Die Gejagten
Im Verhandlungsraum des Trägers USS Saratoga herrschte angespanntes Schweigen. Auf der einen Seite saß Commodore Ross zusammen mit einem streng blickenden Lieutenant-Commander der Navy hinter einem Pult, den das Wappen des US Marine Corps zierte. Hinter ihnen an der Wand prangte eine amerikanische Flagge. Dem Pult gegenüber und mehrere Meter entfernt standen Nathan West und Cooper Hawkes. Wie alle anwesenden Soldaten in diesem Raum trugen sie ihre Paradeuniformen. Sowohl ihre Gesichter als auch das von Ross waren wie versteinert.
Ross räusperte sich. Seine Stimme klang nüchtern und emotionslos: "Sie verweigerten also nicht nur die Befehle Ihres Vorgesetzten Offiziers Captain David Wilks, sondern richteten auch noch Ihre Waffe auf ihn. Ist das richtig, Lieutenant West?"
Bevor Nathan antworten konnte, fiel ihm Cooper bereits ins Wort: "Sir, Sie glauben doch nicht, dass wir wirklich gescho..."
"Schweigen Sie, solange man Ihnen nicht das Wort erteilt, Marine!" fuhr ihn Ross an und Cooper zuckte vor der Schärfe dieser Worte sichtlich zusammen.
Nathan zögerte.
"Ich habe Ihnen eine Frage gestellt, Lieutenant West!"
Nun endlich regte sich der Angesprochene.
"Ja, Sir. Ich bedrohte ihn und forderte ihn auf, seine Pistole zu Boden zu werfen."
In Nathans Miene zuckte kein Muskel. Alle Gefühle, die er hatte, vergrub er tief in seinem Inneren. Es hatte keinen Sinn, in der vorliegenden Situation an Commodore Ross’ Gnade zu appellieren. Er wusste, dass er für seinen Kommandanten in dieser Anhörung nichts weiter als ein Aktenzeichen war. Persönliche Sympathien oder Verständnis waren aus diesem Raum ausgesperrt.
Ross richtete einen kurzen Blick auf seine Unterlagen.
"Ist der Captain dieser Aufforderung nachgekommen?"
"Zunächst nicht, Sir."
"Und was geschah dann?"
Der Commodore musterte die ihm gegenüber stehenden Marines mit einem kühlen Ernst, als wolle er nur sehen, ob ihre Uniformen richtig saßen. Nathan wurde etwas unsicher. In der vergangenen Woche war so viel geschehen; mehr als ein normaler Mensch ertragen konnte. Die Schlacht im Helios-System, der Atombombenabwurf auf Anvil, die Rettungsmission nach 2063Yankee, die Verhaftung durch die Militärpolizei, ihre dunkle Zelle... Er rief sich zögerlich die Szene im Hangar des Frachters SS Los Alamos zurück ins Gedächtnis. So nüchtern wie möglich versuchte Nathan die Ereignisse zu schildern, wegen derer sich Cooper und er nun verantworten mussten.
"Ich...ich nahm Captain Wilks seine Waffe persönlich ab und warf sie auf das Deck. Im... Anschluss daran erschienen die Marines Rico und Greene im Eingang des Hangars, und ich forderte sie ebenfalls auf, sich zu entwaffnen."
"Und drohten damit, Captain Wilks zu töten, wenn sie Ihrer Forderung nicht nachkämen", ergänzte Ross lautstark. Seine Stimme donnerte drohend durch den Raum. Unwillkürlich breitete sich im Zuschauerraum ein erregtes Murmeln aus. Shane Vansen, die neben Vanessa Damphousse saß und zu den Zuhörern gehörte, schloss verzweifelt die Augen. Ihre Lippen formten ein lautloses "Oh nein." Zwei Stuhlreihen hinter ihnen beugte sich der einzige Zivilist in diesen vier Wänden neugierig vor, um Nathan Wests Antwort zu lauschen. Der Zivilist trug einen dunklen nüchternen Anzug, den an einer Schulter ein AeroTech-Emblem zierte. Sein Gesicht unter der Halbglatze hatte einen verschlagenen Ausdruck.
"Ja, Sir", entgegnete Nathan knapp.
Ross starrte Cooper und ihn an, als hielte er sie für nicht ganz zurechnungsfähig. Das Murmeln im Zuschauerraum wurde lauter.
"Ich bitte um Ruhe!" donnerte der Commodore, doch es klang eindeutig wie ein Befehl. Auf einem Kriegsschiff hatte das Wort "Bitte" nur symbolischen Charakter. Der Lärm verebbte. Commodore Ross setzte die Anhörung fort.
"Sprechen Sie weiter, Lieutenant!"
Nathan fixierte einen imaginären Punkt auf der amerikanischen Flagge, um seinem Gegen-über nicht in die Augen sehen zu müssen.
"Sowohl der Marine Rico als auch der Marine Greene kamen meiner Aufforderung nicht nach, und Captain Wilks weigerte sich, einen entsprechenden Befehl zu geben..."
Shane hatte ihre Augen noch immer geschlossen. Was für ein Alptraum! Und das alles nur, weil sie uns retten wollten! Das erschien ihr so unfair. Irgendwie hatte sie das Gefühl, nicht das Recht zu haben, jetzt in diesem Augenblick hier zu sitzen.
Nathan machte eine kurze Pause. Er erinnerte sich nur zu gut an den Augenblick, in dem im Hangar der Los Alamos irgendwie jeder jeden zu bedrohen schien und er schon kurz davor gestanden hatte, ihre Rettungsmission nach 2063Y aufzugeben.
"Schließlich machte uns Lieutenant Hawkes darauf aufmerksam, dass jeder zufällig aus-gelöste Schuss wegen der gerade stattfindenden Betankung sowohl uns als auch den Frachter in Gefahr bringen würde." Das klang irgendwie seltsam harmlos für die drohende Explosion flüssigen Wasserstoffs. Und eigentlich hatte damals in Coopers Worten auch eine eindeutige Drohung mitgeschwungen.
Nathan sprach weiter: "Im Anschluss daran befahl Captain Wilks, die Waffen zu senken, und die Marines Rico und Greene befolgten die Anweisung. -Sie verließen den Hangar und Lieutenant Hawkes und ich starteten."
Der Commodore schüttelte den Kopf, während er in seinen Stuhl zurücksank.
"Befehlsverweigerung, Meuterei, unerlaubtes Entfernen von der Truppe..." Er seufzte schwer. "Sie beide haben da ganz schön was auf dem Kerbholz."
Die beiden Angeklagten erwiderten nichts. Ross musterte sie intensiv.
"Durch Ihr Verhalten gefährdeten Sie nicht nur sich selbst und Ihre Kameraden, sondern auch die Mission Ihrer Einheit." Er schlug mit der Faust auf sein Pult. Von einer Sekunde zur anderen war seine Stimme wieder bedrohlich laut. "Verdammt, Sie stellten eine Bedrohung für die ganze 15te Flotte dar!"
Nathan regte sich nicht. Cooper neben ihm kämpfte jedoch um seine Beherrschung.
"Ihr Handeln verstieß gegen sämtliche militärische Verhaltensregeln. Hätten Sie sich nicht gestellt, würde man Sie ohne Zögern vor ein Erschießungskommando stellen", polterte Ross weiter.
Für Cooper wurde es nun zu viel.
"Sir", fauchte er. "Sie haben von uns verlangt, zwei Mitglieder unserer Einheit im Stich..."
"Halten Sie den Mund, Soldat!" fiel ihm der Commodore ins Wort. "Fakt ist, dass Sie sich eines Verbrechens schuldig gemacht haben und sich dafür vor einem Kriegsgericht verantworten müssen!"
"Sir", setzte Cooper zu einem weiteren Protest an, doch der Commodore erstickte ihn durch einen einzigen Blick. Unvermittelt entspannten sich die Gesichtszüge des Schwarzen wieder etwas.
"Wie auch immer", fuhr Ross mit ruhiger Stimme fort. "Ich verstehe Ihre Motive und werde auch eine entsprechende Note an die Militärgerichtsbarkeit auf der Erde formulieren. Desweiteren wurden zwei Überlebende gerettet. –Nichts desto trotz..." Ross Miene kehrte zu ihrem versteinerten Ausdruck zurück. "...werden Sie dem Kriegsgericht nicht entgehen." Er nickte dem Lieutenant-Commander neben sich zu. Der erhob sich. Sein geschmettertes "Achtung!" führte dazu, dass alle anwesenden Marines im Raum aufsprangen und stramm standen. AeroTech-Mann Scarpin sah sich im Zuschauerraum leicht verwundert um. Dann stand aber auch er auf.
Commodore Ross verkündete seine Entscheidung:
"Die angeklagten Lieutenants West und Hawkes werden an Bord des militärischen Frachters SS Johnson zur Erde gebracht und dort vor ein Militärgericht gestellt. Die Zeit von heute bis zur Verhandlung werden sie in Kryogenischen Tanks in künstlichem Tiefschlaf verbringen, was vor Gericht bereits als Teil Ihrer Haft angesehen werden wird. - Die Anhörung ist beendet!"
Hawkes war starr vor Schreck. Künstlicher Tiefschlaf! Kryogenische Tanks! Die Vorstellung, in eine Art Koma versetzt zu werde, weckte in ihm seine Urängste. Ich komme wieder in einen gottverdammten Tank! In der Nähe der Tür setzten sich vier finster blickende Militärpolizisten in Bewegung. Cooper starrte Ross an. Leise stammelte er: "Sir, nein, Sie können alles mit mir anstellen, aber stecken Sie mich nicht in einen verdammten Tank. Sie wissen ja nicht..." Vier starke Pranken packten seine Arme und zerrten sie hinter seinen Rücken. Handschellen rasteten ein. Panik überkam ihn. "Nein!" Mit aller Kraft versuchte er sich aus den Pranken loszureißen.
"Sperren Sie mich ein, aber nicht in so einen verdammten Tank!"
"Coop!" rief ihm Nathan zu. Er musste unbedingt versuchen, seinen Freund zu beruhigen, bevor die Militärpolizisten Gewalt anwendeten. Das Gerangel wurde stärker. Einer der MPs trat dem InVitro in die rechte Kniekehle. Cooper knickte zu Boden.
"Aufhören!" forderte Nathan lautstark. Die MPs bei Cooper ignorierten ihn. Statt dessen warfen sie seinen Freund nun vollständig hin. Er selbst wurde von starken Händen in Richtung Ausgang gezerrt. Bevor er den Raum verließ, bekam er aus den Augenwinkeln noch zwei Dinge mit. AeroTech-Mann Scarpin, der den Tumult vor dem Pult mit leichtem Stirnrunzeln beobachtete und Shane, die nach vorne stürmte, um Cooper zu beruhigen. Dann schlug die Tür hinter ihm und seinen Bewachern zu.
Donald Grant saß vollkommen entspannt in seinem dunklen Ledersessel und betrachtete einen großen Videoschirm, der eine ganze Wand des Büros einnahm. Vor wenigen Tagen war er zum Vorstandsvorsitzenden von AeroTech gewählt worden und er genoß seine Macht in vollen Zügen. Der Bildschirm war in sechs Einzelbilder unterteilt, von denen jedes ein anderes Mitglied des Vorstandes zeigte, das für einen ganz bestimmten Bereich von AeroTech verantwortlich war. Nachrichtendienst, Rüstung, Medien- und Kommunikation, Public Relations, Politik und Entwicklung, wobei sich die Bereiche natürlich alle irgendwie überschnitten und auch voneinander abhängig waren.
"Parsons", murmelte Grant, womit er den Vertreter des Ressorts Politik meinte. Der Angesprochene sah kurz in seine Unterlagen. Dann erstattete er Bericht:
"Haydens Befehl zum Nuklearwaffeneinsatz ist umstritten. Sowohl innerhalb politischer Interessenverbände als auch des Militärs."
"War zu erwarten", entgegnete Grant. "Die beruhigen sich schon wieder. Den besonders Hartnäckigen spenden Sie ein bisschen in ihre Parteikassen." In Grants Gesicht schlich sich ein verschlagenes Lächeln. "Aber nicht zu viel. Wir wollen doch die Preise nicht verderben. - Diejenigen, die zu teuer werden... überzeugen Sie auf andere Weise. - Newman!"
Clarissa Newman, die Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit richtete sich auf.
"Unsere Errichtung öffentlicher Kindergärten hat uns in den Vereinigten Staaten viele Sympathiepunkte eingebracht. Ebenso die Förderung der Umweltkampagne Rettet die Wale. Unsere Beteiligung bei der Herstellung von Massenvernichtungswaffen stößt allerdings auf weniger Gegenliebe."
Grant zuckte mit den Schultern.
"Die Menschen werden darüber hinweg kommen. Vielleicht wäre es ganz nützlich, die Gefahren des Krieges noch ein bisschen hervorzuheben, um sie davon zu überzeugen, dass unsere Waffen dem Wohle der Menschheit dienen. - Bischoff!"
Der Verantwortliche für Rüstung machte einen durch und durch zufriedenen Eindruck, als er sprach. "Nach Informationen unseres Nachrichtendienstes..." Ein Nicken; vermutlich dorthin, wo Bischoff in seinem eigenen Büro das Bild des AeroTech-Geheimdienstlers sehen konnte, "...hat der Abwurf der Wasserstoffbomben auf Anvil dazu geführt, dass die Militärs ein höheres Etat fordert, um die Erde besser vor möglichen Vergeltungsschlägen schützen zu können. Anfragen nach neuen Waffensystemen sind bereits eingegangen."
Grant lachte leise in sich hinein. "Und da behaupte noch mal einer, Krieg wäre schlecht für die Wirtschaft", murmelte er. "Ausgezeichnet. - Vielleicht setzen Sie sich mal mit Newman in Verbindung. Wenn wir die Angst vor den Chigs zusätzlich noch ein bisschen schüren, bekommen die Militärs ganz sicher ein höheres Etat, wir stehen da als Retter der Menschheit und darüber hinaus klingeln unsere Kassen." Oh, ich liebe es, Macht zu haben! "Grey, Sie sind dran!"
Der Verantwortliche für Medien- und Kommunikation begann augenblicklich mit seinem Rapport. Grants Aufmerksamkeit wurde jedoch vom Surren seiner Sprechanlage abgelenkt. Ohne einen Kommentar schaltete er den Videoschirm aus. Greys Bericht riss ab.
"Ja?" fragte er seine Sekretärin im Vorzimmer.
"Ein Mr. Knife möchte Sie sprechen, Sir", tönte ihre Stimme aus dem Sprechgitter.
"Soll ‘reinkommen!"
Die Tür öffnete sich. Herein trat ein drahtiger, mindestens zwei Meter großer Glatzkopf. Er trug einen dunklen uniformähnlichen Anzug mit nur wenigen Knöpfen. Sein Gesicht wurde von zwei tiefschwarzen Augen beherrscht, die beinah an Pistolenmündungen erinnerten. Nachdem Knife die Tür sorgfältig wieder hinter sich geschlossen hatte, trat er an Grants Schreibtisch heran. Ohne vom Vorstandsvorsitzenden dazu aufgefordert worden zu sein, begann er zu sprechen.
"Es gibt Probleme." Seine Stimme klang leise und bedrohlich. "Wir haben eine Nachricht von Scarpin erhalten, der sich noch immer an Bord der Saratoga befindet."
Grant lehnte sich mit vollkommener Zuversicht zurück.
"Die Crew der Saratoga wird schweigen. Wir haben dafür gesorgt, dass der Inhalt der Friedensverhandlungen zur Geheimsache erklärt worden ist."
"Von Scarpin wissen wir, dass es zwei Deserteure gibt. Sie werden auf der Erde vor Gericht gestellt." Knife zögerte einen Moment. "Sie könnten reden."
Grant runzelte die Stirn.
"Würden sie sich damit nicht ins eigene Fleisch schneiden? Das wäre immerhin Verrat. Wie gesagt, die Friedensverhandlungen sind inzwischen geheim."
"Scarpin hat den Eindruck gewonnen, dass zumindest einer von ihnen sehr verzweifelt ist. Wenn der vielleicht glaubt, nichts mehr zu verlieren zu haben, wäre er vermutlich dazu fähig, uns zu denunzieren."
Grant überlegte einen Augenblick.
"Da könnte Scarpin Recht haben", sinnierte er. "Allerdings glaube ich nicht, dass der Deserteur seine Behauptungen mit Beweisen untermauern könnte. - Eigentlich wäre das doch nichts weiter, als das Gerede eines Deserteurs."
"Sicher, aber was wäre, wenn jemand wegen dem Gerede eines Deserteurs Nachforschungen anstellt?" fragte Knife.
Der Vorstandsvorsitzende nickte gedankenverloren.
"Stimmt, das wäre schlecht." Er lehnte sich zurück und blickte den Glatzkopf herausfordernd an. "Vorschläge?"
Der Angesprochene hatte mit dieser Aufforderung bereits gerechnet. Seine dunklen Augen blitzten auf. "Die beiden Deserteure werden auf dem Weg zur Erde in einen Kälteschlaf versetzt. Sie sind also völlig wehrlos." Knife lächelte verschlagen. "Und es wäre ja nicht das erste Mal, dass es bei Kryokammern zu einer Fehlfunktion kommt."
"Fahren Sie fort", bat Grant sein Gegenüber. Der Glatzkopf erläuterte: "Nach Scarpins Informationen werden sie an Bord des militärischen Frachters Johnson transportiert. Auf diesem Schiff gibt es einen Chief namens John Douglas. - Unglücklicher Mensch. Macht sich Vorwürfe wegen eines Unfalls. Ziemlich verschuldet. – Ich denke nicht, dass er besonders teuer sein wird. Er wird für eine entsprechende Fehlfunktion sorgen."
"Ausgezeichnet. - Berichten Sie mir, wenn Sie ihn haben!"
Ohne auf Knifes Antwort zu warten, schaltete Grant wieder seinen Videoschirm ein. Oh, ich liebe es, Macht zu haben!
Irgendwo im Nichts zwischen Helios, Epsilon Eridani und der Erde glitt ein kastenförmiges, dunkelgraues Ungetüm aus Stahl durch den Weltraum. An den Seiten befanden sich zierliche Aufbauten, die große Solarzellen, Parabolantennen und Sendemasten trugen. Am Heck des Kastens grummelten mehrere Fusionstriebwerke. Im Licht einer fernen Sonne war an der Rumpfwand eine verwaschene Aufschrift zu lesen. SS Johnson. Dahinter prangten Stars and Stripes und das Wappen der US Navy.
Im Inneren einer etwa zehn mal zehn Meter großen Kammer hockte eine junge Frau mit langem dunkelbraunem Haar und grauem Fliegerkombi auf dem Boden und hielt die Augen etwas traurig und gedankenverloren auf einen transparenten Zylinder gerichtet, der zusammen mit einem zweiten in eine Nische eingelassen war. Neben jedem Zylinder befand sich eine Schalttafel. Auf zwei Bildschirmen zogen mehrere pulsierende Punkte mehrere regelmäßig gezackte Linien hinter sich her. Unter diesen Linien standen Worte wie Atmung, Herzschlag oder Hirntätigkeit. Hinweise darauf, dass sich in den Zylindern etwas Lebendes befand.
Beinah zärtlich hob Shane Vansen ihre rechte Hand und legte sie auf einen der Zylinder. Das Glas war eiskalt. Auf der Innenseite sah sie, wie durch einen dicken Eispanzer verdeckt, die Umrisse einer Gestalt. Selbst Cooper Hawkes’ Gesicht sah noch genauso aus, wie es vor etwa drei Wochen innerhalb einer Sekunde verharrt war, als die Kryotechniker den Tank aktiviert hatten. Verzerrt durch Angst. Unwillkürlich musste Shane an die Stunden nach der Anhörung zurückdenken...
Es war ihr nur mit viel Mühe gelungen, den wild um sich schlagenden Cooper zu beruhigen. Sie wusste, warum er so eine panische Angst davor hatte, wieder in einen Tank gesteckt zu werden. Das musste mit seiner Herkunft als InVitro zu tun haben. Den MPs war das natürlich egal und so schlugen sie ihn brutal zu Boden, als er sich wehrte. Schließlich hatte sie alle Autorität, die sie aufbringen konnte, in ihre Stimme gelegt und die beiden Militärpolizisten, einfache Privates, dazu gebracht, zurückzuweichen und Cooper in Ruhe zu lassen. Als Marine hatte sie den MPs eigentlich nichts zu befehlen, aber vor lauter Überraschung über ihren plötzlichen Ausbruch vergaßen sie das für ein paar Momente. Die genügten ihr, um Cooper bei den Schultern zu nehmen.
"Coop, hör’ auf, du kannst nicht das Geringste dagegen tun. Gar nichts!"
Bei ihrer Berührung wurde Hawkes augenblicklich ruhig. Verzweifelt blickte er sie an.
"Ich lasse mich nicht wieder in einen Tank stecken", meinte er kleinlaut.
"Das werden sie aber tun, ob du es willst oder nicht. Wenn du Widerstand leistest, wird es für dich nur noch schwerer."
"Da drehe ich durch. Du weißt, dass ich da Platzangst bekomme."
"Red’ keinen Unsinn. Solche Kryotanks werden seit Jahren in der Raumfahrt verwendet. Da ist doch nichts dabei. Die haben doch nicht das Geringste mit einem InVitro-..." sie stockte einen Augenblick. "...Tank zu tun." Verdammt, gibt es da denn kein Wort, mit dem ich Cooper nicht sofort beleidige?
"Wo ist denn da der Unterschied?" wollte Hawkes wissen. Und ihr fiel tatsächlich keine Antwort ein, die sich nicht nur nach Geschwätz angehört hätte. Wie denn auch? Als InVitro hatte Cooper in seinem Leben Erfahrungen gemacht, die kein...natürlich Geborener kannte. Also musste sie es anders versuchen.
"Hör’ auf zu jammern. Du wirst dich doch nicht vor einer kleinen Reise in einem Tiefkühlfach unterkriegen lassen."
In den Augen ihres Gegenübers blitzte leichter Trotz auf. Gut so! Cooper kam nun endlich wieder auf die Beine. Shane sah ihm direkt in die Augen.
"Kopf hoch, Coop. Nachdem ihr uns rausgeholt habt, lassen wir euch jetzt sicher nicht im Stich. Ihr seid nicht allein."
Jetzt endlich hatte sich der InVitro wieder gefasst. Als ihn die MPs abführten, drehte er sich im Weggehen noch einmal dankbar zu ihr um.
Der Verhandlungsraum leerte sich allmählich. Einer der letzten Anwesenden war Commodore Ross. Shane ging mit nur schwach unterdrücktem Zorn auf ihn zu.
"Sir, ich bitte Sie um eine Aussprache unter vier Augen", fauchte sie ihn an. Ross reagierte überraschend sanftmütig.
"Vansen, ich weiß, was Sie beschäftigt, aber mir waren leider die Hände gebunden."
Sie stellte sich ihm trotzig in den Weg.
"Sir, hätten West und Hawkes nicht so gehandelt, wie sie es getan haben, wären Damphousse und ich jetzt tot."
Ross seufzte.
"Ich weiß. -Aber genauso gut könnten wir jetzt alle, die ganze 15te Flotte, ausgelöscht sein, weil sie den Auftrag, die Los Alamos zu beschützen, durch ihr Verhalten in Gefahr gebracht haben."
"Wenn ich mich recht erinnere, wurde sie auf ihrem Flug nicht einmal angegriffen."
"Vansen", knurrte Ross streng; aber eher wie ein Vater zu seiner widerspenstigen Tochter als ein wütender Vorgesetzter zu einer Untergebenen. "Ich bin sehr froh über das Ergebnis dieser Rettungsmission, kann als Kommandant ihr Verhalten aber trotzdem nicht tolerieren. Das Ergebnis wäre ein furchtbares Chaos."
Als Reaktion darauf richtete sich Shane kerzengerade auf.
"Sir, ich ersuche Sie hiermit offiziell um Fronturlaub für Lieutenant Damphousse und mich, um vor Gericht für West und Hawkes aussagen zu können."
Ross wurde von dieser Aufforderung so überrascht, dass er schon aus einem Reflex heraus ablehnen wollte. Doch dann dachte er einen Augenblick darüber nach. Die junge Frau hatte Recht. Vermutlich gab es nichts, was den beiden Angeklagten vor Gericht mehr helfen würde, als der leibhaftige Beweis in Gestalt von Vansen und Damphousse, dass sie nicht aus Eigennutz Befehle verweigert und gemeutert hatten. Und zudem gehörte die junge Frau vor ihm zu jenen Marines, die nun seit Monaten ununterbrochen im Einsatz waren. Selbst wenn sie ihn nicht für eine Aussage vor Gericht auf der Erde um Urlaub gebeten hätte, wäre ihr Wunsch gerechtfertigt gewesen. Er, sie, eigentlich jeder hier draußen sehnte sich nach Hause. Und wenn sie mit ihrem Fronturlaub sogar noch zwei von seinen Leute helfen konnte, die sich in Schwierigkeiten gebracht hatten...
"Sir?" Sie sah ihn flehend an und erst jetzt wurde sich Ross bewusst, dass er wohl gerade etwas geistesabwesend gewirkt haben musste. Er nickte.
"In Ordnung, Vansen. Schiffen Sie sich zusammen mit Lieutenant Damphousse ebenfalls auf der Johnson ein, sobald sie eintrifft."
"Danke, Sir."
Shanes Augen leuchteten sichtlich auf und der Grund dafür war nicht nur die Möglichkeit für eine Aussage vor Gericht. Mein Gott, ich komme endlich mal wieder nach Hause! Sie salutierte kurz und eilte dann ich Richtung Zellentrakt davon, um den übrigen Wild Cards gleich die Neuigkeiten zu berichten. Ross sah ihr neidvoll nach. Er wünschte sich einen Moment lang nichts sehnlichster, als endlich mal wieder den blauen Himmel der Erde über sich zu haben. Dann machte er sich auf zu seinem Bereitschaftsraum und die Realität des Krieges hatte ihn wieder.
Wenige Stunden später wurden Nathan und Cooper von mehreren Militärpolizisten in Handschellen in einen kahlen, aseptischen Raum im Lazarett-Sektor der Saratoga geführt. Sie trugen so etwas wie Operationshemden und gingen barfuss; eine reine Schikane der MPs. Der Metallboden war eiskalt. Im Inneren des Raumes erwarteten sie mehrere Weißkittel, zwei mit Riemen versehene Liegen und mehrere etwa zwei Meter lange Zylinder, die waagerecht in Rollwagen befestigt und mit unzähligen Schläuchen und viel Elektronik verbunden waren. Kryokammern.
Shane und Vanessa konnten durch eine Plexiglasscheibe in das Innere des Raumes sehen. Es schmerzte sie, wie Nathan und Cooper behandelt wurden. Es war einfach entwürdigend.
Die Gefangenen hatten die Räumlichkeiten kaum betreten, da wurden sie schon unsanft von ihren Handschellen befreit und mussten auf den Liegen Platz nehmen. Weder die Weißkittel noch die MPs verzogen eine Miene. Es wirkte, als würden sie irgendwelche Pakete verschnüren, als sie Nathan und Cooper festschnallten, damit sie sich gegen ihre Behandlung nicht wehren konnten. Letzterer stieß ununterbrochen irgendwelche Verwünschungen aus, die die anwesenden Soldaten und Mediziner aber nicht beachteten. Endlich bemerkten die beiden jungen Männer, dass ihnen Shane und Vanessa zumindest seelischen Beistand leisteten. Cooper entspannte sich leicht und Nathan versuchte so etwas wie ein herausforderndes Lächeln zustande zu bringen.
Die Beobachterinnen bemerkten, wie die Weißkittel den Gefangenen ziemlich grob mehrere Injektionen durch Druckluft in Arme und den Hals schossen. Augenblicklich erschlafften ihre Bewegungen. Ihre Blicke wurden glasig. Shane ballte eine Faust. Die Prozedur, jemanden in einen künstlichen Tiefschlaf zu versetzen und ihn quasi einzufrieren, war im Grunde Routine. In der Raumfahrt wurde es vor allem eingesetzt, um einer Besatzung die Strapazen eines manchmal jahrelangen Fluges in ein entferntes Sternensystem zu ersparen und auch, um auf dem Flug Platz und Lebensmittel zu sparen. Zugleich galt es als sichere Methode, Strafgefangene zu transportieren, denn auch der gefährlichste Kriminelle stellte, wenn er sich im Tiefschlaf befand, nicht mehr die geringste Bedrohung dar. Was Shane an dieser Szene so schmerzte, war die Art, wie die Weißkittel ihre Aufgabe durchführten. Sie gingen mit Nathan und Cooper um, als handelte es sich bei ihnen um Vieh.
Nach wenigen Augenblicken wurden die Riemen gelöst. Ein paar Weißkittel rollten zwei von den Kryokammern direkt neben die Liegen. Rabiat rissen die MPs den Gefangenen die Operationshemden vom Körper. Von Beruhigungsmitteln fast betäubt wurden sie in die
Kammern gelegt. Ein Weißkittel betätigte einen Knopf, woraufhin sich transparente Hauben über den Zylindern schlossen. Automatisch wurde eine durchsichtige Flüssigkeit über Schläuche in die Behälter geleitet, die sich rasend schnell damit auffüllten. Dieser Vorgang
weckte bei Cooper noch einmal seine Lebensgeister. Sie konnten deutlich erkennen, wie er hoch zuckte und sich in der Flüssigkeit, in der er versank, wand und immer wieder gegen die Innenwand schlug. Angst verzerrte seine Gesichtszüge. Die Weißkittel und MPs nahmen davon keine Notiz. Sobald sich die Behälter vollständig gefüllt hatten, wurden sie aktiviert. Ein eigentümliches Knirschen aus dem Inneren der Tanks folgte. Die transparenten Hauben beschlugen innerhalb eines Sekundenbruchteils. Und ebenso schnell erstarrten Coopers Bewegungen.
Ein Weißkittel ging um die Zylinder herum und checkte die Anzeigen. Ein Nicken signalisierte, dass er zufrieden war. Die Gefangenen befanden sich in einem tiefen Winter-
schlaf...
Ein Zischen hinter ihr zeigte Shane, dass jemand den Raum mit den Kryokammern betrat. Sie drehte sich um.
"Hi, Shane" begrüßte sie Vanessa. Sie befand sich in Begleitung eines etwa vierzig Jahre alten Chiefs mit blondem Stoppelhaarschnitt und muskulösem Körperbau. Er war der Chefingenieur der Johnson. Auf der rechten Seite seines Overalls war auf Brusthöhe ein Namensschild mit der Aufschrift "Douglas" aufgenäht.
"Wie geht’s ihnen?" fragte die farbige Marine und nickte dabei in Richtung der Zylinder. Shane richtete sich auf.
"Sie schlafen mal wieder", antwortete sie mit einem aufmunternden Lächeln. Vanessa stellte sich neben sie. Sie wirkte nachdenklich.
"Ob sie wohl träumen?"
Douglas wies auf einen der Bildschirme, wo sich über der Aufschrift Hirntätigkeit eine Welle abzeichnete.
"Vermutlich. Durch den Tiefschlaf werden zwar alle Körperfunktionen stark verlangsamt, auch die des Gehirns, aber sie sind natürlich noch alle vorhanden."
Shane lächelte unsicher.
"Dann hoffe ich, dass sie an etwas Schönes denken und nicht an den Krieg."
Bei der Vorstellung, in einem unendlichen Alptraum gefangen zu sein und nicht aufwachen zu können, lief ihr ein Schauder über den Rücken. Sie kannte sich nur zu gut mit Alpträumen aus.
Vanessa wandte sich von den Zylindern ab.
"Wir sind hier, um dich zum Essen abzuholen. Es ist zwar mal wieder nicht zu erkennen, was es sein soll, aber ist sicher reich an Nährstoffen und macht satt."
"Mjam", machte Shane grinsend. "Kein Wunder, dass es einem beim Militär so leicht fällt, auf die Figur zu achten. Bei der Küche." Sie wandte sich zusammen mit Vanessa zum Gehen. Als Douglas ihnen nicht folgte, drehten sie sich verwundert zu ihm um.
"Keinen Hunger, Chief?" fragte Damphousse. Der Angesprochene wirkte einen Moment lang etwas unsicher.
"Gehen Sie schon vor, ich komme gleich. - Der Job", erklärte er.
"Okay, bis gleich." Und schon hatten die beiden Frauen den Raum verlassen. Sie waren kaum verschwunden, als sich Douglas Miene schlagartig verfinsterte. Zögerlich näherte er sich der Nische mit den beiden Kryobehältern. Mit der rechten Hand wischte er eine der beschlagenen Scheiben frei. Im Inneren erkannte er das starre Gesicht eines jungen Mannes, der wohl Mitte zwanzig war. Es wirkte ernst, jedoch nicht verbittert. Sein kurzes Haar war etwas links von der Kopfmitte gescheitelt. Douglas’ Blick wanderte von dem Gesicht zu dem Monitor mit den Lebenszeichen dieses Jungen. "Lt. N. West" war dort in der obersten Zeile zu lesen. Douglas zog eine Grimasse. Ein Deserteur! Solche Leute hab’ ich gefressen! Nach einem kleinen Schritt zur Seite nahm den anderen in Augenschein. Er wirkte ein wenig älter, obwohl sein eingeblendetes Geburtsdatum "15.Mai 2058" aussagte, dass er theoretisch erst sechs Jahre als war. Ein Tank, durchfuhr es ihn. Na kein Wunder, dass er Befehle verweigert hat. Die sind doch alle gleich! Ganz allmählich hob sich Douglas’ rechte Hand zu einer Schalttafel hoch, über die die Funktionen der Kammern gesteuert werden konnten. Sie enthielt Skalen, Knöpfe und Regler. Seine Finger fuhren die Regler entlang, als würden sie etwas suchen. Douglas’ Miene versteinerte, als sich Daumen und Zeigefinger um einen Regler schlossen, neben dem Lebenserhaltung stand. Die Finger verkrampften sich, zitterten... und ließen den Regler wieder los, ohne ihn einen Millimeter bewegt zu haben. Douglas ließ seine Hände sinken; ballte sie zu Fäusten. Bald, sagte er zu sich selbst. Bald, aber noch nicht jetzt! Mit diesen Gedanken drehte er sich um und verließ den Raum.
