Wer überwacht Nathan West ?
Was wäre passiert, wenn man Nathan statt Cooper Hawkes auf den Planeten Tigris geschickt hätte? Eine Frage, die die Nation bewegt! Die Antwort
erfahren Sie in dem nun folgenden Beitrag, produziert vom Nathan West - Fanclub in Zusammenarbeit mit der Vereinigung
Toter-Chigs-die-viel-zu-früh-gestorben-sind. Enjoy it!
Prolog
Im Jahr 2027 begann die Regierung mit dem Versuch, eine neue Rasse von Soldaten zu züchten. InVitros sind Menschen, die in Brutkästen
herangewachsen sind. Man nennt sie Tanks. Mit 18 Jahren kommen sie zur Welt. Aber das ist jetzt nicht weiter wichtig.
Mein Name ist Nathan West. Ich bin kein Tank, sondern ein Natürlichgeborener. Vor 24 Jahren bin ich geboren worden.
Jetzt haben wir 2064.
Die Erde führt Krieg gegen hochentwickelte Außerirdische.
Meine Einheit heißt Wild Cards, die 58te Staffel. Es sind nicht die einzigen Menschen, an denen mir etwas liegt. Denn da gibt es noch
Kylen, meine
große Liebe ...
Nebel lag über der dunklen Wasserfläche. Es war Nacht auf dem Planeten Tigris. Kein Laut durchdrang die Stille. Die zwei Monde spendeten fahles
Licht, sie spiegelten sich auf dem Wasser. Auf einmal verschwammen die Monde, das Bild zerfloss. Etwas drang nach oben und durchstieß die
Wasserfläche. Zuerst erschien ein Kopf, ein zweiter folgte hinter ihm. Es handelte sich um zwei Männer im Taucheranzug, die schwere M-590-Waffen
trugen.
Der vordere Mann hieß John R. Colquitt. Er schaute sich vorsichtig um. Als er sah, dass keine unmittelbare Gefahr drohte, blickte er zu Nathan und dann
in die Richtung, in die er ihm folgen sollte. Colquitt setzte sich leise in Bewegung und Nathan machte es ihm nach, das heißt, er versuchte es.
Unglücklicherweise trat er in eine Untiefe des Gewässers und tauchte ab. Nach einigen Sekunden hatte er sich wieder nach oben gekämpft und kam
prustend und röchelnd an die Luft. Es dauerte weitere Sekunden, bis er Grund unter den Füßen hatte und mit den rudernden Armbewegungen aufhörte.
Colquitt schaute zu Nathan und obwohl es dunkel war und man nicht viel von seinem Gesicht sehen konnte, war doch so etwas wie ein entnervter Blick
in seinen Augen zu erkennen. Nathan hasste diesen Blick. Schließlich war das doch nicht seine Schuld gewesen, dass dort, genau an dieser Stelle ein
tiefes Loch im Wasser war!
Er wollte schnell eine Entschuldigung in der Art "Sorry, Sir !" aussprechen, aber Colquitt hatte sich bereits umgedreht und war weitergegangen -
kopfschüttelnd und leise etwas vor sich hinmurmelnd (oder hinfluchend).
Sie arbeiteten sich durch das Gewässer vor, dann durch ein Waldgebiet. Colquitt übernahm die Führung, lautlos bewegte er sich durch das Unterholz -
und Nathan bekam regelmäßig die von ihm zur Seite geschobenen Äste und Zweige ins Gesicht. Doch als
vollausgebildeter und durchtrainierter Marine unterdrückte er die Schmerzensschreie, die ihm auf der Zunge lagen. Langsam aber sicher begann er, diese Mission zu hassen. Es würde Tage dauern,
bis die durch Colquitts Unachtsamkeit verursachten Striemen auf seinem Gesicht verschwunden waren. Wie sollte er dies den Wild Cards erklären?
Es war schließlich eine Geheimmission ...
Nathan grübelte. Warum musste gerade ihm immer so etwas passieren? Wenn er es recht bedachte, hatte er schon als kleiner Junge diese Probleme
gehabt. Er war meist derjenige gewesen, der beim Klettern vom Baum fiel oder auf dem Gehweg in Kaugummis oder auch auf "andere" Dinge trat ... Na
ja, und da war auch noch die Sache mit Tweety gewesen, seinem kleinen Meerschweinchen, das er im zarten Alter von sechs Jahren mit seinem
Dreirad überfahren hatte ...
Zum Glück kannte seine Mutter einen guten Therapeuten, der ihm über diesen Verlust hinweggeholfen hatte ...
AUTSCH! Warum musste dieser Baumstamm ausgerechnet hier auf dem Weg liegen?!
Wenn er sich nun seinen Zeh verstaucht hatte! Nathans Aufmerksamkeit war durch diesen kleinen Zwischenfall wieder voll und ganz auf seine
Umgebung gerichtet.
Colquitt war stehen geblieben und horchte in die Stille der Nacht. Irgendwo im Wald knackte es und kurz darauf betraten drei Chigs die
mondbeschienene Wiese. Colquitt wartete einige Sekunden ab, ob noch weitere Chigs folgen würden. Das war nicht der Fall, also gab er Nathan den
Feuerbefehl. Schüsse hallten durch die Nacht. Der Feind starb schnell und schmerzlos (denkste!) .
Colquitts Gewehrmündung rauchte - Nathans nicht.
Seine M-590 hatte Ladehemmung und auch sein Schütteln und Rütteln an der Waffe konnten nichts an ihrem Zustand ändern. Colquitt hatte so etwas
schon vorausgeahnt, deswegen hatte er gleich auf all drei Chigs gefeuert - was ihm möglicherweise (sogar
höchstwahrscheinlich) das Leben gerettet hatte. Er betrat die Lichtung. Nathan folgte ihm. Beide untersuchten die toten Chigs . In Nathans Nähe bewegte sich einer der tot geglaubten Feinde.
Noch bevor Nathan überlegen konnte, was zu tun sei, war Colquitt bei ihm und durchtrennte mit seinem scharfen Messer den lebenswichtigen Schlauch
am Helm des Chigs.
Der Auftrag der Mission war somit erfolgreich ausgeführt worden und der Rückzug konnte angetreten werden. Colquitt und West verließen die Wiese und
gingen im angrenzenden Unterholz in Deckung.
Colquitt holte sein MFK (Multi-Funktion-Kommunikation) -Gerät heraus, um die Koordinaten für ihren Abzug abzurufen, als er von einer Chigkugel
getroffen wurde. Er war auf der Stelle tot.
Die Zehntausendstelsekunde, die ihm für seinen letzten Gedanken übrig blieb, nutzte er nicht dafür, die wichtigsten Stationen seines Lebens noch einmal
vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen zu lassen, sondern er dachte noch: Ich habe das nicht verdient, lieber Gott! Hättest du nicht den anderen
nehmen können?!
Dann starb er und der arme Nathan war nun ganz allein auf dem Planeten. Einsam und verlassen. Und umringt von blutrünstigen
Chigs.
Er tat das Natürlichste von der Welt: RENNEN!
Leider kam er nicht weit, denn eine weitere Chigkugel aus dem Hinterhalt brachte ihn zu Fall. Das Bewusstsein verließ ihn sofort und so merkte er gar
nicht mehr wie er sich bei dem harten Aufprall auf dem Boden seinen rechten kleinen Zeh verstauchte.
Nathan West driftete in die Dunkelheit ab ... doch schon kurz darauf erlangte er das Bewusstsein wieder. Er lag auf dem Rücken, seine M-590, die ihm
bei seinem Sturz aus der Hand gefallen war, befand sich einige Schritte neben ihm. Wenn er seinen rechten Arm ganz weit streckte, konnte er sie
vielleicht erreichen.
Die Chigs waren immer noch da. Sie untersuchten Colquitts Leiche und einer von ihnen feuerte einen Schuss auf den leblosen Körper ab, um ganz
sicher zu gehen, dass er wirklich tot war.
Nathan hörte den Schuss. Er löste in ihm eine Erinnerung an den letzten Tag auf der Saratoga aus - der Tag vor dem Aufbruch auf die Mission nach
Tigris:
Er hatte sich wie befohlen auf Deck 18 gemeldet, wo sich der Schießstand der Marines befand. Dort hatte er das erste Mal Colquitt gesehen. Er war
derjenige gewesen, der ihn kritisch und skeptisch beim Schießen beobachtet hatte. Ernst stand er da, die Hände hielt er vor seiner Brust verschränkt.
