Space 2063
USS Saratoga. Colonel McQueen erwartete das 58te Schwadron von einem Bodeneinsatz zurück. Gegen einen Pfosten gelehnt, sah er die Tür des
Gleiters sich öffnen. Vansen, West Damphousse und Wang verließen den Transporter. Sie wirkten geschafft und ihre Blicke waren voller Schmerz.
Vansen trat zum Colonel und nahm Haltung an. "Colonel McQueen, Auftrag ausgeführt, Sir. ... Ein Mann Verlust." Ihre Stimme versagte ihren Dienst. Der
Körper des älteren Offiziers versteifte sich. "Hawkes?" Als Antwort folgt ein kurzes nicken. West kam hinzu, fuhr sich durch das verschmutze Haar. "Er...
er hat... er hat uns das Leben gerettet."
Die junge Frau lehnte an der Wand ihres Gefängnisses. Die blauschwarzen Haare waren
notdürftig geflochten. Der Fliegeranzug verschmutzt und leicht lädiert. Die Wunde an ihrer Stirn hatte sich geschlossen, das Blut war bereits verkrustet. Gedankenverloren kaute sie auf ihren Lippen herum. Ihre blauen
Augen waren klar und wach. Ihr Überlebenswille war noch ungebrochen. Lt. Alia Chani befand sich seit gut fünf Tagen in der Gewalt der
Chigs. Auf einem
unbekannten Planeten, in einem Lager das von Silikaten geführt wurde. Nicht einen dieser
gottverdammten Außerirdischen hatte sie bis jetzt hier gesehen. Nur diese synthetischen Verräter mit ihren seltsam kalten Augen, weiß mit einem Fadenkreuz in der Mitte und diese metallischen Geräusche,
die sie dauert machten. Damit hatte sie schon immer Probleme gehabt. Verdammt noch mal, warum hatte auch dieser Idiot nicht auf sie gehört. Es wäre
nie so weit gekommen. Gerade frisch an die Front und schon wusste dieser Schnösel natürlich alles viel besser. ‚Toll, er war tot‘, zwei Maschinen
abgeschossen und sie saß hier fest. Wo auch immer hier war. Von der Umgebung hatte sie nichts gesehen. Nicht mal raten konnte sie, wo hier war.
Keine Chance, ein Signal abzusetzen, irgend jemanden von ihren Leuten zu rufen. Wahrscheinlich glaubte von denen sowieso keiner, dass sie die
Landung überlebt hatte. War hart genug gewesen. Erst in diesem Kasten hatte sie ihr Bewusstsein wiedererlangt. Alia setzte sich in Bewegung, ließ
ihren Blick zum x-ten mal durch den Raum gleiten. Nichts. Keine Fenster, nur Wände, drei auf drei Meter, zwei Meter hoch und eine wabenförmige
Gittertür. Diese schwang gerade lautlos auf. Ihre Muskeln spannten sich. Gut, sie kamen zurück, es ging also wieder los. ‚Okay, ich bin bereit, von mir
aus kann es weiter gehen. Ich werde euch Blecheimern zeigen, was ein echter Marine alles ertragen kann.‘ Doch nicht Silikanten standen am Eingang,
sondern drei Mitgefangene. Die kannte sie vom Vorbeigehen an einem der Gefängnisse. Ihre Leidensgenossen sahen genauso mitgenommen aus wie
sie selbst, aber auch mit der gleichen Entschlusskraft in den Augen. "Los, komm schon. Wir hauen von hier ab." Das ließ sich Alia nicht zweimal sagen.
Sie eilte hinter den bewaffneten Männern her, diese schienen schon einige Silikanten überwältigt zu haben. Einer drückte ihr ein Messer in die Hand. ‚Na
wer sagt‘s denn, so schnell kann sich das Blatt wenden.‘ Ihre Sinne waren gespannt, jederzeit konnte einer ihrer Feinde in dem Tunnel auftauchen.
Wenn sie kamen, dann verkauften sie sich so teuer wie möglich. Ihr kam dieses Gefängnis wie ein riesiges, in den Berg geschlagenes, Labyrinth vor, mit
unzähligen Gängen und Räumen. Nur unzureichend beleuchtet. Und es war außergewöhnlich still, obwohl sie ganz genau wusste, dass es hier einige
Gefangene gab. Die kleine Gruppe lief den Gang so geräuschlos wie möglich hinunter. Ein Schrei ließ sie innehalten. Ein Schrei, der den Fliehenden
durch Mark und Bein fuhr. Die Männer zögerten nur kurz und liefen weiter, doch Alia näherte sich dem Zimmer, aus dem er gekommen war. Die Tür
stand offen. Vorsichtig lugte sie in den Raum. Zwei Silikanten standen vor einer dritten Person, die an einen Stuhl gefesselt war. Es waren Teile einer
Uniform zu erkennen, ein Marine. ‚Einer von uns.‘ Ihr Blick hetzte zu den Männern, die auf sie an der Biegung des Ganges warten. Ungeduldig zeigten sie
ihr an, endlich nachzukommen. Verdammt, was sollte sie nur tun? Je schneller sie hier wegkam desto größer ihre Chancen. Sie atmete tief durch und
fiel ihre Entscheidung.
