Story und Copyright by Alexander Lammich
DER ORDEN
Erinnerungen von Cassius Deaver
Jedesmal wenn ich diesen Spind öffne, und mein Blick auf dieses kleine Etui fällt, überkommen sie mich. Erinnerungen. Schlechte Erinnerungen. Den Orden in diesem Etui hat bisher noch niemand zu Gesicht bekommen. Selbst ich habe ihn nur einmal gesehen, und zwar als General Radford ihn mir an die Brust steckte. Danach habe ich ihn in das Etui gepackt und in der hintersten Ecke meines Schrankes verschwinden lassen. Die Tat wofür ich den Orden bekommen habe war eine der ungezählten geheimen Aktionen die den Kriegsverlauf unmerklich verändern.
In meiner Personalakte steht, ich sei für zwei Monate verschollen gewesen, aber das stimmt nicht. Es gibt eine Handvoll Menschen, die wissen wo ich war und was ich getan habe. Ich habe getan wofür ich ausgebildet wurde. So wie es jeder getan hätte, der an meiner Stelle gewesen wäre.
Warum fühle ich mich dann so schlecht, jedesmal wenn ich auch nur eine Ecke dieses Etuis erblicke? Ich weiß es nicht mehr. Und die einzige Möglichkeit herauszufinden was passiert ist, ist wohl mir den Orden anzuschauen. Ich denke mir durch ihn werde ich mich wieder all der Dinge erinnern, die passiert sind. Aber möchte ich das denn? Möchte ich mich wieder an alles erinnern? Reichen mir nicht schon diese Bruchstücke, jedesmal wenn ich in meinen Spind blicke?
Diese Fragen werde ich erst klären können wenn ich meine Erinnerungen an die Zeit wieder habe.
Jeden Tag, kurz bevor wir zu einem Einsatz starten und ich an den Spind muss um meinen Kampfanzug herauszuholen, beginnt in mir ein kleiner Startvorgang.
Alle Systeme online, Türgriff greifen und fest umschlossen halten – Check.
Tür bereit zum öffnen.
In Gedanken die Position der notwendigen Kleidungsstücke ausmachen – Check.
Tür öffnen und Kleidungsstücke mit geschlossenen Augen herausnehmen – Check.
Kleidung in der Hand, Spindtür geschlossen – Check.
OK. Einmal mehr habe ich diesen Schrank benutzt ohne hineinsehen zu müssen. Aber lange kann ich das nicht mehr mitmachen. Meine Gedanken schweifen in den ungünstigsten Situationen ab und kreisen nur noch um dieses Etui.
Heute ist ein Tag wie jeder andere. Aufstehen, waschen, frühstücken, Einsatz-besprechung. Und wieder stehe ich vor meinem Spind. Warum nicht jetzt? Warum sollte ich es nicht jetzt tun? Wenn ich von meinem Einsatz komme, werde ich auf meine Koje fallen und mir sagen
„Vielleicht morgen. Jetzt nur noch schlafen.“
Na gut. Jetzt oder nie. Ich werde den Spind öffnen und hinein blicken. Ich werde das Etui in meine Hand nehmen und es öffnen. Und dann werde ich mit meinen Kameraden zum Einsatz starten als wäre nichts gewesen.
Ach wenn alles nur so einfach wäre wie in meinen Gedanken. Ich stehe hier vor meinem Spind mit zitternden Händen. Ich habe mehr Angst davor hinein zu blicken, als vor einer Chigpatroullie. Aber irgendwann muss ich es tun, sonst werde ich noch wahnsinnig. Also greife ich mit meiner rechten nach dem Griff und ziehe sehr vorsichtig und zaghaft daran. Die Tür öffnet sich, wie immer, mit einem leisen Quietschen.
Ist es mein Gewissen, dass den Blick sofort auf das Etui lenkt?
Wie ein Blitz durchfährt es mich. Ich höre Soldaten schreien. Es sind Todesschreie. Und dennoch starre ich nur auf diese kleine Schachtel.
