Dunkle Zeiten
Lautlos glitt der Transporter durch den Derian Sektor. Ohne Begleitschutz, da diese Region als sicher eingestuft wurde. Seine Ladung bestand aus
hochentwickelten technischen Geräten, zur vorzeitigen Ortung von Feindschiffen. Diese wurde auf der
U.S.S. Georgia für Testläufe erwartet. Außerdem
transportierte er zwei Passagiere. Lt. Hank Wilson und Lt. Jay Montgomery. Beide gehörten dem Sondereinsatz-Kommando von Lt. Colonel Richard
Fields an.
Jay drehte sich zum x-ten Mal in der engen Koje um. So sehr sie es auch versuchte, sie konnte einfach nicht einschlafen. Ihr Blick wanderte durch den
kleinen Raum. Es befanden sich in diesem Transporter nur vier Betten. Er wurde auch nur selten für den Transport von Personen genutzt. Was sich in
seiner Bequemlichkeit sehr deutlich zeigte. Das obere Bett war nur knapp einen Meter über dem anderen. Die Liegefläche war weich und man hing mit
dem Hinterteil ziemlich durch. Auch die Geräuschkulisse war nicht ohne. Der Raum befand sich nämlich in unmittelbarer Nähe der Düsentriebwerke und
auch das Geschnarche ihres Kameraden war nicht sehr hilfreich beim einschlafen. Ruhig und gleichmäßig ging Hank’s Atem, begleitet von seinen
Sägegeräuschen. Sie kannte den dunkelhaarigen Hünen jetzt schon seit fünf Jahren und auch in diesen harten Zeiten konnte er wirklich überall schlafen.
Normalerweise störte sie auch sein lauter Schlaf nicht, aber heute nervte er sie gehörig. Eigentlich nervte sie alles. Jay drehte sich dem kleinen
Guckfenster zu. Wie sie es hasste, nicht zu wissen, was das Ganze hier sollte. Weder Hank noch sie wurden über den Zweck und den Sinn dieser
Mission aufgeklärt. Die Crew an Bord konnte ihnen auch nicht weiter helfen. Was sollten die beiden nur auf der
U.S.S. Georgia? Warum holte man sie so
kurzfristig aus einem Training für einen Spezial Bodeneinsatz? Was hatte der Typ von Aerotech damit zu tun? Warum war er an Bord der
U.S.S.
McArthur gewesen? Warum wurden gerade sie beide ausgesucht? Ein unangenehmes Gefühl machte sich in ihrer Magengrube breit. Jedes Mal, wenn
einer von Aerotech auftauchte, bedeutete das Ärger und Probleme. Das ganze gefiel ihr rein gar nicht. Irgendetwas war da faul. Oder bildete sie sich das
nur ein? Vielleicht war sie schon paranoid. In der letzten Zeit hatte sie ja schon genug Schlimmes und Grausames erlebt. Nein, da war was im Argen und
dieser Berg von Mensch nahm gerade einen ganzen Wald auseinander. Wütend wandte sie sich Hank zu, wollte ihn gerade anschreien, dass er endlich
die Klappe halten sollte. Doch sie konnte nicht. Er sah so friedlich und zufrieden aus. Wie konnte der Kerl nur immer so ruhig schlafen? Das würde für
immer ein Rätsel bleiben. Wieder änderte sie ihre Position, legte sich auf den Rücken, die Arme hinter den Kopf verschränkt. Ihr Kreuz tat ihr schon weh.
Wie sehr sie sich ihr Bett in ihrem Quartier herbeisehnte. Nicht sehr breit, aber jedenfalls konnte man darin schlafen, ohne das einem alles schmerzte.
Seufzend schloss sie die Augen. Vielleicht half Schäfchen zählen. Doch schon wenige Minuten später gab sie entnervt auf. Sie bekam keine Schafe
zusammen, sondern wurde immer wieder aus der Konzentration gebracht. Dieses Schnarchen machte sie langsam aber sicher wahnsinnig. Noch eine
Minute länger und sie würde ihn erwürgen. Jay wollte gerade aufstehen, als ein harter Schlag gegen den Transporter sie tiefer in das Bett drückte. Noch
bevor sie es richtig begreifen konnte, sackte die Maschine nach unten und die junge Frau wurde unsanft gegen die Außenwand geschleudert. Hart schlug
ihr Kopf dagegen und Sekunden später umgab sie undurchdringliche Nacht.
U.S.S. Saratoga. Im Besprechungsraum saß das 58te und wartete auf Colonel McQueen. Sie sollten eigentlich einen Chig-Stützpunkt bombardieren,
wurden dann aber kurz vor dem Start zu einer neuen Einsatzbesprechung beordert. Nun warteten alle gespannt auf ihre neuen Befehle. Keiner sprach
ein Wort, alle hingen ihren Gedanken nach. Wang ging nun sicherlich schon zum tausendsten Mal die letzten Würfe beim Bears Spiel durch. Ihm kamen
immer wieder neue Varianten in den Sinn, mit denen sie das Match doch noch hätten gewinnen können. Er fing an, diese auf seinen Block vor sich zu
skizzieren. Vanessa beobachtete ihn dabei halb belustigt. Sie musste an gestern Abend denken, wie er da wütend war, weil seine Mannschaft haushoch
verloren hatte. Er war gar nicht mehr zu beruhigen. Vansen konzentrierte sich auf die Karte vor sich. Die Namen und Planeten verschwammen vor ihren
Augen. Sie sah ihre kleine Nichte. Ein kleines, süßes Baby. Obwohl, so klein war sie gar nicht mehr. Doch bis bei ihr die neuesten Bilder ankamen,
waren diese schon nicht mehr aktuell. Für diesen kleinen Erdenbürger hatte sie sich vorgenommen zu kämpfen. Egal was kommen würde, sie würde die
Kleine beschützen. West spielte gedankenverloren mit seinem Kugelschreiber. Seine Gedanken waren vollkommen leer und frei. Hawkes schloss seine
Augen. Er war noch nicht so ganz wach. In der letzten Zeit bekam er nicht viel Schlaf ab. Er musste über so vieles nachdenken, so viele Dinge die er
nicht verstand. Sein Leben hatte sich in den letzten Monaten so rapide verändert. Langsam versuchte er das Ganze zu verarbeiten. Was für ihn nicht
gerade leicht war. Er begriff so vieles einfach noch nicht so ganz. Schon begann er wieder zu grübeln, doch diesmal kam er nicht sehr weit, denn
Colonel McQueen betrat den Raum. Vanessa stieß ihn an. Ruckartig riss er seine Augen auf. Hoffentlich hatte der Colonel nicht gesehen, dass er fast
eingeschlafen war. Das würde ihm sicherlich nicht gefallen. Seine Leute mussten immer voll da sein.
Colonel McQueen wandte sich der Karte zu und betrachtete sie erst einmal eingehend. Dann drehte er sich zu seinem Schwadron, das ihn schon
gespannt betrachtete. Ihm war klar, das sie sich sicherlich wunderten, dass sie hier waren und nicht in ihren Jägern, um den Chigs Feuer unter dem
Hintern zu machen. Aber das, was gerade auf der Brücke an sie weiter übermittelt wurde, machte eine andere Mission wichtiger. Er wusste nicht, woran
das lag, aber ihn störte etwas an der Sache. Da war einfach etwas nicht in Ordnung. Sein Instinkt warnte ihn. "58. Sie haben einen Bergungsauftrag. Ein
Transporter mit wichtigen technischen Geräten ist abgeschossen worden. Wir können davon ausgehen, dass die Mannschaft den Absturz nicht überlebt
hat. Der Transporter wurde auf dem Planeten ‚Mios‘ geortet. Nach Satellitenaufnahmen ist der Transportbereich kaum beschädigt. Diese Geräte sind
sehr wichtig für uns. Es handelt sich um ein neues Radarsystem. Der Feind scheint es noch nicht bemerkt zu haben. Nun ist Ihre Aufgabe, den
Transporter zu sichern, die Geräte umzuladen und dann das Wrack zu sprengen. Sie haben nicht allzu viel Zeit. Denn es dauert sicherlich nicht mehr
lange, bis die Chigs den Transporter finden. Auf dem Planeten ist eine gashaltige Luft für den Menschen nur kurzfristig zum Atmen geeignet, sie
brauchen also ihre Sauerstoffmasken. Es geht ihn 10 Minuten bei Deck 11 los."
Commodore Ross stand auf der Brücke und begutachtete abwesend die Unterlagen in seiner Hand. Colonel McQueen trat zu ihm. "Die Wildcards sind
gestartet, Sir." "Gut. Noch haben sie kaum mit Problemen zu rechnen. Wollen wir hoffen, dass dies auch so bleibt." Ross schaute den Mann vor sich an.
"Was ist los, McQueen? Stimmt etwas nicht?" Ein leichtes Nicken war die Antwort.
"Commodore, ich weiß nicht was es ist, aber da ist etwas faul. Ich
spüre das." Ross sagte nichts dazu, aber er wusste was sein Freund meinte. Ihm gefiel die Sache auch nicht. Nein, da passte einiges nicht zusammen.
Vielleicht lag es auch daran, dass Aerotech die Finger im Spiel hatten und er keinem dort traute. Ein unangenehmes Gefühl breitet sich in ihm aus. Nein,
das gefiel ihm ganz und gar nicht.
Langsam näherte sich der Transporter mit dem 58ten den Zielkoordinaten. Mit Wucht setzte er auf und kaum waren die Türen offen, betraten sie den
Planeten. Nicht sehr freundlich und einladend präsentierte sich ‚Mios‘. Uneben mit hohen Felsen. Ein scharfer Wind zerrte an den
Marines, die sich in
dem trüben Wetter versuchten zu orientieren.
Vansen‘s Blick heftete sich an das Display ihres Ortungsgerätes. Der Transporter befand sich ca. 30 Meter von ihnen entfernt. Na, da hatten sie ja Glück.
Da musten sie die Geräte nicht so weit schleppen. Hoffentlich war das Zeug nicht allzu schwer. Der Wind machte es ihnen auch nicht gerade leicht und
dass sie Sauerstoffgeräte tragen mussten, war ebenfalls hinderlich. Sie trat zu den anderen. "Er ist ca. 30 Meter in nordöstlicher Richtung. West, du
übernimmst die Spitze, Hawkes du bist das Rücklicht. Bis jetzt wurde noch kein Feindkontakt gemeldet. Seid trotzdem äußerst wachsam." Ein kurzes
Nicken und sie marschierten los. Wenige Minuten später hatten sie ihn bereits erreicht. Die Satellitenmeldung war korrekt. Dem Transportbereich fehlte
nichts, dafür sah das Cockpit um so übler aus. Eigentlich war da gar nichts mehr. Das Schiff war mit der Schnauze nach vorne auf dem Planeten
aufgeschlagen. Der gesamte Pilotenbereich war zusammengedrückt worden. Es sah aus, als ob es nie einen gab. Ein großer Riss bedeckte eines der
Triebwerke. Konnte von einem Geschoss oder einem Asteroiden stammen oder von einer Explosion. Jedem vom 58ten fuhr ein Gedanke durch den
Kopf. Wie war das nur geschehen? Was hatte den Absturz verursacht?
West betrat als erster das Schiff. Sein Blick streifte durch den vorderen Laderaum. Dort lugte hinter einem Frachtcontainer eine Hand hervor. Vorsichtig
näherte sich West der Person. Als er um die Ecke sah, schrak er zusammen. Schnell zog er sich zurück, sein Gesicht war ganz blass. "Was ist los,
West?" Hawkes stand direkt hinter ihm. Kopfschütteln. "Nichts. Er ist tot. Los weiter." Nathan's Stimme war kratzig und rau. Hawkes warf nun ebenfalls
einen Blick auf die Leiche und verstand sofort, warum sein Kamerad zurückgewichen war. Der komplette Kopf war von einem kleineren Container
zertrümmert worden. Kein schöner Anblick. Für einige Sekunden musste Hawkes mit seinem Essen kämpfen, doch dann hatte er sich wieder ihm Griff.
"Los, weiter, wir haben noch zu tun. Schlaf nicht ein, Hawkes." Vansen trieb sie an. Kurze Zeit später sammelten sie sich wieder. "Wir haben bis jetzt
fünf Leichen gezählt. Es fehlen noch zwei. Sie hatten Lt.‘s von der McArthur dabei." Wang wandte sich an
Damphousse. "Kann man die Leichen
bergen?" "Nicht alle. Die Piloten wurden zerquetscht. Wir sind nicht mal an die Erkennungsmarken rangekommen. Kein schöner Anblick gewesen, frag
Cooper." Dieser schüttelte sich bei dem Gedanken augenblicklich. Da war der eine Tote vom Frachtraum richtig harmlos gewesen. Wieder meldete sich
sein Magen. Er hatte große Mühe, den Inhalt dort zu behalten, wo er hingehörte. Das Frühstück hätte er heute wirklich auslassen sollen. Er hatte schon
auf dem Flug hierher leichte Schwierigkeiten damit. Man, wenn er in den Helm kotzte, hätte er ein echtes Problem. Für wenige Minuten
könnte er ohne Sauerstoff hier schon überleben, aber er wollte die Folgen lieber nicht am eigenen Leib testen. Vansen betrachtete ihn kurz. Hoffentlich passierte da jetzt
nicht etwas. Aber er schien seinen Drang, sich zu übergeben, zu unterdrücken. Sie wandte sich an Wang. "Wie sieht es mit dem hinteren Teil aus?"
"Wir haben ihn noch nicht öffnen können. Die Tür hat sich beim Aufprall verbogen. West und ich wollten gleich anfangen. Es wäre natürlich einfacher
ohne unsere Sauerstoffgeräte." "Nein. Wir können nicht auf sie verzichten. Man kann die Luft hier zwar kurze Zeit atmen, aber es gibt keine genauen
Angaben, wie lange es ungefährlich ist. Also bleiben die Geräte dran." "Okay,
Captain." "Hawkes, Phousse und ich werden uns um die Geräte hier
kümmern, während ihr die Tür aufmacht. Beeilt euch."
Leise vor sich hinfluchend, wanderte Hawkes den kurzen Weg zwischen den Transportern zum x-ten Mal hin und her. Durch die Sauerstoffgeräte
konnten sie nicht so viel auf einmal nehmen und muddten nun natürlich etliche Male mehr von A nach B und umgekehrt laufen. Ihm lief der Schweiß
schon in Strömen herunter. Es war kaum zu glauben, wie verdammt warm dieser Planet war. Keine Sonne zu sehen, aber eine Hitze, dass man
dahinschmelzen könnte. Vansen kam ihm schwer atmend entgegen. Auch ihr Gesicht glänzte von Schweiß. Unbeirrt stampfte sie zurück zu dem
Wrack. Hawkes folgte ihr einige Sekunden mit seinen Blicken. Für eine Frau konnte sie gut ackern. Endlich war er bei seinem Ziel angekommen,
verstaute seinen Kanister und wollte gerade los, als Vanessa aufgeregt auf ihn zugelaufen kam. "Hawkes, wir brauchen zwei zusätzliche
Sauerstoffgeräte und Helme und das Mediset." Schon eilte die junge Afroamerikanerin an ihm vorbei in den Transporter. Irritiert griff Hawkes nach den
gewünschten Ersatzhelmen und Sauerstoffflaschen. Währenddessen holte sich Vanessa eines der
Medisets. "Hey Phousse, was ist passiert? Gab es
einen Unfall? Stimmt was mit West oder Wang nicht?" "Nein, aber zwei haben überlebt. In dem einem Raum, den wir nicht betreten konnten. Den Rest
erzähl ich dir später, wir müssen uns beeilen." Schon verließ sie den Frachter und rannte los. Cooper folgte ihr unverzüglich.