Hawkes spürte nur noch ein Brennen. Ein Brennen, das sich durch seinen gesamten Körper zog. Vor Schmerzen schrie er laut auf. Doch er
beantwortete keine der Fragen. Sollten sie doch weiter machen, diese Drecksteile, er würde ihnen nichts verraten. Niemals. "Sieh‘ ihn dir an, was für ein
‚Held'. Er kämpft für die, die ihn immer wie den letzten Dreck behandelt haben. Eine
Nackenwarze kämpft für die natürlichgeborenen Bastarde, die ihn nur gequält und misshandelt haben. Was für ein ausgesprochener Idiot." Die Silikanten lachten blechern auf. "Ich hoffe, ihr beiden amüsiert euch gut,"
quetschte Hawkes durch die Lippen. Hart fasste der eine AI ihm an den Hals und drückte zu. Der Marine schloss die Augen bald war es vorbei. Für
immer vorbei. Er würde niemals wieder seine Freunde sehen. Niemals mehr. ‚Shane, Vanessa, Nathan, Paul, McQueen ich werde euch vermissen.‘ Die
Luft wurde immer knapper, seine Lungen schienen zu platzen. Unerwartet lockerte sich der Griff, erstaunt riss er die Augen wieder auf, hustete kehlig
und sah nur noch wie der Silikant umfiel und zuckend am Boden lag, Funken sprühend. Ein langes Messer ragte aus seinem Hals. Der zweite wurde von
einem Schlag umgerissen, jemand riss ihm mit der Hand die Kabel aus der Brust. Ein kurzes, unmenschliches Wimmern ertönte, dann sackte er in sich
zusammen, kompletter Systemausfall. Blitzschnell zog der Angreifer das Messer aus dem zerstörten Silikanten und begann, Hawkes Fesseln
durchzuschneiden. Erst jetzt erkannte er eine junge Frau in einem Fliegeroverall. Diese griff sich schnell die Handfeuerwaffen der Silikanten und steckte
ihr Messer weg. Hawkes stand langsam auf und versuchte, sich auf den Beinen zu halten, stand etwas wackelig vor ihr. Alia betrachtet ihn genau. Groß,
schlank, gut gebaut. Sah gut aus. Braune Haare, grüne Augen und unzählige Schrammen. Wie lange sie ihn schon in der Mangel hatten? Und auch nicht
allzu standfest. "Kannst du laufen?" Er nickte, doch die ersten Schritte waren mehr ein Torkeln. "Geht schon," beruhigte er sie. Alia drückte ihm eine
Waffe in die Hand und spähte auf den Gang. Nichts zu sehen oder zu hören. Langsam betrat sie ihn, gefolgt von dem schmerzgeplagten Marine. Es
wurde aber schon besser, jedenfalls aushaltbar. Sie wollte gerade den Weg einschlagen, den die anderen Gefangenen genommen hatten, als eine
ohrenbetäubende Explosion durch die Gänge hallte. Die Druckwelle war noch in ihrem Tunnel zu spüren und drückte sie gegen die Wand. Ihr Ursprung
war genau dort, wohin sie fliehen wollten. Wohin nun? Alia sah sich scharf um. Hawkes zog sie hinter eine Biegung, gerade rechtzeitig, denn schon
tauchten mehrere schwerbewaffnete Wächter auf. Silikanten, wieder keiner dieser außerirdischen Bastarden. Eilten an ihnen vorbei, ohne sie zu
entdecken. Cooper wandte sich in die Richtung, aus der sie gekommen waren. "Sie sind weg. Dort lang." Alia hielt ihn zurück. "Nein, das ist eine
Sackgasse, nur weitere Zellen. Aber hier in der Nähe müsste ein Einstieg zum Belüftungstunnel sein. Vielleicht führt der uns hier raus. Das ist unsere
einzige Möglichkeit, denke ich jedenfalls. Er muss nah sein, ganz nah... Auf der linken Seite..." In ihrem Kopf rasten die Gedanken. Hoffentlich erinnerte
sie sich da richtig. Einmal, nur wenige Sekunden länger, hatte sie ihn nicht gesehen und ihr ging es auch nicht gerade sehr gut damals. Sie tastete die
Wände ab und kurze Zeit später war die Öffnung schon entdeckt, durch eine Biegung getarnt. Erleichtert atmete die junge Frau auf. Jedenfalls
funktionierte ihr Gedächtnis noch. Mit dem Messer löste sie geschickt die Abdeckung. Der Einstieg war nur einen halben Meter über den Boden. Auch
war der Tunnel nicht zu klein, einen Meter im Durchmesser. Man konnte durchkrabbeln. Hawkes kletterte als erster hinein und dann Alia. Diese
verschloss den Schacht hinter sich. Nach einer kleinen Ewigkeit durch Dunkelheit und Schmutz sahen sie endlich Licht. Alia quetschte sich an Hawkes
vorbei und deutete ihm an, zu warten. Mit äußerster Vorsicht näherte sie sich dem Ausgang. Keine Absperrung verschloss die Öffnung. Sträucher, einige
Bäume waren zu sehen. Und vor allem der freie Himmel. Die Umgebung wurde abgetastet. Keinerlei Hinweise auf Silikanten oder
Chigs. Nichts zu
entdecken. Ihr Innerstes jubelte lautlos. Sie hatten es geschafft, sie waren draußen. Behende kletterte Alia hinaus und half dann Hawkes dabei. Mit
gezogenen Waffen setzten die beiden ihre Flucht weiter fort. Erst bei einem kleinen, durch viele Bäume und Sträucher geschützten Bach, machten sie
Halt. Hawkes ließ sich schwer nieder. Ihm tat wirklich alles weh. Er beugte sich weit über das Wasser und trank etwas. Alia's Blick fiel auf seinen
Nacken, entdeckte den Nabel. Er wandte seinen Kopf zur Seite. Sein Blick wanderte zu der jungen Frau neben sich und bemerkte ihren erstaunten
Gesichtsausdruck. Betroffen senkte er den Blick. Nun bereute sie es sicherlich, ihm, einen Tank, geholfen zu haben. Er hatte doch tatsächlich für eine
kurze Zeit seine Herkunft vergessen. Alia ließ sich neben ihm nieder und schüttelte den Kopf. "Ich glaube es einfach nicht. Du hättest dich von diesen
Mistteilen umbringen lassen und das für uns? Nachdem wir deine Leute so mies behandelt haben." Erstaunt sah er sie an. "Du bereust es nicht, einem
Tank geholfen zu haben?" Bei dem Wort ‚Tank' hob sie kurz die Augenbraue und schüttelte dann den Kopf "Nein! Ich bin froh, einem Marine geholfen zu
haben, ob nun InVitro oder Natürlichgeborener ist mir vollkommen egal. Diesen Unterschied
mache ich nicht. Ich bin übrigens Alia. Alia Chani, von der USS McArthur." Sie streckte ihm die Hand hin. Hawkes nahm sie leicht verwundert an. Was für eine ungewöhnliche Frau und sehr attraktiv. "Cooper
Hawkes." "Die haben dich ja ganz schön zugerichtet." Alia holte ein Taschentusch aus einer der Hosentaschen, kniete sich neben ihn und machte es
feucht, dann begann sie, seine Verletzungen sauberzumachen. "Echt, die haben dir wirklich ganz schön zugesetzt. Die Verletzungen im Gesicht
scheinen nicht so wild zu sein. Wie geht's deinem Bein?" Er tastete es kurz ab und stöhnte auf "Das reicht mir als Antwort. Lass‘ mal sehen." Alia beugte
sich über den Oberschenkel und begutachtete die Wunde. Der Anzug war gerissen, eine
Fleischwunde, musste höllisch weh tun. Sie wusch den Lappen aus und machte die Wunde sauber. Hawkes verstand nun gar nichts mehr. Noch nie hatte sich jemand so um ihn gekümmert, außer seinen Kameraden
vom 58ten. Sein Blick wanderte über ihren Körper. Gute Figur, schöne Haare. Die Augen waren genauso hell wie die von McQueen. "Du stützt dich halt
beim Laufen auf mich, das schaffen wir schon. Wir müssen jetzt weiter. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die unsere Flucht bemerkt haben." Sie
standen auf und Hawkes legte seinen Arm um ihre Schulter. Schnell ging es weiter, ab und zu wurde der Griff von Hawkes kräftiger, sein Bein brannte
höllisch. Kaum hatten sie den Bereich des Baches verlassen, änderte sich die Umgebung. Viele Hügel, spärliche Vegetation, Felsen und Staub. Der
Boden war entweder fester Fels oder grober Kies. Speziell dieser Untergrund war problematisch für die beiden. Sie fanden eine kleine Höhle in einem der
Felsen. Dort ließen sie sich nieder und versuchten, etwas auszuruhen. Vor dem auffrischenden Wind waren sie dort auch leidlich geschützt.
