Chance für einen Herzinfarkt. In einer Reflexbewegung zuckte Hawkes Daumen auf die Feuertaste. Die Bordkanone reagierte mit einem Sturm von 20 Laserimpulsen pro Sekunde. Der Strahl traf das Ziel und fraß sich innerhalb eines kurzen Augenblicks mittendurch. Es verwandelte das Schiff in Staub.
"Hawkes, runter jetzt!"
Er war von der Explosion noch ganz geblendet. Aber er reagierte. Die Lenkdüsen ließen
seinen Hammerhead nach unten wegsacken. Und schon wurden seine Verfolger von Nathan
atomisiert.
"Befehl zum Rückzug", meldete sich Wilks Stimme wieder. "Vom Feind lösen
und ab nach Hause."
Coopers Maschine reagierte etwas bockig. Vermutlich hatte sie einen Treffer abbekommen.
Der Qualm im Cockpit brannte langsam in seinen Augen. Während er umkehrte, erblickte er
eine Feindmaschine von rechts.
"Erzählen Sie das denen, Captain!"
Eine Wolke aus Störkörpern hinterlassend, die angeblich die feindlichen
Zieleinrichtungen irritierten, stieg er auf. Dem Feind entgegen! Knallt mich doch ab,
wenn ihr könnt! Das wäre mir eigentlich egal. Es gibt niemanden mehr, der um mich
trauern würde.
"Vom Feind lösen, hab ich gesagt!"
Cooper ignorierte ihn. Sollte Wilks ihn doch vor ein Kriegsgericht bringen!
Der Feind wich ihm zur Seite aus und gab Fersengeld. Das wird dich auch nicht mehr
retten! Cooper fegte ihn mit einer langen Salve aus dem Weltraum. Er ignorierte den
Qualm, der inzwischen so dicht war, dass ihm das Atmen schwer fiel. Mit einem Knopfdruck
schloss er das Helmvisier. Von diesem Moment an konnte er noch dreißig Minuten atmen.
Dann war die Luft in dem Ersatztank, der nur mit seinem Helm verbunden war, aufgebraucht.
"Achten Sie auf Ihre Sechs, Grün 3."
Cooper warf einen Blick auf seinen Monitor, um sich wieder zu orientieren, wer sich wo
befand. Verdammt! Zwischen ihm und den anderen flogen drei Chigs. Egal, da musste
er durch! Cooper gab vollen Schub. Einen der drei verfehlte er nur um Haaresbreite.
"Weg da, Hawkes, Sie geraten in meine Schusslinie!" donnerte Wilks.
"Lassen Sie mich das machen, Captain." Dabei drängte er Wilks Maschine bereits
ab.
"Was, zum Teufel, tun Sie da?"
Amateure! dachte Cooper. Bei den Wild Cards würde hier inzwischen kein einziger Chig mehr herum schwirren! Er machte sich daran, den Verfolger von Grün 3 aufs Korn zu nehmen... doch dann war es vorbei! Grün 3 wurde zu brennendem Staub.
"Benchley!" hörte er Wilks verzweifelte Stimme. Cooper konnte es
nicht glauben. Dass er einen Augenschlag später auch den Chigjäger zerblies, brachte
Benchley nicht mehr zurück.
"Sammeln bei Punkt 1 0 3 und dann nichts wie weg!" Wilks rang um seine
Beherrschung.
"Verstanden." Erst langsam wurde Cooper jetzt klar, was er angerichtet hatte. Es
war, als hätte er Benchley selber abgeschossen. Dadurch, dass er Wilks abgedrängt hatte,
war der Chig ein paar Sekunden ungestört gewesen. Und die hatten ihm gereicht.
Der Monitor zeigte ihm, dass die Überlebenden der 60sten Staffel den Schwarm der feindlichen Jäger hinter sich ließen. Er aktivierte ebenfalls seine Haupttriebwerke, um sich ihnen anzuschließen. Nach wenigen Augenblicken verlor er plötzlich die Kontrolle über seine Maschine. Das linke Triebwerk, das anscheinend einen Treffer abbekommen hatte, setzte mit einem Schlag aus. Der Hammerhead begann sich wie ein Kreisel in der Schwerelosigkeit zu drehen. Die Sternenwelt wischte wie ein zu schnell abgespielter Film an ihm vorbei. Coopers verzweifelte Versuche, den Jäger wieder in seine Gewalt zu bekommen, fügten nur weitere Drehbewegungen in andere Richtungen hinzu, so dass er sich nach wenigen Augenblicken in alle Richtungen auf einmal zu bewegen schien.
"Triebwerkschaden! Habe Kontrolle verloren!", schrie Cooper.
Nun war es also soweit. Nach Shane, Vanessa und Paul würde nun auch er sterben.
"Cooper braucht Hilfe!" hörte er Nathan brüllen. Langsam verlor er das
Bewusstsein. Er hatte keinerlei Orientierung mehr.
"Feindliche Jäger im Anflug! Cooper, Schleudersitz!!!"
Wieso musste er ausgerechnet in dieser Sekunde an Winslow denken?
"Wir können sie nicht aufhalten. Cooper, Schleudersitz! Schieß dich
raus!"
Wo bin ich? Und wo ist der Hebel, um das Cockpit auszuklinken? -Ein Feuerball wischte irgendwo vorbei. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Die Augen geschlossen haltend, tastete Cooper mit der linken Hand nach der Vorrichtung links neben seinem Sessel. Es dauerte scheinbar eine Ewigkeit, bis er den Griff in seiner Hand spüren konnte. Und während dieser Zeit herrschte auf dem Funkkreis das reinste Chaos. Geschrei, Krachen, Störgeräusche. Dazu mischte sich das Getöse seiner Instrumente, die ihn über tausend Gefahren gleichzeitig zu informieren versuchten. Mit letzter Kraft zog er den Hebel für die Abkoppelung des Cockpits langsam nach oben. Ein Knall! Ein Zischen! Und gleichzeitig schien ihn ein Riese in den Sessel zu drücken.
"Er hat ausgekoppelt...Das Cockpit schleudert weg...wo ist..." Die Stimmen
wurden leiser und leiser. Und dann...Stille!
"6 0 im Anflug auf Saratoga", meldete Wilks dumpf. "Hatten
Feindkontakt. Verluste: Drei. Einer von ihnen vermisst."
"Verstanden. -Landedeck 3 bereit zum Anflug. Willkommen zu Haus", antwortete die
Zentrale.
Routinemeldungen, Routinelandung, Routineverluste! Nathan schlug mit der Faust wütend auf eine Schalttafel. Keine besonderen Vorkommnisse. Wir haben nur ein paar Tote, das ist alles!
Nathan steuerte seinen Hammerhead von unten an den Bauch der Saratoga heran, die immer gewaltiger vor ihm aufragte. Ein Leitsignal wies ihm den Weg bis zu seiner Landebucht. Wenig später wurde die Maschine eingehakt, die Abwurfluke unter ihm schloss sich und das ausgeklinkte Cockpit wurde nach oben in den Hangar gefahren. Im Augenblick war Cooper alles, woran er denken konnte. Seine Kanzel hatte sich kaum geöffnet, als er sich bereits aus seinen Gurten löste. Den Helm warf er achtlos zur Seite.
"Staffel in Reihe antreten!" Das war Wilks Stimme. Nathan hatte jetzt keine
Zeit für solche Spielchen. Er musste auf die Brücke, damit eine Bergungsmannschaft
eingewiesen werden konnte, um Cooper zu retten.
"West, ich habe gesagt, antreten!" brüllte Wilks. Nathan drehte sich
unsicher um und blickte Wilks an, dessen kantige Gesichtszüge in einem finsteren Ausdruck
versteinert waren.
"Sir...ich, ich muss auf die Brücke, damit Cooper gerettet..."
"Ihr verehrter Kamerad hat einen meiner Leute auf den Gewissen. Und Sie haben
gefälligst anzutreten, wenn ich es befehle, ist das klar, Marine!"
Das war zu viel! Damit brachte Wilks bei Nathan das Fass endgültig zum Überlaufen. Auf einen Schlag brach der ganze Frust, der sich in den Tagen seit dem Tod der Wild Cards in ihm aufgestaut hatte, aus ihm heraus. Und Wilks hatte eben das Pech, dass ausgerechnet er gerade in Nathans Nähe stand. Seine Hände fuhren vor und packten den Captain am Kragen.
"Gehen Sie mir, verdammt noch mal, aus dem Weg. -Sie werden mich mit sinnlosen
Befehlen nicht daran hindern, meinen letzten Kameraden zu retten, den ich noch habe..."
Vermutlich hätte Nathan im nächsten Augenblick auf Wilks eingeschlagen, wenn ihn nicht
ein scharfes "Achtung!" zur Vernunft gebracht hätte. Die Stimme ging ihm
durch Mark und Bein. Es war die Stimme von Commodore Ross. Augenblicklich standen sie alle
stramm. Ross warf ihnen allen einen vernichtenden Blick zu.
"Würden Sie mir bitte erklären, was hier vorgeht!"
Das klang nicht wie eine Bitte. Eher wie "Wenn Sie nicht in zwei Sekunden eine
vernünftige Erklärung Ihres Verhaltens liefern, lasse ich Sie vierteilen, kielholen und
dann erschießen!"
Ganz langsam arbeitete bei Nathan wieder der Verstand. Und er wurde sich darüber bewusst, dass er mit dem tätlichen Angriff auf Wilks eines der schlimmsten beim Militär vorstellbaren Verbrechen begangen hatte. Er schloss die Augen, um Ross nicht ansehen zu müssen.
"Sir, für mein Verhalten gibt es keine Entschuldigung. Ich habe die Beherrschung
verloren und Captain Wilks tätlich angegriffen. Ich übernehme die volle Verantwortung
für mein Handeln, möchte aber vorher noch zur Rettung des vermissten Marine Cooper
Hawkes beitra..."
"Schon gut, wir haben alle ein paar furchtbare Tage hinter uns, West",
unterbrach ihn der Commodore energisch. Nathan öffnete verwirrt die Augen.
"Auf jeden Fall lässt mich mein Gedächtnis in der letzten Zeit öfter im Stich.
Sehen Sie, ich kann mich schon nicht mehr daran erinnern, was ich gesehen habe, als ich
den Hangar betreten habe. Können Sie mir vielleicht auf die Sprünge helfen,
Captain Wilks?"
Für einen Moment herrschte Totenstille. Nathan starrte stur geradeaus und war bereit
dafür, dass Wilks ihm den Todesstoß versetzte.
"Tut mir leid, Sir, ich weiß nicht, was Sie meinen", entgegnete Wilks
schließlich.
Nathan glaubte fast, in Ohnmacht fallen zu müssen. War er tatsächlich gerade davor
bewahrt worden, in einem Militärgefängnis zu verrotten?
"West, Sie melden sich bei mir!" In Ross Stimme war die Schärfe des
Vorgesetzten zurückgekehrt.
"Aye, aye, Sir."
"Aber jetzt braucht man Sie und Captain Wilks auf der Brücke, um den Bergungstrupp
einzuweisen!"
Fünf Minuten später war Nathans Stimmung schon wieder auf dem Nullpunkt angelangt. Alles was sie zu Coopers Rettung hatten, waren die Koordinaten des vergangenen Kampfes, denn aus einem unbekannten Grund gab es von seinem Cockpit kein Peilsignal, mit dem sie es aufspüren könnten. Falsch, Nathan konnte schon zwei Gründe erraten. Cooper fürchtete, mit einem Peilsignal könnte er auch feindliche Jäger auf sich aufmerksam machen, von denen es dort draußen inzwischen wimmelte. Und der zweite Grund, warum es kein Signal gab, war: Sie hatten ihn bereits gefunden. Und das bedeutete, dass es gar kein Cockpit mehr gab...und keinen Cooper Hawkes. Wie auch immer. Ohne Peilsignal war es unmöglich, ihn jemals zu finden.
Ganz allmählich drang das leise Knistern schmorender Leitungen in Coopers Bewusstsein. Sonst war es still und dunkel. Er atmete die geruchs- und scheinbar temperaturlose Luft aus dem Ersatztank, der mit seinem geschlossenen Helm verbunden war. Vorsichtig öffnete er die Augen. Nichts! Er war von einem dunklen Grau umgeben, das sich irgendwie zu bewegen schien. Von irgendwo vor ihm drangen nur noch ganz schwach andere Farben durch. Wo bin ich? Unwillkürlich tauchten in ihm Bilder aus einer Zeit auf, bevor er in diese Welt gekommen war. Ein ewiges Schweben in einer ewigen Dunkelheit, als er als InVitro noch nicht ganz lebte aber schon existierte. Cooper schüttelte diese Bilder ab. Vorsichtig hob er seine rechte Hand vor seine Augen. Das Grau bewegte sich wieder. Qualm! durchfuhr es ihn plötzlich. Und auf einen Schlag wusste er wieder Bescheid. Er trieb mit seinem ausgekoppelten Cockpit irgendwo durchs Weltall. Und offensichtlich hatten ihn die
Chigs noch nicht erledigt. Vorsichtig beugte er sich in seinem Sessel vor, um durch den immer dichter werdenden Rauch die Instrumente ablesen zu können, deren Leuchten kaum noch zu erkennen war. Durch das Cockpitfenster sah er die Sterne, die sich langsam um ihn zu drehen schienen. Seine Anzeigen standen, soweit er es erkennen konnte, entweder im roten Bereich oder waren ausgefallen. Die Luft im Cockpit war inzwischen durch den vielen Qualm nicht mehr atembar, und die Filter waren zerstört. Großartig! Immerhin funktionierte die Heizung noch, sonst wäre er bereits erfroren. -Und die Luft im Ersatztank? Cooper versuchte, über dieser Anzeige den Qualm etwas zu lichten, um sie ablesen zu können, denn was er bisher erkannte, konnte unmöglich sein. Oder doch? Er schluckte, denn er hatte sich nicht verlesen. Sein Sauerstoff war so gut wie verbraucht. Vielleicht noch fünf Minuten, wenn überhaupt.
"Wo seid ihr, wenn man euch braucht?"
Er ließ sich zurücksinken und schloss die Augen. Hatte er all die Gefahren seines Lebens überstanden, nur, um dann in einem ausgekoppelten Cockpit irgendwo im Nichts jämmerlich zu ersticken? Wenn der Rettungstrupp nicht in den nächsten Momenten auftauchte, war das nicht mehr zu verhindern. Verzweifelt hob er den Blick aus der Kanzel, hinaus in den Weltraum, in der Hoffnung, irgendwo so etwas wie ein Shuttle oder wenigstens einen Jäger auszumachen. Irgend etwas, dass ihm zeigte, dass sein Leben noch nicht beendet war. Aber er fand nichts. Nur die Sterne, die sich nach wie vor langsam und geduldig um ihn drehten.
"Wo seid ihr, wenn man euch braucht?" wiederholte er. Seine Stimme klang
irgendwie schläfrig. Die ersten Anzeichen von Sauerstoffmangel! stellte sein
Verstand nüchtern fest.
"Oh, verdammt!"
Er blinzelte und schüttelte den Kopf, um wieder richtig wach zu werden. Du darfst alles, nur nicht einschlafen! Um sich zu beschäftigen, beugte er sich vor und begann, laut die Werte auf der Instrumententafel abzulesen. Zunehmend schleppend. Plötzlich stutzte er, als sein Blick an einer erloschenen Diode hängen blieb. Eigentlich müsste dieses Licht brennen. Aber ihm wollte nicht mehr einfallen, warum. Vielleicht konnte ihm ja die Aufschrift der Diode weiter helfen. Angestrengt versuchte er zu lesen. Er sah das Wort, konnte es aber nicht mehr begreifen. Der verfluchte Sauerstoffmangel! -Aber eigentlich war es ja gar kein so schlechter Tod, der auf ihn wartete. Einfach einschlafen und alles vergessen! Schmerzen und Sorgen hinter sich lassen!
"Du spinnst wohl!" ermahnte er sich. "Du wirst wach bleiben und jetzt
diese Anzeige lesen!"
Trans...pon...der...Transponder. Na und? Warum sollte das wichtig sein? Warum? Sein
Geist arbeitet inzwischen nur noch in Zeitlupe. Er zermarterte sich den Kopf darüber,
warum es wichtig sein sollte, dass das Licht über der Aufschrift Tansponder brannte.
Aber natürlich! Wie sollte ihn ein Rettungstrupp finden, wenn der Signalgeber aus
war? Du musst das Ding sofort einschalten! Schwerfällig hob er seine rechte Hand
zu dem entscheidenden Knopf...und verharrte kurz davor. Wenn er den Peilsender aktivierte,
glich sein ausgekoppeltes Cockpit einer Leuchtboje. Und vielleicht hatten ihn die Chigs
bisher nur noch nicht abgeknallt, weil sein Transponder aus war. Sobald er diesen Knopf
berührte, wurden sie ihn aber sicher schnell finden und dann kurzen Prozess mit ihm
machen.
"Verdammt, Coop, komm zu dir, du hast keine Wahl!" erinnerte er sich. Denn wenn er nicht auf diesen Knopf drückte, war er ganz sicher tot, weil ihn dann kein Rettungstrupp finden konnte. Er betätigte ihn mit dem rechten Zeigefinger. Die Diode flammte auf.
"Auf das dich die Richtigen zuerst finden!" Cooper hörte sich nur noch leise und undeutlich murmeln. Nur ein paar Minuten die Augen schließen und ich bin schon wieder auf dem Damm! Er hatte diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da glitt sein Bewusstsein bereits langsam davon. Hin zu einem Moment vor nur zwei Tagen, in dem alles, was ihm etwas bedeutete, zu existieren aufhörte. Hin zu Shanes Stimme, wie sie aus der Sprechanlage kam, kurz bevor sie und Vanessa abgestürzt waren. "Nein, Nathan, du wirst Kylen nach Hause bringen!" - "Ja, verstanden." - "Immer treu...mein Freund..."
Von einer Sekunde zur nächsten schreckte Shane Vansen hoch. Für eine Sekunde hatte sie geglaubt, Coopers Stimme zu hören. Aber das war natürlich vollkommener Unsinn. In der Welt, die für sie und Vanessa Damphousse noch existierte, gab es keinen Cooper Hawkes. Und auch sonst hatte hier nichts mehr eine Bedeutung, was noch vor zwei Tagen ihr Leben bestimmt hatte. Ist das erst zwei Tage her? Es kam ihr vor, als befände sie sich bereits ihr ganzes Leben hier...in den Trümmern des Shuttle-Cockpits.
Das dominierende Geräusch ihrer Umgebung war ein eigentümliches Gluckern. Alles war immer irgendwie in Bewegung. Auf der Außenseite des Cockpitfensters hatten sich grüngelbe Ablagerungen abgesetzt. Zwischen ihnen rannen ständig Regentropfen herunter. Aber es war kein Wasser, das beständig die Scheibe benetzte. Ebenso wenig wie der Ozean, auf dessen Oberfläche sie trieben und der sich von Horizont zu Horizont erstreckte, mit irgend einem Meer der Erde vergleichbar gewesen wäre. Jedenfalls nicht mit einem Meer der Erde, wie es die Menschen kannten.
Der Himmelskörper 2063Y, auf dem sie abgestürzt waren, befand sich in etwa in dem Entwicklungsstadium wie die Erde vor mehr als einer halben Milliarde Jahre. Das Meer enthielt Schwefel, Ammoniak und was weiß der Teufel noch. Dem entsprechend war auch die Atmosphäre, die wie ein schwerer grüngelber Dunst ständig über dem Urmeer hing, nicht atembar. In unregelmäßigen Abständen kam es in näherer und größerer Entfernung am Himmel zu Entladungen, wie sie das gewaltigste Gewitter der Erde nicht zustande gebracht hätte. Manchmal schien die Atmosphäre zu brennen. Für Shane und Vanessa klang es, als lägen sie unter Artillerie-Dauerbeschuss. Und früher oder später würden sie sterben.
Ein neuerlicher Blitz und ein tosender Donnerschlag! In Shanes Erinnerung tauchte wieder der Augenblick auf, in dem ihr Transporter plötzlich von einem unglaublichen Treffer erschüttert wurde. Und dann sogleich die Gewissheit, keine Kontrolle mehr zu haben... Sich wie in Zeitlupe drehend, trieb ihr abgerissenes Cockpit in Richtung der leuchtenden Krümmung des Planeten. Vanessa hing wie eine leblose Puppe neben ihr in den Gurten. Sie musste irgend etwas abbekommen haben, Shane konnte aber keine Verletzungen erkennen. Komischer Weise dachte sie in diesem Moment gar nicht daran, dass sie die nächsten Minuten kaum überleben konnte, sondern vor allem an die Siedler und Cooper, die in dem nun freischwebendem Transportcontainer den angreifenden Chigjägern hoffnungslos ausgeliefert waren. Wenige Augenblicke später stürzten sie dann bereits ab. Doch Shane konnte in der Gewissheit sterben, dass Nathan die anderen retten würde. Es war gar nicht so einfach gewesen, ihn davon zu überzeugen, sie zurückzulassen, aber schließlich hatte er doch endlich begriffen, dass er keine andere Wahl hatte. Er durfte nicht das Leben der ganzen Siedler und auch nicht das von Kylen aufs Spiel setzen. Damit würde er alles verraten, wofür die Wild Cards jemals gekämpft hatten.
Schon nach wenigen Sekunden war das Cockpit des Transporters so weit in die grünlichen Atmosphäre von 2063Y gefallen, dass die Sterne über ihnen nicht mehr zu erkennen waren. Mechanisch schob Shane die Regler für die Bremstriebwerke zurück, denn wenn sie in diesem Winkel mit dieser Geschwindigkeit in die Atmosphäre eintauchten, würden sie verglühen. Sofort spürte sie einen leichten Andruck im Rücken.
Das Cockpit, das laut Auskunft der Konstrukteure auch als Rettungskapsel geeignet war, verlangsamte sich etwas. Würde die Bremsfähigkeit der provisorischen Düsen ausreichen? Würde der provisorische Hitzeschild auf der Rückseite ausreichen, damit die Kapsel die Reibungshitze überlebte? Fragen über Fragen, und bisher war noch kein Mensch ernsthaft auf die Idee gekommen, die Wiedereintrittsfähigkeit des APC-Cockpits zu testen. Alle Versuche waren bisher unbemannt mit an Bord befindlichen Messgeräten durchgeführt worden. Diese hatten zwar ergeben, dass ein Mensch einen Absturz in dieser provisorischen Rettungskapsel überleben konnte, aber was bedeuteten schon Zahlen und Messungen, wenn man sich plötzlich in einer Lage befand, in der das Leben davon abging.
Eine Ewigkeit lang passierte dann überhaupt nichts. Shane hatte nur das unbestimmte Gefühl, zu fallen. Stumm wischten an ihrem Gefährt Fetzen der Atmosphäre vorbei.
Es begann mit einem leichten Zittern. Sie nahm es zunächst eher unbewusst war, doch dann wurde es immer stärker. Ein allmählich lauter werdendes Brausen und Pfeifen umgab sie, wie ein Sturm, der um die Ecken eines Hauses heult. Die Atmosphäre wird dichter! Im Inneren begann alles Mögliche zu klappern und zu quietschen. In der Hülle der Kapsel bildeten sich Spannungen. Ein immer intensiver werdendes Knarren von überlastetem Metall breitete sich aus. Shane warf einen vorsichtigen Blick auf die Anzeige des Neigungswinkels für den Eintritt in die Atmosphäre. Er befand sich im Toleranzbereich. Theoretisch!
Das Pfeifen wurde langsam zu einem Tosen. Klappern und Quietschen verwandelten sich in ein Dröhnen und Kreischen. Und das Zittern erschütterte inzwischen jede Faser ihres Körpers. Shane begann zu schwitzen. Die Innentemperatur des APC-Cockpits kletterte unbarmherzig. Allmählich veränderte sich die Farbe der herein leuchtenden Atmosphäre von grün zu gelb bis zu den Farben des Feuers.
Einen kilometerlangen Flammenschweif hinter sich her ziehend, stürzte die Kapsel immer weiter. Schließlich glaubte Shane, sich im Inneren eines Hochofens zu befinden. Die Luft um sie herum brüllte und schien zu brennen. Es war, als stürze sie direkt in die Hölle. Shane schrie, doch sie konnte ihre eigene Stimme nicht mehr hören. Sie rechnete schon damit, dass in den nächsten Sekunden das Material der Pilotenkanzel schmelzen und auf sie herunter tropfen würde. Instrumente zerplatzten. Es regnete Kunststoff- und Glassplitter. Instinktiv wollte Shane die Arme heben, um ihr Gesicht zu schützen, aber sie waren bleischwer. Sie wurden von einem Vielfachen ihres Eigengewichtes heruntergedrückt. Sie drehte den Kopf zur Seite. Splitter prasselten herunter. Hinterließen auf ihrem Anzug und ihrem Helm verkohlte Spuren. Endlich schaffte sie es, ihre Arme so weit zu heben, dass sie ihr ungeschütztes Gesicht bedeckten. Aus den Augenwinkeln erkannte sie mehrere rote Warnlampen. Der Hitzeschild bekam Risse. Die Belastung war zu groß. Und der Neigungswinkel stimmte auch nicht mehr. Sie musste unbedingt ihre Flugbahn korrigieren.
Unter Aufbietung ihrer ganzen Kraft arbeitete sie sich mit ihrer rechten Hand vor in Richtung der Steuerelemente. Noch zehn Zentimeter! Noch fünf Zentimeter! Ihre ganzen Empfindungen reduzierten sich zu dem Schmerz in ihrem rechten Arm. Ihre Augen bewegten sich zwischen Steuerelementen und den Warnleuchten hin und her. Noch zwei Zentimeter! Endlich! Sie fühlte den Knauf des entscheidenden Hebels in der Handfläche. Mit letzter Kraft und trotzdem äußerst behutsam bewegte sie den Hebel zur Seite. Die Warnleuchte blieb. Auch die Werte des Neigungswinkels veränderten sich zunächst nicht. Der lebenswichtige Hitzeschild lag in seinen letzten Zügen. Doch dann reagierte die Kapsel endlich. Der Winkel ihres Absturzes stabilisierte sich wieder. Doch zum Jubeln blieb keine Zeit. Einen Augenschlag später meldete sich der für Atmosphärenflüge ausgelegte Höhenmesser zu Wort. Er warnte vor einem unmittelbar bevorstehenden Aufprall. Und ihre Fallgeschwindigkeit betrug noch immer mehr als zweihundert Kilometer in der Stunde. Wir werden einschlagen wie eine Bombe! war Shanes letzter Gedanke, bevor sich die drei Fallschirme automatisch aus dem Bug lösten und mit einem Knall entfalteten. Der Ruck raubte ihr fast die Besinnung. Das nächste, was sie hörte, war ein lautes Klatschen. Wellen schlugen über ihnen zusammen. Im Zeitlupentempo kam die Kapsel dann wieder an die Oberfläche. Sie waren gelandet.
Eine kleine Ewigkeit hing sie nur mit geschlossenen Augen in ihrem Sessel. Ich lebe noch, war alles, was zählte. Doch dann kam ihr allmählich Vanessa wieder in den Sinn. Was war mit ihr? Lebte auch sie noch, hatte sie den Absturz überstanden? Ein Blick in ihre Richtung zeigte, dass sie sich nicht rührte. Ihr Gesicht war voller Blut. Shane entledigte sich ihres Helms, öffnete den Gurt und stemmte sich schwerfällig aus dem Sessel, der, so wie das Cockpit jetzt schwamm, an der Wand zu kleben schien. Der Boden, beziehungsweise die Rückwand war noch heiß wie eine Herdplatte, so dass sie sich erschrocken sofort wieder auf ihren Sessel zurückzog. Bis sich der Boden etwas abgekühlt hatte, musste sie versuchen, Phousse irgendwie anders zu erreichen. Sich an Lehne und Instrumenten festhaltend, beugte sie sich herüber. Das Blut in Vanessas Gesicht stammte aus unzähligen kleinen Schnittwunden, die herumfliegende Splitter bei ihr hinterlassen hatten. Zum Glück nichts Ernstes. Shane war gerade dabei, ihre Wunden provisorisch zu verarzten, als Vanessa aufstöhnte und sich rührte. Sie schlug die Augen auf.