"Also, in ihrer Kreativität, einen zu quälen, ist die Navy wirklich unübertroffen", meinte Vanessa grinsend, während sie von ihrem Teller eine gelbliche Masse löffelte, die wie eine Mischung aus Suppe und Spachtelmasse wirkte und irgendwie auch so schmeckte. Sie saß zusammen mit Shane und Douglas an einem Tisch im spärlich eingerichteten Speiseraum der Johnson. Neben ihrem standen hier noch mehrere andere Kunststofftische, an denen weitere Crewmitglieder Platz genommen hatten. Der Raum wurde durch kaltes Neonlicht beleuchtet und war etwa so gemütlich wie eine Lagerhalle. Auf der einen Seite befand sich eine lange Theke, hinter der sich die Kombüse verbarg; oder das, was man auf einem militärischen Frachter so Kombüse nannte.
Shane beugte sich verschwörerisch zu ihrer Freundin vor.
"Nicht so laut", murmelte sie. "Feind hört mit." Ein Nicken in Richtung Schiffsküche. Douglas sah von seinem Teller auf.
"Dann ist bei euch im Corps die Verpflegung wohl besser?" fragte er.
"Ach was, es gehört nur einfach zum guten Ton, über das Essen zu meckern", erklärte Vanessa. "Und so lange es schlecht ist, stehen auch keine Himmelfahrtskommandos bevor. Dann geht alles seinen gewohnten Gang."
"Du meinst Demios", schaltete sich Shane ein. "Ja, als es da gleich zum Frühstück so ein Festmahl gab, wusste ich: Wir bekommen Probleme."
Douglas horchte interessiert auf.
"Sie waren auf Demios?" fragte er. "Da haben wir doch ganz schön was einstecken müssen."
"Ja", erwiderte Shane etwas nachdenklich. "Und Sie können mir glauben, ich denke nicht gerne daran zurück."
Douglas wirkte auf einmal leicht verträumt.
"Demios. - Mann, was müssen Sie für Geschichten zu erzählen haben. Ich hingegen..." Er zuckte leicht die Schultern. "...arbeite auf einem Frachter und flicke Schaltkreise. - Dabei liebt meine Tochter Kriegsgeschichten." Er lächelte. "Muss wohl in der Familie liegen. Alles edle Kämpfer, ihre Vorfahren."
"Sie haben eine Tochter?" fragte Shane.
"Ja, sie ist jetzt elf. Warten Sie, ich habe hier ein Foto von ihr."
Douglas kramte aus einer Reißverschlusstasche das schon leicht zerknitterte Bild eines Mädchens mit langem blonden Haar. Sie blickte ihnen mit einem frechen Grinsen entgegen.
"Das ist Kathrin", erklärte der Chief stolz. "Ein richtiger Frechdachs und einen Dickkopf...oh, einen Dickkopf..." Douglas lächelte das Bild an, das er nun vor ihnen auf den Tisch legte. "Wenn etwas nicht nach ihren Vorstellungen läuft, ist sie unglaublich hartnäckig. Die geborene Vorgesetzte."
Vanessa grinste.
"Eine kleine Shane Vansen", sagte sie mit herausfordernd blitzenden Augen. Die Ange-sprochene sah sie mit gespieltem Zorn an.
"Ich bin nie frech!"
"Aber stur bist du, wenn dir was nicht passt."
"Ihr müsst nur tun, was ich will und schon bin ich friedlich."
"Daran besteht kein Zweifel." Vanessa wandte sich an Douglas. "Ihre Tochter spielt nicht zufällig Fußball und lässt ihre Gegenspieler immer vorbei."
"Autsch, das tat weh", entgegnete Shane.
Irritiert bemerkten sie, wie Douglas mit einem mal ernst wurde.
"Sie...äh...nein...zur Zeit kann sie leider nicht mal..." Er stockte. "Nein, sie spielt nicht Fußball."
Shane und Vanessa wechselten einen Blick. Douglas streichelte unsicher das Bild seiner Tochter. Er seufzte und fasste dann scheinbar einen Entschluss.
"Zur Zeit liegt sie in einem Krankenhaus in Los Angeles."
Shane sah den Ingenieur betroffen an, wagte jedoch nicht, irgend eine Frage zu stellen oder überhaupt etwas zu sagen. Douglas ließ das Foto mit traurigem Gesicht wieder in seiner Tasche verschwinden. Ein erneutes Seufzen.
"Daran bin ich leider nicht ganz unschuldig", erklärte er. Er sah Shane an. "Ein Unfall mit meinem gottverdammten Sportwagen", knurrte er. "Ich habe nur ein paar harmlose Kratzer abbekommen, aber sie..." Er schüttelte den Kopf. "Es hat sie ziemlich schwer erwischt...am Rückrad."
Shane und Vanessa schluckten und wagten noch immer nicht, zu sprechen. Was haben wir da mit unserem Geschwätz nur angerichtet? Douglas fuhr bitter fort:
"Oh, die Ärzte sagen, sie würden das wieder hinkriegen. Dafür gibt’s ja heute biotechnische Implantate. Das Dumme ist nur..." Eine seiner Hände ballte sich zur Faust. "...dass unsere Versicherung streikt. Reden von eigenem Verschulden und haben irgend eine Vertragsklausel entdeckt, nach der sie eben nicht bezahlen müssen. Verdammt!" Die Faust donnerte auf den Tisch. "Was haben die für Vorstellungen vom Sold eines Chiefs." Er starrte traurig vor sich hin. "Aber vielleicht geschieht mir das ja ganz recht." Douglas seufzte wieder. "Da ich nicht zur kämpfenden Truppe gehöre, habe ich in diesem Krieg zwar noch keine Schlachten erlebt, aber trotzdem... Jedes mal, wenn ich nach Hause kam, hatte ich Angst davor, dass ich meine Familie vielleicht zum letzten Mal sehe... und so führte ich mich fast jeden Tag auf der Erde auf, als wäre es mein letzter." Ein zynisches Lächeln umspielte seine Lippen. "Lebe den heutigen Tag. Viele hast du vielleicht nicht mehr." Er musterte seine Zuhörerinnen. "Ich glaube, diese Einstellung hat auch dazu geführt, dass ich mir diesen verdammten Sportwagen gekauft habe, obwohl er eigentlich unsere Verhältnisse übersteigt. - Es war meine aller erste Fahrt mit dem Ding und Kathrin wollte natürlich unbedingt dabei sein. - Naja, wie man auf Fronturlaub eben so ist, wollte ich natürlich richtig die Sau rauslassen und Kathrin konnte es auch nicht schnell genug gehen." Er ließ die Hände auf den Tisch fallen. "Tja, und so landet man mit seiner Kiste im Graben."
Shane rutschte unruhig auf ihrem Stuhl herum. Unvermittelt wurde Douglas’ Blick fest.
"Aber ich werde alles tun, um das Implantat bezahlen zu können. - Ich will, dass meine Kleine wieder laufen kann."
Die beiden Frauen saßen stumm auf ihren Plätzen und wussten nicht so recht, wie sie auf die Geschichte des Chiefs reagieren sollten. Schließlich gelang es Shane, ein aufmuntern-des Lächeln zustande zu bringen.
"Sie schafft das ganz sicher. - Schließlich gibt es viele Kämpfer in ihrer Familie."
Douglas Gesicht hellte sich wieder etwas auf.
"Chief", meldete sich plötzlich eine Stimme vom Eingangsbereich. Als sie sich umdrehten, bemerkten sie, wie sich ihnen ein Kommunikationsoffizier näherte.
"Was gibt’s, Clyde?" fragte Douglas. Der Angesprochene nickte den Anwesenden am Tisch kurz zu.
"Ein Anruf für Sie. -Ich habe ihn in die Sprechkabine gelegt, damit Sie ungestört reden können."
"Von meiner Frau?" fragte Douglas eifrig.
"Nein. - Keine Ahnung, wer es ist. Er wollte seinen Namen nicht nennen."
Das Gesicht des Chiefs nahm einen undefinierbaren Ausdruck an. Er zögerte einen Moment. Doch dann erhob er sich.
"Verstanden, Clyde. Danke."
Damit verließ er die Messe. Kein verabschiedender Blick, nicht ein Wort kam mehr über seine Lippen.
Shane und Vanessa sahen sich verwundert an.
Als Douglas die kleine Sprechkabine mit dem Videophon betrat, hätte er die Verbindung am liebsten sofort wieder gekappt, denn er konnte sich denken, wer ihn hier sprechen wollte. Er hatte mit diesem Jemand während ihres Fluges schon zwei ausführliche Gespräche geführt, und jedes mal hatte er mehr Angst bekommen. Andererseits war er aber auf diesen Jemand eingegangen und jetzt gab es kein Zurück mehr.
Nachdem er die Kabine vorsorglich abgeschlossen hatte, nahm er vor dem Monitor Platz. Ein Knopfdruck und die Mattscheibe erhellte sich. Das heißt, im Prinzip erkannte er vor lauter Unschärfe nichts weiter, als das dort am anderen Ende jemand saß. Der Schatten meldete sich sofort zu Wort.
"Ah, Mr. Douglas. Es freut mich, Sie zu sehen." Die Stimme klang leise und bedrohlich. Von Freude keine Spur.
"Ich weiß nicht, ob ich das von mir behaupten kann", knurrte der Chief missmutig.
"Aber Chief." Der Schatten tat so, als sei er entrüstet. "Bei allem, was wir für Sie tun können."
Douglas stierte den Bildschirm an und entgegnete nichts.
"Zum Geschäftlichen", fuhr die Silhouette fort. "Haben Sie sich unser Angebot noch mal durch den Kopf gehen lassen?"
"Ja", antwortete Douglas einsilbig.
"Und sind Sie zu einem Entschluss gelangt?"
Der Angesprochene hatte Schwierigkeiten, sofort etwas zu sagen. Erneut meldete sich in ihm sein Gewissen zu Wort.
"Es...es ist sehr viel, was Sie da von mir verlangen."
"Es ist ja auch sehr viel, was wir Ihnen dafür anbieten", meinte der Schatten augenblicklich.
"Aber das ist Mord", brachte Douglas zögerlich hervor.
"Kommen Sie, so viel Skrupel hatten die beiden auch nicht, als sie gemeutert haben", beschwichtigte die fremde Stimme. "Zudem ist es Ihnen doch bestimmt möglich, es wie ein Unfall aussehen zu lassen, oder?"
"Ja sicher..." Douglas schüttelte schon den Kopf, während er das sagte. "...aber für mich bleibt es trotzdem ein Mord."
"Na, wenn das so ist, hat es wohl keinen Sinn, dieses Gespräch noch fortzusetzen. Dann werden Sie das Implantat für Ihre Tochter eben nie bezahlen können. Guten Tag..."
"Warten Sie!" Plötzlich schwang in Douglas’ Stimme Panik mit. "Einverstanden, ich tu’ es. Ich tu’ alles, was Sie verlangen, nur helfen Sie mir."
"Na also." Der Schatten klang befriedigt. "Sie helfen also uns, und wir helfen Ihnen. - Sie werden merken, dass wir nicht undankbar sind."
Douglas entspannte sich wieder etwas. Unvermittelt änderte der Schatten seinen Tonfall; klang auf einmal noch erheblich bedrohlicher als bisher. "Versuchen Sie aber nicht, uns zu hintergehen. Das finden wir heraus. Und wer eine Vereinbarung mit uns nicht erfüllt..." Er ließ den Satz unvollendet. Douglas schluckte. Er konnte förmlich spüren, dass es sich um keine leere Drohung handelte.
"Wer, zum Teufel, sind Sie?" brachte er murmelnd die Frage hervor, die ihn nun schon seit Wochen beschäftigte. Der Schatten blieb ihm die Antwort schuldig, denn der Bildschirm erlosch.
Mit skeptischem Blick legte T.C. McQueen die neueste Ausgabe der Zeitung Tomorrow auf den Tisch neben seiner Liege. Er hatte soeben einen Kommentar zu dem Thema gelesen, das nun seit etwa einem Monat die internationalen Medien beschäftigte. Der Atombomben-abwurf auf Anvil und der ach so ruhmreiche Sieg der 15ten Flotte. Bei dem Wort "Sieg" musste McQueen den Kopf schütteln. So wie es aussah, war die Flotte gerade noch so davon gekommen, von einem wirklichen Sieg gab es keine Spur. Aber das war reaktionären Subjekten wie dem Franzosen Nicholal Charput natürlich völlig gleichgültig. Sie feierten sich, ihren merkwürdigen Stolz und ihre falschen Triumphe.
Bevor er noch einen weiteren Gedanken an den fernen Krieg verschwenden konnte, machte sich wieder sein rechtes Bein mit einem entsetzlichen Juckreiz bemerkbar. Verdammt, die Chigs werde ich schon irgendwie überleben, aber nicht dieses ständige Jucken! Fast haßerfüllt starrte er auf die biomechanische Prothese, die er als Ersatz für sein verlorenes halbes rechtes Bein bekommen hatte. Sie war von einem echten Gliedmaß fast nicht zu unterscheiden, fühlte sich zur Zeit aber einfach furchtbar an. Du bringst mich noch um! Wütend beugte er sich vor, um sich zu kratzen, was ihm irgendwie merkwürdig vorkam, denn wie konnte ihn ein Bein jucken, welches eigentlich gar nicht zu seinem Körper gehörte? Genauso gut könnte sich Captain Ahab an seinem Holzbein kratzen! Aber natürlich war die Prothese weit mehr als ein Holzbein. Seit man vor etwa einer Woche die Operation durchgeführt hatte, war sie immer mehr zu einem Teil seines Körpers geworden. Von Stunde zu Stunde erreichten sein Gehirn von der Biomechanik mehr Impulse und sie wurden zunehmend in sein Körperempfinden integriert. Es war fast, als sei ihm ein neues Bein gewachsen.
McQueen schloss die Augen. Er wollte versuchen, das Jucken einfach zu ignorieren und lieber das laue Novemberlüftchen genießen. Als er die Augen wieder öffnete, hatte er es fast geschafft. Tief durchatmend ließ er die Aussicht hinunter auf Los Angeles auf sich wirken, die sich ihm von der Dachterrasse des L.A. Kimble-Hospital bot, das auf einem bewaldeten Hügel am Stadtrand stand. Das Kimble war kein reines Militärlazarett. Nur etwa die Hälfte der Betten war durch Verwundete aus dem Krieg belegt. Man war der Meinung, dass es für die Genesung der Soldaten gut war, wenn sie nicht immer nur von Kriegsopfern umgeben waren und irgendwie fand McQueen das gar nicht so verkehrt. Es war sehr angenehm, vom Leid an der Front mal etwas Abstand zu gewinnen, obwohl er sich trotzdem nie vollständig von ihr zu lösen vermochte. Soweit er es konnte, hielt er sich über den Verlauf des Krieges immer auf dem Laufenden... und auch über das Schicksal seiner Leute. Er konnte sich noch gut an den glücklichen Augenblick erinnern, als ihn bei seiner Ankunft auf der Erde bereits eine e-mail von Commodore Ross erwartet hatte, in der stand, dass Vansen und Damphousse gerettet worden waren. Etwas weniger glücklich war er über die Bedingungen gewesen, unter denen die Rettungsaktion stattgefunden hatte. - Das war mal wieder typisch West! Nur das er diesmal mit der Bedrohung seines vorgesetzten Offiziers noch erheblich weiter gegangen war als bei seinem eigenmächtigen Ausflug nach Tellus vor 18 Monaten. Kriegsgericht! Aber wenigstens waren die Wild Cards mit Ausnahme Paul Wangs wohlauf und am Leben und das bedeutete in einem Krieg schon sehr viel.
Nach und nach kribbelte sich wieder seine Prothese in sein Bewusstsein. Oh nein! Er beugte sich auf seiner Liege vor.
"Das bringt nichts", hörte er plötzlich eine junge weibliche Stimme neben sich. McQueen blickte zur Seite. Dort bewegte sich ein Mädchen mit langem blonden Haar in einem Rollstuhl an seine Liege heran. Er schätzte sie auf elf oder zwölf Jahre. Auf jeden Fall wirkte sie noch sehr kindlich, wenn man von ihrem wachen, herausfordernden Blick einmal absah, der irgendwie fast etwas von Shane Vansen an sich hatte.
"Was bringt nichts?" fragte er sie.
Das Mädchen kam neben ihm zum Stehen. Sie wies locker auf sein rechtes Bein.
"Sich da zu kratzen. Da jucken nämlich die Nerven, die an das neue Bein genäht sind."
"Ah."
McQueen war etwas unsicher. Mit Kindern hatte er bisher so gut wie nie zu tun gehabt und er selbst... war nie ein Kind gewesen.
"Ich bin Kathrin." Sie reichte ihm ihre rechte Hand über den kleinen Tisch hinweg, auf dem die Zeitung, eine Taschenbuchausgabe von James Jones The Thin Red Line und ein Waffenhandbuch lagen. Nach kurzem Zögern ergriff er die Hand.
"Ich bin Colonel Mc...ich meine Tyrus."
Sie bekam große Augen.
"Wow, Sie sind ein Colonel."
McQueen räusperte sich leicht befangen. Er wusste nicht so richtig, was er mit ihr anfangen sollte.
"Lieutenant-Colonel."
"Bei den Marines?" fragte sie sofort.
"Ja."
Sie strahlte begeistert und zwinkerte ihm zu.
"Wow, ich habe einen Lieutenant-Colonel von den Marines kennen gelernt."
Na toll, mich baggert eine Zwölfjährige an! McQueen musste unwillkürlich lächeln. Die Kleine war unglaublich.
"Mein Vater ist nur Chief auf einem Frachter", erklärte sie, wobei sie etwas enttäuscht wirkte.
"Chiefs sind wichtig", erklärte er ihr aufrichtig. "Ohne einen Chief, der sich um die Technik kümmert, würde sich bald nichts mehr bewegen."
Sie schien hocherfreut, so etwas aus dem Mund eines Marine zu hören, wechselte aber das Thema.
"Ist das ein Andenken an die Front?" Sie deutete auf McQueens Prothese.
Nein, das ist bei einem verdammten Bombenattentat passiert, wollte er ihr schon antworten, entschied sich aber, ihrem jungen Weltbild so etwas wie Terroranschläge noch zu ersparen. Der Krieg war schon schlimm genug.
"Ja", antwortete er, was ja auch nicht falsch war. Es war ja tatsächlich an der Front passiert. Kathrin wies auf ihren Rollstuhl.
"Das war nur ein Autounfall, den mein Daddy und ich gebaut haben." Für einen Moment wirkte sie sehr ernst. Doch schon umspielte ihre Lippen wieder ein Lächeln. "Sie hätten mal das Auto sehen sollen, Tyrus. Wow." Sie klatschte in die Hände, als würde sie etwas
zwischen ihnen zerschlagen und imitierte mit dem Mund das Geräusch eines Aufpralls. McQueen traute sich auf einmal nicht mehr, sie anzusehen. Sich mit einem verwundeten Soldaten zu unterhalten war eine Sache, aber mit einem Kind im Rollstuhl über seinen Unfall zu sprechen... das überstieg McQueens Kräfte.
"Ganz schön kaputt", erklärte sie. "Als wäre es mit einem T-77 der Chigs zusammengeknallt."
Ihre Ausdrucksweise überraschte ihn. Sie hörte sich fast an wie ein alter Hase von der Front. Er ergriff diese Möglichkeit sofort, um sie von ihrem Unfall abzulenken.
"Du kennst dich wohl aus mit dem Militär", stellte er fest.
"Klar, ist doch total interessant. - Wenn ich groß bin, werde ich mal Pilotin."
McQueen wandte sich von ihr ab. Er fürchtete irgendwie, sie könnte seine Gedanken zu ihrer Äußerung erraten, die ihm spontan durch den Kopf gingen. Ich fürchte, dazu musst du erst mal wieder auf die Beine kommen...Verdammt!
Sie seufzte.
"Ich weiß. Dazu muss ich laufen können."
McQueen sah sie betroffen an. Bin ich so leicht zu durchschauen? Er räusperte sich.
"Ich fürchte... ja."
"Mein Daddy hat mir versprochen, dass ich wieder gesund werde." Sie zuckte leicht resigniert mit den Schultern. "Die Operation kostet nur sehr viel Geld und mein Daddy weiß nicht, wie er das bezahlen soll."
"Hat er dir das gesagt?!" fragte McQueen entsetzt. Sollte es tatsächlich Väter geben, die ihren Töchtern so schonungslos die Hoffnung nehmen konnten? Tut mir leid, ich habe kein Geld, um dir zu helfen! - Wenn das so war, dann sollte er mit dem Chief vielleicht mal ein ernstes Wörtchen reden. Wie willst du so jemandem Mut machen, du Trottel?!
Sie schüttelte den Kopf.
"Nein, aber ich bin doch nicht blöd. - So ein Implantat kostet so viel wie..." Sie suchte nach dem richtigen Vergleich, fand aber keinen. Schließlich machte sie eine ausholende Geste. "...Naja, mehr als wir haben."
McQueen dachte, dass es nun wirklich Zeit war, Kathrins Gedanken wieder in andere Bahnen zu lenken. Sie fand das Militär interessant. - Okay, damit konnte er dienen.
"Sagt dir die Insel Guadalcanal etwas?"
Sie nickte.
"Klar, ist doch ein alter Hut. Da kämpfte die 1ste Marine Corps-Division 1942 bis 43 völlig auf sich gestellt. Und sie haben’s geschafft."
McQueen musste lächeln. Die meisten Amerikaner wussten inzwischen noch nicht mal mehr, dass es im vergangenen Jahrhundert zwei Weltkriege gegeben hatte, von einzelnen Episoden aus der Geschichte ganz zu schweigen.
Kathrin deutete lässig mit ihren Augen auf das Buch neben der Zeitung.
"Was da drin steht, hat allerdings nie so statt gefunden. Der Hügel ist ‘ne Erfindung und die Einheit auch."
McQueen sah sie verblüfft an. Kathrin erstaunte ihn immer mehr. Sollte diese Bemerkung etwa heißen, dass sie sich in ihrem zarten Alter bereits Bücher vom Kalieber eines James Jones vorgenommen hatte?
Sie grinste.
"Steht jedenfalls im Vorwort. - Weiter bin ich noch nicht gekommen. - Und Sie?"
"Naja, eigentlich habe ich bisher noch gar nicht..."
"Kathrin", hörten sie eine ermahnende Stimme von der Tür, die auf die Dachterrasse führte. McQueen sah, wie sich von dort eine etwa 35jährige Frau näherte. Ganz eindeutig die Mutter des Mädchens. Er bemerkte eine unglaubliche Ähnlichkeit. Vor allem die Augen. Genauso aufmerksam und ausdrucksstark. Mit elastischen Schritten kam sie zu ihnen herüber.
"Du hast den Herrn doch nicht etwa belästigt."
McQueen hatte den Eindruck, dass die Frau versuchte, streng zu wirken, sich aber zugleich über etwas sehr zu freuen schien. Er schüttelte den Kopf.
"Aber nein, wir haben uns nur unterhalten."
Kathrin ergriff sofort wieder die Initiative.
"Mom, das ist Tyrus. Er ist Colonel bei den Marines. - Tyrus, das ist meine Mom."
Er drückte ihre Hand.
"Tyrus Cassius McQueen, M’am."
"Marsha Douglas." Sie wandte sich an ihre Tochter und musste nun breit lächeln. "Kommst du bitte mal mit. Ich hab’ eine Überraschung für dich."
Kathrin sah ihre Mutter neugierig an.
"Was ist es denn?"
"Komm mit!" bat Marsha, ohne zu antworten und griff dann nach der Rückenlehne des Rollstuhls, um ihn weg zu schieben. Kathrin funkelte sie an. Marsha ließ wieder los.
"Oh, entschuldige, du willst ja immer alles alleine machen. - Wiedersehen, Mr. McQueen. Es hat mich gefreut. Gute Besserung."
Mit diesen Worten wandte sich Marsha Douglas zum Gehen. Ihre Tochter winkte McQueen zum Abschied zu und rollte ihr hinterher. Der Colonel sah jetzt, wie die Mutter über das ganze Gesicht strahlte. Scheinbar gute Nachrichten, dachte er. Das freut mich. Im Krieg gibt es das viel zu selten!
"Ich kann dir kaum sagen, wie glücklich ich darüber bin, dass die Versicherung doch noch ein Einsehen hat", hörte John Douglas die Stimme seiner Frau Marsha aus dem Lautsprecher. Vom Monitor aus strahlten ihm ihre schönen Augen entgegen. Er brachte allerdings nur ein unsicheres Lächeln zustande.
"Ja...hab’ ich’s dir nicht gesagt", antwortete er. Auch seine Stimme klang unsicher. Douglas hoffte, dass man das über die riesige Entfernung zur Erde nicht mehr wahrnehmen konnte. -Natürlich hatte ihre Versicherung mit der Überweisung des Geldes für Kathrins Operation nicht das Geringste zu tun, sondern sein anonymer "Geschäftspartner". Aber das durfte Marsha auf keinen Fall erfahren.
Douglas hatte Schwierigkeiten, ihr in die Augen zu sehen.
"He, was ist los? Du freust dich ja gar nicht so richtig."
Einen Augenblick war Douglas von dieser Feststellung erschrocken. Sie hat es also gemerkt. Und jetzt? Er hasste es, Marsha etwas vormachen zu müssen. Das hatte er noch nie getan. Aber jetzt war nicht der Zeitpunkt, ihr zu gestehen, dass er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte; wer auch immer dieser Teufel sein mochte. Statt zu antworten, reagierte er mit einer anderen Frage.
"Wie geht’s der Kleinen?"
"Der Doktor führt gerade Tests mit ihr durch. Morgen wird sie operiert." Marshas Augen glitzerten ein wenig. "Ich soll dich ganz lieb von ihr grüßen, aber sie hat gerade was vor."
Ja, das hört sich wirklich nach Kathrin an! Irgendwie war sie ununterbrochen damit beschäftigt, ihnen zu zeigen, dass sie auch ohne Eltern zurecht kam. Wo sollte das nur mal hinführen?
"Danke, gib ihr einen Kuss von mir."
"Werd’ ich machen."
Ein kurzes Schweigen folgte, das Douglas schnell unangenehm wurde. Er wandte seinen Blick vom Bildschirm ab.
"Ist wirklich alles okay bei dir?" fragte Marsha erneut. Er sah vorsichtig wieder in Richtung Monitor.
"Aber natürlich", sagte er, wobei sich die Worte aber viel eher wie Ich kann nicht darüber reden anhörten. "Und jetzt muss ich Schluss machen. Die Arbeit ruft, du verstehst?"
"Ja." Ihr Blick sagte genau das Gegenteil.
"Ich liebe dich. Wiedersehen."
"Wiedersehen."
Douglas schaltete ab, bevor sie noch eine weitere Frage stellen konnte. Seine Gefühle waren eine Mischung aus Freude und Angst. Einerseits war er überglücklich darüber, dass sein "Geschäftspartner" tatsächlich Wort gehalten und das Geld für die Operation bezahlt hatte, andererseits befand er sich damit unwiderruflich in dessen Fängen. Jetzt haben sie mich gekauft, sagte er sich und es widerte ihn an. Doch nun konnte er nicht mehr zurück. Er musste seinen "Auftrag" ausführen. Am besten sofort.
"Die Sache wäre erledigt. Er gehört jetzt uns", tönte Knifes Stimme leise und bedrohlich durch den Raum. Er saß in entspannter Haltung in einem Ledersessel vor Donald Grants Schreibtisch. Der Vorstandsvorsitzende nippte nachdenklich an einem Cognacschwenker, den er mit der rechten Hand umschlossen hielt.
"Hm, ich weiß nicht. Vielleicht hätten Sie ihn erst bezahlen sollen, nachdem er die beiden Marines erledigt hat."
Knife schüttelte den Kopf.
"Sie vergessen, wie diese Soldaten denken, Sir. Würde ich das Geld zurückhalten, hätte er das Gefühl, dass er erpresst wird und wäre nur unnötig stur. Jetzt haben wir in ihm aber das Gefühl geweckt, dass er in unserer Schuld steht."
Grant verzog seinen Mund zu einem diabolischen Grinsen.
"Da könnte wirklich was dran sein. - Auf das soldatische Pflichtbewusstsein." Er prostete Knife zynisch zu und nahm wieder einen Schluck Cognac. Der Vorstandsvorsitzende wurde aber sofort wieder nachdenklich.
"Für den Fall, dass Douglas’ Pflichtbewusstsein allein nicht ausreicht, sollten wir ihm aber auch auf die Sprünge helfen können." Er sah Knife erwartungsvoll an. Der nickte, als habe er auf diese Bemerkung nur gewartet.
"Wir holen uns seine Frau und seine Tochter. - Macht er Schwierigkeiten, haben wir gleich einen Trumpf im Ärmel und wenn alles glatt geht, wird ihm diese kleine Demonstration trotzdem einen solchen Schrecken versetzen, dass er bis an sein Lebensende an uns denken wird."
Grant lächelte zufrieden.
"Ausgezeichnet. - Ich bin sicher, Douglas wird uns gute Dienste leisten."
Nur mit einer Taschenlampe bewaffnet arbeitete sich Chief Douglas durch eine Wartungsröhre der Johnson vor. Die Röhre war ein dunkler metallener Schacht, der waagerecht durch das Schiffsinnere führte. Er war etwa einen Meter hoch. In regelmäßigen Abständen befanden sich im Boden, an den Wänden oder an der Decke kleine Klappen, hinter denen man direkten Zugang zur Elektronik hatte. Sein Ziel war ein Schaltkasten, über den die Leitungen der Kryotanks verliefen.
Während er sich mühevoll durch die Dunkelheit vorarbeitete, versuchten seine Gedanken krampfhaft, eine Rechtfertigung für das zu finden, was er vor hatte. Das stärkste Argument war dabei das Wohl seiner Tochter. Doch immer wieder meldeten sich auch seine Skrupel zu Wort. Es war eine Sache, als Soldat einen Feind zu töten, aber etwas völlig anderes,
zwei wehrlose Marines zu ermorden. - Aber waren sie nicht auch eine Art Feind? Er wusste,
dass sich die beiden unerlaubt von ihrer Einheit entfernt hatten. Sie waren Deserteure und Deserteure waren fast eine ebenso große Gefahr wie die Chigs. Himmel, vermutlich ist wegen diesen beiden Kerlen eine ganze Einheit draufgegangen! Auf diese Weise baute sich Douglas nach und nach sein eigenes Feindbild auf. Deserteure sollte man auf der Stelle erschießen! peitschte er sich ein, in der Hoffnung, die beiden Marines genug zu hassen, um sie wie einen Feind töten zu können.
Vor ihm erfasste der Lichtkegel der Taschenlampe plötzlich die entscheidende Klappe. Sie hatte einen aufgemalten Nummerncode, der sich inzwischen in Douglas’ Gedächtnis einge-brannt hatte. Er kroch die letzten zwei Meter heran und kauerte sich dann vor der Klappe hin. Versonnen betrachtete er die Nummer im Lichtkegel; konnte seinen Blick nicht mehr von ihr abwenden. Da bin ich also! Nach kurzem Zögern klemmte er sich die Lampe zwischen die Zähne, um beide Hände frei zu haben. Die Klappe wurde nur durch einen einfachen Magneten zu gehalten. Er nahm sie ab und legte sie neben sich. Unter der Klappe kam eine Vertiefung zum Vorschein, in der eine Unzahl Platinen in Steckverbindungen befestigt waren. An einer Seite befanden sich ein paar Tasten und Leuchtdioden. Er hatte die Platine, die er suchte, sofort gefunden. Auf einem Plättchen, das an ihr befestigt war, standen eine Seriennummer und das Wort Kryoelektronik. Unwillkürlich begannen seine Hände zu zittern. Verdammt! Douglas schloss die Augen und ballte eine Faust. Nur einmal tief durchatmen. Du tust nur einen Job, nicht mehr! Doch so einfach war das nicht. Tief in seinem Inneren tauchte das Wort Sabotage auf, das für einen Chief ein fast noch größeres Gewicht hatte als der Begriff Deserteur. Verärgert über sich selbst nahm er die Taschenlampe aus dem Mund. Idiot, hör’ auf zu grübeln, sondern tu’ endlich, was getan werden muss! Er griff zu einer Reißverschlusstasche an seinem rechten Hosenbein. Sie enthielt eine winzige Plastikschachtel mit einem noch winzigeren Chip, der als fehlerhaft aussortiert worden war. Douglas legte die Schachtel neben die Wartungsluke auf den Boden. Sein Plan sah vor, die Platine für die Kryoelektronik mit diesem fehlerhaften Chip zu versehen. Jener würde in spätestens zwei Tagen seinen Dienst einstellen und zu einer Fehlfunktion bei der Lebenserhaltung der Kryogenischen Tanks führen. Dank seiner Vorkehrungen würde die Elektronik erst Alarm schlagen, wenn es bereits zu spät war.
Mechanisch klemmte sich Douglas die Taschenlampe wieder zwischen die Zähne und machte sich dann mit stockendem Atem ans Werk. Mit Hilfe eines kleinen Werkzeugs entfernte er von der Schalttafel den intakten Chip, nachdem er durch einen Tastendruck das Reservesystem aktiviert und die nun unvollständige Platine kurzfristig vom Netz genommen hatte. Er öffnete die Schachtel, die er mitgebracht hatte. Rein äußerlich waren die beiden Chips, die er gerade austauschte, identisch. Der Chief nahm den fehlerhaften heraus und ließ den anderen in die Box fallen.