Auf der Saratoga standen die Marines in ihrer Ausgehuniform vor dem Sarg. Darauf war die Flagge der Erdstreitkräfte befestigt. Der Prediger ließ die
letzten Worte zu Ehren von First Lt. Cooper Hawkes verklingen. Nachdem er geendet hatte, nahmen die Marines die Habachtstellung an.
Vansen, Damphousse, Wang und West starrten verbissen nach vorne. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, tapfer wurden diese hinuntergeschluckt. Jeder hing
seinen Gedanken nach. Vansen dachte an die erste Begegnung zwischen ihnen beiden, sie war nicht gerade vielversprechend gewesen. Am liebsten
hätte sie diesen arroganten Schnösel erwürgt, weil er nicht mit so einer Begeisterung bei den Marines war wie sie. Erst verstand sie ihn einfach nicht.
Seine unberechenbare Art und Weise. Seine Schwierigkeiten, Befehle entgegen zu nehmen. Er war ja nur dabei, weil ihn ein Richter dazu verurteilt hatte
und doch wurde er langsam aber sicher ein verdammt guter Marine, Kamerad und Freund. Damphousse dachte an seine Fragen nach Gott. Wie ein
Kind, so unschuldig und neugierig. Äußerlich erwachsen, aber in seinem Innersten immer noch ein kleiner Junge. Er lernte jeden Tag mehr und mehr
über die Menschen und wie man sich wann verhielt. Verstehen tat er es aber nicht immer. Wang musste an die Nacht denken, an dem er Cooper
genauestens erklärte, warum für ihn Sport so eine ungeheure Bedeutung hatte, seine eigentliche Religion war. Cooper's Augen wurden immer größer,
der Blick immer unverständlicher. Seitdem hielt er ihn sicherlich für verrückt, zog ihn ab und zu auch mit seiner Leidenschaft auf. West's Gedanken
waren bei den Reibereien zwischen ihnen. Anfangs, wie er ihn hasste. Er machte Cooper dafür verantwortlich, dass er hier war und nicht bei seiner
Freundin Kylen. Nicht auf den Weg mit ihr nach Tellus zur neuen Kolonie. Dann wurde Tellus angegriffen und Kylen von den Aliens entführt. Für ihn war
an diesem Unglück Cooper Schuld. Er machte es ihm auch mit seiner Art sehr leicht, ihn nicht zu mögen. Aber es war nicht Cooper's Schuld. Dass er
nicht mit fliegen konnte, sondern den Platz für InVitros frei machen musste - es war einfach Politik. Es hatte lange Zeit gebraucht, dass er es begriff und
in Hawkes mehr sah, als nur diesen Tank. Als erstes musste er sich eingestehen, dass Cooper der bester Schütze von ihnen allen war. Langsam kam
der Respekt, die Kameradschaft und eine leise Freundschaft. Ja, Cooper war sein Freund gewesen und er war auch stolz ihn als Freund zu haben. Und
nun war er nicht mehr da, er war tot. Colonel McQueen betrachtete kurz die Überlebenden seiner Einheit, dann ging sein Blick wieder geradeaus. Das
große Panoramafenster gab Sicht frei auf den davon schwebenden Sarg. Hawkes‘ Wut, sein Temperament, seine Unfähigkeit, sich unterzuordnen,
Befehle entgegen zu nehmen, waren immer wieder ein Problem gewesen, aber er bekam es langsam in den Griff. Es zeigte sich, dass mehr ihn ihm
steckte, als jeder je erwartet hätte. Selbst Hawkes war sicherlich über sich selbst oft genug erstaunt. Er lernte viel von seinen Kameraden und er gab
ihnen auch etwas dafür. Bedingungslose Aufopferung. Er wusste, dass Hawkes für jeden des 58ten und auch für ihn sein Leben gegeben hätte. Das
hatte er in seiner letzten Schlacht auch bewiesen. Ohne ihn, seinen Mut, hätte niemand vom 58ten überlebt. Er hatte ihn verloren. McQueen hing an allen
seinen Soldaten, aber Hawkes war für ihn etwas Besonderes gewesen. Er hätte es schaffen können.