Ohne mein zutun greift meine Linke nach dem Etui und öffnet es ohne zögern. Der Orden besteht aus einem silbernen dreieckförmigen Hintergrund auf dem runder blauer Kristall aufgebracht wurde. Das Band, mit dem er an der Brust befestigt wird, ist in verschiedenen Rottönen gehalten.
Völlig sachlich erfasse ich all diese Daten meines Ordens ohne auch nur eine Gefühlsregung in mir zu spüren. Ich spreche innerlich zu mir `Na siehst du, ist doch gar nichts passiert. Wovor hast du dich nur die ganze Zeit gefürchtet.`
Ich sehe mich um. Meine Staffelkameraden sind nicht in der Nähe. Mein Stolz gewinnt die Oberhand und ich stecke mir den Orden an das Revers meiner Fliegermontur. In dem kleinen Spiegel auf der Innenseite des Tür will ich mich betrachten und mir wird schlagartig bewusst, dass ich vielleicht doch nicht so locker bin, wie ich denke.
In dem Spiegel sehe ich nicht, wie erwartet, einen Marine mit frisch gebügelter Flieger-montur, sondern einen völlig verdreckten Marine mit Augenringen und seelenlosem Blick. Weit entfernt höre ich noch, wie mein Kopf auf dem harten Boden aufschlägt...
Der Pilot des ISSCV hatte Order, mich fünfzehn Kilometer nordwestlich der Evakuierungskoordinaten der anderen Mitglieder meiner Einheit abzuholen. Keiner meiner Kameraden wusste davon. Sie dachten, ich sei in einem Bombentrichter zurückgeblieben. Ich hatte dieses Manöver benutzt um mich von ihnen abzusetzen, und nun war ich auf dem Weg zu dem vereinbarten Landepunkt.
Das Gelände gab gute Deckung, und so konnte ich recht zügig und ohne Probleme bis zu den kleinen Plateau gelangen. Schon während das Schiff landete lief ich darauf zu, um nur eine möglichst kurze Landezeit zu verursachen. An Bord empfing mich ein Colonel, der mir meine neuen Einsatzdaten bekannt gab. Während ich ihm zuhörte inspizierte ich unmerklich meine Ausrüstung.
Eine stark modifizierte M590. Mit einer älteren Version hatten wir in der Scharf-schützenausbildung trainiert. Standart-Kampfgestell mit Pistole, Messer und den üblichen Täschchen. Außerdem noch ein Rucksack. `Oh, das scheint wohl ein längerer Einsatz zu werden.´
Der Colonel berichtete von Geheimdienstdaten. Ein ziemlich hoch dekorierter Offizier der feindlichen Streitmächte soll in den nächsten Wochen die Strafkolonie Kazbek besuchen und unter anderem mit den K.I. neue Koalitionspläne ausarbeiten. Mein Auftrag sollte es sein, auf die Ankunft dieses Offiziers zu warten und ihn zu exekutieren. Dadurch sollten hoffentlich die Vertragverhandlungen zwischen den Chigs und den K.I. ins stocken geraten oder zumindest die Moral der feindlichen Truppen gesenkt werden.
Die Gefahr bei einer Landung entdeckt zu werden war ziemlich groß, deshalb setzte mich der Transporter etwa 50 Kilometer entfernt des vermuteten Eingangs der Strafkolonie ab. Laut den Vorgaben hatte ich dennoch genug Zeit, den restlichen Weg zurückzulegen. Immer Deckung suchend, arbeitete ich mich Kilometer für Kilometer vor. Um die Mission in keinster Weise zu gefährden, hatte ich Order bekommen, jeglichen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen, selbst wenn sich Kameraden in Gefahr befinden.
Ich hatte Glück, und begegnete nur einer Chig-Patroullie. Das Glück dabei war, dass ich mich gerade innerhalb einer Felsformation befand, als ich sie bemerkte. Sie hatten
jedoch keine Möglichkeit mich zu entdecken. Dazu war ich in meiner Position zu gut getarnt.
Der Weg war erstaunlich schwierig zu bewältigen. Die Gegend zeigte sich, entgegen aller Berichte, ziemlich unwirtlich.