"Beide scheinen kaum äußere Verletzungen zu haben, Shane. Aber sie sind bewusstlos - das lässt auf Kopfverletzungen schließen - und ich weiß nicht,
wie schlimm es innen aussieht. Wo bleibt Phousse nur mit dem Sauerstoff?" Wang sah zu seinem
Captain. Diese starrte immer noch ungläubig auf die
zwei Menschen vor sich. Beide lagen in sehr kleinen Betten und man könnte meinen, sie schliefen, wenn da nicht das Blut an den Mundwinkeln und an
der Nase wäre. Kopfverletzungen können sehr schlimm sein, aber sie atmeten und auch der Puls war zu ertasten. Wie konnten die beiden nur diesen
Absturz überleben? Wahrscheinlich hatten die Betten ihnen als Art Airbag gedient und die Härte des Aufpralls gemindert. Die anderen
Besatzungsmitglieder hatten nicht so viel Glück. Sie wurden entweder zerquetscht oder von der Ladung erschlagen. Ihre Gedanken wurden
unterbrochen, denn Phousse und Hawkes erschienen am Eingang. Ohne viele Worte zu verlieren, wurden den Verletzten die Helme übergezogen und
die Masken sofort aktiviert. Hoffentlich war es noch nicht zu spät gewesen. Vielleicht hatte die Luft in dem Raum gereicht und sie konnten die kurze Zeit
mit der Atmosphäre unbeschadet überstehen. West erschien nun ebenfalls. Sein Atem ging stockend und sein Helm beschlug. "Ich habe mit McQueen
gesprochen. ... Der Auftrag wird abgebrochen. ... Wir werden geholt... ein anderes Team übernimmt die restliche Bergung der Geräte. Sie sind schon auf
dem Weg zu unserem Landeplatz. Wir sollen sofort dorthin zurückkehren." "Gut. Wir nehmen die beiden jeweils in die Mitte. West, Hawkes, ihr
übernehmt den Mann, Phousse und ich die Frau. Wang, du sicherst die Umgebung!"
Geschafft ließ sich das 58te nieder. Sie waren wieder in ihrem Transporter. Wang schloss die Tür. Ihre Neuzugänge ließen sie langsam auf den Boden
gleiten. Vanessa befreite die Frau von dem Helm, das gleiche machte West mit dem Mann. Noch immer waren beide ohne Bewusstsein. Hoffentlich
hatten sie die Marines während des Transportes hierher nicht noch zusätzlich verletzt. Cooper beugte sich leicht vor und las laut die Namen der beiden
Geretteten vor. "Wilson und Montgomery. Nach den Uniformen zu schließen, gehören beide zu dem
Marines. Lt.‘s." Verwundert hob er eine Braue an.
"Was haben denn zwei Lt‘s. vom Corps bei einem Gerätetransport zu suchen? Das macht doch sonst immer die MP?" Er blickte in die Runde. Alle
schüttelten den Kopf, keiner konnte sich darauf einen Reim machen. Seltsam. In ihnen kroch ein unangenehmes Gefühl hoch. Wer oder was steckte
dahinter?
USS Saratoga, Landezone 7. Colonel McQueen wartete mit den Ärzten und Sanitätern auf die Ankunft der 58ten Schwadron. Zwei Überlebende. Nach
dem, was ihm West erzählt hatte, ein wahres Wunder. Kaum zu glauben, dass nach so einem Absturz jemand aus dem Transporter geborgen werden
konnte und hier waren es sogar zwei Personen. Nun war nur noch die Frage, wie lange die beiden überleben würden. Da sie bewusstlos waren, schien
es sich um schwere Kopfverletzungen zu handeln. Hoffentlich schafften sie es. Das Schiff dockte fertig an. Kaum erschien das grüne Licht, als sich
schon die Tür öffnete. Schnell verließ die Schwadron den Ladebereich und machte den Weg für die medizinische Versorgung der Verletzten frei.
Die Schwadron sammelte sich um McQueen. Dieser wandte sich an Vansen. "Wo haben Sie die beiden entdeckt?" "Sie lagen in einem kleinen
abgegrenzten Bereich in zwei Betten. Die haben ihnen wahrscheinlich auch das
Leben gerettet. Es sind zwei Lt‘s. vom Marine-Corps. Ihre Namen sind Wilson und Montgomery,
sir." "Marines? Dazu noch von einer Sondereinheit?" Verwundert kratzte er sich am Kinn. "Die beiden gehören zu Lt.Colonel
Fiels. Verdammt, was machen die auf einem normalen Gerätetransport? So was übernimmt doch sonst immer die MP?" West nickte.
"Colonel, sir.
Diese Frage haben wir uns auch schon gestellt. Aber wir haben nichts Auffälliges entdecken können." McQueen sah seine Leute an. "Sie können
wegtreten. Gute Arbeit fünf acht." Der Colonel verließ die Landezone. Damphousse schulterte ihre Sachen. "Oh man, die Leute von diesem Colonel Fiels
sind doch diese irren Nahkämpfer. Von denen hört man immer diese wilden Geschichten." Allgemeines nicken. "Los verschwinden wir hier."
Vansen,
West und Wang gingen los. Cooper hielt Vanessa am Arm zurück. "Glaubst du, die beiden schaffen es?" Sie zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es
nicht, Cooper. Möglicherweise. Wir können ja später mal vorbeischauen, wenn die ersten Untersuchungen erledigt sind. Komm jetzt, hört sich zwar
verrückt an, aber ich hab langsam Hunger." Bei dem Wort Hunger fing sein Magen wieder an zu rebellieren. Verdammt, das Frühstück und diese Piloten
aus dem Transporter hingen ihm noch immer ganz schön nach. Hoffentlich schafften es die beiden. Cooper musste an eines der Gerüchte denken, die
er gehört hatte. Er wusste nicht, ob es den Tatsachen entsprach, aber wenn, dann hatten diese Marines dabei geholfen, 50 InVitros zu retten, aus den
Händen der Chigs zu befreien. Die hatten für seine Leute gekämpft, ihr Leben für sie riskiert. Da fand er es nur mehr als gerecht, dass sie diesen
Absturz überlebten.
Jay öffnete die Augen, um sie sofort wieder zu schließen. Verdammt, war das vielleicht grell und der Schädel schien zerspringen zu wollen. Was war nur
passiert? Eine Erschütterung und dann verließen sie die Erinnerungen. Hank! Wo war er nur? Sie hörte kein Schnarchen mehr. Ruckartig öffnete sie
nochmals die Augen, um sie genauso schnell zu schließen. Es dauerte noch geraume Zeit, bis sie diese endlich offen lassen konnte. Sie war jedenfalls
nicht mehr auf dem Transporter. Aber wo war sie? Sie hielt den Atem an und bemerkte, dass noch jemand in dem Zimmer sein musste. Vielleicht Hank?
Sie musste wissen, wie es ihm ging. Jay setzte sich auf und zog scharf die Luft ein. Eine Flut von Schmerzen suchten sich den Weg durch ihren
gesamten Körper, ließen nicht einen Millimeter aus. Trotz des unangenehmen Pochens in den Adern, setzte sie sich richtig hin und ließ erst mal die
Beine baumeln. Der Blick fiel auf das andere Bett und dort lag er. Sah etwas blass aus, aber sonst schien es nicht so wild zu sein. Ihm hing eine Infusion
im Arm. Gut, dass er das nicht mitbekam, er hasste Nadeln wie die Pest. Langsam rutschte sie von dem Bett herunter und stellte sich erst mal hin. Ihr
Blick wanderte hinab. Sie trug nur eines dieser blauen "vorne Hui hinten Pfui"-Nachthemden. Mit einer Hand hielt sie es hinten zusammen und tappte
noch wackelig zu ihrem Freund hinüber. Einige Schrammen waren nun deutlich zu erkennen, aber er schien wirklich nicht allzu sehr verletzt zu sein. Gut
zu wissen, aber wo zum Teufel waren sie? Ihr brummender Schädel machte es ihr nicht gerade einfach, sich zu konzentrieren und zu erinnern. Jay
wanderte zu dem Spiegel weiter. Man, sah sie mies aus. Kalkweiß und eine böse Schramme zog sich über die linke Wange. Die schwarzen kurzen
Haare standen in alle Himmelsrichtungen. Sie unterzog den restlichen Körper einer schnellen Untersuchung. Ein blauer Fleck neben dem anderen. Aber
keine zu schlimmen Verletzungen. Nur ihr armer Kopf hatte ganz schön herhalten müssen. Der war härter getroffen worden. Die Wand, sie war dagegen
geknallt, als... als der Frachter abstürzte. Wer hatte außer ihnen beiden noch überlebt? Seit wann waren sie hier? Und wo, verdammt noch mal, war
hier? Lauter Fragen und keine Antworten. Ruckartig drehte sie sich um, eine Bewegung, die sie sofort bereute. Das aufkommende Schwindelgefühl und
die Übelkeit, die sie nun traf, zwangen sie in die Knie. Es dauerte etliche Minuten, bis sie sich wiederum gerade so gefangen hatte. Jay kam sich so
hilflos und ausgeliefert vor. Oh, wie sie dieses Gefühl hasste. Das machte sie ganz krank, obwohl, das war sie ja schon. Ihr war so schlecht. Deutlich
spürte sie, wie etwas sich langsam den Weg nach oben bahnte. Sie hatte sich einfach viel zu viel zugemutet. Mit letzter Kraft legte sie sich zurück in ihr
Bett. Plötzlich war ihr alles egal, es half ja nichts, sie war einfach in einer jämmerlichen Verfassung.
Irgendwann würde sie schon erfahren, wo sie war. Noch während sie grübelte, sank sie in tiefen, traumlosen Schlaf.
Commodore Ross beobachtete den Trupp, der gerade von dem Wrack auf die Saratoga zurückgekehrt war. Sie hatten alle Geräte, die noch fehlten
geborgen, das Gepäck der beiden Verletzten geholt und dann den Transporter in die Luft gesprengt. Sehr gut. Der Auftrag war erledigt, keinerlei Verluste
und es konnten sogar noch Überlebende geborgen werden. Und warum nur machte ihm das Sorgen? Was war da nur passiert? Das passte einfach
nicht zusammen. Da kam noch einiges auf ihn zu, das spürte er ganz genau. Er hasste solche Vorahnungen, denn meistens trafen sie zu.
Nathan, Vanessa und Cooper waren auf dem Weg zur Krankenstation. Sie wollten sich erkundigen, wie es den beiden Lt.‘s ging und vielleicht bekamen
sie ein paar Antworten auf ihre bohrenden Fragen. Doch noch bevor sie das Zimmer der Verletzten betreten konnten, versperrte ihnen eine
Krankenschwester den Weg. "Tut mir leid, aber Sie dürfen hier nicht rein." Nathan wandte sich ihr zu. "Sind ihre Verletzungen so schwer, Schwester?"
"Nein, sie hatten eine menge Glück, aber sie müssen noch viel ruhen. Außerdem hat der
Commodore angeordnet, dass außer ihm und dem medizinischen Personal niemand zu ihnen darf." Befehl von Ross, seltsam. Irgendwas ganz Komisches ging hier vor. Unverrichteter Dinge verließen die
drei die Station wieder. Vanessa runzelte die Stirn. "Warum will der Commodore nicht, dass jemand mit ihnen redet?" "Gute Frage, Vanessa. Ich hab
keine Ahnung was hier läuft. Das ganze Theater hier gefällt mir nicht." West verzog das Gesicht ärgerlich. Cooper blickte sich erst um, bevor er seine
Kameraden anhielt. "Ich habe da ein Gerücht gehört, dass Aerotech etwas mit dem Transport zu tun hat. Vielleicht haben die wieder etwas
gemauschelt." Aerotech. Der Name stand kontinuierlich für riesige Schweinereien. Es würde keinen von ihnen wundern, wenn die eine faule Sache mehr
angestellt hätten. Langsam begaben sie sich zu ihrem Quartier. Keinem gefiel die Aussicht, wegen diesen Mistkerlen in große Schwierigkeiten zu
geraten. Doch die beiden Lt.‘s gehörten doch nicht zu Aerotech. Das wussten sie ganz genau, denn der Trupp von Colonel Fiels hatte mal fast eine
ganze technische Crew von Aerotech verprügelt. Jedenfalls hatte ihnen das Manck erzählt und seine Informationsquellen waren einfach hervorragend.
Gedankenverloren legten sich die drei in ihre Betten. Ein unangenehmes Gefühl ihm Bauch.
Hank beobachtete seine junge Kameradin seit fast einer halben Stunde beim Schlafen. Sie musste ziemlich hinüber sein, denn Jay hatte nicht mal das
Gezeter wegen der Nadel in seinem Arm mitbekommen. Bei der Erinnerung daran schüttelte es ihn nach wie vor. Er hasste einfach jede Nadel, egal wie
groß oder klein. Ein eisenharter Marine, der beim Anblick einer Spritze ausrastete. Passte ja nicht so ganz in das Bild. Aber was sollte es, sie war ja
draußen. Ihm ging es ganz gut. Sein Kopf brummte nicht schlecht, doch es war zum Aushalten. Mit jeder Minute, die er wach war, ging es ihm besser.
Ob Jay schon wusste, wo sie sich befanden? Die Schwester hatte ihm erzählt, was passiert war, jedenfalls in einfachen Worten. Krankenstation,
Saratoga, einzige Überlebende. ‚Nette‘ Person und so ‚liebenswürdig‘ und ‚herzlich‘. Vier eiskalte Worte, mehr hatte sie nicht für ihn übrig. Alle anderen
hatten es nicht geschafft. Warum nur? Lag es vielleicht an ihren Betten? Das klang logisch, denn wer außer ihnen hatte es denn geschafft? Niemand. Er
atmete tief ein. Sie war so zart und blass. In all den Jahren, in denen sie sich kannten, hatte er sie noch nie so gesehen. Es gab unzählige brenzlige
Situationen, die sie gemeistert hatten, doch nie sah sie so zerbrechlich aus. Das gefiel ihm ganz und gar nicht. Jay war immer die Starke, die sich durch
nichts und niemanden umwerfen ließ. Hank legte sich wieder zurück, starrte an die Decke. Er machte sich Sorgen, große Sorgen. Und daran war nicht
nur Jay’s Zustand schuld. Der ganze Auftrag war nicht richtig. Da war was nicht in Ordnung. Jay dachte genauso. Deshalb war sie auch so unruhig und
muffig gewesen. Ihn hatte die Sache nicht so sehr beschäftigt, was sie jetzt doch tat. Vielleicht hing der Absturz mit dem Auftrag
zusammen? Vielleicht
war der Absturz durch den Auftrag erst zustande gekommen? Verdammt. Seine Gedanken rotierten. Colonel Fiels war auch nicht allzu begeistert
gewesen, als er erfahren hatte, dass sie beide weg mussten. Aber ihr Vorgesetzter konnte ihnen nicht weiterhelfen. Auch er wusste nicht mehr als sie
selbst. Deutlich erinnerte er sich an die letzten Worte ihres Colonels. ‚Nehmt euch in Acht, traut niemanden. Wirklich niemandem.‘ Oh, wie recht sie
hatten, sir. Sicherlich hatte er aber nicht geahnt, dass es gleich so hart hergehen würde. Langsam drehte Hank seinen Kopf in Richtung Jay. Hoffentlich
wachte sie bald auf - er musste mit jemandem sprechen - jemandem dem er bedingungslos vertraute. Und da gab es hier nur eine Person - Jay.
Ross saß in seinem Quartier hinter seinem Schreibtisch. Sein Blick hing an der Akte in seinen Händen. Dr. Morris war vor wenigen Minuten bei ihm
gewesen und hatte ihm den neuesten medizinischen Bericht über die beiden Lt.‘s gegeben. Es sah gut aus. Die Verletzungen
waren soweit behoben und in zwei Tagen wären die Marines wieder einsatzbereit. Zwei Tage noch. Gut, sie würden länger als die nächsten Tage auf der Saratoga bleiben. Die
McArthur war abgezogen worden. Sie konnten vorerst nicht zu ihrer Einheit zurück kehren. Und der Auftrag auf der Georgia wurde auch als erledigt
eingestuft. Was auch immer das für ein Auftrag sein sollte. Nicht mal er, als Commodore, kam an Informationen ran. Die Gespräche mit den beiden
haben ihn auch nicht weitergebracht. Nun, dass würde vielleicht die Zukunft bringen. Mal sehen. Aber jetzt würden sie ab ihrer Diensttauglichkeit bei den
Wildcards untergebracht werden. Bei dem Gedanken an das Gesicht von McQueen musste er grinsen. Begeistert war er nicht gerade gewesen. Der
Fiels Trupp gehörte zu den besten, aber die Marines waren auch ziemlich unberechenbar. Sie hatte häufiger Schwierigkeiten. Es gab dort keinen, der die
Arrestzelle nicht schon mal von innen gesehen hatte. Doch Ty würde sie schon in den Griff kriegen. Hoffentlich. So einen Chaostrupp wollte er nicht auf
seinem Schiff. Wenn die nicht parierten, dann würde er sich höchstpersönlich um sie kümmern. Versprochen.