Douglas atmete tief durch. Ihm wurde heiß. Seine Hände fingen wieder zu zittern an. Unglaublich, das man mit diesem winzigen Ding jemanden töten kann! Er schloss eine Faust um den Chip und nahm wieder seine Taschenlampe aus dem Mund. Das sind nur zwei Deserteure, die es nicht besser verdient haben, redete er sich ein. Die hatten auch keine Skrupel, ihre Kameraden im Stich zu lassen. Ganz langsam näherte er sich mit der rechten Hand der Platine. Den Chip nahm er zwischen Daumen und Zeigefinger. Kurz bevor er ihn einrasten ließ, hielt er aber doch wieder inne. Douglas kniff die Augen zusammen; versuchte sich das Bild seiner Tochter ins Gedächtnis zu rufen. Es war seine Schuld, dass sie jetzt im Krankenhaus lag und er hatte sich geschworen, alles zu tun, um das wieder in Ordnung zu bringen. Zur Hölle mit seinem Gewissen, das war allein sein Problem. Er wollte, dass Kathrin wieder laufen konnte. - Trost war für ihn, dass seine beiden Opfer nicht das Geringste spüren würden. Sie würden nur einfach nicht mehr aufwachen.
"In zwei Tagen ist es vorbei," murmelte er vor sich hin und schaltete die Platine dann wieder ans Netz.
Vorsichtig setzte McQueen seinen "neuen" rechten Fuß auf die Erde. Irgendwie fühlte es sich an, als sei ihm das Bein eingeschlafen. Nicht mehr ganz taub, aber trotzdem noch nicht ganz da. Und natürlich kribbelte es wieder. Es war schlimmer als jemals zuvor. Als befänden sich Hunderte von Ameisen unter der Haut. Beiß die Zähne zusammen, du bis ein Marine, sagte er sich in Gedanken und musste urplötzlich grinsen. Bin ich froh, dass mich hier meine Leute nicht sehen können! Was für ein Bild: Der große McQueen, wie er wackelig und mit säuerlicher Miene Gehversuche machte.
Mit äußerster Vorsicht vergrößerte er die Belastung auf sein rechtes Bein. Irgendwie traute er ihm noch nicht so ganz. - Plötzlich hatte er den unbestimmten Eindruck, dass der Boden unter ihm schief war und er griff Halt suchend nach dem Rand seines Bettes. Ich glaube, ich sollte doch besser meinen Stock mitnehmen, entschied er. Jener lehnte rechts neben ihm. Und tatsächlich! Als er seinem Bein mit dem Stock ein wenig zur Hilfe kam, war der Boden auf einmal wieder gerade. Vorsichtig tat er einen ersten Schritt. Dann noch einen. Nicht schlecht, aber sein rechtes Bein zitterte dabei, als seien ihm sämtliche Muskeln entfernt worden. Von seinem Tisch griff er sich das Buch. Es wurde Zeit, der kleinen Kathrin mal einen Besuch abzustatten. Er hatte erfahren, dass das Mädchen heute in den frühen Morgenstunden operiert worden war. Vor mehreren Stunden war sie in ihrem Bett wieder auf die Dachterrasse gerollt worden, wo sie in der frischen Luft langsam zu sich kommen konnte. Während des Mittagessens hatte sich der Colonel entschlossen, zu ihr einen kleinen Ausflug zu unternehmen.
Schwankend vor seinem eigenen Bett stehend fixierte McQueen das Ziel seines Ausfluges, das sich etwa zwanzig Meter entfernt befand. Zwanzig Meter! Das muss doch zu schaffen sein! Entschlossen nahm er die stolze aufrechte Haltung ein, die eines Marines würdig war und machte sich auf den Weg. Irgendwie kam er sich vor wie ein Schiff in schwerem Seegang. Von den Hallen Montezumas, Bis zu Eridanis Ufern... Jetzt noch zehn Meter! So langsam hatte er den Dreh ‘raus. Kurz bevor er Kathrins Bett erreicht hatte, humpelte er nur noch ein wenig. Trotzdem war er froh, als er sich links neben ihr auf einen Stuhl fallen lassen konnte.
Kathrin hatte die Augen fast geschlossen und wirkte unglaublich müde. Ganz langsam drehte sie ihm ihren Kopf zu.
"Oh, hallo Tyrus", murmelte sie. Dabei deutete sie fast so etwas wie ein Lächeln an. "Ich kann wieder mit den Zehen wackeln", erklärte sie. Nun wurde das Lächeln doch sehr deutlich.
"Nicht übel", entgegnete er fast ebenso leise wie sie. "Noch ein bisschen Zeit und du kannst es mit jedem Marine aufnehmen."
Bei diesen Worten leuchteten ihre schläfrigen Augen kurz auf.
"Wenn ich groß bin, werde ich Pilotin."
"Ganz sicher. - Wo ist denn deine Mom?"
"Die muss arbeiten, aber heute Abend kommt sie mich wieder besuchen."
"Hast du Lust, bis dahin ein bisschen was aus dem Buch zu hören?" Er hielt den Roman hoch, den er mitgebracht hatte. "Ich weiß, das ist nicht gerade eine Geschichte für jemanden in deinem Alter, aber..." Sie brachte ihn mit einem bösen Blick zum Verstummen.
"Was soll denn das heißen, ich bin doch kein Kind mehr!"
"Ähm, natürlich nicht. - Bitte entschuldige." Donnerwetter, eine richtige kleine Autorität. In zehn Jahren bringst du ein Bataillon Marines dazu, vor dir stramm zu stehen! McQueen
räusperte sich und schlug das Buch auf.
"Also gut, fangen wir an..." Er begann leise vorzulesen und sie hörte aufmerksam zu. Das heißt, ihre Aufmerksamkeit reichte in etwa bis Seite fünf... dann war sie eingeschlafen.
Vanessa griff in die Tischmitte und belegte ihr aufgebackenes Brötchen mit einer Scheibe Wurst. Das Abendessen auf der Johnson war gar nicht so übel. Sowohl Brötchen als auch alles Übrige stammten zwar aus der Tiefkühltruhe und der Tee schmeckte vor allem nach Wasser, aber gegen die klumpigen Massen, die es Mittags immer gab, war das eine deutliche Steigerung. Links von ihr biss Shane hungrig einen Happen von ihrem Käsebrötchen. Chief Douglas hingegen schien kaum Appetit zu haben. Düster und geistesabwesend nagte er an einer Scheibe Brot herum. Ab und zu sah er unruhig auf seine Uhr.
Vanessa warf ihrer Freundin einen vielsagenden Blick zu. So war der Chief nun seit zwei Tagen. Schweigsam, nervös und sehr ernst. Shane fixierte ihren Gegenüber.
"Ist alles in Ordnung, Chief? - Irgendwie sagen Sie in der letzten Zeit kaum noch was."
Über Douglas’ Gesicht huschte ein unsicheres Lächeln.
"Aber ja", meinte er. Wieder ein nervöser Blick auf die Uhr. Das Lächeln erstarb wieder.
Vanessa beugte sich verschwörerisch zu Shane herüber.
"Irgendwie erinnert er mich an Nathan, wie er in den ersten Monaten ständig an eine bestimmte Person gedacht hat."
"Phousse!" zischte Vansen entgeistert und hoffte inständig, dass Douglas Vanessas kleine Boshaftigkeit überhört hatte. Sie wurde enttäuscht. Ausgerechnet jetzt wachte der Ingenieur wieder aus seiner Lethargie auf und schien sich wieder ein wenig an ihren Tischgesprächen beteiligen zu wollen.
"Nathan? Ist das Ihr Freund?" fragte er Shane. Sie schüttelte den Kopf.
"Nein. Er ist einer der beiden in den Kryotanks. - In den ersten Monaten beim Corps hat er ununterbrochen an seine Freundin Kylen gedacht. Naja, sie war verschollen und irgendwie konnten wir ihn verstehen, aber manchmal hat er es doch ein bisschen übertrieben." Sie sah Douglas plötzlich erschrocken an, als ihr klar wurde, wie sich das nach Vanessas Vergleich von eben anhören musste. "Oh Verzeihung. Damit wollte ich natürlich nicht sagen, dass Sie...äh...wie Nathan...ich meine, er ist wirklich okay."
Douglas wirkte auf einmal noch nervöser. Kurz nach der Erwähnung der Kryotanks hatte er
den Eindruck erweckt, gleich schreien zu wollen. Düster knurrte er:
"Aber er ist auch ein Deserteur. Genau wie der andere!"
Vanessa schüttelte den Kopf.
"Naja, rein faktisch gesehen schon, aber eigentlich haben sie es nur unseretwegen getan."
Douglas starrte sie an. Er wirkte zutiefst erschüttert. Shane verdrückte den letzten Happen ihres Brötchens. Sie erklärte: "Wissen Sie, wir waren auf einem Planeten abgestürzt, aber sie bekamen keine Erlaubnis, nach uns zu suchen. - Es war ja auch wirklich die Hölle los. Aber, naja..." Sie sah den Chief an. "Sie taten es trotzdem. Und hätten sie nicht so gehandelt, säßen wir jetzt nicht hier."
Vanessa drehte sich zu Douglas um.
"Ganz schön gemein, finden Sie nicht? - Ich meine, die beiden riskieren ihr Leben für uns und dafür..." Sie hielt mit gerunzelter Stirn inne. Der Ingenieur sah auf einmal aus, als habe er gerade von seinem eigenen Tod erfahren. Seine Augen zuckten zwischen ihr, Shane und seiner Uhr umher.
In Douglas’ Innerem waren auf einen Schlag seine ganzen Rechtfertigungen, die er sich für seine Tat zurecht gelegt hatte, wie ein Kartenhaus in sich zusammen gebrochen. Sein
Feindbild des skrupellosen Deserteurs erwies sich auf einen Schlag als bloßes Lügengebilde. Er war gerade im Begriff, Menschen umzubringen, die nichts weiter getan hatten, als zwei Kameradinnen zu retten. Er hingegen sah sich plötzlich als das, was er gerade noch bei den beiden Marines glaubte, verabscheuen zu können. Oder als noch etwas Schlimmeres. Ich bin nichts weiter als ein Saboteur, der gerade dabei ist, auch noch ein Mörder zu werden! -Wie konnte ich nur...?
Ohne noch eine weitere Silbe zu verlieren, sprang er auf. Der Stuhl fiel polternd um. Shane und Vanessa zuckten erschrocken zurück. Was war nur in den Chief gefahren?
"Oh Gott, ich brauch’ Ihre Hilfe, um etwas ganz Schreckliches zu verhindern!" stammelte er. "Kommen Sie schnell!"
Er packte Vanessas rechtes Handgelenk, das sich in seiner Reichweite befand. Verwirrt erhob sie sich.
"Was...?!" Shane war mindestens ebenso durcheinander.
"Die Kryotanks werden ausfallen", erklärte Douglas und zog Damphousse schon in Richtung Ausgang. Instinktiv wehrte sie sich und riss ihr Handgelenk los.
"Was soll das heißen?" fragte sie gereizt. Inzwischen war auch Shane auf den Beinen. Drohend bewegte sie sich auf Douglas zu.
"Darf ich von Ihnen erfahren, was hier vorgeht, Chief?" fauchte sie ihn an. Douglas schüttelte nur voller Angst den Kopf.
"Keine Zeit für Erklärungen. Sie müssen ihre Freunde sofort aus dem Tiefschlaf wecken, sonst sterben sie!"
Irgend etwas in ihr sagte Shane, dass Douglas es todernst meinte. Also schob sie all die Fragen, die sie auf einen Schlag beschäftigten, erst einmal zur Seite. Sie mussten sich nun auf das Wesentliche konzentrieren.
"Was sollen wir tun?"
Douglas nahm ihren rechten Unterarm, als wolle er ihr dadurch noch zusätzlich zeigen, wie groß die Gefahr war.
"Laufen Sie in die Kammer mit den Tanks und schalten Sie die Sprechanlage ein. Ich alarmiere inzwischen die Medizinercrew. - Und schnell!"
Mit diesen Worten drehte er sich um und stürmte hinaus. Die beiden Frauen folgten ihm unverzüglich, wandten sich vor der Messe aber nach links, während Douglas rechts auf das nächstgelegene Intercom zu rannte.
Als Shane und Vanessa keine 30 Sekunden später die Kammer mit den Kryotanks erreichten, wurden sie bereits vom nervösen Fiepen der Gegensprechanlage in Empfang genommen. Shane schlug mit der Faust auf die Sprechtaste.
"Vansen hier. Ist da die Medostation?"
"Richtig", antwortete ihr eine metallene und leicht gehetzt klingende Stimme. "Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht so recht, was los ist. Bei uns sieht alles normal aus. Können Sie mir mit ein paar Vitalfunktionen aushelfen."
"Bitte?!" Shane wusste nicht so richtig, was der Mediziner meinte.
"Neben jedem Tank ist ein Monitor. Was steht hinter der Kurve mit der Aufschrift Herzschlag? Das ist..."
"Schon gut, ich kann lesen!" donnerte Shane wütend. "Bei Hawkes steht 10 und bei West 8. Und was sollen wir jetzt..."
"Shit, dann hat er Recht", wurde sie unterbrochen. "Okay, kein Grund zur Panik, wir sind unterwegs." Der Klang seiner Stimme sagte etwas anderes. Sie hörte sich ganz eindeutig nach großer Panik an. Sie vernahmen, wie der Sprecher am anderen Ende einmal tief durchatmete. "Inzwischen müssen Sie aber was für uns tun. Drücken Sie auf den runden roten Knopf, über dem Notprogramm steht. Und dann drehen sie sämtliche Regler im
Uhrzeigersinn bis zum Anschlag. - Haben Sie das Notprogramm gestartet?"
Shane und Vanessa näherten sich den Schalttafeln und taten wie geheißen.
"Läuft das Notprogramm?" wollte die Stimme energisch wissen.
"Ja doch", entgegnete Vansen genervt.
"Und was passiert?"
Sie musterten sowohl die Tanks als auch die Elektronik. Es wirkte alles wie bisher.
"Gar nichts."
"Das gibt’s doch nicht. Die Schalttafel muss leuchten wie ein Weihnachtsbaum."
Die beiden Frauen sahen sich an, dann die Technik der beiden Tanks.
"Negativ. Es hat sich nichts verändert. Nicht mal bei den Werten auf dem Monitor."
Das betretene Schweigen des Mediziners wirkte beängstigender als ein Wutausbruch. Was ist hier denn nur los? Plötzlich begannen auf diesem Schiff alle durchzudrehen. Flehend sahen sie die Kryotanks an, doch endlich zum Leben zu erwachen. Und plötzlich taten sie das auch. Von einem Moment zum nächsten, so, als habe jemand eine gekappte Leiterbahn gerade wieder verbunden, begannen die Monitore zu pulsieren. Sämtliche Biowerte erloschen und machten einer einzigen, blinkenden Aufschrift Platz. Notprogramm Wiederbelebung. Ein Brummen und Knacken ging von den beiden Behältern aus. Im Inneren zerflossen die Eisblumen allmählich und rannen an der Scheibe herunter. Ein unangenehmer Warnton füllte die Kammer aus. Shane und Vanessa konnten jetzt nur noch dastehen und abwarten... und hoffen, dass ihre Freunde diese Prozedur irgendwie überleben würden.
Zischend flog die Eingangstür auf. Durch die Luke strömte ein halbes Dutzend Weißkittel herein, die zwei Liegen und eine Unzahl medizinischer Geräte herein schleppten. Achtlos schob man die Soldatinnen zur Seite. Anweisungen wurden gerufen, Schläuche angeschlossen, Knöpfe gedrückt. Nach etwa fünf Minuten wurde die Flüssigkeit im Inneren der Tanks abgelassen. Gluckernd floss sie durch Schläuche in einen der mitbebrachten Behälter. Von dort stieg ein eigentümlicher weißer Nebel auf, der wie verdampfender Kohlenstoff wirkte und ebenso kalt sein musste. Knacken und Krachen signalisierte die Spannungen, die durch die herrschenden Temperaturunterschiede auftraten. Schließlich gab einer der Weißkittel den Impuls, mit dem sich die Kryozylinder öffneten. Aus dem Inneren quoll ihnen kalter Dampf entgegen.
Bei diesem Anblick schnürte sich Shane die Kehle zu. So etwas soll ein Mensch wirklich überleben können?
Jedem der Tanks näherten sich zwei Weißkittel in Handschuhen und Schutzbrillen, die verhindern sollten, dass ihnen durch den Nebel Augäpfel und Finger gefroren. Sie griffen in die dichten Schwaden hinein und packten Nathans und Coopers leblose Körper, weil sie sonst geradewegs herausgefallen wären.
"Los raus und auf die Liegen!" kommandierte einer der beiden übrigen Weißkittel. Mit sichtlicher Anstrengung hoben die vier Angesprochenen West und Hawkes aus den Tanks, die noch immer von weißem Dunst umgeben waren. Irgendwie sehen sie nicht sehr lebendig aus! kam es Vanessa bei ihrem Anblick in den Sinn. Ihre Gesichtszüge waren noch immer erstarrt, die Gliedmaßen wirkten steif. Darüber hinaus fehlte ihnen jede Farbe. In diesem Zustand legte man die beiden jungen Männer auf die Liegen. Der Mediziner, der bisher die Anweisungen gegeben hatte, trat heran und leuchtete zuerst Cooper, dann Nathan in die Augen.
"Na, dann wollen wir mal", murmelte er vor sich hin. Mit einer Injektionspistole schoss er den Bewusstlosen direkt in die Halsschlagadern. Die Reaktion folgte sofort. Zucken, Würgen, Husten. Sie spuckten beide eine gute Portion der Flüssigkeit aus. Keuchend richteten sie sich auf. Der Weißkittel legte ihnen beruhigend seine Hände auf die Schultern.
Er wirkte zufrieden und erleichtert.
"Guten Morgen, die Herren", begrüßte er sie.
McQueen fühlte sich fast wieder wie in der Grundausbildung, als ihm nach den tagelangen Gewaltmärschen jeder weitere Schritt Überwindung gekostet hatte. Irgendwie glaubte zur Zeit jeder einzelne Muskel in seinem rechten Bein, sich unbedingt in Erinnerung bringen zu müssen. So humpelte er steifbeinig über einen der Trampelpfade, die den kleinen Wald, der das Kimble-Hospital umgab, durchzogen. - Andererseits genoss er es, nach knapp zwei Wochen das Krankenhaus endlich mal verlassen zu können. Weg von den Pflegern und Schwestern, die ständig betonten, dass er sich noch schonen müsse und die ihn ständig bemuttern wollten. "Haben Sie Schmerzen?" - "Wenn Sie etwas brauchen, klingeln Sie!" - Einfach grausam! Und wenn er ihnen sagte, dass sie ihm den größten Gefallen tun konnten, wenn sie einfach verschwanden, waren sie beleidigt. Behandelt mich nicht wie einen alten Tattergreis!
Auf der Dachterrasse war Kathrin vermutlich gerade wieder damit beschäftigt, sein Waffenhandbuch zu studieren und mit den Zehen zu wackeln. Nachdem sie gestern noch kaum die Augen hatte offen halten können, war sie inzwischen schon wieder quicklebendig. Unglaublich, wenn man bedachte, dass sie eigentlich gerade erst eine Operation hinter sich gebracht hatte.
McQueen sah auf seine Uhr. In zehn Minuten hatte sie ihn schon wieder "bestellt", damit er ihr weiter aus The Thin Red Line vorlesen konnte. Er hatte keine Ahnung, ob sie das Buch überhaupt schon verstand, aber andererseits las er ihr gerne etwas vor. Ganz tief in seinem Inneren bewegte sie in ihm etwas. Irgendwie war Kathrin so, wie er sich eine Tochter wünschen würde... Wenn er eine Frau hätte... und wenn er Kinder haben könnte. - Er schüttelte innerlich den Kopf. An so etwas hatte er schon sehr lange nicht mehr gedacht. Nicht mehr seit... Unwillkürlich kam der alte Schmerz wieder zurück, als er sich daran erinnerte, wie seine Ehe durch die ständigen Anfeindungen gegen ihn als InVitro nach und nach zerbrochen war. - Nein, er hatte sich für ein anderes Leben entschieden. Seine Familie war jetzt das Corps; und es war eine gute Familie. Anfeindungen gab es zwar auch dort, aber unter denen litt wenigstens nur er allein.
Ganz allmählich steuerte McQueen über den Trampelpfad wieder in Richtung Krankenhauseingang. Der Pfad verlief schließlich parallel zu der Zugangsstraße, über die ab und zu ein Auto kam. Vor ihm kam langsam die Fassade des Kimble zwischen den Zweigen zum Vorschein. Es war ein älteres, in freundlichen Beigetönen gehaltenes Gebäude. Nicht zu vergleichen mit den sterilen Turm hohen Krankenhausburgen unten in der Stadt. Der Eingang war durch einen kleinen Park zu erreichen, in dem gepflegte Grünflächen, Blumenbeete und kleine Teiche angelegt waren. Links davon, und in starkem Kontrast dazu, befand sich eine große Betonfläche, Garagen und ein Hubschrauberlandeplatz. Die Notaufnahme konnte keine Grasflächen und Blumenbeete gebrauchen. Dort ging es um das nackte Leben.
McQueen spazierte humpelnd durch den Park auf den Eingang zu. Vorbei an anderen Patienten, die ebenfalls keinen so eleganten Gang hatten.
Nur wenige Meter vor dem Gebäude musste er plötzlich stehen bleiben. Sein Blick fiel auf einen dunklen Van, der schräg vor dem Eingangsbereich abgestellt war. Er hätte ihn vermutlich gar nicht so bewusst wahrgenommen, wenn es hier nicht mehrere Dinge gegeben hätte, die ihm merkwürdig erschienen. Zum Beispiel saß hier jemand hinter dem Lenkrad, der ihm sehr nervös vorkam. Darüber hinaus grummelte der Motor des Van vor sich hin, als warte der Fahrer darauf, in den nächsten Momenten davon zu rasen.
Kopfschüttelnd setzte McQueen seinen Weg fort. Hör’ auf damit! Du bist hier nicht an der
Front, und es gibt hier keine Chigs, die irgend jemandem ans Leder wollen!
Als er durch die Empfangshalle trat und mit dem Aufzug dann nach oben fuhr, hatte er den Van auch schon wieder vergessen.
Beim Öffnen der Türen im obersten Stockwerk meldeten sich in seinem kampferprobten Unterbewusstsein aber erneut die Alarmglocken. In dem Korridor, von dem die Türen zu den Krankenzimmern abzweigten, schlenderte jemand im dunklen Anzug umher, der in McQueen eindeutig den Eindruck eines Spähers erweckte, der den Gang sicherte. Für jemanden, der nur wartete, behielt er seine Umgebung auf jeden Fall viel zu genau im Auge und als er den Colonel erblickte, wirkte er gleich äußerst angespannt. McQueen humpelte mit misstrauischer Miene auf dem Weg zur Dachterrasse an ihm vorbei; fixierte den Anzugträger, der äußert finster zurückstarrte.
Mit einem merkwürdigen Gefühl in der Magengrube öffnete er die breite Tür zu der Terrasse. Ein herbstlicher Lufthauch wehte ihm entgegen. Hier draußen herrschte ein allgegenwärtiges Gemurmel. Manche Patienten unterhielten sich, andere lasen, wieder andere schliefen. Er suchte Kathrins Liege, die irgendwo links von ihm stehen musste. Inzwischen wartete sie sicher bereits auf ihn.
Dort, wo er sie vermutete, entdeckte er aber zuerst einen grauhaarigen Mann im weißen Kittel und einen anderen im Orange des Notdienstes. Himmel, es ist ihr doch nichts passiert! Voller Sorge trat er vorsichtig näher. Die beiden standen tatsächlich bei Kathrin. McQueen bemerkte, dass der Grauhaarige eine Spritze hielt. Das Mädchen schlug ständig seine Hand weg. Dabei wiederholte sie immer wieder, dass er sie in Ruhe lassen und verschwinden sollte. Der Mann vom Notdienst sah sich unruhig um, als fürchte er, dass Kathrins Proteste Aufsehen erregen könnten.
Da stimmt was nicht! McQueen beschleunigte seine Schritte. Plötzlich drehte sich der Kerl in Orange zu dem Mädchen um und hielt ihr grob den Mund zu. Daraufhin packte der Weiße ihren rechten Arm und jagte ihr den Inhalt seiner Spritze hinein. Sie versuchte, sich los zu reißen, sackte dann aber auf ihrem Bett zusammen.
In McQueen stieg eine ungeheure Wut auf. Was immer die Typen vorhatten, normale Ärzte waren das ganz sicher nicht!
"Was, zum Teufel, tun Sie da?" fauchte er die beiden Männer an. Der Orangene stellte sich ihm augenblicklich in den Weg.
"Die Kleine wird verlegt", donnerte er unfreundlich. Der Weiße trat die Rollen des Bettes frei und machte sich daran, es auf die Terrassentür zuzuschieben. Als der Colonel ihm folgen wollte, trat ihm der andere entgegen. McQueen sah an dem Kerl vorbei.
"Wo bringen Sie sie hin?" forderte er zu erfahren.
"Das geht Sie nichts an", lautete die simple Antwort. Dann wurde McQueen so grob zurückgestoßen, dass er fast das Gleichgewicht verlor. Instinktiv machte er mit seinem rechten Bein einen Ausfallschritt, um nicht zu stürzen. Es meldete sich sofort mit tausend Nadeln in seinem Inneren zu Wort und erinnerte ihn scherzhaft daran, dass er zur Zeit nicht besonders einsatzfähig war.
Soeben ließen der Weiße und der Orangene mit dem Bett die Terrassentür hinter sich. So schnell er konnte, humpelte McQueen ihnen nach. Den Schmerz in seinem Bein ignorierend. Wütend stieß er die breite Schwingtür zum Korridor auf. Die anderen hatten etwa zehn Meter Vorsprung und erreichten gerade den Aufzug.
"He!" rief er ihnen nach. "Lassen Sie die Kleine in Ruhe!"
Die Antwort war ein genervter Wink des Grauhaarigen, woraufhin sich der Anzugträger, der hier gewartet hatte, in Bewegung setzte. Mit großen Schritten und unverschämtem Blick
marschierte er dem Colonel entgegen.
"Was willst du denn, Humpelbein?"
Und bevor McQueen etwas dagegen tun konnte, landete eine Faust in seiner Magengrube. Keuchend krümmte er sich zusammen. Seine Beine knickten ein. Einen Moment später lag er der Länge nach am Boden. Der Anzugträger machte mit hämischem Lachen kehrt. Er verschwand zusammen mit den anderen im Aufzug. McQueen richtete sich mühsam und schwer atmend auf.
"Und das mir...", hustete er. Die restliche Strecke zum ersten Aufzug legte er zuerst auf allen Vieren und dann auf seien Beinen wie in schwerem Seegang zurück. Er musste den Kerlen nach. Auf jeden Fall wollte er jemanden im Eingangsbereich alarmieren. Dort unten konnte sie dann vielleicht jemand aufhalten.
Endlich schob sich die Lifttür zur Seite. McQueen stürzte herein und landete geradewegs wieder auf dem Boden. Verdammt! Er schlug mit einer Hand nach dem Knopf, der den Aufzug nach unten bringen würde. Auf dem Weg dorthin rappelte er sich zum zweiten Mal auf. Kling. Der Lift war da. Die Tür öffnete sich. McQueen zwängte sich heraus.
Die Empfangshalle war wie immer kaum besucht. Auf der rechten Seite saß eine gelangweilte Schwester an einer Pforte. Von Kathrins Bett war weit und breit nichts mehr zu sehen. Nur eine Handvoll Leute, die gerade herein kamen. Er wollte soeben seine Stimme erheben und fragen, ob jemand einen Arzt mit einem Bett gesehen hatte, als er durch die gläserne Eingangstür sich etwas Dunkles bewegen sah. Der Van! durchfuhr es ihn siedend heiß. Die haben sie in den Van gepackt!
So schnell er konnte durchstolperte er den Eingangsbereich, in der Hoffnung, wenigstens noch einen kurzen Blick auf das Nummernschild und den Wagentyp werfen zu können. Schwankend erreichte er die Tür und stieß sie auf.
Ein Crysler, erkannte er. Dunkelgrau. Um das Kennzeichen noch erkennen zu können, war er allerdings schon zu weit entfernt. Das einzige, was er noch mitbekam war, dass es ein Nummernschild aus Kalifornien war.
Fluchend musste er mit ansehen, wie der Van über die Zufahrtsstraße verschwand. McQueen schüttelte den Kopf. Er verstand das nicht! Warum sollte jemand Kathrin entführen? Aus dem ersten Gespräch mit ihr wusste er, dass ihre Familie nicht gerade wohlhabend war. Und militärische Geheimnisse konnte eigentlich auch niemand erpressen wollen. Ihr Vater war Ingenieur und das, womit er zu tun hatte, konnte man in jeder öffentlichen Bibliothek nachlesen. Entscheidend war aber nun, dass es passiert war und dass er etwas unternehmen musste. - Mein Gott, ihre Mutter! meldeten sich plötzlich wieder die Alarmglocken in McQueens Verstand. Vielleicht sind sie auch hinter ihr her!
Ohne noch einen weiteren Gedanken zu verschwenden, fuhr er herum und kehrte in den Eingangsbereich des Kimble-Hospital zurück. Schon aus mehreren Metern Entfernung rief er der Schwester an der Pforte entgegen:
"Ich muss dringend telefonieren. Geben Sie mir die Nummer von..." Wie war noch mal der Familienname von Kathrins Mutter gewesen? "Von...äh..." Nun hatte er die Theke erreicht. Die Schwester sah ihn mit dienstlichem Lächeln an .
"Guten Tag, was kann ich für Sie tun?"
Jetzt fiel ihm der Name wieder ein.
"Ich brauche die Nummer von Familie Douglas. Ihre kleine Tochter ist hier Patientin und sie..." Die Schwester schien ihn überhaupt nicht gehört zu haben. Vollkommen gelassen und noch immer dienstlich lächelnd fragte sie:
"Sind Sie ein Angehöriger der Familie?"
"Nein, ich..."
"Dann tut es mir leid. Wenn Sie kein Angehöriger sind, kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen." Ihre Gelassenheit brachte ihn fast zur Raserei.
"Es ist ein Notfall, verdammt. Ich glaube, die Kleine ist gerade entführt worden."
Sie machte große Augen.
"Entführt?!" Irgendwie fand sie das offenbar lustig. McQueen wäre ihr fast an die Gurgel gesprungen. Unwillkürlich verschwand ihr Lächeln. Streng sah sie ihn an.
"Hören Sie: Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind und wie Sie auf solche Ideen kommen, aber wenn Sie kein Angehöriger sind, dann..."
McQueen brachte sie mit einem einzigen Blick zum Schweigen. Er hatte absolut keine Lust, sich von dieser Schnepfe Vorträge anzuhören, während vermutlich gerade ein paar Kerle zu Marsha Douglas unterwegs waren, um auch sie zu kidnappen.
"Wenn ich in zwei Sekunden nicht den Hörer in der Hand habe, werden Sie gleich nicht mal mehr ihren Vornamen kennen!" Der Tonfall, den er sonst nur gegenüber störrischen Untergebenen gebrauchte, brachte sie augenblicklich zum Einlenken. Sichtlich eingeschüchtert stellte sie das Telefon vor ihm hin und legte das Buch mit den Nummern daneben. McQueen hatte den Namen Douglas schnell gefunden. Es war eine Adresse in der Vorstadt von Los Angeles. Hecktisch drückte er die Telefonnummer in die Tastatur und wartete.
Tut...Tut...Tut... Am anderen Ende rührte sich nichts. Los, geh’ schon ‘ran! Doch auch nach zehnmaligem Läuten hob noch niemand ab. War Marsha Douglas nur gerade nicht zu Hause oder hatten die sie vielleicht auch schon geschnappt? Nachdem es etwa zwanzig Mal geläutet hatte, gab McQueen es schließlich auf.
Die Schwester musterte ihn süffisant. Wenn sie allerdings glaubte, dass McQueen die Sache nun auf sich beruhen lassen würde, täuschte sie sich. Er reichte ihr den Hörer.
"Geben Sie mir die Polizei!"
Der graue Ford von Lieutenant Telep kam mit einem Ruck vor der Einfahrt des Hauses der Familie Douglas zum Stehen. Es war eines jener typischen kalifornischen Vorstadthäuser mit kleinem Garten und Veranda. Ein erster flüchtiger Blick in Richtung Gebäude zeigte nichts Ungewöhnliches. Die Tür schien verschlossen, eines der Fenster stand schräg.
"Und jetzt? Ist doch alles in Ordnung", kommentierte der Lieutenant leicht gereizt. Er war ein schwarzer, etwas fülliger Endvierziger, der offensichtlich für McQueens Anliegen nicht viel übrig hatte. Jener funkelte ihn vom Beifahrersitz aus an. Zuerst die nervende Schwester an der Pforte, dann der Doktor, der nicht wollte, dass er das Krankenhaus verließ, und jetzt auch noch ein gelangweilter Bulle! Ganz allmählich stieg in McQueen der Wunsch auf, dass die Chigs diese verdammte Stadt irgendwann einäscherten.
"Und wieso geht sie nicht ans Telefon, wenn sie da ist?" Der Colonel deutete auf den Nissan in der Einfahrt. Telep zuckte gleichgültig die Schultern. Verärgert stieß der Marine die Beifahrertür auf und stieg aus.
"Haben Sie was dagegen, wenn ich sitzen bleibe?" fragte der Polizist seufzend. McQueen würdigte ihn keines Blickes. Statt dessen humpelte er über die Einfahrt auf die Haustür zu. Vielleicht ist ja doch alles in Ordnung, und Marsha Douglas ist nur gerade erst wiedergekommen. Prüfend legte er eine Hand auf die Motorhaube des Nissan. Sie war kalt. Der Wagen war in den letzten Stunden nicht bewegt worden.