Nach einer Weile gesellte sich Commodore Ross zu ihm. Colquitt sah ihn ungehalten an.
"Seit wann bestehen die Wild Cards nur noch aus einem ...," er deutete auf Nathan "... Mann?!" fragte er verächtlich.
"Also ich kann Ihnen das erklären, Sir, ..." Ross lächelte, während er seinen Blick über den fast leeren Schießstand schweifen ließ.
Nathan schoss sich die Seele aus dem Leib. Er war gerade dabei, sein achtes Magazin auszuwechseln und gegen ein neues einzutauschen. Langsam
macht mir das hier keinen Spaß mehr, dachte er missmutig.
"Also, das ist so ...," begann Ross mit seiner Erklärung, " ... First Lieutenant Paul Wang konnte nicht zu diesem Treffen erscheinen, da er einen anderen
äußerst wichtigen Termin wahrnehmen musste. So weit ich weiß, läuft zur Zeit eine Liveübertragung des Superbowls auf AFN. Na ja und es wäre doch
eine Schande, wenn er dieses Spiel wegen uns verpassen würde oder?"
Colquitt brummte etwas vor sich hin, was sich so anhörte wie, dass Baseball gar kein richtiger Sport sei, im Gegensatz zu Tennis, seinem absoluten
Lieblingssport.
"Und was ist mit Lieutenant Vansen?" fragte er hoffnungsvoll.
"Ja, sie ist leider auch sehr beschäftigt. Heute ist der Tag, wo sie endlich nach Hause telefonieren kann und sie hat bereits 197 Tage darauf gewartet. Sie
will ihrer Schwester zur Hochzeit gratulieren, bis jetzt hatte sie noch nicht die Möglichkeit und das erste Kind ist doch schon unterwegs. Ich denke, Sie
verstehen das, Sir!"
Colquitt nickte ungeduldig.
"Was ist mit dem Rest der Staffel? Lieutenant Damphousse und Hawkes? Was haben die beiden denn wichtiges zu erledigen?!!"
"Ach, wissen Sie Colquitt, Lieutenant Damphousse klagte über Kopfschmerzen, aber sie sagte mir im Vertrauen...," Ross beugte sich zu näher zu
Colquitt vor und sah ihn verschwörerisch an, "... dass sie wieder eine anormale Intuition hatte, die sie dringend davor warnte, hier zu erscheinen! Tja,
was sollte ich da machen?"
"Ja, da haben sie Recht, Commodore, Sie können sie ja unmöglich dazu zwingen!" erwiderte Colquitt sarkastisch. "Aber Sie haben noch nichts von
Cooper Hawkes erzählt. Wie ich hörte, sollen er und der Colonel die besten Schützen auf der Saratoga sein!"
Ross machte ein verlegenes Gesicht. "Also Lieutenant Hawkes ist bei einem Pokerspiel ..."
"Und McQueen?"
"Er auch ..."
"Sie spielen zusammen?!"
Ross nickte zustimmend (wobei seine langen Rastazöpfe, die er sich neulich beim Bordfriseur hatte machen lassen, wild durch die Luft wirbelten).
Colquitt seufzte resigniert.
"Na mal sehen, was der da ...," er deutete erneut auf Nathan, " ... so drauf hat."
Wenige Sekunden später wusste er es.
"Ich glaube das nicht!" entfuhr es ihm.
"Was meinen Sie?" fragte Ross mit Unschuldsmiene.
"Na, er hat kein einziges Mal in die vorgesehenen Markierungen getroffen!" erklärte Colquitt total entrüstet.
Nathan stand dabei und bat nun auch ums Wort. "Schauen Sie doch mal nach unten!" Er deutete auf den linken Fuß des Chigabbildes . "Dort sieht man
einen Einschlag - und dort!" Er zeigte auf den Chig einen Schießstand weiter zu seiner Linken. "Und dort!"
"Ja ja, ich sehe es!!" unterbrach ihn Colquitt ungeduldig. "Warum haben Sie nicht einfach nur auf den Chig direkt vor ihnen gefeuert?" wollte er wissen.
"Na ja, da niemand ausdrücklich darauf hingewiesen hat, dass ich nur so schießen darf ... und außerdem kommt es sowieso so gut wie nie vor, dass
man es nur mit einem Feind zu tun hat, Sir!"
Nathan war sich keines Fehlers bewusst. Colquitt zeigte daraufhin zum ersten (aber nicht zum letzten) Mal seinen exklusiven
Mann-ist-der-bescheuert-Blick.
"Sie denken zuviel, Lieutenant West! Ich hoffe, das ändert sich noch!!" Mit diesen Worten wandte er sich von ihm ab und verließ den Raum. Commodore
Ross zuckte nur die Achseln und folgte ihm ...
Die Erinnerung verschwand so schnell, wie sie gekommen war und Nathan fand sich auf dem harten Boden der Wiese wieder. Er war immer noch auf
Tigris.
So eine Sch..., dachte er.
Die Chigs waren mittlerweile mit Colquitt fertig und bewegten sich nun in seine Richtung, um an ihm die gleiche Prozedur durchzuführen. Nathan tastete
mit der rechten Hand nach seinem Gewehr. Fest umschloss er dessen Griff und zog es an sich heran. Durch das Nachtsichtgerät konnte er sehen, wie
sich die Chigs ihm näherten. Er dachte daran, dass seine M-590 wahrscheinlich immer noch eine Ladehemmung hatte, aber hatte er denn eine Wahl?
Entweder sie funktionierte oder ... na ja, es war ein gutes Leben gewesen ...
Die Chigs waren nun in Schussweite gekommen.
Nathan zögerte noch eine Sekunde, dann sprang er auf die Beine - und schrie vor Schmerz auf. Sein verstauchter rechter kleiner Zeh machte ihm einen
fetten Strich durch die Rechnung. Er fiel nach vorne und landete erneut auf dem Boden. Das bewahrte ihn davor, von Kugeln durchbohrt zu werden. Sie
pfiffen über seinen Kopf hinweg.
Nathan schaltete für seine Begriffe ziemlich schnell. Er brachte das Gewehr in seiner liegenden Position in Anschlag und drückte ab. Er war ein wenig
überrascht, als er kein leeres Klicken hörte, sondern die starken Rückstöße beim Abfeuern spürte.
Da er nicht hoch gezielt hatte, traf er die Chigs in die Beine. Sie schrieen einstimmig und sehr qualvoll auf und gingen zu Boden. Zu Nathans
Überraschung waren sie sofort tot. Anscheinend hatte er rein zufällig lebenswichtige Organe getroffen. In den Beinen? Die Physiologie der Chigs war
eben wirklich völlig anders als die der Menschen. Vielleicht haben wir bis jetzt immer auf die falschen Körperstellen geschossen, überlegte Nathan.
Interessant. Dann bemerkte er, dass er noch nicht außer Gefahr war und stellte augenblicklich all seine all seine Denkprozesse ein. Er erhob sich und
versuchte dabei, seinen kleinen rechten Zeh nicht zu stark zu belasten. Nathan feuerte auf jeden einzelnen Chig noch einen Schuss zur Sicherheit ab
und humpelte danach zu der Stelle, wo Colquitts Leiche lag. Zuerst begegnete er Colquitts abgetrennten Arm, dann ihm selbst. Er schaute auf ihn herab,
wobei sein Blick auf dessen Erkennungsmarke fiel.