Jay streckte sich ausgiebig. Endlich würden sie aus diesem Krankenquartier herauskommen. Keine Ärzte, keine Schwester, keine Medikamente mehr.
Und dieser Krankenhausgeruch hing ihr auch zum Hals raus. Und das Wichtigste: Endlich wieder würdevolle Kleidung, statt dieses dämlichen
Hemdchens. Unbequem bis zum geht nicht mehr und überall zog es rein. Overall und Stiefel, schon war sie wieder ein richtiger Marine. Hank zog gerade
bei seinem den Reißverschluss hoch. "Wildcards, die sollen nicht mal schlecht sein. Ihr Chef ist Colonel McQueen." "Ich weiß. Er war der Kommandant
meiner Eltern." Unmerklich zuckte Hank bei diesen Worten leicht zusammen. Oh, Mist, das hatte er total vergessen. Die Angry Angels natürlich. Jay’s
Eltern waren beide bei der Staffel und nun waren sie tot. Beim ersten großen Angriff gegen die Chigs getötet worden. Betroffen sah er sie an. Jay
schüttelte nur den Kopf. "Beruhig dich wieder, Großer. Kein Problem." Sie lächelte ihn an. Diese Frau ließ sich einfach nicht unterkriegen, egal wie
schlimm manche Dinge waren. "Gehen wir zum Arzt und lassen uns entlassen? Ich will hier raus. Ich kann den Geruch nicht mehr aushalten. Bäh." Sie
ging zur Tür und drehte sich um, als sie bemerkte, dass ihr Freund ihr nicht folgte. "Was ist, Hank, soll ich dich hinaustragen oder willst du noch ein paar
Spritzen?" "Geh schon mal vor, ich komme gleich nach. Es stimmt was mit meinem Stiefel nicht." Kurzes Schulterzucken, schon verschwand sie hinter
der Tür. Mit Hanks Schuhen war alles in Ordnung, er wollte nur ein paar Minuten alleine sein. Mit sich und seinen Gedanken. Seine Gedanken waren bei
Jay. In der letzten Zeit machte er sich viele Gedanken um sie. Sie hatte soviel ertragen müssen. Erst ihre Eltern, dann wurde ihr kleiner Bruder bei einem
Transport verschleppt, ihr letzter Freund wurde von Silikanten aufgeschlitzt und ausgerechnet sie musste ihn finden. Die letzten Einsätze, bei denen
auch einige Kriegsgefangene von den Chigs getötet wurden. Keiner von ihnen hatte geahnt, dass da welche waren. Sie wurden darüber nicht informiert,
falls es überhaupt bekannt war. Sie konnten zwar einige retten, aber eben nicht alle. Hör auf zu grübeln, schimpfte er sich selbst. Jay hält mehr aus, als
viele andere Menschen. Und nun los, sonst holt sie wirklich noch eine Spritze. Brrrrrrr.
"Seitdem sie an Bord sind, hat keiner außer dem medizinischen Personal und Commodore Ross mit ihnen gesprochen. Nicht mal McQueen war bei den
Gesprächen dabei." Wang saß auf seinem Bett und blickte in die Runde. Der Rest der Wildcards nickte zustimmend. Sogar Nathan, der sonst eigentlich
nichts von Gerüchten hielt, stimmte zu, dass da was faul war. "Glaubt ihr, das Ross weiß, um was es bei ihrem Auftrag ging?" Vanessa zog ihre Beine
näher an sich heran. Shane schüttelte den Kopf. "Ich glaube nicht, ich habe ihn gesehen, als er aus der Krankenstation kam. Er sah beunruhigt aus."
"McQueen hat auch ein dummes Gefühl, jeder hier an Bord ahnt, dass da was nicht stimmt." Wangs Hände gestikulierten wie wild während er redete.
Shane stand von ihrem Bett auf und lehnte sich gegen das Hochbett von Paul und Nathan. "Nein. Nur wir haben ein schlechtes Gefühl. Weil wir da unten
waren. Es liegt sicherlich nur daran, dass anscheinend Aerotech was mit dem Transport zu tun hat. Die machen uns immer nervös. Es ist noch nicht
mal erwiesen, dass es überhaupt stimmt." Ihre Stimme war ruhig und klar. Niemand ahnte, wie es in ihrem Inneren aussah. Sie konnte nichts dagegen
tun, aber es war auch zu verrückt. Wieso war der Frachter abgestürzt? Dort gab es keinerlei Feindkontakte und ein Meteor war es anscheinend auch
nicht. Sabotage? Ein beklemmendes Gefühl machte sich in ihrer Magengrube breit. Hör auf zu spinnen, Shane. Dafür gab es keinerlei Beweise. Wie
auch, der Transporter wurde ja gesprengt, da war nichts mehr zu finden. Ob es im Sinne von jemanden war, dass alles vernichtet wurde? Stille breitete
sich in dem Raum aus. Nathan beschloss, das Thema zu wechseln, jedenfalls ein wenig. "Lt. Hank Wilson und Lt. Jay Montgomery kommen heute noch
zu uns. Der Colonel hat mir gesagt, dass sie entlassen werden. Sie gehören die nächste Zeit zu den Wildcards. Ich habe schon ein paar Sachen von
ihnen gehört. Sie sollen verdammt gut sein. Und auch ziemlich verrückt." "Na, wie beruhigend. Ich bin hier doch schon von lauter Verrückten umgeben."
Coopers Bemerkung wurde mit einer Ladung Kopfkissen geahndet. Endlich war die seltsame Stimmung weg. Es fing ein kurzes Gerangel zwischen
Paul und Cooper mit ihren Kissen an. Shane wollte beide ermahnen, bekam dafür aber nun ebenfalls ein Kissen ins Gesicht.
Lautes Lachen war hinter der Tür zu hören. Hank schaute Jay verwundert an. Ihm kam es gerade so vor, als ob sie in ihr eigenes Quartier gingen. Da
war meistens auch was los. Wie hieß es bei ihnen immer: Der Krieg bleibt draußen. Klappte natürlich nicht immer, aber
meistens. Und es tat unglaublich gut. Er klopfte an und öffnete die Tür. Eine Antwort hatten sie nicht bekommen. Langsam betraten sie den Raum. Ein Typischer Schlafraum der Marines,
mit einem Haufen junger Marines, die sich gerade einen Kissenschlacht lieferten. Leise schloss Hank die Tür und lehnte sich gegen die Wand. Jay
gesellte sich neben ihn und beide beobachten das Schauspiel vor sich belustigt. Das fing ja nicht schlecht an. Die waren gar nicht so übel. Nicht so steif
wie manche andere Schwadrons, mit denen sie sich schon abmühen mussten. Obwohl, die konnte man jedenfalls richtig gut ärgern. Trotzdem, solche
waren den beiden viel lieber.
Vanessa japste nach Luft und wollte gerade auf Nathan losgehen, als ihr Blick auf die fremden Marines fiel. Abrupt blieb sie stehen und bremste so
Cooper hinter sich unsanft aus. Verlegen blickte sie diese an. Die mussten jetzt ja eine super Meinung von ihnen haben. Komplette Vollidioten, dachten
die sicherlich. Wahrscheinlich glaubten sie eher, dass sie hier in einem Kindergarten wären, als bei einem Schwadron des Marine Corps. So was blödes
auch. Den anderen fiel Vanessas Veränderung auf. "Hey, Phousse! Du kannst doch nicht einfach so stehen bleiben. Was ist los mit dir?" Cooper wollte
sie gerade zur Seite schieben, als er ebenfalls die Neuen entdeckte. Erschrocken fuhr er zurück. Man, die hatte er gar nicht gehört. Nun sahen die
restlichen Wildcards in die Richtung, in die Vanessa so starrte und entdeckten den Grund dafür. Und alle dachten wohl in dieser Sekunde das Gleiche.
Perfekt, da haben wir uns alle als komplette Idioten vorgestellt. Shane bahnte sich den Weg zu ihnen und suchte nach passenden Worten. Ihr war es
besonders unangenehm. Man, das waren ihre Leute und sie hatte dieses kindische Verhalten nicht unterbunden, nein, sie hatte sogar fleißig mitgemacht.
‚Toller‘ Captain. Noch bevor sie etwas sagen konnte, fingen beide an zu lachen. Ein angenehmes, nicht höhnisches Lachen. Keiner verstand nun noch
irgendetwas. Jay stieß den Mann neben sich an. "Na, Hank. Nicht übel. Ich habe immer gedacht, dass wir die einzige Schwadron sind, die für solche
Albernheiten zu haben ist. Da hab‘ ich mich wohl getäuscht. Ich bin Lt. Jay Montgomery und das ist Lt. Hank Wilson. Wir sind ab sofort bei euch
untergebracht. Jedenfalls, bis wir zu unserer Schwadron zurückkehren können." Sie hielt Shane die Hand hin. Diese schüttelte sie noch vorsichtig. Die
schienen in Ordnung zu sein und auch nicht so förmlich. "Ich bin Captain Shane Vansen, das sind Lt. Cooper Hawkes, Lt. Vanessa Damphousse, Lt.
Paul Wang und Lt. Nathan West." Alle gaben sich zur Begrüßung die Hand. Jay blieb bei Nathan stehen. "Du bist der große Bruder von Neil, nicht wahr?"
Beim Namen seines kleinen Bruders horchte er auf. Woher kannte diese Frau ihn? Sie erahnte seine Frage schon. "Heimaturlaub. Ich habe meinen
Ausbilder in Loxley besucht. Da hab‘ ich Neil kennen gelernt und mich mit ihm unterhalten. Er hat viel von seinem großen Bruder geredet. Er war sehr
stolz auf dich." Sie redete in der Vergangenheit von ihm, sie musste es also wissen. Noch bevor er antworten konnte, sprach Jay weiter. "Es tut mir leid,
Nathan." Verwundert blickte er sie an. "Woher wusstest du es?" "Deine Augen. Ich kann es darin lesen. Ich kenne diesen Blick leider schon viel zu gut."
Ruckartig wandte sie sich ab. Manchmal konnte sie wirklich nicht ihren Mund halten. Warum musste sie auch was zu Neil sagen. Konnte sie nicht
einfach mal ihr Maul halten? Verdammt, ihre Ehrlichkeit war nicht immer eine Tugend. Nein, sie musste es ihm direkt ins Gesicht knallen. War sicherlich
schon hart genug für ihn. Da kam sie daher und riss die kaum verheilten Wunden wieder auf. Hank wusste genau, was sie gerade dachte. Es war
manchmal schon unheimlich, was für ein Gespür sie hatte und vor allem wie oft sie es lieber nicht laut ausgesprochen hätte. Okay, Jay, ich sorg schon
dafür, das die Stimmung hier wieder besser würde. Das machte er in solchen Situationen dann immer. Darin war er ein wahrer Meister. "Hey Leute,
welche Betten können wir denn belegen? Sind die hier noch frei oder gehören die einem von euch?" Hanks Stimme dröhnte richtig durch den Raum. Und
damit lenkte er die Aufmerksamkeit auf sich. Jay lächelte ihn dankbar an. Er wusste immer wie er sie aus diesem Schlamassel herausbekam. Halt ein
richtiger Freund. Nun fing er an, Fragen über die Saratoga, das Essen, McQueen, Ross und die Freizeiträume zu stellen. Er hielt die gesamte Einheit mit
seiner Fragerei auf Trab.
Ruckartig fuhr Nathan aus dem Schlaf hoch. Was war los? War da nicht gerade ein Geräusch gewesen? Die Tür? Verschlafen sah er sich in dem
dunklen Quartier um. Seine Augen brauchten einige Sekunden, um die Umrisse der einzelnen Personen erkennen zu können. Alle da. Er musste sich
getäuscht haben, ... nein, das Bett von Hank war leer und auch das von Jay. Wo waren die beiden nur? Sie waren ihm sympathisch und er wollte, dass
sie sich bei ihnen, so lange sie da waren, wohl fühlten. Er überlegte, ob er nach ihnen suchen sollte, verwarf den Gedanken jedoch schnell. Das waren
keine kleinen Kinder, sondern ausgebildete Marines. Sie würden schon wieder kommen. Langsam legte er sich zurück und schlief kurze Zeit später ein.
Auf dem Flugdeck war kaum jemand. Die meisten, die sich darauf befanden, arbeiteten in einer Ecke des Hangars. In einem dunklen Winkel hatten sich
Hank und Jay niedergelassen. Stumm beobachteten beide ihr Umfeld. Seitdem sie wieder bei klarem Verstand waren,
versuchten sie miteinander in Ruhe zu sprechen, aber immer kam jemand dazwischen. Das nervte sie tierisch, aber hier hatten sie den idealen Platz gefunden. Hank lehnte sich
gegen die Wand. "Aerotech hat uns diese Mission eingebrockt. Sie war nicht echt, eine Finte. Sie wollten uns nur auf den Transporter kriegen und dann
abknallen. Uns ein für alle mal loswerden." Sein Gesicht verdüsterte sich. "Das ist jedenfalls meine Theorie." "Warum nur? Was wissen wir, was wir
nicht wissen sollten? Der letzte Auftrag wurde als geheim eingestuft. Wir würden also nicht darüber reden. Und vor allem, so wild war es auch nicht. Es
sollte nur nichts darüber bekannt werden, dass sich das Kampfgebiet ausgeweitet hat. Man will ja die Bevölkerung der Erde nicht beunruhigen." Jay’s
Stimme triefte vor Sarkasmus. Ihre Vermutung deckte sich genau mit der, die Hank ausgesprochen hatte. ‚Wunderbar‘, dem Superkonzern im Weg zu
stehen, war schon immer ihr Wunschtraum. Hank schüttelte den Kopf. "Ich versteh das Ganze auch nicht, aber es muss mit dem letzten Auftrag
zusammenhängen. Und es muss nur uns beide betreffen, sonst hätten sie die anderen auch mitgeschickt. Ein Munitionsdepot, eines der vielen, das wir
schon in die Luft gesprengt haben. Der Auftrag war wie die anderen zuvor. Mir ist nichts besonderes dabei aufgefallen. Dir, Jay?" Sie zuckte mit den
Schultern. "Alles ging nur sehr glatt, keine Probleme. Es war einer der einfachsten der letzten Monate. Störend waren nur die Sauerstoffgeräte, doch das
war ja noch nie das große Problem für uns. Das Depot sah auch nicht anders aus als die vorherigen... nur..." plötzlich fiel ihr etwas ein. Ja, das war ihr
schon mal aufgefallen, aber sie hat sich dabei nichts gedacht und es dann vergessen. "Was meinst du, Jay?" "Ich weiß nicht, ob es was bedeutet, aber
da war so eine Vorrichtung. So was hab‘ ich schon mal gesehen. Das eine Teil auf dem Flachdach. Ich weiß nur nicht mehr, wo und für was es da war.
Ich hab es nicht für wichtig angesehen und deshalb gleich wieder vergessen." Konzentriert dachte Hank nach, was sie meinte. Er erinnerte sich an den
Flachbau. Stimmte, da hatte etwas hervorgestanden. Erinnerte ihn irgendwie an ... oh mein Gott. Der Schreck fuhr ihm in die Glieder. Nein, das durfte,
das konnte doch nicht wahr sein. Jay bemerkte sofort die Veränderung ihres Freundes. Sein Gesicht war richtig blass geworden. Was hatte er nur? Alles
wegen diesem ..., da machte es auch bei ihr Klick. Nein, nein, bitte nicht. Ihr persönlicher Alptraum wurde wahr. Ja, jetzt machte alles einen Sinn. Sie
waren die einzigen die nah genug an das Depot herangekommen waren und konnten es auch dadurch als Einzige sehen, aber sie hatten nicht
verstanden. Sie konnten es einfach nicht zuordnen. Jedenfalls damals nicht. Heute schon. Ihr Atem ging heftig, Tränen stiegen in ihre Augen, liefen die
Wangen hinunter. Seit dem Tod ihrer Eltern, die ersten Tränen. "Hank, das waren Geräte zur Erzeugung von Sauerstoff. Chigs brauchen keinen
Sauerstoff, Silikanten auch nicht. ... Aber Menschen. Oh, nein. Wir haben ein Gefangenenlager der Chigs in die Luft gesprengt. Wir haben unsere
eigenen Leute getötet." Hank fasste sie fest an den Schultern, schüttelte energisch den Kopf. "Nein, nicht wir. Wir waren nur das Werkzeug. Aerotech hat
sie auf dem Gewissen und damit wir das niemandem weitererzählen können, wollten sie uns töten. Um uns loszuwerden, haben sie fünf unbeteiligte
Menschen ermordet. Und ich sag dir eins, Jay, die werden es wieder versuchen. Das war noch nicht das Ende." Mit großen Augen starrte sie in an.