Mit einem immer stärker werdenden Gefühl der Spannung näherte er sich der Veranda und der Tür. Er konnte nicht die leiseste Bewegung ausmachen. In der Nähe der Tür lag etwas auf der Erde. McQueen beugte sich herunter. Eine Damenuhr, deren Armband zerrissen war. Vorsichtig hob er sie auf. Das Glas war zersprungen, aber sie tickte noch. Auf der Veranda fand er wieder etwas. Einen Hausschuh. - Und dann räumte bei ihm der Zustand er Tür jeglichen Zweifel aus, dass hier etwas Schlimmes passiert war. Nah am Schloss war das Holz der Tür zersplittert, als habe sie jemand mit einem Vorschlaghammer oder etwas ähnlichem aufgebrochen.
Instinktiv zog sich McQueen von der Veranda zurück. Der Schuh und die Uhr hier draußen deuteten zwar darauf hin, dass inzwischen niemand mehr im Haus war, aber man konnte ja nie wissen. Der Colonel drehte sich zu dem wartenden Ford um und signalisierte Telep durch einen Wink, schnell zu kommen. Die Reaktion des Polizisten war ein tiefes Seufzen. Sein Blick sprach Bände. Muss das sein? McQueen ging nicht darauf ein, sondern winkte ihm erneut. Jetzt endlich bequemte sich der dicke Schwarze, aus seinem Wagen zu steigen. Mit misstrauischer Miene wabbelte er heran, machte aber trotzdem keine Anstalten, sich irgendwie zu beeilen. Sein Verhalten änderte sich erst, als der Marine auf die zersplitterte Tür zeigte, die nur von Weitem verschlossen aussah.
"Oh Scheiße!" zischte Telep. Und schon duckte er sich hinter die Veranda. Unter seiner Jacke zog er einen Smith & Wesson-Revolver hervor.
"Sie bleiben hinter mir!" befahl er zischend. "Ich gehe ‘rein und seh’ nach, ob noch jemand hier ist."
McQueen, der von der anderen Seite der Einfahrt aus das Haus im Auge behielt, entgegnete nichts. Sein Gesichtsausdruck enthielt aber sehr deutliche Hinweise darauf, für wie überlebensfähig er Telep an der Front hielt. Da er aber zur Zeit selber nicht besonders einsatzfähig war und schon gar nicht in ein Haus stürmen konnte, musste er dem Cop wohl den Vortritt lassen. Der würde schon wissen, was er tat.
Nach einem kurzen Durchatmen sprang Telep die Veranda hoch und war schon im nächsten Augenblick durch die Tür. Nach einer kurzen Pause vernahm McQueen aus dem Inneren mehrere schnelle Schritte, dann wieder Stille, schließlich Teleps Stimme:
"Okay, Sie können kommen. Die Luft ist rein."
Der Colonel konnte nicht anders als doch einmal anerkennend zu nicken. Diese Aktion gerade war gar nicht so übel gewesen. Für seinen Körperumfang war Telep ziemlich schnell und sicher in das Haus gefegt. Er erklomm auf wackeligen Beinen die Stufen hinauf zum Eingang und humpelte durch die Türöffnung.
Er erreichte einen halbdunklen Flur mit einer Garderobe auf der linken Seite. Die Luft roch nach erkaltetem Fett. Rechts stand eine Tür mit Glasscheibe halb offen. Auf der Schwelle lag eine umgedrehte Bratpfanne. Eier- und Schinkenreste waren über den Teppich verstreut.
Telep nickte McQueen von der halb geöffneten Tür aus zu sich heran.
"Sieht so aus, als hätten die sie in der Küche beim Kochen geschnappt", meinte er. Als McQueen in den Raum sah, konnte er das nur bestätigen. Es herrschte dort ein großes Chaos. Der Boden war mit zerbrochenen Tellern, einem halbfertigen Salat und herunter-gefallenem Besteck dekoriert. Auf dem kleinen Küchentisch stand ein zur Hälfte geleertes Fruchtsaftglas. McQueens Hände ballten sich zu Fäusten. Zu spät! war alles, was ihm in den Sinn kam.
Vorsichtig, um keine Spuren zu verwischen, trat er in den Raum. Das Fenster stand schräg. Von draußen drangen die Geräusche der Vorstadt herein. Kinderstimmen, ein bellender Hund.
"Tja, scheinbar haben Sie wirklich Recht mit Ihrer Entführungsgeschichte, Mr. McQueen", hörte er Telep von der Tür her. Der Colonel funkelte ihn an. Die späte Einsicht des Polizisten half Marsha Douglas und Kathrin jetzt auch nicht mehr. Telep deutete über seine Schulter auf den Ausgang.
"Ich gehe zurück zum Wagen und informiere das Department. Die sollen die Spuren-sicherung schicken und das FBI informieren. Entführungen fallen nicht in unsere Zu-ständigkeit."
"Und wie lange wird es dauern, bis die mit der Suche beginnen?"
Telep zuckte die Schultern.
"Keine Ahnung, vielleicht bis Morgen. Kommt darauf an, was wir hier finden." Ein Nicken in das Chaos der Küche. Telep machte sich auf den Weg.
McQueen schüttelte den Kopf.
"Morgen ist es vielleicht zu spät", murmelte er resignierend. Doch was sollte er tun, außer sich auf die Polizei und die Bundesbehörde zu verlassen? Ermittlungen nach Entführungsopfern und Spurensuche waren nicht gerade das, was er gelernt hatte.
Wütend über seine Ratlosigkeit folgte er Telep. Jener stand inzwischen mit dem Funkgerät in der Hand neben der geöffneten Fahrertür des Ford, sprach und blickte zugleich versonnen auf einen alten Baum auf der anderen Straßenseite. In seiner Nähe waren ein paar Kinder stehen geblieben, die ihn neugierig beobachteten. Bei ihrem Anblick hellte sich McQueens Gesicht plötzlich auf.
"Die Nachbarn", kam es ihm in den Sinn. Vielleicht hatte irgend jemand in der Umgebung etwas gesehen. Immerhin mussten Marsha Douglas’ Entführer ja mit einer ziemlichen Gewalt in das Haus eingedrungen sein. Das musste einfach Aufmerksamkeit erregt haben! McQueen beschleunigte seine Schritte. Als er Telep und das Auto erreichte, hängte dieser gerade das Sprechgerät zurück.
"Wir müssen die Nachbarn befragen", schlug McQueen erregt vor. "Vielleicht hat es in dieser Straße jemand beobachtet ."
"Ja, vielleicht", bestätigte Telep. Dann ein befriedigtes Nicken zu dem Baum, den er eben schon betrachtet hatte. "Das Ding da oben hat es aber ganz sicher beobachtet."
Irritiert sah McQueen sein Gegenüber an. Der deutete mit der rechten Hand auf die Baumkrone in etwa zehn Metern Höhe.
"Sehen Sie den kleinen Kasten dort? Ich meine, direkt über der dicken Astgabel."
McQueens Blick folgte Teleps Hand. Angestrengt kniff er die Augen zusammen... und tatsächlich! Er entdeckte eine braun lackierte Box, die sich durch ihre Farbe so gut wie nicht von ihrer Umgebung abhob. Auf ihrer Vorderseite, die der Straße zugewandt war, befand sich eine runde Öffnung, die wohl ein Kameraobjektiv enthielt. Telep grinste.
"Elektronische Verkehrsüberwachung. Rund um die Uhr."
McQueen deutete verwundert auf die kaum befahrene Straße.
"Was, hier?"
"Klar, die Stadt braucht Geld. Was glauben Sie, was man allein durch Falschparker verdienen kann?"
"Und das Ding zeichnet alles auf, was in seiner Umgebung passiert?"
"Ja. Ganz schön hinterhältig, was?"
"Dann sehen wir es uns doch an."
"Mann, das Zeug schmeckt ja entsetzlich", hustete Cooper, nachdem er über einen Strohhalm einen kleinen Schluck aus der Plastikflasche gesogen hatte, die ihm der Doktor der Johnson in die Hand gedrückt hatte. Mit verzogenem Gesicht stellte er sie auf den kleinen Tisch neben seinem Krankenbett zurück.
"Da geb’ ich dir ausnahmsweise mal Recht, Coop", meldete sich Nathan aus dem Nach-barbett. Schon ein Tropfen dieses "Getränks" brachte auch seine Gesichtszüge in Unordnung.
Die Tür zu ihrem kleinen und spärlich eingerichteten Krankenzimmer öffnete sich. Shane und Vanessa kamen herein.
"Sagt mal, was zieht ihr denn für Grimassen?" war das erste, was Shane bei ihrem Anblick einfiel.
"Oh, danke der Nachfrage, uns geht es gut", schoss Nathan zurück. Cooper zeigte auf
seine Plastikflasche.
"Der Doktor versucht nur, uns umzubringen."
Die beiden Frauen holten sich zwei Stühle und nahmen nebeneinander zwischen den Betten Platz. Vanessa erklärte mit etwas boshaftem Lächeln:
"Das ist eine Nährstofflösung. Die braucht ihr, damit eure Körperchemie wieder in Gang kommt. Immerhin wart ihr über drei Wochen lang tiefgekühlt."
Nathan warf ihr einen Blick voller gespieltem Zorn zu, weil sie sich so "gewählt" ausgedrückt hatte. Cooper war eher von dem erwähnten Zeitraum beeindruckt.
"Es sind schon drei Wochen vergangen?" stammelte er. Unwillkürlich nahm Nathans Miene einen besorgten Ausdruck an.
"Aber sollten wir nicht erst auf der Erde wieder geweckt werden?" fragte er. Auch die Mädchen wurden nun ernst.
"Irgend etwas ist schief gegangen", erklärte Shane leise. "Ihr..." Sie zögerte einen Augenblick, weil sie nach den richtigen Worten suchte, um die beängstigende Wahrheit zu erklären. "Ich glaube, ihr hättet es fast nicht geschafft."
Wie vom Donner gerührt starrte Nathan sie an.
"Ach, deswegen war der Doktor so komisch", stieß Cooper wütend hervor. Er hasste es, wenn man ihm etwas vorenthielt, nur weil man glaubte, ihn schonen zu müssen. Schon machte er Anstalten, aufzustehen, um sich den Weißkittel einmal vorzuknöpfen.
"Coop", ermahnte ihn Vanessa. Mit sanfter Gewalt drückte sie ihn ins Bett zurück.
Shane räusperte sich, während sie die vergangenen Ereignisse vor ihrem inneren Auge Revue passieren ließ.
"In der Technik hat es irgend eine Fehlfunktion gegeben, so dass man euch aus dem Tiefschlaf holen musste."
"Ich glaube, der Chief hat euch das Leben gerettet", vermutete Vanessa. "Ohne ihn hätte die Störung überhaupt niemand bemerkt. - Ich habe nur keine Ahnung, wie er darauf gekommen ist."
Nathan runzelte die Stirn.
"Der Chief?"
Shane war über diesen Teil der Ereignisse auch ziemlich ratlos.
"Er ist beim Essen plötzlich aufgesprungen und hat Alarm geschlagen", erinnerte sie sich. "Nur ein paar Minuten später und..." Sie biss sich auf die Unterlippe.
"Das stinkt", kommentierte Cooper. "Der Kerl muss gewusst haben, dass etwas nicht in Ordnung war."
Sie starrten ihn alle entgeistert an. Irgendwie hatten Shanes Gedanken bereits eine ähnliche Vermutung formuliert. Bisher hatte sie sich aber nicht getraut, sie offen auszusprechen. Nathan schüttelte den Kopf.
"Aber warum sollte jemand so etwas versuchen?" fragte er verwirrt und auch erschrocken. Will uns hier tatsächlich jemand umbringen?
"Ist doch egal", donnerte Cooper. "Versucht hat er es, und dafür werde ich ihn..."
"Hawkes", beschwichtigte ihn Shane energisch. "Bisher wissen wir überhaupt nichts,und bevor bestimmte Fragen nicht geklärt sind, werde ich an keine Verschwörungen glauben.
- Dieser Gedanke ist doch absurd!" Weder Cooper noch Nathan konnte das sonderlich überzeugen. Und wenn Shane ehrlich war, musste sie sich selber eingestehen, wie unsicher sie war. Spontan kam ihr Douglas’ merkwürdiges Verhalten während der letzten Tage in den Sinn.
"Wo ist der Chief jetzt?" wollte Nathan wissen.
John Douglas saß in der Dunkelheit der Sprechkabine und atmete mehrere Male tief durch. Er versuchte sich mental irgendwie auf das bevorstehende Gespräch einzustellen, schaffte
es aber nicht. Ein letztes Mal ging er im Geiste durch, was er sagen wollte. Dann hob er langsam die rechte Hand zum Empfangsknopf. Der Monitor erhellte sich. Vor ihm tauchte der ihm schon vertraute Schatten auf.
"Das hat aber diesmal lange gedauert, Chief", tadelte die Stimme sofort. "Bei allem, was wir inzwischen für sie getan haben, hätten Sie sich ein bisschen beeilen können."
"Tut mir leid", murmelte Douglas leise. Die Stimme versagte ihm fast. Der Schatten fuhr mit unterkühlter Freundlichkeit fort:
"Inzwischen dürften Sie ja erfahren haben, dass Ihre Tochter erfolgreich operiert wurde. Ich freu’ mich für sie." Nachdem er dieses Thema abgehakt hatte, ging der Fremde erbarmungslos über zum nächsten. "Und was ist mit Ihrem Teil der Vereinbarung? Ich darf doch annehmen, dass die beiden Deserteure inzwischen verstorben sind."
Einen Moment lang war Douglas wie gelähmt. Jedes einzelne Wort, dass er sich zurecht gelegt hatte, war plötzlich wie ausgelöscht.
"Nein", war schließlich alles, was er hervor brachte.
"Würden Sie mir das bitte erklären!" Die Stimme klang schneidend scharf und verfehlte ihre Wirkung nicht. Douglas wurde vollkommen eingeschüchtert. Mehrere Momente lang hörte man von ihm nur einzelne unzusammenhängende Silben. Nach einem Augenblick, der ihm wie eine Ewigkeit erschien, kam ihm das, was er sagen wollte, endlich wieder in Erinnerung.
"Es...hat nicht...geklappt. Irgend jemand hat etwas...bemerkt und sie sind wiederbelebt worden."
"Das ist bedauerlich", entgegnete der Schatten. Die Worten klangen eiskalt. "Aber wir wollen das vergessen, denn Sie werden es einfach noch mal versuchen."
Douglas starrte entsetzt auf den Bildschirm.
"Sie haben mich nicht verstanden. Die beiden sind wach. Ich kann nichts mehr tun."
"Doch, Sie werden", erwiderte der Fremde. Unvermittelt blitzte auf der Mattscheibe eine Nahaufnahme von Douglas’ Tochter auf. Kathrin hatte ihre Augen weit aufgerissen und atmete hörbar schnell. Er konnte spüren, dass sie große Angst hatte. Plötzlich schien sie ihn auf dem Monitor, der sich wohl vor ihr befand, zu erkennen.
"Daddy?" fragte sie. Ihre Stimme zitterte. Das Bild schwenkte herum. Der Chief konnte Marsha erkennen, die neben dem Bett ihrer Tochter saß. Sie war gerade im Begriff, etwas zu sagen, als wieder der Schatten erschien.
"Ich denke, Sie kennen diese beiden Personen, Chief."
Douglas Magen verkrampfte sich Eine unbändige Wut packte ihn; gemischt mit einer Ver-zweiflung, die ihm Tränen in die Augen trieb.
"Was habt ihr mit ihnen gemacht?"
"Bisher noch nichts", lautete die Antwort. "Aber sollten Sie uns wieder enttäuschen, haben Sie Ihre Familie auf dem Gewissen."
Douglas biss die Zähne zusammen. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Schließlich gelang es ihm noch, vier Worte hervorzuquetschen.
"Ich bin kein Mörder!"
"Ich gebe Ihnen sechs Stunden, Chief. - Danach sind entweder die Deserteure tot oder Ihre Familie. Sie haben die Wahl."
Der Bildschirm wurde dunkel.
Die Tür zu Donald Grants Büro öffnete sich. Knife trat herein und zum ersten Mal seit Wochen wirkte er besorgt. Der Vorstandsvorsitzende bemerkte es sofort.
"Was ist los?" fragte er. Knife drückte das Schloss hinter sich mehr als sorgfältig zu, als wolle er Zeit gewinnen. Langsam schritt er auf Grants Schreibtisch zu.
"Ich fürchte, es gibt Probleme mit unserem Chief", erklärte er betont bedächtig.
Einen Augenblick lang wusste der AeroTech-Chef nicht, wovon der andere sprach. Dann fiel es ihm wieder ein.
"Ach so, die Sache mit den Deserteuren", erinnerte er sich. "Warum? Sind sie noch nicht erledigt?"
Knife zog sich einen Sessel heran. Umständlich nahm er darauf Platz.
"Leider nein. Der Chief hat es verpatzt."
"Aber haben wir uns nicht seine Familie geholt?"
"Doch, aber inzwischen stecken die beiden Marines nicht mehr in den Kryokammern. Die Idioten auf der Johnson haben sie geweckt."
"Na und?" Grant verstand nicht. Knife zögerte, bevor er sich entschied, dem anderen seine Bedenken zu offenbaren. Er räusperte sich befangen.
"Ich glaube, Douglas ist zu weich, um die Marines jetzt noch töten zu können. Eine Sabotage war wohl das Äußerste, wozu er in der Lage ist. - Selbst für seine Familie."
"Dann haben Sie wohl den falschen Mann ausgewählt", sinnierte Grant.
Knife hatte auf einmal den Eindruck, als wäre ihm der Kragen zu eng. Er wusste, was es bedeuten konnte, von seinem Chef für einen Fehler verantwortlich gemacht zu werden.
Doch noch war nicht alles verloren. Natürlich hatte er diesen einen möglichen Fall, der nun einzutreten schien, vor Wochen ebenfalls schon in seine Planung mit einbezogen. Er hatte zwar gehofft, nicht so weit gehen zu müssen, aber ungewöhnliche Situationen erforderten ungewöhnliche Lösungen.
"Es gibt noch einen Alternativplan", erklärte er vorsichtig. "Nicht ganz so dezent wie der bisherige, aber am Ende ist ja nur das Ergebnis entscheidend."
Grant war beruhigt.
"Lassen Sie hören!"
Der Raum im Keller des L.A. Police Department-Komplexes war bis zur Decke mit Technik vollgestopft. Die ganzen Computer, die Kommunikationselektronik und die unzähligen audiovisuellen Aufzeichnungsgeräte erweckten in McQueen fast den Eindruck, eine Kommandobrücke zu betreten. Sichtlich beeindruckt sah er sich um. An der Wand gegenüber dem Eingang befanden sich mehrere Dutzend Bildschirme, von denen jeder einen anderen Teil von Los Angeles zeigte. Auf der rechten Seite saßen zwei junge Männer auf Drehstühlen vor großen Tastaturen und waren in ihre Arbeit vertieft. Sie hatten gar nicht bemerkt, dass jemand herein gekommen war.
Lieutenant Telep schritt auf einen der Männer zu - einen nervös wirkenden Mittezwanziger - und klopfte ihm auf die Schulter. Erschrocken zuckte der hoch. Fast wäre er dabei von seinem Stuhl gefallen.
"Oh, Sie sind’s, Lieutenant. - Ich habe gar nicht gemerkt, dass jemand hier ist."
Telep grinste mit einem Nicken in Richtung der Bildschirmreihen.
"Und Sie behaupten, die ganze Stadt im Auge zu behalten?"
Der Angesprochene grinste zurück.
"Oh, das ist was anderes. Dafür hab’ ich ja mein Equipment."
Telep wandte sich seinem Begleiter zu.
"Mr. McQueen, das ist Peter Bunch. Bei uns aber eher als Das Auge bekannt."
Der Colonel reichte dem anderen die Hand. Selbst der Händedruck des jungen Mannes vermittelte irgendwie einen nervösen Eindruck. Sitzt wohl schon zu lange vor flimmernden Bildschirmen, dachte McQueen innerlich grinsend. Geh’ mal an die frische Luft, Junge!
Bunchs Blick zuckte von McQueen weg zu Telep.
"Und wie kann ich Ihnen jetzt helfen?"
"Wir brauchen die Aufzeichnungen einer Verkehrsüberwachungskamera in einer Straße der Vorstadt."
"Kein Problem."
Bunch wirbelte auf seinem Stuhl herum. Seine Finger flogen über seine Tastatur. Das Bild auf seinem Monotor wechselte zu einer leeren Tabelle.
"Wie heißt die Straße?" fragte er.
"Orwell-Street."
"Big brother is watching you", kicherte Bunch, während er den Straßennamen eingab und daraufhin ein Menü mit Tagen, Stunden und Minuten bekam, nach denen die Aufzeichnungen der Kamera geordnet waren. Er drehte sich um.
"Ich habe hier Aufnahmen von über 4000 Stunden Laufzeit. Ich nehme doch nicht an, dass Sie die alle sehen wollen, oder?"
"Nein, es geht um Aufnahmen von heute", antwortete Telep gereizt. Irgendwie mussten diese Typen hier unten jedem Besucher ständig verdeutlichen, dass sie ihn für beschränkt hielten.
"Und von wann?" Bunch zog erwartungsvoll die Augenbrauen hoch.
Telep drehte sich zu McQueen um. Der rief sich die Zeit in Erinnerung, wann er heute mit Kathrin verabredet gewesen war. Da hatte der ganze Ärger angefangen, und etwa zur selben Zeit musste auch Marsha Douglas entführt worden sein.
"Ich würde sagen, wir brauchen die Aufnahmen zwischen drei und halb fünf heute Nachmittag."
Bunch wandte sich seiner Technik zu.
"Also zwischen 15 und 16.30. - Soll ich nach etwas Bestimmtem suchen?"
"Beschränken Sie sich auf das Haus Nummer 23."
"Aha, damit kann man arbeiten."
Telep und McQueen warfen sich hinter Bunchs Rücken einen Blick zu. Ich weiß, wir sind blöd, dachte der Polizist.
Das Auge war bei einem Schnelldurchlauf seiner Aufnahmen angelangt. Erwartungsvoll seinen Monitor betrachtend lehnte er sich zurück. Telep und McQueen gesellten sich zu ihm. - Spielende Kinder zappelten über die Mattscheibe, ab und zu huschte ein Auto vorüber.
"Nicht sehr viel los dort", kommentierte Bunch, doch er hatte kaum das letzte Wort ausgesprochen, als er erschrocken vorzuckte.
"Scheiße, was war denn das?"
Mit einem raschen Tastendruck hielt er das Bild an und spulte die Aufzeichnung dann wieder ein paar Minuten zurück. Angespannt beugten sich der Lieutenant und der Marine vor. Bunch drückte auf Wiedergabe. Diesmal lief die Aufnahme in Echtzeit.
Unvermittelt kam von links ein weißer Van ins Bild. Vor der Ausfahrt des Hauses hielt er an. Drei Anzugträger stiegen aus. Zwei von ihnen auf der Seite des Fahrzeuges, die ihnen abgewandt war. Mit ausgreifenden Schritten marschierten sie auf die Haustür zu. Einer von ihnen hielt in der rechten Hand irgend etwas Schweres. McQueen erkannte einen Vorschlaghammer.
Während in ihnen das Gefühl der Beklemmung immer stärker wurde, mussten sie mit ansehen, wie die Tür durch einen einzigen wuchtigen Hammerschlag gesprengt wurde und die Kerle im Haus verschwanden. Sekunden später glaubten sie, hinter dem Küchenfenster hektische Schatten wahrzunehmen, aber beschwören konnten sie das nicht. Nach wenigen Augenblicken kamen die Gestalten wieder heraus. Zwei von ihnen hielten Marsha Douglas an den Armen, die verzweifelt versuchte, sich loszureißen. Auf der Schwelle gelang ihr ein Tritt gegen ein fremdes Bein, der jedoch nicht die geringste Wirkung zeigte. Sie verlor nur ihren rechten Hausschuh.
Ein paar Meter weiter schaffte sie es aber tatsächlich, ihren linken Arm aus der Umklammerung zu winden. Sofort schlug sie dem Kerl links von sich mit der Faust ins Gesicht. Einmal... noch einmal. Erschrocken wich er zurück, während er zugleich versuchte, wieder ihren Arm zu greifen. Statt dessen riss er ihr die Uhr vom Handgelenk, die klirrend in der Einfahrt landete. Der dritte Anzugträger beendete ihre Rebellion durch einen wuchtigen Schlag gegen ihre Schläfe. Marshas Körper erschlaffte.
"Genug!" bellte Telep, woraufhin Bunch das Bild durch einen Knopfdruck einfror.
Düster starrten die drei Männer für mehrere Sekunden vor sich hin. McQueen hatte eine Faust geballt. Das, was er gesehen hatte, löste in ihm einen Zorn aus, den er sonst nur von der Front kannte. Telep fand am schnellsten wieder zu seiner professionellen Distanz zurück. Er verschränkte die Arme und überlegte.
"Eine ziemlich gute Bildqualität", meinte er. "Ist...äh..." Er wies auf den Monitor, auf dem die vier Personen alle mitten in der Bewegung erstarrt waren. "Ist es für Sie möglich, diese Leute zu identifizieren?"
Bunch zögerte einen Moment.
"Naja...vielleicht. Wissen Sie, diese Kamera dient eigentlich nur der Verkehrsüberwachung und nicht... Aber wenn ich eine Sequenz finde, in der sie einigermaßen von vorne aufgenommen sind...und ich eine Ausschnittvergrößerung vornehme..." Noch während er sprach, machte sich Bunch ans Werk. Sie sahen, dass er ein Raster über die Aufzeichnung legte und sich dann Bild für Bild vortastete.
Telep unterdrückte ein zufriedenes Grinsen, als er bemerkte, wie Bunchs Gehirn anfing, auf Hochtouren zu arbeiten. Es tat so gut, mal ein bisschen dessen überlegenes Gehabe ausgeschaltet zu haben. Hat er wirklich "vielleicht" gesagt? Nach wenigen Sekunden wirkte Das Auge aber schon wieder überlegen wie immer. Er drehte sich zu ihnen um.
"Ich habe jetzt von jedem der drei Kidnapper eine nette Porträtaufnahme und unser Identifikationsprogramm gestartet." Er deutete stolz auf seine Konsole. "Wenn sie schon irgendwo in den Vereinigten Staaten was ausgefressen haben, werden wir gleich wissen, wer sie sind."
Erwartungsvoll richteten sie ihre Blicke auf den Bildschirm, auf dem die Gesichter der Entführer mit großer Geschwindigkeit mit der bundesweiten Verbrecherkartei verglichen wurden. In der rechten oberen Ecke flimmerten die Fahndungsfotos so schnell vorüber, dass es eher wie eine Bildstörung als ein laufendes Suchprogramm wirkte. Nach knapp fünf Minuten leuchtete unten ein Schriftzug auf:
Keine Übereinstimmung gefunden.
Bunch beugte sich irritiert vor.
"Das gibt’s doch nicht. - Kein einziger Treffer." Er sah unsicher zu Telep. "Ist wohl deren erste Entführung."
"Oder sie wurden bisher noch nie erwischt", meinte der Lieutenant enttäuscht. Nun hatten sie zwar einen eindeutigen Beweis vorliegen, dass Marsha Douglas entführt worden war, standen aber trotzdem in einer Sackgasse.
Plötzlich kam McQueen wieder der dunkle Van in Erinnerung, in dem Kathrin verschwunden war. Alles, was er hier hatte, waren die Farbe, die Automarke und ein Bruchteil des Kennzeichens. Dieser Gedanke führte ihn zu dem weißen Van, aus dem Marsha Douglas’ Kidnapper gestiegen waren. Es musste doch möglich sein... McQueen zeigte auf Bunchs Konsole.
"Können Sie vielleicht das Auto, mit dem die gekommen sind, zu jemandem zurückver-folgen?"
Bunch sah ihn gönnerhaft an.
"Soll das ein Witz sein? - Das ist eine Verkehrsüberwachungskamera." Seine Finger flogen wieder über die Tastatur.
Telep sah McQueen mit sichtlicher Erleichterung an. Warum bin ich da nicht drauf gekommen? fragte er sich anklagend. Augenblicke später hatte Bunch die Autonummer vergrößert und durch den Computer geschickt. Diesmal war die Suche erfolgreich.
"Eine Autovermietung in Los Angeles", erklärte er.
Telep war zufrieden.
"Gehen wir sie besuchen", entschied er.
Während an Bord fast alles schlief, überquerte der Frachter SS Johnson die Kreisbahn des Pluto und tauchte damit ins Sonnensystem ein. Vom Ziel seiner Reise, der Erde, trennten ihn jetzt nur noch knapp fünf Stunden.
Auf der Brücke, die zur Zeit nur vom Ersten Offizier, dem Navigator und dem Steuermann besetzt war, machte sich eine gewisse freudige Spannung breit. Bald sind wir wieder zu Hause, war der Gedanke, der sie alle beschäftigte. Wenn man die Entfernung berücksichtigte, die sie inzwischen zurückgelegt hatten, befanden sie sich im Prinzip schon im Landeanflug.
Die Minuten verstrichen. Sie kamen gerade in die Nähe der Umlaufbahn des Neptun, als an einer der Konsolen plötzlich ein Licht aufleuchtete. Der Navigator, ein Lieutenant Field, stand verwundert auf, um nachzusehen, um was es sich handelte.
"Wir haben einen Radarkontakt", meldete er dem Ersten Offizier. Nach einem kurzen Augenblick hatte er ihn, sichtlich verwirrt, identifiziert. "Ein Intersolarer Mannschaftstransporter. - So wie’s aussieht, kommt er direkt auf uns zu."
Lieutenant-Commander Schaffner, der Erste Offizier, runzelte die Stirn.
"Eigenartig. Mit einem Empfangskomitee habe ich eigentlich nicht gerechnet", murmelte er. "Wann haben sie uns erreicht?"
"In etwa 15 Minuten, Sir."
"Okay, mal hören, was Sie wollen. Stellen Sie eine..."
"Sir", unterbrach ihn der Steuermann nervös. Links neben ihm pulsierte ein rotes Lämpchen. Schaffner erkannte sofort, was los war.
"Eindringling im Waffenraum", stammelte er betroffen.
Mit zitternden Händen nahm Chief Douglas eine 45er Automatic aus dem Regal. Sie war nicht geladen, doch ein gefülltes Magazin hatte er sich bereits im Laufe der vergangenen Stunden organisiert, die ihm wie die schlimmsten seines Lebens erschienen waren. Alles, woran er denken konnte, war seine Tochter, wie er sie auf dem Videophon gesehen hatte. So voller Angst. - Er hatte alles vermasselt. Zuerst der Unfall, mit dem er sie zur Invaliden gemacht hatte, und nun war er auch noch dafür verantwortlich, dass sie entführt worden war und mit dem Tod bedroht wurde. Doch vielleicht konnte er es doch wieder gut machen; sie retten, auch wenn er dafür jemanden töten musste.
Douglas schloss die Augen. Er spürte beinah körperlich, wie sich das Ultimatum, das ihm der Fremde gestellt hatte, dem Ende zuneigte. Ich gebe ihnen sechs Stunden, Chief. - Danach sind entweder die Deserteure tot oder Ihre Familie. Von diesen sechs Stunden waren inzwischen nur noch zwei übrig. Wenn er Kathrin und Marsha noch retten wollte, musste er es jetzt tun.
"Bitte verzeiht mir", flüsterte Douglas leise, auch wenn er daran zweifelte, dass sie jemals verstehen würden, wie es so weit kommen konnte.
Er ließ das Magazin einrasten und lud die Automatic durch. Mit grimmiger Miene machte er sich auf den Weg zur Krankenstation; wechselte aus dem dunklen Waffenraum in den
dunklen Korridor davor. Licht brauchte er keines. Als Chief kannte er jeden Meter dieses Schiffes.
Nach etwa zehn Schritten erreichte er rechts eine Metalltür. Douglas drückte sie vorsichtig auf. Auch dahinter herrschte Finsternis. Er glitt durch die Öffnung und schob die Tür hinter sich wieder vorsichtig ins Schloss.
Halt, sind da nicht Schritte gewesen? - Douglas lauschte mit angehaltenem Atem. Sein Griff um die Waffe wurde fester. Nichts! Alles lag in einer unheimlichen Stille. Offenbar hatte er sich geirrt. Angespannt setzt er sich wieder in Bewegung. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Was sollte er tun, wenn er jemandem begegnete? - Sofort verdrängte er diesen Gedanken wieder. Auf der Johnson herrschte Nachtruhe. Die drei Mann auf der Brücke waren die einzigen, die wach waren und auf dem Weg zu seinem Ziel würde er nicht mal in die Nähe der Brücke kommen.
Nach Durchqueren dieses Verbindungsganges und einer weiteren Metalltür traf er auf einen breiten Korridor, der zu diesem im rechten Winkel verlief. Douglas bog nach links ab.
In seinem Kopf herrschte ein furchtbares Chaos. Gedanken, Bilder, Stimmen blitzten auf und verschwanden wieder. Ich habe keine Wahl, sagte er sich immer wieder und näherte sich Schritt für Schritt der Krankenstation, als sei alles schon vor Ewigkeiten so bestimmt worden. In wenigen Minuten ist alles vorbei!