"Hey, Phousse", begrüßte sie Shane sanft. Sie war so glücklich über
dieses Lebenszeichen ihrer Kameradin, dass sie für ein paar Sekunden sogar vergaß, in
welcher Lage sie sich befanden.
"Was ist passiert? Wo sind wir?" Vanessa verdrehte ihren Kopf und schien nichts
zu begreifen.
"Nunja, wir wurden getroffen uns sind abgestürzt. -Mehr kann ich dir leider auch
nicht sagen."...
Donner und Blitze rissen Shane wieder in die Gegenwart zurück. Die Stunden unmittelbar nach ihrem Absturz hatten sie damit verbracht, herauszufinden, was in ihrem Gefährt noch funktionierte und wo sie gelandet waren. Beides war nicht sehr ermutigend ausgefallen. Das Meer, in dem sie heruntergekommen waren, bestand aus allem, nur nicht aus Wasser, die Atmosphäre war das reinste Gift und das Innere des Cockpits glich einem Trümmerhaufen. In nervenaufreibender Kleinstarbeit hatte es Vanessa schließlich geschafft, die Lebenserhaltung wieder einigermaßen in Gang zu bekommen, denn von dieser hing alles andere ab. Wenn die Lebenserhaltung ausfiel, war alles andere bedeutungslos. Dabei musste Vanessa alle paar Minuten eine Pause einlegen, weil ihr ständig schwindelig wurde. Sie hatte wohl eine leichte Gehirnerschütterung davongetragen. Danach war das Warten losgegangen. Ihr Funkpeilsender arbeitete, aber er hatte keine besonders große Reichweite. Sie waren noch nicht einmal sicher, ob er überhaupt in der Lage war, die Atmosphäre von 2063Y zu durchdringen, die ein einziges großes Gewitter war.
Nachdem nun schon zwei Tage vergangen waren, hatten sie die Hoffnung auf Rettung beinahe aufgegeben.
"Liberty-Verband meldet Radarkontakt zu zwei feindlichen Zerstörern,
begleitet von einer Bomber- und Jägergruppe in der Nähe von Sektor Bravo. Befinden
uns auf Abfangkurs", tönte eine weibliche Stimme aus dem Funkgerät der
Rettungsfähre.
"Victoire-Verband im Anflug auf feindliche Hera-Streitmacht", meldete
eine zweite Stimme mit französischem Akzent.
Devlin, der Pilot, lauschte ganz gebannt dem Funkverkehr auf der Kommandofrequenz. Er war
ein Schwarzer mit extrem kurzem Haarschnitt. Jeder zweite Blick aus seinen wachen dunklen
Augen galt dem Bildschirm seines Langstreckenabtasters, auf dem sich der Liberty-Verband
deutlich abzeichnete.
"Verflucht viel los, hier draußen", meinte er nervös und mit breitem
Südstaatenakzent.
Dass ihnen mehrere Hammerheads Geleitschutz gaben, beruhigte ihn nicht im
mindesten.
Hinter ihm stand ein nervöser Nathan West und hatte nur Augen für ihre Positionsanzeige. Sie näherten sich der Stelle, wo er mit dem 60sten auf die feindliche Vorhut getroffen war und wo sie Cooper zurückgelassen hatten. Vor einigen Minuten hatten sie ein schwaches Transponder-Signal empfangen, doch inzwischen war hier draußen so viel los, dass man fast den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sah. Feindliche Kampfverbände, Patrouillen, zwei terranische Trägergruppen, die auf die Chigs zuflogen und Schwärme aus eigenen und feindlichen Sonden, die ihre Herren mit so viel Informationen wie möglich versorgen sollten, bevor es zum unausweichlichen Kampf kam.
Endlich leuchtete an den Instrumenten das schon lange erwartete Lämpchen auf. Der
Computer hatte durch Triangulation die Position des ausgekoppelten Cockpits ermittelt.
Aufgeregt klopfte Nathan dem Piloten auf die Schulter und deutete auf die Anzeige.
"Jetzt haben wir ihn. Los gehts!"
"Nur keine Aufregung, ich seh es", entgegnete Devlin leicht gereizt. Er
hasste es, dass dieser Lieutenant ihm ständig im Nacken saß. Nüchtern gab er Cooper
Hawkes Position über Funk an die begleitenden Jäger durch und beschleunigte den
Transporter dann.
Nathan biss sich auf die Unterlippe.
"Hoffentlich kommen wir noch rechtzeitig."
Ganz allmählich wurde sich Cooper Hawkes bewusst, dass er ganz entspannt auf einer Liege lag. Er war zugedeckt. Vorsichtig holte er Atem. Luft, so rein wie er sie scheinbar noch nie in seinem Leben geatmet hatte! Ihn umgab das vertraute Grummeln eines Transporter-Triebwerkes.
"Willkommen zu Hause, Coop."
Das war Nathans Stimme! Hawkes öffnete die Augen. Er erkannte das Innere einer
Rettungsfähre. Er hatte es geschafft!
"Du hast das Zeug, das noch in deinem Helm war, doch nicht etwa geatmet!" Nathan
grinste herausfordernd. Doch für Cooper gab es im Augenblick nichts schöneres, als immer
wieder tief Luft zu holen und sich von der Atemmaske, die er über Mund und Nase hatte,
verwöhnen zu lassen.
"Ich fürchte, du hast durch den Sauerstoffmangel einen Teil deines Verstands
eingebüßt."
Das konnte er nun doch nicht auf sich sitzen lassen.
"Oh, verdammt, dann bin ich jetzt wohl nur noch so schlau wie du!"
"Ärgerlich, aber nicht zu ändern."
Eine schwere Erschütterung zerstörte den Frieden des Augenblicks innerhalb einer
einzigen Sekunde.
"An alle. Wir stehen unter Beschuss. Gefechtsstationen!" plärrte eine
Südstaatenstimme aus der Sprechanlage.
Augenblicklich übernahm bei Nathan der ausgebildete Marine in ihm. Er stürzte durch das Innere des Transporters in Richtung der Bordkanone, die beweglich in der linken Rumpfwand installiert war. Durch ein Sichtfenster konnte er den Weltraum sehen. Noch während er sich mit einer Hand den Kopfhörer für die interne Kommunikation überstreifte, packte er mit der anderen den Griff mit dem Abzug. Hinter ihm setzte sich ein weiterer Marine an die Bedienung der auf dem Dach befestigten und um 360 Grad schwenkbaren Kanone. Über eine Brille sah dieser eine virtuelle Darstellung des Wirkungsbereiches seiner Waffe.
"Stationen besetzt", meldete Nathan. "Wo sind die Chigs?"
"Feindliche Jäger auf neun Uhr...elf Uhr..."
Nathan bemerkte Laserfeuer vor seinem Fenster. Ein Hammerhead entfernte sich. Etwas
links davon tauchten Chigs in seinem Sichtfeld auf.
"Habe Sichtkontakt mit Feind auf acht Uhr", schrie West. Seine Kanone knatterte
los. Die Zieleinrichtung war primitiv. Er zielte im Prinzip mit bloßem Auge über den
Lauf. Aber es genügte. Eine der feindlichen Maschinen löste sich in ihre Bestandteile
auf. Die übrigen wischten nach unten weg.
"Sichtkontakt verloren. Sie sind irgendwo unter uns."
"Alles festhalten!" warnte Devlin. Und schon drehte der Transporter um seine
Längsachse. Nathan sah, wie sich die Sterne vor ihm nach oben drehten. In einiger
Entfernung leuchteten Explosionen auf. Und dann kamen von unten wieder die Chigjäger zum
Vorschein. Sie flogen direkt auf ihn zu. Leuchtende Geschosse fetzten ihm entgegen...und
über ihn hinweg. Die Drehung des Shuttles stoppte. Inzwischen waren die beiden Chigjäger
zum Greifen nah. Eiskalt dirigierte West seine Kanone, bis er glaubte, einen davon mit ihr
aufspießen zu können... und drückte ab. Glühende Trümmer schwirrten in alle
Richtungen. Der andere drehte ab. Verfolgt von den leuchtenden Blitzen der Kanone auf dem
Dach. Doch von rechts oben rasten bereits die nächsten heran. In unmittelbarer Nähe
leuchtete ein Feuerschein. Nathan sah, wie ein Hammerhead schwer getroffen trudelte
und schließlich verglühte.
Ein plötzliches Beschleunigungsmanöver des Piloten riss Nathan fast von den Beinen.
Nur mit Mühe konnte er sich aufrecht halten.
"Es sind zu viele", kam eine Meldung aus dem Cockpit. "Wir haben bereits
zwei Hammerheads verloren. Ich fliege einen Ausweichkurs in Richtung 2063Yankee!"
Auch das noch! Die Welt, die das Schicksal der Wild Cards besiegelt hatte. Nathan legte keinen Wert darauf, wieder in ihre Nähe zu kommen. Aber scheinbar hatten sie keine andere Wahl.
Einem ständigen Slalomkurs folgend, donnerte der Transporter los. Feindliche Jäger wurden zu bloßen Hindernissen, die man entweder per Laserkanone zum Abdrehen zwang oder ihnen auswich. Das funktioniere jedenfalls für einige Sekunden. Bis irgend etwas im Bug des Transporters einschlug. Es war, als wären sie gegen eine Mauer geflogen. Unkontrolliert überschlug sich das Shuttle. Haltlos purzelten sie im Inneren herum. Qualm mischte sich in die Luft. Dann heulte ein Sturm durch die Kabine. Innerhalb weniger Augenblicke fiel die Raumtemperatur bis auf den Gefrierpunkt.
"Wir haben ein Leck! Copilot ausgefallen. Ersatzmann ins Cockpit!" brüllte Devlin.
Nathan griff haltesuchend um sich. Alles drehte sich. Gegenstände flogen im Inneren herum und wurden von dem Sturmwind umhergewirbelt. Im hinteren Bereich des Raumes war der arme Cooper quer durch den Raum geflogen. Endlich gelang es Nathan, sich irgendwo fest zu halten. Er stemmte sich in Richtung Cockpit.
"Cooper, an die Kanone!"
Jetzt war keine Zeit, einen Kameraden zu schonen.
Der Sturm legte sich so abrupt, wie er aufgekommen war. Der Transporter hatte sich wieder
abgedichtet. Doch der kurze Moment hatte genügt, im Inneren eisige Temperaturen entstehen
zu lassen. Als Nathan das Schott zum Cockpit öffnete, sah er das Innere der Frontscheibe
voller Eisblumen. Der Copilot hing blutüberströmt in seinem Sessel. Seine leeren Augen
zeigten eindeutig, dass er tot war. Neben ihm kämpfte der Pilot mit den Steuerelementen,
um das Raumfahrzeug endlich wieder zu stabilisieren. Das Wirbeln der Sterne verlangsamte
sich ganz allmählich wieder. Nathan öffnete den Gurt des Toten und zerrte ihn aus dem
Sessel.
"Tut mir leid", murmelte er ihm zu. Für einen Augenblick verharrte er, um
dem anderen die Augen zu schließen. Das musste er einfach tun. Genau das würde er
auch wollen, wenn es ihn einmal treffen sollte.
"Keine Zeit für Gefühlsduselei, ich brauch sofort Ihre Hilfe!" ächzte
Devlin.
Der Transporter drehte sich noch immer. Nathan schwang sich in den rechten Sessel. Der
Gurt rastete ein.
"Ich richte die Triebwerksgondeln aus", meldete er. Und schon flogen seine
Finger über die Steuerelemente.
"Ausgerichtet. Bei drei geben Sie vollen Schub auf drei und vier.
Eins...zwei...drei!"
Devlin zündete. Und plötzlich schienen die Sterne vor dem Sichtfenster innerhalb eines
Augenblicks in ihrer Drehbewegung einzufrieren. Sie wurden in die Sitze gedrückt.
"Drei und vier aus. Hecktriebwerke zünden!" Es folgte ein starker Andruck in
die Rückenlehnen... und dann war das Shuttle wieder stabilisiert. Nach wenigen Sekunden
lag der Kurs nach 2063Y wieder an.
"Was ist mit den Chigs?" wollte Nathan wissen.
"Sie sind hinter uns und holen langsam auf." Devlins Stimme klang jetzt wirklich
besorgt.
"Rettungsshuttle an Geleitstaffel: Wir brauchen Hilfe!"
In einiger Entfernung leuchtete bereits die Kugel von 2063Yankee in der Schwärze des Alls. Nathans Blick zuckte nervös über Anzeigen und Bildschirme... und war plötzlich starr, als hätte er einen Geist gesehen. Auf einem der Monitore pulsierten von einem Moment zum nächsten mehrere Buchstaben und Zahlen, die ihn für wenige Sekunden alles um ihn herum vergessen ließen. Den Krieg, die verfolgenden Chigs, den besorgten Piloten. Einfach alles!
5 8 ES. Das Notsignal eines Intersolaren Mannschaftstransporters! Und es kam direkt von 2063Yankee!
Die Kommunikationsoffizierin auf der Brücke der Saratoga drehte sich in ihrem
Stuhl Commodore Ross zu, der grimmig dreinblickend den Kommandostand besetzt hielt.
"Liberty-Verband meldet Feindkontakt in der Nähe von Sektor Bravo,
Sir."
Ross quittierte mit einem Nicken. Schwer seufzend verschränkte er die Arme.
"Also", murmelte er zu sich selbst. "Es geht los!" Er sah Admiral
Stanner geradezu vor sich, wie er auf dem Kartentisch Modelle verschob und über die Lage
nachgrübelte, während am Rand dieses Sonnensystems gerade die Hölle losgebrochen war.
"Admiral Chevaliers Einheit hat ebenfalls gerade die Kampfhandlungen gegen die
Hera-Streitmacht aufge..." Die Kom-Offizierin runzelte die Stirn und lauschte
angestrengt. Ross beugte sich vor. Da stimmte etwas nicht! Die Offizierin vor ihm wirkte
auf einmal sehr unsicher, als höre sie etwas zum ersten Mal in ihrem Leben.
"Sir...es...es sieht so aus, als hätte ich hier einen Code-Gold-Funkspruch."
Ross erbleichte. Code Gold bedeutete höchste Dringlichkeit und höchste
Geheimhaltungs-stufe. Nicht einmal er durfte einen solchen Ruf entgegen nehmen, nur
ein Angehöriger der höchsten Kommandoebene. War das wirklich möglich?
"Geben Sie mal her!" bat Ross seine Kom-Offizierin. Diese händigte ihm ihren
Kopfhörer aus. Dabei wirkte sie, als sei sie froh, das Gerät los zu sein. Ross drückte
einen der Hörer an sein rechtes Ohr. Unverkennbar! Die Morsezeichen für "C"
und "G", die ununterbrochen wiederholt wurden.
"Halten Sie die Leitung offen, ich hole Admiral Stanner!" befahl Ross. Sofort
nahm er den Hörer der internen Kommunikation ab und wählte die Nummer des Einsatzraumes.
"Admiral Stanners Einsatzraum. Captain Band."
"Hier Ross, geben Sie mir den Admiral!"
"Sir, der Admiral ist sehr beschäftigt. Bitte rufen..."
"Geben Sie mir den Admiral!" donnerte Ross ihn an. Seine Laune war
bereits äußerst mäßig. Und nun versuchte ihn dieser Captain auch noch abzuwimmeln wie
einen dummen Rekruten. Er hatte ja schon viel erlebt, aber langsam war es genug!
"Stanner. Was gibts denn, Glen?"
"Sir, wir haben einen Code Gold-Funkspruch empfangen. Ich muss Sie
bitten, auf die Brücke zu kommen."
Ein kurzes Schweigen. Dann: "Ich bin schon unterwegs." Irgendwie klang
Stanners Stimme auf einmal leicht gehetzt. So wie es aussah, hatte Stanner selber noch nie
einen solchen Funkspruch entgegen genommen. Eine knappe Minute später traf er ein. Ross
händigte ihm wortlos den Kopfhörer aus.
"Bestätigen Sie!" befahl der. Die Kommunikationsoffizierin gehorchte. Der
Oberkomman-dierende der 15ten Flotte richtete sich auf. Es wirkte fast so, als würde er
stramm stehen.
"Hier Admiral James Stanner. Autorisation Mike-Whiskey. Morgan-Wong.
Beginnen Sie!"
Stumm hörte er zu. Der Funkspruch dauerte nur wenige Sekunden. Der Admiral nickte und gab
den Kopfhörer zurück.
"Verhängen Sie eine Ausgangssperre, Commodore und erwarten Sie einen Transporter auf
Ihrem Landedeck 3!"
Das klang wirklich erst. Ross nahm den Hörer ab.
"Schalten Sie mich auf die Lautsprecher...Danke!...An alle: Hier spricht der Commodore. Alle, die nicht dringend auf ihren Stationen gebraucht werden, begeben sich bis auf weiteres in ihre Quartiere. Alle übrigen halten ihre Stellung und verlassen sie auch nicht. Die Ausgangssperre tritt in genau zwei Minuten in Kraft. Ab...jetzt!" Ross hängte ein.
Wenig später waren alle Zugänge zu Landedeck 3 von grimmig blickenden und bewaffneten Marines abgeriegelt. Die Landeplattform fuhr brummend nach oben, damit der erwartete Transporter darauf landen konnte. Dann war er eingetroffen. Stanner ließ Ross bei einem der Posten zurück. Er betrat allein das wieder heruntergelassene Landedeck, um den geheimnisvollen Gast in Empfang zu nehmen. Ross stand düster dreinblickend da und wartete. Er hatte kein gutes Gefühl. Was immer mit dem Transporter eingetroffen war, es bedeutete sicher Ärger. Auf der anderen Seite war jede neue Anweisung für die Flotte besser, als untätig im Raum zu schweben und auf den Feind zu warten. Oder irrte er sich da?
Die Zugangstür zum Landedeck öffnete sich. Ross hielt den Atem an. Heraus trat ein dunkel gekleideter Kerl mit ausdruckslosem Gesicht. Um sein rechtes Handgelenk hatte er den Ring einer Handschelle geschnallt, die mit einem dunklen Aktenkoffer verbunden war. Ross erkannte auf den ersten Blick einen General des Navy-Geheimdienstes NIA in ihm. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, marschiere der dunkel uniformierte Geheimdienstler an ihm vorbei. Stanner auf dem Fuße.
Eigentlich hatte Ross auf eine Erklärung gehofft, aber da wurde er enttäuscht.
"Kommen Sie in 15 Minuten in den Einsatzraum, Commodore!" befahl Stanner und war
schon im nächsten Gang verschwunden.
"Sie haben abgedreht!" hörte Nathan die triumphierende Stimme des Anführers
ihrer Geleitstaffel über Funk. Erleichtert ließ sich der Marine neben ihm in seinen
Sessel zurücksinken.
"Puh, das wurde auch Zeit. Langsam geht uns nämlich der Sprit aus."
Nathan stockte. Alles, was für ihn im Augenblick zählte, war das Notsignal von 2063Yankee,
das sie gerade aufgefangen hatten. Er wusste, dass er sich an einen Strohalm
klammerte, aber wenn auch nur die geringste Chance bestand, dass Shane und Vanessa doch
noch am Leben waren, dann musste er sie nutzen.
"Devlin, ich habe hier ein schwaches Emergency Signal von 2063Yankee.
Ein abgestürzter Transporter."
Der Pilot schüttelte ohne zu überlegen den Kopf.
"Darum müssen sich andere kümmern. Wir müssen schleunigst nach Hause."
Nathan wollte das nicht akzeptieren. Das Signal war da und sie waren in Reichweite seines
Ursprungsortes. Er holte tief Luft.
"Devlin, Sie verstehen nicht. Das da unten sind Marines aus meiner Staffel.
Wir dachten, sie wären tot, aber ich habe ihr Signal auf dem Monitor."
"Nein, Sie verstehen nicht, West!" Der Pilot starrte ihn streng an. "Wir können da nicht mehr runter. Wir haben ganz schön was abgekriegt, ich habe einen meiner Leute verloren und das bisschen, was wir noch in den Tanks haben, reicht allerhöchstens, um noch ohne Zwischenfälle die Saratoga zu erreichen. Und außerdem fliegen mir hier draußen inzwischen zu viele Kakerlaken rum, die uns alle das Licht ausknipsen wollen, um noch irgend welche Ausflüge unternehmen zu wollen."
Nathan setzte noch einmal zu einer Erwidern an, blieb aber dann doch stumm. Er wusste, dass Devlin Recht hatte. So weh diese Erkenntnis tat, aber im Augenblick gab es keine Möglichkeit, dem Funksignal auf den Grund zu gehen. Doch er nahm sich vor, zurückzukehren. Egal, wie gefährlich es werden würde. Das war er Shane und Vanessa schuldig.
"Rettungsshuttle an Geleitstaffel: Nichts wie nach Hause."
Der Pilot gab die Zielkoordinaten ein und zündete die Triebwerke.
"Devlin?"
Der Angesprochene drehte sich Nathan zu.
"Danke."
Der Kommandant des Rettungstransporters grinste schief. "Keine Ursache. Hab nur
meinen Job getan."
"Trotzdem."
Jetzt musste Nathan aber endlich zu Cooper in den rückwärtigen Raum. Der musste unbedingt erfahren, dass es für das 58ste vielleicht doch noch eine Chance gab.
Als Commodore Glen van Ross den Einsatzraum der Saratoga betrat, spürte er
unwillkürlich die Spannung, die hier in der Luft lag. Alle Anwesenden machten einen sehr
ernsten Eindruck. Der Geheimdienst-General hielt sich etwas im Hintergrund. Vor sich
seinen geöffneten Koffer und die Handschellen auf dem Tisch. Er blickte ausdruckslos wie
gehabt. Diese Geheimdienst-Typen wirken manchmal wie Roboter, kam es Ross bei
seinem Anblick in den Sinn. Er nickte Stanner zu.
"Sir."
Der Admiral reichte Ross mit einem etwas künstlichen Lächeln und etwas zu theatralisch
die Hand.
"Ich darf Sie beglückwünschen, Commodore. Auf die Saratoga wartet eine
glorreiche Aufgabe, die in die Geschichte eingehen wird."
Ross ließ sich nur der Form halber die rechte Hand drücken. Sein düsterer
Gesichtsaus-druck hellte sich aber nicht im mindesten auf.
"Bitte, General Mann", bat Stanner der NIA-Vertreter in diesem Raum. Dieser trat
hinter seinem Koffer vor und nickte mechanisch. Selbst seiner Stimme fehlte jeglicher
Ausdruck. Monoton leierte er seinen Text herunter:
"Um es kurz zu machen: Ich habe hier einen von Generalsekretärin Diane Hayden
unterzeichneten Befehl, der es uns erlaubt, einen nuklearen Vergeltungsschlag gegen den
Feind zu führen. Codename: Apocalypse. Als Ziel wurde vom Oberkommando der
Himmelskörper 2064K ausgewählt. Vorläufiger Name: Anvil. Das Oberkommando geht davon
aus, dass der Feind durch Apocalypse in die Knie und zur Kapitulation gezwungen
wird. Ein Transport, der die dazu benötigten nuklearen Sprengköpfe an Bord hat, ist
inzwischen unterwegs und wird die Position der Saratoga in einigen Stunden erreicht
haben. Während sich der Rest der 15ten Flotte aus dem Helios-System auf eine
Ausweichposition zurückziehen wird, bleibt die Saratoga vor Ort, führt Apocalypse
durch und setzt sich im Anschluss ebenfalls ab, um die Reaktion des Feindes
abzuwarten.
Darüber hinaus muss ich Ihnen mitteilen, dass der komplette Inhalt der Verhandlungs-gespräche mit dem Feind zur Geheimsache erklärt wurde. Unterrichten Sie dahingehend Ihre Crew. Sie dürfen von nun an weder untereinander noch mit Außenstehenden darüber reden. Jede Verletzung der Geheimhaltungspflicht wird als Hochverrat angesehen und entsprechend vergolten werden. Die Umsetzung von Unternehmen Apocalypse ist unverzüglich in Angriff zu nehmen! Danke."
Ein Nicken in Richtung Commodore Ross, der für einen Augenblick völlig perplex dastand und versuchte, den Redeschwall zu verarbeiten. Es war ihm erschienen, als hätte man irgend ein Tonband abgespielt. Er würde sich nicht wundern, wenn General Mann in der Lage wäre, seinen Vortrag wortwörtlich zu wiederholen. Erst allmählich wurde ihm die Bedeutung des Gesagten klar.
"Die haben ja verdammt schnell reagiert", war sein erster Kommentar. "Ich meine, wenn man bedenkt, dass die Generalsekretärin noch vor einer knappen Woche im Fernsehen über Friede, Freude, Eierkuchen geredet hat. Und nun will sie auf einmal, dass wir den Chigs Atombomben aufs Dach werfen."
Stanner schaltete sich mit sanfter Stimme ein:
"Glen, es ist nicht die Aufgabe von uns Soldaten, Entscheidungen der Politiker
kritisch zu beleuchten. Wir setzen sie in die Tat um."
Damit hatte er im Prinzip Recht, doch in dem vorliegenden Fall wollte und konnte sich Ross
nicht damit abfinden. Man verlangte von ihm, Kernwaffen einzusetzen. Großer Gott,
seit 1945 war in keinem Krieg jemals wieder darauf zurückgegriffen worden und nun sollte er
das wieder einführen? Er schüttelte den Kopf.
"Das ist Blödsinn! Wie können die erwarten, dass die Chigs danach
kapitulieren werden?"
"Erfahrung, Glen. So taten es die Japaner vor 119 Jahren, und wir retteten
Zehntausenden unserer Soldaten das Leben."
"Wir haben es hier nicht mit den Japanern zu tun! Zudem frage ich mich, was es für
einen militärischen Nutzen haben soll, einen ihrer Monde auszulöschen."
"Es ist die Welt, auf der ihre Nachkommen geboren werden. Das heißt, wir treffen sie
da, wo es ihnen am meisten weh tut. Danach müssen sie die Waffen strecken."
"Blödsinn!" wiederholte Ross. "Sie werden Rache wollen. Sie werden
alles daransetzen, uns das anzutun, was wir ihnen angetan haben. Wie würden wir
denn reagieren, wenn sie über unseren Städten Atombomben abwerfen würden? Jeder
einzige Überlebende würde Vergeltung fordern. Und darüber hinaus frage ich, was es
über uns aussagt, wenn wir versuchen, einen Krieg zu gewinnen, indem wir ihre Kinder
umbringen?"
Nun wurde Stanners Stimme schneidend scharf: "Es steht uns nicht zu, Befehle der
Generalsekretärin und des Oberkommandos in Frage zu stellen, und eine Diskussion über
ethische Belange steht nicht zur Debatte. Wir sind hier, um einen Krieg zu gewinnen. Unser
Feind hat uns mehr als deutlich gezeigt, dass er keine Gnade kennt. Die Siedler von Tellus
und Vesta haben sie abgeschlachtet, unsere Soldaten haben sie verstümmelt und als wir mit
ihnen verhandelten, haben sie unsere Delegation in die Luft gesprengt. Es wird endlich
Zeit, dass wir ihnen zeigen, was es bedeutet, unser Feind zu sein!".
Ross setzte schon zu einer wütenden Entgegnung an, kam dann aber unvermittelt ins
Stocken. Als wir mit ihnen verhandelten, haben sie unsere Delegation in die Luft
gesprengt! Stanner hatte das gesagt, als stünde inzwischen zweifelsfrei fest, dass
der fremde Botschafter für die Explosion verantwortlich war, die alle Anwesenden außer
Colonel McQueen getötet hatte. Dabei waren die Untersuchungen dieses Vorfalls noch gar
nicht abgeschlossen. Man wusste weder, wer diesen Sprengsatz gebaut, noch wie er in den
Verhandlungsraum gekommen war. Und darüber hinaus: Was hätte es für die Chigs für
einen Sinn gehabt, zuerst einen Frieden anzubieten, Gefangene freizulassen und dann die
Verhandlungen mit einem Selbstmordattentat ihres Botschafters gleich wieder zu beenden?