"Davor habe ich am meisten Angst gehabt, einmal unsere Leute zu erwischen. Was sollen wir jetzt tun? Erzählen wir Commodore Ross oder McQueen
davon? Und was werden die dann tun? Wir können es nicht beweisen, Hank. Und auch die Sabotage können wir nicht beweisen. Wir stehen alleine da.
Nur wir zwei. Nicht mal Fiels kann uns hier helfen." "Vielleicht nicht nur wir zwei." "Die Wildcards?" Hank nickte, während Jay ihn zweifelnd ansah. " Wir
kennen sie doch erst seit ein paar Stunden. Okay, Hank. Sie haben uns das Leben gerettet. Aber können wir ihnen deshalb gleich vertrauen? Vielleicht ist
einer von ihnen daran beteiligt gewesen und derjenige musste uns helfen, weil es sonst aufgefallen wäre. Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist, Hank."
"Wir müssen abwarten. Erst mal die Lage sondieren. Ich muss erst in Ruhe darüber nachdenken. Wir beide müssen wieder klar denken können. Gehen
wir zurück in unser Quartier. Sonst vermisst uns noch einer und wir sollten lieber nicht auffallen. Wir müssen uns gedulden. Morgen sehen wir weiter.
Immer Augen und Ohren offen halten. Es wird bald was passieren und ich möchte nicht, dass sie uns diesmal kriegen. Wir müssen uns
zusammenreißen und es wie eine Mission sehen. Jay, es geht um unser Leben und ich glaube auch noch um ein paar mehr. Ich will mich bei diesen
Dreckskerlen für die toten Kameraden revanchieren. Ich garantiere dir, dafür zahlt mindestens einer mit seinem jämmerlichen Leben." Ruckartig ließ
Hank sie los und ballte seine Fäuste. Jay kannte ihn nur zu gut, um zu wissen, dass er es ernst meinte. Sie stellte sich vor ihn. "Ich übernehme auch
welche. Wir holen uns diese Schweine." Sie machte ein Kreuz über dem Herzen und spuckte zur Seite. Hank tat das gleiche. Das galt bei ihrer
Schwadron als unwiderrufliches Versprechen bis in den Tod.
"Sie leben! Wie ist das möglich? Was für ein Profi sind Sie den? Ich gebe Ihnen alle Möglichkeiten und Sie versagen trotzdem?" "Sir, keiner konnte damit
rechnen, dass die beiden solch‘ einen Absturz überleben konnten. Verdammt, niemand zuvor hat so was geschafft." "Sie haben. Und dadurch werden
sie immer mehr zur Gefahr. Der Sonderauftrag hat sie bereits misstrauisch gemacht und wenn die weiter darüber nachgrübeln, kommen sie dahinter.
Weder Montgomery noch Wilson sind dämlich. Bald werden sie eins und eins zusammen zählen. Und sie werden bemerken, dass die Informationen von
Aerotech nicht immer ganz korrekt sind. Wir wussten von dem Gefangenenlager und wir wussten auch, das dort einige wichtige Persönlichkeiten
darunter waren. Ich habe viel Macht und Einfluss, aber diese Sache könnte mir das Genick brechen und das bedeutet, Ihnen auch. Erledigen Sie die
beden, und zwar unverzüglich." Mit diesen Worten verschwand der eine Gesprächspartner lautlos. Kurze Zeit später verließ auch der andere den
Lagerraum, in dem sie sich getroffen hatten. Wieder mal konnte er von seinem Gegenüber nicht mehr als einen schwarzen Schatten ausmachen. Er
wusste nach fünf Jahren immer noch nicht, für wen genau von Aerotech er die Drecksarbeit erledigte. Dieser konnte sicherlich auch nicht viel von ihm
erkennen. Aber er war sich ganz sicher, dass dieser genau wusste, wer er war und wie er aussah. Doch wenn er noch einmal
versagen würde, dann überlebte er das garantiert nicht mehr. Seine Gedanken rotierten, alles war so perfekt gelaufen und dann kam die Schwadron von Fiels auf den Planeten.
Ein anderes sollte die Mission übernehmen, doch diese hatten in der letzten Schlacht zu viele Verluste gehabt. Eigentlich sollten sie nie so nah an das
Lager heran. Warum hatten sie sich nicht an den Plan gehalten? Sie hatten genaueste Anweisungen, aber dieses Team hielt sich so wieso nie so ganz
an die Pläne. War mehr als flexibel. Und das konnte ihm nun sein Leben kosten. Wie konnte er sie nur loswerden? Und zwar schnell. Sein Boss war
nicht gerade einer der geduldigsten Menschen. Montgomery, Wilson, wie er diese Namen hasste.
"Ein neuer Auftrag für Ihre Leute McQueen. Ich will, dass die Neuen auch dabei sind. Solch‘ gut ausgebildete Marines, wie die beiden, muss man nutzen,
solange man sie hat." Ross und McQueen standen auf der Brücke. "Sie sind gut, aber auch unberechenbar." "Nur in ihrer Freizeit, Ty. Montgomery wäre
jetzt eigentlich schon Captain, vielleicht sogar schon Major, wenn sie nicht etwas eigenmächtig gehandelt hätte." Entgeistert blickte der Colonel sein
Gegenüber an. Da hatte er sich wohl verhört. " Sie hat einen Colonel dienstuntauglich geprügelt, Glen." "Sie meinen, einen Mann, der zuvor versucht hat,
einen jungen weiblichen Lt. zu vergewaltigen. Das war anscheinend nicht der einzige Vorfall mit ihm auf diesem Gebiet, nur niemand von den
Vorgesetzten kümmerte sich um das Problem. Vergessen Sie nicht, Ty, sie stammt von zwei Angry Angels ab und ich glaube mich zu erinnern, dass die
auch nicht immer pflegeleicht waren. Also, dann hat sie das Problem in die eigenen Hände genommen und dafür gesorgt, dass er niemanden mehr im
Corps gefährlich werden kann. Ich glaube, der kann keiner Frau mehr irgendetwas antun." "Würde mich wundern. Zertrümmerte Kniescheibe. Rechte
Hand ebenfalls. Schulter ausgekugelt, mehrere Rippen gebrochen und zu guter letzt hat sie ihn fast entmannt." Ross musste sich bei dem letzten
Einwand ein Grinsen verkneifen, bevor er antwortete. "Er ist mit einer Eisenstange auf sie losgegangen. Es war Notwehr, jedenfalls eine Art von Notwehr.
Aber das ist nun egal. In 45 Minuten will ich Sie und ihre Leute im Besprechungsraum sehen." Commodore Ross wandte sich ab und ging zum Captain
der Kommunikation. McQueen schüttelte leicht den Kopf. Art von Notwehr. Sie hätte ihn nicht so übel zurichten müssen. Was für Chancen hatte er den
gegen sie? Keine. Man hatte sie nicht angeklagt - nur ihre Beförderung wurde verschoben. Man wollte die Sache vertuschen, nicht öffentlich machen. Er
mochte eine solche Vorgehensweise nicht, aber hatte sie eine andere Wahl? Vielleicht. Und das mit den Angry Angels akzeptierte er auch nicht als
Ausrede. Seine Gedanken wanderten zu seiner alten Schwadron. Deutlich sah er die Eltern von ihr vor sich. Verdammt gute Piloten, zwei der besten.
Zero und Flash. Und beide nicht mehr am Leben. Wie all die anderen.
Langsam verbrannte das Papier in der Hand des drahtigen Schwarzen. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Es gab auf dieser Welt wirklich Dinge, die
ihm rein gar nicht passten. Das, was da auf ihn zukam, gehörte eindeutig zu den Sachen, die seinen Magen rebellieren ließen. Militärischer
Geheimdienst, höchste Sicherheitsstufe. Ross schüttelte es leicht, er wollte keinen von diesen Kerlen an Bord haben, aber die Befehle waren eindeutig.
Mr. Unbekannt war auf dem Weg zu ihnen, mit einem wichtigen Auftrag für die Wildcards, Montgomery und Wilson. Diese Mission hatte Vorrang vor allen
anderen. In ca. 20 Minuten würde er da sein. Der Befehl lautete, dass nur er, Ross, ihn in Empfang nehmen sollte, doch er entschied sich dafür, auch
McQueen zu der Besprechung mitzunehmen. Egal, was für einen Ärger er dadurch bekommen würde. Sein Schiff, seine Regeln. Er traute diesen Typen
einfach nicht über den Weg. Vier Augen und Ohren bekamen mehr mit als zwei. Für ihn waren das keine richtigen Marines. Viel zu verlogen.
"Hallo, wo wart ihr den gestern Nacht noch?" Nathan stand vor seinem Spind und zog sich fertig an. Interessiert beobachtete er die angesprochenen
Marines. Jay wandte sich ihm zu und grinste frech. "Spazieren, Kleiner." Doch in ihrem Inneren brodelte es. War er einer von ihnen? War Nathan einer
von diesen Verrätern? War er eines dieser Schweine, dass die eigenen Leute verkaufte? Zweifel kamen hoch. Wohl eher nicht. Neil hatte ihr einiges über
ihn erzählt. Über die Sache mit Kylen, seiner Freundin. Den Grund, warum er überhaupt zu den Marines gegangen war und vieles mehr. Und auch ihr
Instinkt sprach dagegen. Wie eigentlich gegen jeden der Wildcards. Shane, Vanessa, Paul und Cooper waren wie Nathan nicht der Feind.
Wahrscheinlich hatte Hank recht. Die waren in Ordnung. McQueen war der ehemalige Kommandant von ihren Eltern gewesen. Sie waren nicht gerade
große InVitro Fans, aber trotzdem hatten sie großen Respekt vor seinem Können. Das hatte sie oft genug mitbekommen, wenn sie von ihm sprachen.
Nun, die Wildcards waren aus dem Rennen. Doch wer steckte dahinter? Wer auch immer es war, musste Einfluss haben und sich auch im
militärischen Bereich auskennen. Allzu weit entfernt konnte sich der Urheber auch nicht befinden. Sie hatte ihre Zweifel, dass das Ganze von der Erde
aus gesteuert wurde. Nein, der Gegner war ganz nah. Vielleicht sogar schon auf der Saratoga. ‚Tolle Aussichten‘. Das ganze wurde immer ‚besser‘.
Der Transporter landete auf Deck 10. Die komplette Umgebung war gesperrt worden. Nur Commodore Ross, Colonel McQueen und vier von der
Sicherheit befanden sich am Landeplatz. Die Tür ging auf und ein hochgewachsener Mann in schwarz trat aus ihm. Das Gesicht regungslos und fahl. Es
wurden nur Blicke, keine Worte gewechselt. Der Fremde hob einen Ordner kurz hoch und Ross zeigte dem Mann an, ihm zu folgen. McQueen musste
ein Schaudern unterdrücken. Dieser seltsame Mann sah für ihn aus, wie der Tod höchstpersönlich. Und das, was er brachte, war der Tod, da war er
sich ganz sicher. Langsam folgte er den anderen. Sein schlechtes Gefühl seit der Bergung der Überlebenden wurde immer greifbarer.
Im Besprechungsraum saßen schon die Mitglieder der Wildcards und auch Hank und Jay machten es sich gerade auf den Stühlen bequem. McQueen
betrat, gefolgt von Ross und dem Fremden den Raum. Sofort standen die Marines auf und nahmen Haltung an. "Setzen." Mehr sagte Ross nicht. Er
wirkte nicht gerade erfreut über den Mann neben sich. Jeder der jungen Leute dachte bei sich, dass der nichts Gutes brachte. Jay und Hank sahen sich
kurz an. Ein leichtes Nicken. Ja, es ging los. Die nächste Runde mit ihrem Feind. Da waren sie sich ganz sicher. Ross blickte ernst jedem einzelnen ins
Gesicht, bevor er zu sprechen begann. "Der ursprüngliche Auftrag, der für Sie gedacht war, wurde aufgehoben. Sie bekommen einen neuen. Und dieser
ist Top Secret. Es dürfen darüber keinerlei Informationen nach außen dringen. Sie wissen, was für Konsequenzen ein Nichteinhalten für Sie alle hat.
Dieser Mann hier ist vom Geheimdienst. Sein Name ist für Sie nicht von Interesse. Er wird Ihnen alle Informationen geben, die uns zur Verfügung stehen."
Ross wandte sich dem Mann zu und stellte sich nach einem kurzen Nicken neben McQueen, der dem Ganzen mit starrer Miene folgte. "Meine Damen,
meine Herren," bei den ersten Worten zuckte jeder der Anwesenden unwillkürlich zusammen. Die Stimme war so kalt und ließ einen das Blut in den
Adern gefrieren. " ... Ihr Auftrag ist unglaublich wichtig für diesen Krieg. Es handelt sich um eine Mission, bei der Sie mit einigen
Schwierigkeiten zu
rechnen haben. Es geht auf den Planeten ‚Rimos‘. Sie werden dort mit einem Transporter landen. In einer Zone, deren Koordinaten ich Ihnen vor dem
Abflug gebe. Da gehen die Magnetstürme fast bis zum Boden. Eine sehr schwierige Landung, aber sie ist machbar. Ich setze da mein Vertrauen in die
Fähigkeiten von Lt. Montgomery als Pilotin." Seine kalten Augen hefteten sich für Sekunden an Jay. Diese musste all ihre Selbstbeherrschung aufbringen,
um ihm nicht an die Kehle zu springen. Verdammter Dreckskerl. Du schiebst mir den schwarzen Peter zu, wenn wir es nicht schaffen. Pilotenfehler, tut
mir leid um ihre Leute. "Der Planet hat im höheren Orbit schwere Magnetstürme. Diese verhindern den Funkkontakt zur Saratoga. Sie können also, wenn
Sie gelandet sind, auf keine Hilfe bei Not hoffen. Mit weiteren Koordinaten teile ich Ihnen einen Weg zu einem Depot des Feindes mit. Dort befindet sich
ein großes Waffenlager der Chigs und für uns auch eine wichtige Substanz. So weit ich weiß, kennen Sie diese bereits. Es ist das Gleiche, das zum Bau
des Sprengsatzes für den Chigjäger, den Sie alle unter den Namen ‚Chiggie von Richthofen‘ kannten, benutzt wurde. Sie bekommen zur Bergung noch
spezielle Transportgefäße. Zusätzlich kann man davon ausgehen, dass dort auch Gefangene gehalten werden. Sie arbeiten für die Außerirdischen als
Sklaven. Dieser Punkt ist noch nicht bestätigt, aber gehen Sie davon aus. Der Planet hat eine dschungelhafte Umgebung. Die Luft ist heiß und feucht,
aber atembar. Zum Depot benötigen Sie eine Tag. Wichtig ist, dass Sie sich an die vorgegeben Koordinaten halten. Das ist entscheidend für den Erfolg
dieser Mission." Ruckartig wandte er sich ab und verließ grußlos den Raum. Stille herrschte darin. McQueen wollte sie unterbrechen, aber er konnte
nicht. Er wusste wie gut seine Leute waren und dass sie es schaffen konnten, aber es beruhigte ihn kein bisschen.
Ruhig glitt der Transporter zu den Zielkoordinaten. Noch eine Stunde und sie würden in den Orbit eintreten und dann würde der Tanz erst mal beginnen.