Von einem Augenblick zum anderen wurde seine Umgebung in tiefrotes Licht getaucht. Douglas war so erschrocken, dass er fast den Abzug seiner Pistole gedrückt hätte. Reflex-artig presste er sich gegen die rechte Wand. Seine Augen zuckten von einer Seite zur anderen; suchten den Korridor nach einer Gefahr ab. - Er fand keine. Er war noch immer allein. Warum, zum Teufel, brennt dann die Notbeleuchtung? Unfähig, weiterzugehen, sich auch nur zu bewegen, stand er an der Wand im roten Schein. Irgend etwas musste passiert sein. Dieses Licht wurde nur aktiviert, wenn die Besatzungsmitglieder der Johnson wegen eines Notfalls von ihren Quartieren direkt auf ihre Stationen mussten. Seltsamer Weise blieb aber alles ruhig. Kein ohrenbetäubendes Alarmsignal, nicht einmal Schritte waren zu vernehmen. Hing das Aufleuchten des roten Lichtes irgendwie mit ihm zusammen? Hatte irgend jemand Verdacht geschöpft?
So überraschend, wie seine Umgebung in das rote Licht getaucht worden war, so über-raschend versank sie auch wieder in Dunkelheit.
Was ist hier los? - Zur Antwort bekam er nur Stille. Es wirkte so, als habe er sich alles nur eingebildet. Die Johnson schlief.
Nach einer knappen Minute hatte er sich schließlich wieder so weit unter Kontrolle, dass er weitergehen konnte.
Allmählich kam er in die Nähe des Bereichs mit den Wohnquartieren. Unwillkürlich schlossen sich seine Finger wieder fester um die Waffe. Die Nähe von Menschen - selbst wenn sie schliefen - vergrößerte seine Anspannung. Er wagte kaum mehr zu atmen. Dort rechts vor ihm führte eine Tür zu den Wohnräumen.
Douglas blieb wie angewurzelt stehen. Die Tür stand halb offen, als wäre jemand in großer Eile herausgestürmt und hätte keine Zeit mehr gehabt, sie zu schließen. Stand das mit dem kurzen Aufflackern der Notbeleuchtung in Verbindung? Vorsichtig lugte Douglas durch den engen Spalt zu den Quartieren. In der herrschenden Dunkelheit konnte er so gut wie nichts erkennen. Standen die Zimmertüren nicht ebenfalls auf? Er war sich nicht sicher, aber er würde auf keinen Fall hingehen, um es zu überprüfen. Vielleicht hatte man auch einfach nur vergessen, die Außentür zu schließen.
Douglas schlich weiter. Von der Krankenstation trennten ihn jetzt nur noch mehrere Dutzend Meter Finsternis, eine Rampe und zwei Metalltüren. Von Schritt zu Schritt wurde das Hämmern seines Herzens spürbarer. Ich habe keine Wahl! - Um sich das noch zusätzlich zu verdeutlichen, rief er sich die Angst seiner Tochter wieder in Erinnerung.
Die vorletzte Tür lag nun hinter ihm. Jetzt kam die Rampe, eine drei mal fünf Meter große
Fläche, die in einem niedrigen Winkel nach oben führte. Und jetzt die Tür! Sie war weiß lackiert. In der Mitte prangte ein großes rotes Kreuz. Douglas drückte mit der linken Hand dagegen. Es war nur eine Schwingtür ohne Schloss.
Die Medostation war so finster wie das übrige Schiff. Irgendwo links flimmerten nur ein paar Anzeigen über einen Bildschirm. Douglas vermutete, dass die Werte von irgendwelchen Bioproben stammten, bei denen die Mediziner eine Langzeitmessung vornahmen. Das Krankenzimmer mit den beiden Deserteuren befand sich auf der rechten Seite.
Der Chief tastete sich herüber. Ganz langsam hob er seine linke Hand auf die Klinke. Sein Herz raste, Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Die Klinke fühlte sich kalt an. So vorsichtig er konnte drückte Douglas sie herunter; spürte förmlich, wie er den Mechanismus in der Tür bewegte, bis er sie öffnen konnte.
Im Zeitlupentempo drückte er sie auf. Der Daumen seiner rechten Hand ließ den Sicherungshebel der Automatic hoch schnappen. - Atmet dort jemand? Douglas schob sich in das Krankenzimmer. Im schwachen Licht des Monitors, das durch den Türspalt hereinleuchtete, konnte der Chief die weißen Bettdecken erkennen, unter denen die beiden Marines des Schlaf der Gerechten schliefen. Gleich ist es vorbei! John Douglas nahm mit dem Lauf der 45er das erste Bett ins Visier. Der Zeigefinger legte sich um den Abzug. Ich habe keine Wahl...
Plötzlich schien der ganze Raum zu explodieren. Blendend helles Licht brannte sich in seine Augen. Poltern und Schreie folgten. Scheinbar von überall um ihn herum. Einen Sekundenbruchteil später erkannte er, dass die Beleuchtung des Raumes an war und dass von der linken und der rechten hinteren Ecke des Raumes zwei Gewehre auf ihn gerichtet waren. Er kannte die beiden Soldaten! Besatzungsmitglieder der Johnson. Sie brüllten beide auf ihn ein, er solle die Pistole fallen lassen.
Unsicher sah sich Douglas um. Vor ihm richteten sich die beiden Marines in ihren Betten auf. Links neben der Tür standen Lieutenant-Commander Schaffner und die beiden Frauen. Sie trugen beide nur Shorts und ein dünnes Hemd, als kämen sie gerade erst aus ihren Quartieren. Verständnislos starrte Douglas sie an. Wie war das möglich? Wie hatten sie wissen können, was er vor hatte? Sein Blick wanderte zu den Betten und den Crewmitgliedern zurück, die ihre Gewehre noch immer im Anschlag hielten.
"Die Waffe runter, Chief! Es ist vorbei", redete Schaffner beruhigend auf ihn ein. Douglas schüttelte langsam den Kopf.
"W...Wie...?!" Seine Stimme war trocken und leise.
"Sie haben im Waffenraum Alarm ausgelöst. Der Rest war nur ein schlimmer Verdacht."
Douglas hielt die Pistole fest umklammert.
"Sie haben meine Familie", stammelte er.
"Wer?" fragte Vanessa. Der Chief starrte stur geradeaus; auf seine beiden Opfer.
"Entweder sterben die oder meine Familie", sagte er dumpf.
"Warum?" rief Shane. "Ich versteh’ das nicht. Wer sollte..."
"Ich habe keine Wahl!" zischte Douglas. Die Automatic richtete sich zitternd auf Cooper.
"Runter damit!" schrie der Soldat von links.
"Entweder sterben die oder meine Familie!" wiederholte der Ingenieur. Cooper stierte aus aufgerissenen Augen in die Pistolenmündung. Er hatte keine Ahnung, was hier los war. Vor wenigen Minuten waren plötzlich Shane, Phousse, Schaffner und die beiden Besatzungsmitglieder hereingestürmt und hatten von ihnen verlangt, dass sie sich ruhig verhielten. Keine Zeit für Erklärungen! Und nun stand ein ganz offensichtlich durchgedrehter Kerl vor ihm und wollte ihn aus irgend einem Grund erschießen.
"Chief, was immer es ist, wir finden eine Lösung", redete Schaffner weiter.
"Es hat mit dem Unfall ihrer Tochter zu tun, richtig?" vermutete Shane. Sie hoffte inständig, dass die Erwähnung dieses Mädchens Douglas zur Vernunft bringen würde.
"Hören Sie Chief", bettelte sie. "Was Sie da tun wollen, hilft Kathrin nicht, nur den Männern, die sie bedrohen." Ganz langsam setzte sie sich in Bewegung. Douglas war nur knapp zwei Meter von ihr entfernt. Vielleicht würde es ihr gelingen, ihm die Automatic aus der Hand zu schlagen. Noch einen Meter... noch ein halber Meter...
Plötzlich kniff der Chief die Augen zusammen.
"Ich habe keine Wahl", murmelte er. Sein Griff um die Waffe wurde fester, der Zeigefinger bewegte sich.
"Nein!" schrie Shane. Reflexartig schnellte ihr rechter Arm hoch. Gleichzeitig ertönte von links ein scharfer Knall. Warmes Blut spritzte ihr ins Gesicht. Der Körper des Chief wurde zurückgeschleudert und prallte gegen die Wand. Die Automatic schepperte zu Boden. Douglas rutschte im Zeitlupentempo an der Wand entlang herunter. Den glasigen Blick fassungslos auf das Blut gerichtet, das sein Hemd allmählich tränkte. Mit dem Rücken angelehnt blieb er sitzen.
Shane kniete sofort neben ihm. Sie empfand gegenüber Douglas keinerlei Zorn, nur Besorgnis, verbunden mit einer einzigen Frage: Warum? Sie nahm seine rechte Hand.
"Chief, wer wollte Sie dazu zwingen?" fragte sie. Der tödlich Verletzte schien sie gar nicht gehört zu haben. Mit tiefem Bedauern sah er sie an.
"Sagen Sie meiner Tochter..." Der Rest des Satzes ging in einer dumpfen Explosion unter. Der Boden zitterte, als habe ein Riese der Johnson einen Tritt versetzt. Shane drehte sich verwundert zu den anderen um. Aber die machten genauso ratlose Gesichter wie sie.
"Was war das?" fragte Nathan. Einen Moment später heulten Alarmsirenen los.
Vansen sah zu Chief Douglas, in der Hoffnung, dass er ihnen sagen konnte, was gerade geschehen war, doch es war zu spät. Sein Blick war leer.
Geschmeidig federte sich die dunkle Gestalt auf dem Boden des Korridors ab und nahm
die schallgedämpfte MP5-Maschinenpistole in den Anschlag, um die Umgebung zu sichern. In wenigen Metern Entfernung von ihr stand eine zweite Gestalt mit der gleichen Bewaffnung.
In kürzesten Abständen ließen sich vier weitere von ihnen durch das Loch fallen, das in die Außenhülle der Johnson gesprengt worden war. Auf der anderen Seite des Lochs hatte ihr angedockter Transporter durch einen gezielten Laserimpuls gerade die wichtigste Funkantenne des Frachters in Fetzen geschossen, wodurch man ihn vom Rest des Universums isoliert hatte.
Die sechs Eindringlinge waren durch nichts voneinander zu unterscheiden. Sie alle trugen schwarze Stiefel, Anzüge und Handschuhe ohne Abzeichen oder Embleme. Jeder von ihnen hatte einen kleinen dunklen Rucksack auf dem Rücken, und jeder von ihnen verbarg Gesicht und Kopf unter Kunststoffhelm und Atemmaske.
Ohne eine Silbe zu verlieren, stürmten sie los. Schon nach wenigen Metern sahen sie vor sich zwei Crewmitglieder der Johnson, die ihnen mit Gewehren bewaffnet entgegen liefen. Zwei schallgedämpfte Salven und die Crewmänner lagen auf dem Boden. Die Eindringlinge waren beim Feuern nicht einmal langsamer geworden.
Im Dauerlauf näherten sie sich einer vergitterten Ventilationsöffnung der Klimaanlage in der linken Korridorwand. Zwei der Schwarzen stoppten, während die übrigen ihren Weg fortsetzten. Der eine machte sich daran, das Gitter mit Hilfe eines elektrischen Schrauben-ziehers abzulösen, der andere gab ihm Deckung. Ein Ruck und die Ventilationsöffnung war frei. Das Werkzeug verschwand wieder in einer Tasche. Statt dessen tauchte in einer behandschuhten Hand ein zylinderförmiges Objekt mit Splint auf. In einer einzigen fließenden Bewegung zog der Schwarze diesen Splint heraus und warf den Zylinder in die freigelegte Öffnung. Es folgte ein immer leiser werdendes Poltern. Dann ein Zischen, als die Gasgranate aufplatzte.
Unterdessen stürmten zwei der Fremden in den Reaktorraum, in dem, so wie im übrigen Schiff auch, Alarmsirenen heulten und die rote Notbeleuchtung flackerte. Den Bruchteil einer Sekunde später blitzten schon ihre Maschinenpistolen auf. Sie ließen den drei anwesenden Technikern, die ihre Stationen gerade eingenommen hatten, nicht einmal die Chance, sich zu ergeben, sondern mähten sie nieder, als wären es Klappscheiben. Auch dass die Reaktortechniker unbewaffnet waren, schien sie nicht im Mindesten zu kümmern. Gelassen trat einer der beiden Eindringlinge an die runde Oberseite der Reaktorhülle heran. Seinem Rucksack entnahm er einen Würfel mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern. Auf der einen Seite war das Ding mit einem Magneten versehen, auf der anderen mit einem Zahlenfeld und Knöpfen.
Der Schwarze befestigte den Würfel an der Reaktorhülle und berührte eine der Tasten. Auf dem Zahlenfeld leuchteten die Ziffern "3 2 0" auf. In Sekundenabständen wurde die Zahl kleiner.
3 2 0...3 1 9...3 1 8...
"Los, macht schon!" trieb Shane die übrigen Wild Cards an. Vor wenigen Sekunden hatten sie sich in ihre Fliegerkombis und Stiefel gezwängt und befanden sich nun auf dem Weg zum Waffenraum. Wie alle anderen hatte sie keinen Schimmer, was los war. Bisher gab es nur Vermutungen. Lieutenant-Commander Schaffner hatte etwas von einem APC erzählt, den man vor etwa einer viertel Stunde geortet hatte, aber es gab keinerlei Anhaltspunkte, wer da auf sie zugeflogen war. - Und jetzt deutete Vieles darauf hin, dass jemand in die Johnson eingedrungen war.
Dieser Flug war irgendwie ein einziger Höllentrip. Alles hatte sich gegen sie verschworen, und das Schlimmste daran war: Sie wussten nicht, warum.
Sie erreichten den Verbindungstunnel, durch den man in den Korridor zur Waffenkammer gelangen konnte. Hintereinander stürmten sie hindurch, während die Alarmsirenen ein unheimliches Konzert aufführten. Nachdem sie die Metalltür aufgezogen hatte, bog Shane nach links ab. Jetzt waren es nur noch wenige Meter und sie würden endlich in der Lage sein, dem Feind bewaffneten Widerstand zu leisten.
Ganz unvermittelt wurden ihr die Knie weich. Halt suchend stützte sie sich gegen eine der Korridorwände. Es nützte nichts. Sie brach einfach zusammen, als wöge ihr Körper auf einmal mehrere Tonnen. Ihre Augenlider flatterten. Was geschieht mit mir? dachte sie entsetzt, doch schon arbeitete ihr Verstand nur noch in Zeitlupe. Das Heulen der Alarmpfeifen entfernte sich von ihr.
Sie hatte einen merkwürdigen Geschmack im Mund. Ihre Augen registrierten, dass in der Luft ein merkwürdiger Dunst hing. Von irgendwoher näherten sich ihnen schwarze Gestalten. Es folgen Stille und Dunkelheit...
Die beiden Triebwerksgondeln an den seitlichen Ausläufern des Transporters stießen blauweiß glühende Abgase aus. Das Raumfahrzeug löste sich von der Oberseite des Frachters. Sofort saugte das Vakuum des Alls Luft durch die gesprengte Öffnung heraus. Der Sauerstoff verwandelte sich in eine Wolke aus Eiskristallen.
Unbeirrt davon setzte sich der Mannschaftstransporter in Bewegung. Die Eiswolke und die Johnson fielen hinter ihm zurück, während er gleichmäßig seine Geschwindigkeit erhöhte und Kurs auf die Erde nahm. Bald war der unglückliche Frachter hinter ihm in der Schwärze des Weltraums verschwunden.
Plötzlich blitzte das All hinter dem Transporter auf, als explodiere eine kleine Sonne. Irgendwo im Nichts zwischen den Umlaufbahnen des Uranus und des Neptun hörte die SS Johnson auf zu existieren.
In McQueens Augen war das Büro des Autovermieters Henry Whyte eine einzige Präsentation schlechten Geschmacks. Die Wände waren dekoriert mit bunten Grafiken, von denen eine aufdringlicher leuchtete als die andere. Die Möbel bestanden aus einer merkwürdigen Mischung aus rustikalem Holz und Metall. Die Krönung des Ganzen stand jedoch links und rechts von Whytes monströsem Schreibtisch. Zwei ein Meter hohe Plastiknachbildungen griechischer Göttinnen, die in einer Haltung, die wohl anmutig wirken sollte, gläserne Schaukästen voller Modellautos hielten.
"Guten Abend, Mr. Whyte. Ich bin Lieutenant Telep, L.A.P.D.. Ich würde mich gerne mal
mit Ihnen unterhalten." Telep hielt dem Mann hinter dem Schreibtisch seine Marke unter die Nase und steckte sie dann wieder ein.
Ein einziger Blick auf Whyte genügte McQueen, um zu erkennen, dass er die Büroeinrichtung verbrochen hatte. Sein Anzug war eine einzige Beleidigung aus gelb und grün; kombiniert mit einer Krawatte, die wohl einer der Grafiken nachempfunden war. Whyte starrte den Polizisten besorgt lächelnd an.
"Ooooh, Lieutenant, was kann ich für Sie tun?" fragte er eifrig.
Telep legte vor ihm das Foto des weißen Van auf den Schreibtisch, das Peter Bunch ihnen ausgedruckt hatte. Auf der Unterseite hatte er das Kennzeichen notiert.
"Ist das eins von Ihren Autos?"
Whyte schielte misstrauisch auf das Bild herunter. Mit spitzen Fingern zog er es sich heran, als fürchte er, sich daran schmutzig zu machen. Nach einem kurzen Moment schien er einen Schrecken zu bekommen.
"Also ist es eins von Ihren", nahm Telep ihm die Antwort ab. Der Autovermieter sah gequält lächelnd zu ihm auf.
"Hm, ja, sieht so aus. Stimmt damit was nicht?"
"Ich wüsste gerne, wer es gemietet hat", antwortete der Cop, Whytes Frage ignorierend. Der Angesprochene zögerte kurz, so als überlege er, ob es ihm irgendwie schaden könnte, wenn er dem Lieutenant half. Scheinbar kam er zu dem Schluss, dass es vielleicht sogar schädlicher war, wenn er ihm nicht half, denn er wandte sich seinem Computer zu, der hinter ihm auf einem kleinen Tisch aufgebaut war.
"Das lässt sich machen. - Warten Sie ‘ne Sekunde." Tasten klapperten, die Maus klickte. Augenblicke später hatte er die gesuchten Daten auf dem Monitor. "Ah, jetzt erinnere ich mich. Er hat nämlich gleich einen Vertrag für eine ganze Woche abgeschlossen. - Ziemlich ungewöhnlich! Ein Doktor C. Stonelake." Mit zunehmender Begeisterung über diesen Kunden drehte sich Whyte wieder zu ihnen um. "Hat alles im Voraus bezahlt. Alle beiden Autos für eine ganze Woche."
McQueen horchte auf. Noch ein Auto? Womöglich handelte es sich dabei um das, in dem Kathrin...
"Vielleicht ein dunkelgrauer Crysler?" platzte er heraus. Whyte sah ihn erstaunt an.
"Woher wissen Sie das?"
McQueen und Telep wechselten einen Blick. Damit hatten sie jetzt noch ein zweites Fahrzeug, nach dem man Ausschau halten konnte. Und mit diesem Dr. Stonelake gab es nun auch endlich einen Namen. Eifrig bat Lieutenant Telep: "Geben Sie mir alles, was Sie über diese beiden Fahrzeuge und Dr. Stonelake in Ihrem Computer haben. Insbesondere noch das Kennzeichen des dunkelgrauen Autos und die Nummer von Stonelakes Creditcard."
McQueen sah ihn wegen dieses letzten Anliegens verwundert an. Stolz erklärte der Polizist:
"Kennen wir seine Creditcard, wissen wir, wo er sich aufhält, sobald er sie das nächste mal benutzt." Er grinste verschwörerisch. "Wir leben im 21sten Jahrhundert."
Der Ford von Lieutenant Telep bewegte sich über den Freeway im dichten Abendverkehr östlich aus Los Angeles heraus. Die breite Straße glich einem einzigen, sich bewegenden Lichtermeer, gegen dass das weiße Licht des Mondes am dunklen Himmel geradezu blass wirkte. Hinter ihnen breitete sich eine schimmernde Skyline von Horizont zu Horizont aus.
Sie fuhren in Richtung eines privaten Charterflugplatzes, zu dem man die Spur von Stonelakes Creditcard verfolgt hatte. Auf dem Beifahrersitz versuchte McQueen mit säuerlichem Gesichtsausdruck sein rechtes Bein auszustrecken. Die biomechanische Prothese glaubte mal wieder, sich unbedingt in Erinnerung bringen zu müssen. Sie kribbelte, pochte und wenn er ehrlich war, tat sie ihm auch ein bisschen weh. - Das war aber auch nicht verwunderlich. Er war nun seit Stunden im wahrsten Sinne des Wortes auf den Beinen, während er noch vor wenigen Tagen nicht mal richtig hatte stehen können.
Telep nickte in Richtung von McQueens Beinen.
"Wie haben Sie’s eigentlich verloren?" fragte er.
"Lange Geschichte", seufzte der Colonel. "Und irgend so ein Schwachkopf hat sich auch noch entschlossen, sie für geheim zu erklären."
"Oh", meinte Telep. "Tut mir leid."
McQueen sah zu ihm herüber.
"Vergessen Sie’s. Daran ist der Krieg schuld... Oder besser die Gründe, wegen denen er ausgebrochen ist."
Telep blickte ihn fragend an, erkannte jedoch, dass ihm der Marine nicht mehr sagen durfte.
Aus seiner rechten Jackentasche ertönte ein elektronisches Fiepen. Der Lieutenant nahm eine Hand vom Lenkrad und tastete nach dem Gerät, das diesen Ton verursacht hatte. Er förderte ein kleines Mobiltelefon zu Tage, drückte den Empfangsknopf und legte den Hörer ans Ohr.
"Telep." Schon nach wenigen Sekunden breitete sich ein zufriedenes Grinsen über sein Gesicht. "Na, wer sagt’s denn. - Danke." Er schaltete ab. McQueen sah auf. Der Cop erläuterte: "Das FBI hat die beiden Mietautos gefunden. - Sind doch schneller als ich dachte, die Jungs."
"Und wo?"
Nun wirkte Telep sogar mehr als zufrieden.
"Genau dort, wo wir gerade hinfahren und wo Stonelake auch zum letzten Mal seine Kreditkarte benutzt hat." Er deutet auf ein großes Hinweisschild über dem Freeway, unter dem sie soeben hinweg fuhren. "Redman Charterflugplatz."
Fünf Minuten später stellte Telep auf einer großen Parkfläche den Motor seines Ford ab. Ein paar Meter links von ihnen umlagerte eine Handvoll seriös wirkender Männer und Frauen einen dunklen und einen weißen Van. Lieutenant Telep und Colonel McQueen stiegen aus und gingen auf sie zu. Aus der Menschentraube löste sich eine Frau mit halblangem rotblondem Haar. Ernst kam sie ihnen entgegen.
"Bitte entschuldigen Sie, meine Herren. Hier findet eine FBI-Untersuchung statt", erklärte sie kühl. Die Entgegnung von McQueens Begleiter bestand darin, ihr seine Polizeimarke zu zeigen.
"Lieutenant Telep, L.A.P.D. - Ich habe Sie angefordert."
"Agent Samantha Anderson", stellte sie sich vor. Irgendwie wirkte der Lieutenant verblüfft, als er diesen Namen hörte.
Gemeinsam näherten sie sich den anderen FBI-Leuten, von denen sich gerade einer in den weißen Van setzte. Zwei andere suchten die Karosserie des anderen nach Fingerabdrücken ab. McQueen bemerkte, dass Telep noch immer ganz gebannt auf die FBI-Agentin starrte. Als sie die beiden Autos erreicht hatten, räusperte er sich etwas peinlich berührt, nachdem sie seine großen Augen mit einem bösen Blick beantwortet hatte.
"Oh, entschuldigen Sie", meinte Telep verlegen. "Aber Ihr Name... Und irgendwie erinnern Sie mich auch an die Schauspielerin aus dieser alten FBI-Serie."
Ihre Reaktion war ein genervtes Seufzen, als habe sie das schon etwa tausendmal gehört.
"Ich weiß. Das ist meine Großmutter."
Telep war sichtlich beeindruckt. Momente später war er aber bereits wieder vollkommen im Dienst.
"So, wie es aussieht, hat die Creditcard unseres Dr. Stonelake der Chartergesellschaft hier beträchtliche Einnahmen verschafft." Ein Nicken zu dem Flughafengebäude. "Wissen wir inzwischen eigentlich etwas mehr über ihn."
Ganz offensichtlich gefiel Anderson Teleps Benutzung des Wortes "wir" nicht. Für den Entführungsfall war das FBI zuständig. Andererseits befanden sie sich zur Zeit noch auf seinem Territorium, und ohne die Ermittlungen der Polizei von Los Angeles wären sie noch längst nicht so weit. Nach kurzem Zögern erklärte sie: "Stonelake ist scheinbar ein selbständiger Mediziner im Bundesstaat Nevada. - Das heißt, zu so einem gehört auf jeden Fall die Kreditkarte. Ob der Name echt ist, wissen wir noch nicht."
"Und wofür hat er hier sein Geld ausgegeben?"
Agent Anderson warf ihm einen unterkühlten Blick zu. Nun engagierte sich der dicke Polizist für ihren Geschmack doch ein bisschen zu sehr für den Fall.
"Als Sie hier ankamen, wollte ich mich gerade erkundigen. - Wenn Sie möchten, können Sie mich begleiten."
"Danke", entgegnete Telep zurückhaltend. Diese letzte Bemerkung von ihr war mehr als deutlich gewesen. Jetzt bin ich hier der Boss!
Ohne sich noch einmal nach ihnen umzusehen, machte sich die FBI-Agentin auf den Weg zum Flughafengebäude. Telep und McQueen schlossen sich ihr an.
In der Empfangshalle steuerte sie zielstrebig auf einen Schalter zu und zückte ihren Dienstausweis. Augenblicke später durchforstete der Mann am Computer bereits eifrig seine Dateien. Der Lieutenant sah Samantha Anderson erstaunt über die Schulter. Wenn er jemandem seine Marke zeigte, legten sich die Leute nie so ins Zeug. Muss wohl am FBI-Abzeichen liegen. Telep grinste in sich hinein. Oder an der hübschen Agentin! fügte er in Gedanken hinzu.
Der Angestellte deutete auf seinen Monitor.
"Ja. - Stonelake. - Hat heute sein Flugzeug bei uns auftanken lassen. Eine zweimotorige Turboprop. Dann ist er gestartet."
"Wissen Sie, wohin?" fragte Anderson.
"Keine Ahnung. - Wie gesagt, er hat von uns nur Treibstoff bezogen."
Die Agentin war enttäuscht. Die Bezahlung einer Ladung Flugbenzin war deutlich weniger als sie sich von der Spur zum Charterflugplatz erhofft hatte.
Unvermittelt näherte sich McQueen dem Schalter. Ihm war gerade etwas eingefallen.
"Augenblick, bei uns hat jeder Jäger eine Kennung für den Radarschirm. - Das muss doch
in der Luftfahrt ganz ähnlich sein."
Der Mann hinter dem Schalter nickte.
"Ja, aber die Kennung haben wir nicht. Unsere Starts und Landungen werden von der Luftraumüberwachung des Los Angeles Airport koordiniert."
"Dann müssen die aber wissen, wohin er geflogen ist. - Alles, was wir brauchen ist die Zeit, wann Stonelakes Flugzeug hier gestartet ist. Dann gleichen wir das mit einer passenden Radarkennung im Tower ab, und wir erfahren, wohin der Flug gegangen ist."
"Wollen Sie mich verarschen?!"
Der Chefoperator der Los Angeles-Luftraumüberwachung starrte die FBI-Agentin und ihre beiden männlichen Begleiter fassungslos an. Leider blieben ihre Mienen ernst. Er machte ein Gesicht, als winsele er um Gnade. "Haben Sie auch nur den leisesten Schimmer, wie viel da oben so ‘rumfliegt? - Und Sie verlangen von mir, einen einzigen popeligen Flieger zu finden, von dem Sie nicht mal die Kennung wissen?" Seine Besucher lachten noch immer nicht. Verdammt! Er seufzte. "Also gut, folgen Sie mir!"
Der Operator führte sie an einer langen Reihe von Radarkonsolen vorüber, an denen reges Leben herrschte. Die Atmosphäre dieser Halle wurde von elektronischen Geräuschen, Stühlerücken und Sprechverkehr bestimmt. Dass es inzwischen 21 Uhr war, hatte auf den Flugverkehr scheinbar keinerlei Auswirkungen. Es herrschte Betrieb wie am Tag.
Der Operator nahm an der Konsole Platz, die als einzige unbesetzt war.
"Alles, was hier fliegt und gefunkt wird, speichern wir auf Disc", erklärte er. "Auf diese Weise ist es möglich, jede einzelne Flugbewegung haarklein zu rekonstruieren und auch einzelne Flugzeuge zu identifizieren." Er sah sie anklagend an. "Vorausgesetzt, man hat die Radarkennung."
McQueen funkelte ihn an. Du sollst nicht reden, sondern dich an die Arbeit machen! Zunächst wurde der Operator aber von einem seiner Leute gerufen. Erst nach ungefähr zehn Minuten hatte er dieses Gespräch beendet und konnte sich wieder seinen Besuchern zuwenden. Und so ging es weiter. Fast ohne Unterbrechung befand er sich auf Wanderschaft, während seine Nachforschungen bei den Aufzeichnungen nur sehr schleppend Fortschritte machten.
Allmählich konnte McQueen kaum noch aufrecht stehen, und auch seine zwei Begleiter zeigten Ermüdungserscheinungen. Telep gähnte, was den Operator wiederum zu freuen schien. Ich hab’ euch gewarnt, glaubte McQueen in dessen Blick zu erkennen. Schließlich erzielten sie aber doch erste Ergebnisse.
"In dem Zeitraum, den Sie mir genannt haben, sind zehn Maschinen gestartet. Drei davon vom Redman-Airfield. Eine von denen müsste es sein", erläuterte der Radarmann.
"Und welches Ziel hatten sie?" fragte der Colonel.
"Das kann man auf dem Bild nicht erkennen. Dazu brauchen wir die Funksprüche." Er sah McQueen an, in der Hoffnung, dass der sich nun zufrieden geben würde. Dessen Miene sagte aber etwas ganz anderes. -"Okay... also die Funksprüche."
Mit mehreren dienstbedingten Unterbrechungen des Operators hörten sie sich durch die akustischen Aufzeichnungen. Der Pilot des ersten Fliegers gab als Ziel Hawaii an, der zweite die Ostküste, den dritten Flieger übergab der zuständige Fluglotse schließlich an die Luftraumüberwachung von Las Vegas.
"Nevada", murmelte McQueen, als er das hörte. Nach dort hatte das FBI auch Stonelakes Identität verfolgt. Agent Samantha Anderson lächelte zum ersten Mal an diesem Abend.
"Sie brauchen sie nicht zu begleiten", sagte Lieutenant Telep zu McQueen. Dieser stand mit einer kleinen Reisetasche neben Samantha Anderson in der Abflughalle des Los Angeles-Airport.
"Ich muss", entgegnete der Colonel. Irgend etwas in ihm sträubte sich dagegen, die Suche nach Kathrin und ihrer Mutter jetzt einfach auf sich beruhen zu lassen und sich auf die faule Haut zu legen. - Der Polizist macht eine gequältes Gesicht.
"Man, Ihr Arzt wird ausrasten, wenn er von Ihrem kleinen Ausflug erfährt."
"Das machen Sie schon", meinte McQueen gönnerhaft. Telep grinste.
"Ach was, ich sage ihm, dass Sie mir abgehauen sind. Dass Sie sich alles nur ausgedacht haben, um aus dem Krankenhaus zu kommen."
Der Colonel tat, als wäre er entsetzt. Telep reicht ihm die Hand.
"Machen Sie’s gut, McQueen. -Ich hoffe, dass Sie sie finden."
"Wiedersehen, Lieutenant. - Und danke für Ihre Hilfe."
Die beiden Männer verabschiedeten sich mit deutlich mehr Herzlichkeit voneinander, als sie sich begrüßt hatten. McQueen musste zugeben, dass der andere doch weit mehr als ein gelangweilter, übergewichtiger Bulle war. Und so wie es aussah, war auch Telep zu dem Schluss gekommen, dass man durchaus mit einem durchtrainierten Frontschwein auskommen konnte.
Schließlich wandten sich McQueen und Agent Anderson um und strebten der Passagierbrücke ihres Fluges nach Las Vegas zu.
Kaum hatte Nathan seine Augen geöffnet, kniff er sie schon wieder stöhnend zusammen. Das Licht brannte in seinen Augen und sein Schädel brummte, als habe er eine Nacht lang durchgezecht. Ich glaube, es ist besser, wenn ich noch ein bisschen liegen bleibe! Vielleicht stellten dann ja auch die Hornissen in seinem Kopf ihren schmerzenden Krach ein. Ja, so ist es besser. Nur nichts übereilen. Der Krieg geht auch ohne mich... Plötzlich hielt der den Atem an und wurde vor Schreck stocksteif, als ihm die letzten Bilder in den Sinn kamen, an die er sich erinnern konnte. Heulende Alarmsirenen; sie rannten auf den Waffenraum der Johnson zu, und plötzlich... nichts mehr.
Ganz vorsichtig öffnete er seine Augenlider wieder einen Spalt. Helligkeit... und Farben! Unscharf und ineinander fließend. Angestrengt konzentrierte er sich, hob die Lider noch einen Millimeter weiter. Allmählich bildeten die Farben so etwas wie ein Muster aus Licht und Schatten.
Verblüfft erkannte er, dass er auf eine Holzdecke starrte. Am äußeren rechten Rand seines Blickfeldes hingen ein paar Deckenstrahler, die eine warme Beleuchtung verbreiteten. Der Himmel ist ein Wohnzimmer! dachte er plötzlich, und musste im Anbetracht eines solch absurden Gedankens fast grinsen. Tot war er definitiv nicht. Dazu fühlte sich das Innere seines Schädels viel zu lebendig an. Aber wo befand er sich? Vorsichtig drehte er den Kopf zur Seite, um mehr von seiner Umgebung in Augenschein nehmen zu können.