Nach ein paar Tagen kam ich in eine große Ebene, und laut meinen Plänen musste sich auf dieser der Landeplatz und der Eingang zum Lagerkomplex befinden. Die Landschaft gab wenig Deckung und so entschied ich, bis zum Einbruch der Nacht zu warten, eh ich meinen Weg weiterging.
Ich nutzte die Zeit, um mit meinem Fernglas ausgiebig die Gegend zu erkunden. Nach einigen Minuten blieb mein Blick auf einer Felsformation am anderen Ende des Plateau haften. Ich überprüfte in Gedanken Schusslinien, Sichtradius, Deckung und Rückzugsmöglichkeiten, soweit es mir von meiner momentanen Position aus möglich war.
Sobald die Dämmerung hereinbrach machte ich mich auf den Weg. Ich vermutete das ich die halbe Nacht brauchen würde, um zu den Felsen zu gelangen. Den Rest der Zeit würde ich nutzen um die Stellung einzurichten und zu tarnen. Am nächsten Morgen würde nichts mehr von mir zu sehen sein.
Je näher ich dem Eingang des Komplexes kam, desto langsamer und behutsamer wurde ich. Ich registrierte jeden Grashalm der sich bewegte. Aber da sich die K.I. Einheit nicht bewegte, bemerkte ich sie zu spät.
Sie stand mit dem Rücken zu mir und beobachtete von ihrer Position aus den Eingang. Sie schien mich noch nicht bemerkt zu haben. Ich hatte keine Chance sie zu umgehen, dazu war ich schon viel zu nah. Bei meiner nächsten Bewegung würde sie mich garantiert bemerken. Meine Möglichkeiten waren gering. Wenn ich sie tötete, würde der Ausfall ihres Kontaktes die anderen alarmieren. Und wenn ich sie nicht tötete, dann würde sie mich töten oder die anderen alarmieren. Ich hatte also genaugenommen doch nur eine Möglichkeit.
Sie musste sterben, nur das wie stand jetzt noch offen. Ich hatte ja alles dabei. Wenn schon, dann sollte es gründlich und leise ablaufen. Also keine der Schusswaffen, sondern nur das Messer und einige geübte Griffe. Aber sie reagieren nicht so auf Verletzungen wie Menschen. Was ist, wenn es ihr gar nichts ausmacht, dass ich ihr das Genick brechen will?
Neben all diesen Überlegungen griff ich instinktiv zu meinem Messer und zog es ganz langsam aus der Scheide. Ich höre trotzdem dieses leise schabende Geräusch, und sie hörte es auch. Ich sah es ihr an. Sie versteifte sich.
Bereit, jeden Moment aufzuspringen und in die Richtung des Geräusches zu schießen. Aber ich war schneller. Mein Messer war scheinbar scharf genug um ihr mit einem kräftigen Hieb fast den Kopf abzutrennen.
Sie sank, erfüllt von diesen merkwürdigen Geräuschen, in sich zusammen. Mit einigen schnellen Schritten entfernte ich mich ein Stück von dem Schauplatz und wartete ob der Reaktion der anderen. Doch nichts geschah. Kein einziger K.I. schritt durch den Eingangsbereich und auch keine Chig-Patroullie näherte sich von außerhalb.
Könnte es sein, dass mein Opfer selbst die Verbindung zu ihren Kameraden unter-brochen hat?
Nun, ich sollte die Gelegenheit nutzen und kein weiteres Risiko eingehen. Ich versteckte ihre Leiche in einer kleinen Grube und bedeckte sie mit einigen Zweigen, die ich von umliegenden Sträuchern zusammensammelte. Danach verwischte ich die Schleifspuren ihrer Leiche und richtete meinen Blick wieder auf mein Ziel.
Vor mir lag noch ein längerer Weg, der meine höchste Konzentration abverlangte.
Dies schien wirklich meine Glücksnacht zu sein. Ich begegnete keiner weiteren Wache und auch keiner Patrouille. Die Felsformation bot mir mehr als genug Deckung um mich dort häuslich einzurichten. Ich konnte hinter einem kleinen Wall sogar ein paar Meter laufen, um am anderen Ende meine Notdurft zu verrichten. Ich hatte alle Register meines Könnens gezogen, um die Stellung für den Feind unsichtbar zu machen. In den nächsten Tagen würde ich herausfinden, ob mir dieses Kunststück gelungen ist.