Die Sensordaten, die sie bis jetzt erhalten hatten, waren nicht gerade sehr motivierend. Shane beobachtete Jay verstohlen, wie sie ruhig und konzentriert
auf dem Pilotensitz ihre Arbeit erledigte. Vansen war ja keine schlechte Pilotin, sogar eine sehr gute, aber das, was sie bis jetzt von Jay gesehen hatte
und auch von Hank als Kopilot, ließ sie neidisch werden. So ein Gespür hatte sie einfach nicht. Es kam ihr so vor, als ob die beiden ein Teil der Maschine
wurden. Für Shane sah es richtig schön aus. Hörte sich sicherlich verrückt an, doch eine Frage stellte sie sich nicht zum ersten Mal: Warum waren die
beiden nur Lt.‘s und noch keine höheren Offiziere? Es gab da zwar einige Geschichten über das Kommando von Colonel Fiels, trotzdem war ihr die
Sache nicht ganz klar.
"Wir treten in zwei Minuten in den Orbit ein. Ich empfehle, sich anzuschnallen und die Kotztüten bereitzuhalten. Das hier wird ein sehr holpriger Flug."
Nachdem Jay die anderen über Funk informiert hatte, unterbrach sie den Funkkontakt komplett. Jetzt musste sie sich nur auf die Landung konzentrieren
und konnte keine Ablenkung gebrauchen. Mit Hank konnte sie sich auch per Handzeichen verständigen. Dieser hatte, bevor Jay mit der letzten Frequenz
anfing, noch die Tür geschlossen. Nun gab es für die junge Frau nur noch sie, den Transporter und den Planeten. Kaum berührten sie den äußeren Rand
des Magnetsturmes, sackte die Maschine sofort einige Meter nach unten. Eine leichte Bewegung am Steuer und sie fing sich wieder. Dann brach sie zur
Seite raus. Gegensteuern. Nach links, dann mal rechts, immer wieder gegensteuern. Diese Spiel ging noch einige Minuten so weiter, bis sie endlich in
den unteren Rand des Sturmes kamen. Sie näherten sich den Koordinaten. Diese mussten noch korrekt sein, es wäre für ihre Widersacher natürlich die
beste und einfachste Art, sie alle so loszuwerden. Der Sturm war zu stark, Transporter abgestürzt. Doch nicht mit mir. Verbissen starrte sie auf die
Planetenoberfläche. Mistkerl, davon hatte er nichts gesagt. Ein seltenes Phänomen bei Magnetstürmen war, dass Sandpartikel in die Luft gesogen
wurden. Und das war hier der Fall. Die Sicht wurde dadurch auf fast Null beschränkt und durch die Magnetfelder waren auch ihre Instrumente, nicht allzu
genau. Jay schätze, dass sie noch drei Minuten was sehen konnte und dann blind fliegen müsste. Er hatte doch meine Flugtauglichkeit so hoch gelobt.
Nun, du Verräter, da hast du nicht mal unrecht gehabt. Manchmal war ein fotografisches Gedächtnis nicht schlecht. Speziell beim Fliegen. Dass sie
diese Fähigkeit hatte, wusste so gut wie niemand. Dem Corps hatte sie das nie gemeldet. Und nun war sie froh darüber. Die Sicht war ganz weg. Jay
schloss die Augen. So konnte sie sich viel besser auf das beziehen, was sich noch kurz zuvor gesehen hatte. Die Landung würde das härtestes Stück
Arbeit werden.
"Verdammt!!" Cooper verfluchte sich schon zum x-ten Mal, dass er sich genau unter den Medikasten setzen musste. Bei der Rüttelei kam ihm nicht nur
das Essen bedenklich hoch, sondern er stieß sich schon einige Male den Kopf an dem Kasten an. Der einzige Trost für ihn war, das es seinen Freunden
keinen deut besser ging. Die blasse Gesichtsfarbe hatte jeder von ihnen und auch die Probleme mit dem Mageninhalt machten die Runde. "Wenn wir heil
runterkommen, dann werde ich erst mal ein Stoßgebet losschicken." Vanessa drückte es mal wieder härter in den Gurt. Paul versuchte sich zusätzlich
an dem Sitz festzuhalten, was ihm aber die Wucht, mit der sie hin und her geworfen wurden, vereitelte. "Du meinst, Vanessa, falls wir jemals unten
ankommen. Jedenfalls lebend." "Jay ist verdammt gut. Die bringt uns in ganzen Stücken runter. Ich hab sie vorne beobachtet. So etwas habe ich zuvor
noch nie gesehen, die kennt, glaube ich, jede Maschine die es gibt und beherrscht diese auch." Shane unterstrich ihre Worte mit heftigem Nicken, dass
ihr eine Beule am Hinterkopf bescherte, denn dieser wurde heftig nach hinten geschlagen. Ein Schmerzensschrei entfleuchte ihr. Nathan grinste
verhalten, das gleiche war ihm vor einigen Minuten passiert und da hatte ihn Shane angemosert, er sollte einfach besser aufpassen. "Eigentlich müssten
die schon längst mehrere Dienstränge über uns sein, doch nach dem, was die sich schon alles geleistet haben, wundert mich das nicht. Das Wunder
ist, das die bis jetzt noch nicht vor dem Militärgericht gelandet sind. Aber das Corps kann auf so einen guten Trupp nicht
verzichten. Die haben bis jetzt schon mehr als 350 Marines aus der Gefangenschaft befreit." "Und dann hat Jay noch einen Perversen vermöbelt, einen Aerotech Trupp haben sie auch
niedergemacht. Einige Befehle nicht befolgt. Lauter so nette Dinge. Kein Wunder, dass McQueen nicht so begeistert war, als sie zu uns kamen. Er hatte
wahrscheinlich Angst, dass die uns anstecken und wir dann auch so einen Blödsinn machen." "Da redet der richtige. Cooper, du stellst neben Nathan
hier den meisten Unsinn an." Vanessa hob tadelnd den Finger. Plötzlich sackte die Maschine wieder ab. Angsterfüllt sahen sie sich an. Lasst uns endlich
lebend aus dieser Maschine raus, war da nur noch ihr einziger Gedanke.
Jay öffnete ihre Augen wieder. Nun war sie bereit zum Showdown. Die Maschine wurde noch mehr gebeutelt und traf immer öfter auf Luftlöcher, die sie
sofort einige Meter hinunter fallen ließen. Die Sicht war nun komplett weg. 340 Meter bis zum Boden noch, so schätzte sie. Nicht mehr weit. Ihre Muskeln
waren angespannt, sie korrigierte sekundenschnell jede Änderung, die der Sturm mit sich brachte. Ohne jegliche Vorwarnung war der Sturm nicht mehr
da. Nur noch das Magnetfeld, dass sie viel zu schnell nach unten zog. Mit der Geschwindigkeit würde das keiner von ihnen überleben. Jay zog sie wieder
ein Stück höher und versuchte dadurch, den Transporter zu bremsen. Erst passierte gar nichts, noch immer zu schnell, dann zeigten sich die ersten
Wirkungen. Die Geschwindigkeit ließ nach. Nicht optimal, aber besser als nichts. Nur noch wenige Meter trennten sie vom Boden. Und da die zweite
Information, die nicht so ganz passte: Die Lichtung war nur halb so groß, wie angegeben. Würde knapp werden. Tief atmete die Frau durch. Kurz vorm
Boden haute sie die Schubumkehr auf volle Kraft rein. Mit einem harten Ruck setzten sie auf. Kaum am Boden, schaltete Hank sofort alle Geräte ab.
Diese Aktion hatte sie einige zusätzliche Energie gekostet. Sie mussten sparen, wo sie nur konnten. Aber das hatte ihnen auch das Leben gerettet. "Gut
geflogen, Montgomery." "Danke, Wilson. Mit dir macht das richtig Spaß." Hank wandte sich der Pilotin zu. "Bilde ich mir das ein, Jay oder waren unsere
Informationen nicht so 100%ig?" Verächtliches Schnauben war die Antwort. "Du hast Recht, über solche Kleinigkeiten sollte man sich nicht aufregen, da
muss man drüber stehen, es geht ja nur um unser beschissenes Leben." Hank war sauer, stinksauer. Verlogenheit gehörte zu den Dingen, die er rein
gar nicht ausstehen konnte. Und dieser Fremde hatte ihnen die Hucke voll gelogen. Na warte, wenn wir zurückkommen, dann wirst du mir einiges
erklären müssen. "Komm alter Brummbär, wir wollen doch mal schauen, wie es unseren Passagieren geht." Jay nahm den Helm ab und kletterte aus
ihrem Sitz. Hank folgte ihrem Beispiel und bald standen beiden vor den Wildcards. Jay konnte sich bei dem Anblick ein Grinsen nicht verkneifen. Die
sahen ja so jämmerlich aus. Als ob sie gleich alle zum Kotzen anfangen würden.
Gelandet und alle lebten noch. Daran konnte man während des Fluges schon seine Zweifel bekommen. Unsicher schnallten die fünf sich los. Paul
bemerkte die beiden Piloten als erster, wollte sie gerade loben, als seine Mageninhalt die Oberhand gewann. Ohne ein Wort zu verlieren, öffnete er das
Schott und sprang aus dem Transporter, verschwand hinter einem Busch. Nur wenige Augenblicke später folgten ihm Vanessa, Cooper und Nathan. Nur
Shane blieb auf ihrem Platz sitzen. Hank ließ sich neben ihr nieder und betrachtete ihr fahles Gesicht von der Seite. "Du scheinst den Flug besser
überstanden zu haben als die anderen, Vansen." Kopfschütteln war die Antwort. "Wenn ich mich jetzt bewege, komme ich nicht weit und höre nie mehr
auf zu kotzen." Jay musste bei diesem Anblick laut loslachen. Die waren echt eine Show für sich. Schnell holte sie eine große Tüte und hielt sie ihr hin.
"Keine Scheu, Shane. Danach fühlst du dich viel besser. Glaub mir." Hank und Jay ließen die junge Frau alleine im Transporter und sahen nun nach den
restlichen Wildcards. Fit wirkte noch keiner von ihnen, aber jedenfalls hatten sie wieder mehr Farbe im Gesicht. Hank stieß Jay an. "Das ist nicht gerade
ein Kompliment für deine Flugweise. Ich glaube, du solltest noch mehr an deiner Technik arbeiten. Kümmern wir uns um die Ausrüstung. Wenn wir fertig
sind, müssten die sich auch wieder gefangen haben." "Gute Idee, Hank."
Vor 30 Minuten hatten die Marines den Transporter verlassen, auf dem Weg zu ihren Zielkoordinaten. Plötzlich öffnete sich eine Bodenluke. Ein
vollkommen schwarz gekleideter Mann kroch heraus. Aus einer weiteren Bodenluke holte er seine Waffe, Rucksack mit Sprengsätzen und Proviant.
Lautlos verließ er die Maschine und schlug den Weg ein, dem ihn sein Scanner angab. Ein halber Tagesmarsch und er war an der Station des Feindes
und dort konnte er auf sein Ziel warten. Die beiden Lt.‘ s und die Wildcards. Er verschwand im Dickicht des Urwalds.
Hank beobachtete Nathan und Cooper, die ungefähr drei Meter vor ihm gingen, genau. Gute Marines, wie Vanessa, Shane und Paul auch. In ihm reifte
mehr und mehr der Entschluss, den Wildcards von ihren Befürchtungen zu erzählen. Unbemerkt ließ er sich zurückfallen. Jay bildete die Nachhut. Bald
gingen sie nebeneinander. "Hast du dich entschieden, Jay?" "Du hast es bereits, nicht Hank?" "Ja, ich will es ihnen sagen." "Okay, ich bin dabei. Beim
Nachtlager. Lange können wir sowieso nicht mehr weitergehen. Hank, wir müssen ihnen aber alles sagen." "Das habe ich befürchtet. Ich habe ein
schlechtes Gefühl dabei." "Mir geht es nicht anders, Hank. Aber entweder alles oder nichts. Keine halben Sachen. Hier ist was faul und die Wildcards
haben das Recht darauf, von uns alles zu erfahren, was wir darüber wissen und vermuten. Es geht nicht anders." Hank nickte und schloss wieder zu
Nathan und Cooper auf. Wie viele sie wohl dabei getötet hatten? Zwei, drei oder gar fünfzig oder hundert? Übelkeit machte sich in ihm breit. Würde er je
mit diesem Gedanken richtig leben können? Mit dieser Schuld?
Jay wusste genau wie sich Hank gerade fühlte. Ihr ging es ja keinen bisschen besser. So viel hatte ihr der Krieg schon genommen und angetan. Sie
kannte Leid und Schmerz zur Genüge, doch das hier konnte sie vielleicht sogar brechen. Würde sie mit diesem Wissen weiter leben und kämpfen
können? Jedenfalls so lange, bis sie diese Mistkerle alle hatte und ihnen die Strafe zukommen ließ, die sie verdienten. Gleiches mit gleichem bezahlen.
Die Marines waren tot, also sollten auch die anderen sterben. Und wenn sie selbst zum Mörder werden müsste.
Der Attentäter hatte bereits sein Ziel erreicht. 500 Meter vor dem Depot baute er die Sprengsätze auf, genau auf den Weg, den die anderen kommen
mussten. Dann ging er in Deckung und wartete.
Das Nachtlager. Sie machten kein Feuer an, da es einfach zu gefährlich war, dadurch vom Feind entdeckt zu werden. Shane teilte gerade die Wachen
ein, als Hank zu ihr trat und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Leicht verwirrt nickte die junge Frau und kurze Zeit später saßen alle nah beieinander. Gespannt
waren ihre Blicke auf Montgomery und Wilson gerichtet. Was konnte hier den so wichtig sein, das sie es ihnen unbedingt sofort mitteilen mussten?
Bemerkten die beiden etwas, was den anderen nicht aufgefallen war?
Hank räusperte sich ausgiebig. Sein Herz schien ihm bis zum Hals zu klopfen. Er brauchte all seine innere Stärke, um endlich sprechen zu können. "Die
Mission ... das, warum wir hier sind ..." Tief holte er Luft. "Der Auftrag ist nicht echt. Jemand hat ihn erteilt, um Jay und mich leichter aus den Weg
räumen zu können." Die Wildcards wollten gerade Fragen stellen, da hob er abwehrend die Hände. "Lasst mich weitersprechen. Wir wissen, dass der
Auftrag nur diesen Zweck hat. Jemand will uns aus dem Weg räumen, weil wir etwas wissen, das nicht weitergegeben werden darf. Es hängt mit
Aerotech zusammen. Bereits auf dem Hinflug gab es zwei gravierende Abweichungen bei den Informationen durch den Mann vom Geheimdienst.