Der Raum, in dem er lag, wirkte in der Tat wie ein Wohnzimmer. Der Boden war mit teuren Teppichen bedeckt. An einer Wand erkannte er eine Bar. Ein paar Meter rechts neben ihm stand ein niedriger Tisch mit einem Korb voller Früchte, Brötchen, Wurst- und Käseplatte, Tassen und einer Kaffeekanne.
Irgendwo links machte sich ein qualvolles Seufzen bemerkbar. So wie sich das anhörte, wachte Shane gerade mit ähnlichen Symptomen auf wie er. Nathan sah in die Richtung ihrer Stimme. Die junge Frau lag in ihrem Fliegeranzug auf einem großen Sofa und bedeckte ihre Augen. Am Fußende saß Vanessa, sich die Schläfen massierend.
"Sagt mal, kapiert ihr das?" fragte Coopers Stimme.
"Nicht so laut!" quengelte Vanessa zur Antwort.
Nathan entschloss sich, dass er vielleicht einen Versuch wagen könnte, sich aufzurichten. Vorsichtig winkelte er die Arme an, spannte seine Bauchmuskeln. Gaaaaanz vorsichtig! ermahnte er sich, und der pochende Schmerz in seinem Kopf pflichtete ihm mehr als deutlich bei. Seine Umgebung fing langsam an, sich zu drehen. Nathan schloss noch einmal die Augen... und endlich hatte er sich in eine aufrechte Position gebracht. Gequält machte er dicke Backen.
Cooper stand mit maßlos erstauntem Gesicht ziemlich wackelig vor dem Tisch mit den Speisen.
"Was ist passiert?" murmelte Nathan. "Wo sind wir?"
"Ich weiß nur, dass ich die Kerle erschießen werde, denen ich diesen Kater verdanke", schimpfte Shane leise vor sich hin. Mühsam rappelte sie sich hoch. Scheinbar nahm sie nun ihre Umgebung zum ersten Mal bewusst wahr, denn plötzlich klappte ihre Kinnlade herunter.
Ein Summton zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Ein Teil der Wand zog sich zurück, bis ein rechteckiger Rand zu erkennen war. Es bildete sich eine Öffnung von einem Meter Breite und zwei Metern Höhe. Ein riesiger glatzköpfiger Kerl trat herein, der sich beim Durchschreiten der Tür sogar etwas bücken musste. Er trug einen dunklen uniformartigen Anzug mit nur wenigen Knöpfen. Sein Gesicht wurde von zwei tiefschwarzen Augen beherrscht, die beinah an Pistolenmündungen erinnerten. In der rechten Hand hielt der Riese eine CD-Hülle. Hinter ihm verschloss sich die Öffnung wieder.
"Guten Morgen", begrüßte er sie. Seine Stimme klang leise und bedrohlich und strafte seine guten Wünsche sofort Lügen.
"Ich wüsste nicht, was daran gut sein soll", murmelte Shane von ihrem Sofa aus. "Wo sind wir und wer sind Sie?"
Der Riese blieb stehen, als sei ihm gerade etwas eingefallen.
"Oh natürlich, Ihnen wird ganz schön der Kopf weh tun. Das Betäubungsgas ist leider nicht ganz ohne Nachwirkungen." Er wies auf den Tisch. "Greifen Sie zu. Ein Kaffee und etwas zu Essen und Sie fühlen sich gleich besser."
Nathan starrte den Glatzkopf finster an, ohne sich von der Stelle zu rühren. Wütend polterte er: "Vansen hat Sie etwas gefragt. Wo sind wir und wer sind Sie?"
Der Fremde hob beschwichtigend eine Hand.
"Es gibt keinen Grund, so feindselig zu sein." Ein böses Lächeln huschte über sein Gesicht. "Um es kurz zu machen: Sie sind tot."
Nathan brachte vor Fassungslosigkeit keinen Ton mehr heraus. Was wurde hier gespielt? Was wollte man von ihnen und wie waren sie hierher gelangt? Und dann ihre Umgebung. Irgendwie erschien ihm die heimelige Atmosphäre dieses "Wohnzimmers" erschreckender, als wenn sie nach dem Angriff auf die Johnson in einem düsteren Kerker aufgewacht wären. Sind wir auf der Erde? Ist das ein Gefängnis? Will uns hier jemand irre machen?
Ohne ein weiteres Wort ging der Glatzkopf zu einem Flachbildschirm an einer Wand. Dort öffnete er die CD-Hülle und schob die Disc in den Videoplayer. Der Monitor hellte sich auf. Die Wild Cards erkannten eine Nachrichtensprecherin und das Senderlogo von FTM. Hinter ihr prangte ein holographisches Bild der SS Johnson mit dem Wort "Raumunfall" an der Unterseite. Der Glatzkopf drückte auf Wiedergabe und die Frau, die bisher wie erstarrt dagesessen hatte, begann zu sprechen: "Vor einigen Stunden ereignete sich am Rand unseres Sonnensystems ein tragischer Unfall. Aus bisher unbekannten Gründen explodierte an Bord des militärischen Frachters SS Johnson der Reaktor. Das Schiff wurde vollkommen zerstört. Nach Auskunft einer AeroTech-Forschungsexpedition, die sich zufällig in der Nähe aufhielt, gibt es keine Überlebenden. - Mit der Johnson starben ihre Besatzung und vier US Marines, die sich auf dem Weg nach Hause befanden. Die Untersuchungen dieses Raumunfalls laufen bereits..."
Das Bild fror wieder ein. Die Wild Cards waren stumm vor Schreck. Während die Meldung gelaufen war, waren Shane, Vanessa und Nathan langsam aufgestanden. Der Glatzkopf schien zufrieden mit der Wirkung der Nachrichten, denn er lächelte in sich hinein. Cooper fasste sich als erster wieder.
"Was soll das?" wollte er wissen.
Der Fremde holte die CD aus dem Player heraus. Statt auf Hawkes einzugehen, schlenderte er durch den Raum, während er die Wild Cards fest im Auge behielt. Seine Stimme wirkte noch unheimlicher als bisher.
"Um Missverständnissen vorzubeugen: Es hat keinen Sinn, mich zu bedrohen, denn diese Tür lässt sich nur von außen öffnen und die beiden Wachen haben den Befehl, jeden zu erschießen, der versucht, die Schwelle zu überqueren." Er grinste verschlagen. "Außer mich natürlich."
Die Marines entgegneten nichts. Was der Glatzkopf gerade gesagt hatte, war nicht überraschend, aber ihre Fragen beantwortete es nicht.
Neben dem Tisch blieb der Kerl stehen. Neugierig betrachtete er den Obstteller, bis er sich schließlich für einen Apfel entschied. Er rieb ihn an seinem linken Ärmel ab. Seine Stimme nahm einen merkwürdigen Plauderton an.
"Aber wie ich gemerkt habe, möchten Sie natürlich vor allem wissen, was das alles zu bedeuten hat." Er biss in den Apfel; nickte erfreut, als wolle er ihnen die Früchte empfehlen. "Ursprünglich sah unser Plan nur vor, Sie zusammen mit der Johnson in die Luft zu sprengen, aber dann dachten wir uns, dass es doch ganz interessant wäre, zu erfahren, was Sie dem Militärgericht hätten sagen können." Er hob den rechten Zeigefinger, um das Folgende besonders hervorzuheben. "Und natürlich, ob Sie vielleicht von Beweisen wissen, die auf der Saratoga noch existieren könnten."
Nathan verstand noch immer nicht.
"Beweise wofür?" fragte er. Der Glatzkopf wirkte enttäuscht.
"Ach kommen Sie. - Beweise für die tatsächlichen Hintergründe des Krieges natürlich."
"Für die tatsächlichen..." Nathan unterbrach sich. Bilder und Worte blitzten in ihm auf.
- Die von Computern übersetzten Worte des Chigbotschafters, wie sie über das Intercom in der Saratoga übertragen wurden; Commodore Ross, wie sie ihn nach Coopers Rettung auf dem Landedeck 6 hörten: Durch einen Befehl von höchster Stelle wird der gesamte Inhalt der Verhandlungsgespräche mit dem Feind zur Geheimsache erklärt. - Es ging also mal wieder um AeroTech...und die Tatsache, dass die Außerirdischen nicht aus heiterem Himmel angegriffen hatten, sondern durch eine Sonde und zwei menschliche Kolonien in ihrem Einflussbereich provoziert worden waren.
Der Glatzkopf musste Nathans Gedanken erraten haben, denn er lächelte ihm entgegen.
"Na, wie ich sehe, verstehen wir uns jetzt." Er machte sich innerhalb des Raumes wieder auf Wanderschaft. "Im Augenblick genießen Sie die Gastfreundschaft einer AeroTech-Forschungsbasis in der Wüste Nevadas. - Bis zu den nächsten Städten sind es in allen Richtungen mehrere hundert Meilen." Er sah sie verschlagen an. "Nur für den Fall, dass Sie die Hoffnung hegen, unserer Gastfreundschaft zu entfliehen." Er beendete seinen Rundgang erneut neben dem Tisch. "Ich schlage vor, Sie stärken sich jetzt ordentlich, denn wir haben noch sehr ausführliche Gespräche vor uns."
Er hob ein winziges Sprechgerät an die Lippen und murmelte ein paar Worte hinein. Sekunden später setzte sich der Türmechanismus wieder in Bewegung.
"Ich werde Sie jetzt verlassen. -Wünsche guten Appetit." Der Fremde nickte ihnen zu und war dann schon hinter der Tür verschwunden.
Cooper sah die anderen verwirrt an.
"Ich versteh’ das immer noch nicht . Hat AeroTech uns jetzt entführt, oder was? Was können wir denen denn sagen, was die nicht sowieso schon wissen?"
"Die haben Angst, dass jemand erfahren könnte, was sich bei den Friedensverhandlungen
herausgestellt hat", überlegte Nathan. Vanessa schüttelte des Kopf.
"Aber was hat das mit uns zu tun?" fragte sie. Nathan sah sie an.
"Wir kennen die Wahrheit", sagte er.
"Wie die ganze übrige Besatzung der Saratoga auch", warf Shane ein. "Und darüber hinaus wissen die, dass niemand reden darf, weil es für geheim erklärt wurde."
"Das Militärgericht!" fiel Vanessa plötzlich ein. Neugierig drehten sich die anderen zu ihr um. "Das, was Cooper und Nathan vom Rest der Crew unterscheidet ist, dass sie vor Gericht gestellt werden sollen und aus Angst das Geheimnis vielleicht ausplaudern könnten."
Hawkes funkelte sie bei der Erwähnung des Wortes "Angst" an. Beschwichtigend hob Damphousse eine Hand.
"Bitte entschuldige, Cooper, das war nicht persönlich gemeint. Ich meine nur: Die könnten das denken."
Betreten sah Nathan die anderen an.
"Dann lassen die uns hier nicht lebend raus."
Obwohl es erst Vormittag war, herrschte über Las Vegas bereits eine sengende Hitze. Auf dem Flughafen wurde das noch durch die riesigen Betonflächen verstärkt, über denen die Luft flimmerte.
Colonel McQueen und Agent Samantha Anderson standen auf einer großen belebten Rollfläche in der Nähe eines kleinen Hangars, in dem ein zweimotoriges Turboprop-Flugzeug abgestellt war. Wie sie vor kurzem erfahren hatten, handelte es sich dabei um die Maschine des geheimnisvollen Dr. Stonelake. Zusammen mit dem Manager des Airports, einem Mann in mittleren Jahren namens Rawlings, beobachteten sie, wie ein FBI-Team den Eingang der Halle durch ein gelbes Plastikband für den offiziellen Zutritt absperrte, damit man sie und das Flugzeug in aller Ruhe nach Spuren absuchen konnte.
Rawlings wandte sich seufzend an Anderson:
"Alles, was ich Ihnen sagen kann ist, dass die Turboprop da gestern Abend hier gelandet ist. Von den Insassen haben wir niemanden zu Gesicht bekommen."
Am Himmel ertönte das unverwechselbare Donnern eines Hammerhead. McQueen hob seinen Blick. Dem Fighter folgten gleich zwei weitere. - So ging das nun schon, seit sie hier in Las Vegas eingetroffen waren. In einem abgesperrten Bereich des Airports, der vom Militär genutzt wurde, herrschte so viel Hektik und Betriebsamkeit, wie er es seit Beginn des Krieges nicht mehr erlebt hatte. Irgend etwas lag in der Luft. Das konnte McQueen spüren, und er verfluchte sich, dass er nun schon seit gestern Nachmittag keine Nachrichten mehr gesehen hatte.
Agent Andersons Stimme lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf den Hangar.
"Wie kann das sein? Wenn sie den Flughafen verlassen haben, mussten sie doch durch die Kontrollen."
Rawlings schüttelte den Kopf.
"Soweit ich weiß, ist kurz nach der Ankunft des Fliegers von hier ein Shuttle gestartet. Sie haben also gar keine Schranken passiert."
Anderson überlegte kurz. Sie fragte: "Haben Sie das vielleicht etwas genauer?"
"Wie meinen Sie das?"
"Was war das für ein Shuttle?"
Der Manager zuckte mit den Schultern.
"Keine Ahnung, ich hab’ es nicht gesehen. Das mit dem Shuttle hat ein Wartungstechniker erzählt, der hier eine A380 gecheckt hat."
McQueen näherte sich ihr neugierig.
"Wie hilft uns das weiter?" fragte er. Sie sah ihn nüchtern an.
"Wenn es ein Kurzstreckenshuttle für den Atmosphärenflug war, dann kann das Ziel nicht sehr weit von hier entfernt sein."
McQueen folgte in Gedanken dem Kurs, den die Fähre eingeschlagen haben könnte. Versonnen blickte er schließlich auf ein flimmerndes ockerfarbenes Nichts, das sich jenseits des Flughafens bis zum Horizont erstreckte. Die Wüste Nevadas.
"Sie meinen, wir suchen das Shuttle aus der Luft", überlegte er.
"Genau", erklärte sie zufrieden. "Wenn es da draußen irgendwo gelandet ist, finden wir es. Es dauert nur ein wenig, bis wir ein Suchflugzeug hier haben."
Auf dem militärischen Bereich des Airport hob erneut ein Jäger ab. Mit viel Getöse ging er in einen Steigflug über, um den ihn jeder Zivilpilot beneidet hätte. McQueen sah zu, wie er seine Bahn über den Himmel zog und immer kleiner wurde. Auf seinem Gesicht bildete sich ein Leises Lächeln.
"Vielleicht brauchen wir gar keins von Ihren Suchflugzeugen."
Schwungvoll wuchtete McQueen einen Rucksack mit Verpflegung, Ersatzkleidung und technischer Ausrüstung in den HumVee, einen fast fünf Meter langen und über zwei Meter breiten Jeep. Das Fahrzeug trug eine ockerfarbene Tarnbemalung, die perfekt den Farben der Wüste angepasst war. Hinter den Türen prangte ein kleines Wappen, das ihn als Jeep des 103ten AirWing des US Marine Corps auszeichnete.
Der Colonel trug einen fleckigen Kampfanzug, durch den er sich von der dezent-seriös gekleideten Samantha Anderson noch stärker abhob als bisher.
"Wollen Sie tatsächlich dort ‘raus fahren, Mr. McQueen?" fragte sie mit deutlich besorgter Stimme. "Colonel", verbesserte sie sich, denn spätestens seit dem Anlegen dieses Fleckenanzuges hatte er sich wieder in einen hundertprozentigen Soldaten verwandelt.
"Ja", antwortete McQueen ihr. "Denn wenn Sie sich mit einem Ihrer Hubschrauber dieser Basis da draußen nähern, lassen die ihre Gefangenen schneller verschwinden als Sie "FBI" sagen können." Er warf einen letzten prüfenden Blick auf die M590, die er ebenfalls mitnehmen würde.
Ein wenig Überzeugungsarbeit war schon nötig gewesen, bis man sich auf der Marine Corps-Basis auf dem Flughafen von Las Vegas dazu bereit erklärt hatte, ihnen zu helfen. Immerhin war das Militär nicht verpflichtet, dem FBI bei seiner Arbeit irgend welche Unterstützung zu gewähren. McQueens Erwähnungen des 127sten Luftgeschwaders und der Jupiter-Schlacht hatte in den Soldaten aber schließlich das Solidaritätsgefühl geweckt. Schließlich wollte man sich nicht sagen lassen, einem ehemaligen Angry Angel die Bitte um Unterstützung abgeschlagen zu haben. - So war wenig später ein Beobachter zu einer "routinemäßigen Übung" gestartet. Schon nach Minuten hatte er das Shuttle, welches der Wartungstechniker tatsächlich genau hatte beschreiben können, in der Wüste bei einer entlegenen Forschungsbasis aufgespürt. Sie lag ungefähr 250 Meilen südöstlich von Las Vegas in der Wüste.
Agent Anderson beobachtete missbilligend, wie McQueen das Gewehr rechts neben dem Steuer auf die Sitzbank legte.
"Aber Sie starten keine eigenen Befreiungsversuche! Das ist Sache des FBI. - Wir sind hier nicht an der Front", erinnerte sie ihn. Der Colonel musste bei ihrem Versuch, Sorge durch Strenge zu überdecken, mühsam ein Lächeln unterdrücken. Es erinnerte ihn daran, wie auch er häufig mit seinen Leuten sprach.
"Natürlich", beruhigte er sie. Ein Nicken zu seiner Waffe. "Ist nur für Notfälle. - Ich fahre dort raus, sehe mir die Basis an und komme wieder zurück. - Dann wissen Sie, was Sie erwartet, wenn Sie den Laden stürmen."
Er schwang sich hinter das Lenkrad und startete den Motor. Die 6,2-Liter-Maschine des HumVee verbreitete ein tiefes Grummeln und erinnerte eher an den Klang eines Panzers als an ein Auto. McQueens rechtes Bein schmerzte mal wieder, aber das war im Augenblick völlig unwichtig. Wichtig war nur, dass er inzwischen dazu in der Lage war, diesen Jeep zu fahren. Mit ziemlicher Sicherheit würde sein Arzt zwar einen Herzanfall bekommen, wenn er erfuhr, was McQueen sich abverlangte, aber inzwischen war er bei dem sowieso unten durch.
"Sind Sie sicher, dass Sie das in Ihrem Zustand durchstehen", fragte sie ihn. Vermutlich hatte McQueen gerade doch etwas gequält geguckt. "Sie müssen immerhin mehr als 200 Meilen mitten durch die Wüste."
Der Colonel wollte ihr zuerst einen Bösen Blick zuwerfen. Sie haben hier keinen Invaliden vor sich, lag ihm bereits auf der Zunge. Statt dessen lächelte er ihr aber aufmunternd zu.
"M’am, Sie sprechen mit einem Marine."
Bevor sie etwas entgegnen konnte, legte er den ersten Gang ein und trat das Gaspedal durch. Er brauste auf den Eingang der Basis zu. Dahinter erstreckte sich die Wüste Nevadas bis zum Horizont.
In ihrer Gefangenschaft verstrich für die Wild Cards die Zeit lähmend langsam. Vermutlich lag das daran, dass man ihnen die Uhren abgenommen hatte und ihnen jeglicher Bezug zur Außenwelt fehlte. Wie lange waren sie nun schon wach? Zwei Stunden? Vier Stunden? Sie wussten es nicht. Auf jeden Fall trennte sie inzwischen so viel Zeit von ihrer letzten Mahlzeit auf der Johnson, dass sich ihre Mägen knurrend zu Wort gemeldet hatten und obwohl sie sich ursprünglich vorgenommen hatten, von dem Essen auf dem Tisch nichts anzurühren, waren sie schließlich doch schwach geworden und hatten sich gestärkt.
Danach waren sie daran gegangen, den Raum genauer in Augenschein zu nehmen. Im Prinzip fehlte es an nichts. Sogar die Bar war reichlich gefüllt. Vielleicht würde es ihnen gelingen, aus einer der Flaschen mit Hochprozentigem eine Art Molotowcoctail zu basteln. Waffen aber waren nur relevant, wenn sie die Tür aufbekamen.
Mit der Lösung dieses Problems hatte Shane Vanessa und Nathan betraut, während sie
selbst die Komponenten zum Bau eines Brandsatzes zusammensuchte und Cooper nach anderen Dingen Ausschau hielt, mit denen man stechen, schneiden oder schlagen könnte.
Seufzend schüttelte Damphousse den Kopf.
"Sieht schlecht aus", meinte sie. "Auf unserer Seite gibt es keinerlei Elektronik,und mit bloßer Gewalt wird sich die Tür kaum öffnen lassen. Sie ist im Prinzip ein Teil der Wand."
"Dann denkt euch was aus", war Shanes nüchterner Kommentar. Sie wog eine Flasche mit teurem Getreidewodka in der Hand, um herauszufinden, wie man sie am besten warf. Ihr größtes Problem würde sein, den Brandsatz zu entzünden. Denk dir was aus! war auch hier ihre Devise.
Plötzlich ertönte der ihnen schon bekannte Summton, mit dem sich vor einiger Zeit die Tür bewegt hatte. Erschrocken sprangen Nathan und Vanessa zurück und Shane klappte so schnell sie konnte die Bar zu. Augenblicke später trat der Glatzkopf ein. Ihm folgten vier finster blickende Kerle in schwarzen Kampfanzügen, mit Helmen und MP5-Maschinenpistolen. Ohne einen Ton zu sagen marschierten sie auf die Wild Cards zu und nahmen sie in die Mitte. Dabei ließen sie in ihrem energischen Vorgehen keinen Zweifel daran, dass sie beim geringsten Widerstand Gewalt anwenden würden. Der Glatzkopf nahm lächelnd zur Kenntnis, dass seine "Gäste" gegessen hatten. Dann sah er sie voller Unternehmungsdrang an.
"Wie ich sehe, sind Sie ausgeruht und gestärkt. - Zeit für einen Spaziergang!"
Er drehte sich um und die Wachen stießen sie unsanft vorwärts. Stolpernd verließen sie den Raum.
Der Kontrast zwischen der wohnzimmerartigen Atmosphäre hinter ihnen und der großen Halle, in die sie nun kamen, hätte nicht krasser ausfallen können. Plötzlich umgaben sie kaltes Metall und ebenso kalte Farben. Die Halle war kreisrund. Sie glich einer riesigen Kuppel. Sternförmig führten tunnelähnliche Gänge in vier Richtungen. Zwischen deren Mündungen waren Türen zu erkennen, die vermutlich in ähnliche Räume führten wie das "Wohnzimmer", aus dem sie gerade gekommen waren. Ihre Gruppe strebte einem der vier Tunnel zu.
"Wo bringen Sie uns hin?" fragte Nathan, bekam aber keine Antwort.
Der Tunnel war eine drei Meter hohe Metallröhre, an deren Oberseite in regelmäßigen Abständen Neonleuchten angebracht waren, die alles in ein lebloses weißes Licht tauchten. Auf ihrem Weg passierten sie mehrere Gitter, die ihr Führer durch eine Chipkarte öffnete.
Nach etwa hundert Metern endete der Tunnel in einer weiteren Kuppel, die jedoch deutlich kleiner und deutliche düsterer war als die andere. Hier lagen die Türen in Nischen, zu denen jeweils ein paar Stufen hinab führten. Eine dieser Nischen wurde von zwei schwarz Uniformierten bewacht. Als ihre Gruppe die Kuppel betrat, betätigte einer der beiden einen viereckigen Schalter rechts neben sich an der Wand. Die Tür summte zur Seite, woraufhin der Wächter augenblicklich seine Waffe ins Innere des Raumes richtete.
Der Glatzkopf blieb oberhalb der Stufen stehen.
"Ihre neue Unterkunft", erklärte er mit aufgesetzter Freundlichkeit. "Nicht ganz so bequem wie Ihre bisherige, aber Sie sind ja Marines, nicht war?"
Die Wachen bedeuteten ihnen, hinab zu steigen. Widerwillig folgten zuerst Nathan, dann Vanessa und Shane der kleinen Treppe in die Nische hinab. Cooper wollte sich gerade anschließen, als ihn zwei der Schwarzen an den Armen packten und davon abhielten. Erschrocken drehten sich die anderen um.
"Verdammt, was soll das?" schimpfte Shane. "Was wollen Sie von ihm?"
Statt eine Antwort zu geben, zerrten die Wachen Cooper fort. Ein anderer stieß Shane rückwärts den letzten Meter durch die Türöffnung und betätigte den Schließmechanismus. Wütend drehte sie sich um... und hielt vor lauter Überraschung den Atem an.
An der hinteren Wand, drei bis vier Meter von ihr entfernt, lag ein Mädchen auf einer Pritsche, das sie bereits von einem Foto kannte. Sie hatte langes blondes Haar und war elf oder zwölf Jahre alt. Vor ihr stand eine Frau Mitte dreißig, die ganz eindeutig ihre Mutter war. Sie sah der Kleinen unglaublich ähnlich. Vor allem um die Augenpartie herum.
"Kathrin", flüsterte Shane verblüfft.
Marsha Douglas nahm ihre Besucher misstrauisch in Augenschein.
"Kennen wir uns?" fragte sie vorsichtig.
Oh Gott, jetzt sind wir hier gemeinsam in Gefangenschaft und müssen ihr auch noch sagen, dass ihr Mann tot ist! durchfuhr es Shane. Sie überlegte unruhig, wie sie nun reagieren sollte.
"Wir...", begann sie zögernd. "Wir kommen von der Johnson... Der Chief hat uns... ein Foto... von... Kathrin gezeigt..."
Marsha zuckte bei der Erwähnung des Namens ihrer Tochter zurück und auch Nathan
wirkte wie vom Donner gerührt, als ihm klar wurde, wer die Frau und das Mädchen waren. Shane fuhr stockend fort:
"Der...der Frachter ist..."
"Ich weiß", unterbracht die Mutter Shanes Versuch, ihr alles zu erklären. Erst jetzt bemerkten sie, dass Marshas Augen gerötet waren und glänzten. Sie hatte bis vor wenigen Minuten geweint. Kathrin im Hintergrund schluchzte noch immer leise vor sich hin. Mit nur mühsam unterdrückter Verzweiflung kam Marsha auf sie zu.
"Vielleicht können Sie mir sagen, warum die das tun?" stammelte sie.
"Es geht um eine große Lüge", erklärte Nathan dumpf. "Für den Krieg ist AeroTech verantwortlich und sie unternehmen alles, um zu verhindern, dass die Menschen das erfahren."
Die Frau schüttelte den Kopf.
"Und was, zum Teufel, hat das mit meiner Familie zu tun?" Ihre Stimme klang wieder belegt. Mühsam schluckte sie einen Weinkrampf herunter.
"Wir sind nur Figuren in ihrem dreckigen Spiel", erklärte West mit unverhohlenem Zorn.
Vanessa sah besorgt auf die Stahltür ihrer Zelle.
"Was haben die nur mit Cooper vor?" fragte sie.
Die beiden Bewaffneten mussten den jungen Mann immer wieder antreiben, denn er verlangsamte alle paar Meter wieder seine Schritte. - Cooper Hawkes hatte Angst! Gefangen und getrennt von den anderen kam er sich plötzlich wieder vor wie in der Erziehungsanstalt für InVitros. - Doch er hatte seit damals sehr viel dazugelernt. Er war nun ein Marine und schon in unzähligen Schlachten gewesen und so konnte er diesmal die Angst für sich arbeiten lassen. Alles um ihn herum nahm er mit der mehrfachen Intensität war, als das ohne Furcht der Fall gewesen wäre.
Ihr Weg führte sie aus der Kuppel in einen Verbindungstunnel. Er endete bei mehreren Aufzügen. In einer der Kabinen fuhren sie etwa fünf Sekunden mit großer Geschwindigkeit nach oben, was entweder bedeutete, dass sich die Zellen tief unter der Erde oder unten in einer Art Turm befinden mussten.
Der Raum am Ausgang des Lifts konnte ihm diese Frage noch nicht beantworten. Die Wachen stießen ihn auf eine Schiebetür zu. Sie führte in einen Korridor, der quer vor ihnen verlief. An der ihnen gegenüber liegenden Wand waren in regelmäßigen Abständen Fenster angebracht, durch die nun endlich einmal so etwas wie Tageslicht herein schimmerte.
Mit zwei schnellen Schritten hatte Hawkes den Gang überquert, um mal einen Blick zu erhaschen. Augenblicklich bekam er einen brutalen Schlag in den Rücken und wurde dann nach links durch den Korridor gezerrt. - Aber der Moment am Fenster hatte gereicht. Auf der anderen Seite hatte er das Innere einer großen Halle gesehen, in der unzählige Fahrzeuge abgestellt waren. Techniker umschwärmten sie. Am anderen Ende der Halle standen große Toren halb offen. Cooper hatte dahinter stahlblauen Himmel und Wüste erkannt. In kurzer Entfernung vor dem Gebäude standen dort draußen ein Kurzstreckenshuttle für den Atmosphärenflug und drei Hubschrauber. Der Zellentrakt befand sich also unter der Erde und irgendwo hier müsste es eine Möglichkeit geben, den Komplex zu verlassen.
Die Wachen stoppten vor einer Metalltür. Einer von ihnen zog eine Chipkarte durch einen Schlitz. Ein Klacken signalisierte, dass sich ein Mechanismus zur Seite schob. Nach Überschreiten der Schwelle stieg Cooper sofort ein typischer Krankenhausduft aus Medikamenten, Desinfektionsmitteln und Chemikalien in die Nase. Die Wände bestanden aus weißen Kacheln, der Fußboden aus grauen. Die Kammer war etwas breiter als lang. Auf der anderen Seite erkannte er drei Türen. Eine von ihnen stand offen. In ihr wartete ein grauhaariger Weißkittel und blickten ihnen mit erwartungsvollem Blick entgegen.
"Ah, da sind Sie ja mit dem Patienten", begrüßte er sie. Coopers Magen verkrampfte sich. Was haben die mit mir vor?
"Bitte bringen Sie ihn herein", forderte sie der Grauhaarige auf. Instinktiv blieb Cooper stehen. Erinnerungen an die Erziehungsanstalt blitzten in ihm auf. Nadeln; Drogen; die strengen Stimmen der Aufseher; die Nacht, in der er getötet werden sollte. Ich will da nicht rein! Doch die beiden Wachen drängten ihn vorwärts. Widerwillig folgte der InVitro dem Weißkittel in seinen Raum.
Der Krankenhausgeruch war hier noch intensiver als in der gekachelten Kammer.
Coopers Blick fiel sofort auf einen verchromten Sessel aus Metall, von dem Riemen für die Arme, die Beine und den Körper herunterhingen. Daneben stand ein Rollwagen, auf dem Spritzen, Kanülen und Skalpelle der unterschiedlichsten Größen aufgereiht lagen. Rechts befand sich eine metallene Liege; ebenfalls mit der Möglichkeit, jemanden festzuschnallen. Ihr gegenüber standen ein Drehstuhl, ein Schrank und ein Schaltpult mit Knöpfen, Schaltern, Skalen und unzähligen kleinen Bildschirmen.
Cooper hatte vor lauter Anspannung allmählich Mühe zu atmen. Aus ängstlich geweiteten Augen starrte er den Grauhaarigen an. Der nickte ihm seltsam freundlich zu.
"Guten Tag, ich bin Dr. Stonelake." Er nickte zu dem Metallsessel. "Bitte nehmen Sie Platz, damit ich Sie für die Befragung vorbereiten kann. Mr. Knife wird sicher gleich hier sein."
Cooper rührte sich keinen Millimeter. Der Weißkittel seufzte.
"Bitte tun Sie, was ich Ihnen sage, sonst werden diese beiden Herren Ihnen weh tun."
Cooper reagierte nicht. Seine Sinne waren bis aufs Äußerste geschärft und die Muskeln machten seinen Körper zu einer Sprungfeder. Stonelake sah ihn flehend an.
"Ich will hier doch nur meine Arbeit tun und ich möchte nicht, dass Sie verletzt werden. Also..." Er wies mit seiner linken Hand auf den Foltersessel, als sei er ein Friseur, der einem Kunden die Haare schneiden wollte. Als sich der Gefangene wieder nicht bewegte, nickte er den beiden Wachen im Raum zu.
Cooper hörte, wie sie sich links und rechts hinter ihm näherten, um ihn zu packen... und bestand einen Augenblick später nur noch aus seinen antrainierten Reflexen.
Als ob er nun doch ein Einsehen hätte, machte er zwei kleine Schritte auf den Stuhl zu, was bei Dr. Stonelake eine gewisse Erleichterung auslöste. Dabei fixierte Cooper die Instrumente auf dem Rollwagen. Der Weißkittel stand abwartend auf der anderen Seite des Metallsessels.
Plötzlich griff der InVitro in einer gedankenschnellen Bewegung nach einem der aufgereihten Skalpelle, packte gleichzeitig Stonelakes linken Arm und zog ihn dann mit einem Ruck zu sich heran, bis sich der Weißkittel zwischen ihm und seinen Bewachern befand. Noch aus dem Schwung heraus schleuderte er das Skalpell über die rechte Schulter des Arztes... einem der beiden Wächter direkt ins Auge. Der Uniformierte wirkte eher erstaunt als erschrocken. Er landete rücklings auf dem Boden, bevor er begriffen hatte, was ihn da gerade getroffen hatte.
Der andere neben ihm riss einen Moment später seine MP5 hoch. Cooper ließ ihm jedoch keine Zeit, um auf irgend jemanden zu zielen, sondern stieß den Weißkittel direkt auf ihn zu. Ein ohrenbetäubender Knall durchzuckte den Raum. Stonelakes Kittel bekam an seinem Rücken ein Loch; dort, wo die versehentlich auf ihn abgefeuerte Kugel seinen Körper wieder verließ. Stöhnend fiel er dem erschrockenen Wächter direkt in die Arme und riss ihn zu Boden, wo er ihn unter sich begrub.