Ich lag schon etwa eine Woche in meiner Position auf der Lauer, als etwas geschah, was mich dann wohl völlig aus der Bahn warf. Durch mein Fernglas beobachtete ich, wie eine Gruppe zerschundener Marines aus der Strafkolonie kamen. Begleitet wurden sie von einem K.I. und einer Gruppe Chigs.
In Ihren Händen hielt jeder einen kleinen Spaten, wie sie zur Standartausrüstung des Chorps gehören. Eigentlich schon Waffe genug um damit anzugreifen, aber die Chigs schienen das zu wissen, denn sie hielten einen ausreichenden Abstand. Einzig der K.I. stand direkt neben ihnen. Er handelte ganz nach dem Grundsatz, der uns den Krieg mit ihnen einbrachte. `Geh ein Risiko ein.´
Scheinbar befahl er ihnen, ein Loch zu graben. Ich konnte ihn nicht hören, aber kurz nachdem er auf sie eingeredet hatte, fingen die Soldaten müde zu graben an.
Etwa eine Stunde sah ich dem Treiben zu. Immer tiefer und tiefer gruben die Marines, acht waren es, diese Grube.
Auf einmal traten die Chigs näher heran. Interessiert beobachtete ich die Szene. Zwei von ihnen gingen bis zum Rand des Loches. Noch während die Soldaten weiter Dreck schaufelten, hoben sie ihre Waffen und streckten sie alle nieder.
Mein Atem stockte. Das Fernglas fiel mir aus der Hand und mit Tränen in den Augen griff ich das Gewehr um ihnen eine Lektion zu erteilen. Aber genau in diesem Moment meldete sich mein Gehirn wieder zu Wort. `denk an deinen Auftrag...´ `...nicht auffallen...´
Der Finger zitterte am Abzug. Aber ich gerade im letzten Augenblick konnte ich mich beherrschen. Ich hätte sie alle töten können, bevor auch nur einer von ihnen seinen Blick in meine Richtung hätte wenden können, aber ich habe es nicht getan. Zum Wohle meiner Aufgabe. Und ich fühlte mich mehr als schlecht dabei.
Am nächsten Tag kamen vier weitere Marines aus dem Lager. Ich konnte erkennen, wie sie blinzelten. Sie hatten scheinbar schon seit geraumer Zeit keine Sonne mehr gesehen und es fiel ihnen auch irgendwie nicht sonderlich leicht, auf diesem weichen Untergrund zu stehen.
Ich sah den Schrecken in ihren Gesichtern, als sie die Leichen ihrer Kameraden entdeckten, und das erlösende Lächeln, als die Plasma Entladungen der Chig-Waffen ihre Kleidung zerfetzte. Mir wurde schlecht. Ich konnte erkennen, wie die Chigs die Leichen zerstückelten, bevor sie die einzelnen Teile zu den anderen in die Grube stießen. Ich war am Ende.
Und das war der Zeitpunkt, wo ich meine Gefühle und Gedanken völlig ausgeschaltet habe, um mich weiter auf meine Aufgabe zu konzentrieren. Zwei mal noch, musste ich in den nächsten fünf Tagen mit ansehen, wie Marines hingerichtet wurden und in ihr Grab gestoßen wurden, bevor endlich der für mich eigentlich wichtige Teil der Mission begann.
Im Morgengrauen des siebzehnten Tages meiner leidlichen Anwesenheit auf diesem Planeten landete ein Transporter der Chigs auf dem Planeten. Es sah anders aus, als
die Transporter und Jäger, die ich bisher gesehen hatte. Aber es war unverkennbar ein feindliches Schiff.
Die Form war mehr achteckig und die Antriebssysteme waren seitlich außerhalb des Rumpfes angeordnet. Ich nahm das Gewehr und zielte in Richtung des Schiffes. Ich war mir noch der Abweichung unserer Waffen beim Training bewusst, aber dies war eine neuere Version.
