Der Blick eines blinden Auges



„Stich ! Der gehört mir...“ Mit einem hocherfreuten Lachen strich Vansen den Pott ein.
„Verdammt !“
„Nicht schon wieder...“
Hawkes feuerte seine Karten über den Tisch und kurz darauf folgte ein weiterer Stapel von Damphousse. „Ich bin dafür, dass Vansen und McQueen tauschen.“ mit anklagender Miene drehte sich Cooper zu der Angesprochenen um. Eine hochgezogene Braue und ein fröhliches Grinsen waren jedoch die einzige Antwort und auch West, Damphousse und Wang blickten eher skeptisch in Coopers Richtung.
„Ich will dir ja nicht zu nahe treten, Coop...,“ meinte Vanessa schließlich nach einer längeren, wortlosen Pause“... aber so wie du heute spielst, würdest du selbst gegen einen Chig verlieren...“. Mit diesen Worten deutete sie auf Hawkes Karten, die mit der Vorderseite nach oben auf dem Tisch lagen und ein Traumblatt bildeten.
„Du hättest Vansen mit dem Blatt unter den Tisch spielen können, Coop...“
Mit einem beleidigtem Blick starrte Cooper auf seine Karten. 
„Jetzt kann das jeder behaupten!“ meinte er schließlich verdrießlich, sobald er sich der vorwurfsvollen Blicke der anderen bewußt wurde.
„Coop...“
„Ach, hört auf zu meckern. Ihr seid ja schlimmer als Silikanten.“ Abrupt stieß sich Hawkes von Tisch ab und stürmte aus dem Raum. 
„Oh, oh...“ Mit einem Grinsen stand West auf und ging an die Bar, von wo aus McQueen das Treiben mit unbewegter Mine beobachtet hatte.
„Sir, hätten sie Lust auf ein Spiel? Wir haben einen Platz frei...“ 
„Danke...,“ McQueen schluckte den Rest seines Getränks hinunter und wandte sich zum Gehen,“... aber im Gegensatz zu Ihnen erwartet mich noch Arbeit.“
Mit einem sauren Lächeln verabschiedete sich McQueen und verließ zusammen mit einer anderen Gruppe von Marines den Erholungsraum.
„Hm.“
Mit nachdenklichem Gesicht kehrte West zu seinen Freunden zurück.
„Sagt mal, gibt es auf diesem Schiff irgend jemanden, der nicht schlechte Laune hat und beißt?“


Der Bericht war mehr als unbefriedigend und schon nach kurzer Zeit gab McQueen es auf, irgendeinen Sinn in den Worten und Bildern zu suchen.
Die „Janus“, ein erst seit kurzem eingesetzter Transporter, war auf dem Weg zur Saratoga und würde innerhalb von drei Tagen den Kreuzer erreichen. Dem Bericht zu Folge waren irreparable Schäden an dem Schiff entstanden, welche sofortige Aufmerksamkeit erforderten. Doch was konnten das für Schäden sein, die ein gerade vom Stapel gelaufenes Schiff dazu zwangen, für Reparaturen ein Kriegsschiff anzufliegen, anstatt einen in der gleichen Zeit erreichbaren Außenposten mit wesentlich besserer Ausstattung?
Es stank. Und zwar gewaltig.
McQueen erhob sich und begann im Raum auf und ab zu gehen. Und dass die gesamte Aktion unter der Schirmherrschaft von Aerotech stand beruhigte ihm absolut nicht, verstärkte eher noch seinen Argwohn und seine Zweifel.
So viele Dinge paßten nicht zueinander.
Schließlich gab er es auf und schaltete den Monitor aus. So würde er nicht weiter kommen. Ein Blick das Chronometer sagte ihm, dass es gerade 19 Uhr Bordzeit war; Zeit genug, um noch jemanden einen Besuch abzustatten. McQueen erhob sich von dem Terminal, an das er sich noch einmal kurz niedergelassen hatte und verließ mit schnellen Schritten den Raum.
Es dauerte knapp 7 Minuten, bis er die Offiziersquartiere erreicht hatte und sich dann höflich bei Commodore Ross anmeldete.