Langsam öffnete Hawkes die Augen. Fröstelnd zog er die Schultern hoch. Es brauchte einige Zeit, um sich zu orientieren. Felsen um ihn herum? Wo
war er nur? Die Erinnerungen kamen zurück. Der Absturz, das Lager, die Folter, Alia. Verdammt, wo war sie? Ein Schatten fiel auf ihn. Die junge Frau
ging vor ihm in die Hocke. Die Augen leuchteten, hektisch atmend stieß sie aus: "Ich habe eine Funkkonsole gefunden. Sie ist intakt und nicht allzu weit
von hier. Auch habe ich keinerlei Hinweise auf Silikanten oder Chigs entdeckt. Vielleicht können wir von dort ein Signal senden." Alia wandte sich schon
wieder zum Gehen. Hawkes folgte ihr langsamer. Seinem Bein ging es schon besser, noch jedenfalls. Die schwarze Konsole hob sich kaum von der
Umgebung ab. Schmal, ca. einen Meter hoch, mündete er in eine kurze Antenne. Sie nahm den höchsten Platz auf dem felsigen Hügel ein. Mit einem
Messer öffnete Alia die Klappe, betrachtete den Schaltkreis. Für Cooper vollkommen unerwartet, fing sie an zu fluchen. "So ein Mist, das gibt es doch
nicht!" Wütend ließ sie sich auf den Rücken fallen. Das konnte doch einfach nicht wahr sein. Es wäre ja auch viel zu schön gewesen. Verzweiflung
keimte in ihr hoch, Tränen suchten sich den Weg in ihre Augen, wurden dennoch sofort unterdrückt. Das konnte sie beim besten Willen jetzt nicht auch
noch gebrauchen. Sie musste sich einfach zusammenreißen. Dem jungen InVitro reichte ein Blick, um zu erkennen, was den anderen Marine so wütend
machte. Die Kapazität der Konsole reichte nicht aus. Zu wenig Saft, um einen Notruf abzusetzen, der draußen von der Saratoga gehört würde. Schwer
ließ er sich nieder. Doch woher die fehlende Energie nehmen? Sie hatten keinerlei Ausrüstung. Vanessa wüsste sicherlich einen Trick. Die hatte eine
Ahnung von Technik. Die Silikanten würden ihnen sicherlich nichts von ihrer Energie abgeben. Leider waren diese lebenden Computer nicht sehr
kooperativ. ... Oder vielleicht waren sie doch die Lösung, das... ja, das war die Lösung. In Hawkes‘ Kopf formt sich ein Gedanke, ein verrückter Gedanke,
der klappen könnte. Einmal hatte er doch richtig zugehört. Wenn es funktionierte McQueen, dann kriegen sie von mir, was sie wollen. Im Kopf sah er den
grauhaarigen, extrem sportlichen Veteranen nickend vor sich. Hawkes wandte sich an Alia. "Wir brauchen einen
Silikanten. Er kann uns die fehlende
Kapazität liefern, die wir noch benötigen." Sie wandte sich ihm zu und betrachtete ihn verwundert. Ob er das, was er sagte,
ernst meinte? "Was? Einen Silikanten anzapfen?.... Habe ich das richtig verstanden?" "Genau." Ein Blick in sein entschlossenes Gesicht und sie wusste,
dass er es wirklich ernst
gemeint hatte. Ein kurzes Schulterzucken. "Okay. Wenn's uns hier wegbringt, bin ich dabei. Von den Teilen haben wir hier ,ja genug." Schon sprang sie
auf. "Ich hol dir einen, richte alles hier her." Mühsam stellte Hawkes sich neben sie. "Ich komme mit." Heftiges Kopfschütteln war die Antwort. "Vergiss‘ es
Cooper. Ohne dich bin ich schneller und effektiver, du bist nicht gerade gut zu Fuß.
Sorry. Bis bald." Sein Protest verhallte ungehört, denn die Frau
verschand bereits hinter einem der Felsen. Was für eine Frau. Sie gefiel ihm immer besser. Seine Gedanken wurden mehr und mehr von ihr beherrscht.
Hawkes ermahnte sich selbst. ‚Kümmere dich gefälligst um deinen Job, du dämlicher Tank.‘ Bevor er begann, überprüfte er noch seine Waffe und sah
sich genau um. Die Position war taktisch sehr günstig. Bot viele Möglichkeiten, Deckung zu suchen. Aber verdeckte nicht zu sehr die Sicht, falls
Angreifer versuchten, sich zu nähern. Ein Stöhnen kam ihm über die Lippen. Dieses Bein machte ihn rasend. Na, jedenfalls blutet es nicht mehr. Es
hemmte ihn ziemlich in seiner Bewegungsfreiheit. Mit verdrehten Oberkörper richtete er seine
Hauptaufmerksamkeit auf seine Arbeit, immer die Umgebung aus den Augenwinkeln heraus beobachtend.
"Es ist doch immer ein Vorteil, euch zu kennen." Alia betrachtet die beiden Silikanten vor sich mit einem kalten Lächeln. Breitbeinig, die Hände in die
Hüften gestemmt, stand sie da. Der eine war nur noch Schrott, totaler Systemausfall, der zweite nur bewegungsunfähig. Und schwerer als sie gedacht
hatte. Fest umschlossen ihre Finger seinen Munitionsgürtel. Daran zog sie ihn hinter sich her. Hoffentlich reichte die Energie. Langsam aber sicher wollte
Alia von diesem kargen Planeten herunter.
Das erste, was Hawkes von Alia sah, war ein purpurner Kopf. Er eilte so schnell es ihm seine Verletzung ermöglichte zu ihr. Das letzte Stück zog er den
Al hinter sich her. Alia ging in die Knie, beobachtete ihn dabei mit offenen Mund und heftigem Atem. Toll, sie ackerte sich einen ab und er zog das Teil so,
als ob es nur eine Jacke wäre. Die Arme schmerzten, jeder Atemzug brannte, sie hatte Hunger und Durst. Doch hier gab es nichts. Die ganze Aktion der
Beschaffung eines Silikanten hatte sie mehr verausgabt, als sie sich eingestehen wollte. Cooper schien da weniger Probleme zu haben, trotz seiner
Verletzungen. Sie krabbelte neben Hawkes, der schon begann, den Silikanten auseinander zu nehmen, setzte sich. "Gute Arbeit, Lt.
Chani." Er lächelte
sie an. "Gern geschehen, Lt. Hawkes." Langsam regulierte sich ihr Atem.