Und dann fiel Ross auf einmal noch etwas auf. Warum war der Inhalt der
Verhandlungsgespräche auf einmal zur Geheimsache erklärt worden?
AeroTech! kam ihm sofort in den Sinn. Die Verhandlungen hatten zu Tage geführt,
dass AeroTech vermutlich schon lange vor dem Ausbruch des Krieges von den
Außerirdischen gewusst hatte. Nachdem er damit konfrontiert worden war, war AeroTech-Mann
Wayne so in Rage geraten, dass es stimmen musste. In Gedanken spann Ross den Faden
weiter. Wenn es tatsächlich so war, dann hatte die Bombe im Verhandlungsraum
vielleicht gar nicht der terranischen Delegation gegolten, sondern dem Vertreter der
Chigs. Jemand wollte ihn mundtot machen, bevor er die Wahrheit ans Tageslicht brachte.
Doch dann war die Bombe zu spät explodiert und weil die Gespräche über die interne
Kommunikation der Saratoga übertragen worden waren, wusste inzwischen die ganze
Besatzung Bescheid. Natürlich musste man nun den Schaden begrenzen und so wurde die Bombe
dem Botschafter in die Schuhe geschoben und die Crew der Saratoga durch einen
Befehl zum Schweigen gebracht.
Und nun stand er hier und hatte soeben den Befehl erhalten, die Chigs mit Kernwaffen
anzugreifen.
"General Mann wird Ihnen die Kurs- und Geschwindigkeitsvektoren des Transporters mit
den Sprengköpfen aushändigen", erläuterte Stanner. Nun wieder mit großer
Nüchternheit. "Sorgen Sie dafür, dass er sicher hier ankommt! Und nun entschuldigen
Sie uns, wir müssen die Verlegung der Flotte angehen."
Ross stierte ihn wütend an. In seinem Inneren fand sichtlich ein Kampf statt; zwischen seiner Loyalität dem militärischen Oberkommando gegenüber und seinem Moralverständnis als denkender und fühlender Soldat. Seine Loyalität gewann die Oberhand. Vorerst jedenfalls! In gewissen Punkten hatte Stanner Recht. Wenn er an die vergangenen 18 Monate des Krieges zurückdachte, konnte er sich nicht erinnern, dass die Chigs jemals so etwas wie Mitleid an den Tag gelegt hätten. Ein Grund dafür, nun auch keines zu zeigen. -Auf der anderen Seite sah es aber inzwischen ganz danach aus, als hätten gar nicht die Chigs den ersten Schritt in diesem Krieg getan. Nicht die Fremden waren die Eindringlinge gewesen, sondern die Menschen. Leider schien er im Augenblick der einzige zu sein, der derartige Bedenken hatte. Stanner war für seine Argumente nicht zugänglich und auf den wandelnden Roboter General Mann brauchte er auch nicht zu hoffen. Ross stand auf verlorenem Posten. Es war sinnlos, weiter zu versuchen, an das Gewissen der Anwesenden zu appellieren.
"Sir", zischte Ross. "Nehmen Sie zur Kenntnis, dass ich gegen das
Unternehmen Apocalypse protestiere und es für falsch halte!"
"Zur Kenntnis genommen."
Damit war für Stanner die Sache erledigt. "General Mann, bitte begleiten Sie den
Commodore jetzt hinaus und versorgen Sie ihn mit den nötigen Informationen."
Ross salutierte der Form halber, drehte sich um und marschierte hinaus, ohne einen der
Anwesenden noch eines Blickes zu würdigen.
"Rettungsshuttle im Anflug auf Saratoga. Hatten Feindkontakt. Verluste: Einer. Mission erfolgreich", sprach Devlin ins Funkgerät. Vor ihnen breitete sich die gewaltige Oberseite der Saratoga mit ihren ganzen Aufbauten und Geschützbatterien aus. Links ragte der Kommandoturm wie ein riesiges Hochhaus auf. Devlin fixierte mit den Augen bereits eines der Landedecks.
"Verstanden. Bleiben Sie in Wartestellung!"
Verwundert blickten sich Devlin und West an. Was hat das zu bedeuten? Hier draußen
gab es nichts, was die Landung des Transporters hätte behindern können.
"Roger. Bleiben in Wartestellung", bestätigte der Pilot. Hinter ihnen öffnete
sich der Zugang zum Cockpit. Cooper spähte herein. Man sah ihm deutlich an, wie
aufgekratzt er war. Seit Nathan ihm von dem Notsignal erzählt hatte, leuchteten seine
Augen wie schon lange nicht mehr. Und wie Nathan konnte er es nun kaum erwarten, wieder in
einen Transporter zu steigen und in Richtung 2063Yankee zu starten.
"Was ist los? Warum landen wir nicht?"
Nathan drehte sich ratlos zu ihm um.
"Die wollen, dass wir warten. Keine Ahnung, was da los ist, aber ich habe kein gutes
Gefühl."
Zwei Funksprüche zwitscherten aus den Lautsprechern. Auch ihrer Geleitstaffel wurde die
Landeerlaubnis verweigert. Wirklich seltsam!
Devlin gab mit den beiden seitlichen Triebwerksgondeln einen leichten Gegenschub, bis der
Transporter bewegungslos über dem Träger zu verharren schien. Eine ihrer Anzeigen
erregte in ihm langsam leichte Besorgnis.
"Saratoga, hier Rettungsshuttle. Leute, so langsam sollten wir wirklich
landen. Wir fliegen fast nur noch mit heißer Luft in den Tanks."
"Verstanden. Bleiben Sie in Wartestellung", lautete die ungerührte Antwort.
"Tut mir leid, mir fehlt gerade der Sinn für solche Scherze. Was ist denn los bei
euch?"
"Bewahren Sie Funkdisziplin! Ich wiederhole: Bleiben Sie in Wartestellung!"
Devlin schüttelte den Kopf. Unvermittelt meldete sich die Saratoga wieder:
"Rettungsshuttle, hier Saratoga. Landedeck 6 bereit zum Anflug. Willkommen zu
Hause."
"Danke."
Unter ihnen sprang auf einem quadratischen Feld auf der Oberseite des Trägers die Lande-befeuerung an. Wenig später setzte der Transporter auf. Noch während die Plattform ins Innere des Rumpfes der Saratoga herunter fuhr, stürzten Nathan und Cooper in Richtung Schiebetür. Sie mussten sofort auf die Brücke, um einen neuen Transporter nach 2063 Yankee zu bekommen. Oh je, sie hatten sich schon lange nicht mehr so lebendig gefühlt! Allein die vage Hoffnung, dass Shane und Vanessa noch leben könnten.... Die Schiebetür des Shuttles glitt zur Seite und sie stürzten hinaus in den Hangar. Sie hatten aber kaum ihre Füße wieder auf festen Boden gesetzt, als sie verwundert inne hielten. Der Hangar war vollkommen verlassen.
"Was zum..."
Zögerlich näherten sie sich dem Schott, durch das man das Schiffsinnere erreichen konnte. Ihre Schritte hallten über das Landedeck. Nathan drückte auf den Mechanismus, der das Schott eigentlich hätte bewegen müssen. Ein rotes Licht leuchtete auf und nichts rührte sich. Sie wechselten einen irritierten Blick. West betätigte den Mechanismus erneut; mit dem gleichen Ergebnis.
"Treten Sie bitte zurück, Marine. Auf dem Schiff herrscht eine Ausgangssperre", plärrte plötzlich die Stimme eines Wachpostens von der anderen Seite aus einem Sprechgitter. Nathan zuckte unwillkürlich zusammen.
"Was ist denn los? Warum ist hier niemand? Wir haben, verdammt noch mal, einen Toten und ziemlich schwere Schäden." Das war Devlin, der zusammen mit seinen Leuten gerade den Transporter verlassen hatte. Dessen Rumpf war von verkohlten Stellen geradezu übersät. An manchen Stellen waren zudem üble Vertiefungen zu sehen, wo sie irgend etwas getroffen haben musste. Nur ein bisschen tiefer und der Rumpf hätte mehrere Löcher gehabt.
Nathan drehte sich zu ihnen um.
"Eine Ausgangssperre", erklärte er kleinlaut und verwirrt. "Keine
Ahnung, was..." Er schüttelte sprachlos den Kopf. Cooper schlug mit der Faust gegen
den verriegelten Ausgang.
"Kaum hat man die eine Scheiße überstanden, gerät man in die nächste!"
Im nächsten Moment scholl ein Knacken durch die Halle.
"An alle: Hier spricht der Commodore." Das war Ross Stimme. Sie donnerte laut und ausgesprochen düster aus einem großen Lautsprecher im Hangar. "Durch einen Befehl von höchster Stelle wird der gesamte Inhalt der Verhandlungsgepräche mit dem Feind zur Geheimsache erklärt. Sie dürfen von nun an weder untereinander noch mit Außenstehenden darüber sprechen." Es folgte eine kurze Pause. So, als müsste Ross sich erst zwingen, weiter zu sprechen. "Jede Zuwiderhandlung wird als Hochverrat betrachtet und entsprechend vergolten."
Nathan stierte wütend in Richtung Ross dröhnender Stimme.
"AeroTech", zischte er.
"Was?!" Cooper war verwirrt.
"Wir sind die einzigen, die erfahren haben, wie es zum Angriff auf Vesta und Tellus
gekommen ist. Die wollen uns mundtot machen."
"Glaubst du wirklich, dass der Commodore bei so etwas mitmachen würde?"
"Ich glaube, er hat gar keine andere Wahl."
Ross Stimme fuhr fort:
"Der Rest der 15sten Flotte hat den Befehl erhalten, aus dem Helios-System abzurücken, während wir hier noch kurzzeitig zurückbleiben, um eine Operation durchzuführen, die für die globale Kriegsführung von entscheidender Bedeutung ist. Aus diesem Grund erwarte ich von Ihnen, dass Sie nicht weniger als Ihr bestes geben."
Cooper ließ durch seine Miene mehr als deutlich erkennen, was er von der ganzen Sache hielt.
"Und noch etwas." Ross zögerte einen Augenblick. "Ich weiß, dass Sie alle erschöpft sind und sich nichts mehr wünschen, als endlich nach Hause zu kommen, doch wir stehen kurz vor einer Prüfung, die kein Heimweh und keine müden Krieger gestattet. Widmen Sie dieser Prüfung Ihre ganze Kraft und Ihre ganze Aufmerksamkeit, dann werden wir Sie gemeinsam meistern. -Gott sei mit uns!"
Die Anwesenden im Hangar blickten sich wie vom Donner gerührt gegenseitig an. Das
klang ernst! Das klang sogar sehr ernst!
"Oh, Scheiße, jetzt sind wir alle im Eimer", war alles, was Devlin dazu
einfiel. Und irgendwie mussten ihm die anderen beipflichten.
Die Luft auf der Brücke der USS Liberty war von Rauch durchsetzt. Trümmer von zerfetzten Schalttafeln und heruntergebrochene Deckenteile prägten das Bild, doch die Crew nahm von all dem gar keine Notiz. Sie hatte eine Schlacht zu führen und unter Kontrolle zu halten. An jeder Station herrschte Hektik. Controller überflogen Anzeigen und brüllten Meldungen, Befehle wurden ebenso laut gegeben. Zwischen den Controllern auf ihren Stühlen hetzten Techniker umher, um Schäden zu begrenzen oder zu beheben.
In all dem Durcheinander wirkte Commander Stephanie Cragg wie ein ruhender Pol. Ihre eisgrauen Augen wanderten fast gemächlich von Station zu Station. Sie wirkte, als befände sie sich am sichersten Ort des Universums und nicht an Bord eines Trägerschiffes, das seit kurzem Feindkontakt hatte und dessen Kommandoturm vor wenigen Minuten getroffen worden war.
"Chig-Bomber im Anflug", kam ein leicht panischer Ruf von einer der
Ortungsstationen.
"Flak nimmt Ziel auf!" antwortete ein anderer.
"Feuer!"
Auf der Oberseite der Liberty blitzte eine schwere Flugabwehrkanone auf. Die Blitze näherten sich dem Ziel... Donner und eine leichte Erschütterung!
"Bericht!" befahl Cragg, womit sie eindeutig eine neue Schadensmeldung
meinte. Nach einem Moment des Schweigens kam die Antwort:
"Wir haben den Bomber erwischt, aber ein paar Trümmerstücke haben uns getroffen.
-Nur leichte Schäden auf der Oberfläche."
"Wenn die Schlacht vorbei ist, schicken wir jemanden zum Ausbeulen raus",
entgegnete die Kommandantin trocken. "Sperrfeuer verstärken!"
Dieser Befehl wurde zwei weiteren Chig-Bombern zum Verhängnis, die sich gerade von der Seite genähert hatten. Zur Ruhe kam die Liberty deswegen trotzdem nicht, denn wenige Momente später fingen die Ortungsgeräte die Signale eines gewaltigen Schwarms feindlicher Jäger auf. Sie flogen wild durcheinander und wechselten ständig ihre Positionen.
"Feindliches Geschwader auf Position 11!"
"Verdammt...unsere Zielcomputer spielen verrückt. Sie sind zu schnell und zu
viele!"
Commander Cragg stütze sich voller Erwartung auf das Geländer vor ihr.
"Nur keine Panik, das erledigen die Hammerheads. Schicken Sie die Staffeln von
Tucker, Ritter und Land. Die lichten die feindlichen Reihen ein bisschen."
"Ja, Commander."
"Aber gebt Ihnen Deckung!"
Während nun auf der Oberseite der Liberty sämtliche Flugabwehrkanonen mitten in den feindlichen Schwarm hinein feuerten, öffneten sich an der Unterseite die Luken unter mehreren Hangars, um eine Unzahl Hammerheads in den Weltraum auszuspucken. Sie nahmen unverzüglich Kurs auf das feindliche Geschwader. Nur wenige Kilometer vom Träger entfernt trafen die gegnerischen Flieger aufeinander. Schon nach wenigen Augen-blicken war die Schwärze des Alls durchsetzt von Blitzen, Feuer und Trümmern.
Ein pulsierender Warnton zeigte den Anwesenden auf der Brücke plötzlich mehr als deutlich, dass das angreifende Geschwader und die immer wieder auftauchenden Bomber im Grunde aber die kleinsten Probleme waren.
"Commander, einer ihrer Zerstörer kommt jetzt in Reichweite. Identifiziert als U 378."
Stephanie Craggs Miene wirkte nun gar nicht mehr so entspannt. Sie war sich sehr bewusst, dass ein solcher Zerstörer ein durchaus ebenbürtiger Gegner für ein terranisches Schlachtschiff war. Entschlossen knurrte sie: "Na, dann wollen wir mal. Ortung: Geben Sie Kurs und Geschwindigkeit des U 378 an die Schiffsartillerie und die Phalanx II-Feuerleitstände. Und zwar schnell!"
"Aye, Commander!"
Grimmig starrte Stephanie Cragg in Richtung des Bildschirms, wo sich das große Ziel immer deutlicher abzeichnete, als könne sie ihn durch ihre bloße Willensstärke daran hindern, zuerst zu feuern. Doch er feuerte zuerst...
"Raketen im Anflug!" schrie einer der Controller entsetzt.
Cragg hieb mit der Faust auf das Geländer vor sich. Doch sie hatte keine Zeit, sich zu
ärgern. Energisch befahl sie: "Geschwindigkeit erhöhen! Kurs 2 7 3! Störkörper
raus! Auf Einschlag vorbereiten! Schiffsartillerie: Ziel aufnehmen!"
Ihre Anweisungen wurden blitzschnell und fast zugleich ausgeführt. Alle an Bord der USS
Liberty wussten, dass davon ihr Überleben abhing.
"Eine Rakete explodiert. Die zweite weiter im Anflug. Achtung, gleich erfolgt
Aufschlag!!"
Die Anwesenden hielten sich alle irgendwo fest und starrten in Erwartung eines gewaltigen Knalls dorthin, von wo sich die Rakete ihrer Meinung nach näherte. Dann ein Donnern! Die Erschütterung riss mehrere umher eilende Techniker von den Beinen. Bildschirme und Schalttafeln zerplatzten, von der Decke brach ein Stück der Verkleidung herunter, unter dem wirre Kabelstränge zum Vorschein kamen, die in alle Richtungen Funken warfen. Irgendwo brach ein Feuer aus. Alarmsirenen heulten los.
Stephanie Cragg hielt sich breitbeinig aufrecht. Wie ein Kapitän auf einem Schiff in
schwerem Seegang.
"Schiffsartillerie hat Ziel aufgenommen und meldet Feuerbereitschaft!"
schrie einer der Offiziere, wobei er sich bemühte, den herrschenden Lärm zu übertönen.
"Feuer frei!" befahl Cragg ebenso laut.
Oben auf der Liberty spuckte das erste Rohr der 450 Megawatt-Zwillings-Laser-Impulskanone Feuer. Ein Rückstoßmechanismus fing einen Teil der unglaublichen Wucht des Abschusses ab. Das Rohr bewegte sich gerade wieder in die Ausgangsposition, als das daneben installierte abgeschossen wurde. Tack-Tack-Tack wechselten sich die beiden Läufe beim Schießen ab. Am Bug des Trägers wiederholte sich das gleiche Schauspiel bei einer 300ter Kanone. Währenddessen entließ ein Starter vier Phalanx II-Raketen. Sie flogen in dieselbe Richtung, die die Laserimpulse nahmen. Nur wenige Sekunden später schlugen sie kurz nacheinander im Bauch des U 378-Zerstörers ein. Zusammen mit den Schüssen der Schiffsartillerie. Zunächst schien es fast, als hätte man durch die Treffer kaum Schäden verursacht. Doch dann breitete sich unvermittelt ein unglaubliches Flammeninferno aus, das den Zerstörer innerhalb weniger Momente verzehrte.
Auf Stephanie Craggs Gesicht breitete sich für einen kurzen Augenblick ein diabolisches Grinsen aus. Leider genügte ein einziger Blick auf die zum Teil verwüstete Brücke, um zu bemerken, dass auch die Liberty einiges abbekommen hatte. Und der Kampf hatte gerade erst begonnen.
Commodore Ross saß mit düsterer Miene hinter dem Schreibtisch seines Einsatzraumes. Vor ihm lag eine Kopie der von Generalsekretärin Diane Hayden unterzeichneten Ermächtigung zum Einsatz von Kernwaffen. Er konnte es einfach nicht fassen. Noch im Herbst des vergangenen Jahres soll sie kurz davor gestanden haben, die Chigs um Frieden zu bitten und nun das! Die Ermächtigung trug das Datum 10/21/2064. Das war der Tag, an dem im Verhandlungsraum die Bombe explodiert war. Vor zwei Tagen. Zeit hat Hayden wirklich nicht verloren! Sie wollte scheinbar unbedingt als diejenige in die Geschichte eingehen, die einen Atomkrieg begonnen hatte. Und er würde sie dabei unterstützen müssen.
Verdammt!
Neben dem Schreiben von Hayden lag ein Blatt von Geheimdienst-General Mann. Demnach befand sich ein Frachter mit dem sinnigen Namen SS Los Alamos auf dem Weg ins Helios-System. Seine tödliche Fracht aus vier nuklearen Mehrfachsprengköpfen mit einer Wirkung von mehreren hundert Megatonnen stammte aus dem Depot von der vor Kurzem eroberten Welt Ixion, die sich in relativer Nähe von Helios befand. Die Los Alamos schlich sich nur mit halber Kraft durch den Weltraum, um so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen und wollte sich ebenso heimlich ins Helios-System stehlen. Doch im Falle einer Entdeckung durch den Feind war der Frachter zu schwach bewaffnet, um einen längeren Kampf überleben zu können und aus diesem Grunde hatte Ross den Auftrag erhalten, für Geleitschutz zu sorgen. Der Commodore schüttelte vor der Ironie dieses Befehls den Kopf. Er war der letzte, der wollte, dass die Sprengköpfe seine Saratoga jemals erreichten und musste trotzdem genau dies ermöglichen.
Verdammt!
Ein Klopfen an der Tür schreckte ihn aus seinen Gedanken hoch. Kann man den hier nicht mal fünf Minuten seine Ruhe haben? Doch dann setzte er wieder die Miene des stets über-legenen und strengen Commodores auf.
"Herein!"
Einen Augenblick später stand Nathan West vor ihm stramm und salutierte.
"Sir, Lieutenant West meldet sich wie befohlen."
Für einen Augenblick starrte ihn Ross verblüfft an und wusste gar nicht, was das gerade zu bedeuten hatte. Doch dann fiel es ihm wieder ein. Ihm stand wieder klar das Bild vor Augen, das sich ihm vor etwas mehr als einer Stunde auf dem Landedeck 3 geboten hatte. Ein tobender Nathan West, der seinem Staffelführer Wilks an den Kragen ging. Das durfte er nicht ungesühnt lassen, auch wenn er von einer offiziellen Anklage abgesehen hatte.
Drohend erhob er sich. Ross Stimme war nicht laut, aber schneidend scharf: "Sie haben sich da vor einer Stunde auf dem Landedeck ja ein ganz schönes Ding geleistet, West."
Unsicher schielte der junge Mann zu ihm herüber. Er war sich nicht sicher, ob er weiterhin stramm stehen oder sich rühren durfte. Darüber hinaus beschäftigten sich ohnehin bereits die meisten seiner Gedanken mit dem Notsignal von 2063Yankee. Wie sollte er das einem wütenden Commodore nur erklären, der vermutlich gerade überlegte, ob er ihn vierteilen, erschießen oder hängen sollte?
"Sir...tut mir leid. Ich habe Wilks gegenüber die Beherrschung verloren. Ich
wollte mich um die Rettung von Cooper...ich meine, Lieutenant Hawkes kümmern...aber
er..."
"Es ist mir egal, was Sie wollten, Marine!" fauchte der Commodore und
brachte West damit zum Schweigen. "Sie sind Soldat und haben den Befehlen Ihres
vorgesetzten Offiziers zu folgen. Was Sie wollen oder welche Laune
Sie gerade haben ist vollkommen irrelevant!" Während der letzten Worte nahm
Ross Stimme eine bedrohliche Lautstärke an. "Was meinen Sie, was hier bald los
wäre, wenn sich jeder verdammte Private erlauben würde, mal die Beherrschung zu
verlieren und auf einen Vorgesetzten los zu gehen?!"
Nathan zog es vor zu schweigen. Es war besser, in solchen Situationen seinen Vorgesetzten nicht zu unterbrechen. Und darüber hinaus war es ohnehin nur eine rhetorische Frage. Ross fuhr lautstark fort: "Das ist hier kein Pfadfinderlager, sondern das Corps! Hier gibt es Vorschriften und Gesetze, die solche Ausrutscher wie den Ihren nicht zulassen. Wissen Sie, was auf den Angriff auf einen Vorgesetzten steht, West?"
Nathan wurde bleich. 2063Yankee...2063Yankee. Sir, ich werde gebraucht! Ich kann mir jetzt kein Verfahren leisten! Hervor brachte er jedoch keinen Ton. Er hatte nur einen dicken Klos im Hals. Es folgten mehrere Sekunden eisigen Schweigens, die sich für Nathan wie eine Ewigkeit hinzogen.
Unvermittelt wurde Ross Stimme wieder etwas sanfter:
"Zu Ihrem Glück hat Captain Wilks davon abgesehen, Ihr Verhalten zu melden. Wenn
Sie sich aber noch einmal erlauben sollten, Ihre Hand gegen einen Vorgesetzten zu
ergeben, werde ich mich persönlich dafür einsetzen, dass Sie vors Kriegsgericht
kommen. Ist das klar, West!"
"Jawohl, Sir", war die einzige mögliche Antwort. Dabei starrte der
Gefragte die Wand hinter Ross an.
"Rühren, Marine!" Das sagte der Commodore so überraschend ruhig, dass Nathan
glatt noch ein paar Sekunden in Habachtstellung verharrte, bis die Worte endlich zu ihm
durchgedrungen waren. Ross kehrte hinter seinen Schreibtisch zurück.
"Wie geht es Hawkes?"
"Danke gut, Sir. Er ist nicht verletzt."
"Gute Arbeit."
West schien sich nun endlich etwas zu entspannen. Ross musste sich unwillkürlich ein
Grinsen verkneifen. Zuckerbrot und Peitsche, dieses Prinzip verfehlte bei fast
keinem Soldaten seine Wirkung. Nach einem kurzen Moment des Schweigens und Überlegens
fasste sich Nathan endlich ein Herz.
"Sir, es besteht Grund zu der Annahme, dass Captain Vansen und Lieutenant Damphousse
noch am Leben sind."
Ross überlegte einen Augenblick, was er von der Äußerung halten sollte. Schließlich
seufzte er. "West, ich weiß genau, wie viel Ihnen Ihre Kameraden bedeutet haben und
wie schmerzlich ihr Verlust für Sie sein muss, aber ihr Transporter wurde getroffen und
ist abgestürzt. Das steht in Ihrem eigenen Bericht."
"Vor zwei Tagen sah es auch so aus, als ob sie verglüht wären. Schon kurz, nachdem sie in die Atmosphäre eingetreten waren, gab es von der Kanzel kein Lebenszeichen mehr." West stockte, als er an die schlimmsten Momente seines Lebens über der Welt 2063Yankee zurückdachte. Wie sich alles in ihm dagegen gewehrt hatte, die Triebwerke zu starten und Shane und Vanessa zurückzulassen; verbunden mit der Gewissheit, dass er keine andere Wahl hatte. "Andererseits mussten wir uns mit dem Transporter sehr schnell zurückziehen, weil wir angegriffen wurden. -Jetzt gibt es aber ein Lebenszeichen von der Kanzel. Wir haben ein Notsignal aufgefangen, als wir nach Lieutenant Hawkes Rettung einen Ausweichkurs in Richtung 2063Yankee fliegen mussten. Es ist sehr schwach. Vermutlich ist es deshalb bisher noch niemandem aufgefallen."
Commodore Ross runzelte die Stirn.
"Sie meinen, Sie hatten mit Vansen und Damphousse Funkkontakt?"
"Nein, Sir, es war nur ein Transponder-Signal. Aber es kam eindeutig von unserem
Shuttle. 5 8 E S. Daran besteht kein Zweifel, Sir."
Skeptisch schüttelte der dunkelhäutige Kommandant den Kopf.
"West, Sie wissen genau, dass ein abgerissenes Cockpit nicht gerade ein Gefährt ist,
mit dem man den Sturz durch eine Atmosphäre versuchen sollte. Vermutlich ist der
Signalgeber das einzige, was noch intakt ist. Sie wissen selber, was für Bedingungen bei
einem Wiedereintritt herrschen."
"Natürlich, Sir, aber vielleicht haben sie es auch geschafft, die Kanzel zu landen
und dann brauchen sie jetzt unsere Hilfe."
Ross überlegte einen Augenblick. Er wusste nicht so recht, wie er dem jungen Mann
schonend beibringen sollte, dass er sich falsche Hoffnungen machte. Es fiel ihm nichts
ein.
"Selbst wenn die Kanzel den Sturz durch die Luftschichten überstanden hätte, gäbe es auf dieser Welt nichts, wo sie hätte landen können. 2063Y ist ein Himmelskörper ohne feste Oberfläche. Es gibt dort nichts, was ein Mensch auch nur eine Sekunde lang einatmen könnte, ohne dass es für seine Lungen das Ende wäre. Zudem ist der Absturz auch schon zwei Tage her..." Ross sah sein Gegenüber traurig an. "Ich nehme Ihnen nicht gerne Ihre Illusionen, aber bei dem, was geschehen ist, wo sie abgestürzt sind und wie viel Zeit inzwischen vergangen ist, ist die Chance, dass Ihre Kameraden noch am Leben sind, so verschwindend gering, dass ich es schon gar nicht mehr Chance nennen möchte. Das wäre ein Wunder."