Dadurch wurden unsere Befürchtungen bestätigt. Wir konnten nicht früher was sagen, denn wir beide," er deutete auf sich und Jay, "sind davon
überzeugt, dass uns dies niemand glauben würde. Und wenn, wir haben keine Beweise. Außerdem gehen wir davon aus, dass es dort im Lager
tatsächlich Gefangene geben kann. Diese Leute würden alles und jeden opfern, auch die Menschen, die nichts damit zu tun haben. Ich meine damit auch
euch, die Wildcards. Wir sind uns sicher, dass ihr nichts mit diesen Mistkerlen zu tun habt, deshalb erzähle ich euch das alles." Stille kehrte ein. Jeder
musste, das, was er da gerade gehört hatte, erst mal verdauen. Cooper fand als erster wieder seine Stimme. "Warum wollen die Leute von Aerotech
euch loswerden, Hank?" Alles in dem Hünen sperrte sich, er konnte einfach nicht darauf antworten. Mit Jay darüber zu sprechen war schon hart genug,
aber einem anderen Marine das zu erklären, war ihm unmöglich. Jay legte ihm die Hand auf dem Arm. "Es war ein Auftrag vor einigen Wochen. Top
Secret. Wir sollten ein Depot zerstören. Aus sicherer Entfernung. Hank und ich haben uns nicht ganz an die Anweisungen gehalten und sind näher an
das Depot ran gegangen, als es uns eigentlich erlaubt war. Dabei ist uns nichts Ungewöhnliches aufgefallen, wir haben den Job erledigt und sind zurück
auf die McArthur. Dann kam der Auftrag, dass wir uns zur USS Georgia begeben sollten. Wir wussten von Anfang an, dass da was im Argen lag. Nur
nicht was. Der Absturz. Erst danach begriffen wir die Zusammenhänge. Bei dem Auftrag, den wir auf dem Planten ausgeführt hatten, war uns etwas bei
einem Gebäude aufgefallen, aber wir konnten es nicht zuordnen. Sie sahen darin keine große Bedeutung. Jedenfalls damals nicht. Erst gestern wurde es
uns klar. Aerotech hat uns falsche Informationen gegeben. Wir sind davon überzeugt, dass sie es wussten. Niemand von ihnen hatte erwähnt, dass dort
auch ein Gefangenenlager war." Cooper sah sie verständnislos an, er begriff noch nicht, was sie versuchte zu sagen. Tief atmete sie durch. "Wir haben
unsere eigenen Leute in den Tod geschickt. Ohne etwas zu ahnen. Nur Hank und ich konnten die Vorrichtungen für die Sauerstoffherstellung erkennen,
sonst niemand aus unserer Schwadron. Aerotech kann es sich nicht leisten, wenn diese Informationen an die falschen Leute
weitergeleitet würden. Auch wenn wir keine Möglichkeiten haben, es ihnen nachzuweisen, sind wir eine potentielle Gefahr, die beseitigt werden muss." Das Entsetzen packte jeden
einzelnen der Wildcards. Die eigenen Leute zu töten, war einfach das Schlimmste, was einem Marine passieren konnte. Und die beiden mussten nun
mit diesem Alptraum leben. Unerwartet für alle, sprang Cooper hoch. "Aerotech. Das ist typisch für diese Schweine. Wir sollten sofort umkehren und uns
diesen Mistkerl vom Geheimdienst holen." "Nein, nicht alle Informationen können bei diesem Auftrag falsch sein. Wir wissen nur nicht, welche wahr sind.
Ich gehe davon aus, dass die Route nicht in Ordnung ist. Er hat zu sehr darauf bestanden, dass wir sie einhalten. Deshalb sollten wir eine neue
einschlagen." Vansen trat neben Cooper. "Falls es dort Gefangene gibt, müssen wir sie rausholen. Das ist unsere Pflicht als Marine. Nur müssen wir auf
der Hut sein. Irgendwo erwartet uns sicherlich eine nette Überraschung. Jay, Hank, ihr beide könnt nichts dafür. Man hat euch reingelegt und das beste,
was wir alle nun tun können ist, es zu beweisen. Erledigen wir den Auftrag und dann holen wir uns den Geheimdienstler. Zeigen wir ihnen, dass sie uns
nicht klein kriegen können. Den Rest überlassen wir am besten dann Ross und McQueen. Die werden ihn auseinandernehmen wie eine heiße Kartoffel."
Vanessa stellte sich neben die anderen. "Shane hat vollkommen Recht. Wir sollten jetzt versuchen noch etwas Schlaf abzubekommen. Morgen
erarbeiten wir einen neuen Weg zum Depot und dann erledigen wir sie." Sie ging zu Hank und legte ihm den Arm um die Schultern. "Lass‘ deine Wut
raus, Hank, aber fühle dich für das, was passiert ist, nicht verantwortlich. Keiner von euch ist dafür verantwortlich. Es ist nicht eure Schuld. Niemand
konnte das ahnen." Zustimmend nickten die Wildcards.
Jay starrte auf den Scanner vor sich. Die neue Route war um einiges kürzer als die vorgegebene. In zwei Stunden würden sie
aufbrechen. Alle außer Shane schliefen, sogar Hank konnte einschlafen. Sie hatte da weniger Glück. Die Sache beschäftige sie zu sehr. Der Hass in ihrem Innersten baute sich
immer mehr auf. Sie musste ihn besser unter Kontrolle kriegen, sonst könnte das Probleme beim Einsatz ergeben. Shane setzte sich neben sie. "Du
denkst an die Geschehnisse bei dem Einsatz, nicht wahr?" Eine kurze Kopfbewegung kam als Antwort. "Ihr wollt euch bei diesen Mistkerlen dafür
revanchieren. Aber das wird nicht helfen, Jay. Ich habe meine Eltern durch die Silikanten verloren. Ich habe erfahren, warum sie es getan hatten und
dann habe ich alle dort getötet, aber meine Alpträume waren dadurch nicht vorbei. Ich fühlte mich nicht besser. Es hilft nicht, Jay." "Ich will mich nicht
besser fühlen, ich will sie einfach nur umbringen. Shane, es geht hier um simple Rache. Und ich werde sie bekommen, da wird mich niemand aufhalten
können. Weder mich, noch Hank. Wir beide haben es uns geschworen. Und ich halte meine Schwüre." Ein kurzer Blick in die Augen der jungen Frau
reichte Shane, um zu erschrecken. Das, was sie darin gesehen hatte, war blanker, ungezügelter, purster Hass. Jay wusste genau, was Shane nun sah
und sie wollte es auch jemanden zeigen, dass es ein Fehler war, sie zu unterschätzen. Es gab durch den Krieg nicht mehr viele menschliche Regungen
in ihrem Innersten, nun war auch ihr Mitleid abgestorben.
Egal wo Nathan auch ging, vorne, Mitte, hinten, überall bekam er diese blöden Zweige der Bäume direkt ins Gesicht gezogen. Aus einigen Schrammen
blutete er bereits. Nicht mal Cooper, der ja doch ein gutes Stück größer als er war, hatte soviel Probleme damit. Irgendwie schienen es diese Teile auf
ihn persönlich abgesehen zu haben. Ihm war heiß, das Wasser lief ihm in Strömen über den Körper. Die Klamotten klebten bereits an ihm. Was gäbe er
jetzt nicht alles für eine kalte Dusche und etwas Kaltes zum trinken. Doch daraus würde wohl nichts werden. Jedenfalls nicht in den nächsten Stunden.
Zum Glück hatten sie es nicht mehr weit. Vielleicht gerade mal 40 Minuten, dann würden sie in der unmittelbaren Nähe des Stützpunktes der Chigs sein.
Aber wieso, wie konnte das nur sein? Verwundert nahm der Attentäter das Fernglas von seinen Augen. Er hatte gerade die Wildcards entdeckt und sie
kamen nicht den Weg, den sie eigentlich kommen müssten. Verdammt, wieder haben diese zwei Lt.‘s gegen einen direkten Befehl gehandelt. Er wusste
einiges über Montgomery und Wilson. Eigentlich hätte er sich das denken können, dass sie wieder ihren eigenen Weg gehen würden. ‚Okay. ihr wollt
also spielen, dann werden wir das auch tun. Ich hole mir einfach jeden einzelnen von euch und schlachte ihn ab. Keiner von diesen kleinen Kindern
würde diesen Planeten lebend verlassen.‘ Dafür würde er schon sorgen. Und sein erstes Opfer hatte er bereits im Visier.
Cooper wischte sich über die nasse Stirn. Konnten sie nicht mal in einem Gebiet einen Einsatz haben, in dem das Klima angenehm war? Entweder
erfror man fast oder bekam einen halben Hitzschlag. Er bemerkte, dass er zu weit zurückgefallen war und machte sich daran, aufzuholen. Er registrierte
nicht, wie sich der Mann von hinten an ihn ran schlich. Jede der Bewegungen war lautlos. Jetzt hob er sein Messer an, wollte es dem InVitro in den Hals
rammen, als plötzlich eine zweite Gestalt auftauchte und den Killer umwarf. Erschrocken fuhr Cooper bei dem Geräusch herum. Vor ihm auf den Boden
lag ein fremder Mann und auf ihm Jay. Diese zog gerade richtig durch mit ihrer Waffe und er wurde bewusstlos. "Die haben uns eine kleine
Überraschung mitgeschickt. Ich schätze mal, das wird nicht die einzige hier sein." Ihr Blick wanderte herum. Die anderen hatten von dem Vorfall nichts
mitbekommen. "Kannst du ihn alleine nehmen, Cooper?" "Klar, Jay. Ich kümmere mich schon um den Kerl. Was hast du vor?" "Mich umschauen, mal
sehen, ob ich anderen Präsente auch noch finde." Schon verschwand sie im Dickicht und ließ ihn alleine zurück. Cooper testete erst mal, ob er
überhaupt noch lebte. Glück gehabt, oder auch nicht, der Puls war noch zu fühlen. Schnell fesselte er ihm die Arme auf den Rücken und steckte ihm
einen Knebel in den Mund, zur Sicherheit, nicht dass der Typ auf blöde Gedanken kämme. Dann zog er ihn mehr hinter sich her, als das er ihn trug. Der
erste, den er traf, war Paul. Der betrachtete den unbekannten Mann erstaunt. "Er wollte mich umbringen. Jay hat ihn erwischt und bewusstlos
geschlagen. Sie sieht sich gerade um, ob noch mehr solche Probleme auf uns warten. Wir sollten unseren Besuch Shane vorstellen." "Gute Idee,
Cooper. Unsere Gegner wollten wohl auf Nummer sicher gehen, dass wir ja nicht zurückkehren. Coop, ich helfe dir mit ihm." Sie nahmen den Mann in
die Mitte und zogen ihn hinter sich her.
Nathan hatte die Vorhut übernommen. Immer weiter stapfte er durch das dichte Unterholz. Das Ganze ging einem ganz schön an die Kondition. Fast so
schlimm, als wenn man durch tiefen Schnee gehen musste. Er wollte gerade einen großen Ast zur Seite schieben, als er ein Aufblitzen am Boden
bemerkte. Nur für Sekunden, aber es reichte, ihn erstarren zu lassen. Eine Gänsehaut kroch seinen Rücken hoch. Die anderen waren ein paar Minuten
hinter ihm. Vielleicht nur ein Wassertropfen, vielleicht auch nur eine kleine Sprengfalle.
Vorsichtig ging er in die Knie, näherte sich dem Hindernis. Bingo, da hatte er aber noch mal verdammtes Glück gehabt, dass er es bemerkt hatte. Es war ein Falle. Eine sehr gut getarnte Falle. Und eindeutig nicht von
den Chigs, sondern eine vom Marine Corps. ‚Wunderbar‘. Er wäre beinahe von einer Sprengladung der eigenen Leute getötet worden. In ihm kam der
Verdacht auf, dass dies genau der Sinn und Zweck dieser Ladung war. Die Gänsehaut zog sich über den gesamten Körper. Behutsam begann er nun,
sie zu entschärfen. Dass sie von den eigenen Leuten war, hatte nun den Vorteil, dass er sie sehr gut kannte. Er brauchte nicht lange und als er fertig
war, kam Shane schon auf ihn zu. Ohne Worte hob er die Sachen hoch. "Wir haben dazu noch einen Attentäter gefangen. Er wollte uns einen nach dem
anderen umbringen, nachdem wir den falschen Weg gekommen waren. Hätten wir den genommen, wäre das unser Begrüßungsgeschenk gewesen.
Tolle Aussichten." Nach Shane kam Jay dazu. "Du hast also auch welche gefunden, Nathan. Der komplette Weg ist damit gespickt. Hank hat eine
andere Route gefunden wie wir am unauffälligsten zum Lager kommen. Wir sollten uns sammeln und besprechen, wie wir weiter vorgehen. Nicht weit
von hier ist ein kleiner Bach. Sehr verborgen, dort könnten wir ausruhen und uns vorbereiten. Der Fremde könnte in der Zwischenzeit, vielleicht ein paar
Informationen rüberwachsen lassen." Shane schüttelte den Kopf. "Ich glaube nicht, dass der auch nur ein Wort sagt. Scheint ein Profi zu sein." "Noch
Shane, noch ist er ein Profi. Wollen wir mal sehen, wie lange noch." Jay klopfte kurz auf ihr Messer und grinste kalt. In ihrem Hass, war sie zu allem
bereit. Außerdem war Rücksicht in ihrer Situation nicht angebracht.
Doch nicht Jay brachte ihn zum Reden, sondern Hank. Er schlug erst zu, brach ihm dabei die Nase und gleich darauf zwei Finger. Doch er konnte ihnen
nicht viel sagen. Nur dass sein Auftrag war, alle Beteiligen zu eliminieren und das im Chig-Lager nicht viele Wachen zu erwarten waren. Die Aliens
glaubten sich in Sicherheit, wegen der Magnetstürme. Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass eines der Schiffe des Corps in der Lage war, hier
zu landen. Darauf baute sich auch ihr Plan auf. Sie würden zusammen in das Depot
eindringen, dort nach Gefangenen suchen und wenn alles darin
erledigt war, dieses sofort vernichten. Ihren neuen ‚Freund‘ würden sie auch mitnehmen, falls er doch nicht ganz die Wahrheit gesagt hatte. Doch daran
zweifelte niemand mehr in dem Team. Vansen fühlte sich bei der Befragung nicht sehr wohl, aber sie hielt Hank nicht zurück. Keiner von ihnen hielt ihn
zurück. Das ganze ließ sich nicht mit Grundsätzen der Marines vereinbaren, aber es ging nicht nur um ihr eigenes Leben, sondern möglicherweise auch
noch um das gefangener Menschen. Und auch die ganze Situation war nicht normal. Nie mussten sie mit solchen Gegnern kämpfen. Nicht nur die Chigs
waren der Feind, sondern auch die eigenen Leute. Es war nur die Frage, wer von ihnen gefährlicher war?
Die Chigs glaubten sich wirklich in Sicherheit. Außen war kein Posten auszumachen. Nicht mal die Türen waren mit Codes gesichert. Sie gingen einfach
auf, wenn man sich davor stellte. Leider waren sie nicht so dumm, sie ganz unbewacht zu lassen. Gleich dahinter stand eine Wache. Die aber sofort von
Cooper mit einigen gezielten Messerstichen erledigt wurde. Schnell zog er die Leiche hinaus und versteckte sie im nahen Gebüsch. Wortlos sahen sich
die Marines um. Von Anfang an war klar, dass sie zusammenbleiben würden. Und auch ihr Gast war dabei. Jay trieb ihn vor sich an. Seine Hände waren
auf den Rücken gebunden und auch der Knebel war wieder an seinem Platz. Gehetzt blickte er sich um. In einem Stützpunkt des Feindes von Marines
umzingelt, die ihn nicht sonderlich wichtig einschätzten und dazu noch gefesselt, da standen seine Überlebenschancen nicht sehr gut. Vor allem mit der
Frau hinter sich. Sogar jetzt, wo er ihr nicht direkt in das Gesicht sah, spürte er ihren hasserfüllten Blick auf seinem Rücken. Er hatte sie unterschätzt.
Gedacht, dass sie nur kleine Kinder wären. Doch sie hatten es von Anfang an geahnt, dass sie hier mehr als nur der Feind erwartete. Sie wussten
schon, was gegen sie lief. Also war ihnen auch klar, was sie gesehen hatten. Sie begriffen die Zusammenhänge der einzelnen Aufträge, wussten den
wahren Hintergrund. Und ihn würden sie sicherlich nicht am leben lassen. Er kannte diesen Blick, den hatte er schon zu oft selbst gesehen und selbst
gehabt. Menschen, die so hassten, wie die beiden, wurden schnell zum Gleichen was er war. Unbarmherzige Killer.
Vanessa zog scharf die Luft ein. Langsam schlich sie einen Gang entlang, fest ihre Waffen in der Hand. Immer auf der Hut, es konnten von überall her
ihre Feinde auftauchen. Bis jetzt waren sie erst wenigen Chigs begegnet und konnten alle lautlos eliminieren. Noch kein Alarm schien ausgelöst zu sein.