Cooper hatte den ersten Toten mit einem Satz erreicht. Die Maschinenpistole lag neben ihm und hing über einen Riemen noch an dessen rechter Schulter.
Der zweite Wächter versuchte den toten Stonelake von sich herunter zu wälzen. Sein MP5 war zwischen ihm und dem Arzt eingeklemmt. - Cooper kniete sich neben den ersten Uniformierten und griff nach dessen Waffe. - Der Weißkittel rollte zur Seite. - Cooper drückte den Sicherungshebel der Waffe herunter. Fast gleichzeitig mit dem zweiten Wächter war er schussbereit. Ohne zu zögern drückte der Marine ab. Blut spritzte gegen die Stütze der metallenen Liege und die Wand dahinter...
Sekundenlang starrte Cooper Hawkes apathisch vor sich hin. Er hatte gerade drei Menschen getötet. Und als sein Verstand allmählich wieder zu arbeiten begann, machte sich in ihm ein Gefühl der Beklemmung breit. Die Kaltblütigkeit, die er eben an den Tag gelegt hatte, erschreckte ihn. Plötzlich schien alles wieder genauso zu sein wie damals in der InVitro-Erziehungsanstalt. Es gibt 687 Methoden einen Menschen zu töten. Methode Nummer 1... Er betrachtete seine Hände, die die MP5 noch immer umschlossen hielten und die ganz allmählich zu zittern anfingen. Oh Gott!
Doch dann rief er sich energisch in die Gegenwart zurück. Er kauerte neben drei Leichen in einem Ärztezimmer auf einer entlegenen Basis, und das konnte er garantiert niemandem so einfach erklären. Er musste sich etwas überlegen, und zwar schnell.
Sein Blick fiel auf die schwarze Uniform desjenigen, dem noch immer ein Skalpell im linken Auge steckte. So wie es aussah, hatten sie ungefähr die gleiche Größe...
Zwei Minuten später verließ Cooper Hawkes in einer schwarzen Uniform mit Helm den Raum. Von der rechten Schulter baumelte ihm eine Maschinenpistole, in der linken Hand hielt er eine der Chipkarten. Vorsorglich verschloss er die Tür des Ärztezimmers hinter sich. Wenn hier jemand herein kam, musste der ja nicht sofort sehen, was passiert war.
Neben der Metalltür, durch die sie die gekachelte Kammer betreten hatten, befand sich ein Kasten mit einem Schlitz. Vorsichtig zog er die Chipkarte hindurch. Der Verschlussmechanismus klackte. Er konnte hinaus.
Vorsichtig lugte er in den Korridor mit den Fenstern. Von rechts näherten sich ein paar Mechaniker und er wollte sich schon wieder in die Kammer zurückziehen, als er sich zur Ordnung mahnte. Du bist ein arroganter Wächter auf dem Weg zum Gefängnistrakt, sagte er sich. Also verhalte dich auch so! Nach einem kurzen Durchatmen setzte er sich eine emotionslose Miene auf, trat hinaus und bog sofort nach rechts ab. Die Mechaniker würdigte er keines Blickes. Ein richtiger Wächter würde das auch nicht. Der Vorraum mit den Aufzügen musste sich irgendwo auf der rechten Seite befinden.
Wie lange würden die Toten wohl unentdeckt bleiben? - Hawkes erinnerte sich an eine Äußerung Stonelakes, nach der ein Mr. Knife sicher gleich hier sein wird. Verdammt, er musste sich beeilen! So wie es aussah, hatte er schon Glück gehabt, dass ihn Knife nicht beim Umziehen erwischt hatte. Würde er sofort Alarm schlagen, wenn er die Toten fand? Vermutlich, und dann würde er im Zellenblock auf ernste Probleme stoßen.
Da war die Schiebetür. Hawkes öffnete sie. Er bewegte sich schnurstracks auf den Aufzug zu, mit dem sie hochgekommen waren. Er überlegte gerade, ob er den Lift auch mit seiner Chipkarte holen musste, als vor ihm ein kurzes Signal ertönte. Der Lift öffnete sich. Plötzlich sah er dem großen Glatzkopf direkt in seine dunklen Augen. Das Herz rutschte ihm in die Hose. In einer Reflexhandlung wollte er schon seine Waffe heben... Doch der Riese drängelte sich einfach vorbei, ohne ihn zu beachten.
Ruhig, du Idiot! schimpfte Cooper stumm mit sich. Fast hätte er sich verraten und dann wäre alles vorbei gewesen. Er betrat die Aufzugkabine. Die Tür schloss sich hinter ihm. Rechter Hand befand sich eine Schalttafel mit Knöpfen, über die man verschiedene Etagen anwählen konnte. Bestürzt stellte Cooper fest, das er keine Ahnung hatte, zu welcher Ebene er fahren musste. Augenblick, wir sind fünf Sekunden mit großem Tempo gefahren. Die Zellen sind also ziemlich weit unten... Instinktiv wählte er den untersten Knopf.
Der Aufzugkorb setzt sich in Bewegung. Was ist, wenn sie mich unten schon erwarten?
- Entschlossen griff er zu seiner Maschinenpistole. Sollen sie doch! Der Lift stoppte. Die Schiebetür schob sich zur Seite. Cooper hielt den Atem an. Mit dem Daumen drückte er den Sicherungshebel herunter und legte den Zeigefinger um den Abzug.
Der Tunnel war verlassen. Und so, wie es aussah, hatte er auch die richtige Etage erwischt. Uff! Die MP wurde wieder gesichert. Die Kuppel mit den Zellen befand sich am anderen Ende dieses Ganges. Er machte sich auf den Weg.
Bisher lief alles wie geschmiert. Scheinbar ließ sich dieser Knife doch noch ein bisschen Zeit bis zu seinem Besuch bei Stonelake. Nur noch wenige Meter, und er hatte es geschafft. Oder zumindest konnte er dann die Wild Cards aus ihrer Zelle befreien. Der Eingang in die Kuppel blickte ihm finster entgegen. Außer seiner Schritte war hier unten kein Geräusch zu vernehmen. Ein gutes Zeichen. Es gab noch keinen Alarm! Womöglich waren sogar die beiden Wächter abgerückt und er war allein. Aber darauf verließ er sich besser nicht.
Er legte die rechte Hand um den Schaft der MP. Wenn es sein musste, wollte er sofort schießen können. Bei seinen letzten Schritten bis zum Tunnelende trat Cooper besonders laut auf. Er wollte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, als schleiche sich hier jemand heran. Er wollte einfach wie ein gewöhnlicher Wächter in die Kuppel marschieren.
Als er herein trat, berührte er trotzdem instinktiv den Abzug. Er blickte in die neugierigen Augen eines Uniformierten, der neben einer der Nischen Aufstellung bezogen hatte. Wie Hawkes zu seiner Erleichterung feststellte, hatte er es nur noch mit diesem einen zu tun.
"Hi, wie geht’s?" begrüßte er den Wächter lässig. Der Kerl runzelte die Stirn. Irgendwie verbreitete er plötzlich nicht mehr Neugierde sondern Argwohn. Cooper verfluchte sich. Hätte er doch bloß den Mund gehalten! Doch mit dieser Situation musste er jetzt fertig werden! -Langsam schritt er auf den anderen zu. Wenn er nah genug an ihn herankam, um ihm die MP über den Schäden schlagen zu können, hatte er gewonnen.
Er war nur noch einen knappen Meter von dem anderen entfernt, als die Kammer plötzlich in ein pulsierendes rotes Licht getaucht wurde. Nicht jetzt! Augenblicke später hallte die Stimme des Glatzkopfes aus einem Lautsprecher:
"Achtung, hier spricht Knife. Wir haben einen Ausbrecher in schwarzer Uniform. – Wiederhole..."
Der Wächter starrte zuerst auf den Lautsprecher, dann auf Cooper. Seiner erschrocken Miene nach zu urteilen begriff er sofort. Er begriff aber trotzdem nicht schnell genug, um noch die Maschinenpistole herabsausen zu sehen, mit der Cooper ihn niederstreckte. Der Länge nach landete der Uniformierte vor der Nische auf dem metallenen Fußboden.
Hawkes setzte über ihn hinweg, sprang die Stufen herunter und schlug auf den viereckigen Schalter rechts an der Wand. Die Tür summte zur Seite.
Im Inneren der Zelle begrüßten ihn maßlos erstaunte Blicke von Shane, Vanessa und Nathan. Im hinteren Teil des kleinen Raumes saßen ein blondes Mädchen und eine Frau, die er nicht kannte, auf einer Pritsche.
Cooper wischte die Fragen, die ihm die Wild Cards vermutlich gleich stellen würden, mit einer energischen Handbewegung hinweg. Dafür war jetzt keine Zeit.
"Auf geht’s", trieb er sie an. "Lasst uns hier abhauen!"
In McQueens Hummerjeep herrschte eine Hitze wie in einem Backofen. Daran änderte auch der Fahrtwind nicht viel, der über den Türen herein wehte. Der Schweiß lief ihm in Kaskaden herunter und er griff in regelmäßigen Abständen zu der großen Feldflasche, die er neben sich gelegt hatte. Und da behaupten die Leute, nur die Chigs bevorzugen unwirtliche Planeten! Als Soldat hatte McQueen aber gelernt, das herrschende Klima als gegeben hinzunehmen und sich darauf einzustellen. Warum sich über etwas beklagen, was man nicht ändert konnte?
Rechts neben dem Lenkrad und oberhalb des Funkgerätes, über das er ständig mit der Marine Corps-Basis auf dem Las Vegas-Airport verbunden war, befand sich in der Konsole ein kleiner Bildschirm, der zu einem Satellitennavigationssystem gehörte. Darauf war die Stelle, wo sich der HumVee gerade befand, durch einen weißen Punkt auf einer Karte markiert. Zu der entlegenen Basis, die irgendein Scherzkeks vom 103ten AirWing als Area 51 bezeichnet hatte, war es inzwischen nicht mehr weit. Noch fünf Meilen und er hatte es geschafft.
Ganz allmählich reduzierte McQueen die Geschwindigkeit seines Jeeps auf etwa 20 Meilen pro Stunde, um keine so große Staubwolke mehr zu verursachen. So auf sein Ziel zukriechend, suchte er auf der Karte nach einer geeigneten Stelle, von der aus er die Basis in Augenschein nehmen konnte. Was er brauchte, war eine Deckung, hinter der er sich nähern konnte, ohne gesehen zu werden. Auf der Westseite von "Area 51" wurde er fündig. Die militärische Karte, deren Genauigkeit fast bis zu einzelnen Vogelnestern reichte, zeigte dort eine kleine felsige Anhöhe. Eine optimale Beobachtungsstelle.
Da er bisher von Nordwesten herankam, steuerte McQueen nun ein wenig nach rechts, um sich der Anhöhe dann in einem Bogen nähern zu können. Nach ungefähr fünf Minuten begannen sich die Felsen vor ihm allmählich abzuzeichnen. Der Hügel bestand aus Geröll und nackten Stein und erhob sich fast wie ein riesiger Maulwurfshügel aus seiner sonst topfebenen Umgebung.
Der Colonel reduzierte das Tempo noch weiter. Die letzten Meter tastete er sich eher heran als er fuhr. Am Fuße der Erhebung stellte er den Motor ab. Vor ihm führte eine zerklüftete Geröllhalde schräg nach oben. Sie endete bei mehreren großen Felsen.
McQueen griff sich die Feldflasche, ein Fernglas, die M590 und eine Schirmmütze zum Schutz vor der Sonne und stieg aus. Die Gluthitze von oben und die heiß flimmernde Luft von unten trafen ihn fast wie ein Schlag. Irgendwie verspürte er das Bedürfnis, sofort wieder einzusteigen und sich vom Fahrtwind erfrischen zu lassen. Am Himmel war nicht eine einzige Wolke zu sehen. Skeptisch blickte er die Geröllhalde hinauf. Bei diesem Klima und mit seiner Prothese würde der Aufstieg nicht einfach sein.
Die Feldflasche verstaute er in einer dafür vorgesehenen Tasche an seinem Gürtel, das Fernglas hängte er sich um den Hals, das Gewehr mit seinem Riemen auf den Rücken. Es konnte los gehen! -Schritt um Schritt nahm McQueen den Aufstieg in Angriff. Der Unter-grund war durch viele kleine Steine labil. Vermutlich hätte er schon einem Menschen mit zwei gesunden Beinen Kopfzerbrechen bereitet, für ihn hingegen war er ein fast unbezwingbares Hindernis. Zeitweise musste er auf seinem Weg die Arme ausbreiten, als balanciere er auf einem Hochseil, zeitweise kroch er auf allen Vieren. Schon nach wenigen Metern spürte er, dass ihm sein rechtes Knie langsam weich wurde. Er drohte, einzuknicken und zu stolpern.
Nach schweißtreibenden Minuten hatte er die Geröllhalde aber tatsächlich erklommen. Neben einem der Felsen nahm er das Fernglas in die rechte Hand und legte sich auf den Bauch.
Unter ihm und rund eine Meile entfernt, erblickte er nun zum ersten Mal die Basis. Sie bestand aus unzähligen runden Kuppeln und quaderförmigen Komplexen, die alle durch ein Netzwerk aus Tunneln, die über den Wüstenboden verliefen, verbunden waren. Ein runder Kuppelbau, der alle anderen überragte, beherrschte das Zentrum der Basis. Auf der ihm zugewandten Seite entdeckte McQueen eine Halle mit halb offen stehenden Toren, davor drei Hubschrauber und ein Kurzstreckenshuttle.
Auf seinem Gesicht zeichnete sich ein zufriedenes Lächeln ab. Ich habe es tatsächlich
gefunden! Nachdem er nun davon überzeugt war, am Ziel seiner Suche angelangt zu sein, hob er das Fernglas an die Augen, um die Basis genauer betrachten zu können.
Die Halle, die Cooper auf dem Weg zu Dr. Stonelake durch das Fenster gesehen hatte, war eine riesige Garage für den Fuhrpark und zugleich eine Werkstatt dieser Basis. Hier standen Jeeps, Lastwagen und Spezialfahrzeuge. Manche davon wurden repariert, manche gewartet und geputzt.
Cooper Hawkes und Nathan West öffneten vorsichtig die Tür des Geräteraumes, in dem sie sich zur Zeit alle versteckten und lugten in die Halle. In ihrer näheren Umgebung standen ein Jeep und ein Lkw über Wartungsgruben. Scheinbar arbeitete niemand an ihnen. Ansonsten herrschte aber rege Geschäftigkeit.
"Verdammt viel los hier", murmelte Cooper leise. "Ich hab’ keine Ahnung, wie wir hier unbemerkt ‘raus sollen."
Nathan erwiderte nichts und nahm statt dessen die beiden Fahrzeuge vor ihnen in Augenschein. Schließlich zog er Cooper wieder in den dunklen Raum zurück und schloss die Tür. Der InVitro sah ihn fragend an. Nathan erklärte: "Unbemerkt geht es wirklich nicht, aber was wäre, wenn wir uns eins der Fahrzeuge schnappen und dann einfach Gas geben. Ab durch die Mitte."
Hawkes blickte ihn zweifelnd an.
"Klingt ja ganz okay, aber ich hab’ keine Ahnung, wie man so etwas fährt."
West reagierte mit einem leichten Grinsen.
"Du willst mir erzählen, du kannst nicht Auto fahren?!"
"Wie denn? Beim Corps haben die uns doch nur beigebracht, wie man fliegt", antwortete Cooper ungehalten.
"Coop, ich wusste schon mit zwölf, wie man..." West stockte. "Vergiss es", fuhr er peinlich berührt fort. "Ich gehe. - Wird zwar schwierig ohne schwarze Uniform, aber es wird schon klappen." Nathan wandte sich den drei Frauen und dem Mädchen zu. Leise erklärte er:
"Ich sichere uns den Truck, der ein paar Meter links vor dem Geräteraum über einer Wartungsgrube steht. Gebt mir eine Minute und klettert dann auf die Ladefläche."
Bevor ihm irgend jemand widersprechen konnte, legte Nathan die Hand auf die Türklinke. Mit angehaltenem Atem drückte er sie herunter und öffnete die Tür einen Spalt, um nachsehen zu können, wie er sich dem Lastwagen am besten näherte.
Das Fahrzeug stand mit dem Heck zu ihnen. Bis zum Führerhaus waren es circa zehn Meter. Zu seinem Leidwesen stellte er fest, dass er zwischen dem Geräteraum und dem Heck des Lasters so gut wie keine Deckung haben würde. Ein kleiner Jeep und eine Werkbank. Mehr gab es nicht. Verstecken konnte er sich also nicht. Musste es eben anders gehen!
So unbefangen wie möglich trat er in die Halle hinaus. Vielleicht hielten die Techniker seinen Fluganzug aus der Entfernung ja für einen Arbeitsoverall. Zielstrebig steuerte er auf die Wartungsgrube des Trucks zu, wobei er das unangenehme Gefühl hatte, dass er von allen möglichen Leute beobachtet wurde. Einfach ignorieren und weitergehen! Soweit er erkennen konnte, kümmerte sich zur Zeit tatsächlich niemand um den Laster. Auf jeden Fall sah er bei ihm niemanden. Um so besser! Die letzten Meter zum Führerhaus konnte er unter dem Fahrzeug durch den Wartungsgraben zurücklegen und dort war er gut verborgen.
Fast lässig sprang er in den Graben herunter - ist leichter als ich dachte! - ...und starrte aus geweiteten Augen plötzlich auf einen blauen Arbeitsoverall. Der gehörte zu einem Mechaniker, der mit einem Werkzeug gerade an einem Radkasten arbeitete. Langsam drehte sich der Blaue um. Es war ein älterer Mann mit einem grauen Haarkranz und Schnurrbart. Gelangweilt und genervt nahm er seinen Besucher in Augenschein. Er musterte Nathan wie jemanden, der ihn bei der Arbeit störte. Einen Augenblick hoffte der schon, der Fluganzug mit den Wild Card-Aufnähern würde ihm überhaupt nicht weiter auffallen. Doch plötzlich riss der Mechaniker die Augen auf. - Ohne zu zögern ließ der Marine seine Faust vorschnellen. Krachend traf sie den Unterkiefer des Mannes. Der stolperte zurück, war jedoch nicht so benommen wie Nathan gehofft hatte. Noch im Stolpern riss der Blaue einen Schraubenschlüssel vom Rand des Wartungsgrabens hoch. Einen Augenblick später sprang er auf den Eindringling zu. Das Werkzeug sauste wie eine metallene Keule in einem Bogen auf Nathan herunter. Er fiel dem Mann gerade noch rechtzeitig in den Arm, um zu verhindern, dass ihm der Schraubenschlüssel den Schädel zerschmetterte. Statt dessen traf das Ding den linken hinteren Radkasten. Das Scheppern hallte durch die ganze Werkstatt. Nathan packte das Handgelenk des anderen. Er musste den Mechaniker unbedingt von diesem Schraubenschlüssel trennen. Mit aller Kraft versuchte er ihm die Hand auf den Rand des Grabens zu schlagen. Vergeblich! Ihr Ringen führte nur zu einem weiteren lautstarken Treffer am Unterboden des Lkws. Vermutlich wimmelt es hier gleich von Neugierigen! Endlich landete Nathan am Kopf des anderen einen zweiten Treffer. Er verschaffte ihm genug Bewegungsfreiheit, um gleich noch einmal zuschlagen zu können. Es nützte nichts! Der Blaue griff sofort wieder an. Diesmal reagierte Nathan jedoch anders. Er beugte sich vor und rammte dem anderen seine rechte Schulter wie ein Footballspieler gegen den Körper. Auf diese Weise brachte er seinen Gegner aus dem Gleichgewicht. Mit dem Rücken und dem Hinterkopf klatschte er auf den Boden des Grabens. Ein letzter wuchtiger Faustschlag gegen die Schläfe und Nathan hatte den anderen endlich überwunden.
Jetzt aber Beeilung! Die anderen waren womöglich schon unterwegs und sie würden garantiert nicht lange unbeobachtet bleiben.
Nathan nahm von seiner Deckung aus die Umgebung des Führerhauses in Augenschein. Wo er auch hinsah, wurde gearbeitet. Aber wenn er Glück hatte, sah gerade niemand in seine Richtung, wenn er einstieg. Er wollte gerade vorsichtig den Graben verlassen, als sich in der Halle plötzlich eine deutliche Unruhe bemerkbar machte. Männer in Overalls hörten auf zu arbeiten und blickten in die Richtung des Trucks, den er gerade kapern wollte. Sekunden später hörte er schwere Stiefel und Rufe. Scheinbar waren Wachen hierher auf dem Weg, was nur eins bedeuten konnte. Sie waren entdeckt! - Nun also nichts wie weg!
Nathan sprang aus dem Graben heraus und saß eine Sekunde später hinter dem Lenkrad. Der Schock folgte auf dem Fuße. Kein Schlüssel!
Aus den Augenwinkeln sah er links mehrere Schwarz Uniformierte, die sich rennend näherten. In aufkommender Panik sah sich Nathan im Führerhaus um. Wenn er in zwei Sekunden nicht den Motor anwerfen konnte, waren sie verloren. Auf dem Beifahrersitz entdeckte er eine Mappe mit Papieren und... Er riss den Ring mit den drei kleinen Schlüsseln an sich. Welcher ist es nun? Auf gut Glück rammte er einen von ihnen ins Schloss und drehte ihn um. Der Anlasser jaulte, der Motor hustete, sprang jedoch nicht an. Komm schon! !
Hinter ihm schlug jemand wütend gegen die Rückwand des Führerhauses. "Fahr doch endlich!" hörte er jemanden von der Ladefläche brüllen. Es klang ganz nach Cooper. Ja doch! Und endlich dröhnte der Dieselmotor des Trucks los. Nathan trat die Kupplung, warf den ersten Gang herein und gab Vollgas. Mit einem Ruck setzte sich der Laster in Bewegung. Trotzdem war er nicht schnell genug gewesen. Durch das Seitenfenster konnte Nathan den behelmten Kopf eines Wächters erkennen, der gerade auf das Trittbrett gesprungen sein musste. - Zunächst konnte er sich um den Kerl aber nicht kümmern! Nur wenige Meter vor ihm versperrte ihm ein Jeep den Weg. Er musste es irgendwie schaffen,
den Truck rechts an ihm vorbei zu steuern. Das Ausweichmanöver führte ihn direkt in ein großes Werkzeugregal. Er verwandelte es in einen Regen aus Schrauben, Ersatzteilen und verbogenen Metallkomponenten. Techniker der ganzen Umgebung ergriffen die Flucht.
Plötzlich schwang die Tür neben ihm auf. Wütend hielt sich der Uniformierte mit einer Hand an einem Griff fest und schwang mit der anderen seine Waffe herum, bis ihre Mündung auf den Marine zeigte. Der reagierte ohne zu überlegen. Die Stiefelsohle traf den Wächter in Brusthöhe und beförderte ihn in hohem Bogen zurück in die Werkstatt.
Der kurze Moment des Kampfes hatte Nathan unglücklicher Weise auf Kollisionskurs mit der Vorderseite eines Autos gebracht und leider war auch das Tor nach draußen an einer anderen Stelle geöffnet. Alles, was er noch tun konnte war, das Lenkrad festzuhalten, das Gaspedal bis unten durchzutreten und die Augen zu schließen. Es folgte ein Ruck, ein damit verbundenes Krachen,und dann sprengte die Vorderseite des Trucks das riesige Tor auseinander. Glas und Blech platzten nach außen.
McQueen zuckte vor Schreck zusammen, als in der Nähe der drei Hubschrauber plötzlich das große Tor zerfetzt wurde. Unter der Trümmerwolke preschte ein Lastwagen heraus. Was passiert da? Sofort richtete er sein Fernglas auf das Fahrzeug, in dem scheinbar gerade jemand durchdrehte. Wackelnd brachte er es ins Bild... und erlebte beim Anblick der Person im Führerhaus gleich den nächsten Schock. Es war kein anderer als Nathan West.
Als er seine Augen wieder öffnete, bemerkte Nathan rechts von sich die Helikopter und das Shuttle, die hier unter freiem Himmel abgestellt waren. Wenn er die Fluggeräte nicht unschädlich machte, war ihre Flucht durch die Wüste zum Scheitern verurteilt.
Ohne zu zögern riss er das Lenkrad herum. Aus Richtung Halle ertönten Schüsse. Verdammt! Die Wachen kamen bereits heraus und ihr Gefährt glich einem fahrenden Scheunentor, das kaum zu verfehlen war. Verbissen schaltete er bis in den dritten Gang hoch. Er nahm mit dem Truck das Heck des ersten Helikopters ins Visier.
Der Aufprall war stärker als er erwartet hatte. Das Heck gab zwar nach und schnellte dann zur Seite, doch die Kollision brachte den Lastwagen zu stark aus der Bahn. Den zweiten Hubschrauber dahinter erwischte er in der Rumpfmitte. Kreischend gab das Fluggerät nach. Das Wrack verkeilte sich augenblicklich quer vor dem Führerhaus und die Masse des Lasters quetschte ihn herunter, bis sich die Trümmer vollkommen in Stoßstange, Karosserie und Radkästen verhakt hatten. Durch seine Geschwindigkeit schob der Truck die Reste des zermalmten Helikopters noch ein paar Meter durch den Staub... und blieb dann, mit den Vorderrädern halb auf den Überresten, stehen. Endstation! Was jetzt?
Nathans Blick fiel auf das Kurzstreckenshuttle, das in der Nähe stand. Es sah genauso aus wie die APCs, mit denen sie durch den Weltraum flogen, war nur erheblich kleiner. Hoffentlich steuerte es sich auch wie ein APC!
"Los, raus zu dem Shuttle!" brüllte er, noch während er aus dem Führerhaus sprang. Eine MP-Salve von der Halle zeigte ihm, dass das Shuttle vielleicht gar nicht so leicht zu erreichen sein würde. Von der Ladefläche antwortete eine andere MP5. Coopers Stimme mischte sich dazu.
"Ich geb’ euch Deckung, macht schnell!"
Weitere nahe Salven ertönten. Nathan machte sich mit großen Sätzen auf den Weg zur Fähre. Staubfontänen spritzten hinter ihm hoch. Er warf sich auf den Boden. Noch trennten ihn mehrere Meter vom Cockpit. Hinter ihm rannten die anderen gerade auf die Vorderseite des stehen gebliebenen Lasters mit den Resten des Hubschraubers zu. Kathrin wurde von Vanessa getragen, Shane und Cooper bildeten die Nachhut und gaben aus ihren erbeuteten MPs Schüsse in Richtung Halle ab.
McQueen verspürte das große Bedürfnis, die schwarz Uniformierten mit Granaten zu bewerfen.
Ungläubig hatte er gerade mit angesehen, wie Nathan die beiden Helikopter in Altmetall verwandelt hatte und dann aus dem Führerhaus gesprungen war. Inzwischen kroch er die letzten Meter auf das Shuttle zu, während die anderen hinter dem Wrack des Helikopters in Deckung gegangen waren.
Auch die übrigen fünf hatte er erkannt. Was auch immer der Grund für die Ereignisse war, die sich da vor seinen Augen abspielten, sowohl die Wild Cards als auch Kathrin und ihre Mutter befanden sich auf der Flucht, und er saß hier und hatte keinen Schimmer, wie er ihnen beistehen könnte. Für seine M590 war die Entfernung zu groß und andere Waffen
hatte er nicht dabei. Ihm blieb nichts weiter übrig, als zu beobachten und zu hoffen.
Nathan landete mit Schwung im Sessel hinter den Steuerelementen des Shuttles. Bangend überflog er die Instrumente. Wenn er das Ding nicht fliegen konnte, waren sie geliefert.
Marsha, Vanessa und Kathrin hetzten bereits auf ihn zu, während Shane und Cooper die Verfolger durch Schüsse zwangen, auf Distanz zu bleiben.
Nach einem kurzen Moment der Orientierungslosigkeit hatte Nathan die Steuerung begriffen. Ist alles wie beim APC! Ein Knopfdruck auf den Starter und schon heulten die Düsen auf. - Eine Explosion zog Nathans Aufmerksamkeit wieder auf das Gelände hinaus. Vermutlich war das erste Hubschrauberwrack gerade von Geschossen durchsiebt worden und das Flugbenzin hatte sich entzündet. Eine schwarze Rauchwolke stieg auf.
Hinter ihm hechteten Marsha, Vanessa und Kathrin in den geöffneten Transportcontainer.
Etwas weiter entfernt bei den Wracks wollte sich Cooper ebenfalls auf den Weg machen, wurde aber durch MP-Garben sofort wieder in Deckung gezwungen. - Er und Shane saßen fest! Sie hatten keine Möglichkeit mehr, Nathan zu erreichen... also musste er zu ihnen.
West drehte die seitlichen Düsen senkrecht nach unten und erhöhte den Schub. Staub hüllte das Shuttle ein. Einen Moment lang klebte es noch am Boden, dann erhob es sich. Taumelnd steuerte es in nur wenigen Metern Höhe an den zerstörten Truck heran. Unter dem Fahrzeug kam es plötzlich zu einer Verpuffung. Innerhalb von Augenblicken stand der Truck in Flammen. Cooper und Shane waren gezwungen, sich ins offene Gelände zu entfernen. - Im letzten Moment setzt Nathan das Shuttle zwischen sie und die MPs der Verfolger. Geschosse sirrten heran, durchschlugen Gehäuse, Kunststoffteile, Glas, Verstrebungen. Kathrin kreischte und Vanessa rief nur, sich flach auf den Boden zu legen.
Nach schier endlosen Sekunden hatten sie Shane und Cooper endlich erreicht.
"Wir sind drin, los jetzt!" überschrie Shane den herrschenden Lärm aus kreischenden Düsen, Schüssen und loderndem Feuer. Nathan reagierte sofort. Das Shuttle erhob sich. Gleichzeitig flogen nur wenige Meter entfernt der Truck und der Helikopter in die Luft. Die Druckwelle blies die Fähre fast wieder herunter. Rechts hinten ertönte ein Knall. Irgend ein Trümmerstück musste sie erwischt haben! Die Fähre wurde vertrimmt und schaukelte wieder auf den Boden zu. Kurz vor dem Aufschlag gelang es, sie wieder abzufangen. Schwankend und eine Rauchfahne hinterlassend stieg sie auf. Der AeroTech-Komplex fiel hinter ihr zurück.
Besorgt verfolgte McQueen mit dem Fernglas den Flug des Shuttles. Einerseits hatte West das Ding zwar irgendwie in die Luft bekommen und die anderen evakuiert, aber die Rauchfahne, die es hinter sich herzog, bedeutete nichts Gutes. Besonders lang würde der Flug nicht dauern!
Die Verfolger hatten sich auf die neue Situation schon eingestellt. Der Colonel beobachtete einen wild gestikulierenden Glatzkopf, der zusammen mit einem der Uniformierten auf den verbliebenen Hubschrauber zulief. Nachdem sie sich ins Cockpit geschwungen hatten, liefen die Rotoren an. In der Nähe des startenden Hubschraubers preschten drei HumVees aus der Halle. Große Staubwolken hinterlassend schlugen sie die Richtung ein, die das beschädigte Shuttle genommen hatte. Nach Nordwesten. Auf dem Dach des einen Jeeps identifizierte McQueen einen AntiAircraft-Raketenwerfer. Damit waren sie fähig, einen Hammerhead vom Himmel zu holen, von einem kleinen lädierten Kurzstreckenshuttle ganz zu schweigen. Der Hubschrauber hob ab und nahm ebenfalls die Verfolgung auf.
Das war zu viel! Er musste etwas unternehmen! McQueen stand auf und stolperte die Geröllhalde hinunter auf seinen wartenden Jeep zu.
Das Shuttle schwankte und schaukelte, als flögen sie durch einen Sturm und hätte Nathan sich nicht angegurtet, würde er der Steuerung vermutlich überhaupt nicht mehr Herr werden. Vor ihm leuchteten inzwischen mehr Warnleuchten als er zählen konnte.
Wenigstens hatte er inzwischen über die Satellitennavigation eine vage Ahnung davon, wo sie sich befanden. - Ungefähr 250 Meilen südöstlich von Las Vegas. Wenn sie es schafften, diese Stadt zu erreichen, waren sie gerettet. Krachten sie allerdings vorher in der Wüste herunter... Nathan entschloss sich, darüber lieber nicht nachzudenken. Im Augenblick war nur wichtig, dafür zu sorgen, dass es nicht dazu kam.
Nach einer gewissen Zeit hinter dem Steuer bekam Nathan die Fähre tatsächlich in den Griff. Ganz allmählich ging er über der Wüste auf Höhe. Das Triebwerk rechts außen hinterließ zwar noch immer schwarze Qualmwolken und hustete vor sich hin, doch er schaffte es einigermaßen, das durch die übrigen Düsen auszugleichen. So langsam erlaubte er sich eine leichte Zuversicht...
"Schneller, da ist ein Hubschrauber!" schrie Shane plötzlich hinter ihm aus dem Transportcontainer. Soviel zu meiner Zuversicht! Nathan drehte sich um und schob die Tür, die das Cockpit von der Passagierkabine trennte, zur Seite. Im Gegensatz zum APC hatte eine Kurzstreckenshuttle ein großes Fenster auf der Rückseite. Wenn sie verfolgt wurden, wollte er sehen können, was sich hinter ihnen befand.
Am Heckfenster beobachtete Vansen mit bangem Blick, wie aus Richtung Wüste ein bedrohlich wirkendes schwarzes Ungetüm zu ihnen herauf raste. Sie erkannte es sofort als den AeroTech-Helikopter, den sie nicht mehr hatten zerstören können. Innerhalb von Sekunden war er auf ihrer Höhe.
Im Cockpit versuchte West verzweifelt, ihr Shuttle zu beschleunigen. Mehr als ein paar zusätzliche Meilen pro Stunde rang er den Düsen aber nicht mehr ab.