War diese Abweichung immer noch vorhanden? Das Visier auf die im Fernglas abgelesene Entfernung eingestellt, und mit einem Adrenalinschub jenseits von gut und böse im Körper, zielte ich genau auf die Luke des Schiffes. Mein Herz klopfte, ich konnte nur aufgrund meines Gehörs jeden Herzschlag mitzählen. Die Luke öffnete sich, und ein Chig-Soldat trat heraus. Ich erkannte das an der Farbe seiner Panzerung.
Danach folgte ein zweiter und ein dritter. Auf einmal sah ich einen roten Schimmer, und da war er. Ich glaubte einen Unterschied zwischen ihm und den normalen Soldaten erkennen zu können. Von der Farbe seiner Panzerung mal abgesehen. Er schien mir stolz zu sein. Stolz auf das was er erreicht hatte, sein Rang, seine Leistungen.
Und ich sollte derjenige sein, der ihm all das nahm. Einer seiner drei Begleiter ging auf den Eingang zur Strafkolonie zu, während die anderen beiden sich links und rechts neben ihm postierten, um ihn zu eskortieren. Ich zielte auf die Stelle, wo bei den Menschen das Herz sitzt, und drückte ab. Ohne Skrupel, ohne zögern. Der Begleiter rechts von ihm fiel wie ein Sack zu Boden.
Also doch. Der Lauf hat eine Abweichung. Der Offizier und sein zweiter Begleiter haben fast genauso reagiert, wie es einem auch in der Grundausbildung bei den Marines beigebracht wird. In Deckung gehen und ganz genau beobachten, von wo die Schüsse gekommen sein könnten. Aber bei mir hatten sie da keine Chance.
Ich war zu weit weg, als das sie irgend etwas von mir entdecken könnten. Ich korrigierte meinen Zielpunkt um die vermutete Abweichung nach links. Der Chig, der vorausgegangen war, fing an wild um sich zu schießen. Einige der Entladungen schlugen nur knapp drei Meter von mir ein.
Ich musste ihn ausschalten, bevor er noch einen Zufallstreffer landete. Eine gute Möglichkeit auszuprobieren, wie ich wohl zielen muss um zu treffen. Mein Ego verbot es mir, auf seinen Körper zu zielen und die Projektile meines Gewehres hatten genug Durchschlagskraft, um die Panzerung auch am Helm ohne Probleme zu durchschlagen.
Ich drückte ab. Der Chig riss die Arme in die Luft, während er, von der Wucht des Geschosses getroffen, nach hinten geschleudert wurde. Er schlug hart auf, aber das hat er wohl nicht mehr mitbekommen. Der andere Soldat gab eine Salve in meine Richtung ab. Scheinbar hat er gesehen aus welcher Richtung das Mündungsfeuer kam. Ich konnte ein Stück seines Armes sehen.
Er passte nicht vollkommen hinter den Felsen, den er als Deckung auserkoren hatte. Wenn ich es geschickt anstellte, würde ich ihn mit zwei Schuss erledigen können. Ich würde mit dem ersten seinen Arm verletzen. Bei seiner daraus folgenden Bewegung würde ich das Todesurteil für ihn unterschreiben. Der Plan schien soweit ganz gut. Ich zielte also auf seinen Arm, als mir eine Bewegung am Rand meines Visiers gewahr wurde.
Einige K.I.´s führten etwa fünf Gefangene Marines aus dem Lager und in Richtung des feindlichen Offiziers. Sie sollten ihm wohl als Schutzschild dienen. Ich war mir nicht ganz sicher was ich tun sollte. So wie ich die Lage einschätzte, würden die K.I. sofort die Marines erschießen, wenn ich noch jemanden dort hinten niederstreckte, und das konnte ich nicht riskieren.
Aber was sollte ich sonst tun. Wenn ich den Offizier nicht töten würde, wäre meine Mission gescheitert, und ich hätte umsonst mit angesehen wie meine Kameraden hingerichtet wurden. Ohne eine Provokation meinerseits begann der letzte verbliebene Chig-Soldat, einige der Gefangenen zu erschießen. Er begab sich dazu aus seiner Deckung, was ich missbilligte.