Nathan starrte einfach nur vor sich hin. Er hatte nicht geahnt, dass es so schlimm aussah. Ein Planet ohne feste Oberfläche; eine giftige Atmosphäre! Das hatte er nicht gewusst. Wie lange konnte die Luft in einem Cockpit für zwei Personen reichen? Zwölf Stunden? Einen Tag? Er wusste es nicht. Und wenn die Kanzel durch den Absturz auch nur ein winziges Loch in der Hülle bekommen hatte, war innerhalb von Augenblicken alles vorbei gewesen. Und dann die Oberfläche des Planeten. Würde die Kapsel schwimmen oder untergehen?
Woraus bestand das Meer dieser Welt überhaupt? Würde die Flüssigkeit das Material unbeschadet lassen oder innerhalb von Stunden durchätzen? Auch das wusste er nicht. Fragen über Fragen. Nicht zu vergessen die unglaubliche Belastung beim Sturz durch die Lufthülle von 2063Y. Aber trotzdem weigerte er sich, Shane und Vanessa einfach aufzugeben.
"Sir und selbst, wenn alles dagegen spricht, dass sie noch leben. Wir sind es ihnen schuldig, dass wir daran glauben und alles versuchen, sie zurückzuholen."
"Unter normalen Umständen würde ich Ihnen zustimmen, aber die Umstände sind nicht normal." Der Commodore wies mit der Hand in Richtung seines Fensters, hinter dem die Schwärze des Weltraums und ein paar Sterne zu sehen waren. "Am Rand dieses Systems finden bereits die ersten Gefechte statt und die Chigs kommen näher. Es wird nicht mehr lange dauern und wir sind mittendrin. Das ist nicht gerade eine Situation, in der ich es ein paar Marines gestatten kann, auf die vage Hoffnung hin, noch jemanden zu finden, loszufliegen und ein paar Kameraden zu suchen."
"Sir, bitte, lassen Sie es Hawkes und mich wenigstens versuchen. Wir werden bereit sein, wenn Sie uns brauchen", bettelte West verzweifelt. Er konnte nicht glauben, dass ihm der Commodore so ablehnend gegenüberstand. Zudem wusste er, dass er eine Rettung von Shane und Vanessa versuchen musste. Sonst würde er sich bis an sein Lebensende Vorwürfe machen. Doch anstatt nachzugeben schüttelte Ross erneut den Kopf.
"Ich brauche Sie jetzt und bei dem, was vor uns liegt, kann ich keinen
einzigen Marine entbehren. Schon gar nicht für eine sinnlose Suchaktion."
"Was ist an einer Mission sinnlos, bei der man Kameraden retten kann?"
Von einer Sekunde auf die andere wurde Ross Stimme eiskalt.
"Ich habe es nicht nötig, Ihnen meine Entscheidungen zu erklären, Marine! Ihre
Loyalität
den Wild Cards gegenüber in Ehren, aber Sie sind den Lebenden verpflichtet, nicht
den Toten. Sie und Lieutenant Hawkes gehören nun zur Staffel von Captain Wilks und Sie
sind ihm dieselbe Treue schuldig wie einst Ihren Kameraden vom 58sten. Lassen Sie sie
endlich los, sonst bringen Sie nicht nur Ihr eigenes, sondern das Leben von uns allen in
Gefahr." Ross nahm wieder etwas Schärfe aus seiner Stimme. "Ich weiß sehr
genau, was Sie gerade durchmachen, aber wir können uns jetzt keine Soldaten leisten,
deren Blick in die Vergangenheit gerichtet ist. Wir brauchen Sie hier und jetzt."
Nathan glaubte, die ganze Welt breche über ihm zusammen. Warum wollen Sie nicht verstehen? Kleinlaut sagte er: "Sir, solange wir nicht mit Sicherheit wissen, dass Vansen und Damphousse tot sind, dürfen wir uns nicht von ihnen lösen. Sie sind vielleicht wirklich noch da draußen und warten auf unsere Hilfe."
"Sie werden sich von ihnen lösen müssen, denn ich kann kein Shuttle entsenden. Nicht unter den gegenwärtigen Umständen. Es würde mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr zurückkommen."
Damit hatte Commodore Ross die Akten Vansen und Damphousse endgültig geschlossen. Das dürfen Sie nicht tun! schrie ihm West im Geiste entgegen. Nicht nach allem, was das 58ste für Sie durchgemacht hat. Aber er konnte nichts mehr sagen. Ihm fiel nichts mehr ein, womit er Ross vielleicht doch noch umstimmen könnte. Der Commodore setzte wieder eine nüchterne Miene auf.
"Sie und Hawkes melden sich wieder bei Captain Wilks. Sagen Sie ihm, ich erwarte
seine Staffel in dreißig Minuten zur nächsten Einsatzbesprechung. -Wegtreten,
Lieutenant!"
West zögerte. Wenn er jetzt diesen Raum verließ, ohne die Erlaubnis für eine
Rettungsmission zu haben, hatte er endgültig verloren. Flehend setzte er ein letztes Mal
an:
"Sir, wir müssen..."
"Ich sagte: Wegtreten, Lieutenant!!" donnerte Ross. Seine Augen blitzten zornig
auf, als wollte er den jungen Marine damit in Flammen stecken.
In diesem Augenblick traf Nathan eine Entscheidung. Er würde alles tun, um Shane und Vanessa zu finden. Mit oder ohne Erlaubnis seiner Vorgesetzten. Auch wenn er dafür vors Kriegsgericht käme. Das war immer noch besser, als mit der Vorstellung leben zu müssen, sie auch zum zweiten Mal zurückgelassen zu haben. Nathan West ging in Habachtstellung, grüßte, drehte sich um und verließ den Raum.
Kurz nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, schlug Ross mit der Faust auf den Tisch: "Verdammt, es gibt Entscheidungen, die ich hasse!"
Als Cooper Hawkes sah, wie Nathan mit düsterem Gesichtsausdruck durch den Korridor marschierte, ahnte er schon, dass er keine guten Nachrichten bringen würde. Er fragte trotzdem.
"Und, wie sieht es aus?"
Wütend stierte West seinen Freund an.
"Er hat abgelehnt. Meint, es wäre zu gefährlich. In dreißig Minuten ist
Einsatzbesprechung für die nächste Mission."
Cooper blieb mitten im Gang stehen. Auch wenn er es durch Wests Miene schon geahnt hatte.
Nun, da er es ausgesprochen hatte, wurde er sich erst wirklich klar, was das bedeutete.
"Das kann er doch nicht tun!"
"Doch er kann. Er ist der Commodore. Wir bekommen kein Shuttle."
"Aber sie leben vielleicht noch."
"Ross hält das für unwahrscheinlich."
Nathan setzte dumpf seinen Weg in Richtung ihres Quartiers fort. Cooper folgte ihm
sichtlich aufgebracht.
"Was soll diese Scheiße?" fauchte er. "Wenn er uns keine Erlaubnis geben
will...bitte...dann machen wirs eben ohne."
Als West nicht sofort reagierte, packte Cooper ihn an der Schulter und brachte ihn
wieder zum Stehen.
"Ich lasse sie nicht zurück, West!" erklärte er seinem Freund fest. Der
schüttelte zaghaft den Kopf.
"Weißt du, wovon du da redest?"
"Ich rede davon, Vansen und Phousse zu retten."
Erneut schüttelte Nathan den Kopf.
"Du redest von "Kriegsgericht". Die machen uns fertig!"
Nun wurde Cooper wirklich wütend.
"Oh natürlich. Für seine Freundin fliegt er auf eigene Faust nach Tellus,
aber wenn es um seine Kameraden geht..."
"Coop, hör mir zu!" unterbrach Nathan sein Gegenüber. "Sie bleiben
nicht zurück, aber ich mach es allein! Es reicht, wenn sich einer von uns in
Schwierigkeiten bringt."
Darauf konnte Hawkes nur zynisch grinsen.
"Oh, wie edel! Findest du nicht, dass ich ein verdammtes Recht habe, selber zu
entscheiden?"
Nathan antwortete nicht.
"Angenommen, etwas geht schief und du kommst auch nicht mehr zurück. Dann habe ich niemanden
mehr." Cooper sah seinen Freund bittend an. "Komm schon, West. Nach all der
Scheiße, die wir zusammen durchgemacht haben, kann ich jetzt nicht hier bleiben und
Däumchen drehen."
Nach einem kurzen Augenblick des Schweigens musste Nathan plötzlich breit grinsen.
"Das hast du dir wohl auch nie träumen lassen! Dass du einmal fürchten würdest,
mich zu vermissen!"
Nun war der InVitro sprachlos. Nathan schlug ihm auf die Schulter.
"Okay, holen wir sie raus."
"Ihr Auftrag ist die Eskortierung des Frachters SS Los Alamos von seinem
Einflug ins Helios-System bis zum Erreichen der Flotte. Mögliche Angriffe der Chigs
müssen um jeden Preis abgewehrt werden. Es ist für die globale Kriegsführung von
entscheidender Bedeutung, dass die Los Alamos uns erreicht."
Commodore Ross ließ seinen Blick streng über die vor ihm sitzenden Staffeln 60 und 48 schweifen. Dabei verharrten seine Augen bei Nathan etwas länger als bei den übrigen, als wolle er ihn noch einmal extra an seine Pflichten erinnern. Nathan wandte nervös seinen Blick ab. Ross fuhr fort:
"Sie werden Ihre Kräfte aufteilen. Captain Wilks Einheit begibt sich an Bord des Frachters, um von dort aus die Abwehrmaßnahmen zu unterstützen. Das 48ste wird mit seinen Hammerheads in Abfangposition gehen. Und noch einmal: Die Los Alamos muss uns um jeden Preis erreichen, haben Sie mich verstanden?"
Das "Ja, Sir" der versammelten Marines fiel für Ross Geschmack etwas
zaghaft aus, doch irgendwie spiegelte es genau die Begeisterung wieder, die er selber bei
der Sache empfand. Also ging er nicht darauf ein.
Schließlich sprach Captain Wilks die Frage aus, die sie alle beschäftigte:
"Sir, dürfen wir erfahren, um was es sich bei dem Transport handelt?"
Eigentlich rechneten sie fast mit einem bösen Das hat Sie nicht zu interessieren,
Captain, doch Ross Entgegnung fiel überraschend sanft aus.
"Tut mir leid, ich bin nicht berechtigt, Ihnen diese Frage zu beantworten,
Captain."
Cooper und Nathan sahen sich irritiert an. Das war nicht der Commodore, den sie gewöhnt waren. Irgendwie erschien es ihnen fast so, als wollte Ross sie überhaupt nicht auf diese Mission schicken, war aber aus irgend welchen Gründen dazu gezwungen. Dazu kamen die kurze Ausgangssperre und Ross Rede, die sie auf den Landedeck gehört hatten.
Was geht hier vor?
Vor ihnen wandte sich Ross zu einem im Raum stehenden Tisch um, auf dem etwa ein Dutzend versiegelter Umschläge lag. Er nahm sie und händigte sie einem der Marines in der ersten Reihe mit der Bitte aus, sie durchzureichen.
"In diesen Umschlägen finden Sie die Position, Kurs- und Geschwindigkeitsvektoren der Los Alamos. Öffnen Sie sie erst, wenn Sie sich an Bord Ihrer Schiffe befinden."
Nathan nahm den seinen entgegen und wurde noch ratloser. So etwas hatte es noch nie gegeben. Was befand sich an Bord dieses Frachters, dass man um seinen Schutz einen solchen Aufwand betrieb? Gleichzeitig mit dieser Frage kamen ihm dann weitere in den Sinn. Wenn dieser Auftrag so wichtig war, durften sie ihn dann wirklich noch gefährden, indem sie sich absetzten und versuchten, Shane und Vanessa zu retten? Auch wenn ihm diese Mission scheinbar widerstrebte, verließ sich der Commodore doch auf sie. Hier sind die Leben von uns allen untereinander verknüpft, hatte Colonel McQueen mehr als einmal gesagt. Wenn sie den Schutz der Los Alamos gefährdeten, brachten sie womöglich die ganze Flotte in Gefahr.
Ross baute sich vor seinen Leuten auf.
"Ihr Start erfolgt sofort. Die Besatzung der Los Alamos und wir zählen auf
Sie. Viel Glück!"
Damit war die Besprechung beendet. Die Marines standen auf und machten sich auf den Weg zu
ihren Maschinen.
Inzwischen war die Luft im Inneren der abgestürzten Kapsel kaum noch atembar. Bei jedem Atemzug lastete auf ihren Lungen ein unangenehmer Druck. Shane und Vanessa hingen schweißgebadet auf ihren Sesseln und dämmerten vor sich hin. Es gab nichts mehr, was sie tun konnten, außer zu warten. Draußen grollte es ununterbrochen, als wollte ihnen dieser Planet klar machen, dass es von ihm kein Entrinnen gab.
"Wir werden sterben, nicht wahr, Shane?" Vanessa klang so kleinlaut, wie sie Vansen noch nie gehört hatte. Doch auch Vansens Widerstand gegen das scheinbar unausweichliche Ende stand kurz davor, gebrochen zu werden. Statt Vanessa scharf zu widersprechen, sagte sie für einen Moment überhaupt nichts.
"Sowas darfst du nicht sagen", war alles, was Shane schließlich hervor brachte. Und auch das klang sehr kleinlaut. "Sie werden kommen und uns retten. Davon bin ich überzeugt", fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu, aber es hörte sich an, als hätte sie es auswendig gelernt; ohne wirklichen Glauben.
"Das sagst du doch nur, um mich zu beruhigen. Du weißt doch selber, dass wir hier
nicht mehr weg kommen."
Shane fühlte sich durchschaut. Und genau das machte sie jetzt wütend.
"Sag mal, was erwartest du von mir?" fauchte sie Phousse an. "Willst
du wirklich von mir hören, dass ich keine Hoffnung mehr habe? Wem würde
das nützen?"
Vanessa schüttelte verständnislos den Kopf.
"Shane, wir sind jetzt schon so lange hier. Wenn sie unser Signal aufgefangen
hätten, wären sie doch längst hier gewesen."
"Ich will so was nicht hören!"
"Aber du weißt, dass es stimmt."
Shane öffnete den Mund zu einer Entgegnung, aber ihr fiel nichts mehr ein. Ja, sie
wusste es, aber sie hatte maßlose Angst davor, sich das offen einzugestehen. Was hatte
ihr Leben dann noch für einen Sinn? Resigniert fiel sie in ihren Sessel zurück.
"Ich...ich will einfach nicht, dass es so endet." Doch was nützt der Wille,
wenn ich nicht mehr daran glaube?
"Vanessa, ich will einfach nicht hier sitzen und nur noch auf den Tod
warten", beharrte sie. "Verstehst du das nicht?"
Shane sah ihre Freundin nun eindringlich an. Obwohl sie selber auch kurz davor stand, zu
resignieren, musste sie Phousse wieder Mut machen. Nur wie? "Nein", fuhr
sie fort. "Damit würden wir den Chigs wirklich ein zu billiges Geschenk machen. Wir
haben es bis jetzt geschafft und wir werden auch noch weiter durchhalten!"
"Shane, ich kann nicht mehr. Ich möchte einfach in Frieden sterben."
"Das darfst du nicht! Du kannst mich doch nicht einfach im Stich lassen. Du darfst
nicht aufgeben, hörst du?"
Phousse antwortete nicht.
"Hast du verstanden?" fragte Shane nun etwas eindringlicher. Nein, wie eine
Frage hatte sie es nicht betont. Vielmehr wie einen Befehl.
"Verdammt, ich will, daß du mir antwortest!"
"Jaaa!" Doch es klang eher wie laß mich in Ruhe!
Nun mischte sich in Shanes Stimme ein leichtes Flehen.
"Vanessa, ich brauch dich jetzt. Wie soll ich denn meine Hoffnung behalten,
wenn du sie verlierst? Wie soll ich nicht den Mut verlieren, wenn du bereit bist, zu
sterben?"
Damphousse hatte ihre Augen geschlossen und reagierte nicht mehr. In Shane kehrte ihre Wut zurück. Von einem Augenblick zum anderen vergaß sie, dass sie noch vor wenigen Augenblicken selber bereit gewesen war, aufzugeben. Zornig stieß sie Vanessa an.
"Mach deine verdammten Augen auf und rede mit mir!"
Keine Reaktion. Shane gab Phousse eine schallende Ohrfeige. Jetzt endlich regte sie sich
wieder. Ihre rechte Hand stieß Shane zurück.
"Lass mich endlich in Ruhe!" kreischte sie.
"Das könnte dir so passen! Ich werde dir jetzt jedes Mal, wenn du mir nicht
antwortest, eine kleben, und wenn du mich dafür auf ewig hassen wirst, aber du wirst
nicht zur Ruhe kommen, das versprech ich dir!"
"Warum bist du nicht bereit, es einfach zu akzeptieren? Es ist aus! Wir werden
sterben!"
"Nein!" widersprach Shane. "Wir kommen hier raus. Sie werden
uns retten, wir müssen nur bis dahin durchhalten."
Shane nahm Vanessas Hände in die ihren. "Aber das schaffen wir nur gemeinsam. Ich
brauch deine Hilfe, bitte, lass mich nicht allein!"
Jetzt endlich kehrte in Vanessas Augen wieder ein bisschen Leben zurück. Sie atmete,
soweit es die schlechte Luft zuließ, einmal tief durch.
"Okay, ich lass dich nicht allein."
"Versprich es mir!"
"Ich versprech es dir!"
"Wir kommen hier raus."
Nun hielten sie sich beide an den Händen und sprachen sich gegenseitig wieder Mut zu, als
könnten sie dadurch die Rettung herbeiführen.
Ein Knall ließ sie plötzlich verstummen. Irgendwo im Gehäuse der Kapsel musste etwas geplatzt sein. Es folgte ein unangenehmes Gluckern, als ströme irgendwo unter ihnen eine Flüssigkeit ein.
"Was ist das?" wollte Vanessa wissen. Beide hoben aufmerksam die Köpfe und
lauschten.
"Ich weiß nicht. Das Geräusch kommt von da unten." Womit Shane die Rückwand
des Cockpits meinte. "Da füllt sich irgend ein Hohlraum."
Vollkommen unerwartet kippte ihre Umgebung zur Seite weg. Fast wären sie beide aus ihren
Sesseln gerutscht. Das Gluckern wurde lauter.
"Wir versinken!" stellte Vanessa mit Panik in der Stimme fest. "Die
Außenhaut hält diesem Meerwasser nicht mehr stand. Sie löst sich auf und wir gehen
unter!"
"Hör auf damit", donnerte Shane. Doch diesmal wusste sie genau, dass
Vanessa richtig lag. Eigentlich ein Wunder, dass die Hülle bei den herrschenden
Bedingungen auf 2063Y überhaupt so lange gehalten hatte. Dann waren sie nun also
definitiv am Ende. Sie hoffte nur, dass es schnell gehen würde.
Der Andruck des Beschleunigungsmanövers presste Nathan West und Captain Wilks im Cockpit des Transporters in die Sessel. Rund um ihr Gefährt nahmen die Hammerheads des 48sten ebenfalls mit Kurs auf die Los Alamos Tempo auf. Die Saratoga und die Schlachtschiffe in ihrer Nähe fielen schnell hinter ihnen zurück. Schon nach wenigen Augenblicken schien es rund um sie nur noch eine schwarzes Nichts zu geben. Doch dieser Schein trog. In mehreren Sektoren glich das Helios-System inzwischen einem Bienenstock. Ein einziger Blick auf die Langstreckensensoren zeigte, dass sie alles andere als allein waren.
Wilks blickte auf einen Sekundenzähler, der die Brenndauer der Triebwerke anzeigte.
"Achtung: Beschleunigungsmanöver endet in 10 Sekunden.
8...7...6...5...4...3...2...1...
Aus!"
Er ließ die Raketenmotoren verlöschen und schaltete auf die Sprechanlage des
Transporters.
"Rendezvous mit Los Alamos in 53 Minuten. Haltet die Augen auf, hier draußen
ist eine Menge los. Ich will keine Überraschungen erleben."
Nathan nahm seinen Helm ab und öffnete den Gurt, um aufstehen zu können.
"Ich sehe hinten noch mal unsere Ausrüstung durch", erklärte er. Dabei vermied
er es, Wilks in die Augen zu sehen. Seit Nathans Ausbruch auf dem Landedeck hatten sie
bisher nur Routinemeldungen ausgetauscht. Und nun bereitete es ihm fast körperlichen
Schmerz, sich demnächst noch einmal gegen ihn erheben zu müssen. Das hatte Wilks nicht
verdient, zumal er davon abgesehen hatte, ihn wegen seines Angriffs zu melden.
"In Ordnung."
Nathan wechselte vom Cockpit in den Transportcontainer. An einer Wand waren große
Behälter verzurrt, die alles enthielten, was benötigt wurde, um die Waffen der Los
Alamos effektiver zu machen. Hochenergiezellen, Ersatzteile, Werkzeug, Schmiermittel.
Die Marines des 60sten hielten mehrere Stationen besetzt, von denen aus sie in den
Weltraum hinaus spähten und lauschten. Hawkes saß zusammen mit einem jungen Soldaten
namens Rico in voller Montur auf einer Pritsche. Als er Nathan hereinkommen und auf die
Behälter zugehen sah, erhob er sich.
West öffnete eine der Kisten. Er tat so, als inspiziere er den Inhalt, während er in
Wahrheit nur darauf wartete, mit Hawkes sprechen zu können.
"Coop, vielleicht machen wir einen großen Fehler", murmelte er seinem Freund
zu. "Es sieht so aus, als ob sehr viel von dieser Mission abhängt."
Hawkes starrte ihn verständnislos an.
"Bist zu verrückt. Du willst doch jetzt nicht kneifen!"
Nathan kämpfte innerlich mit sich.
"Der Commodore verlässt sich auf uns. Und Captain Wilks hat jetzt was bei mir gut.
Ich weiß nicht, ob ich mich noch einmal gegen ihn wenden kann."
"Erzähl das Shane und Phousse", entgegnete Cooper wütend und fast schon etwas
zu laut. Nathan schüttelte den Kopf. Das ist einfach nicht fair! Aber er wusste
allmählich nicht mehr, was richtig oder falsch war. War es richtig, diese Mission
durchzuführen und falsch, sie durch eine befehlswidrige Rettungsmission zu gefährden?
Oder war es richtig, an das Überleben von Shane und Vanessa zu glauben und falsch,
Befehlen zu gehorchen?
"Ach du Scheiße!" hörten sie plötzlich aus dem Hintergrund. Sie drehten sich
um. Alle Anwesenden starrten auf Lieutenant Greene, der über einen speziellen Empfänger
alle möglichen und unmöglichen Frequenzen abhörte.
"Was ist los?" wollte Nathan wissen.
Greene hob einen Finger zu einer Taste, mit der er den Sprechverkehr, den er auf seinem
Kopfhörer hatte, auf einen Lautsprecher legen konnte.
"Hört selbst."
Im nächsten Augenblick schollen verzerrte und überaus hektische Stimmen auf englisch
und französisch durch das Innere des APC. Dazwischen immer wieder Krachen, statisches
Rauschen und Schreie. Greene blickte die anderen betreten an.
"Ich glaube, unser Franzosen-Verband ist am Arsch."
Ununterbrochen aus allen Rohren feuernd rückte das Schlachtschiff Victoire langsam
vor. Seine Oberfläche glich einer Kraterwüste. Brände loderten. Am Bug war eine
komplette Sektion soeben weggerissen worden. Der Victoire voraus flogen mehrere
Staffeln von deltaförmigen Mirage-10-Fightern einer gewaltigen Mauer aus
feindlichen Bombern und Jägern entgegen, die wild in ihre Reihen feuerten. In etwas
größerer Entfernung kamen allmählich eine Handvoll U-378 D-Klassen-Zerstörer in
Feuerreichweite. Sie wirkten geradezu winzig im Anbetracht der beiden riesigen
kristallartigen Kampfschiffe, die sich ebenfalls der Victoire näherten.
Bei ihrem Anblick schnürte es Admiral Chevalier die Kehle zu. Er wusste, dass im bisherigen Verlauf des Krieges die meisten Begegnungen mit den Kristallen verheerend ausgefallen waren. Die Eisenhower über Demios war nur eines von vielen Opfern. Vielleicht hätte er es noch vor etwas mehr als einer Stunde trotzdem mit ihnen aufgenommen, aber inzwischen war seine Victoire nur noch ein Schatten ihrer selbst. Auch sein Verband hatte inzwischen erbitterte Verluste erlitten, ohne dass der Feind auch nur einmal seinen Vormarsch unterbrochen hätte.
Über einen Bildschirm konnte Chevalier verfolgen, wie eine seiner Mirage-Staffeln direkt ins Sperrfeuer der Chigs flog und innerhalb weniger Augenblicke vernichtet wurde. Genug! Es ist genug! Trotzdem fiel es ihm schwer, zugeben zu müssen, dass er dem Feind nicht länger standhalten konnte. Admiral Chevalier hatte sich noch nie zurückgezogen. Aber andererseits schmerzte ihn der Tod so vieler junger Männer und Frauen sehr, die er in der vergangenen Stunde verloren hatte. Er wollte nicht, dass die Zahl der Opfer für eine verlorene Schlacht noch weiter anstieg. Beinah schwermütig wandte er sich seiner Kommunikationsoffizierin zu, die tapfer in den Trümmern der Kommandobrücke die Stellung hielt.
"Diderot. Geben Sie das Signal zum Rückzug und informieren Sie dann Admiral Stanner."
"Oui, mon Admiral", erwiderte die junge Frau knapp. Irgendwie klang es, als sei sie dankbar für diesen Befehl. Noch während sie sprach, schritt Chevalier die wenigen noch intakten Stationen seiner Brücke entlang. Seine Schritte knirschten. Überall lagen Kunststoff- und Glassplitter verstreut.
"Steuermann: Bringen Sie uns hier raus! Robert: Sie überwachen die Rückkehr der Jäger. An Bord kommen nur die mit Beschädigungen und verwundeten Piloten. Die übrigen kehren aus eigener Kraft zur Flotte zurück. Segal: Sobald die Jäger an Bord sind, legen wir ein Minenfeld. Ich will, dass die Chigs darin mehr Maschinen verlieren, als sie zählen können! - Und dann nichts wie weg von hier!" Er drehte sich wieder in Richtung der Kom-Offizierin: "Diderot: Geben Sie auch an unseren Verband weiter: Bevor wir uns absetzen, hinterlassen wir ein Minenfeld. Die sollen alles an Minen über Bord werfen, was sie in ihren Depots finden können. Und Tempo!"
Schwerfällig drehte die Victoire ab. Die noch verbliebenen Jäger der Mirage-Staffeln zerstreuten sich in alle Richtungen, die dem Feind abgewandt waren. Einen Augenblick schienen die Chigs durch den plötzlichen Rückzug der Menschen verwirrt zu sein, denn sie reagierten nicht. Doch dann nahmen sie die Verfolgung auf. Ihre Geschwader stoben auseinander, um die Flüchtigen nicht entwischen zu lassen. Ihr Vorteil war nun, dass ihnen die Menschen jetzt ihr Heck zuwandten. Reihenweise verwandelten sie die Mirage-Fighter in glühenden Staub. Die Chig-Bomber traktierten weiterhin den Rumpf der Victoire mit ihren Salven und zerstörten dabei die wenigen Aufbauten, die noch intakt waren. Unterstützt wurden sie bei ihrem Vernichtungswerk von den D-Klassen-Zerstörern. Der Weltraum brannte. Überall Geschosse, Tod, Feuer und Trümmer.
Ein ähnliches Bild bot nun auch die Brücke der Victoire. Chevalier hätte es nicht für möglich gehalten, aber der Raum brach regelrecht in sich zusammen. Brüllend gab er seine letzten Befehle. Er wusste, dass sie verloren waren...und seine Leute wussten es auch. Aber der Soldat in ihm sorgte dafür, dass er kämpfend untergehen wollte. Das war er sich und seiner Mannschaft einfach schuldig. Und auch der tapferen Kom-Offizierin Diderot, die vor wenigen Augenblicken von einem herumschwirrenden Metallfetzen getötet worden war.
"Wendemanöver abgeschlossen", meldete der Steuermann, während er sich
seinen verletzten rechten Arm hielt.