Er ergriff sie und las Colquitts vollständigen Namen: John R.(?) John? Wie langweilig und durchschnittlich ... Und wofür steht das R.? Rudolf? Oder
vielleicht Rupert? Seine Dienstnummer lautete 723-449-6021. Und dann stand da noch USMC und B
Neg? Was das wohl bedeutete? Nathan begann
wieder nachzudenken und während er Colquitts Grab aushub, erinnerte er sich an das Gespräch zwischen ihnen beiden:
"Ich weiß, dass Sie kein Richter zu den Marines geschickt hat. Sie haben es bestimmt bereut, freiwillig ins Corps eingetreten zu sein. Damit können Sie
raus. Es wird unterschrieben, wenn Sie an dieser Mission teilnehmen. Lt. West , Sie sind nicht der beste Schütze an Bord der Saratoga. Normalerweise
erfordert ein Auftrag wie dieser eine intensive Vorbereitung. Aber unseren Erkenntnissen zufolge muss er innerhalb der nächsten 72 Stunden ausgeführt
werden. Und mein Partner ist vorhin vom Klo gefallen und deshalb nicht einsatzfähig. Unser Geheimdienst hat Kenntnis von der Anwesenheit eines
hohen feindlichen Offiziers auf dem Planeten Tigris. Wir vermuten, es handelt sich dabei um denselben, der den Angriff auf die Vestakolonie
kommandiert hat. Unsere Befehle sind klar und deutlich: Wir werden auf dem Planeten abgesetzt, arbeiten uns durch verschiedene Gewässer zur
angegebenen Position vor, wir finden dieses Individuum und wir dehydrieren es. Das Risiko bei diesem Auftrag ist extrem hoch,
Lieutenant. Ich glaube,
man sollte es eingehen und deshalb bin ich bevollmächtigt, Ihnen für den Fall des Gelingens diese Belohnung anzubieten. Noch eines sollten Sie wissen:
Ob Sie sich entschließen anzunehmen oder nicht - diese Mission existiert nicht und sie wird auch nie existiert haben. Wenn Sie mitkommen, werden die
anderen Marines Ihrer Einheit vorher weder über ihre Abwesenheit informiert noch wird ihnen jemals, das sollten Sie wissen, der Grund Ihres
Verschwindens mitgeteilt werden."
Nathan gähnte. Er hatte bereits beschlossen, den Auftrag anzunehmen, schließlich hatte er nichts besseres zu tun. Die anderen WildCards waren alle
mit etwas anderem beschäftigt und er hatte keine Lust allein im Quartier herumzusitzen und sich zu langweilen ... dabei wäre das gar nicht so schlimm
gewesen. Alles wäre besser gewesen als der ganze Stress hier ...
Nathan schaufelte das Grab zu und sprach ein paar Worte zum Gebet. Nachdem er alles vorschriftsmäßig erledigt hatte, kamen ihm seine eigenen
Schmerzen zu Bewusstsein. Er kramte in seinem Gepäck nach dem Erste-Hilfe-Kasten, klappte ihn auf und entnahm ihm eine Spritze. Auf ihr klebte ein
Etikett mit der Aufschrift: "Nur für dringende Notfälle gedacht!!!" Nathan runzelte die Stirn. Was sollte das nun wieder bedeuten?! Ein Notfall lag auf alle
Fälle vor, aber dringend? Das war relativ zu sehen.
Nathan wühlte zwischen den Pflastern und Mullbinden in der Hoffnung, noch eine andere Spritze zu finden, die für "kleine Notfälle"
vorgesehen war. Seine Suche blieb erfolglos. Aber sein kleiner rechter Zeh tat immer noch höllisch weh! Er zog Strumpf und Schuhe aus, um sich die Bescherung anzusehen.
Zum Glück hatte er sein Nachtsichtgerät. So konnte er selbst in dieser Dunkelheit etwas erkennen. Es sah nicht gut aus. Er sah zwar keine Farben, aber
die konnte er sich sehr gut vorstellen: Ein tiefes Blau mit einem Hauch von Grün ...
Das überzeugte Nathan. Er war sich nun ganz sicher: Es war ein dringender Notfall!
Er nahm die Spritze in die Hand und schluckte hörbar. Die Nadel war ziemlich lang und er hatte schon als kleines Kind Angst vor diesen spitzen Dingern
gehabt. Er schloss die Augen und sagte sich: "Ich bin ein Marine!" Er wiederholte diesen Satz immer wieder. "Ich bin ein Marine! Ich bin ein Marine!" Mit
diesen Worten setzte er sich die Injektion. Die Schmerzen waren grauenvoll, noch schlimmer als sein grün-blauer rechter kleiner Zeh. Dann war es
vollbracht und er atmete erleichtert auf.
Ja-ha!!! beglückwünschte er sich selbst. Er füllte sich sehr viel besser. Alle Schmerzen waren verschwunden.
Oh man, keine Ahnung, was in der Ampulle drin war, aber das Zeug wirkte verdammt schnell!
Nathan packte seinen Rucksack, justierte noch einmal sein Nachtsichtgerät und brachte die M-590 in Schussposition. Er begab sich zu der Stelle, wo er
das MFK-Gerät vermutete, das Colquitt bei seinem Ableben verloren hatte. Wie gesagt, es war eine Vermutung.
Nathan benötigte schätzungsweise 23 Minuten und 46 Sekunden, um zu finden, was er suchte. Er klappte das Gerät auf und versuchte sich zu erinnern,
wie der Code lautete, um den Satelliten anzupeilen. Nach zwei Minuten gab er es auf und tastete nach seiner Brusttasche. Dort hielt er einen kleinen
Zettel versteckt, auf dem alle Codes standen. Er wusste, dass das verboten war. Wenn McQueen das wüsste - er wäre ein toter Mann ...
Normalerweise hatte Nathan die Codes im Kopf, aber immer wenn er unter Stress stand, war alles weg - und dies hier war ganz eindeutig eine
Stresssituation! Mit zittrigen Händen entfaltete er das Stück Papier und gab die notwendige Zahlenposition ein. Er übermittelte folgende Nachricht: -
Feindkontakt. Ein Mann abgekratzt. Erbitte neue Koordinaten. -
Die Antwort kam sofort: Abzug bei 2081881 um 02:15.
Nathan machte sich unverzüglich auf den Weg zum Treffpunkt. Er schlich durch das Unterholz - bis aufs Äußerste wachsam, seinen scharfen Augen
entging nichts.
Nach einer halben Stunde lag der Wald hinter ihm. Vor ihm befand sich eine große Lichtung, die keinerlei Deckung bot. Sie zu umgehen würde zu lange
dauern, er musste sie unbedingt überqueren, um keine unnötige Zeit zu verlieren. Nathan schaute auf die Uhr: 1:58. Dann blickte er sich vorsichtig um .
Er konnte nirgends irgendwelche Chigs entdecken, also wagte er sich mutig vor. Bereits nach wenigen Schritten bereute er diesen
Entschluss (beziehungsweise Mut). Kugeln pfiffen ihm um die Ohren. Er duckte sich augenblicklich und zog den Kopf ein. Nathan rettete sich hinter einen kleinen
knorrigen Baum und feuerte auf die heranrückenden Feind. Er traf zwar keinen einzigen von ihnen, aber er konnte sie trotzdem von ihrer Ballerei
ablenken. Die Chigs waren so von den mehrere-Meter-an- ihnen-vorbei-schießenden Kugeln irritiert, dass sie einen kollektiven Gedanken mit der Frage
verschwendeten, ob sich vor ihnen vielleicht doch keiner dieser stinkenden Menschen befand - denn so schlecht schossen die normalerweise nicht.
Das gab Nathan Zeit, sich von dem krüppligen Baum fortzubewegen und hinter einer kleineren Erhebung in Deckung zu springen. Leider verschätzte er
sich mit dem Schwung und statt einer eleganten Sprungrolle legte er einen kaum definierbaren Sprung hin, der ihm im Endeffekt eine Kopfwunde
bescherte - oder einfacher ausgedrückt: Nathan rammte seinen Kopf direkt in den Boden. AUAAAAHHH !!! SCH *** !!! VERDAMMT !!! *** ??? !!!
Warum musste ihn gerade jetzt sein Koordinationsvermögen verlassen?!
Die Chigs schossen immer noch in seine Richtung. Nathan erwiderte das Feuer, doch etwas stimmte nicht. Er konnte nicht mehr so gut sehen, seine
Sicht war total verschwommen - aber nur auf einer Seite. Das kann doch wohl nicht wahr sein!! dachte Nathan in Panik. Bitte nicht schon wieder! Er
ahnte, was passiert war: Seine Kontaktlinsen!
Andauernd machten diese Dinger Schwierigkeiten und fielen bei den unmöglichsten Gelegenheiten heraus. Er hatte das Problem bereits mit dem
Bordarzt besprochen, aber dieser konnte auch nichts machen, denn Nathan lehnte eine Laseroperation am Auge energisch ab, da sie bei vollem
Bewusstsein und nur mit örtlicher Betäubung durchgeführt werden konnte.