Jesus. Nach was stank es hier nur so? Sie verzog ihr Gesicht angewidert. Die Chigs stanken ja nicht schlecht. Aber diesen Geruch kannte sie bis jetzt
noch nicht von ihnen. Passte aber auch nicht zu ihnen. Es kam ihr wie Verwesungsgeruch vor. Irgendetwas oder irgendjemand vergammelte hier ganz in
der Nähe. Immer weiter tastete sie sich durch die halb dunklen Gänge. Es gab kaum Abzweigungen und Zimmer in diesem Bereich. Der Geruch wurde
immer intensiver und stärker; raubte ihr fast den Atem. Eine Tür kam in ihren Blickwinkel. Sie zeigte den anderen an, zu warten und näherte sich Stück
für Stück. Warum war sie nicht geschlossen? Daher kam der Gestank. Direkt da heraus. Vorsichtig lugte die junge Frau hinein. Auch hier war die
Beleuchtung nicht sehr hell, doch sie reichte vollkommen, damit Vanessa erkannte, was diesen Geruch erzeugte. Vor ihr lagen in einem nicht allzu tiefen
Schacht Dutzende von Leichen. Menschen, Marines. Es war deutlich zu erkennen, dass sie schon einige Zeit hier lagen und vermoderten. Angewidert
wandte sie sich ab. Es gab also wirklich Gefangene, aber die lebten schon nicht mehr. Ob das der Typ vom Geheimdienst gewusst hatte? Wundern
würde es sie nach all dem nicht mehr. Shane kam hinzu und konnte sich ein Stöhnen nicht verkneifen. Mein Gott, was hatten sie den mit denen getan.
Sie einfach weggeworfen wie Müll. Vielleicht konnten sie die Erkennungsmarken jedenfalls bergen. Damit die Zuhause endlich wussten, was mit ihren
Familien und Freunden passiert war. Sie winkte Cooper zu sich her und wollte gerade hinunter klettern, als Jay sie am Arm festhielt und den Kopf
schüttelte. Sie gab Hank ein Zeichen und er leuchtete mit seiner Taschenlampe in die Grube, über die Leichen, hielt an einer Stelle inne. Ein Sprengsatz,
garantiert nicht der einzige dort unten. "Wir kennen das, Shane. Sehen es nicht zum ersten Mal und sicherlich auch nicht zum letzten Mal." Dann ließ sie
die anderen stehen und ging weiter. Denen hier konnten sie nicht mehr helfen, aber vielleicht waren noch welche da, denen man helfen konnte. Jay
wünschte es sich von ganzen Herzen, aber sie glaubte nicht mehr daran.
Sie suchten noch weiter, fanden noch eine zweite dieser Gruben. Irgendwie hatten sie alle es geahnt, dass sie niemanden mehr lebend hier heraus holen
konnten. Stumm wanderten sich durch den kleinen Stützpunkt, arbeiteten sich von Punkt zu Punkt vor. Töteten alles, was ihnen in den Weg lief
erbarmungslos. Es schien, als ob sie jeden Chig für die Toten bestrafen wollten. Zur gleichen Zeit fing Nathan zusammen mit Hank an, die
Sprengladungen zu setzen. Sie sollten per Fernzündung hochgehen. Von diesem Lager sollte nichts mehr übrig bleiben. Und wieder entdeckten sie
einen Fehler in den Informationen. Es gab nirgends auch nur eine Spur von dem außerirdischem Material. War es anders zu erwarten? Sie begaben sich
zurück zum Eingang. Kaum waren sie draußen, eröffneten einige der Chigs vom Dach des Gebäudes aus das Feuer. Cooper ließ sich von seinen
Freunden Deckung geben und verschwand als erster im Dschungel. Dann nahm er eine günstige Position ein und holte die Feinde mit gezielten
Schüssen vom Dach. Er gab den anderen das Zeichen, rüber zu kommen. Sie mussten sich beeilen, denn bald würden weitere Angreifer auftauchen.
Jay zog den Killer hinter sich her. So lange es ging, wollte sie ihn am Leben halten. Und wenn er starb, dann durch sie höchstpersönlich. Er sollte keinen
schönen Abgang von dieser Welt bekommen. Das hatte dieser Mistkerl einfach nicht verdient. Bald nahm ein Trupp Chigs die Verfolgung auf. Schnell
arbeiteten sie sich durch den Urwald in Richtung Transporter. Es fielen Schüsse. Immer näher kamen ihre Feinde. Die ersten schlugen knapp über
Shane ein. Mit einem Schrei brach Vanessa zusammen. Ein Querschläger hatte sie am Bein getroffen, sofort eilte Paul zu ihr und half ihr wieder auf die
Beine. Zeit zum Versorgen der Wunde hatten sie keine, denn das Feuer ließ keine Sekunde nach. Cooper und Hank schickten einige Feuersalven
zurück. Hank bemerkte, dass seine Kameradin zurückfiel. Der Abstand vergrößerte sich zusehends. Der Gefangene war für sie ein Hindernis bei der
Flucht. Sie mussten ihn los werden. Jay duckte sich und riss den Mann vor sich. Die Treffer, die ihr galten, trafen nun ihn. Er bäumte sich noch einmal
kurz auf, dann wurde sein Körper schlaff. Nathan und Cooper kamen von der Seite hinzu und erledigten die Chigs. Angewidert schob Jay den Mann von
sich runter. Sein Blut klebte an ihrer Uniform. Er war tot. Hatte ihr das Leben mit seinem Körper gerettet, nicht ganz freiwillig, aber das war ihr egal.
Jedenfalls einmal hatte diese Missgeburt das Richtige getan. Langsam rappelte sie sich hoch und sah Hank an. Dieser nickte nur kurz. Dann spuckten
beide auf die Leiche zu ihren Füßen. Die Gesichter waren hart und ohne jegliche Gnade. Sie wandten sich ab und ließen ihn liegen. Den Körper
mitzunehmen, das Risiko war er nicht wert gewesen. Eine Erkennungsmarke trug er auch nicht. Sollte er hier doch verrotten, wie die anderen Menschen
auch. Cooper beobachtete die beiden dabei genau. Er kannte schon einige Gefühle und Regungen der Menschen, aber puren Hass hatte er bisher noch
nie erlebt. Ihre Verfolger hatten sie abgeschüttelt oder getötet. Sie konnten nun das Tempo etwas zügeln. Sie waren ein gutes Stück entfernt, als Shane
die Sprengsätze zündete. Einen riesigen Feuerball sah man gen Himmel steigen. Einige kleiner Explosionen waren zu hören. Für wenige Minuten
verharrten die Marines auf der Stelle, beobachteten das Schauspiel, gedachten den Toten im Lager, dann ging es weiter in Richtung Landeplatz. Sie
mussten sich beeilen, sie konnten sich jetzt keine Pause mehr leisten. Lange ahnten die Chigs nichts von ihrer Anwesenheit, doch nun konnte es kaum
jemandem entgangen sein. Bald hätten sie sicherlich noch mehr unangenehme Aliens am Hintern kleben. Ihm Laufschritt zogen sie weiter, Paul
kümmerte sich zusammen mit Nathan um Vanessa. Ihre Verletzung musste warten, bis sie im Transporter waren. Doch die junge Schwarze biss eisern
die Zähne zusammen.
Noch nie kam ihnen ein einfacher Transporter so schön vor. Da waren sich alle einig. Hastig stiegen sie ein und Jay kletterte bereits auf den Pilotenstuhl.
Hank folgte ihrem Beispiel und es war noch nicht mal die Tür richtig geschlossen, da hoben sie bereits ab. Jay meldete sich über das Intercom. "Schnallt
euch an, sofort. Wir müssen schauen, dass wir hier wegkommen. Ich habe nichts von dem speziellen Alien-Material gesehen, aber wenn es doch hier
sein sollte, würde es zu einer Kettenreaktion kommen. Und das könnte Auswirkungen bis hinauf in den Orbit haben. Daher müssen wir die Versorgung
von Vanessa auf später verschieben. In wenigen Minuten fängt der Tanz wieder von vorne an. Der Rückflug wird keinen deut besser als die Landung.
Wahrscheinlich sogar schlimmer. Also macht euch bereit!" Damit unterbrach sie wieder die Verbindung. Eine Sache hatte sie ihnen verschwiegen. Mit
der Energie sah es auch nicht gerade rosig aus. Sie hatte große Zweifel, ob sie bis zur Saratoga reichen würde. Wichtig war es aber erst mal, von
diesem Planten wegzukommen. Seine Anziehungskraft war schwer zu überwinden. Auch wieder einer der Punkte, der bei der Besprechung ‚vergessen‘
wurde zu erwähnen. Nur mit vollem Schub kamen sie von hier weg. Doch diesen konnten sie nicht allzu lang halten. Jay nahm den steilmöglichen
Winkel. Hoffentlich hielt das die Maschine aus. Poltern erklang aus dem hinteren Bereich, doch das interessierte sie in diesem Augenblick kein bisschen.
Hank holte alles an Energie raus, was er fand und was sie nicht zu nötig brauchten. Wenn sie es in den Weltraum schafften, hatten sie nur noch einen
kläglichen Rest Reserve. Der Druck wurde auf die Marines mehr als unangenehm. Der ganze Transporter rüttelte hin und her. Er schien nicht einmal
ruhig zu sein. Und der Lärm. Die Passagiere hielten sich die Ohren zu und doch konnte man alles noch überdeutlich hören. Jeder kam sich wie ein
Shake vor, dann wurde es auf einmal ruhig. Endlich waren sie draußen. Die klaren Sterne tauchen vor Jay auf. Sie hatten es geschafft. Dieser
gottverdammte Planet lag hinter ihnen. Ein Piepton erklang. Hank fluchte leise. "Mist, das war‘s. Der Antrieb ist erledigt. Wir haben keine Energie mehr.
Das einzige, was noch so leidlich funktioniert, sind die Sauerstofftanks und das Funkgerät. Ich bestelle mal ein Taxi bei der Saratoga, sie sollen uns so
schnell wie möglich hier wegholen." "Mach das, ich gehe nach hinten. Schau mal, wie es den anderen geht. Hier kann ich sowieso nichts mehr
ausrichten. Ruf mich, wenn was los ist."
Keiner der Wildcards traute sich, sich in den ersten Momenten zu bewegen. War es schon vorbei? Konnten sie ungefährdet aufstehen oder befanden sie
sich noch in der Nähe des Planeten? War es nur eine kurze Pause im Trubel? Die Tür zum Cockpit öffnete sich und ihre Frage wurde dadurch geklärt.
Jay kam nach hinten und sah nach Vanessa. "So, jetzt können wir uns endlich mal um dich kümmern. Wie geht es dir, Vanessa?" "Es brennt höllisch,
aber ist zu ertragen. Ich glaube es ist nur ein Streifschuss." Jay holte ihr Messer hervor und schnitt die Hose auf, um besser an die Wunde zu kommen.
Vanessa hatte vollkommen richtig vermutet. Eine unangenehme, aber nicht ernste Verletzung. Paul holte in der Zwischenzeit schon mal das
Verbandszeug und legte ihr dann den Verband an. Shane wandte sich an die Pilotin. "Wie sieht es aus, Jay?" "Hank funkt die Saratoga an. Wir brauchen
Hilfe. Keine Energie mehr in den Triebwerken. Ich habe bei der Landung viel mehr verbraucht als geplant war. Kein Wunder, da die Informationen nicht
ausführlich genug waren. Den Rest hat der Flug aus der Anziehungskraft des Planeten geschluckt. Da waren die Informationen auch nicht ausreichend.
Die Bordwaffen sind auch ohne Energie. Wir stecken hier fest, ohne die Möglichkeit, uns zu verteidigen. Jetzt brauchen wir eine gute Portion Glück, um
heil nach Hause zu gelangen."
"Hier ist Porky One, Lt. Wilson, ich rufe die Saratoga. Porky One ruft die Saratoga." McQueen übernahm sofort das Funkgerät. "Hier Queen-Six von der
Saratoga. Was ist los, Porky One?" "Wir brauchen Ihre Hilfe, befinden uns in der Nähe des Planeten ‚Rimos‘, bei den Koordinaten... Moment ... Sir, ist in
Ihrer Nähe der Mann vom Geheimdienst?" Erstaunt blickte McQueen Ross an, der sich neben ihn gestellt hatte. "Nein, Porky One. Warum fragen Sie?"
"Unsere Koordinaten sind 47739.9578. Unsere Energie ist aufgebraucht. Wir haben noch für ca. 3 Stunden Sauerstoff. Keine Möglichkeiten zur
Verteidigung. Wir treiben. Eine leicht Verletzte, Damphousse, sonst alle wohlauf. Keine Gefangenen dabei, waren bereits alle tot. Auch kein Alien-Material
entdeckt. Weitere Angaben erst auf der Saratoga. Nur eine wichtige Sache noch. Der Mann vom Geheimdienst hat gelogen. Er wollte uns umbringen
lassen, hatten Killer auf den Planeten gestellt, wurde beim Kampf mit den Chigs getötet. Leiche zurückgelassen. Porky One Ende." Die Leitung war
unterbrochen. Ross winkte den wachhabenden Offizier herbei. "Ich will, dass Ihre Leute den Mann vom Geheimdienst bewachen. Er darf sich auf diesem
Schiff nur in seinem Quartier bewegen. Und durchsuchen Sie ihn nach Waffen, wie auch seinen Raum." An McQueen gab er folgende Befehle.
"Schicken Sie ein Bergungsteam zu den Koordinaten, mit einer Jagdstaffel als Schutz. Holen Sie alle lebendig zurück, Ty. Ich möchte jetzt endlich
wissen, was hier gespielt wird." Ross hatte es ja geahnt, dass jemand vom Geheimdienst nichts Gutes brachte. Aber das hier war absolut die Höhe.
In wenigen Minuten würden sie auf der Saratoga landen. Endlich zurück. Zurück aus der Hölle. Kaum war das Schiff angedockt und die Tür des
Transporters geöffnet, als Jay schon aus ihm heraussprang und ohne jegliche Vorwarnung auf dem Mann vom Geheimdienst, der zwischen Ross und
McQueen stand, losging. Dieser konnte gar nicht reagieren, so schnell war die junge Frau. Der Hass in ihr nahm ihr die komplette Kontrolle über sich und
ihre Emotionen. Man hörte richtig, wie der Knochen seines Armes brach. Mit einem verzweifelten Schlag konnte er sich befreien und von der Landezone
fliehen. Ohne sich um die Herumstehenden zu kümmern, rannte sie ihm unverzüglich hinterher. Ihr folgte fast auf den Fuß Hank. Er wusste, dass sie ihn
umbringen würde, falls er sie nicht zuvor erwischen würde. Das wusste jeder an Bord des Transporters und jeder der sie auf der Landezone gesehen
hatte. Solch einen unbändigen Wutanfall konnte man nicht so ohne weiteres unter Kontrolle bekommen. Ross gab einen kurzen Befehl und schon folgten
ihnen eilig mehrere Marines und drei der Wildcards. Paul blieb bei der verletzten Vanessa, begleitete sie zur Krankenstation. Bald wurden die Marines
fündig und entdeckten Hank und Jay. Beide sahen sich um, aber sie hatten die Spur des Mannes verloren. Er war spurlos verschwunden. Verdammt, er
kannte sich sicherlich besser auf der Saratoga aus, als jeder, der hier je Dienst getan hatte. Eines musste man diesen Leuten lassen. Sie bekamen
wirklich gute Informationen, sie gaben sie nur nicht gerne weiter. Jedenfalls vollständig weiter. Ross ordnete den
Sicherheitstrupp an, jeden Bereich nach
dem Mann abzusuchen. Montgomery, Wilson und die Wildcards schickte er auf ihr Quartier. Er wollte sie bei der Suche nicht dabei haben, es war ihm
zu gefährlich.
"Wie geht es Dir, Vanessa?" "Wird schon wieder, Coop." Sie wandte sich Hank und Jay zu. Beide liefen unruhig im Quartier hin und her. Keiner von
ihnen konnte ruhig bleiben. Nathan, Shane, Vanessa, Paul und Cooper wollten ihnen so gerne helfen, aber sie wussten einfach nicht wie. Wie konnte sie
ihnen das Leid abnehmen?
Gehetzt blickte er sich um. Der ganze Auftrag war schief gegangen. Wieder hatten ihm Wilson und Montgomery einen Strich durch die Rechnung
gemacht und nun hatte er ein ziemliches Problem am Hals. Er wusste alles über die Saratoga, was man wissen konnte, aber es war nur eine Frage der
Zeit, bis sie ihn entdecken würden. Sein Gesicht verzog sich schmerzvoll. Verdammtes Miststück, sie hatte ihm den Arm gebrochen. Doch bald würde
ihm sein Auftraggeber mehr als nur die Knochen brechen. Viel mehr. Er wollte gerade in einen Gang treten, als ihn jemand fest unter dem Kinn packte
und mit einer blitzenden Klinge durchzog. Ohne einen Ton von sich zugeben, glitt der Mann vom Geheimdienst auf den Boden. Leblos lag er am Boden,
das Gesicht nach vorne. Eine Blutlache bildete sich, wurde immer größer. Lautlos zog sich der Mörder zurück.