Eine drückende Stille herrschte im Quartier des 58ten. Alle lagen auf ihren Betten und hingen ihren Gedanken nach. Vansen starrte auf Hawkes‘ leeres
Bett. Ein Umschlag mit seinen persönlichen Sachen lag darauf. Der Sergeant wollte sie mit nehmen, aber die Wildcards nahmen sie ihm sofort wieder
ab. Normalerweise wurden die persönlichen Gegenstände von gefallenen Marines ihren Familien geschickt. Cooper hatte aber keine eigene Familie. Er
hatte nur das 58te. Sie waren seine Familie gewesen, also sollten sie auch bei ihnen bleiben. In Shane's Augen bildeten sich Tränen, verstohlen blinzelte
sie sie weg, blickte zu Vanessa, der jungen Afroamerikanerin. Diese lag mit geschlossenen Augen da, die Hände gefaltet. Stumm bewegte sie die
Lippen, schien zu beten. Im Bett darunter lag der Asiate Paul. Sein Blick war leblos nach oben gerichtet. Nathan beobachtete stumm
Shane, sah in ihre
Augen. Trauer. Noch nie hatte er ihre braunen Augen so traurig gesehen. Für alle unerwartet wurde die Tür aufgestoßen. Colonel McQueen stand in dem
Türrahmen. "Machen Sie sich bereit, in 10 Minuten erwarte ich Sie alle in der Landezone 10." West setzte sich auf. "Ein neuer Auftrag,
Colonel?" Ein
kurzes Kopfschütteln. "Eine Rettungsaktion. Wir holen Hawkes da raus!" Wumm. Schon war die Tür wieder zu und McQueen weg. Vanessa schüttelte
den Kopf. "Was hat McQueen gerade gesagt? Wir holen Hawkes da raus?" Shane sprang aus dem Bett. "Macht euch bereit, er lebt noch." Ein Hauch
von Lächeln huschte über ihr Gesicht. Dieser gottverdammte Mistkerl hatte es doch tatsächlich geschafft. Keine fünf Minuten später standen schon alle
vor McQueen in der Landezone. Sein Gesicht war angespannt und ernst. Er stand mit hinter den Rücken verschränkten Armen vor ihnen. "Wir haben
einen Notruf empfangen. Vom Planeten ‚Semos'. Dieser ist eindeutig von Hawkes. Er befindet sich auf dem Planeten. Zusammen mit einem weiteren Lt.
konnte er aus der Gefangenschaft fliehen. Unser Auftrag ist es nun, die beiden von dort zu holen. Das Signal konnte genau geortet werden." "Ja, Sir." Die
Augen der jungen Marines waren voller Tatendrang. Mit frischem Mut und Elan stiegen sie in den Transporter ein. Als letzter folgte ihnen McQueen. Er
wollte persönlich dabei sein, wenn sie ihn einsammelten. Bevor sich die Tür des Transporters schloss, fiel sein Blick auf Commodore Ross. Der
drahtige Schwarze nickte ihm zu. Mit der rechten Hand zeigt er den Daumen nach oben.
"Silikanten!" Das Wort reichte, um bei Hawkes jeden Muskel anzuspannen. Alia und er rannten was das Zeug hielt, schlugen Haken, um ein schlechtes
Ziel abzugeben. Trotz seiner Verletzung konnte er gut mir ihr mithalten. Biss mit tränenden Augen die Zähne zusammen. Eine Ladung ging knapp vor Alia
in den Boden. Sie schlug einen weiteren Haken und verlor dabei das Gleichgewicht. Noch im Sturz drehte sie sich den Angreifern zu und schoss.
Hawkes hatte bereits Schutz hinter einem Felsen gesucht. Alia versuchte das Gleiche, doch da war der erste Silikant schon bei ihr und hob sie hoch. Mit
voller Wucht schleuderte er sie gegen einen Felsen. Benommen stöhnend blieb sie liegen. Zwei weitere Silikanten kamen hinzu. Der Blick des InVitros
wanderte zu Alia, die mit schmerzverzerrtem Gesicht im Staub lag und dann fingen seine Adern an zu pulsieren. Sein Herz pochte. Der Hass
übermannte ihn. Ruckartig fuhr er hoch. Wutentbrannt, mit einem lauten Schrei, stürzte er sich auf zwei
Silikanten. Schwer fielen sie zu Boden. Hawkes
schoss dem ersten aus unmittelbarer Nähe ins Gesicht und dem zweiten in den Brustbereich. Und schon wandte er sich dem letzten zu. Ein weiterer
Schuss und auch der letzte lag auf der Erde mit Systemausfall. Die ganze Aktion dauerte nur wenige Sekunden. Hawkes atmete schwer und beruhigte
sich langsam wieder. Auf allen Vieren krabbelte er zu Alia, die immer noch auf dem Rücken lag und nach Luft
japste. Seine Hand tastete nach der jungen
Frau, legte sich auf ihren Arm. "Ist mit dir alles in Ordnung?" Besorgt blickte er sie an. Sie schüttelte den Kopf, um wieder klarer zu werden. So halb
rappelte sie sich auf, hustete trocken. "Wow, Cooper! Du bist ein Tier. Das gerade hab ich mir doch nicht eingebildet?" Grinsend nickte er. "Man tut was
man kann, aber wir müssen weiter. Die haben sicherlich noch weitere Patrouillen." Zustimmendes Nicken kam von der Frau. Sie mussten so schnell es
ging von diesem Platz weg. Vorsichtig tastete sie sich ab, mindestens tausend blaue Flecken und Blutergüsse standen ihr bevor. Alles tat weh, ihr kam
es so vor, als ob sie ein Panzer überrollt hätte. Doch nichts Ernsteres. Schon stand sie auf. Hawkes kam nahe zu ihr, berührte sie leicht. "Wirklich alles
in Ordnung?" Seine Augen hefteten sich an ihre. Alia musste hart schlucken, bevor sie antwortete: "Klar." Schon stampfte sie los und biss die Zähne
zusammen. Bloß weg hier, aus seiner Nähe. Der Mann machte sie nervös, das konnte sie jetzt und hier nicht gebrauchen. Aber warum nur? Was war
das nur für ein Typ? Mist, das Laufen schmerzte. Ihr Hintern tat ihr tierisch weh, sie würde nie wieder richtig sitzen können, doch das würde sie Cooper
nicht auf die Nase binden.
"Colonel McQueen, wir befinden uns im Orbit. In zwei Minuten treten wir in die Atmosphäre des Planeten ein, Sir." Die Meldung kam von dem Piloten aus
dem Cockpit. Das 58te Schwadron blickte geschlossen seinen befehlshabenden Offizier an. "Machen Sie sich alle bereit! Wir werden in der Nähe der
Koordinaten des Funkspruches landen und dann Hawkes und den anderen Marine suchen. Der Planet ist heiß, es ist also mit Feindkontakt zu rechnen."