Das aber war das Schlimmste, was er sich vorstellen konnte. Die anderen WildCards wussten zum Glück nichts von seiner seherischen
Unvollkommenheit, das wäre Nathan furchtbar peinlich gewesen. Dieses Mal war wirklich ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für den Verlust seines
Sehgerätes - es war die rechte Linse, stellte er ärgerlich fest.
Nathan ließ sich auf die Knie nieder und tastete mit seiner freien linken Hand über den Boden. Er musste sich mehrmals ducken, weil die Kugeln immer
näher bei ihm einschlugen. Nathan wurde sehr nervös. Er konnte die Linse einfach nicht finden!
Er erkannte, dass er hier nicht mehr länger bleiben konnte und schaute sich nach einer Rückzugsmöglichkeit um. Hinter ihm befand sich ein größeres
Gewässer - dorthin musste er, um den Chigs zu entkommen. Er schulterte sein Gewehr und rannte los. Nathan duckte sich und lief kreuz und quer über
die Wiese, um nicht von den überall herumfliegenden Kugel getroffen zu werden. Dann, mit einem letzten verzweifelten Satz rettete er sich ins Wasser.
Er hoffte, dass er dabei nicht auch noch die andere Kontaktlinse verlieren würde.
Schon nach wenigen Sekunden war Nathans Sauerstoffvorrat verbraucht, doch er hatte das gegenüberliegende Ufer noch lange nicht erreicht. Um ihn
herum schlugen die Geschosse der Chigs ins Wasser und er fragte sich, wann eine von ihnen ihn treffen würde.
Lange konnte er die Luft nicht mehr anhalten. Er drohte zu ersticken. Eine tiefvergrabene Erinnerung schwebte aus seinem untersten Bewusstsein
herauf - er hatte so etwas ähnliches schon einmal erlebt:
- "Schwester - wo bleibt das heiße Wasser?!", dröhnte eine laute Stimme . "Die Kleine ist fast draußen und sie trödeln hier herum!"
Alles war dunkel. Es war eng und jetzt konnte er am Ende des Tunnels einen Lichtpunkt erkennen, der immer größer wurde, je näher er ihm kam. Auf
einmal ging es nicht mehr weiter. Er steckte fest.
- "Mrs. West , Sie müssen schon pressen , sonst wird das heute nichts mehr! Oder haben Sie es sich doch noch anders überlegt? Das wäre wohl
etwas spät oder nicht?!"
Da war sie wieder - die tiefe Stimme. Sie klang jetzt näher als vorhin. Dann ging es weiter - auf das Licht zu . Da legte sich ihm etwas um den Hals und
drückte ihm die Luft ab.
- "Oh mein Gott, Doktor, sehen Sie sich das an! Die Nabelschnur hat sich um die Kleine verheddert!!"
Das war eine andere Stimme - schrill und piepsig.
- "Ja ja, ist ja schon gut Schwester. Nun werden sie mal nur nicht hysterisch! Geben Sie mir schnell die Zange her, ich mach' das schon!!", donnerte die
andere Stimme.
Der Lichtpunkt wurde nun von etwas Großem verdeckt. Kurz darauf schob sich etwas schrecklich Spitzes auf ihn zu. Das Ding an seinem Hals wurde
entfernt und er konnte wieder atmen. Dann wurde er an den Schultern gepackt und den Rest des Weges herausgezogen. Nun war er draußen. Er blickte
in die besorgten Augen der Krankenschwester, die ihn begutachtete. - "Doktor, das müssen Sie sich ansehen! Es ist ein Junge!!"
- "Was?? Zeigen Sie mal her, Schwester! Sind Sie sich ganz sicher?!!"
Ein anderes Gesicht mit einem weißen Bart und einer großen Brille schob sich in sein Blickfeld.
- "Wie ist das möglich? Der Gentest zeigte doch ganz eindeutig, dass es ein Mädchen werden würde! Aber was soll's, ein Junge ist doch auch nicht
schlecht oder Mrs. West? Es ist nur etwas ärgerlich, dass Sie das Kinderzimmer schon rosa angestrichen haben und dann die vielen Puppen und
Anziehsachen für Mädchen, aber sie werden ihm sicher gefallen!"
- "Ähh, Doktor, darf ich sie kurz unterbrechen?"
- "Ja , was ist denn schon wieder, Schwester?!"
- "Müsste sie, ähh ich meine natürlich er, jetzt nicht eigentlich schreien?"
- "Ja, nun stellen Sie sich mal nicht so an! Geben Sie ihm einen kleinen Klaps auf den Popo, dann wird er damit anfangen!" kam die dröhnende Antwort.
Er fühlte einen kurzen Schmerz irgendwo hinten, unten.
- "Ähh, Doktor, er schreit immer noch nicht ..." Die Schwester war völlig fassungslos.
- "Was?! Das ist wohl ein ganz harter Brocken, was?!"
- "Doktor, wenn ich auch mal etwas sagen dürfte ..." Eine andere Stimme - sehr leise.
- "Könnte ich meinen Sohn endlich mal sehen?"
- "Nicht bis die Angelegenheit hier zu meiner Zufriedenheit erledigt ist!"
- "Aber Doktor! Sie ist seine Mutter, sie hat das Recht dazu, ob Sie nun wollen oder nicht!"
- "Na wie Sie meinen, Schwester , aber eigentlich muss das Baby immer zuerst schreien, bevor es der Mutter übergeben werden kann!" dröhnte es
empört.
Das Blickfeld schwenkte um 180 °. Er sah nun eine dritte Person, die riesige Armen nach ihm ausstreckte. Das machte ihm schreckliche Angst. Er
schwebte durch die Luft, direkt darauf zu und so er tat das einzige um sich zu wehren: "AAAAAAAAHHH!!!!"
Der Schrei hallte durch das Zimmer, durch die Gänge, durch das ganze Krankenhaus. Der Doktor grinste breit. Die Krankenschwester lächelte selig.
Und Mrs. West verkündete stolz: "Ich werde ihn Nathan nennen."
24 Jahre 3 Monate und 45 Minuten später tauchte Nathan prustend aus dem Wasser. Er sprang regelrecht in die Höhe und lag einige Sekunden
erschöpft und nach Luft schnappend am Ufer. Wären da nicht die störenden Granatenexplosionen gewesen, er wäre sofort an Ort und Stelle
eingeschlafen. Da ihm dies nun leider nicht vergönnt war und er nicht unbedingt jetzt schon sterben wollte, erhob er sich entnervt und trat seine Flucht in
Richtung Felsen an. Neben ihm gingen die Granaten nieder. Es lag wohl eher an seinem Glück als an seinem Können, dass er von keiner einzigen
getroffen und zerfetzt wurde. Doch plötzlich verließ ihn sein Schutzengel (anscheinend hatte er anderswo etwas besseres zu tun ...) und die Druckwelle
eines Geschosses riss ihn von den Füßen. Er stürzte einen kleinen Abhang hinunter und blieb hinter einem Felsen liegen. Sein Gewehr war im Eimer,
frustriert warf Nathan es weg und ergab sich seinem Selbstmitleid. Als er damit fertig war, schaute er nach oben. Er sah eine gewaltige Staubwolke, die
sich gerade legte. Doch das war nicht alles!
Eine Gestalt stand auf dem großen Felsen direkt über ihm, sie sah wie eine Frau aus ...
KRAWUMMMM!!!
Eine weitere Granate schlug in seiner Nähe ein und Nathan duckte sich mehr oder weniger instinktiv. Als er wieder nach oben sah, war dort niemand
mehr. Vielleicht hatte er sich auch nur alles eingebildet (wäre ja nicht das erste Mal gewesen ...). Trotzdem war es sehr beunruhigend für Nathan. Man
konnte ihm vieles nachsagen, aber nicht, dass er verrückt war. Er nickte für kurze Zeit ein.
Das Bombardement begann von vorn und er wurde gewaltsam aus dem Schlaf gerissen. Er schaute auf die Uhr: 12:40.
Sch *** !! Er hatte die Abflugszeit verpennt, nun musste er erst einmal einen neuen Termin ausmachen. Er zog sein MFK-Gerät aus der Tasche und
suchte dann nach seinem Spickzettel. Leider konnte er ihn nicht mehr finden, auch nicht, als er alle Taschen durchgekramt hatte! Oh-oh, dachte Nathan.