"Landebuchten zerstört, mon Admiral", schaltete sich Leutnant Robert ein. Man
merkte ihm an, wie schwer es ihm fiel, diese Meldung zu machen. "Wir können keinen
Jäger mehr aufnehmen."
Chevalier bestätigte voller Zorn, doch im Prinzip spielte das jetzt ohnehin keine Rolle
mehr. Keiner der Jäger wäre an Bord der Victoire nun sicherer als irgendwo auf
dem Schlachtfeld.
"Segal: Minen raus!...Segal?!"
Der Angesprochene antwortete nicht mehr. Chevalier fand ihn leblos neben seiner Station
liegend. Kurz entschlossen kämpfte sich der Admiral selbst dort hin. Dabei stieß er
heruntergestürzte Deckenteile und Trümmer voller Zorn zur Seite.
"Maschinenraum meldet Reaktorschaden. Kernschmelze nicht mehr zu verhindern!"
"Evakuierung einleiten!"
Nun hatte Chevalier Segals Posten erreicht. Soweit er den wenigen noch funktionierenden Anzeigen entnehmen konnte, schien es tatsächlich noch möglich, Minen in den Raum auszustoßen. Und Segal hatte bereits alles vorbereitet. Einen Augenblick verharrte Chevalier noch, bevor er über einen Tastendruck den entscheidenden Impuls gab. Am Ende würde die Victoire dem Feind doch noch eine Lektion erteilen! Mit einem gemurmelten "Vive la France!" drückte er den Knopf. Er erfuhr nicht mehr, ob die Minen auch tatsächlich abgeworfen wurden, denn wenige Augenblicke später wurde das Schlachtschiff Victoire von einer gewaltigen Explosion zerfetzt.
Im Einsatzraum der Saratoga wandte sich Captain Band mit betretendem Gesicht an
Admiral Stanner.
"Sir, die Victoire wurde soeben zerstört. Chevaliers Verband hinterlässt ein
Minenfeld und zieht sich zurück."
In Stanners Gesicht zuckte kein Muskel. Er hatte keine Zeit zur Trauer. Der Untergang der Victoire bedeutete für ihn im Augenblick nichts weiter als eine Änderung der strategischen Lage auf seiner Schlachtkarte. Nüchtern entfernte er die Modelle, die bisher Chevaliers Einheit dargestellt hatten.
"Schade, ich hatte gehofft, dass wir uns die Hera-Streitmacht der Chigs noch ein
bisschen vom Hals halten könnten. -Wie sieht es in Sektor Bravo aus?"
"Ganz ähnlich. Commander Cragg befindet sich im Rückzug."
"Also brechen die Chigs auch dort bald durch."
Stanner überlegte einen Moment, während er die Karte des Helos-Systems mit all seinen Modellen studierte. Von mehreren Seiten näherten sich der 15ten Flotte massive feindliche Verbände. Und nach den Durchbrüchen der Hera-Gruppe und im Sektor Bravo würde sie der Feind bald erreicht haben. Der Admiral holte tief Luft.
"Also, Gentlemen. Nun ist es wohl soweit. Die Schlacht beginnt. Setzen wir die
Flotte in Bewegung!"
"Da ist sie." Wilks deutete auf das Radarecho der Los Alamos. Nathan
nickte nervös. Je näher sie dem Frachter kamen, desto näher rückte der Augenblick, in
dem er sich entweder für ihre jetzige Mission oder den Rettungsversuch nach 2063Yankee
entscheiden musste. Für Hawkes war die Sache wesentlich einfacher. Er hatte sich nie
wirklich für den Sinn ihrer Aufträge interessiert und so war ihm im Prinzip auch ihre
gegenwärtige Mission gleichgültig. Der Krieg geht auch ohne uns weiter, war sein
Standpunkt. Doch für Nathan hatten Treue und Pflichterfüllung stets eine große Rolle
gespielt. Er fühlte sich eben nicht nur den Wild Cards gegenüber verantwortlich,
sondern auch den vielen anderen, die sich auf ihn verließen.
Vor ihnen flammte ein Licht auf.
"Wir werden gerufen", erkannte Nathan. Einen Augenblick später piepste ein
kurzer Morsecode aus den Lautsprechern. "C" und "G". Code Gold.
Wilks rutschte unruhig auf seinem Sessel herum.
"Ich fasse es nicht. Einen Code Gold habe ich noch nie gehört und jetzt darf
ich auch noch darauf antworten."
Er drehte sich zu seinem Umschlag um, den er auf der Einsatzbesprechung bekommen hatte. Ein winziges Plastikröhrchen kam zum Vorschein. Wilks brach es in der Mitte auseinander. Es enthielt einen winzigen Streifen Papier. Er schaltete das Funkgerät ein.
"Hier Captain David Wilks." Er hob den Papierstreifen vor seine Augen. In
winzigen Lettern standen dort zwei Buchstaben und zwei Worte. "Autorisation Mike-Whiskey.
Morgan-Wong. - 60ste und 48ste Staffel geben Ihnen Geleitschutz."
Ein Moment Schweigen folgte. Angespannt hielt Wilks den Atem an, als erwarte er, jeden
Augenblick von der Los Alamos abgeschossen zu werden. Dann kam die Antwort:
"Verstanden. Schön, Sie zu sehen. Erwarten Sie unseren Landeleitstrahl. Ende!"
Nach wenigen Minuten tauchte die SS Los Alamos vor ihnen im Dunkel des Weltraums auf. Sie sah aus wie ein gewaltiger großer Kasten mit ein paar Aufbauten. Vom Bug bis zum Heck reine Zweckmäßigkeit. Keine ästhetischen Schnörkel. Dasselbe galt auch für ihre Außenhaut aus dunklem schmutzigem Metall.
Wilks leitete das Bremsmanöver ein und nahm mit dem Transporter dann Kurs auf das hochgefahrene Landedeck auf der Oberseite der Los Alamos. Die Hammerheads des 48sten schwärmten aus, um den Frachter in die Mitte zu nehmen.
Kurz nachdem sie aufgesetzt und alle Systeme auf Stand-bye geschaltet hatten, wandte sich Wilks schon an seinen Copiloten:
"West, Sie kümmern sich um die Entladung unserer Ausrüstung. Ich will, dass wir in spätestens 15 Minuten gefechtsbereit sind!"
Nathan brachte nur ein leises "Hm" hervor. Was soll ich nur tun? Zögerlich erhob er sich aus seinem Sessel. Er legte Stahlhelm und Waffengurt an, was während des Fluges hinter ihm gelegen hatte. Zusammen mit den anderen begab er sich zur Schiebetür des APC. Das ganze Gefährt zitterte, als es mit der Plattform ins Innere des Frachters hinabgesenkt wurde. Nathan spürte Coopers durchdringenden Blick. Wie geht es jetzt weiter? Er konnte diesen Gedanken beinahe hören. Nathan ignorierte seinen Freund.
Die Schiebetür des Shuttles glitt zur Seite. Ihnen schlug nach verbranntem Treibstoff riechende Hangarluft entgegen. Ihr Empfangskomitee bestand aus mehreren Soldaten, einem breitschulterigen Navy-Commander und...Nathan spürte, wie sich sein Magen verkrampfte...einem Zivilisten im unverwechselbaren dunklen AeroTech-Look. Der Mann war hager und hatte eine Halbglatze. Sein Gesicht war scheinbar in einem bösen Dauergrinsen festgefroren.
Captain Wilks schritt auf den Commander zu und reichte ihm die Hand.
"Ich bin Captain Wilks vom 60sten. Wir werden Sie schon sicher an Ihr Ziel
bringen."
"Guten Tag. Ich bin Commander Moore. Und das ist..." Er drehte sich zu dem
Zivilisten. "...Mr. Scarpin von AeroTech. Sein Unternehmen hat unsere Ladung
hergestellt, und er überwacht die fachgemäße Behandlung."
Scarpin schüttelte Wilks die Hand. Sein Grinsen wurde noch breiter.
"Schließlich wollen wir doch alle, dass wir die Chigs nur mit erstklassiger Ware
beschießen."
Nathan stand noch immer wie angewurzelt da. Was, zum Teufel haben wir hier zu
beschützen?
"Na los, West! Worauf warten Sie noch? An die Arbeit!" donnerte Wilks. Erst
jetzt konnte sich Nathan wieder rühren. Er gab ein paar halbherzige Befehle und machte
sich mit dem Rest des 60sten daran, den Transporter zu entladen.
"West, was machen wir?" hörte er Cooper neben sich zischen. Erneut
ignorierte er ihn. Stattdessen musterte er im Vorbeigehen AeroTech-Mann Scarpin,
der noch immer mit zynischen Scherzen beschäftigt war. Nathans Blick fiel auf ein kleines
Symbol, das Scarpin unter dem AeroTech-Emblem am rechten Ärmel trug. Er erkannte
das Zeichen für Radio-aktivität und einen stilisierten Atompilz.
Zusammen mit den anderen Marines ließ er den Hangar hinter sich. Begleitet von Cooper und Greene kletterte er eine Leiter zu einer der Waffenplattformen der Los Alamos hinauf.
Eine junge Soldatin nahm sie dort freudig in Empfang.
"Da seid ihr ja endlich. Ich glaube, wir können wirklich ein bisschen Verstärkung
gebrauchen."
Nathan musste zugeben, dass sie mit ihrem halblangen blonden Haar einfach süß aussah.
Doch Scarpins Anwesenheit auf dem Frachter ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.
"Von welcher Einheit seid ihr eigentlich?" fragte er so unschuldig wie möglich.
"Von den ganz gefährlichen", entgegnete sie, wobei sie ihre Stimme etwas
rauher klingen ließ, um sich auch wirklich "gefährlich" anzuhören.
"Drittes Strategisches Geschwader von Ixion. Ich glaube, die da oben wollen den Chigs
mal einen tüchtigen Schrecken einjagen."
Nathan ließ fast den Werkzeugkasten fallen, den er mitgebracht hatte. Strategisches Geschwader! Das bedeutete Atomwaffen! Siedend heiß kam ihm sofort wieder Ross Rede in Erinnerung, die er auf dem Landedeck der Saratoga gehört hatte. ...doch wir stehen kurz vor einer Prüfung...eine Operation...die für die globale Kriegsführung von entscheidender Bedeutung ist. Langsam stellte Nathan den Werkzeugkasten auf den Boden, während ihm langsam dämmerte, was ihnen allen bevorstand.
"Die wollen ihnen nicht nur einen Schrecken einjagen", murmelte er.
"Was?!" Die Soldatin schien verwirrt.
"Die wollen die Waffen einsetzen!"
Die Soldatin schüttelte entsetzt den Kopf.
"Das können die doch nicht tun. Das ist doch Wahnsinn! Die sind doch wirklich
nur als allerletztes Mittel gedacht."
"Sagt mal, wovon redet ihr?" wollte Cooper energisch wissen. "Die
transportieren hier ein paar Bomben, na und? Ich habe im letzten Jahr einen ganzen Haufen
Bomben abgeworfen."
Nathan packte ihn am Arm.
"Nicht solche! Damit jagen sie glatt ihren Heimatplaneten in die Luft. Und
ich fürchte, wenn wir die Chigs dadurch nicht erledigen, dann war der Krieg bisher nur
eine harmlose Knallerei im Vergleich zu dem, was uns dann erwartet. -Deswegen hatte
ich auf der Einsatzbesprechung auch den Eindruck, dass Ross uns nur widerwillig
losgeschickt hat."
"Dann lass uns endlich von hier verschwinden, West!"
Cooper hatte Recht. War Nathan noch vor wenigen Momenten voller Zweifel gewesen, waren
diese nun durch die Skrupellosigkeit des Oberkommandos wie weggewischt. Die Oberen
forderten Treue und Loyalität und gleichzeitig hatten sie vor, einen Atomkrieg zu
beginnen, der für alle Beteiligten nur verheerend enden konnte.
Er nickte seinem Freund bestätigend zu.
"Gehen wir!"
Greene, der bisher nur stumm zugehört hatte, starrte sie fragend an.
"Moment, was heißt hier: Gehen wir? Wovon redet ihr?"
Nathan wandte sich ihm kurz zu; ebenso der jungen Soldatin. Er wirkte dabei beinah
traurig.
"Wir wünschen euch alles Gute. -Tut mir leid, aber es gibt zwei Menschen dort
draußen, die auf uns warten." Er hob zum Abschied die rechte Hand. "Semper
fidelis."
Im nächsten Moment hatten Cooper und Nathan die Waffenplattform bereits verlassen. Am Fuß der Leiter steuerten sie schnurstracks den Hangar an. Rico und ein weiterer Marine des 60sten kamen ihnen mit schweren Kisten beladen entgegengeächzt. Nathan und Cooper marschierten an ihnen vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Rico sah ihnen nach.
"Donnerwetter, schon fertig?"
Im Hangar stand nur noch Wilks und überflog die Bestandsliste mit ihrer Ausrüstung.
Nathan versuchte, ihn zu ignorieren.
"Cooper, wir werden noch etwas Treibstoff brauchen."
Sofort begab sich der Angesprochene zu einer Luke am Boden. Ausgestattet mit ein paar
Handschuhen verband er einen Schlauch mit einem Tankstutzen des APC. Die Pumpe brummte
los. Auf dem Schlauch bildeten sich Eiskristalle.
Zunächst nahm Wilks davon überhaupt keine Notiz. Doch plötzlich hob er irritiert den
Kopf.
"Was soll das, Hawkes? Das ist doch jetzt nicht so wichtig. Starten werden wir so
schnell sowieso nicht."
"Sie nicht, aber wir." Nathan näherte sich Wilks von der Seite.
"Bitte, wie war das, West?"
Wilks vernahm das unverwechselbare Geräusch einer Pistole, die durchgeladen wurde. Er
starrte mit maßlosem Unverständnis in die Mündung einer M70, die Nathan West auf
ihn anlegte.
"Werfen Sie Ihre Waffe auf den Boden, Captain!"
"Haben Sie den Verstand verloren?"
"Werfen Sie Ihre Waffe auf den Boden!" wiederholte Nathan nun sehr
energisch.
"Das ist Meuterei, das wissen Sie! Und wenn Sie Ihre Waffe jetzt sofort senken, wird
man vielleicht gerade noch davon absehen, Sie für Ihr Verhalten zu erschießen."
"Halten Sie den Mund!"
Nathan riss Wilks die Waffe nun selbst aus dem Halfter und schleuderte sie weg. Die Pistole landete klappernd auf dem Deck.
"Tut mir leid, Captain, aber ich habe keine Wahl. Es gibt noch zwei Überlebende
meiner alten Staffel, die darauf warten, gerettet zu werden. Und ich werde sie nicht für
ein paar Atombomben im Stich lassen!"
"West, Ihre Kameraden sind tot!" Wilks Stimme hatte von der eines harten
Vorgesetzten zu der eines besorgten Captains gewechselt.
"Ich weiß nur, dass ich nicht hier bleiben werde."
Plötzlich tauchten Rico und Greene im Eingang des Hangars auf. Bei der Szene, die sich
ihnen bot, blieben sie wie angewurzelt stehen. Doch dann rissen sie ihre Pistolen heraus.
-Zeitgleich mit Hawkes, der sie aus den Augenwinkeln heraus bemerkt hatte.
"Runter mit den Waffen!" brüllte er sie an. Doch die beiden Marines zeigten keine Reaktion. Sie standen Hawkes wie festgefroren gegenüber und bedrohten ihn ihrerseits.
Nathans Blick zuckte zwischen Wilks, dem InVitro und den beiden Marines im Eingang hin und her. Verdammt, jetzt saßen sie in der Patsche. Eigentlich wusste er, dass keiner von ihnen wirklich schießen wollte, aber Angst konnte hier trotzdem sehr schnell zu einem Blutbad führen.
"Befehlen Sie ihnen, ihre Waffen zu senken!" fauchte er Wilks an.
"Das kann ich nicht."
"Runter mit den Waffen oder der Captain stirbt!" brüllte Nathan
verzweifelt.
"Hören Sie auf, West, das wollen Sie doch nicht wirklich tun!"
entgegnete Wilks ebenso laut. Und er hatte damit Recht.
Niemand rührte sich. Doch dann schwenkte Rico seine M70 auf Nathan. Patt! Greene hielt Cooper in Schach, Cooper bedrohte Greene, Nathan hatte seine Waffe auf Wilks gerichtet und wurde seinerseits von Rico im Visier gehalten.
"Es ist vorbei, West. Sie können nicht gewinnen", redete der Captain
auf ihn ein. Dumpf starrte der sein Gegenüber an. Sie hatten verloren. Und damit gab es
auch für Shane und Vanessa keine Rettung mehr. Es war vorbei und er hatte alles
verbockt. Er war schon im Begriff, seine Pistole zu senken und aufzugeben, als sich im
Hintergrund noch einmal Cooper zu Wort meldete.
"Äh...ich will ja kein Spielverderber sein, aber wir sollten nicht vergessen, dass
der Transporter gerade mit flüssigem Wasserstoff betankt wird. Und das heißt, wenn hier irgendeiner
schießt, dann gute Nacht!"
Sowohl Nathan als auch Wilks wurden bleich vor Schreck. Cooper steckte als erster seine Pistole in den Halfter zurück. Langsam und mit erhobenen Händen trat er auf Wilks und Nathan zu.
"Bitte, Captain. Alles, was wir wollen, ist der Transporter und eine
Chance, Shane und Phousse zu retten. Machen Sie danach mit uns, was Sie wollen."
Nach einem gewissen Zögern schien sich Wilks endlich etwas zu entspannen.
"Sie kommen beide vors Kriegsgericht, das wissen Sie", erklärte er
Nathan.
"Ja", antwortete dieser dumpf.
"Ich hoffe, sie sind es wert."
"Das sind sie!"
"In Ordnung..." Wilks drehte sich Rico und Greene im Eingang zu. "Waffen
runter!"
Die beiden waren von der Wende der Ereignisse irritiert, doch schließlich gehorchten sie. Nathan atmete tief durch. Mit einem Klack wurde auch seine M70 wieder gesichert.
"Sagen Sie, wir hätten Ihnen eine über den Schädel geschlagen und dann den
Transporter geklaut", meinte er.
"Von mir aus, Sie haben mir sowieso immer nur Ärger gemacht", entgegnete Wilks.
Und zum ersten Mal sah Nathan seinen Captain lächeln.
"Viel Glück!"
"Ihnen auch, Captain."
Mit einem Nicken wandte sich Wilks zum Gehen. Am Eingang nahm er Rico und Greene mit. Dröhnend senkte sich das Hangarschott.
Wenig später saßen Cooper und Nathan nebeneinander im Cockpit des Transporters, der von der Plattform in den Weltraum hochgefahren wurde. Die Triebwerke heulten auf. Sie ließen die Los Alamos, die 60ste und die 48ste Staffel hinter sich und nahmen Kurs auf 2063Yankee.
Einige Millionen Meilen entfernt setzte sich mit Ausnahme der Saratoga gerade die komplette 15te Terranische Raumflotte in Bewegung. Schlachtschiffe, Kreuzer, Fregatten, Bomber, Jäger und Transporter vieler Nationalitäten und Typen, so weit das Auge reichte.
Sie repräsentierten eine Feuerkraft, die größer war, als die sämtlicher Seeflotten des 20sten Jahrhunderts zusammen.
Auf einem der Landedecks der Saratoga stand eine Gruppe von Generälen und Admirälen zusammen mit ihren Adjutanten vor einem startbereiten Transporter. Eine Gruppe Marines stand Spalier, um sie mit den gebotenen militärischen Ehren zu verabschieden.
Admiral Stanner reichte Commodore Ross, der der Gruppe mit einer Handvoll Brückenoffiziere gegenüber stand, die Hand.
"Ich wünschte, ich könnte an Bord der Saratoga sein, wenn sie diesen entscheidenden Schlag führt, aber die Flotte braucht mich in der Schlacht."
Aber sicher doch, wer würde nicht auf einem Schiff bleiben wollen, das alleine im Feindesland zurückbleibt? dachte Ross zynisch. Er entgegnete jedoch nur ein paar militärische Standardfloskeln.
"General Mann wird Ihnen bei der Durchführung des Unternehmens sicher eine wertvolle Hilfe sein, Glen", entgegnete Stanner. "Er ist einer der Besten seines Fachs."
Erst jetzt bemerkte der Commodore, dass der Geheimdienstler gar nicht unter denen war, die gerade im Begriff waren, abzufliegen. Auch das noch! So wie es aussah, wollte das Oberkommando bei Unternehmen Apocalypse wirklich auf Nummer sicher gehen und ihm lieber einen Wachhund zur Seite stellen.
"Da bin ich sicher", antwortete Ross unverbindlich.
Stanner nickte ihm noch einmal zu.
"Ich wünsche Ihnen Glück, Ross."
"Achtung, ho!" donnerte der Commodore. Auf einen Schlag standen er und
seine Offiziere stramm. Ihre rechten Hände schnellten hoch zum Gruß. Mit einem Klack gefroren
die Spalier stehenden Marines zu Statuen. Die Generäle und Admiräle erwiderten den
Gruß. Dann begaben sie sich an Bord ihres Transporters, der sie zu Stanners neuem
Kommandoschiff USS Patton bringen sollte. Die Schiebetür schloss sich hinter
ihnen.
"Rührt euch, ho! -Wegtreten!" beendete Ross die kleine Zeremonie.
Zusammen mit den anderen verließ er das Landedeck, damit der Transporter abheben konnte.
Die USS Liberty bewegte sich mit donnernden Triebwerken im vorderen Drittel der Flotte. Man merkte ihr an, dass sie sich bereits im Kampf befunden hatte. An manchen Stellen war die Außenhülle verbrannt, an manchen Stellen hatten feindliche Geschosse sogar tiefe Wunden gerissen. Eine davon befand sich im Brückenturm.
Im Inneren des Schlachtschiffes herrschte große Hektik in dem Bemühen, innerhalb kürzester Zeit die größten Schäden zu beheben, denn alle wussten, dass es bis zur nächsten Konfrontation nicht mehr lange dauern würde. Und natürlich wollte jeder, dass das Schiff so gefechtsklar wie möglich war, wenn es wieder los ging.
Commander Stephanie Cragg betrat soeben eines der Startdecks, wo so wie überall gearbeitet wurde. Sie hatte kein konkretes Ziel, aber sie dachte, dass es der Mannschaft sicher ganz gut tun würde, wenn sich der Commander mal etwas sehen ließ. So lobte sie einen Techniker hier, wechselte ein paar Worte da und versuchte allgemein einfach, einen zuversichtlichen Eindruck zu machen.
Auch diesem Startdeck sah man den vergangenen Kampf im Sektor Bravo an. Überall hing der Geruch von verbranntem Kunststoff und erstickten Feuern in der Luft. Ihre Schritte knirschten über Glas, Metallsplitter und was sonst noch alles aus Wänden, Decken und
Fußböden gesprengt werden konnte. Manche der ausgekoppelten Hammerhead-Cockpits wiesen deutliche Kampfspuren auf. Ruß, geschmolzene Metallteile und...leider auch Blut. Die überall beschäftigten Menschen rundeten den Gesamteindruck ab. Es gab fast niemanden, der nicht zumindest irgendwo ein Pflaster kleben hatte. Stephanie Cragg war da keine Ausnahme. Bei ihr hatte ein Sanitäter eine Schnittwunde auf der Stirn überklebt.
Sie bewegte sich auf eine Gruppe von Piloten zu, die mit ihren Fliegern beschäftigt war. Dort legte sie einer Pilotin mit militärischem Igelhaarschnitt die Hand auf die Schulter.
"Na, Land, Sie haben den Chigs ja tüchtig eingeheizt."
Die Pilotin richtete sich frech lächelnd auf.
"Ja, Commander. Der Marine sorgt stets dafür, dass der Himmel mit neuen Seelen
bestückt wird."
"Passen Sie bitte auf, dass uns Ihre noch ein bisschen erhalten bleibt."
"Aye, Commander."
Stephanie setzte ihren Weg fort. Sie hasste es, "Sir" genannt zu werden, weswegen sie von allen auf der Liberty immer mit "Commander" angesprochen wurde. Sie hatte einmal angemerkt, dass ja auch niemand auf die Idee kommen würde, einen männlichen Kommandanten mit "Mam" anzusprechen.
In der Nähe eines Schotts bemerkte sie einen jungen Private, dem die Angst deutlich ins Gesicht geschrieben stand. Als er sie kommen sah, nahm er unsicher Haltung an. Stephanie nickte ihm zu.
"He, was machen Sie denn für ein Gesicht?"
Der junge Mann, Private Sanders, war verwirrt über ihre Frage.
"Bitte, Mam?!"
"Sie sehen aus, als hätten Sie zu Hause vergessen, Ihre Miete zu bezahlen."
"Nein, Sir...Mam...Commander...Es ist alles in Ordnung."
Sie klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.
"Angst haben wir alle, Sanders, aber wir werden das schon schaffen. Die Liberty
hat ihre Crew bisher immer heil nach Hause gebracht. Also gucken Sie nicht mehr so
verbiestert!"
"Nein, Commander."
Cragg verließ das Startdeck und begab sich in einen Korridor, als sie über die Sprechanlage ausgerufen wurde. Sie begab sich zu einem Intercom.
"Cragg hier. Was gibts?"
"Kommen Sie bitte auf die Brücke, Commander. In zehn Minuten ist Befehlsausgabe an
die Flotte."
"Ich bin unterwegs."
Sie schaltete ab und marschierte los.
"Na, dann wollen wir mal!"
Die Tür des Warrooms der USS Patton flog auf und Admiral Stanner marschierte zusammen mit anderen Befehlshabern hinein. Er begrüßte die hier schon Versammelten mit einem schlichten "Gentlemen!". Sein Adjutant Captain Band pfefferte einen mitgebrachten Koffer mit den neuesten Informationen über die gegenwärtige strategische Lage auf den im Raum stehenden Tisch, auf dem, wie im Einsatzraum der Saratoga, eine Karte des Helios-Systems ausgebreitet lag. Der Captain öffnete den Koffer. Bedruckte Blätter wurden herumgereicht.
Stanner baute sich vor dem Tisch auf.
"Gentlemen, wir haben folgende Situation: Feindliche Flottenverbände nähern sich uns von Hera, Sektor Bravo, Ceres und Cora, von mir Sektor Charlie genannt. Die Bereiche Hera und Bravo wurden von uns vermint und der feindliche Vormarsch hat sich etwas verlangsamt. Soweit wir wissen, handelt es sich bei der Hera-Streitmacht um die stärkste, bei der von Ceres um die schwächstes. Aber wie auch immer: Sie werden uns beide in etwa einer halben Stunde erreichen, wenn wir diese Position halten, die Streitmacht aus Sektor Bravo sogar noch etwas früher, also..." Stanner deutete dorthin auf die Karte, wo etwas außerhalb des Helios-Systems die Welt Cora verzeichnet war. "...durchbrechen wir den feindlichen Ring in Sektor Charlie und weichen den drei übrigen Chig-Verbänden, soweit wie möglich aus."
Einer der anwesenden Admiräle, ein grobschlächtiger Russe sah den Punkt mit der Beschriftung "Cora" aus zusammengekniffenen Augen an.
"Wissen wir, wie stark der Feind aus Richtung Cora ist?" fragte er.
"Soweit wir das verifizieren konnten, handelt es sich dabei um eine ähnliche Einheit
wie von Hera. Das heißt: Ein kompletter Flottenverband."
Ein unruhiges Murmeln breitete sich aus. Selbst die Kommandierenden, die bereits bei
Admiral Stanner auf der Saratoga gewesen waren, schienen sich nun plötzlich unwohl
zu fühlen, obwohl sie ja schon seit längerem wussten, wie es aussah.
Der russische Admiral sprach aus, was alle Anwesenden in diesem Moment dachten:
"Dann müssen wir verhindern, dass sie alle gemeinsam gegen und kämpfen. Das würden
wir nicht überleben."
"Bitte, meine Herren!" brachte Stanner die Runde zum Schweigen.