Die anderen erstarrten vor Schreck und auch ich zeigte eine Reaktion. Aber ich erstarrte nicht, viel eher fügte sich meinem konzentrierten Blick noch etwas hinzu. Hass. Diese kaltblütigen Morde brachten mich zum brodeln. Und diese letzten ließen das Fass überlaufen. Ich konnte nicht mehr als sie zu hassen. Ohne einen weiteren Gedanken an die anderen Gefangenen zu verschwenden, drückte ich ab. In meinem Visier stand der Chig, der die beiden Marines erschossen hatte. Noch während das Projektil seinen Weg zum Ziel suchte, erhob sich auch der Offizier ein Stück aus seiner Deckung. Das war die Gelegenheit.
Ich schwenkte den Lauf meiner Waffe in seine Richtung und drückte erneut ab. Genau in diesem Moment schlug das erste Geschoss im Helm des Chigs ein und brachte den Kopf seines Besitzers zum zerbersten. Der Offizier schreckte zurück, und das zweite Geschoss verfehlte ihn knapp. Aber bevor er reagieren konnte hatte ich schon ein drittes mal abgedrückt. Er wollte gerade wieder in Deckung gehen, als das Projektil seinen Helm durchschlug und ihn zusammensacken lies.
Wiederum schwenkte ich den Lauf und zielte nun auf die K.I., die begonnen hatten die von mir im Stich gelassenen Marines zu erschießen. Sie streckten sie nieder, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.
Einen nach dem anderen. Gerade als der letzte der drei verbliebenen Gefangenen zu Boden fiel, schlug das erste Geschoss in den Körper der vorderen K.I. Einheit ein. Der zweite brachte sich mit einem Sprung Richtung Eingang in Sicherheit, gab damit aber den dritten meiner Kugel preis.
Es nun wohl an der Zeit mich von hier zu verdrücken. Das sagte mir zumindest mein Verstand, der sich in der Zwischenzeit wieder eingeschaltet hatte. Das Kampfgestell hatte ich ja sowieso immer an. Also schnappte ich mir meinen Rucksack und das Gewehr und machte mich über einen kleinen Pfad, den ich schon vor Tagen aus-gekundschaftet hatte, auf den Rückzug. Ich hatte nur den Anfang des Weges ausgekundschaftet, da ich mich nicht zu weit von meinem Lager entfernen wollte. Ich stellte fest, das dies ein Fehler war.
Der Weg war viel zu unwegsam, um ihm zu lange folgen zu können. Mit dem Gepäck schien es mir fast unmöglich mich durch das Gestrüpp zu schlagen. Ich gab meine Koordinaten durch, und wartete auf Anweisungen, aber es kamen keine. Meine Situation erforderte es, in Bewegung zu bleiben.
Sicherlich würden sie nach mir suchen. Wahrscheinlich sind sie gerade damit beschäftigt in meiner Stellung nach Anzeichen für die Menge der Feindlichen Kräfte zu suchen, während zwei oder drei weitere Einheiten die Gegend nach mir absuchten.
In der Entfernung hörte ich eine Staffel feindlicher Flieger. Ich musste einen Platz finden, wo sie mich von oben nicht ausfindig machen konnten. Ich fand Unterschlupf in einer Erdhöhle, kaum größer als ein Sarg, aber sie bot mir Schutz und ich konnte darin ausharren ohne entdeckt zu werden. Sie lag gut versteckt unter einem großen Strauch und ich bin nur rein zufällig darauf gestoßen.
Zwei Wochen spielte ich dieses Spiel. Die Chigs wussten das ich noch auf dem Planeten war und suchten weiter nach mir, und meine Vorgesetzten meldeten sich
nicht. Es kam mir so vor als hätten sie mich zurückgelassen. Mir kam immer wieder der Gedanke, dass sie mich abgeschrieben haben. Ich war ja nur ein Tank, mich könne
man ruhig opfern, Hauptsache die Mission wurde erfüllt. Aber ich wurde eines besseren belehrt. Exakt 32 Tage seit meiner Ankunft auf dem Planeten kam eine Meldung. Eine erfreuliche Meldung.