Das gibt Ärger. Ich muss ihn wohl vorhin bei meinem Sprung verloren haben, zusammen mit meiner Kontaktlinse.
Eine Granate schlug unmittelbar hinter ihm in den Boden und erinnerte Nathan daran, sich schleunigst aus dem Staub zu machen. Das tat er dann auch
und keine Sekunde zu früh, denn an der Stelle, wo er sich noch kurz zuvor befunden hatte, war nun ein rauchender Krater. Das überzeugte Nathan
weiterzulaufen. Er legte den gleichen Weg wie vorhin zurück.
Diese Hetzerei erinnerte ihn an seine glorreiche Zeit in der Footballmannschaft "Flinke Wiesel" seiner Grundschule, in die ihn sein vom Sportsgeist
verblendeter Vater hineingebracht hatte. Eine Rede seines Trainers war ihm ganz besonders im Gedächtnis haften geblieben:
"Guten Morgen. Heute ist der 1. Januar 2051. Frohes Neues Jahr. Ihr seid jetzt seit 3 Monaten in meiner Obhut und bereit für die Meisterschaft. Ich als
euer Trainer bin zufrieden mit euch. Football zu spielen, bedeutet frei zu sein. Frei von der Last des Alltags. Die Qual der zwanghaften Unterdrückung
von Aggressionen wird euch abgenommen. Die "Flinken Wiesel" müssen nur reagieren. Reagieren, wie ich und die gesamte Schule es von euch
erwarten. Wir lieben euch - wenn ihr gewinnt! Eines Tages wird es so weit sein und ihr werdet jene besiegen, die dem Ruf unserer Schule Schaden
zufügen wollen: die "Summenden Hummeln", die "Harten Betonklötze" und andere subversive Elemente. Jetzt beginnt der heutige Theorieunterricht. Es
gibt 687 Methoden, einen Touchdown zu erreichen. Methode Nr. 1: ..."
Als der Granatenbeschuss endete, hatte Nathan ein paar Felsen erreicht. Er dachte, er wäre in Sicherheit, doch dann sah er, wie sich ein Chig seiner
Position näherte. Er überlegte hastig, was zu tun sei. Vor seinem geistigen Auge zog eine Vision vorbei, in der er sich aus dem Hinterhalt auf den Chig
stürzte, auf seinen Rücken sprang und ihm mit einem kräftigen Ruck das Genick brach. Nathan schüttelte dieses Bild ab.
Diese Vorgehensweise war nicht sein Stil, schließlich hieß er nicht Cooper Hawkes. Er würde das machen, was er immer tat, wenn es brenzlig wurde:
sich verstecken und die Luft anhalten.
Seine Taktik war erfolgreich - der Chig ging vorüber, ohne ihn zu bemerken. Aber weitere Feinde kamen in Sichtweite, mit ihren Lampen durchsuchten
sie das Gelände. Nathan fiel ein, dass er gar keine Waffe mehr hatte. Die einzige, die sich in seiner Reichweite befand, war die M-590 von Colquitt.
Also machte er sich auf den Weg zu dessen Grab. Dort angekommen, wühlte er sich durch den Waldboden und nahm die Waffe an sich. Als er
aufstehen wollte, fühlte er einen grässlichen Schmerz in seinem verstauchten, rechten, kleinen Zeh, so dass er stöhnend zusammenbrach.
Auf einmal fühlte sich Nathan beobachtet. Er schaute sich um und entdeckte einige Meter weiter auf einem Felsen eine geheimnisvolle Gestalt, die auf
ihn zu warten schien. Wie von ihr hypnotisiert erhob er sich und schwankte zu ihr hin.
Nathan war verblüfft von ihrer Ähnlichkeit mit Kylen. Okay, sie sah nicht mehr ganz frisch aus, aber es war schon mal besser als gar nichts. Nun begann
sie auch noch, ihn verführerisch zu sich zu locken. "Komm zu mir!" forderte sie ihn auf und Nathan gehorchte. Er bewegte sich die kleine Anhöhe hinauf
und streckte seine Hand nach ihrer Hand aus. Beide Hände näherten sich und befanden sich nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt. Dann
geschah das Unglück: Nathan rutschte ab und fiel auf die Nase. Als er wieder zu sich kam, war die holde Erscheinung verschwunden.
Na ja, was soll's, dachte Nathan. Vielleicht kommt sie noch mal wieder.
Er ging zurück zu Colquitts Grab und griff nach dem Gewehr. Dann bewegte er sich zu der Stelle, wo er den Spieker und die Linse vermutete. Schon von
weitem bemerkte er die zwei Chigs, die dort herumstanden. Einer von ihnen hielt einen Zettel in seinen vorderen Extremitäten, der andere leuchtete mit
seiner Taschenlampe in der Gegend herum.
Nathans Kopf rauchte vor Zorn.
Er durfte nicht zulassen, dass der Feind die Codes kannte! Er würde keine Gnade walten lassen und alle zwei umlegen!!
Er pirschte sich lautlos an die Chigs heran, zielte und feuerte. Drei Schüsse - drei Treffer! Keiner war verwunderter als Nathan selbst. Er sah überrascht
auf seine M-590 hinunter.
Hey, cool!! dachte er. McQueen wäre stolz auf mich! So eine gute Trefferquote hatte ich noch nie! Zu dumm, dass das hier eine Geheimmission ist, jetzt
kann ich niemandem davon erzählen...
Nathan näherte sich vorsichtig den Chigs und griff nach dem Zettel, der immer noch in der Hand des einen lag. Zufrieden steckte er ihn sich wieder in die
Brusttasche. Dann machte er sich auf die Suche nach seiner Kontaktlinse. Nach einer halben Stunde hatte er sie endlich gefunden - seine Erleichterung
war groß. Nathan setzte sie sich ein und konnte wieder sehen.
Nun kam die zweitwichtigste Sache an die Reihe: die Abfrage neuer Koordinaten für den Abzug. Das Gerät zeigte an, dass der Satellit außer Reichweite
sei. So ein Pech aber auch! Nathan war ordentlich sauer.
Und die Sonne ging auch bald auf! Er suchte sich schnell im Dunkeln ein gutes Versteck, um dort den Tag zu verbringen. Er fand eine ideale Stelle und
machte es sich dort bequem. Er beobachtete, wie die Sonne langsam im Süden aufging und den Himmel mit einem zarten Rosa färbte. Wie romantisch!
dachte Nathan. Sein Herz wurde schwer und er musste wieder an Kylen denken. Mit ihr zusammen hatte er sich viele Male den Sonnenauf - und
-untergang angesehen.
Dann schweiften seine Gedanken zu der vorletzten Nacht, als er sich aus dem Quartier der WildCards herausgeschlichen hatte, um auf die
Geheimmission zu gehen:
Er hatte zu dem laut vor sich hinschnarchenden Paul geschaut, dann zu Shane. Coopers Bett war leer gewesen, er spielte anscheinend immer noch
Poker mit McQueen. Nathan hatte die Tür seines Spinds so leise wie möglich geschlossen, um keinen aufzuwecken. Er hatte kein Glück. Shane war
wach geworden und hatte ihm einen halb verschlafenen, halb vor Zorn brodelnden Blick zugeworfen. - "Hey West, kannst du nicht einmal ruhig sein,
wenn du nachts auf's Klo gehst?! Es gibt nämlich Leute, die wollen schlafen!"
Nathan hatte etwas zu seiner Verteidigung erwidern wollen, aber Shane war bereits wieder eingeschlafen. So hatte er nur die Achseln gezuckt und sich
auf den Weg zum Abflugdeck gemacht.
Die Erinnerung verschwand, denn auf einmal hatte Nathan ein merkwürdiges Gefühl: Etwas krabbelte und juckte unter ihm . Es war nun hell genug, dass
er erkennen konnte, auf was er sich niedergelassen hatte. Ein Ameisenhügel! Und er saß genau in seinem Zentrum!
Plötzlich erschien ein großer Vogel am Himmel. Er schwebte direkt über ihm und stieß einen markerschütternden Schrei aus. Nathan schaute zu ihm
hinauf.