Schon griff er nach seinem Helm und seiner Waffe. Seine Schwadron folgte augenblicklich seinem Vorbild. Ihre Nerven waren angespannt. Jeder von
ihnen dachte das Gleiche. Diesmal würden sie den Chigs eines ihrer Opfer wieder entreißen. Heute holten sie einen von ihnen und noch einen weiteren
Marine zurück. Keiner wollte einen Gedanken daran verschwenden, dass sie möglicherweise zu spät kamen. Viel zu spät. McQueen's Blick ging ins
Leere. Hawkes hatte doch aufgepasst als er ihnen den Trick mit den Silikanten erklärt hatte. Wenn er wollte, konnte er verdammt gut sein. ‚Halten Sie
durch Marine. Wir kommen und holen Sie das raus. Lebend.‘
Der Himmel war sternenklar. Obwohl es auf diesem Planeten nie richtig Nacht wurde, waren sie gut zu erkennen. Hawkes und Chani haben sich in einen
Graben versteckt. Gut zwei Meter tief, doch auf der einen Seite so flach, dass man leicht und schnell hinausklettern konnte. Seit dem letzten
Zusammenstoß hatten sie unglaubliches Glück gehabt. Keine weiteren Patrouillen waren aufgetaucht. Was auch gut war. Ihre Munition war fast
aufgebraucht, gerade mal noch sechs Schuss und sie brauchten beide eine Pause. Fröstelnd zog Alia die Schultern hoch und rieb sich die Arme. Ihr war
kalt, saukalt, sie war müde und hatte Hunger und alles tat ihr weh. Er bemerkte, dass ihr kalt war, doch sie ertrug es, ohne sich zu beklagen. Ein
hundertprozentiger Marine und eine Frau. Und was für eine. Seit Shane Vansen hatte er für kein weibliches Wesen mehr so seltsame Gefühle gehabt.
Sie waren sogar stärker als bei Shane. Alia besaß eine magische Anziehungskraft. Was konnte er nur für sie tun? Wie konnte er ihr das hier erträglicher
machen. Behutsam legte er den Arm um ihre Schultern. Hoffentlich nahm sie ihm das nicht übel. Aber er wollte ihr nahe sein. Sie berühren und spüren.
Vielleicht war sie der letzte Mensch, der ihm in seinem Leben so nah kam. Alia bemerkte die Berührung und es tat so gut. Wärme umgab sie. Endlich
wieder etwas Angenehmes in diesem Krieg. Cooper war ein wirklich besonderer Mensch. Sie lehnte sich gegen ihn und schloss die Augen. Nur für
wenige Minuten, einfach nur ausruhen, nichts denken, nur genießen. Einfach nur seine Anwesenheit spüren. Dieser mistige Krieg konnte ihr gestohlen
bleiben. Jedenfalls für eine klitzekleine Weile. In diesen wenigen Sekunden war sie glücklich. Hawkes konnte es erst gar nicht fassen, dass sie ihn nicht
zurückstieß, sondern sich auch noch an ihn lehnte. Ein schönes Gefühl. Es könnte ewig so bleiben. Keine Kämpfe mehr, kein Krieg, keine Entbehrungen
mehr. Sein Blick wanderte in den Himmel und da sah er es. Das konnte doch nicht wahr sein. Das war einfach unmöglich. Die eckige Form. Die vier
Antriebsdüsen. Ja, das war eindeutig einer - ein Mannschaftstransporter des Marine Corps. "Da!" Der Aufschrei von ihm ließ sie grob wieder in die
Realität zurückkehren. Verwirrt schaute sie sich um. "Da ist ein Transporter von uns. Alia, sie haben uns gehört. Sie holen uns hier raus." Schon sprang
er auf und verließ die Deckung. Alia versuchte ihn aufzuhalten, doch er war schneller als erwartet. Hawkes hastete los, da hörte sie dieses widerliche
Geräusch. Es kam ihr ohrenbetäubend vor, als es durch die Stille brach. Getroffen sank der junge Marine auf die Knie, ging mit einem Schrei zu Boden.
Alia blieb in Deckung, zwang sich, ruhig zu bleiben, gegen die aufkommende Panik anzukämpfen. Nein, er durfte nicht sterben, nicht so kurz vor der
Rettung. Am liebsten wäre sie zu ihm gerannt, doch das half Hawkes kein bisschen, er brauchte sie mehr denn je als Marine, also musste sie sich
zusammenreißen und nur an ihr Ziel denken. Den Schützen finden, ihn ausschalten und dann Cooper zum Transporter schaffen. Verdammter Planet, es
war zwar nicht richtig dunkel, aber trotzdem reichte das Licht nicht aus, um irgend etwas genau zu erkennen, alles war nur schemenhaft. Wie schwer
hatte es ihn erwischt? Kein Stöhnen oder andere Anzeichen, dass er noch lebte, war zu hören. Doch als erstes holte sie sich diesen Dreckskerl, doch
wo war er? Lautlos schlich sie durch den Graben und nahm dann die Felsen in der Umgebung als Deckung. Sie wusste, von wo er ungefähr
geschossen haben musste. Immer näher kam sie der Position. ‚Dich kriege ich und wenn ich draufgehe, dafür wirst du zahlen. Dass du auf meinen
Cooper geschossen hast, wirst du noch bereuen.‘ Und da sah sie den Silikanten. Er stand hinter einem Felsen und lugte über die spitze Kante. Seine
Aufmerksamkeit war nur auf das Geschehen vor sich gerichtet. Seine Position veränderte sich, das Gewehr zielte genau auf den am Boden Liegenden.
Lautlos näherte sich der Marine seiner Position, zog das Messer. Mit voller Wucht rammte sie es dem Schützen in den Hals. Alle Körperfunktionen
versagten auf der Stelle. Schwer fiel er in den Staub. Ungläubig schien er die Frau über sich anzustarren, die nun das Messer wieder herauszog. Dann
schnappte sie sich sein Gewehr und schlug hart zu. "Für Cooper, Blechdose." Cooper, sie musste zu ihm.
"Cooper Cooper !" Sein Name, es drang wie durch einen dicken Nebel zu ihm durch. Er war tot, es hatte ihn erwischt, alles vorbei. "Verdammt, Cooper.
Komm schon, mach mir jetzt nicht schlapp. Wir haben es fast geschafft. Sag was, Cooper, bitte, du kannst mich hier doch nicht alleine lassen." Das war
Alia, es hatte sie also auch erwischt. Ein jäher Schmerz ließ ihn zusammenfahren. ‚Damphousse, du hast mich belogen‘, fuhr es ihm durch den Kopf,
von wegen man spürt keine Schmerzen mehr, wenn man tot ist. Halt nein, wenn er noch was fühlte, dann lebte er ja noch. Mühsam öffnete er die Augen.