"Jeder von uns ist sich der strategischen Lage bewusst. Der Feind ist uns
kräftemäßig überlegen. Und genau deswegen werden wir auch nur mit einem der
anrückenden Verbände eine direkte Konfrontation angehen. Der Plan sieht wie folgt
aus..."
Stanner nahm einen strengen, kämpferischen Gesichtsausdruck an.
"Das fordere Drittel der Flotte rückt mit den Kampfgruppen der Vereinigten Staaten,
Europa und Russland auf breiter Front vor und weicht die Frontlinie des Feindes durch
Raketen und Geschützfeuer auf. Dann reißt es, unterstützt vom zweiten Drittel der
Flotte, einen breiten Korridor und wir schlüpfen hindurch. Während dessen schützt der
Rest der Schiffe unsere Flanken und den rückwärtigen Raum vor Angriffen aus den
Bereichen Hera, Bravo und Ceres."
Als Stanner geendet hatte, herrschte einen Augenblick gespanntes Schweigen. Der Oberkommandierende ließ seinen Blick von einem zum anderen wandern.
"Gentlemen...Gehen wirs an!"
Die Brücke der USS Liberty wirkte zur Zeit wie ein einziges Provisorium. Herunterhängende Kabelstränge waren notdürftig mit Klebeband umwickelt und gerade mal so befestigt, dass sie nicht im Weg waren. Die Trümmer hatte man beseitigt, soweit es ging, und die Elektronik war wieder einigermaßen in Schuss.
Commander Stephanie Cragg hatte wieder ihren üblichen Platz auf dem Kommandostand hinter ihrem Geländer eingenommen. Sie überflog einen Ausdruck von Stanners Einsatzbefehlen, die soeben eingetroffen waren. Schon nach wenigen Augenblicken seufzte sie leicht. "Natürlich. Und wir sind wieder in vorderster Linie dabei", murmelte sie zu sich selbst. "Frontlinie aufweichen! Was für ein Ausdruck!" Doch schon im nächsten Moment war sie wieder ganz die energische Kommandantin. Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und erhob ihre Stimme:
"Leute, es geht los!"
Jeglicher Laut auf der Brücke verstummte.
"Wir gehören zu einem Teil der Flotte, der eine feindliche Streitmacht aus Richtung Cora angreifen wird. -Steuermann: Kurs 5 1 2. Geschwindigkeit Faktor 10. Gefechtsbereit- schaft!"
Einen Augenblick später stürmten an Bord der Liberty sämtliche Soldaten auf ihre Stationen. Raketenstarter wurden geladen, Geschütze feuerbereit gemacht. Auf den Start- und Landedecks der Hammerhead-Staffeln sprangen Piloten in ihre Maschinen und bereiteten sich auf den Start vor.
Das Schlachtschiff rückte mit glühenden Fusionstriebwerken vorwärts. Dabei scherte es im Zeitlupentempo etwas zur Seite aus. Es setzte sich langsam neben einen Zerstörer, der bisher vor ihm geflogen war. Gemeinsam näherten sie sich der Breitseite eines russischen Kreuzers, der bereits ein Teil einer ständig wachsenden Reihe aus Kriegsschiffen war. Die 15te Flotte, wo sich die Raumfahrzeuge bisher hintereinander bewegt hatten, bildete ganz allmählich einen gigantischen Fächer, der sich drohend auf den Feind zu bewegte.
Nathan West und Cooper Hawkes saßen angespannt im Cockpit ihres Transporters. Die grünliche Kugel von 2063Yankee hatte vor ihnen inzwischen die Größe eines Medizinballs angenommen; und noch immer blieb das ersehnte Signal mit dem Kürzel 5 8 E S aus. Statt dessen flimmerte inzwischen die Anzeige der Langstreckenortung, als sei der ganze Weltraum in Bewegung geraten. Die 15te Flotte, vermuteten sie. Aber sicher trugen auch die Chigs ihren Teil zu dem Gewitter auf dem Monitor bei. Im Prinzip grenzte es an ein Wunder, dass man sie seit dem Start von der Los Alamos bisher unbehelligt gelassen hatte. Vermutlich zogen es die Chigs nun vor, sich lieber dem großen Flottenverband zu widmen als einem unbedeutenden Transporter. Nathan hoffte, dass das so bleiben würde, denn in ihrem Raumfahrzeug waren sie kaum in der Lage, einem größeren Angriff zu widerstehen; zumal der APC mit ihnen beiden als Besatzung unterbesetzt und kaum wirklich kampfbereit war. Aber was zerbrach er sich den Kopf? Wirklich wichtig war im Moment nur, dass sie endlich wieder etwas von der vor ihnen liegenden Welt auffingen.
Hawkes schüttelte verzweifelt den Kopf.
"Vielleicht ist ihre Batterie inzwischen leer. Oder unser Empfänger ist kaputt. -Aber sie müssen da sein", versuchte er sich und Nathan zu beruhigen. "Verdammt, sie sind da, das kann ich spüren!"
Nathan zögerte einen Augenblick, bevor er antwortete, denn die Wahrheit war sehr schmerzhaft, wenn sie erst einmal ausgesprochen war.
"Coop...Ohne Signal können wir sie nicht anpeilen und wir haben keine Ahnung, wo wir suchen sollen."
Hawkes zog es vor zu schweigen. Nein, noch gab er sich nicht geschlagen. Noch konnten die erwünschten Ziffern und Buchstaben jeder Zeit auf dem Bildschirm erscheinen. Noch wollte er hoffen, Shane und Vanessa wiederzusehen.
Allmählich wurde ihr Cockpit in das grünliche Licht des Zielplaneten getaucht. Er war nun so groß, dass nur noch ein Teil von ihm in ihr Fenster passte; und noch immer blieb das Signal aus. Nathan betätigte mit düsterem Blick die Steuerung.
"Ich schwenke in einen Orbit. -Eine Umlaufbahn können wir uns leisten. Aber danach haben wir nicht mehr genug Treibstoff, um zur Oberfläche und wieder hoch zu kommen. Dann säßen auch wir hier fest."
Commodore Ross war so angespannt, dass er auf seiner Brücke am liebsten Spazieren gegangen wäre, aber was hätte das auf seine Leute für einen Eindruck gemacht? So stand er nur mit verschränkten Armen auf seinem Kommandostand und sehnte sich nach einem Drink, der seinen verkrampften Magen etwas entspannen könnte. Er hasste es, zur Untätig-keit verurteilt zu sein, während an anderer Stelle des Helios-Systems demnächst eine Raumschlacht beginnen würde, wie sie die Menschheit noch nicht erlebt hatte. Und er saß hier allein mit seinem Schlachtschiff und kam sich dabei vor, als warte er auf seine Hinrichtung. Geheimdienst-General Mann tat inzwischen so, als gehöre ihm das Schiff. Verlangte Statusberichte, erteilte Befehle.
"Wo ist jetzt die Los Alamos?" fragte er nun zum mindestens zehnten
Mal.
"Wir haben sie inzwischen auf den Suchern. In etwa 15 Minuten trifft sie hier
ein."
Mann geriet, ganz untypisch für ihn, von dieser Antwort richtig in Verzückung. Er
entwickelte für das Unternehmen Apocalypse eine Begeisterung, die Ross in keinster
Weise nachvollziehen konnte.
Jener sah sich nun zu einer unliebsamen Pflicht genötigt.
"Navigator: Berechnen Sie ein Startfenster nach 2064K und einen Rendezvouspunkt mit
der Los Alamos!" Er verstummte für einen Moment, denn was jetzt kam,
schmerzte ihn in seinem Innersten. Ross räusperte sich.
"Sobald Sie die Daten über Anvil haben, informieren Sie die Waffenplattform für
Marsch-flugkörper. Wir benötigen die Daten für die Programmierung von vier SLCMs."
Mann drehte sich mit diabolisch blitzenden Augen zu ihm um, als könne er den Untergang
Anvils kaum erwarten.
"Feindliche Streitmacht voraus", hörte Stephanie Cragg eine wenig
herbeigesehnte aber doch erwartete Meldung von einem ihrer Brückenoffiziere. Sie beugte
sich vor.
"Stärke...kaum abschätzbar", fuhr der Offizier fort. "Ich erkenne
mindestens drei Dutzend Zerstörer und ein halbes Dutzend ihrer Kristall-Schiffe. Zahl der
Bomber und Jäger..." Er stockte sichtlich, als müsse er erst seine Angst
herunterschlucken. "...umfangreich", kam schließlich die sehr diplomatische
Formulierung für Tausende.
Commander Cragg versuchte aus der Not eine Tugend zu machen.
"Um so besser. Auf diese Weise ist es für uns unmöglich, vorbeizuschießen."
Trotzdem vermied sie es, sich vorzustellen, wie sich vor ihnen ein Ozean aus feindlichen
Kampfschiffen ausbreitete.
"Wir nähern uns dem Wirkungsbereich ihrer Waffen... -Neue Ortungswerte. Sie schicken
uns eine Welle ihrer Jäger entgegen."
Ein Major drehte sich zu der Kommandantin um.
"Sollen wir das Feuer eröffnen?"
Sie schüttelte den Kopf.
"Noch nicht. Wir warten den Feuerbefehl des Admirals ab. Aber nehmen Sie Ziele auf
und informieren Sie die Piloten!"
"Aye, Commander."
"Erreichen Waffenwirkungsbereich...jetzt!"
Stephanie Cragg spürte, dass sie feuchte Hände bekam. Sie schickte ein stummes Stoßgebet zum Himmel, Admiral Stanner möge endlich das Feuerkommando geben. Aber die Sekunden tropften dahin, ohne dass sich der Lautsprecher regte.
Die feindlichen Flotten donnerten aufeinander zu, und jeder schien den anderen allein durch seine Stärke zur Kapitulation bewegen zu wollen. Während dessen setzten die Jäger der Chigs unbehelligt ihren Weg fort. Sie waren keine sechzig Sekunden mehr von der breiten Front der 15ten Flotte entfernt.
"Feuererlaubnis!" schmetterte Admiral Stanners Stimme so unerwartet über die Brücke der Liberty, so dass Stephanie Cragg unwillkürlich zusammenzuckte.
"Feuer!"
Die Abschüsse der schweren Schiffsartillerie ließen die USS Liberty erzittern. Sämtliche Rohre sandten dem Feind innerhalb eines Augenblicks ein Netz aus vernichtenden
Laserblitzen entgegen. Einen Augenschlag später erfolgte bereits die nächste Salve. Gleichzeitig verließen die ersten Raketen ihre Starter.
Dasselbe erfolgte auf der gesamten Angriffsfront der Terranischen Flotte noch tausendfach. Geschütze blitzten, Flugkörper fauchten davon. Der Raum zwischen den verfeindeten Verbänden verwandelte sich in ein einziges Gewitter aus Vernichtung. Es fegte eine infernale brennende Schneise durch die anfliegenden Jägerverbände...traf auf die feindliche Flotte. Für wenige Sekunden wirkte es, als seinen die Kampfschiffe der Chigs plötzlich gegen eine Feuerwand geflogen. Einige ihrer Raumfahrzeuge kippten brennend und glühende Trümmer hinterlassend in die Unendlichkeit des Alls ab, andere verwandelten sich in gewaltige Fackeln. Doch trotzdem waren die Verluste, die sie durch diese erste Attacke davontrugen im Anbetracht ihrer gewaltigen Schlagkraft kaum der Rede wert. Als sei überhaupt nichts geschehen, gruppierten die Chigs ihren Verband um. Die Lücken, die gerade entstanden waren, schlossen sich wieder. Und dann antworteten sie auf das Feuer ihres Feindes mit der ganzen Macht, die sich zur Verfügung hatten.
Einen Zerstörer der US Navy erwischte es zuerst. Er bekam auf einen Schlag so viele Treffer ab, dass er buchstäblich in Stücke gerissen wurde. Ein Teil der Trümmer traf auf einen unglücklichen Kreuzer, der dadurch irreparable Schäden davontrug und von der Mannschaft evakuiert werden musste. Dabei wusste niemand, ob die Rettungskapseln während der Schlacht irgend jemand würde aufnehmen können. Die Betroffenen konnten nichts als warten und beten...und hoffen, dass ihre winzigen Gefährte von den feindlichen Jägern nicht zum Zielschießen verwendet wurden.
Auf den Startdecks der USS Liberty heulten die Alarmsirenen, die für die Hammerheads den Startbefehl bedeuteten. In einem von ihnen saß Lieutenant Barbara Land. Sie schloss die Kanzel ihres Cockpits und leitete die Einkoppelungssequenz ein.
"Auf gehts. Die Chigs warten auf uns!" knurrte sie ihrer Staffel zu. Das Cockpit senkte sich in die Grube mit dem Hammerhead hinab. Ihre Anzeigen sagten ihr, wann es eingerastet war. Unter ihr öffnete sich die Abwurfluke in den Weltraum. Nach ein paar Routineprozeduren wie vor jedem Start, ließ sie ihre Maschine hinausfallen. Die Triebwerke zündeten. Lieutenant Land spürte den ihr wohlvertrauten Beschleunigungseffekt. In knapper Entfernung vom Bauch der Liberty traf sie mit ihrer Staffel zusammen. Ein Blick rechts aus dem Sichtfenster zeigte ihr, dass ihre Einheit längst nicht die einzige gerade gestartete Jägergruppe war. Sie vermochte die durch den Raum rasenden Fighter auf die Schnelle gar nicht zu zählen. Dasselbe Bild bot sich ihr auf der linken Seite. Aber der Weltraum voraus bot weniger Erfreuliches. Energiestrahlen, Blitze, rubinrote Explosionen und eine beängstigende Menge feindlicher Raumfahrzeuge.
"Mein Gott, das überleben wir nie", hörte Barbara eine schwankende Stimme
aus dem Kopfhörer.
"Mund halten, Blau 2. -Blau 1 an Blaue Staffel. Lasst mal was hören!"
"Blau 2 einsatzbereit."
"Blau 3 einsatzbereit."
Und so ging es weiter, bis sie wusste, dass ihre komplette Einheit gefechtsklar war.
Inzwischen kamen sie den Chigjägern näher und näher. Irgendwo rechter Hand ver-wandelte sich der erste der anfliegenden Hammerheads in eine grollende Feuerwolke. Und während Land und ihre Kameraden auf die feindlichen Verbände zurasten, tobte die Schlacht der Großkampfschiffe mit unverminderter Gewalt weiter.
"Da ist es, da ist es!" jubelte Cooper Hawkes plötzlich. Von einer Sekunde auf die andere hatte auf einem der Monitore das herbeigesehnte Notsignal aufgeleuchtet. 5 8 E S. Auch Nathan wäre vor Freude fast aus seinem Sessel gesprungen. Wir haben sie!
Die vergangenen Minuten waren ihm tatsächlich wie die längsten seines Lebens erschienen. Dazu war noch die ernüchternde Gewissheit gekommen, dass der schon lange befürchtete Kampf im Helios-System nun endgültig begonnen hatte. Es kam ihm vor, als donnerten die Radarechos der Abschüsse, Einschläge und Detonationen durch das ganze Sonnensystem. Nun musste er das aber ignorieren. Was sie nun vorhatten, erforderte seine ganze Aufmerksamkeit.
Ganz allmählich verlangsamte er die Geschwindigkeit ihres Transporters, während Hawkes genau zu berechnen versuchte, woher das Notsignal kam. Der Computer benötigte dafür nur wenige Augenblicke. Mit sichtlicher Aufregung in der Stimme erklärte der In-Vitro:
"Ich habe es. Sie sind auf der Nordhalbkugel runtergekommen. Punkt 0 3 5 9. Punkt 2 7 3 2."
West gab diese Werte in den Navigationscomputer ein, damit der den Eintrittskurs in die Atmosphäre ermitteln konnte. Er war noch nicht fertig, als ihm bereits von der Elektronik gemeldet wurde, dringend von einem Flug in die Atmosphäre von 2063Y abzusehen. Gefahr schwerer Strukturschäden. Nathan bestätigte die Warnung und setzte unbeeindruckt seine Vorbereitungen fort.
Schließlich waren sie bereit. Nervös warf West seinem Freund einen Blick zu.
"Ich glaube, das wird eine wackelige Angelegenheit. Es wird uns ganz schön durchschütteln und ich weiß nicht, was wir an der Oberfläche vorfinden werden."
"Jetzt quatsch nicht!" donnerte Cooper. In jeder anderen Situation hätte Nathan ganz sicher darauf geantwortet, aber im Augenblick wollte ihm einfach keine passende Entgegnung einfallen. So leitete er einfach ihren Abstieg in die Lufthülle des Planeten ein, indem er den Transporter noch weiter herunterbremste und zum langen Landeanflug ansetzte.
Ein leises Zittern kündigte die ersten Partikel der Atmosphäre an. Ganz allmählich wurden sie von einem grünen Schleier eingehüllt, der immer dichter wurde. Schon bald konnten sie nicht mehr das Geringste erkennen. Automatisch aktivierte West ein optisches Display. Auf der Frontscheibe wurde so etwas wie ein virtueller Tunnel eingespiegelt, der ihm den Kurs anzeigte, den er fliegen musste, wollte er den angepeilten Punkt auf der Oberfläche erreichen. Er merkte, dass ihr Gefährt in diesem Tunnel unruhig hin und her schlingerte. Nathan umfasste die Steuerung etwas fester in dem Bemühen, den Transporter ruhiger zu halten. Es gelang ihm nicht.
"Was ist los? Du fliegst ja, als ob zu besoffen wärst", fragte Cooper verärgert.
"Turbulenzen", ächzte West. "Da draußen pfeift es wie im übelsten Sturm." Langsam bildeten sich auf seiner Stirn Schweißperlen. Es fiel ihm immer schwerer, den virtuellen Tunnel auf dem Sichtfenster nicht zu verlassen.
Ein unvermittelter Blitz in nächster Nähe raubte ihnen für mehrere Sekunden ihr Augenlicht. Eine Druckwelle riss West fast die Steuerung aus den Händen. Instinktiv spürten sie, dass ihr APC wie ein Spielball herumgeschleudert wurde. Der folgende Donnerschlag sprengte fast das Sichtfenster. West kämpfte mit den Steuerelementen und versuchte gleichzeitig, seine Augen wieder klar zu blinzeln.
"Was ist passiert?" schrie Cooper. "Was war das?"
"Wir stürzen ab...Hawkes, wir müssen das Ding wieder irgendwie stabilisieren", antwortete Nathan ebenso laut. Endlich konnte er wieder ein bisschen sehen. Der Tunnel war vom Fenster vollkommen verschwunden, was bedeutete, dass sie sich weit außerhalb ihres vorherbestimmten Kurses befanden. Alles drehte sich. Er konnte nicht mehr sagen, wo sich die Oberfläche und wo sich der Weltraum befanden. Dazu fehlte ihm in dem grünen Nichts außerhalb des Transporters jeglicher Anhaltspunkt. Ruhig bleiben! Nur keine Panik!
"Gib mir mehr Schub!"
"Mehr Schub!"
Endlich gelang es Nathan, seinen Blick vom Fenster loszureißen und sich auf die Instru-mente zu konzentrieren. Der künstliche Horizont überschlug sich ohne Unterlass. Dazu zitterte die Nadel, die ihre Steig- oder Fallgeschwindigkeit in einer Atmosphäre anzeigte, ununterbrochen zwischen wahnwitzigem Aufstieg und kometenhaftem Fall. Nach einigen
Sekunden spürte er den längst herbeigesehnten Beschleunigungseffekt ihrer Triebwerke. Endlich konnte er gegensteuern. Die Drehung des Künstlichen Horizonts verlangsamte sich zusehends...fror schließlich wieder in einer vernünftigen Lage ein. Oder überschlug sich wenigstens nicht mehr. Trotzdem hatte er nach wie vor große Mühe, ihr Gefährt ruhig zu halten. -Und nun zur Lösung des nächsten Problems!
"Coop, wir sind nicht mehr auf Kurs. Ich brauche eine Richtung, einen Weg oder
sonst was."
"Augenblick, ich..."
In einiger Entfernung vor ihnen züngelte erneut ein gezackter Blitz durch die Atmosphäre. Er entzündete explosive Gase, die schlagartig einen ganzen Flammenozean entstehen ließen, der sich zum Glück schneller wieder auflöste, als er entstanden war. An anderer Stelle antwortete die Atmosphäre mit einem zuckenden Energiegeflecht, das für Sekunden an die hundert Meilen überspannte.
"Ach du dickes Ei", war Nathans wenig passender Kommentar im Anbetracht des
gigantischen Naturschauspiel. Es strahlte eine schaurige Schönheit aus.
"Wir sind zu weit unten, West. Wir sind mindestens zwanzig Meilen außerhalb des
Korridors."
So gut er konnte verlangsamte West ihren Abstieg, bis er nach einer schieren Ewigkeit wieder die ersten Anzeichen ihres Flugkorridors sehen konnte. Die Turbulenzen waren in der Zwischenzeit noch stärker geworden. Wind, Blitze und Druckwellen der unterschied-lichsten Stärken brachten sie ununterbrochen ins Schlingern und den Tunnel wieder aus dem Blickfeld.
Plötzlich riss der grüne Dunst vor ihnen auf. Jedenfalls kam es ihnen so vor, obwohl die Sichtweite noch immer sehr begrenzt war. Ein eigentümliches Schillern dehnte sich unter ihnen aus, soweit man sehen konnte.
Ein Meer, kam es West sofort in den Sinn. Aber ein Meer, wie er in seinem Leben noch
keines gesehen hatte. Die grüngelbe Flüssigkeit bewegte sich äußerst zähflüssig wie giftige Schlacke. Es brodelte, zischte und schäumte mancherorts, dass man das Meer schon aus dieser Höhe als tödlich für jedes Leben erkennen konnte. Auch hier unten kam es ununter-brochen zu gewaltigen Entladungen in der Atmosphäre, als wolle der Planet mit aller Gewalt jeden davon abhalten, auf ihm niederzugehen.
Nathan rutschte bei diesem Anblick das Herz in die Hose. War es wirklich möglich, dass eine abgestürzte Kapsel diese Hölle zwei Tage überstehen konnte? Zum ersten Mal überfielen ihn ehrliche Zweifel.
"Verdammt, das Signal ist weg!" ächzte Cooper plötzlich.
Nathan erstarrte. Ja, die Anzeige war erloschen. Mit aufkommender Panik blickte er hinunter auf den tödlichen Ozean. Es war unmöglich, dort unten mit bloßem Auge etwas zu finden. Das wäre, als suche man eine Nadel in einem Kornfeld. Und die Ortungssysteme funktionierten in dieser Atmosphäre nicht. Was sollten sie tun?
"Wir...wir müssen wieder in unseren Flugkorridor. Wenn wir ihm folgen, bringt er uns an die Stelle, von der wir das Signal aufgefangen hatten", fiel West ein. Ohne auf eine Antwort Hawkes zu warten, erhöhte er den Schub auf die Triebwerke, begann wieder leicht anzusteigen und den Kurs dorthin zu korrigieren, wo sich ihre vorausberechnete Einflugschneise befinden musste.
Blitze, Druckwellen, Donner...Gegensteuern! Rechts oben taumelte das Display tatsächlich wieder in sein Blickfeld. Der tanzende Strich teilte sich langsam...formte ganz allmählich wieder Quadrate, die auf sie zuzufliegen schienen. Jetzt! Sie waren wieder auf Kurs. Zwischen hin und her wischenden Wänden des virtuellen Tunnels setzte Nathan zum Landeanflug an. Er betete, dass sich die Kapsel in der Zwischenzeit nicht allzu weit vom
Zielpunkt des Abstiegs entfernt hatte.
Sie erreichten den "Ausgang" des Tunnels schneller als sie erwartet hatten. In etwa fünfzig Metern Höhe gab Nathan Gegenschub, um nicht unabsichtlich zu wassern. Ein ruhiger Schwebezustand war jedoch kaum möglich. Ständig blies es den Transporter in eine andere Richtung. Nervös suchte er das Meer ab.
"Wo sind sie? Cooper, kannst du was erkennen? Ich kann dort unten nicht das Geringste sehen!" Dazu war er auch viel zu sehr damit beschäftigt, ihr Gefährt in der Luft zu halten. Der Horizont schwankte vor ihnen, als befänden sie sich mitten in einem Orkan.
Hawkes richtete sich in seinem Sessel auf, um die flüssige Oberfläche besser in Augenschein nehmen zu können. Seine Augen zuckten hin und her, ohne jedoch etwas zu lokalisieren, das sich als Kapsel identifizieren ließ.
"Nein, kannst du den Transporter mal drehen?"
"Ich versuch es. Aber ich kann das Ding schon kaum gerade halten."
Taumelnd wippte der Transporter gegen den Uhrzeigersinn herum.
"Halt, da ist was!" schrie Cooper plötzlich. Und wäre er nicht festgeschnallt gewesen, wäre sein Kopf glatt gegen die Sichtscheibe gedonnert. Nathan versuchte die Drehbewegung zu beenden. Tatsächlich! Unter ihnen schwamm ein winziges Gebilde in den zähflüssigen Fluten. Zunächst erschien es ihm nur als schwarzer Klumpen, der im Zeitlupentempo auf den grüngelben Wellen tanzte. Erst als er den APC vorsichtig näher steuerte, konnte er etwas mehr erkennen. -Die Nase, die Sichtscheibe, die Seitenwände.
Mein Gott, die abgestürzte Kapsel! Oder besser das, was noch von ihr übrig war. Ein Teil der Hülle war zerschmolzen. Die Sichtscheibe war vollkommen von einer grüngelben Masse bedeckt.
Ein Knacken im Kopfhörer sagte ihm, dass Cooper das Funkgerät eingeschaltet hatte.
"Hallo, hier ist Hawkes. Shane und Phousse, könnt ihr mich hören?"
Als Antwort kam nur statisches Rauschen.
"Hier Hawkes. Wir können euch sehen. Bitte meldet euch!"
Keine Reaktion. Cooper schlug mit seiner Faust auf die Schalttafel vor sich.
"Verdammt, wieso melden sie sich nicht? Sie müssen doch merken das wir da
sind."
"Hawkes!" brachte Nathan seinen Freund energisch zum Verstummen.
"Keine Ahnung, ob sie uns überhaupt hören können, aber wir haben dafür jetzt
sowieso keine Zeit. Uns geht der Sprit aus. -Du musst die Fangleine bedienen, damit wir
das Cockpit rausziehen können!"
Cooper brauchte einen Moment, um sich wieder zu fassen. So dicht vor dem Ziel hatte er nun einfach Angst, dass noch irgend etwas schief ging.
"Okay, die Fangleine."
Er überflog die Instrumente vor sich, bis er die entsprechende Steuerung entdeckt hatte.
"Hab ich."
Nach einem Tastendruck hellte sich ein kleiner Bildschirm auf. Er zeigte den Blick einer kleinen Kamera, die sich unter dem Bauch des Transporters befand. Sie zeigte nichts als dickflüssige säurehaltige Wellen.
"West, du musst uns direkt über die Kapsel fliegen und dann tiefer gehen. Wir müssen ganz weit runter!"
Nun wurde es wieder haarig. Ihr Vorhaben glich dem Versuch, mit einem Flugzeug bei einem Orkan auf Höhe der Wellenkämme über das Meer zu fliegen. Nur, dass ihnen diese Wellenkämme die Außenhaut verätzen konnten.
Mit zusammengebissenen Zähnen rang Nathan mit der Steuerung. Ging tiefer und tiefer und versuchte dabei auch noch, das abgestürzte Cockpit nicht aus den Augen zu verlieren.
Blitze zuckten über den Himmel. Der Druck blies sie mindestens zehn Meter abwärts.
Wenn so etwas weiter unten passieren würde, waren sie geliefert. Allmählich wurde das abgerissene Cockpit unter ihnen größer. Taumelnd schwebte der APC oben drüber.
"Wir müssen noch tiefer!" rief Hawkes.
Nathan reagierte ohne zu antworten. Er war bis aufs Äußerste angespannt. Zeitgleich klebte Coopers Blick auf dem kleinen Bildschirm. Zu seinem Leidwesen wurde das Bild immer undeutlicher. Anscheinend wurde das winzige Objektiv der Kamera bereits von den Umweltbedingungen angegriffen. Wenn diese verfluchte Kamera nur lange genug durchhält!