Er verspürte plötzlich einen unbändigen Hunger, schließlich hatte er seit etwa 27 Stunden nichts mehr gegessen. Vielleicht schmeckte ja der Vogel da
oben, überlegte Nathan. Er hatte schon seit Monaten kein frisches Fleisch mehr gehabt. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Selbst wenn er seine
Feldrationen nicht vergessen hätte, hätte er keinen Appetit darauf gehabt. Das Essen bei den Marines hing ihm zum Hals heraus - und das bereits seit
dem Tag, wo er ins Corps eingetreten war.
Das erinnerte ihn an ein Erlebnis, viele Jahre zuvor, als er noch ein kleiner Junge gewesen war:
- "Nun stell' dich mal nicht so an, Nathan! Du bist doch schon 13 Jahre alt und kein kleiner Junge mehr!" Die Stimme seines Vaters.
- "Und es ist doch nur für zwei Wochen! Andere Kinder wären froh , wenn sie nach Little Rock in ein Pfadfinderlager fahren könnten!" Die Stimme seiner
Mutter.
- "Aber ich will das nicht! Weil da muss ich im Zelt schlafen und da gibt's immer so komische Sachen zu essen. Ich habe gehört, dass das dort noch
schlimmer sein soll als das, was sie uns immer in der Schulkantine vorsetzen! Und wenn ich deswegen eine Lebensmittelvergiftung bekomme, dann ist
das alles eure Schuld, so!"
Nathan hatte getan, was er konnte, um seinen Eltern Angst zu machen und um sie davon zu überzeugen, dass das Pfadfinderlager sein Tod wäre. Aber
es hatte nichts genutzt. Und so kam es, dass er sich mitten im Wald wiederfand und am Abend seines ersten Tages im Lager durch eine kleine Öffnung
des Zeltes in den Nachthimmel schaute.
Am nächsten Tag sollte er zum ersten Mal das Mittagessen begutachten können. Seine schlimmsten Erwartungen wurden sogar noch übertroffen.
Nathan ließ den halbflüssig-halbfesten Brei mit der undefinierbaren Farbe über seinen Löffel gleiten und beobachtete angewidert, wie er brockenweise
langsam auf seinen Teller fiel. Klatsch! Klatsch! Klatsch!
Durch diese seinem Alter nicht entsprechende Verhaltensweise handelte sich Nathan einen strafenden Blick von seinem "Gruppenerzieher" ein - ein
großer Mann mit bulliger Statur und grimmigen Gesichtsausdruck - er wurde von allen hinter seinem Rücken "Chesty" genannt - der jede Bewegung
seiner "Schützlinge" genau beobachtete, um jede Abweichung von der Norm schwer zu ahnden.
Hier kommt man sich ja vor wie im Knast! dachte Nathan ärgerlich. Und das da ist der Aufseher über die Gefangenen!
Sein Ärger über das Essen und darüber, dass er erst aufstehen und spielen gehen konnte, wenn er alles aufgegessen hatte, wuchs und wuchs.
Jetzt reicht's! dachte er noch. Ich lass‘ mir das nicht länger bieten!
Mit einem lauten Klimpern ließ Nathan demonstrativ seinen Löffel fallen. Alle anderen Jungen drehten sich nach ihm um und hielten dann die Luft an.
Als sie sahen, dass Chesty aufgestanden war und sich in Nathans Richtung bewegte, senkten alle den Kopf und aßen leise weiter. Die plötzliche Stille
war erdrückend.
Nathan hob seinen Arm.
Chesty baute sich bedrohlich vor ihm auf und blickte finster auf ihn herab. "Ja?"
Nathan ließ sich nicht einschüchtern und stellte die Frage, die ihm auf dem Herzen lag.
"Aufseher - Wer überwacht das Essen?"
Chesty runzelte die Stirn. Er war irritiert von dem Wort "Aufseher" und er konnte sich nicht entscheiden, ob es ein Kompliment oder eine Beleidigung war.
Dann beantwortete er die eigentliche Frage. "Ich überwache das Essen." Stolz und Würde schwangen in seinem Tonfall mit.
"Und wer überwacht Sie?" wagte Nathan zu fragen.
Chesty's Stirnrunzeln vertiefte sich. Das war eindeutig eine Beleidigung. Dieser kleine Wicht vor ihm stellte nämlich seine Kompetenz in Frage. Er blickte
schnell in die Runde, um zu sehen, ob jemand von den anderen Jungs es wagte zu kichern oder einen Kommentar abzulassen. Da das nicht der Fall
war, konzentrierte er sich auf Nathan und überlegte, was er mit ihm anstellen sollte, um ihm ein bisschen Respekt vor seiner Person einzubläuen ...
Oh, diese verdammten Ameisen! fluchte Nathan leise vor sich hin.
Wie war es überhaupt möglich, dass es solche Viecher auf einem Planeten, so viele Lichtjahre von der Erde entfernt, gab?
Doch bevor er denken konnte, dass das das Schlimmste war, was ihm passieren konnte, sah Nathan direkt vor seiner "Position" eine Chigwaffe vor sich
hin - und herschwenken. Das hielt ihn davon ab, sofort aufzuspringen und die riesigen Ameisen schreiend von sich abzuschütteln. Stattdessen richtete
er seine Waffe auf den Chig und zielte. Der Feind bewegte sich einige Schritte von ihm for , Nathans Gewehrlauf folgte ihm. Der Chig schaute im
Augenblick nach oben zu dem immer noch herumfliegenden Vogel. Nathan tat es ihm gleich.
Vielleicht gingen dem Chig die gleichen Gedanken über das Thema Vogel = Essen durch den Kopf, denn er hatte es auf einmal eilig wegzukommen und
sich dem Vogel zu nähern.
Nathan hätte ihn nun leicht erschießen können, aber er tat es dann doch nicht, denn das Risiko, dass seine Waffe wieder Ladehemmung hatte, war zu
hoch und außerdem entschwand der Chig bereits aus seiner Sicht, so schnell war er.
Nathan konnte endlich sich eine andere, weniger gefährliche Stelle suchen, wo er den Tag verbringen konnte - und zwar ohne Ameisen. Als er es sich
ein paar hundert Meter weiter bequem gemacht hatte, begann er wieder in Erinnerungen an seine Kindheit zu schwelgen. Wo war er stehen geblieben?
Ach ja, bei Chesty und wie dieser sich eine Strafe für ihn ausgedacht hatte:
Klein-Nathan wurde aus dem Speisesaal geführt - mit seinem vollen Teller in der Hand - und ins Zelt gebracht. Dort hielt ihm Chesty eine Rede, die
ziemlich lang und langweilig war, aber im Wesentlichen aussagte, dass er Zeltarrest hätte, bis er sein Essen aufgegessen habe und dass er nichts
anderes bekommen würde, um seinen Hunger zu stillen. Dann war Chesty aus dem Zelt gestampft und hatte ihn allein gelassen - in dem
unerschütterlichen Glauben, dass der kleine Bengel es nicht wagen würde davonzulaufen.
Nathan dachte nicht daran, den Brei aufzuessen, aber verhungern wollte er auch nicht. Zuerst versuchte er, sich abzulenken, in dem er ein Buch über
das "Anlegen von Gartenteichen" las.
Doch schon nach 3 Stunden konnte er nicht mehr das fordernde Knurren seines Magens überhören. Er schlug das 500-Seiten-Buch zusammen und
überlegte, was zu tun sei. Er blickte aus der Fensterklappe des Zeltes und sah, dass die Sonne bereits unterging. Schon kurz darauf war es dunkel und
die ersten Sterne erschienen am Himmel. Ein kleiner Schatten erschien vor der Zeltwand, kurz darauf wurde ein Zettel unter Wand durchgeschoben.
Nathan hob ihn auf, entfaltete ihn und las neugierig: "Ich habe gehört, wie sich die Erzieher unterhalten haben. Sie betrachten dich als krankhaft verzogen.
Du sollst einer radikalen Essenskur unterzogen werden."
Es war dunkel geworden. Es war Zeit, einen neuen Versuch zu starten, den Satelliten anzupeilen. Doch das MFK-Gerät zeigte erneut: Keine Antwort.
Satellit außer Reichweite.
Nathan schaute auf die Uhr: 1:45. Es war genau die gleiche Zeit wie damals, als er ...