Verschwommen erkannte er seine Kameradin vor sich, die ihn mit großen Augen ansah. Alia hatte das Gefühl, gleich vor Glück zu zerspringen. Er lebte
noch. Ein zäher Kerl. "Cooper, schön, dass du noch da bist." Behutsam strich sie ihm Haare aus dem Gesicht. "Es ist eine Fleischwunde an der
Schulter. Das wird schon wieder. Ich hatte echt Angst, dich verloren zu haben..." Eine weitere sanfte Geste, dann räusperte sich Alia. "Aber wir müssen
weiter, unsere Fähre wartet." Es dauerte noch einige Minuten, bis der InVitro auf
wackeligen Beinen stand. Die ganze Zeit beobachtete die junge Frau die Umgebung mit Argusaugen. Nichts zu sehen, doch sie waren nicht weit von hier. Bald würden sie hier sein. Die Zeit wurde langsam, aber sicher zu
knapp zum Abhauen. Sie packte sich seinen unverletzten Arm und legte ihn sich um die Schulter. "Es wird unangenehm, aber es geht nicht anders. Die
Silikanten werden bald hier sein." Ohne Rücksicht auf Hawkes‘ Bein zu nehmen, lief sie los. Auf seine Verletzungen zu achten, diesen Luxus konnten sie
sich zur Zeit einfach nicht leisten. Immer weiter steigerte sie die Geschwindigkeit und unterdrückte ein Stöhnen, als er ihren Arm fast zerquetschte.
Hawkes sah über seine Schulter und schluckte. "Silikanten und nicht gerade wenig." "Weiter, immer nur weiter." Alia mobilisierte ihre letzten
Kraftreserven und steigerte nochmals das Tempo. Ihre Adern pochten, die Schmerzen wurden mit jedem Atemzug mehr und mehr. Ihre Wahrnehmung
verlor mehr und mehr an Schärfe. Einen Kampf konnten die beiden vergessen, dazu waren sie körperlich nicht mehr in der Lage. Es war schon schwer
genug, dass Gleichgewicht zu halten. Immer wieder sackte Hawkes‘ Bein weg. Die ersten Schüsse ertönten, gingen ganz in der Nähe in den Boden, als
sie strauchelten. Hart schlugen beide auf. Ihre Blicke trafen sich. "Es war schön, dich zu kennen, Alia." Sie wussten, dass es vorbei war, sie konnten
nicht mehr. Alleine kam keiner von ihnen wieder auf die Beine. "Ich hab‘ mich auch gefreut, Cooper." Sie gab ihm einen kurzen Kuss auf den Mund. Fest
nahm Cooper sie ihn den Arm, ignorierte seine Schmerzen und wartete mit ihr eng umschlugen auf das Ende. Schüsse erklangen, viel näher als zuvor.
Und Stimmen... viele Stimmen... diese Stimmen? Das waren doch... Wang... das war Wang... und das West,
Vansen... Hawkes schaute auf und
entdeckte seine Schwadron, wie sie gerade die Silikanten abservierten. Erleichterung durchströmte seinen Körper. Seine Freunde waren da. "Alia, das
sind meine Leute, meine Schwadron. Wir sind gerettet, wir haben es geschafft." West war als erster bei den beiden Verletzten, half Hawkes auf die
Beine und dann hielt er Alia die andere Hand hin. Kaum war sie wieder auf den Beinen, nahm sie sofort wieder ihren angestammten Platz neben Hawkes
ein. Colonel McQueen kam hinzu. "Wir müssen weg. Da kommen noch weitere Patrouillen. West, helfen Sie Hawkes!" "Das mach ich schon, Sir." Alia
ließ sich das nicht nehmen, erst beim Einsteigen ließ sie West und Wang helfen. Vanessa hatte bereits eine Decke auf dem Boden gelegt und half nun
Hawkes beim Hinlegen. Schon schnappte sie sich das Medikitt und versorgte seine Wunden. Alia wollte ihr erst bei der Versorgung helfen, doch Vansen
zog sie auf eine andere Decke und ließ sie sich hinlegen. "Vanessa kümmert sich schon um
Coop. Ich bin Shane. Du solltest dich lieber ausruhen. Du
siehst geschafft aus." Ein freundliches Lächeln lag auf Shane‘s Gesicht, beruhigend legte sie ihre Hand auf Alias Schulter. Und da kam sie, die totale
Erschöpfung. Sie wollte etwas sagen, konnte nur noch schwach nicken. Das Letzte, was Alia noch registrierte, war wie der Rest den Transporter betrat
und sie abhoben. Dann verloren sich ihre Erinnerungen in tiefe Schwärze. McQueen‘s Blick wanderte zwischen den beiden Verwundeten hin und her.
Neben Damphousse ging er in die Knie. "Wie geht es ihm?" Seine blauen Augen hefteten sich an Hawkes. "Etliche Verletzungen, eine größere am Bein
und eine Fleischwunde an der linken Schulter. Er hat viel Blut verloren, doch ich konnte die Blutungen stoppen. So weit ich das beurteilen kann, alles
heilbar, Sir." Er lächelte Hawkes aufmunternd an, dieser nickte nur kurz und schloss die Augen. Dann wandte sich der Ältere Vansen zu. "Und wie geht
es ihr?" "Sie hat anscheinend nur oberflächliche Verletzungen, nichts ernstes. Ziemlich erschöpft und ausgelaugt. Ihr fehlt Flüssigkeit. Seit wir abgehoben
haben, schläft sie. Sie muss länger als Hawkes hier gewesen sein." Sein Blick fiel auf das Namensetikett auf ihrem Overall. Relativ verschmutzt,
schlecht zu entziffern. "Chani," las er laut. "Lt. Alia Chani, Colonel." Hawkes‘ Stimme war ziemlich schwach, er hatte nicht mal die Augen geöffnet.
McQueen stand auf und holte zwei Decken aus dem Lager. Eine gab er Vanessa, die zweite legte er um die junge Frau. Sie musste da unten wirklich die
Hölle erlebt haben. Alles zerrissen, verschmutzt, überall getrocknetes Blut, die Lippen waren ganz spröde und trocken. Und doch hatte sie nie
aufgegeben, ist hart im Nehmen. In Gedanken redete McQueen mit der Schlafenden. ‚Sie sind ein guter Marine, Lt. Alia
Chani.‘
USS Saratoga. Die Sanitäter waren in Bereitschaft, um die gerade angekommenen Verwundeten zu übernehmen. Commodore Ross erwartete den
Trupp persönlich. Die Tür des Transporters ging auf und McQueen verließ als erster das Schiff. Er gab den Sanitätern ein Zeichen und begab sich zum
Commodore. Während Hawkes und Chani fürs Erste versorgt wurden, gab er seinen Bericht über die Rettung ab. "Wir haben nicht viel tun müssen,
Commodore. Die beiden haben uns kommen sehen und sich gleich auf dem Weg zu uns gemacht. Es gab ein kurzes Gefecht gegen
Silikanten, keine
Verluste bei uns. Die Lt.‘s sind beide verletzt. Aber nichts Gravierendes. Bei dem zweiten Marine handelt es sich um einen Lt. namens Alia
Chani. Mehr
weiß ich bis jetzt noch nicht, Commodore." Der höhere Offizier nickte leicht. "Aber ich, Colonel McQueen. Sie ist von der USS
McArthur. Eine verdammt
gute Pilotin, wurde bei einem Angriff in der Zeres Region vor gut einer Woche abgeschossen. Jeder hielt sie für tot." Ein zufriedenes Lächeln zog sich
über das Gesicht des Commodores. Das war ein Sieg, ein winziger Sieg, aber ein Sieg.