Bald darauf wurden die Marines fündig und entdeckten die Leiche. Mit durchgeschnittener Kehle lag er da. Sein Körper war noch warm. Der Mord konnte
daher nur wenige Minuten vor der Entdeckung geschehen sein, was Montgomery und Wilson als Tatverdächtige
ausschloss. Doch wer war der Mörder?
Wer hatte ihnen diesen Job abgenommen? Wo war dieser Mensch jetzt? Ross konnte es gar nicht fassen, genau wie McQueen. Sie hatten hier auf der
Saratoga noch einen weiteren Killer. Was hatten diese beiden Marines nur gesehen oder was wussten sie, dass ihre Gegner zu allem bereit waren?
Ross beorderte McQueen und seine Leute in den Besprechungsraum. Kaum waren sie dort angekommen, wandte sich der Commodore sofort an sie.
"Sie brauchen sich gar nicht zu setzen. Ich habe einen Auftrag für Sie. Der Mann vom Geheimdienst wurde gefunden, tot, ermordet um genau zu sein.
Sie werden alle mit dem Sicherheitstrupp nach dem Mörder suchen. Wer auch immer das war, ich will ihn haben und zwar lebend. Langsam reicht mir
das Ganze und ich will endlich wissen, was hier gespielt wird. McQueen, Sie kommen mit mir auf die Brücke, von dort aus koordinieren wir die Suche."
Jay trat einen Schritt vor. "Weiß man etwas über den Mörder, Sir?" "Nein, gar nichts. Er hat ihn mit einem Messer die Kehle durchgeschnitten. Vielleicht
hat er Blutspuren auf seiner Kleidung. Mir ist es egal, wie sie ihn finden Lt., ich will nur, dass Sie ihn finden. Und er soll am leben bleiben. Ich hoffe Sie
haben das verstanden." Hank und Jay nahmen Haltung an. "Ja, Sir." Dann verließen Ross und McQueen den Raum. Shane wandte sich an die Marines.
"Wir bilden Gruppen. Nathan und Hank, Cooper und Jay und ich gehen mit Vanessa und Paul. Seid vorsichtig, der Mann ist sicherlich wie der andere ein
Profikiller." Shane hoffte, dass ihr Plan aufgehen würde. Sie wollte nicht, dass Hank und Jay zusammen nach dem Mann suchten. Denn wenn sie ihn als
erste fanden, könnte es zu einer Kurzschlusshandlung kommen und sie wollte nicht, dass ihre neuen Freunde noch mehr Ärger bekamen. Ross hatte es
ziemlich deutlich gemacht, dass er ihn lebend haben wollte. Sicher war sicher.
Jedes einzelne Deck wurde systematisch überprüft. Stundenlang Schott für Schott gesperrt. Doch noch immer wurde keine Spur von dem Mörder
entdeckt. Jay schlich ein gutes Stück hinter Cooper her. Sie wusste ganz genau, warum Shane sie mit ihm und nicht mit Hank eingeteilt hatte. Eine kluge
Frau. Sie wusste, wie sie beide vor noch mehr Schwierigkeiten bewahren konnte. Cooper war innerlich schon am Verzweifeln, als er einen Mann
entdeckte, den er nie zuvor gesehen hatte. Groß, schlank, dunkle Haare, Narbe im Gesicht. Auch was er trug, entsprach keiner ihm bekannten Uniform.
Kaum hatte dieser ihn bemerkt, lief er auch schon weg. Das war er. ‚Den hol ich mir, ich will endlich wissen, was hier läuft.‘ Schnell gab er die
Informationen an die anderen weiter. "Ich habe ihn gefunden. Ich bin auf Deck 14, Richtung Lager. Dunkle Haare, hat eine große Narbe im Gesicht, trägt
einen blauen Overall." "Okay. Ich komme von der anderen Seite, Cooper. Wir nehmen ihn in die Zange." "Pass‘ auf Nathan, ich weiß nicht, welche
Waffen er bei sich trägt. Ich habe nichts erkennen können."
Nun saß er in der Falle. Der große Marine hatte ihn entdeckt und er konnte noch einen Teil des Funkspruches verstehen. Schnell zog er sein Messer
hervor. So einfach würde er sich nicht ergeben. Das war nicht seine Art. Schon tauchte ein weiterer Marine vor ihm auf. Ohne groß nachzudenken ging
er auf ihn los. Nathan wehrte die ersten Angriffe noch ab, doch dann verlor er das Gleichgewicht, schlug heftig auf dem Boden aus. Überdeutlich konnte
er das Messer blitzen sehen, wie es auf ihn herunterfuhr. Er versuchte die Hand zu packen, rutschte aber ab und schon traf ihn die Klinge an der linken
Schulter. Bevor der Mann weiter auf Nathan einstechen konnte, wurde er von Cooper herumgerissen. Ein heftiger Schlag und das Messer rutschte aus
seiner Hand. Dann schlug er zurück und erwischte den InVitro voll. Benommen kippte er um. Diese kurze Pause nutzte der Mann, um weiterfliehen zu
können. Jay kam nun bei den Verletzten an. Cooper fluchte laut vor sich hin und versuchte einen klaren Kopf zu bekommen. Sie kniete sich neben
Nathan. "Lauf ihm nach, Jay. Hol dir diesen Mistkerl. Bei mir ist es nicht so schlimm." "Meinst du das ehrlich, Nathan? Du verlierst ziemlich viel Blut."
"Cooper ist ja da und die anderen kommen sicherlich auch bald. Schnapp dir diesen Dreckskerl." Sie zögerte noch, doch dann machte sie sich auf den
Weg. Er hatte einen ganz schönen Vorsprung, aber der Gang war eine Sackgasse, das wusste sie ganz genau. Er führte in einen Lagerraum und von da
gab es nur einen Weg nach draußen und der führte an ihr vorbei.
Eine Sackgasse. Er war falsch abgebogen, hätte diesen Gang nie nehmen dürfen. Ein Fehler, ein fataler Fehler. Ihm war ein so
gravierender Fehler
passiert. Er konnte es gar nicht fassen. Doch er wusste ganz genau, was er nun zu tun hatte. Da war sie ja schon. Montgomery. Wie sie ihn ansah.
Dieser Blick. Kleine, du bist schon fast so was wie ich, du weißt es nur noch nicht. Warte ab, dann wirst du es begreifen. Ihm war klar, dass er an ihr
nicht vorbeikommen würde. Keine Chance. Ein fettes Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. Irritiert sah Jay ihn an. Warum grinste er jetzt? Was
war hier nur so lustig? Ihm musste doch klar sein, dass seine Flucht zu Ende war? Wie konnte er sich nun noch aus der Affäre ziehen? Da gab es keine
Möglichkeiten mehr. ... Oder vielleicht doch. Shit. Ein Gedanke durchzuckte ihren Kopf. Er nickte ihr zu. "Du bist ein kluges Mädchen, Montgomery." Das
Geräusch, das er machte, als er auf die Kapsel in seinem Mund biss, dröhnte direkt in ihren Ohren. Sie konnte ihn nur anstarren, zu keinerlei Bewegung
war sie in der Lage. Es war zu spät, nichts und niemand konnte es noch aufhalten. Fassungslos beobachtete sie, wie der Körper zu zucken begann und
dann erschlaffte. Noch bevor der Mann den Boden berührte, war er schon tot. Gestorben durch eine Gifttablette. Shane hatte wirklich recht gehabt, er war
ein absoluter Profi. Er wusste, wann er verloren hatte und er wusste ganz genau, wie er dann doch noch gewinnen konnte.
Zwei Marines kamen zu Cooper und Nathan. Cooper gab ihnen den Befehl, Nathan zur Krankenstation zu bringen. Er selbst folgte Jay. Vor dem Lager
traf er mit Hank und Shane zusammen. "Was ist mit Nathan?" "Er ist verletzt, aber wird gerade versorgt. Er überlebt das schon. Wo warst du Hank?"
"Nathan und ich haben uns getrennt, wir wollten von zwei Seiten angreifen, aber mein Weg war um einiges länger als seiner, deshalb war er als erster
da." Sie betraten mit gezückten Waffen den Raum. Der Mann lag in der Mitte und Jay saß neben ihm auf dem Boden. Shane sah sofort, dass er nicht
mehr lebte. Verdammt, ihr Plan war nicht aufgegangen. Jay blickte auf, direkt in ihre Augen. Kopfschütteln. "Er hat sich selber getötet, als er sah, dass er
nicht mehr rauskommt. Eine Giftkapsel. Ich habe es nicht mehr verhindern können." Sie schien unter Schock zu stehen. Einfach nicht begreifen zu
wollen, dass er das getan hatte. Lieber zu sterben, als etwas zu sagen.
McQueen stand in dem Quartier des Mannes vom Geheimdienst. Es wurde von oben bis unten durchsucht, aber man konnte keinerlei Unterlagen
entdecken. Das einzige was man fand, war eines kleines Häufchen Asche. Dieses konnte der Beweis für das Vergehen von Aerotech und die versuchten
Morde an den Lt.‘s sein. Aber niemand war in der Lage, noch etwas daran leserlich zu machen. Alle Beweise vernichtet. Alles Zeugen tot, die das Ganze
hätten aufklären können. Aerotech hatten sich mal wieder aus der Affäre gezogen. Wie schon so oft. Morgen würden sie mit der Befragung der einzelnen
Marines beginnen, aber er hatte keine große Hoffnung, dass sie dadurch viel erfahren würden. Jedenfalls nicht mehr, als sie bis jetzt schon wussten.
Ross saß an dem Tisch im Besprechungsraum. Zusammen mit McQueen hatte er jeden einzelnen von den Wildcards und auch Montgomery und
Wilson befragt. Und sie hatten viele Fragen. Doch die wenigsten konnten zufriedenstellend beantwortet werden. Sogar Nathan hatten sie schon heute
befragt, obwohl der Arzt protestiert hatte. Aber weder Ross noch McQueen wollten noch länger warten. West war zwar noch etwas schwach, erzählte
aber bereitwillig alles was er wusste. Das brachte sie auch nicht weiter. Nun waren sie beide alleine. "McQueen, die Sache stinkt so zum Himmel. Am
liebsten würde ich mir höchstpersönlich den Vorstand von Aerotech vorknöpfen. Aber mit den mickrigen Beweisen können wir jegliche Anklage
vergessen." Wütend schlug er mit der Faust auf den Tisch. McQueen wollte ihm gerade antworten, als es an die Tür klopfte. Entnervt raunzte Ross ein
‚herein‘ zur Tür. Lt. Moors, Kommunikationsoffizier auf der Saratoga, erschien. "Commodore, Sir, eine wichtige Nachricht ist gerade übermittelt worden.
Top Secret, Sir." Er legte dem Commodore die Nachricht hin. "Danke, Lt. Sie können gehen." Kaum hatte der junge Mann hinter sich die Tür
geschlossen, las Ross die Nachricht. Neugierig beobachtete der Colonel ihn dabei. Ross erhob sich von seinem Stuhl. "Die Sache ist erledigt, Colonel
McQueen." "Sir, ich verstehe nicht ganz?" "Ganz einfach, Ty. Es ist nie geschehen. Gar nichts davon, weder das auf dem Planeten noch auf der
Saratoga. Top Secret." Mit diesen Worten verließ der drahtige Schwarze den Raum. ‚Na fein, da hatte also wieder mal ein hohes Tier was gedreht, dafür
gesorgt, dass nicht weiter nach Beweisen für Vergehen von Aerotech gesucht wurde.‘ McQueen ging ebenfalls aus dem Zimmer. Er war wütend. Doch
die konnte ihn auch nicht weiter bringen.
"Ich kann es einfach nicht glauben. Die haben die Sache einfach als geheim eingestuft und nun kommt Aerotech ungeschoren davon." Cooper’s Wut
steigerte sich zusehends. Jay stand von ihrem Bett auf und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. "Bleib ruhig, uns passt das ganze Vorgehen
auch nicht. Wir können es aber nicht ändern, Cooper. Keiner von uns. Jedenfalls nicht jetzt und hier. Aber irgendwann wird sich das ändern und dann
holen wir uns diese Schweine." Doch ob die Art und Weise wie ihr sie euch holt, auch die Richtige wäre, daran zweifelte Shane.
Jay und Hank blieben bis auf Weiteres auf der Saratoga stationiert. Irgendwie war es ihnen auch so ganz recht. Sie wollten einfach niemanden ihrer alten
Einheit um sich herum. Noch mehr Menschen zu erzählen, was sie, wenn auch unwissentlich, getan hatten, konnten sie nicht mehr. Langsam mussten
sie erst mal selbst lernen, mit dieser Schuld umzugehen. Erst wenn sie das im Griff hätten, könnten sie wieder zu ihrem angestammten Platz
zurückkehren. Der Einfluss von einem Vorgesetzten wie McQueen schadete ihnen auch nicht. Außerdem hofften sie, auf der Saratoga die Möglichkeit zu
bekommen, sich irgendwann jemanden von Aerotech zu schnappen, um endlich diesen Subjekten das Handwerk zu legen.
Ross betrachtete die jungen Marines vor sich genau. Sie trugen ihre Gardeuniform. Heute würde jeder von ihnen einen Orden bekommen, für das, was
sie bei dieser Mission geleistet hatten und dafür, dass sie trotz der Umstände nicht an sich gezweifelt hatten. Sein Blick ruhte kurze Zeit auf Montgomery
und Wilson. Man sah es ihnen nicht an. Keiner, doch er wusste ganz genau, dass sie niemals ganz damit fertig würden, was ihnen Aerotech angetan
hatte. Er wusste es ganz genau, denn auch er könnte nur schwer mit diesem Wissen leben. McQueen stand hinter Ross und ließ ebenfalls seinen Blick
über die Marines streifen. Er war unglaublich stolz auf sie, auf jeden einzelnen. Auch seine Neuzugänge. Das Ganze war nicht einfach für sie gewesen
und doch hatten sie es geschafft und zu Ende gebracht. Montgomery und Wilson hätten das Zeug zu Angry Angels, wenn es sie noch gäbe. Nun trat
Ross langsam vor, stellte sich vor Vanessa. "Dieser Orden soll Ihnen allen zeigen, dass das wahre Marine Corps seine Leute nicht verrät und nicht
verkauft. Und es soll Ihnen zeigen, dass Ihr Mut und Ihr Wille zur Wahrheit bewundernswert ist." Er heftete den ersten Orden an, ging dann weiter zu
Nathan, Cooper, Shane, Paul und dann verharrte er bei Jay. Er wollte ihr gerade den Orden anheften, als sie einen Schritt zurück trat. "Ich kann ihn nicht
annehmen, Sir. Er gehört den Menschen, die gestorben sind. Ich habe ihn nicht verdient. Er soll als Gedenken für ihr Opfer in diesem Krieg sein. Als
Mahnmal, zu was Menschen in der Lage sind, wenn es um puren Profit geht. Sie sind dem wahren Feind begegnet, dem
Menschen." Ross nickte nur
kurz und wandte sich Hank zu, doch dieser reagierte wie er es erwartete und verweigerte ebenfalls den Orden. "Ich kann nach all dem keine
Auszeichnung annehmen und so tun, als ob nie etwas passiert wäre, Sir." Der ältere Marine legte erst ihr und dann ihm die Hand auf die Schulter. "Ich
verstehe Sie und ich akzeptiere Ihre Entscheidung. Sie können wegtreten."
Dunkelheit war im Quartier der Wildcards. Diese schliefen tief und fest. Jay und Hank standen vor dem kleinen Fenster. Ihre Blicke schweiften in die
Ferne. In den weiten Weltraum. Die Gedanken waren voller Trauer und Hass. Ein stummes Versprechen. Wir kriegen euch und ihr werdet für alles
bezahlen, was ihr uns und auch allen anderen Menschen angetan habt. Und wenn es unseren eigenen Tod bedeutet.
Ende
Christine Frieben
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Die Charaktere
und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen
Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und
basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei
erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above &
Beyond" von Glen Morgan und James Wong überein.
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