... eben unter der Zeltwand durchkriechen wollte, um sich aus dem Staub zu machen, als ein riesiger Schatten erschien, der sich als Chesty
herausstellte. Dieser machte ein harmloses Gesicht, so als ob er nichts Böses im Schilde führte. Doch Nathan wusste es besser. Er schaute Chesty
fragend an und hörte seine einfallslose und überhaupt nicht überzeugende Erklärung: "Wir haben Anzeichen einer Erkältung festgestellt. Du hast einen
Termin für die ärztliche Untersuchung."
Er trat einen Schritt zur Seite, um Nathan Platz zu machen.
"Hier entlang," sagte er und deutete in die Dunkelheit.
Nathan tat, was er wollte und ging voran. Ihr Weg führte sie zum Speisesaal.
Sehr verdächtig. Sie betraten das Gebäude und Chesty führte ihn zu einem der Tische. Auf ihm stand eine riesige Schüssel mit verklumpten Brei.
Daneben lag eine Gabel. Nathan wollte sich sofort umdrehen und weglaufen, doch Chesty packte ihn fest am Kragen und schleifte ihn zum Tisch.
"So, mein Kleiner, jetzt ist Schluss mit lustig! Du wirst das alles aufessen und wenn es das letzte ist, was du tust!"
Er pflanzte Nathan auf den Stuhl und zwang ihn, die Gabel in die Hand zu nehmen.
"Du isst das jetzt auf!" wiederholte Chesty drohend, als er sah, dass Nathan keine Anstalten machte, seinen Anweisungen zu folgen.
"Nein, ich esse das nicht!" weigerte sich Nathan unerschütterlich. Chesty lief vor Wut bereits dunkelrot an. Kein gutes Zeichen.
Nathan erkannte, dass seine einzige Chance sich zu wehren darin bestand, Gewalt anzuwenden.
Er verstärkte seinen Griff um die Gabel und stieß sie mit voller Kraft in Chesty's Hand, die dieser unvorsichtigerweise auf dem Tisch ruhen ließ. Nathan
traf sein Ziel. Ein jaulender Schrei hallte durch den Speisesaal.
Aus Chesty's Hand ragte die Gabel hervor. Er ließ Nathan los und lief vor Schmerz halb wahnsinnig davon. Nathan lächelte zufrieden. Das hätte er schon
viel eher machen sollen, dachte er.
Dann nutzte er die Gelegenheit, um in die Speisekammer einzubrechen und sich richtiges Essen zu besorgen. Dann verließ er eilig den Saal. Er
wanderte durch das gesamte Lager, bis er den Ausgang fand.
Das Tor war verschlossen, doch er kletterte flink hinüber und - befand sich in Freiheit. Nathan entfernte sich immer weiter vom Stacheldrahtzaun und
mampfte glücklich die Schokolade und die Cracker, die er in der Kammer gefunden hatte, vor sich hin ...
Nathan erwachte aus dem Schlaf und blinzelte in die Sonne. Der neue Tag war bereits angebrochen. Sein Magen knurrte ...
Plötzlich packte ihn etwas - zwei Hände - am Kopf und zwangen ihn in eine andere Richtung zu blicken. Der Grund war offensichtlich: Chigs! Und zwar
eine ganze Menge!
Sein Kopf wurde zur anderen Seite gedreht. Dort bot sich Nathan der gleiche Anblick. Er war so gut wie umzingelt!
Er drehte den Kopf aus eigenem Antrieb, um zu sehen, wer sich hinter ihm befand. Es war Kylen - der Kylen-Zombie, verbesserte sich Nathan.
Nichtsdestotrotz versuchte er, sie zu küssen, schließlich hatte er schon lange nicht mehr die Gelegenheit dazu gehabt. Doch sie drehte ihren Kopf weg,
so dass er sie nicht erreichen konnte. Sie lachte ihn aus - und dann war sie auf einmal verschwunden, wie ein Traum beim Erwachen.
Nathan sah die Chigs heranrücken und machte sich kampfbereit. Er legte ein neues Magazin in seine M-590 ein, entsicherte die Waffe und nahm eine
seiner Zielsuchgranaten in die Hand. Er entfernte den Zünder und zählte langsam bis drei. Dann warf er die Granate in die eine Richtung, schwenkte um
180 ° und feuerte auf die andere Chiggruppe. Währenddessen entfaltete die geworfene Granate ihren Flugmechanismus und bewegte sich zielstrebig
und mit erhöhter Geschwindigkeit auf die vor ihr weglaufenden Chigs zu. Sie traf sie erfolgreich von hinten, alle waren tot.
Nathan war mit den anderen Chigs beschäftigt. Er feuerte in ihre Richtung, doch bereits nach wenigen Schüssen klemmte sein Gewehr wieder und so
lief er, was das Zeug hielt, um aus der Reichweite des Feindes zu kommen.
Nach einigen Minuten hatte er eine genügend große Strecke hinter sich gebracht und blieb hinter ein paar Felsen stehen, um zu verschnaufen. Da seine
Waffe nutzlos war und er sich nicht mit überflüssigem Gepäck belasten durfte, versteckte er sie im hohen Gras.
Dann lief Nathan weiter durch das steinige Gelände. Als er um die Ecke eines besonders großen Felsens bog, entdeckte er dort zu seinem Schrecken
einen Chig. Anscheinend war dieser noch überraschter als er, denn er reagierte zunächst nicht. Nathan stand immer noch wie gebannt da.
Dann hörte er das pfeifende Geräusch einer sich nähernden Granate, einer Granate, die sich seiner Position näherte, um genau zu sein. Er ging in
Deckung und rutschte durch diese hastige Bewegung den steilen Abhang hinab. In seiner Verzweiflung klammerte er sich an das Erstbeste fest, das er
mit seinen beiden Händen erreichen konnte: die Beine des Chigs!
Doch Nathan rutschte trotzdem unablässig weiter nach unten - der Chig ebenfalls. Er wusste gar nicht, wie ihm geschah. Die Granate schlug ein und ein
Staub- und Geröllregen prasselte auf sie nieder. Als er sich gelegt hatte, rappelten sich beide - Freund und Feind - auf, um sich gegenseitig zu töten. Sie
wurden von einer weiteren Granate gestört, die in ihrer Nähe niederging.
Nachdem sich wiederum der Staub gelegt hatte, starrten sich beide an. Nathan hatte noch nie einen lebendigen Chig aus so geringer Entfernung
gesehen. Dem Chig ging es wahrscheinlich ähnlich in Bezug auf Menschen, denn er rührte sich immer noch nicht. Nathan hatte seine Betrachtungen
beendet und war zu dem Schluss gekommen, dass alle Chigs hässlich seien und tierisch stinken - er wusste es nicht, aber der Chig dachte das gleiche
über ihn und die Menschen. Er wollte sicher gehen, dass dieser Mensch ihm vom Leib blieb, deshalb streckte er bittend seine beiden Hände vor sich.
Nathan glaubte zu verstehen: Der Feind war zu einen Waffenstillstand bereit - wenigstens zwischen ihnen beiden.
Der Chig wollte dem Menschen ein Geschenk geben, so wie es bei ihnen üblich war, wenn sie jemanden nicht leiden konnten und denjenigen loswerden
wollten. Nathan nahm den kleinen Teil des Chigpanzers entgegen, der ihm entgegengehalten wurde und überlegte fieberhaft, was er dem Chig im
Austausch geben konnte. Er öffnete eine kleine Tasche an seinem Hosenbein und zog seufzend seinen Kylenanhänger heraus. Er wollte sich gar nicht
von ihm trennen. Es war schon schwer genug gewesen, den anderen Anhänger an Wang und danach an McQueen wegzugeben, aber es musste sein.
Na ja , wenigstens hatte er noch genug andere Kylenanhänger - für jeden Wochentag einen.
Nathan seufzte noch einmal und reichte dem Chig den Anhänger. Dieser sah ihn sich an, unschlüssig, was das Ding sein sollte und vor allem, wo er es
in seinen Panzer stecken sollte, da er nirgends Taschen hatte. Schließlich behielt er ihn einfach nur in der Hand. Nathan fand, dass er sich schon viel zu
lange mit dem Chig verständigt hatte, deswegen deutete er mit seinem Zeigefinger in die Richtung, in die er gehen sollte. Bei seinem Hund zu Hause
hatte das jedenfalls immer funktioniert. Nun zeigte er auf sich und dann die entgegengesetzte Richtung. Der Chig verstand und machte sich unverzüglich
auf den Weg. Braver Chig, dachte Nathan, bevor er sich ebenfalls erhob und weiterlief.