West, Vansen, Damphousse und Wang standen um Hawkes‘ Bett und betrachteten ihren Freund. Er sah furchtbar aus. Sein Kopf war bandagiert, genau
wie seine linke Schulter und sein rechter Arm. Im Gesicht hatte er Pflaster und seine Lippen waren geschwollen und gesprungen. Er konnte sich nur
schlecht bewegen, denn sein Bein wurde von den Ärzten ruhig gestellt. Mitgenommen sah er aus, jedoch lebendig. Die Schwester kam kurz zu ihnen.
"Nur fünf Minuten. Der Lt. braucht viel Ruhe." Vansen wandte sich der Schwester zu. "Okay. Ich kümmere mich darum, Schwester." "Oh man, Hawkes
mach‘ das nie wieder. Du hast uns einen Heidenschreck eingejagt." Mit spielerischen Ernst hob Vanessa den Zeigefinger in die Luft. "Kein Problem,
passiert nicht wieder. Ich war nicht so scharf auf diese Erfahrung." Er versuchte ein Lächeln, das leidlich gelang. Wang lehnte sich gegen die Wand.
"Aber eine hübsche Freundin hast du da mitgebracht, Coop. Etwas verbeult, aber sie sieht gut aus." Hawkes nickte leicht. "Wie geht es Alia?" Nathan trat
an das Bett und legte ihm beruhigend die Hand auf die gesunde Schulter. "Sie schläft. War vollkommen erschöpft. Der Arzt hat gesagt, in ein paar Tagen
ist sie wieder die alte." Hawkes lächelte schwach. "Gut zu hören. Alia hat mir da unten das Leben gerettet und das nicht nur einmal. Sie hat alles riskiert."
Vansen warf einen Blick in die Runde. "Das wär‘s für heute. Wir gehen jetzt, Cooper braucht Ruhe. Wir kommen morgen wieder. Schlaf gut,
Coop."
Jeder einzelne verabschiedete sich nochmals mit einer leichten Berührung von ihm. Es war ruhig. Wie gut diese Stille tat. Hawkes schloss seine Augen,
sie brannten und fühlten sich mit Wasser. Bald würde er schlafen, nur noch schlafen. Nichts mehr denken, nichts mehr fühlen. Jemand strich ihm über
das Gesicht. Hastig öffnete er die Augen. Alia lehnte an seinem Bett. Sie sah ganz schön wild und verwegen aus mit den ganzen Pflastern im Gesicht.
"Entschuldige, Cooper, ich wollte dich nicht wecken." "Ich hab noch nicht geschlafen. Wie fühlst du dich, Alia?" "Wackelig, aber sonst ganz gut. Wir
haben es geschafft. Mir tut zwar alles weh, aber damit kann ich leben. Und wie steht's mit dir?" "Solange ich mich nicht bewege, ist alles in Ordnung."
Alia nahm seine Hand und drückte sie fest. "Ich wollte dir noch mal danken, für alles da unten. Wir kennen uns erst so kurz, aber es war so intensiv. Ich
hätte es ohne dich nie überstanden. Wir beide sind ein verdammt gutes Team." Er machte eine zustimmende Kopfbewegung. "Alia, ich hätte alleine
auch keine Chance gehabt." Sie beugte sich zu ihm, strich Strähnen zur Seite und gab ihm einen Kuss auf die Wange. "Danke Cooper." Er zog ihren
Kopf mit einer Hand näher und gab ihr einen langen Kuss. Eine Tür krachte ins Schloss. Erschrocken fuhren sie auseinander, sahen sich mit großen
Augen an. "Ich muss gehen, sonst vermissen die mich noch. Bis Morgen, Cooper. Träum‘ was schönes." Eilig verließ Alia den Raum. Cooper blickte ihr
nach. Was für eine Nacht. Was für ein Kuss, was für ein Gefühl. Das kannte er noch nicht, doch eines wusste er ganz genau. Es hatte ihr genauso
gefallen wie ihm. Vielleicht, ja vielleicht würde es später mal... noch mal... Wenn das Geräusch nicht gewesen wäre... er seufzte leise, schloss die Augen
und beginnt zu träumen. Die Nachtschwester beendete ihren Rundgang und setzte sich an ihren Schreibtisch. Der Arzt trat neben sie. "Wie geht es den
Lt.'s?" "Gut. Sie schlafen beide tief und fest. Und beide lächeln."
McQueen stand bewegungslos vor dem Bett von Alia Chani. Seit gut fünf Minuten betrachtete er eingehend die junge Frau vor sich. Er hatte Kontakt mit
der McArthur. Die hatten ihm einiges über sie zu berichten. Bevor sie abgeschossen wurde, konnte sie noch zwei angeschlagenen Hammerheads
helfen. Ein verdammt guter Marine, die junge Frau. Und sie gehörte ab sofort zu seiner Einheit, zum 58ten. Die McArthur war schon zu weit weg. Sie
konnte nicht mehr zurückkehren. Bevor er das Zimmer verließ, dankte er ihr nochmals wortlos, dass sie Hawkes so geholfen hatte. Er kannte nicht viele
Natürlichgeborene, die einem InVitro so selbstlos zur Seite standen. Hawkes hätte ihm einiges noch erzählen können, bevor der Arzt dazwischen ging. In
Gedanken versunken begab er sich in sein Quartier. Seine Schwadron war nicht nur wieder komplett, nein, er hatte sogar noch einen neuen Marine dazu
bekommen.
Ende
Christine Frieben
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Die Charaktere
und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen
Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und
basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei
erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above & Beyond"
von Glen Morgan und James Wong überein.
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