Der Bildschirm des kleinen Senders begann zu leuchten, und die Evakuierungs-Koordinaten erschienen darauf. Evakuierung in zwei Tagen etwa zwanzig Kilometer von meiner momentanen Position entfernt. Und ich musste weinen. Es waren Freudentränen. Endlich würde ich von diesem Ort wegkommen, und hoffentlich nie wieder hierher zurückkehren.
Ich schlug mich ohne jede Hektik zu den vereinbarten Koordinaten durch und wartete in der Nähe in einer kleinen Felsformation auf die Ankunft meines Schiffes.
Ich hörte schon von weitem die vertrauten Geräusche der Triebwerke. Oh wie hatte ich dieses Geräusch vermisst. Ich hätte schon wieder weinen können. Als die Tür der Kabine geöffnet wurde, hatte ich schon den halben Weg im Sprint zurückgelegt.
Ich bemerkte das es das selbe Schiff war, das mich auch hierher gebracht hatte. Komisch was man sich so alles merkt. Der Colonel stand mit seinem M590 im Anschlag an der Tür und brüllte mich an.
Was für eine Begrüßung. `welcome back to the army.´
Die Kabine wackelte fürchterlich, als sich das Schiff vom Boden löste, und mit ihm löste sich auch eine kleine Barriere in meinem Kopf. Ich sah wieder durch das Visier. Sah, wie die Soldaten hingerichtet wurden, wie sie ihr eigenes Grab schaufeln mussten. Wie die Gefangenen schrieen, als sie wegen mir geopfert wurden. Ich hätte es verhindern können. Aber ich habe es nicht getan, und das wird mich mein Leben lang verfolgen.
...“Hey Cass, geht’s dir nicht gut?“
Es ist dunkel. Aber ich höre eine vertraute Stimme. Es ist Dean, einer meiner Kameraden. Ich fühle eine glatte kalte Oberfläche und ich liege scheinbar darauf. Mein Schädel dröhnt. Oh Mann, so starke Kopfschmerzen hatte ich ja selbst nach unserer Zechtour auf der Bacchus nicht gehabt.
Wieso ist es immer noch dunkel? Oh ich bin so dumm. Meine Augen sind zu.
Ich muss mich regelrecht zwingen meine Augen zu öffnen. Über mir sehe ich die Lampe und direkt daneben steht Dean. Er sieht besorgt aus. Jetzt am besten einen lockeren Spruch loslassen, damit ich ihn beruhigen kann.
„Cass, was machst du da?“
„Na ich lieg hier so rum. Wonach sieht es denn aus?“ Dean fängt an zu grinsen. Gut, geschafft.
Ich rappel mich langsam hoch. Oh wie mein Schädel dröhnt. Ich sehe wie sein Blick an meiner Brust hängen bleibt. Oh nein, der Orden. Er hängt noch immer an meiner Fliegermontur. Schnell schnappe ich ihn und stecke ihn zurück in das Etui.
„Ich wusste gar nicht, das du einen Lonesome Vassal bekommen hast.“
Ich packe den Orden wieder in die hinterste Ecke des Spindes und bedecke ihn mit allerhand Kleinkram.
Ich weiß nicht wovon du redest. Und du weißt auch nichts, klar? Ich bitte dich. Zu niemandem ein Wort.“
Er scheint nicht sehr glücklich über meine Antwort zu sein, aber er weiß was sie bedeutet. Er nickt nur stumm.
Jetzt weiß ich wieder, warum ich diesen Orden so gefürchtet habe. Sie sind wieder da, die Erinnerungen. Schreiende Marines. Gefangene, zum Teil glücklich, endlich erlöst zu sein. Ein Hass in mir, den ich hoffentlich nie wieder rauslassen werde, denn durch ihn opferte ich meine Kameraden.
Ende
Copyright © 1999 Alle Rechte beim Autor. Nachdruck, aus Auszugsweise, Veröffentlichung oder Vervielfältigung jeglicher Natur ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors erlaubt.
Die Charaktere
und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen
Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und
basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei
erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above &
Beyond" von Glen Morgan und James Wong überein.
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