Er befand sich bald wieder in einem Waldstück und stolperte andauernd über irgendwelche Zweige und Baumstämme, die dort herumlagen. Das
wiederum entfachte die Schmerzen in seinem verstauchten, kleinen, rechten Zeh erneut.
Deshalb sah sich Nathan genötigt anzuhalten, seinen Erste-Hilfe-Kasten hervorzuholen und nach einer weiteren Spritze zu suchen. Kurz darauf fiel ihm
ein, dass er das schon einmal getan und keine gefunden hatte.
Na ja, dann probiere ich mal diese Pillen, die werden schon gegen die Schmerzen helfen.
Er nahm zwei Tabletten und schluckte sie hastig hinunter.
Hmm, lecker - die schmecken ja nach Erdbeeren.
Nathan war angenehm überrascht und nahm gleich noch eine Handvoll mehr davon. An seinen kleinen Zeh dachte er nun nicht mehr.
Auf einmal hörte er ein Knacken im Wald. Er erstarrte und lauschte aufmerksam. Das Geräusch wiederholte sich. Es bestand also kein Zweifel - eine
Chigpatroullie!
Nathan hatte die glänzende Idee, eine Falle zu bauen, er hatte so etwas schon einmal in irgendeinem Film gesehen. Es war ganz einfach. Er brauchte
nur etwas Spitzes ...
Leider hatte er nicht genug Zeit, aus einem Ast eine Art Speer zu schnitzen, aber er hatte zum Glück noch die gebrauchte Spritze, denn er hatte es nicht
übers Herz gebracht, sie wegzuwerfen. Nathan baute schnell alles zusammen und befestigte die Nadel ganz oben an seiner Vorrichtung. Zum Schluss
betrachtete er noch einmal alles und beglückwünschte sich im Stillen für seine Genialität. Jetzt musste er noch die Chigs in seine Richtung locken, denn
sonst wäre alles umsonst gewesen.
Nathan hustete halblaut vor sich hin, es war wie ein Räuspern: "Arrhhmmm".
Und es half - die Chigs bewegten sich zu ihm. 23 Sekunden später erreichten sie die Stelle und der erste Chig wurde Opfer von Nathans Falle. Er stürzte
tot zu Boden, die Spritze im Rücken. Zwei Chigs blieben noch übrig.
Nathan bekam es mit der Angst zu tun. Er lief ein Stück, bis zu einem kleinen Bach, der ganz in der Nähe vorbeifloss. Ein Chig folgte ihm und stolperte
zufällig über eine Wurzel, so dass er mit dem gesamten Körper in das vorbeiströmende Wasser fiel. Er fing an zu röcheln und bewegte sich wie in
Krämpfen. Dann lag er still, während ihm grüner Schleim aus den beiden Öffnungen am Kopf hervorquoll.
Oh man, ist das eklig! , dachte Nathan und rümpfte die Nase, weil der tote Chig stank. Dann fiel ihm ein, dass er sich noch um den anderen Chig
kümmern musste. Dieser war gerade dabei zu fliehen, doch Nathan erkannte, dass es der gleiche Chig war, den er vorhin getroffen hatte. Er hielt
nämlich immer noch den Kylenanhänger in der Hand. Nathan hatte es schon längst bereut, ihm seinen Anhänger gegeben zu haben.
"Hey du, bleib gefälligst stehen!" schrie er ihm hinterher. Der Chig hörte dieses grässliche, laute Geräusch, das in seinen Ohren dröhnte und blieb
augenblicklich stehen. Langsam drehte er sich um und erkannte ebenfalls, wen er vor sich hatte.
"Ach nö, nicht der schon wieder!" dachte er ärgerlich. Nathan hatte ihn mittlerweile erreicht und streckte seine Hand nach dem Anhänger aus. Der Chig
verstand zunächst nicht, warum dieses Alien ihn mit seiner kleinen fünffingrigen Hand berühren wollte und wich angewidert zurück. Dann folgte er dem
Blick des Dings und war erleichtert.
Also das ist es, was du, willst, dachte er erleichtert.
Er war froh, dass er dieses merkwürdige Etwas loswerden konnte und übergab es bereitwillig an Nathan. Dieser schloss überglücklich seine Hand um
seinen geliebten Kylenanhänger und nahm nichts mehr von seiner Umgebung wahr. Der Chig nutzte die Gelegenheit und verschwand im Wald.
Es wurde dunkel und Nathan stand immer noch da, in die Betrachtung seines Anhängers versunken. Nun war es vollkommene Nacht geworden, die
Sterne leuchteten am Himmel.
Nathan hatte auf einmal wieder das Gefühl, beobachtet zu werden und blickte zum ersten Mal seit Stunden auf. Direkt vor ihm stand - Kylen. Seine
Gebete waren erhört worden.
Doch dieses Kylenabbild war nicht an ihm oder seinen Wünschen interessiert, sondern trat ein Stück beiseite und zeigte mit der Hand nach oben.
Nathan schaute in diese Richtung. Ein Chigbomber war eben im Begriff, in seiner unmittelbaren Nähe zu landen. Sie drehte sich um zum Gehen, denn
sie hatte ihre Aufgabe - ihn zu warnen - erfüllt, doch Nathan war damit absolut nicht einverstanden und hielt sie mit seinem Arm zurück. Plötzlich und
völlig unerwartet piepste sein MFK-Gerät. Er verdrehte entnervt die Augen. Musste das denn ausgerechnet jetzt damit anfangen! dachte er ärgerlich.
Unwillig zog er es hervor, Kylen dabei nicht aus den Augen lassend. Auf der Anzeige war zu lesen: Abzug bei 205643 um 18:42.
Na wenn das alles ist ... Nathan sah wieder zu Kylen und klammerte sich an sie. Sie versuchte, von ihm loszukommen, doch es war aussichtslos. Beide
waren auf den Boden gefallen und Nathan drückte sie mit seinem Gewicht auf den Boden. Er wollte sie küssen, aber sie wich ihm immer mit dem Kopf
aus, indem sie ihn von einer Seiten zur anderen drehte. Dann hatte sie genug und löste sich einfach in Luft auf. Nathan war maßlos enttäuscht, doch
noch nicht ohne Hoffnung.
"Ich werde dich wiedersehen!" flüsterte er fest vor sich hin.
Er stand auf und klopfte sich den Sand von seiner Hose. Er schaute sich ein letztes Mal um, um sie vielleicht noch einmal zu entdecken. Da diese
Hoffnung nicht erfüllt wurde, machte er sich auf den Weg zu den angegebenen Koordinaten.
Eine halbe Stunde später stand er in voller Taucherausrüstung vor dem Gewässer, das er vor zwei Tagen zusammen mit Colquitt - möge er in Frieden
ruhen - durchquert hatte.
Nathan holte die Entlassungsurkunde aus einer seiner Taschen heraus und betrachtete sie nachdenklich. Ein heftiger Windstoß riss ihm das Papier aus
den Händen.
Das kann doch wohl nicht wahr sein!
Nathan war entsetzt. Er versuchte vergeblich, dem Papier hinterherzulaufen und es wieder einzufangen, doch es war bereits aus seiner Sicht
verschwunden und Gott-weiß-wohin geweht worden. Nathan dachte daran, sich an Ort und Stelle hinzusetzen und wegen seines Verlustes loszuheulen,
aber er riss sich noch einmal zusammen und beschloss, sich wie ein Marine zu verhalten. Es blieb ihm auch nichts anderes übrig, denn Dank dieses
blöden Windes durfte er noch einige Zeit länger im Corps bleiben. Er hatte keine Ahnung, wie er das überstehen sollte - bei dem Essen!
Nathan stand nun wieder am Wasser, überlegte noch einen Augenblick und stürzte sich dann mutig in die Fluten. Eine Weile tanzten die Wellen noch auf
dem Wasser, doch nach und nach beruhigte sich die dunkle Wasseroberfläche und lag zum Schluss still wie zuvor.
Nur die zwei Monde von Tigris spiegelten sich deutlich auf ihr ...
- ENDE -
Claudia Silberborth
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Die Charaktere
und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen
Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und
basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei
erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above & Beyond"
von Glen Morgan und James Wong überein.
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