"Halt, ich seh das Cockpit! Diese Position halten!"
Das war leichter gesagt als getan. Der Transporter bockte und schaukelte, wie es Nathan noch nie erlebt hatte. Ein Warnton zog seine Aufmerksamkeit kurz auf eine blinkende Anzeige.
"Eines der Triebwerke überhitzt sich." Auch das noch! Aber da es keine Möglichkeit gab, irgend etwas dagegen zu unternehmen, konnte er es nur ignorieren und beten, dass sie das Triebwerk nicht vorzeitig im Stich lassen würde. Denn dann waren sie tot. Ein Absturz in das brodelnde Säuremeer war dann nicht mehr zu verhindern.
Erneut kam das schwimmende Cockpit in Coopers Reichweite.
"Jetzt...hab ichs wieder. Fangleine raus!"
Er drückte auf den Auslöser. Explosionsartig schoss das Kabel aus dem Bauch des schwebenden APC. Sofort wurde es von dem Wind erfasst und schwang zur Seite. Die Fangvorrichtung an seinem Ende platschte drei Meter neben dem Cockpit in die dickflüssige Oberfläche.
"Verdammt, daneben. Ich hab nicht an den Wind gedacht. -Ich versuch es noch mal. -Heee, was machst du?"
Von einer plötzlichen Böe wurde der Transporter zur Seite geworfen. Nathan steuerte gedankenschnell gegen, kam der Oberfläche aber trotzdem gefährlich nah. Die glühenden
Abgase eines Triebwerks verursachte eine Fontäne, die ihre Außenhülle benetzte. Die Fangleine krachte dabei mit großer Wucht gegen die Kapsel.
"Pass auf!" tobte Hawkes. "Wenn du ihre Sichtscheibe
zerschlägst, ist es aus!"
"Kümmer du dich lieber um deine Fangleine und lass mich fliegen!"
fauchte Nathan zurück. Er hatte alle Hände voll zu tun, einen Absturz zu verhindern. Auf
was sollte er denn noch achten?
Ein zweiter Warnton heulte los. Noch ein überhitztes Triebwerk. Ja doch!
Summend zog sich die Fangleine für einen nächsten Zielversuch wieder in den Bauch des Transporters zurück. Cooper konnte mittlerweile auf seinem Bildschirm kaum mehr die Kapsel von der Umgebung unterscheiden. Bitte halte nur noch eine Minute durch! Nur noch eine Minute!
"Halt jetzt das Schiff ruhig!...Ich sage: Ruhig halten, wie soll ich denn bei der Wackelei zielen?"
Nathan entgegnete nichts. Er registrierte Cooper noch nicht mal. Wenn hier auf dieser Welt bloß nicht so ein Sturm herrschen würde, dann...
"Ich habs, ich habs!" jubelte Cooper plötzlich.
"Bist du sicher?" Doch schon spürte Nathan, dass sein Gefährt eindeutig
irgendwo fest hing.
"Hoch, hoch. Steig doch endlich auf! Die Leine ist fest. Worauf wartest du denn
noch?"
West drehte die seitlichen Triebwerksgondeln so, dass sie ihren ganzen Schub nach unten entfalteten. Das Meer unter ihnen spritzte zur Seite. Das Kabel straffte sich und endlich... endlich erhob sich die abgestürzte Kapsel aus den Fluten. Sofort gab Nathan alle Energie auf die Düsen, die er aufbringen konnte. Mit seiner Last flog sich der Transporter allerdings noch schwerfälliger als bisher. Abrupte Druckveränderungen in der Atmosphäre trieben sie ab. Die Kapsel unter ihnen schwankte wie verrückt und schien sie irgendwie wieder nach unten ziehen zu wollen.
"Komm schon, zeig was du drauf hast!" redete Nathan beschwörend auf sein Gefährt ein. Blitze zuckten, Sturmböen schlugen auf sie ein und noch immer machte der Transporter keine Anstalten, endlich ein bisschen aufzusteigen. Doch dann sprach er auf den Aufwärtsschub an. Mit dem Cockpit im Schlepp stieg er wie ein düsenbetriebener Aufzug in den grünen Dunst empor.
Nathan und Cooper sahen sich an; und zum ersten Mal seit einer kleinen Ewigkeit erlaubten sie sich ein schwaches Lächeln. Wenn ihnen der Treibstoff nicht vorzeitig ausging, wenn die überhitzten Turbinen noch ein bisschen durchhielten, wenn sie die Atmosphäre dieser Höllenwelt nicht doch noch umbrachte und wenn die Fangleine den Steigflug überstehen sollte...ja...dann hatten sie vielleicht doch noch eine Chance, ihre Rettungsaktion erfolgreich zu beenden. Natürlich auch vorausgesetzt, dass sie nicht schon einen metalenen Sarg im Schlepp hatten.
"Armageddon, lassen Sie sich zurückf..." Admiral Stanners Stimme aus dem Sprechgitter wurde von Krachen und statischem Rauschen übertönt. "...mgehen und greifen Sie von d...eite an." - "...ier Einheit Gold...ind schwer getr...en..." Nur wenige Funksprüche von etwa hundert, die über die Brücke der Saratoga schollen. Sich gegenseitig überlagernd. Manche von ihnen vor lauter Störgeräuschen gar nicht mehr zu verstehen. Dazu gesellten sich als Hintergrundkulisse fast jeder Sendung Schreie, Explosionen und Schüsse.
Commodore Ross verfolgte den Klang der fernen Schlacht mit finsterer Miene. So richtig wusste hier niemand mehr, wie der Kampf verlief, nur dass es ein Inferno sein musste.
Inzwischen bewegte sich die Saratoga langsam in Richtung Anvil. In ihrer Nähe spiegelte sich das Licht der fernen Sonne plötzlich in der schmutzigen Metalloberfläche eines kastenförmigen Raumfahrzeugs, das von mehreren Hammerheads eskortiert wurde.
Auf der Brücke der Saratoga drehte sich die Kommunikationsoffizierin zu Ross um.
"SS Los Alamos bittet, längsseits gehen zu dürfen, Sir."
Bevor er antwortete, befahl Ross, den Empfang der Funksprüche aus der Schlacht zu beenden. Es wurde daraufhin unheimlich ruhig.
"Erlaubnis erteilt. -Sagen Sie Ihnen, Sie sollen unverzüglich den Transfer der Ladung vorbereiten. -Das 48ste bleibt draußen in Gefechtsbereitschaft!"
Schon Augenblicke später hoben von der Saratoga zwei APCs ohne Transportcontainer ab. Sie sahen ein wenig aus, wie stählerne Käfer, die zwar Kopf und Flügel, aber keine Körper hatten. Die SS Los Alamos schob sich im Zeitlupentempo von der Seite an die Saratoga heran und blieb schließlich, relativ zu ihr, im Raum stehen. Die Jäger der 48sten Staffel teilten sich. Sie donnerten über und unter dem Träger vorüber. Einen Moment lang passierte gar nichts. Dann kam es bei dem Frachter zu einer Bewegung. Auf der Seite, die dem Schlachtschiff zugewandt war, öffneten sich zwei quadratische Luken. Sie entließen zwei Container in den Weltraum, die mit etwa einem Meter pro Sekunde von der Los Alamos wegtrieben. Die unbestückten APCs schwebten heran; glichen ihre Bewegung der der Container an...und senkten sich über sie.
"Ladung ist auf dem Weg", wurde Ross gemeldet.
General Mann kam ihm händereibend entgegen.
"Endlich, es wurde auch Zeit. -Kommen Sie jetzt bitte mit, Commodore, die Operation
benötigt Sie persönlich."
Ross Antwort bestand aus einem missmutigen Nicken. Er war gerade im Begriff, die Brücke für die Zeit seiner Abwesenheit an seinen gegenwärtigen Stellvertreter zu übergeben, als sich eine der Ortungsstationen hektisch zu Wort meldete:
"Sir, die Langstreckenabtastung erfasst einen feindlichen Kampfverband, der sich
uns mit großer Geschwindigkeit nähert."
Ross horchte auf.
"Wie groß und wann wird er hier sein?"
"Genaues habe ich noch nicht. Es sieht so aus, als sei es ein Teil der
Ceres-Streitmacht. -In weniger als zehn Minuten sind sie hier."
"Kampfstationen!" donnerte Ross. "Hammerheads fertig zum
Start!"
"Aye, Sir."
Die Brücke wurde lebendig. Im Hintergrund heulte ein Alarm los. Fast belustigt wandte sich Ross an General Mann, der plötzlich wieder sein gewohnt ausdrucksloses Gesicht angenommen hatte.
"Willkommen auf unserer Party."
Schwerfällig wälzte sich eine Gruppe aus drei amerikanischen Zerstörern in Richtung mehrerer U 378-Schiffe der Chigs. Auf zwei von ihnen wüteten Brände, die Oberfläche des
dritten war von unzähligen Treffern zerschunden. Die Großkampfschiffe tauschten erbarmungslos Breitseiten aus. Einer der D-Klassen-Zerstörer der Fremden wurde schließlich so stark beschädigt, dass er flammend aus der Formation fiel. Die übrigen schossen unbeeindruckt weiter.
Zwischen ihnen wischten mehrere Hammerheads und Chigjäger hindurch. Sie schlängelten sich durch das tödliche Netz aus Laserblitzen und versuchten dabei ihrerseits, sich gegenseitig abzuschießen.
"Achtung Blau 1, ich habe ihn verloren!" hörte Barbara Land die besorgte Stimme ihres Flügelmannes im Kopfhörer. Verdammt! Es gelang ihr einfach nicht, den Chig abzuhängen. Dessen Schüsse kamen ihr inzwischen gefährlich nah. Rechts bemerkte sie einen großen Feuerschein. Es sah so aus, als würde sich dieser U 378 gerade aus der Schlacht abmelden. Ein Beinahtreffer ihres Verfolgers riss ihre Aufmerksamkeit wieder von dem brennenden Wrack los.
Unvermittelt blitzte in ihrem Geist ein Plan auf, wie sie die nächsten Sekunden vielleicht doch noch überleben konnte.
"Blau 3, drehen Sie ab, ich nehme Kurs auf den Chigzerstörer."
Sie riss ihren Hammerhead herum. Der Fighter quietschte und krachte protestierend unter dieser Belastung, aber ein Kampf war nicht gerade der Moment, in dem man riskante Manöver vermied. Der verfolgende Chig war nicht beeindruckt. Er folgte ihr, als wäre nichts gewesen, aber diesmal beabsichtigte Land das sogar. Sie jagte ihre Kampfmaschine mit ständig steigender Geschwindigkeit auf das brennende Wrack des Zerstörers zu. Schon nach wenigen Momenten wurde ihr Cockpit in den orangeroten Feuerschein getaucht. Irgendwo über ihr trudelte gerade ein getroffener Hammerhead ins Nirgendwo, aber das war jetzt nicht wichtig! Der brennende U 378 wurde vor ihr immer größer. Sie konnte schon die zerstörte Struktur seiner Außenhülle erkennen.
"Mal sehen, wer von uns verrückter ist, du oder ich!" murmelte Land vor sich hin.
Der Kollisionsalarm heulte los. Bei ihrer gegenwärtigen Geschwindigkeit trennten sie nur noch Augenblicke davor, wie eine Rakete in das Wrack einzuschlagen. Plötzlich drehte
Barbara Land ihren Fighter um die Längsachse. Vor ihr stellte sich der U 378 auf den Kopf. Sie zog den Steuerknüppel an sich heran und verfehlte einen Ausläufer des Wracks nur um wenige Meter. Der Jäger durchstieß eine Flammenwolke. Sie hinterließ deutliche Rußspuren an den Flügeln. -Der Verfolger war weniger glücklich. Er streifte die Hülle des Großkampfschiffes. Glühende Trümmer spritzten in den Weltraum.
Barbara Land hatte sich inzwischen schon wieder mit ihrem Flügelmann getroffen. Sie stürzten sich gemeinsam auf einen feindlichen Bomber, der Kurs auf die USS Liberty genommen hatte. Dabei übersahen sie leider eine feindliche Dreiergruppe, die mit Lands Wingman kurzen Prozess machte.
Die Zahl der Opfer dieser Schlacht stieg stetig an.
In der Nähe der Welt 2063Yankee war ein leicht demolierter Transporter gerade im Begriff, an eine frei im Raum schwebende Kapsel anzudocken. Zentimeter für Zentimeter schwebte er mit seinem Bauch an den Hitzeschild auf ihrer Rückseite heran.
Ein metallisches Klacken und ein Zischen signalisierten Cooper Hawkes im Inneren des Transportcontainers, dass sich der luftdichte Verbindungstunnel mit dem Hitzeschild verbunden hatte. Eine aufleuchtende Diode zeigte ihm an, dass er die Luke öffnen durfte.
"Verbindung steht. Ich öffne jetzt die Luke", meldete er Nathan über Funk
ins Cockpit.
"Warte, ich komme hinter."
Die Verbindungstür zum Cockpit glitt auf. Nathan trat mit erwartungsvollem Blick heran. Der Moment der Wahrheit rückte näher. Bisher war es ihnen noch immer nicht gelungen, mit dem geborgenen Cockpit irgendwie Kontakt aufzunehmen. Sie beteten beide dafür, dass es sich dabei nur um ein technisches Problem handelte, denn sollte es dort tatsächlich niemanden mehr geben, der ihnen antworten konnte...Sie wagten es beide nicht, diesen Gedanken zu Ende zu denken.
Ein Zischen und die Luke öffnete sich. Sie gab den Blick auf eine teils verkohlte, teils mit schmutziggelben Ablagerungen überdeckte Keramikfläche frei. Ein beißender Geruch schlug ihnen entgegen. Zweifellos Säurereste von 2063Yankee. Hawkes wuchtete einen metallenen Ring mit etwa dem Durchmesser des Verbindungstunnels heran. Eine solche Vorrichtung diente dazu, Löcher in andere Fahrzeuge zu sprengen. Der Ring rutschte scheppernd herunter und lag auf der Keramikfläche auf.
Cooper startete einen letzten Versuch, aus dem Inneren des Cockpits irgendein Lebens-zeichen zu erhalten. Er schlug einen schweren Schraubenschlüssel auf die Rückwand des anderen Raumfahrzeugs. Nichts! Keine Reaktion!
"Wieso meldet ihr euch denn nicht?" schimpfte er. Nathan hielt seine
Hand mit dem Schraubenschlüssel fest, um zu verhindern, dass er weiterhin wie ein
Verrückter auf die Keramikhülle einschlug.
"Schon gut, gleich wissen wir mehr." Er war selber überrascht, wie ruhig er
sich anhörte. Dabei war er mindestens so nervös wie Cooper. Der starrte ihn verzweifelt
an.
Nathan aktivierte die Sprengvorrichtung. Ein kurzer Warnton, dann ein eigentümlich hohler Knall, als hätte jemand in einem Metallrohr eine Granate gezündet. Qualm stieg aus dem Verbindungstunnel auf. Cooper nahm eine Art Saugnapf zur Hand, mit dem er das kreisförmige herausgesprengte Stück herausziehen konnte. Pfffffft...saugte er sich fest.
Es war soweit. Was immer sich in der Kapsel befinden würde, gleich würden sie es erfahren. Cooper und Nathan sahen sich zögernd an.
"Sie leben, Coop. Ich weiß es", meinte Nathan.
Cooper Hawkes nahm den "Saugnapf" in beide Hände...zog. Klirrend landete das runde Stück Außenhaut des anderen Raumfahrzeugs im Inneren ihres Transporters. Sofort starrte
Nathan herunter. Dunkelheit! Irgendwo schwebten kleine Trümmerstücke durch die unten herrschenden Schwerelosigkeit. Dicke Luft, die man kaum noch als solche bezeichnen konnte, machte ihm sofort das Atmen schwer. Es herrschte eine unheimliche Stille dort unten.
"Shane?" rief er mit unsicher Stimme. "Phousse?"
Cooper drängelte sich heran. "Was ist? Leben sie? Wo sind sie?"
Ohne zu antworten. ließ sich Nathan durch den Verbindungstunnel hinab. Seine Füße berührten die Frontscheibe des Cockpits. Es war heiß hier unten. Seine Lungen begannen bei den herrschenden Bedingungen sofort zu schmerzen. Es dauerte einen Augenblick, bis sich seine Augen an das schwache Zwielicht gewöhnt hatten.
Er spürte Shane eigentlich eher als er sie sah. Plötzlich wischte ihm eine lange Haarsträhne über das Gesicht, das er vor Schreck fast einen Herzschlag bekam. Instinktiv zuckte er zurück. Und dann sah er sie. Shane und Vanessa kauerten bewegungslos auf ihren Sesseln. Sie hielten sich an den Händen. Die Augen geschlossen.
"Was ist? Sind sie da?" wollte Cooper von oben wissen. Das löste bei Shane unvermittelt eine Reaktion aus. Sie öffnete die Augen; starrte Nathan an, als seien ihm plötzlich Flügel gewachsen. Ihr Gesicht war schmutzig und glänzte von Schweiß, die Augen müde und fast leer, aber Nathan konnte sich im Moment an keinen Anblick erinnern, der ihn mehr berührt hätte.
Eine knappe Minute später zog Cooper zuerst Vanessa, dann Shane durch den Verbindungstunnel in den Transporter hoch. Er verstand nicht, warum ihm dabei zum Weinen zumute war. Eigentlich müsste er vor Freude doch durch den Transporter tanzen. Aber er freute sich ja! Wieso, zum Teufel, war er dann kurz davor, zu heulen?
Nathan stemmte sich durch die Luke nach oben. Sie leben! Sie leben! war alles, woran er denken konnte. Hektisch verriegelte er den Verbindungstunnel hinter sich.
Jetzt endlich konnten sie sich gegenseitig in die Arme schließen. Für einen kurzen Moment war alles andere, der Krieg, die Chigs, die irgendwo dort draußen tobende Schlacht, vollkommen bedeutungslos. Alles was zählte, war die Freude, die alle empfanden; und die Tränen, die Cooper nun über die Wangen liefen.
Shane schien sich am schnellsten wieder gesammelt zu haben. Nachdem sie von West zum wiederholten Mal gedrückt worden war, hielt sie ihn sanft zurück.
"Es ist ja sehr schön, dass ihr euch so freut...", krächzte sie ihn an. "...aber nachdem ihr uns jetzt so wunderbar durchgeknutscht habt...hättet ihr vielleicht mal einen kleinen Schluck zu trinken?"
Unwillkürlich musste Nathan breit grinsen. Ja, das war Captain Vansen, wie er sie kannte. Eben eine echte Marine! Er stand soeben auf, um eine Wasserflasche zu holen, als er aus dem Cockpit ein warnendes Signal vernahm. Sie waren nicht mehr allein.
Der Verbindungsgang zur Waffenplattform für Marschflugkörper - oder vollständig Space Launched Cruise Missiles - war vollkommen abgeriegelt. Im Inneren des Raumes setzten zwei Marines einen circa vier Meter langen schlanken Flugkörper über einen Ladekran vorsichtig auf eine Schiene, die der Form der Waffe vollkommen angepasst war.
In der Nähe befassten sich mehrere Waffentechniker und Scarpin von AeroTech mit der letzten der vier vorbereiteten Cruise Missiles. Das Gehäuse der Rakete war geöffnet. Mit Hilfe eines hydraulischen Greifarms zog Scarpin aus einem länglichen Behälter, den ein AeroTech-Emblem zierte, ein kegelförmiges Objekt. Es war blaugrau und nur etwa anderthalb Meter lang. Auf der Hülle standen ein paar Zahlen; vermutlich eine Seriennummer. Darüber prangte leuchtend weiß das Symbol, das vor Radioaktivität warnte. Scarpin behandelte den Kegel wie ein rohes Ei. Entsprechend akkurat und langsam senkte er ihn in das Gehäuse des Marschflugkörpers, wo ihn die Techniker befestigten. Grinsend bemerkte der AeroTech-Mann, wie die Soldaten unentwegt schlucken mussten.
"Ein tolles Gefühl, die Macht Gottes zu berühren, was?" fragte er zynisch. "Zusammen mit den anderen Sprengköpfen haben wir hier die Fähigkeit, kleine Planeten einzuäschern."
Ross versuchte Scarpins Geschwätz zu ignorieren. Er stand neben General Mann vor einem kleinen Tisch, auf dem nebeneinander zwei Aktenkoffer lagen. Den einen schloss der Geheimdienstler soeben auf. Er enthielt nichts weiter als einen etwa fünf Zentimeter langen Schlüssel an einem Kettchen, der in schwarzen Schaumstoff gebettet war. Ross starrte das Ding nur an.
"Das ist Ihrer", erklärte General Mann. "Um zu verhindern, das ein Mensch allein einen Atomschlag führen kann, befindet sich in dem anderen Koffer noch ein zweiter Schlüssel. Nur wenn beide zur gleichen Zeit herumgedreht werden, funktioniert es. Einer allein bewirkt nicht das geringste. -Mr. Scarpin, würden Sie bitte den zweiten Koffer öffnen?"
"Oh ja, natürlich."
Der Angesprochene kam heran. Dabei kramte er aus einer Hosentasche ein Schlüsselbund hervor. Irgendwie wirkte es so belanglos, als öffne Scarpin seien Briefkasten, als er den Koffer aufschloss.
"Bedienen Sie sich, General." Er grinste Ross und Mann an.
Eine Erschütterung ging durch den Raum.
"Commodore sofort auf die Brücke!" scholl es aus der Sprechanlage. "Wir werden angegriffen."
Der feindliche Bomber, dem es soeben gelungen war, einen Treffer zu landen, umrundete in einer scharfen Kurve den Bug der Saratoga. Verfolgt von den Energieblitzen von zwei Flugabwehrkanonen. Er entkam ihnen, indem er plötzlich nach unten wegtauchte. Auf Höhe der noch immer neben dem Träger schwebenden Los Alamos fegten bereits drei weitere Bomber heran. Eskortiert von einem Schwarm Jäger. Unvermittelt tauchten unter dem Frachter mehrere Hammerheads auf. Sie fielen dem Feind mit flammenden Laserwaffen in den Rücken. Über und jenseits des Schlachtschiffes wurden zwei Chigjäger zerfetzt. Die Bomber aber konnten verhältnismäßig unbehelligt weitere Schüsse auf die Saratoga abgeben. Einem von ihnen gelang es sogar, ein kugelförmiges Objekt in den Raum zu entlassen. Von winzigen Triebwerken gesteuert raste es auf eine der Flakbatterien auf der Oberseite des Trägers zu. Geschickt wich die Kugel dabei dem Abwehrfeuer aus. Augenblicke später verglühte die Flakbatterie in einem hellen Explosionsblitz.
Endlich gelang es zwei Hammerheads, auf einen der Bomber Raketen abzufeuern. Unbarmherzig nahmen die Flugkörper die Verfolgung ihres Ziels auf. Verzweifelte Aus-weichmanöver ließen sie unbeeindruckt. Sie schlugen in Abständen eines Sekunden-bruchteils in das Raumschiff ein. Es verwandelte sich in brennenden Staub.
Für die Menschen gab es aber keine Zeit zum Jubeln. Die nächste Bombergruppe war bereits unterwegs. Kleine Schächte öffneten sich, und diesmal nahmen gleich zehn dieser gelenkten Kugelwaffen Kurs auf die Saratoga.
Admiral Stanner stand breitbeinig im Einsatzraum der USS Patton, die immer wieder von schweren Einschlägen erschüttert wurde. Jeder der versammelten Befehlshaber war über ein Funktelefon mit seinem Flottenteil verbunden und gab jede Veränderung der Lage sofort an Stanner weiter.
Der grobschlächtige Russe wankte mit einem Hörer am Ohr auf ihn zu. Man sah seiner Miene an, dass er keine guten Nachrichten bringen würde.
"Da...da", stammelte er in sein Telefon. "Charasho!"
"Was gibt es, Admiral Gregorin?" rief ihm Stanner entgegen; das herrschende
Getöse übertönend.
"Erste Linie von uns hat große Verluste..." er schüttelte den Kopf.
"...aber feindliche Front hält noch immer stand. Kein Durchbruch!"
"Verstanden", bestätigte Stanner. Dabei fluchte er innerlich. Die feindliche
Flotte, der sie gegenüber standen, kam ihm allmählich vor wie eine mobile Festung. Sie
schickten Salve um Salve in die Reihen der Chigs, doch die glichen entstandene Verluste
sofort wieder durch simple Umgruppierungen aus. In manchen Abschnitten war die Schlacht
bereits vollkommen außer Kontrolle geraten. Terranische Schiffe und die der Chigs
bildeten dort ein unüberschaubares, brennendes Durcheinander und kämpften ums nackte
Überleben. So wie auch die USS Patton, wie Stanner leider feststellen musste. Aus
diesem Grund fiel es jedem der Anwesenden inzwischen auch ausgesprochen schwer, noch kühl
und analytisch Strategien zu entwickeln. Jedem von ihnen stand die Angst ins Gesicht
geschrieben.
Neben Stanner meldete sich Captain Band mit ängstlicher Miene zu Wort.
"Brücke meldet: Erste Welle der Hera-Streitmacht greift hinteren Teil der Flotte
an."
Auch das noch! Das bedeutete, dass sie nun bald einen ähnlich starken Feindverband hinter sich haben würden wie vor sich. Leider sah Stanner seinem Adjutanten an, das der noch nicht fertig war.
"Was noch?" fauchte ihn der Admiral an.
"Feindlicher Ceres-Verband hat den von USS Bush und Nevada gelegten
Minengürtel durchbrochen. Die Streitmacht aus Sektor Bravo schließt sich soeben
mit der Hauptgruppe der Hera-Streitmacht zusammen."
"Verstanden, Captain", antwortete Stanner neutral. Er hatte sich jedoch kaum von
Band abgewandt, als seine Lippen stumm die Situation etwas weniger neutral kommentierten.
"Gott steh uns bei!"
Bedrohlich flammten auf einem Ortungsschirm vor Nathan mehrere Punkte auf. Die Kontakte waren nur noch wenige hundert Kilometer entfernt und schlossen mit großer Geschwindigkeit auf. Leider war es ihnen nicht mehr möglich, die Geschwindigkeit ihres Gefährts zu erhöhen. Eines ihrer überhitzten Triebwerke fiel ungefähr alle 60 Sekunden aus und jedesmal warf sie der kurze Antriebsverlust fast aus der Bahn. Doch nicht nur deswegen herrschte an Bord dumpfes Schweigen. Nathan hatten den beiden Geretteten vor wenigen Minuten eröffnet, dass Paul Wang jenen verhängnisvollen Kampf zur Rettung der Siedler nicht überlebt hatte. Aus dem rückwärtigen Raum hörte man Vanessa leise schluchzen. Cooper war bei ihr, aber er hatte keine Ahnung, wie er sie trösten sollte. Wie denn auch, er war ja selber betroffen? Shane saß auf dem Copilotensitz. Stumm und düster und gleichzeitig immer kurz davor, vor Erschöpfung einzuschlafen. Stur, wie sie nun mal war, hatte sie aber trotzdem niemand davon abhalten können, den Platz des Copiloten zu übernehmen.
"Die Flotte ist im Kampf, nicht wahr?" meinte Shane plötzlich.
Nathan sah sie an. Bisher hatte er versucht, nicht anzusprechen, wie ihre Lage wirklich war. Verrückt, er war in der letzten Stunde so sehr auf ihre Rettungsmission fixiert gewesen, dass er kaum noch daran gedacht hatte. Dabei hatten sie Shane und Vanessa vielleicht nur gerettet, um nun mit ihnen und allen anderen Menschen in diesem Sonnensystem zu sterben.
Shane deutete auf das Flimmern, das einen der Radarschirme beherrschte. Nathan nickte.
"Die da oben sind komplett wahnsinnig geworden." Er schluckte. "Ich
glaube, die wollen die Bombe werfen."
"Die Bombe?" Für einen Moment verstand sie nicht. Doch dann dämmerte es ihr.
Erschrocken holte sie Luft.