In einem eleganten Bogen setzte sich der Hubschrauber über sie und sackte abrupt ab. Die folgende Erschütterung riss Nathan fast die Steuerung aus den Händen. Das Shuttle taumelte, schüttelte sich, drohte abzuschmieren. Er hatte es gerade wieder einigermaßen unter Kontrolle, als sie wieder einen Schlag abbekamen. Kreischend kratzten die Kufen des Hubschraubers über das Dach den Shuttles. Die Steuerung in Nathans Händen bebte. Auf ihrem Gefährt lastete ein immer schwereres Gewicht. - Wieder ein Krachen. Es kam ihm vor, als schlage jemand mit einem tonnenschweren Hammer immerfort auf sie ein. Und bei jedem Schlag verloren sie wertvolle Höhe.
"West, zur Seite ausweichen!" empfahl Shane schreiend. Er riss die Steuerung nach links. Leider zu langsam. Die Kufen des Hubschraubers erwischten sie mit voller Wucht am Ausläufer der rechten Düse. Mit einem Schlag kippte das Gefährt nach rechts und rutschte in die Tiefe. Nathan spürte, wie ihm der Magen in den Hals steigen wollte. Alles drehte sich.
Sie retteten schließlich nur seine instinktiven Reflexe als Pilot. In knapp 600 Fuß über der
Wüste schaffte er es, die Fähre wieder abzufangen. -Sekunden später war der Hubschrauber schon wieder da. Nathan erblickte ihn durch das linke Seitenfenster. Er flog diesmal neben ihnen... schwang plötzlich heran... Nathan ließ sein Gefährt absacken. Das schwarze Ungetüm wischte über sie hinweg. - Der Verfolger ließ aber nicht locker. Diesmal schwang er von der anderen Seite heran. Es war, als sollten sie mit roher Gewalt vom Himmel gerammt werden. Schon war der Helikopter wieder nah genug, dass er die Nieten an seiner Verkleidung erkennen konnte. - Der Marine bremste abrupt ab. Der schwarze Vogel sauste, nach links herüberziehend, an ihnen vorbei. Das war knapp! Sofort zog Nathan das Shuttle nach rechts herum und versuchte, wieder aufzusteigen. Er wollte so schnell wie möglich so viel Abstand wie möglich zu dem Verfolger bekommen. Vergeblich! Vor seinen Augen schoss der Hubschrauber wieder in den Himmel und setzte sich über sie. Er versuchte, ihn im Blick zu behalten, um auf die nächste Attacke vorbereitet zu sein. Es gelang ihm nicht.
"Wo ist er? Könnt ihr ihn sehen?" rief er den anderen zu.
"Nein, ich glaube, er ist direkt über uns", antwortete Vanessa. Oh nein! Nathan bereitete sich, so gut es ging, auf den nächsten Schlag auf ihr Dach vor. Er blieb aus...
"Ich seh’ ihn wieder. Er fällt zurück!" hörte er Shane. Nathan verrenkte sich den Hals. Im Rückfenster sah er, wie der Hubschrauber immer kleiner wurde. Was haben sie denn jetzt vor?
"Ausweichen, er schießt!" schrie Vansen. Unter dem Rumpf des Helikopters fauchte ein Sturm aus Feuerpfeilen hervor. Leuchtspurgeschosse! Nathan riss die Fähre nach links. - Es nützte nichts. Die Flammenspur schwenkte ihnen hinterher... senkte sich langsam von oben auf sie herab.
"Tiefer gehen!"
Die Fähre bekam einen Tritt, während gleichzeitig das Dach zerfetzt wurde. Im Inneren der Kabine bildeten sich Windwirbel, die alles, was nicht befestigt war, wild durch die Gegend bliesen. Nathan drückte die Steuerung nach vorne und schwenkte gleichzeitig nach rechts. Der Feuersturm fauchte knapp an ihnen vorbei. - Leider kam er der Wüste inzwischen bedrohlich nah. Der Höhenmesser zeigte keine 300 Fuß mehr.
"Achtung, er schießt wieder!" brüllte Vansen und schon sah West, wie die Feuerlanzen knapp über sie hinweg pfiffen. Die nächste Salve lag noch näher. Verzweifelt ließ er ihr Gefährt weiter absinken. Noch ein Angriff und wir durchpflügen die Wüste!
"Er fällt zurück", berichtete Vanessa. "Vielleicht haben sie...Oh, Scheiße!"
"Was???" verlangte Nathan lautstark zu wissen.
"Fahrzeuge!" stammelte Shane. "Die haben da unten einen Raketenwerfer!"
Von ihrem Platz aus sah sie, wie unter ihnen drei HumVees durch die Wüste fetzten. Eine gewaltige Staubwolke hinterlassend. Auf einem von ihnen richtete ein behelmter Mann mit Schutzbrille einen Kasten mit unzähligen Öffnungen auf der Vorderseite gen Himmel.
"Weg hier, oder der holt uns ‘runter!"
Nathan wich zur Seite und stieg auf... Direkt in eine Salve des Helikopters hinein. Kreischend wirbelten weitere Teile ihrer Außenhülle davon. Geschosse pflügten mitten durch die Kabine und sprengten neben Nathan die Frontscheibe auseinander. Das Shuttle schleuderte durch die Luft. West reagierte instinktiv. Stabilisierte, steuerte gegen. Die Nadel des Höhenmessers fiel auf 230 Fuß. - Sie saßen in der Falle. Den Weg nach oben versperrte ihnen der Helikopter und unten lauerte der Raketenwerfer.
Shane griff sich ihre MP5.
"Bring uns tiefer, West!" befahl sie.
"Was?!" protestierte Cooper, begriff jedoch einen Moment später, was Vansen vor hatte. Nathan West reagierte einfach. Viele Alternativen blieben ihnen sowieso nicht mehr.
Während sie sanken, riss Shane die seitliche Schiebetür auf. Sie konnte die HumVees augenblicklich erkennen. Bis die erste Rakete ihr Rohr verließ, konnten nur noch Sekunden vergehen. Ein angeschlagenes Shuttle war mit so einem Werfer kaum zu verfehlen. Shane hob ihre Maschinenpistole und drückte ab. - Neben den Jeeps spritzte Staub auf. Mist! Die zweite Salve saß. Die Geschosse hämmerten einem der Fahrzeuge in die Motorhaube. Erschrocken riss der Mann hinter dem Steuer das Lenkrad herum und trat auf die Bremse. Der HumVee mit dem Werfer knallte in ihn hinein. Der Uniformierte hinter der Waffe verlor fast den Halt. Die Rohre schwenkten von ihnen weg.
In kürzester Zeit hatten sie sich von dem Zusammenprall aber erholt und kamen unter dem Shuttle wieder heran. - Cooper nahm sie mit seiner Maschinenpistole in Empfang. Eine Windschutzscheibe explodierte. Der getroffene Jeep bracht aus der Formation aus, schleuderte... überschlug sich. Er verschwand in einer Staubwolke.
"Hooyah!" jubelte der InVitro.
Ein Blick zurück und etwas nach oben dämpfte seine Euphorie aber sofort wieder. Der Hubschrauber brachte sich hundert Meter hinter ihnen in Schussposition und unter ihnen setzten die zwei verbliebenen Jeeps die Verfolgung unbeirrt fort. Der Werfer wurde ausgerichtet. - Leuchtspurgeschosse zuckten durch die Luft. Nathan wich nach unten aus.
- Die Jeeps rasten heran. Der Werfer hatte sie im Visier.
Shane zielte und drückte ab. Nichts! Das Magazin war leer. Wütend warf sie die Waffe heraus. Die MP wirbelte vom Himmel, was einen der Jeepfahrer instinktiv dazu veranlasste, dem herabfallenden Objekt auszuweichen. Gleichzeitig fauchte ein Flugkörper aus dem Werfer. Eine weiße Rauchspur hinterlassend stieg er auf.
"Rakete im Anflug!" schrie Cooper. Wir sind tot!
Statt aber mitten in ihrem Rumpf zu detonieren, tat sie das einige Meter links von ihnen. Noch bevor Shane klar werden konnte, dass ihnen vermutlich das abrupte Ausweichmanöver des HumVees gerade das Leben gerettet hatte, erwischte sie die Druckwelle. Vollkommen überrascht von dem Schlag verlor sie den Halt und stürzte durch die geöffnete Schiebetür nach draußen. Die Welt um sie herum drehte sich. Ich falle! ging ihr im selben Moment durch den Kopf, in dem sie durch eine reflexartige Handbewegung einen Riemen zu fassen bekam, mit dem man im Inneren von Shuttles Gepäck verzurrte. Mit einem Ruck hing ihr ganzer Körper an ihrem rechten Arm... außerhalb des Shuttles. Sofort erfasste sie der Wind und versuchte sie von dem Riemen wegzureißen. 200 Fuß unter ihr wischte die Wüste vorüber. Starr vor Angst schloss sie die Augen. Der Schmerz in ihrem Arm wurde langsam unerträglich.
"Shane, nimm’ meine Hand!" hörte sie Coopers Stimme von oben. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass er schon mehrere Male wie ein Verrückter zu ihr herunter geschrieen hatte. Sie zwang sich, die Augen wieder zu öffnen. Der InVitro starrte herunter und reckte ihr seine rechte Hand entgegen, während er sich mit der anderen im Inneren der Kabine fest hielt.
Nathan hörte, wie hinter ihm alle wild durcheinander brüllten. Er konnte es von seinem Platz aus zwar nicht sehen, aber er ahnte, was passiert war. Oh Gott! - Halb durch die geöffnete Luke und das Rückfenster sah er plötzlich wieder den Helikopter. Er fegte mit großer Geschwindigkeit heran. Keiner der anderen bemerkte das. Sie alle starrten auf Shane und Cooper.
"Schießt auf den Hubschrauber!" schrie er hinter.
"Ich kann nicht", antwortete Hawkes. "Shane hängt da unten."
Erbarmungslos kam das schwarze Ungetüm näher, um sie wieder zu rammen.
Endlich schaffte es Shane, ihre freie linke Hand so weit nach oben zu recken, dass Cooper sie ergreifen konnte. Gemeinsam zogen sie. Shane näherte sich allmählich der rettenden Kabine.
Als er schräg über ihnen war, ließ der Helikopterpilot seine Maschine mit ihrem ganzen Gewicht absacken. Die Kufen schmetterten auf den linken Triebwerksausläufer des Shuttles.
Die Gewalt des Aufpralls riss Shanes linke Hand wieder aus der rechten Coopers. Erneut baumelte sie unter der Fähre. Unter sich erkannte sie Staubwolken und die beiden HumVees. Sie schienen inzwischen zum Greifen nah.
"Achtung, er kommt wieder!" schrie Nathan.
Der Helikopter plumpste auf sie herunter. Diesmal schaffte es West aber, ihm zuvor zu kommen und seinerseits tiefer zu gehen. - Noch 150 Fuß Höhe! Dem Zusammenprall gerade entgangen, wich er nach links vom Kurs.
"West, hör’ auf damit, sonst stürzt sie ab!" protestierte Cooper lautstark.
Der Helikopter nahm von all dem keine Notiz. Er schwang von rechts heran. Bestürzt erkannte Nathan, dass Shane von einem Zusammenprall auf dieser Seite unweigerlich zerquetscht werden würde. Er wich weiter nach links aus. - Es nützte nichts. Der Hubschrauber folgte.
"Phousse, schieß auf den Hubschrauber!" brüllte West.
Nur mit Mühe riss sich die Angesprochene von dem Drama um Vansen und Hawkes los und griff nach der MP, die Hawkes fallen gelassen hatte. Bevor sie aber feuern konnte, wurden sie unvermittelt von den Jeeps aus mit automatischen Waffen unter Beschuss genommen. Zwischen Kathrin, Marsha und Damphousse meißelten sich Geschosse durch den Boden. Das Shuttle erzitterte... und Shanes rechte Hand rutschte aus dem Riemen. Verzweifelt schrie sie auf. Im letzten Augenblick setzte Cooper nach und umschloss ihr Handgelenk. Im Zeitlupentempo zog er sie hoch.
Der Helikopter schwenkte heran.
"Phousse!!!"
Die MP5 blitzte auf. Die Projektile fraßen sich in die seitliche Rumpfwand des Helikopters knapp hinter dem Cockpit. Das Ungetüm verharrte kurz... fiel dann langsam zurück. Nur wenige Meter neben ihnen konnten sie den Glatzkopf und einen Uniformierten hinter der Steuerung sitzen sehen. Sie waren sichtlich überrascht.
"Schieß...schieß noch ‘mal!" rief Nathan über seine Schulter. Sie hatten gerade die Möglichkeit, die Piloten zu erledigen. Eine solche würden sie vermutlich nie wieder bekommen.
"Ich kann nicht!" schimpfte Vanessa. Die MP war leer. Die Salve auf den Hubschrauber waren ihre letzten Kugeln gewesen.
Endlich schaffte es Shane, Cooper durch ihre linke Hand zu unterstützen. Sie packte den herunterbaumelnden Riemen, der ihr abgerutscht war. Mit vereinten Kräften wuchteten sie sie in das Shuttle zurück, wo sie vollkommen erledigt von Cooper in die Arme geschlossen wurde. - Der kurze Moment der Erleichterung wurde durch einen lauten Knall beendet. Das Shuttle schwankte. Dichter Rauch quoll in die Kabine.
"Was ist los?" rief Marsha verzweifelt.
Nathan brauchte nur einen Augenblick, um herauszufinden, was los war. Die Fähre war vollkommen instabil und ließ sich kaum noch in einer waagerechten Position halten. Von der Höhe ganz zu schweigen.
"Das rechte Triebwerk", stammelte er. "Wir stürzen ab!"
Die Wüste schwankte unter ihm heran. Die Nadel des Höhenmessers zitterte herunter und Nathan konnte nicht mehr das Geringste dagegen tun.
120...105...90 Fuß...
Sand und Staub unter ihnen waren zum Greifen nah. Bestürzt sah Nathan dem Unaus-weichlichen entgegen. Mit äußerster Anstrengung verlangsamte er ihren Sinkflug ein wenig.
...75...63...51 Fuß...
"Festhalten!" schrie er den anderen zu. Rechts wischten Felsen vorüber. West zog die Nase des Shuttles ein bisschen nach oben. Der Sturz wurde flacher.
Plötzlich wurde er brutal in die Gurte geworfen. Alles um ihn herum donnerte und kreischte. Innerhalb eines Augenblicks nahm ihm dichter Staub die Sicht und den Atem. Instrumente zerplatzten, Streben brachen. Seine Welt bestand nur noch aus Lärm, Chaos und Trümmern... Eine unheimliche Stille folgte...
Ganz vorsichtig versuchte Nathan, wieder Luft zu holen. Seine Lungen füllten sich mit einem erdigen Gemisch aus heißer Luft und Sand. Hustend keuchte er es aus, bis er endlich einigermaßen atmen konnte. Er hob die Augenlider. Das Cockpit war über und über mit Staub bedeckt. Ihn umgaben die Überreste der Instrumente. Hinter ihm lagen die anderen wild verstreut in der Kabine, die sich fast zu einem Viertel mit Sand gefüllt hatte. Niemand bewegte sich.
"Coop?" murmelte Nathan leise. "Kathrin?... Phousse?..."
Keine Reaktion. Angst kroch ihm das Rückrad hoch. Ihr werdet doch nicht... Er griff zum Verschlussmechanismus seines Gurtes, um sich loszuschnallen. Das blöde Ding hatte sich verklemmt. Erst nach mehrmaligem Reißen schaffte er es, die Schnalle zu lösen.
Hinter ihm hustete jemand. Es war Kathrin. Mühsam rappelte sie sich auf.
Das leise Knattern eines Hubschraubers ließ Nathan das Blut in den Adern gefrieren. Er kletterte hinter in die Kabine, wo sich das Mädchen inzwischen aufgesetzt hatte. Marsha öffnete gerade ihre Augen.
Das Knattern wurde lauter. Damphousse richtete sich abrupt auf.
"Oh Scheiße", war das erste, was ihr über die Lippen kam. Vorsichtig näherte sich West der reglos daliegenden Shane. Etwas weiter hinten wischte sich Cooper zögernd Sand aus dem Gesicht, als müsste er sich erst darüber klar werden, ob er auch wirklich dazu in der Lage war. West rüttelte die junge Frau am Boden.
"Shane?"
"Jaaa, schon gut!" fauchte sie ihn an. Sich langsam aufrichtend hielt sie sich den Kopf.
Das Geräusch des Hubschraubers kam nun aus unmittelbarer Nähe. Nathan kroch vorsichtig in Richtung Ausstiegsluke und spähte hinaus. - Keine hundert Meter hinter ihrer Absturzstelle wirbelte Sand auf. Wie ein riesiges Insekt senkte sich der schwarze Helikopter vom Himmel.
"Was ist?" fragte Cooper.
"Sie landen", antwortete Nathan nüchtern.
Das Knattern der Rotoren wurde langsamer. Erbost richtete sich der InVitro auf.
"So lass ich mich doch nicht erledigen!" Mit geballten Fausten stolperte er auf die Ausstiegsluke zu. Nathan hielt ihn mit sanfter Gewalt zurück.
"Was ist, willst du so auf sie los gehen?"
"Lass mich..."
"Coop, hör’ auf, es ist vorbei!"
Der InVitro starrte ihn aus zwei Augenschlitzen an. Nathan rechnete schon damit, dass er die Faust nun gegen ihn erheben würde, doch dann nahm sein Freund endlich Vernunft an. Resignierend ließ er die Arme sinken.
Gemeinsam traten sie langsam ins Freie hinaus. Shane und Vanessa folgten ihnen.
Das Wrack des Kurzstreckenshuttles hatte vor sich eine kleine Düne aufgetürmt. Hinter ihm war eine Furche zurückgeblieben, in der kleine und größere Trümmerstücke lagen.
Der Hubschrauber ruhte in etwa hundert Metern Entfernung auf seinen Kufen. Der Glatzkopf und sein Pilot standen daneben. Ihr böses Grinsen war sogar aus diesem Abstand zu erkennen. Links und rechts neben dem Helikopter bullerten die zwei verbliebenen HumVees heran. Drohend starrten ihnen die Rohre des Raketenwerfers entgegen. Schwarz uniformierte stiegen aus und nahmen sie mit Sturmgewehren ebenfalls ins Visier.
Nathan fühlte sich unglaublich müde. Es gab nichts mehr, was sie tun konnten. Wenn sie Widerstand leisteten, waren sie tot. So einfach war das. Auch die Mienen der anderen sprachen Bände.
Der Glatzkopf zuckte zufrieden mit den Schultern, als wolle er ihnen sagen: So ist das Leben!
Die Wild Cards hoben langsam die Hände, um für jeden sichtbar zu signalisieren, dass sie sich ergaben...
Ein leises Grummeln aus der Ferne ließ sie überrascht innehalten, obwohl sie es zunächst gar nicht erkannten. Innerhalb von Sekunden schwoll es zu einem Donnern an, das von Westen über den Himmel grollte. In das Donnern mischten sich Tosen und Pfeifen. - Die Wild Cards sahen sich an. Hammerheads! Doch sie konnten sich das Geräusch nicht erklären. Die Wüste Nevadas war nicht gerade das Haupteinsatzgebiet dieser Fighter. Irritiert drehten sie sich um und sahen in den Himmel; die Hände schon wieder gesenkt. Schwach zeichneten sich im Westen zwei Kondensstreifen ab. An den Spitzen schwarze Punkte, die rasch größer wurden und die auf sie zu kamen.
"Die gehen in den Tiefflug", stellte West mit einer Mischung aus Freude und Unbehagen fest. - Allmählich machte sich in ihnen das seltsame Gefühl breit, von den Fliegern direkt anvisiert zu werden. Die beiden schwarzen Punkte dehnten sich zu waagerechten Strichen aus... nahmen schließlich die unverwechselbaren Silhouetten der Vorderseiten von zwei SA-43 an, die eindeutig gerade einen Angriff flogen.
Das Unbehagen in ihnen machte einem Gefühl akuter Lebensgefahr Platz. Erschrocken rissen sie die Augen auf und warfen sich schon in den Sand.
Brüllend fetzten zwei Schatten auf Baumwipfelhöhe über sie hinweg. Nathan konnte erkennen, dass sie einen Schwarm winziger Objekte abwarfen. Dann stieg knapp jenseits des Hubschraubers schon ein Feuermeer auf. Der Donner der Explosion sprengte ihm fast das Trommelfell und raubte ihm für einen Moment den Atem, als habe ihm jemand in den Magen getreten. Bei den Fahrzeugen ihrer Verfolger blieb keine einzige Scheibe heil. Die Uniformierten lagen, wie auch die Wild Cards, im Dreck.
Die Hammerheads stiegen in mehreren Meilen Entfernung wieder in den stahlblauen Himmel auf und setzten zugleich zu einer ausgedehnten Rechtskurve an.
Vorsichtig rappelten sich die Wild Cards hoch. Ihre Blicke folgten den Abgasen und Kondensstreifen, die gerade im Begriff waren, eine riesige Schleife über den Himmel zu malen. Marsha und Kathrin lugten vorsichtig aus dem Wrack.
"Was war das?" fragte das Mädchen kleinlaut.
Die HumVees und der Hubschrauber waren im aufsteigenden Rauch und Staub kaum noch zu erkennen.
"Ich hab’ keine Ahnung", antwortete Shane, wobei sie aber vor allem den Grund der Attacke meinte... und das genaue Ziel.
Inzwischen war die aus schwarzen und weißen Rauchwolken geformte Schleife zu drei Vierteln geschlossen. Im Süden wurden die Punkte langsam wieder größer.
"Die kommen zurück", erkannte Vanessa.
"In Deckung!" schrie Shane zum Wrack herüber. "Flach auf den Boden legen!"
Mit dem Kopf nur wenige Zentimeter über dem Sand schielte Nathan Richtung Süden. Hundert Meter von ihnen entfernt liefen Knifes Leute in Panik wild durch die Gegend. Einer von ihnen versuchte, den Raketenwerfer herumzuschwenken. Zu langsam! Die Hammerheads peitschten schon wieder über sie hinweg. Keine fünfzig Meter nördlich der Position des letzten HumVee schlugen die nächsten Streubomben ein. Auf einer gewaltigen Fläche explodierte die Wüste. Der Mann am Werfer wurde von der Druckwelle vom Fahrzeug geblasen, der andere Jeep drohte umgeworfen zu werden.
Am nördlichen Himmel setzten die Fighter zu einer zweiten Schleife an, nach deren Vollendung sie wieder von Westen her angreifen konnten... und auf einmal begriffen die Wild Cards, was die beiden Piloten im Sinn hatten.
Shane nickte zu dem Hubschrauber, wo ihre Verfolger in dichtem Qualm völlig aufgelöst durch den Staub krochen.
"Das gilt nicht uns, sondern denen", meinte sie. In ihrer Stimme schwang deutliche Hoffnung mit.
"Aber wie kann das sein?" Nathan verstand nicht. Kein Mensch wusste, dass sie hier draußen waren. Offiziell galten sie ja sogar als tot. - Doch die Einschläge der Streubomben waren tatsächlich näher bei Knifes Leuten als bei ihnen erfolgt und bei der zweiten Attacke waren die SA-43 auch nicht über sie, sondern über die Position des Hubschraubers hinweg gedonnert.
Das Tosen der Triebwerke wurde wieder lauter. Die Luft und die Erde begannen zu vibrieren. Die Wild Cards kniffen die Augen zusammen und hielten sich die Ohren zu. Diesmal glaubten sie beim Überflug sogar, einen Windstoß zu spüren.
Das war zu viel! So schnell sie konnten, sprangen die Uniformierten auf und rannten zu ihren Fahrzeugen. Motoren sprangen an. Knife und sein Pilot hetzten zu ihrem Hubschrauber. Sie hatten sich hinter den zersplitterten Scheiben des Cockpits noch nicht angeschnallt, als bereits die Rotoren anliefen, die im Vergleich zum Röhren der Hammerhead-Turbinen und dem Donnern der Detonationen auf einmal seltsam leise wirkten. Im Süden schwoll dieser Lärm schon wieder an.
Nathan hob den Kopf. Der Hubschrauber und die HumVees wirbelten Sand auf. Quälend langsam setzten sie sich in Bewegung, während sie die Fighter ins Visier nahmen.
Nur Augenblicke nach deren viertem Überflug hob der Helikopter ab. Dicht über dem Boden folgte er den beiden Jeeps, die sich mit großer Geschwindigkeit aus dem Staub machten.
In Nathan machte sich eine unbeschreibliche Freude breit.
"Die hauen ab", murmelte er. Ganz langsam erhob er sich. Kniete sich zuerst hin, stand dann vorsichtig auf. "Die hauen ab!" wiederholte er. Diesmal wesentlich lauter.
"Hooyah", jubelte Vanessa neben ihm. Wie alle anderen Anwesenden konnte sie sich ihre unerwartete Unterstützung zwar noch immer nicht erklären, aber trotzdem waren die fliegenden Jeeps und der immer kleiner werdende Hubschrauber der schönste Anblick, an den sie sich seit langem erinnern konnte.
Sekunden später lagen sich die Wild Cards in den Armen. Weit ab von der Zivilisation, mitten in der trostlosen Wüste Nevadas, gab es nun vielleicht doch wieder ein bisschen Hoffnung.
Mitten in ihren Jubel mischte sich plötzlich das sich nähernde Bullern eines HumVee-Motors. Augenblicklich verstummten sie. - Hatten sie sich doch zu früh gefreut? Waren Knife und seine Leute vielleicht nur abgerückt, um sie in Sicherheit zu wiegen?
Eine kleine Staubwolke aufwirbelnd holperte der Jeep allmählich auf sie zu. Er trug eine Tarnbemalung, die perfekt den Farben der Wüste angepasst war.
Hilfesuchend sah Nathan zum Himmel. Die Hammerheads waren weg. Wer immer da kam, diesmal würden sie alleine mit ihnen fertig werden müssen, aber er bezweifelte, dass sie ohne Waffen dazu in der Lage sein würden.
Einen Steinwurf entfernt kam das Geländefahrzeug zum Stehen. Der Motor verstummte. Mit bangen Blicken beobachteten sie, wie sich die Fahrertür öffnete und jemand ausstieg.
Dann setzte ihnen allen vor Überraschung fast das Herz aus. Neben dem Jeep stand, in
betont lässiger Haltung, der letzte Mensch, den sie hier zu sehen erwartet hätten.
"Ich dachte mir, dass Sie etwas Luftunterstützung gebrauchen könnten", rief Colonel McQueen zu ihnen herüber.
Mit betretenen Mienen saßen Cooper Hawkes und Nathan West auf den Betten ihrer spartanischen Unterkunft. Der Raum bestand aus reiner Zweckmäßigkeit. Zwei Betten, zwei metallene Kleiderschränke, ein Tisch und ein paar Stühle. Die Wände waren kahl. Auf dem Boden zeichnete sich ein etwas verzerrtes helles Rechteck mit dunklen, senkrecht verlaufenden Streifen ab. Das Licht des Fensters, und die Schatten der Gitter davor.
Shane lief nervös auf und ab, während sich Vanessa stumm an den Tisch gesetzt hatte. Keiner wusste mehr, etwas zu sagen. Die Aussagen, die sie vor dem Militärgericht machen wollten, waren sie inzwischen zur Genüge durchgegangen. Nun konnten sie nur noch auf die Verhandlung warten und hoffen, dass die Strafe für die beiden jungen Männer nicht allzu hoch ausfallen würde. Irgendwie war das nicht fair! Sie waren gerade nur knapp dem Tod entronnen, doch die Mühlen der Justiz drehten sich, als sei nichts geschehen.
Unvermittelt ging die Tür auf. Shane blieb stehen und drehte sich um. Die übrigen erhoben sich. Es war jedoch kein Gerichtsdiener, der sie in den Verhandlungssaal holen wollte, sondern Colonel McQueen. Mit seinem typisch strengen Gesichtsausdruck baute er sich vor ihnen auf. Erwartungsvoll sahen sie ihn an. Ernst erklärte er: "So wie’s aussieht, hat irgend jemand mit verdammt viel Einfluss den Streitkräften ins Gewissen geredet."
Cooper blickte den Colonel misstrauisch an.
"Und was bedeutet das?" fragte er. Zur Antwort bildete sich auf McQueens Gesicht ein zurückhaltendes Lächeln.
"Das bedeutet, dass Sie mehr Glück als Verstand haben, Hawkes. -Es wird keine Verhandlung geben. Das Verfahren wurde eingestellt."
Die Wild Cards starrten sich an. Stutzten, überlegten... getrauten sich aber trotzdem keinen Jubel. Irgend etwas stimmte nicht. Aus welchen Motiven auch immer, aber Nathan und Cooper hatten gemeutert und so etwas verzieh das Militär nie. Nathan brachte ihre Bedenken zum Ausdruck:
"Sir, wie ist das möglich?"
McQueen zögerte.
"Ich kann nur Vermutungen äußern, West. - Ich glaube, durch das, was Sie in der Wüste gesehen haben, hat irgend jemand ganz oben kalte Füße gekriegt."
Nathans Gesicht hellte sich auf.
"Soll das heißen, das FBI hat die Basis ausgehoben?"
Ein Schatten huschte über McQueens Gesicht. Das leise Lächeln war verschwunden.
"Das FBI fand ein paar verlassene Gebäude und verschüttete Schächte. Auf jeden Fall nichts, was Ihre Geschichte bestätigen könnte."
"Aber Colonel", meinte Nathan bestürzt. "Sie haben die Basis auch gesehen. Genauso wie die Beobachter des 103ten."
"Dafür gibt es keine Beweise mehr. Die Aufzeichnungen des 103ten sind verschwunden."
"Und wie erklären die sich dann die Gebäude in der Wüste?" brauste Cooper auf. McQueen sah ihn bitter an.
"Die haben einem Konzern gehört, der seit zehn Jahren bankrott ist. Es gibt nichts, was auf AeroTech hindeutet. Auch nicht die Meldungen über Ihren Tod. Die Leute von FTM behaupten, ihnen sei ein Irrtum unterlaufen."
"Und die Entführung von Kathrin und Marsha?" fragte Shane hoffnungsvoll. Der Colonel
schüttelte den Kopf.
"Nichts. - Niemand kann mehr feststellen, wer dahinter gesteckt hat. Der Fall wurde bereits zu den Akten gelegt. Wegen dem Tod Ihres Mannes bekommt Marsha von der Navy eine finanzielle Entschädigung, das ist alles. Die Explosion der Johnson gilt inzwischen offiziell
als aufgeklärt. Technisches Versagen."
West ballte eine Faust. Düster sagte er: "Dann kommen sie also wieder davon. Was muss AeroTech denn noch tun, damit man endlich etwas gegen diese Leute unternimmt..."
"Nathan", meldete sich Shane neben ihm. Beschwichtigend drückte sie seine Hand. "Ihr seid frei und das ist die Hauptsache. - Auf jeden Fall habt ihr ihnen genug Angst gemacht, um die Verhandlung zu verhindern."
Der Angesprochene sah schwach lächelnd zu ihr herunter. Natürlich hatte sie Recht. So groß die Wut gegen AeroTech in ihm auch war, so erleichtert war er doch, endlich wieder die Last des Kriegsgerichtsverfahrens los zu sein. – Immerhin ein kleiner Sieg, auch wenn sie den Kampf gegen den Konzern mal wieder verloren hatten.
"Wie geht es jetzt weiter, Sir?" meldete sich Vanessa zum ersten Mal zu Wort. McQueen überlegte kurz, ob er seine Leute gleich wieder mit der Realität des Krieges konfrontieren sollte, wo sie gerade erst ihren eigenen kleinen Krieg überstanden hatten. Er entschied sich dafür. Früher oder später würden sie es sowieso erfahren.
"Die Chigs haben eine Offensive gestartet. Ein halbes Dutzend unserer Planetenstützpunkte bombardieren sie bereits. Ohne Unterstützung können die sich nicht mehr lange halten. - Ein Teil unserer Streitkräfte ist schon auf dem Weg."
Damphousse seufzte enttäuscht.
"Natürlich. Wie könnte ich auch etwas anderes erwarten. - Hooyah, endlich wieder Krieg!" jammerte sie. McQueen lächelte kurz.
"Nicht so schnell, Marines", sagte er, während er beschwichtigend die Hände hob. "Ich weiß, dass es Sie natürlich wieder in die Schlacht zieht. - Etwas anderes würde ich auch gar nicht von Ihnen erwarten." McQueen setzte eine gespielt ernste Miene auf. "Aber jetzt werden Sie erst mal ein paar Tage auf der Erde bleiben. Lassen Sie sich zu Hause mal wieder blicken, sonst vergessen Ihre Familien noch, wie sie aussehen!"
Die Wild Cards ließen ein gemeinschaftliches Seufzen hören, als seien sie zutiefst enttäuscht. Der Colonel wandte sich zum Gehen.
"Sir?" hielt ihn Cooper vorsichtig zurück. McQueen drehte sich noch einmal um. "Werden Sie uns wieder anführen, Sir? - Ich meine wegen Ihrem... wegen Ihrer Verletzung."
Der Angesprochene berührte seine biomechanische Prothese.
"Ist so gut wie neu", meinte er. "So schnell werden mich die Chigs nicht los. Und Sie auch nicht!" Irgendwie klang das fast wie eine Drohung. - Leicht humpelnd näherte sich McQueen der Tür. "Und jetzt entschuldigen Sie mich...", meinte er verabschiedend. Befangen räusperte er sich, als sei ihm das, was er nun sagen wollte, vor seinen Leuten peinlich. "... aber ich habe einer jungen Dame versprochen, ihr etwas vorzulesen."
Ende
Eric Zerm
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Die Charaktere
und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen
Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und
basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei
erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above &
Beyond" von Glen Morgan und James Wong überein.
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