Die erneut auf dem Ortungsschirm aufleuchtenden Punkte lenkten ihre Aufmerksamkeit aber
wieder auf ein wesentlich akuteres Problem.
"Schaffen wir es, nach Hause zu kommen, bevor sie uns erreichen?" fragte Shane.
Nathan schüttelte den Kopf. Inzwischen trennten sie zwar nur noch einige Minuten von dem Ort, wo sie die Saratoga mit der 60sten und 48sten Staffel verlassen hatten, aber die Chigs waren zu schnell.
"Ich denke, dann wird es Zeit, dass sich jemand um sie kümmert." Für einen
kurzen Moment konnte Nathan wieder deutlich die Kämpferin in Shane spüren. Trotz ihrer
Müdigkeit war diese nicht verschwunden. Ohne auf seine Antwort zu warten, drehte sie sich
der offen stehenden Cockpittür und dem rückwärtigen Raum des Transporters zu.
"Hawkes, an die Kanone! Wir haben gleich Gesellschaft", rief sie nach hinten.
"Kaum haben wir sie gerettet, wird man schon wieder von ihr
rumkommandiert", kommentierte Hawkes. "Aber nur weil dus bist. -Als
Deserteur können mir Befehle eigentlich egal sein."
Shane starrte Nathan betroffen an. Deserteur?!
"Das erklär ich dir später", versuchte er, sie zu beschwichtigen.
"Nein, das erklärst du mir jetzt!" fauchte sie.
West wandte sich nervös von ihr ab.
"Shane...wir...die wollten uns nicht..." Wie sollte er ihr das nur schonend
beibringen? Ganz einfach. Ich habe meinen Vorgesetzten mit einer Pistole bedroht, damit
wir euch retten konnten! Aber so einfach war das nicht. Ganz egal, wie müde sie war,
und wie froh sie darüber war, gerettet worden zu sein, Shane würde ihn in der Luft
zerreißen.
Hawkes kam ihm zur Rettung. Inzwischen trug er die Brille, die ihm den Wirkungsbereich seines drehbaren Impulsgeschützes zeigte.
"Jetzt seh ich sie. Da nähert sich uns irgendwas aus fünf Uhr."
West wandte sich sofort seinen Instrumenten und dem Ortungsschirm zu. Die Punkte waren nun gefährlich nah. Plötzlich teilten sich zwei von ihnen und wurden zu vier Kontakten. Damit bewegten sich nun vermutlich sechs Feindschiffe hinter ihnen heran. Um Unterstützung zu funken, war illusorisch. In der gegenwärtigen Situation wurde jeder Hammerhead in der Schlacht und zum Schutz der Großkampfsschiffe benötigt.
"Kannst du erkennen, was es ist?" fragte Nathan.
"Nein, noch nicht. Nur, dass sich da was bewegt."
"Wie weit noch bis nach Hause?" meldete sich Shane.
"Noch..." West stockte. Eigentlich müssten sie inzwischen die Saratoga auf
ihren Suchern haben. Aber die Stelle, auf die sie zuflogen...war leer.
"Sie ist weg", stammelte er leise.
Shane sah ihn ungläubig an.
"Was soll das heißen?"
Bevor er antworten konnte, hörten sie wieder Coopers Stimme.
"Ich kann sie jetzt erkennen. Drei Bomber und ein Haufen Jäger. Ich
wiederhole: Drei Bomber und ein Haufen Jäger!" Seine Stimme überschlug sich
fast. "West, wir müssen weg, die machen uns alle!"
Als wollte der Transporter dem InVitro selbst antworten, setzte wieder das Triebwerk aus. Das Schiff kippte zur Seite weg. Nathan hatte die größte Mühe, es wieder zu stabilisieren. Erst mit Shanes Hilfe schaffte er es, das Triebwerk wieder zu starten. Eine Erhöhung des Tempos war ausgeschlossen.
"Verdammt, West, die kommen verteufelt schnell ran, und wir können es mit denen unmöglich aufnehmen!"
Die Werte des Ortungsschirms zeigten das mehr als deutlich. Die Entfernungsangabe zu den Kontakten schrumpfte rapide.
60 Meilen...55 Meilen...50...45...40... Nach Maßstäben der Raumfahrt konnten ihnen die Verfolger bereits auf die Schultern klopfen. Und nach Maßstäben des Raumkampfes waren sie im Prinzip schon tot. Dazu kam, dass sie nach dem Verschwinden der Saratoga nicht mal mehr ein Ziel hatten, zu dem es ein Wettrennen geben konnte. Ein Entkommen war unmöglich.
"Wir sind in Schwierigkeiten", meinte West. Dabei musste er fast über seine Untertreibung grinsen. Wir sind geliefert!
Doch plötzlich fror die Zahl "25" auf dem Entfernungsmesser unter dem Ortungsschirm ein. 25...26...25... Er verstand nicht. Erlaubte sich die Elektronik zu ihrem Abschied noch einen zynischen Scherz?
25...25...26...27...
"Die entfernen sich wieder", flüsterte er ungläubig. "Hawkes, meine
Werte zeigen hier, dass sie nicht näher kommen. Kannst du das bestätigen?"
Er bekam ein Schweigen zur Antwort.
"Hawkes?!"
"...J...Ja...ich sehs auch. Teufel, die sind gar nicht hinter uns her.
Die haben ein anderes Ziel."
"Ein anderes Ziel?!"
"West", hörte er Shane neben sich. Ihre Stimme klang eindringlich. "Ich
weiß, wo sie hinfliegen."
Nathan folgte ihrem Zeigefinger zu einem der Ortungsschirme. Die Saratoga und die Los Alamos! So wie es aussah, bewegten sie sich beide in Richtung Anvil. Um sie herum tobte ein Kampf.
Barbara Land fegte mit dem kläglichen Rest ihrer Staffel über die Oberfläche der USS Liberty. Ein Feuerschein loderte zu ihnen herauf. Das Schlachtschiff schleppte sich wie ein verwundetes Tier durch den Raum. Seine Flugabwehr existierte zum größten Teil nicht mehr. Ebenso wenig die Schiffsartillerie. Im Prinzip konnte sich die Liberty nicht mehr verteidigen und auch nicht mehr angreifen, und schon gar nicht eine solche Schlacht überstehen.
"Blau 1, hier Blau 5. Jäger bei ein Uhr! Kommen näher!"
"Knöpfen wir uns die Bastarde vor!" knurrte Land. In ihr kochte ein unglaublicher Zorn. Keine Gnade! Sie legte ihren angekokelten Hammerhead auf die Seite und raste dem anfliegenden Schwarm direkt entgegen. Blau 5, der den Rest ihrer Staffel darstellte, folgte ihr. Die vier Maschinen der Chigs wichen keinen Strich von ihrem Annäherungskurs ab. Sie wechselten nur innerhalb ihres Verbandes ihre Positionen, um sie zu verwirren. Die erste Feuerkugel fauchte den Menschen entgegen. Barbara Land glaubte fast, ihre Hitze spüren zu können, als sie zwischen ihnen durch wischte.
"Mehr Glück im nächsten Leben!" fauchte sie. Ihr Daumen drückte den Feuerknopf. Unter der Nase ihres Jägers knatterte die Impulskanone los. Blauweiße Blitze ausstoßend beschrieb sie einen tödlichen Viertelkreis, der fast wie der Bogen einer Sense wirkte. Die Blitze fraßen sich sekundenschnell durch zwei der anfliegenden Schiffe und lösten sie in tausend winzige Bruchstücke auf. Die Salve ihres Staffelkameraden landete allerdings im Nichts. Dafür wurde Blau 5 von mehreren Schüssen getroffen.
"Es hat mich..." Für ein weiteres Wort hatte der Pilot keine Zeit, denn einen Augenschlag später existierte er nicht mehr.
Vollkommen betäubt donnerte Barbara Land in ihrem Hammerhead knapp an einem der Chigs vorüber. Ein einziger Tag, dachte sie tief betroffen. Ein einziger Tag, und die Chigs haben meine Staffel ausgelöscht. 18 verdammte Monate hatte sie mit ihr im Krieg überlebt. Natürlich, Opfer waren schon zu beklagen gewesen, aber doch nicht alle! Und warum lebte jetzt ausgerechnet sie noch? Es war einfach ungerecht!
Sie war für einen Augenblick so sehr in ihren Vorwürfen und Selbstzweifeln versunken, dass sie regelrecht hochschreckte, als sie zwei Bomber bemerkte, die sich von zehn Uhr näherten. Ein einziger Blick genügte, um zu erkennen, auf was sie es abgesehen hatten. Sie rasten schnurstracks auf die brennende USS Liberty zu.
"Oh, Scheiße!"
Sofort warf sie ihren Jäger um die Querachse herum, um die Bomber noch vor der Liberty abzufangen. Aber das konnte sie nicht allein. Rasch schaltete sie auf die Geschwader-frequenz.
"Hier Blau 1. Bombergruppe nimmt Kurs auf Liberty. Wiederhole: Bombergruppe
nimmt..." Aus dem Kopfhörer drangen nur Krachen und Zischen. Die Frequenz war
entweder gestört oder ihr Funkgerät hatte soeben den Geist aufgegeben.
"Oh nein, tu mir das nicht an. Nicht jetzt! -Hier Blau..." Nichts
als Statikgeräusche. Es war zwecklos.
Inzwischen waren die Bomber ihrem Schlachtschiff nah genug, um ihm mühelos den Rest zu geben. Wütend schaltete Barbara Land ihre Waffensysteme auf die Raketen um. Keine mehr an Bord! Hilflos musste sie mit ansehen, wie sich bei den Bombern kleine Schächte öffneten. Jeder von ihnen warf mehrere kugelförmige Objekte ab. Winzige Triebwerke zündeten. Die Bomber drehten ab, während sich die Kugelwaffen unaufhaltsam der Liberty näherten. Barbara kam sich vor wie in einem nicht enden wollenden Alptraum. Das Schlachtschiff war verloren. Schwer beschädigt, wie es war, konnte es diese Bomben auf keinen Fall überstehen. Schweren Herzens gestand sie sich ein, dass es nur noch eine einzige Möglichkeit gab, die Liberty zu retten.
"Tut mir leid, Commander", flüsterte sie leise. Dann schaltete sie auf
vollen Schub. Wie von der Sehne geschnellt schoss ihr Hammerhead von der Seite an
die Kugelwaffen heran. Sie drehte ihn in den Messerflug, um die größtmögliche
Angriffsfläche zu bieten. Barbara Lands Gesichtszüge verwandelten sich in eine Maske aus
Wut.
"Für immer treu!" brüllte sie den Kugeln entgegen. Einen Moment später
prallte ihr Jäger mit dem Schwarm zusammen.
Rauch lag über der Brücke der Saratoga. Das herrschende Stimmengewirr und donnernde Abschüsse trugen ihr übriges dazu bei, allen zu zeigen, daß man sich im Kampf befand.
"Eine weitere Bombergruppe aus Position vier", meldete sich eine der
Ortungsstationen. "Etwas weiter entfernt..." Der Offizier unterbrach sich und
schien nicht zu glauben, was er sah. "...ein Transporter?!" stammelte er. Ross
schüttelte den Kopf.
"Die müssen wirklich ne Macke haben, jetzt da draußen
rumzukurven." Er drehte sich weg. "Egal, um den können wir uns jetzt
nicht kümmern. -Das 48ste soll die Bomber abfangen. Und haltet endlich die verdammten
Jäger auf Distanz!"
"Sir, nähern uns vorherbestimmter Abschussposition für Marschflugkörper."
Unvermittelt schien sich die Schlacht zu entfernen. Es wirkte fast, als hielte das
Universum vor Schreck den Atem an.
"Ja, verstanden", antwortete Ross leise. Da ist er also, der
"ruhmreiche" Augenblick, auf den ich so lange gewartet habe! dachte er
bitter. Er wünschte sich, überall zu sein, nur nicht an diesem Ort zu dieser Zeit.
"Kommen Sie, Commodore!" General Mann neben ihm zog den Schlüssel, den er
umhängend hatte, unter seiner Uniformjacke hervor. Er schritt auf eine Konsole rechts an
der Vorderseite des Raumes zu. Sein Gang hatte fast etwas Feierliches.
Das können wir doch nicht tun! schrie Ross Innerstes. Das steht gegen
alles, woran ich glaube!
"Darf ich Sie begleiten, Commodore?" hörte er Scarpins Stimme hinter sich. Die
Augen im Gesicht des AeroTech-Mannes leuchteten vor Vorfreude. "Ich schaue
liebend gern jemandem über die Schulter, wenn er Geschichte schreibt."
Ross sagte nichts. Mechanisch und voller Widerwillen verließ er seinen Kommandostand und bewegte sich auf eine Konsole etwa drei Meter links von der Manns zu. Es war nur ein kleiner Sockel mit einer Schalttafel, einem digitalen Zählwerk, einem Sprechgitter und einer kleinen Vertiefung, die von einer Glasscheibe überdeckt war. Ross baute sich vor ihm auf. Auf dem Zählwerk näherten sich die Sekunden der Null. General Mann nickte ihm von seinem Sockel aus zu. Der Commodore schluckte. Sein Bewusstsein suchte fieberhaft nach einer Rechtfertigung für das Unternehmen Apocalypse. -Es ist Krieg, und ein Krieg bedeutet Opfer! -Das klang hohl und wenig überzeugend. Natürlich bedeutete ein Krieg Opfer, aber es musste trotzdem Grenzen geben. Vielleicht wären seine Skrupel nicht so groß gewesen, wenn es sich bei Anvil um ein militärisches Ziel gehandelt hätte. Der Hauptstützpunkt der Chigs, eine Werft zum Bau von Kriegsschiffen. Aber dort unten war nichts dergleichen. Es gab dort nur einen undurchdringlichen Urwald und die Lebensquelle einer ganzen Spezies.
Noch 60 Sekunden bis zum Erreichen der optimalen Abschussposition.
Hör auf zu grübeln, du hast deine Befehle! brachte sich Ross selber zur Räson. Er drückte auf einen roten Knopf. Augenblicklich meldete sich aus dem Sprechgitter eine kalte künstliche Stimme zu Wort.
"Zur Einleitung der Startsequenz Code Gold-Autorisation erforderlich!"
Ross beugte sich vor. Er konnte nicht glauben was er hier gerade tat.
"Hier Commodore Glen van Ross." Er machte eine kleine Pause. Es fiel ihm schwer,
zu sprechen. "Autorisation Mike-Whiskey. Morgan-Wong."
Einen kleinen Moment hoffte er fast, der Computer würde ihm den Zugang verweigern. Das
war natürlich nicht der Fall. "Zugriff gewährt."
Die Glasscheibe über der Vertiefung schnappte auf. Aus ihrem Inneren schob sich ein Zylinder mit einem Schloss nach oben.
35...34...33...32 Sekunden bis zum optimalen Startfenster.
General Mann hatte inzwischen ebenfalls Zugriff auf das entscheidende Schloss erlangt. Er hielt den Schlüssel hoch, so dass Ross ihn deutlich sehen konnte. Der Commodore reagierte mit versteinertem Blick...zog sich ebenfalls die Kette mit dem Schlüssel über den Kopf. Das Ding fühlte sich in seiner rechten Hand merkwürdig an. So belanglos. -Wie der Schlüssel zu meinem Briefkasten!
"Wollen wir?" General Mann versenkte seinen Schlüssel im Schloss. Klick
15...14...13...
Ross starrte seinen Startschlüssel an. Nur ins Schloss und herumdrehen. Da ist doch nichts dabei! Seine rechte Hand hob sich. Ich habe meine Befehle! wiederholte seine innere Stimme. Doch einen Zentimeter vor dem Schlüsselloch weigerte sich seine Hand, sich wieter zu bewegen. Großer Gott, Glen, was tust du hier?
"Abschussposition erreicht!" meldete hinter ihm jemand. Der Countdown hatte
die Null erreicht.
"Los, worauf warten Sie noch, Ross", knurrte General Mann. "Jede Sekunde,
die wir noch warten, verlängert die Flugbahn unserer Raketen wieder."
Der Commodore betrachtete seine rechte Hand. Sie bewegte sich nicht. Er holte tief Luft.
"Nein", murmelte er.
Der Geheimdienst-General neben ihm starrte ihn fassungslos an.
"Das ist...das ist..." Er fand keine Worte. Ross drehte sich langsam zu ihm um.
Sah ihm direkt in die Augen.
"Ich bin Soldat und kein Mörder."
"Ross", zischte sein Gegenüber. "Sie widersetzen sich dem direkten
Befehl der Generalsekretärin der Vereinten Nationen!"
Der Commodore hielt seinem Blick mühelos stand. Seine Augen blitzten.
"Erschießen Sie mich doch", entgegnete er gelassen. Mit diesen Worten warf er
General Mann seinen Schlüssel vor die Füße. Er landete klirrend auf dem Metallboden.
"Mr. Scarpin", wandte sich der General an den AeroTech-Mann. "Ich
brauche Ihre Hilfe."
Im Warroom der USS Patton wankte Captain Band auf dem schwankenden Boden auf Admiral Stanner zu. Die blanke Angst im Gesicht.
"Admiral", überschrie er das sie umgebende Getöse aus Einschlägen, grollendem Feuer und Alarmsirenen. "Feind ist uns in den Rücken gefallen. Rückwärtige Verteidigungslinie zusammengebrochen. Wir können sie nicht mehr aufhalten!"
Stanner nickte stumm. Da ging sie also unter; die glorreiche 15te Terranische Raumflotte. Leider würde er als nicht sehr ruhmreich in den Geschichtsbüchern verzeichnet werden. Admiral Stanner. Ein Mann voller grenzenloser Selbstüberschätzung! Und scheinbar war auch das Unternehmen Apocalypse fehlgeschlagen, sonst hätte er längst eine Meldung erhalten. Es war höchste Zeit.
Admiral Gregorin brüllte ihm irgend etwas herüber, was er nicht verstand. Aber die Gestik des Russen genügte, um zu erkennen, dass es nichts Erfreuliches war.
Nun hatte Captain Band ihn endgültig erreicht.
"Sir, ich habe noch etwas. -Commander White hat die Evakuierung angeordnet!"
Stanner zögerte. Wenn er jetzt ging, war das sein endgültiges Eingeständnis, dass die Schlacht verloren war. Zögernd drehte er sich zu den anderen Befehlshabern um.
"In Ordnung..." Langes Schweigen... "Evakuierung! Alle Mann von Bord!"
Die USS Patton glich einer lichterloh brennenden zerbombten Stadt. Den sie umgebenden Weltraum beleuchtend. In unmittelbarer Nähe standen noch drei weitere Großkampfschiffe in Flammen. Das All dazwischen war durchsetzt von blauweißen Blitzen, dunkelroten Geschossen, blühenden Feuerblumen und kleinen Jägern, die sich gegenseitig verfolgten und vernichteten. Eine Hölle aus Hochtechnologie und Zerstörung.
So gut er konnte, steuerte Nathan West den Transporter durch die Kampfzone auf die Saratoga zu. Jäger und Bomber lieferten sich tödliche Zweikämpfe, die Flak verwandelte den Weltraum in ein von Menschenhand erschaffenes Gewitter. Irgendwo vor ihnen konnte Nathan die Landedecks auf der Oberseite des Trägers ausmachen. Leider hatten sie es bisher noch nicht geschafft, mit der Brücke Kontakt aufzunehmen. Sämtliche Frequenzen waren durch den Kampf belegt.
Eines der angeschlagenen Triebwerke war inzwischen komplett ausgefallen. Das bedeutet, dass ihr Gefährt nun vollkommen vertrimmt durchs All taumelte. Die Landedecks schwankten heran. Und noch immer keine Antwort von der Brücke. Nathan fasste einen Entschluss.
"Saratoga, ich weiß nicht, ob Sie mich hören können, aber ich werde jetzt landen!"
Klickend rastete der zweite Schlüssel ein. General Mann und AeroTech-Mann Scarpin hielten die Schlüsselköpfe fest und blickten sich an. Der General sagte: "Ich zähle jetzt von drei abwärts."
Scarpin nickte. Er fühlte ein wohliges Kribbeln in der Magengrube.
"Drei...zwo...eins...jetzt!"
Sie drehten die Schlüssel im Uhrzeigersinn, bis sie nach einer Vierteldrehung einen Mechanismus auslösten. Die Startsequenz war eingeleitet.
Plötzlich bemerkten Nathan und Shane in der Nähe des Bugs der Saratoga einen Feuerschein. In kurzen Abständen fauchten vier Flugkörper aus einem Schacht. Sie erkannten die unverwechselbaren Stummelflügel von Marschflugkörpern. Mühelos kurvten sie zwischen den Jägern und Bombern der Umgebung hindurch. Kaum hatten sie die Gefahrenzone hinter sich gelassen, erhöhten sie blitzartig ihr Tempo. Die in der Ferne aufleuchtende grünliche Planetenkugel ließ keinen Zweifel daran, wo die Flugkörper hin wollten. Nach Anvil.
Nathans Magen verkrampfte sich.
"Oh, mein Gott!"
Krachend schlug die Luke der Rettungskapsel zu. Admiral Stanner war allein. Er saß in einem Sessel, der in die Kugel eingearbeitet war und hatte die Augen geschlossen. Ein Ruck signalisierte ihm, dass er in den Weltraum hinausgeschossen wurde.
Ein paar Chigjäger schwärmten aus einer Formation aus und nahmen die Verfolgung der Marschflugkörper auf. Ihr Vorhaben war hoffnungslos. So schnell sie auch flogen, ihr Abstand zu den Cruise Missiles wurde immer größer.
Mehrere Meilen von der brennenden USS Patton entfernt zog sich die Liberty quälend langsam von der Front zurück. Alles, was sie noch konnte war, sich von der Stelle bewegen. An Bord warteten Stephanie Cragg und ihre Crew so wie viele andere nur noch auf ihr Ende.
"Commander. -Bombergruppe im Anflug. Wir können sie nicht abwehren!"
Die Cruise Missiles hatten sämtliche Verfolger weit hinter sich gelassen. Sie waren nun weit und breit die einzigen Anzeichen für Technologie. Das Licht von Anvil spiegelte sich in ihren Metalloberflächen. Plötzlich stob die Formation der SLCMs auseinander. Jede von ihnen hatte ein eigenes Zielgebiet.
Taumelnd näherte sich der Transporter einem der unbeleuchteten Landedecks.
"Festhalten!" warnte Nathan die anderen. Die Plattform breitete sich unter ihnen aus. Wenige Meter vor dem Aufsetzen gab er ein bisschen zu viel Schub auf die Triebwerke. Der APC kippte zur Seite. Augenblicklich nahm er die Leistung wieder zurück. Etwa zu sehr! Das Gefährt krachte aus etwa zwei Metern Höhe wie ein Fels auf das Deck herunter. Streben brachen, sie wurden in ihre Gurte geworfen. Der Transporter rutschte noch einen Meter über das Deck und stand dann still.
Sie waren zu Hause.
Kurz vor dem Eintritt in die Atmosphäre platzten von allen vier Flugkörpern die Außenhüllen weg. Steuer- und Antriebssektionen wirbelten davon. Alles was blieb, waren die kegelförmigen Objekte, die sich nun in ballistische Geschosse verwandelt hatten. Kleine Sprengladungen bliesen auch die Kegel auseinander. Darunter kamen je fünf kleinere zum Vorschein, bei denen es sich um die wirklichen Sprengköpfe handelte. In tödlichen Schwärmen, die sich immer weiter ausbreiteten, tauchten sie in Anvils Atmosphäre ein.
Commodore Ross verfolgte mit geballten Fäusten die Flugbahnen der zwanzig Projektile. Auf einer Anzeige blitzten Werte auf, die die Entfernungen zu ihren Zielpunkten angaben.
Die Werte änderten sich schneller, als ein Mensch lesen konnte.
Jeder der Sprengköpfe war nun zu einem glühenden Meteor geworden und zog einen kilometerlangen Feuerschweif hinter sich her. Unter ihnen breitete sich der riesige Urwald des Mondes aus.
Auf der Brücke der Saratoga standen General Mann und Scarpin nebeneinander und starrten vollkommen gebannt auf die Anzeigen der Flugbahnen. Commodore Ross hielt sich schweigend im Hintergrund. Unfähig, das Drama weiter zu verfolgen, schloss er die Augen.
Irgendwo im Urwald Anvils bewegte sich ein Wesen in einem einfachen Gewand und dunklen, in tiefen Höhlen liegenden Augen auf eine kleine, nebelverhangene Lichtung zu. In der rechten dreifingrigen Hand hielt es ein paar zerfledderte bunte Seiten, die das Wesen hütete wie einen Schatz. Auf einer der Seiten prangten mehrere gemalte Bilder, auf denen sich Chigs und Marines gegenseitig beschossen. Der Held der Geschichte wurde von allen nur "Sergeant" genannt.
Am Himmel ertönte ein immer bedrohlicher werdendes Brausen. Das Alien hob seinen Blick, um zu sehen, was dort oben geschah. Es bemerkte zwei feuerrote Kugeln, die, flammende Schweife hinterlassend, über das Firmament zogen. Das Wesen verstand sofort. Sein rosiges Gesicht nahm einen flehenden Ausdruck an. Das letzte, was es in seinem Leben sah, war der Himmel, wie er plötzlich in grellweißem Licht erstrahlte.
Generalsekretärin Diane Hayden stand in ihrem Büro im Gebäude der Vereinten Nationen an einem offenen Fenster und atmete die frische Morgenluft. Sie wünschte, sie könnte nur ein einziges Mal in ihrem Leben die Farben des Herbstes sehen.
Hinter ihr öffnete sich eine Tür. Schritte signalisierten ihr, dass mehrere Menschen
den Raum betraten.
"Gratulation, Diane", hörte sie Nicholal Charputs Stimme. "Sie haben es tatsächlich
geschafft und den Chigs einen Denkzettel verpasst."
Diane machte keine Anstalten, sich umzudrehen.
"Dann haben wir die Bomben also geworfen", murmelte sie.
"Das kann man wohl sagen", meinte AeroTech-Vorstandsmitglied Donald Grant
triumphierend. "Die haben diesen Chigmond fast aus seinem Orbit geblasen."
"Wir", korrigierte Hayden den Manager. "Nicht die Soldaten
dort draußen, sondern wir Menschen."
"Na, von mir aus. -Den Chigs ist jedenfalls tüchtig die Freude am Krieg
vergangen."
Nun horchte Hayden doch auf. Vorsichtig drehte sie sich dorthin, von woher sie die Stimmen
der anderen hörte.
"Was heißt das?" wollte sie wissen. War es tatsächlich möglich, dass
sie den Krieg durch das Unternehmen Apocalypse beendet hatten?
"Die feindlichen Flotten sind abgerückt", erklärte Charput stolz. "Soviel
wir aus dem Kampfgebiet gehört haben, stellten die Chigs nur Minuten nach der Vernichtung
von Anvil das Feuer ein. Commander Stephanie Cragg, eine unserer Kommandantinnen dort
draußen beschreibt es, als wären die feindlichen Streitkräfte plötzlich gelähmt
gewesen. Kurz darauf sammelten sie ihre Kräfte und zogen sich zurück."
"Und was bedeutet das?"
"Tja, das weiß der Himmel. Vielleicht haben sie wirklich aufgegeben. Es ist
aber auch möglich, dass sie sich zur Zeit nur in einer Art Schockzustand befinden und
bald wieder angreifen."
"Was ist mit unserer Flotte?"
Charput räusperte sich.
"Nunja, scheinbar ziemlich schwere Verluste. So schnell wird sie keine Schlacht mehr führen können. Zur Zeit sammeln sie Überlebende auf, die ihre Schiffe verlassen mussten. Ein Teil von ihnen ist schon auf dem Weg nach Hause."
Diane Hayden wandte sich wieder dem Fenster zu. Was würde sie nicht alles geben, um nur einmal den Herbst sehen zu können! Vielleicht war dies der letzte Herbst, den die Menschheit noch erlebte.
Ende
Eric Zerm
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Die Charaktere
und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen
Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und
basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei
erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above &
Beyond" von Glen Morgan und James Wong überein.
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