„McQueen, Sie sollten sich um diese Uhrzeit eigentlich nicht mehr auf Vorgesetztenjagd begeben.“
Ross hatte sich einer seiner Lieblingsbeschäftigungen hingegeben und saß so Gitarre spielend auf seinem Bett, als McQueen nach kurzem Anklopfen in sein Quartier trat.
„Tut mir leid, Sir, aber ich habe einige Fragen, auf die ich keine Antwort finde. Ich wäre erleichtert, wenn Sie sie mir beantworten könnten.“
Fast augenblicklich verstummten die Laute der Gitarre.
„Sie meinen doch nicht etwa „Janus?“
„Doch, Sir, die meine ich.“
Mit einem fest gefrorenen Lächeln legte Ross die Gitarre beiseite und als er McQueen wieder anblickte, waren auch dieses verschwunden.
„Tyrus, Sie hätten ein entschieden leichteres Leben, wenn Sie nicht immer alles hinterfragen würden...“ McQueen, welcher noch immer an der Tür stand, verzog das Gesicht.
„Soll das eine Drohung sein, Sir?“
„Nein, nur eine Feststellung. ... Kommen Sie herein.“
Etwas steif trat McQueen in das Zimmer. Sobald die Tür geschlossen war, stand Ross auf und trat zu dem anderen Mann. 
„Warum treffen wir uns mit dem Frachter?“
Mit einem prüfenden Blick beobachtete McQueen das Gesicht seines Gegenüber.
„Das wissen sie doch, McQueen. Der Frachter wurde beschädigt und muß repariert werden.“
„Von wem?“ 
„Von wem was?“
„Von wem wurde der Frachter so stark beschädigt, dass er es nicht einmal mehr zu dem nahegelegenen Stützpunkt schafft? Chigs waren es wohl kaum.“
Ross schnaubte kurz und drehte sich um.
„Halb. Die Chigs trieben ihn in ein Asteroidenfeld, wo er dann kollidierte.“ 
„Böse.“ McQueen verlagerte sein Gewicht von einem Bein auf das andere und stelle so wieder Blickkontakt her.
„Da war der Stützpunkt zu weit weg, da haben Sie recht, Sir. Aber wieso mußte die ganze Aktion erst von Aerotech genehmigt werden?“
Ross schwieg, doch sein fragender Blick forderten McQueen dazu auf, fortzufahren.
„Aerotech. Der Bericht, den ich erhalten habe, besagt, dass der Frachter bereits vor 5 Tagen mit dem... „Asteroiden“ kollidierte, aber erst vor zwei Tagen losflog, um sich mit uns treffen. Nachdem eine Nachricht abgesandt worden war und die Spitze von Aerotech geantwortet hatte.“
„Das geht aus dem Bericht nicht hervor und ist reine Spekulation, McQueen.“
„Wie erklären Sie es sich dann, dass der Bericht das Zeichen von Aerotech trägt und eine Delegation von der eben genannten Organisation genau zu demselben Zeitpunkt eintrifft, wie die „Janus“?“
„Ich denke Sie sollten sich hinlegen, McQueen.“
Irritiert von dem abrupten Themenwechsel verstummte McQueen. „Sir?“
Ross richtete sich mit einer undefinierbaren Handbewegung auf.
„Schalten Sie ein wenig ab.“
„Sir ich brauche keinen Schlaf, sondern Antworten.“ Ungeduld begann sich in dem Mann breitzumachen. „Außerdem habe ich vor 12 Stunden geschlafen und das reicht vorerst.“
„Sie sollten sich hinlegen. Und zwar dringend.“
„Sir...“ begann McQueen sichtlich ungehalten, doch dann verstand er den Wink.
„Ist vielleicht doch keine so schlechte Idee, Sir.“
„Gut zu hören. Gute Nacht.“
„Danke, Sir. Ihnen auch.“
Innerhalb von drei Sekunden stand McQueen wieder außerhalb des Quartiers und starrte die Metalltür an.
Er wußte noch immer nicht, weshalb das Schiff kam, doch es war offensichtlich, dass auch Ross ein sehr schlechtes Gefühl bei der Sache hatte. Gewöhnlich suchte McQueen sein Quartier nur vor schwereren Missionen noch einmal auf, um sich zu entspannen und auf die bevorstehende Konfrontation vorzubereiten.
Nun schickte man ihn dorthin, obwohl „nur“ ein angeschlagener Frachter kommen sollte? McQueen bezweifelte, dass Commodore Ross seine Bettruhe so heilig war, dass er ihn deswegen einfach hinauswarf.
Nachdenklich kehrte McQueen zu dem Terminal zurück und rief den Bericht noch einmal auf.

Die Dunkelheit verdichtete sich, jedoch war er in der Lage, ein paar Gedanken zu fassen. Geräusche drangen in sein Bewußtsein und setzten sich nach einer Weile zu Worten zusammen. Doch sie waren unverständlich und der Mann konnte in den gurgelnden Lauten keinen Sinn erkennen.
„Wo bin ich?“
...
„Antwortet mir! ... Ich weiß das ihr da seid. Ich kann Euch hören!!“
...
Vorsichtig versuchte er sich aufzurichten, doch seine Ausrüstung, die er noch immer am Leib trug, war zu schwer und er sank wieder zurück. Seine Wunden begannen wieder zu schmerzen und er mußte sich zwingen die Muskel zu entspannen. 
„Verdammt.“
Die Schmerzen ließen nur langsam nach, doch sobald sie seinen Geist nicht mehr vollständig umnebelten begann sein Blick umherzuschweifen. Er konnte jedoch nicht viel erkennen, was zuletzt nicht nur an der Steifheit seines Körpers lag. In dem kleinen Raum gab es nichts anderes als die Pritsche, auf welcher er lag und vier glatten, metallenen Wänden. Nur eine einzelne, schwache Glühbirne erhellte ein wenig das traurige Szenario und ließ ihn eine Tür erkennen, welche zu seiner rechten in einer der Wände angebracht bracht war. 
„HALLO? HÖRT MICH JEMAND? HEEY!!“
Die gurgelnden Worte verebbten. Schritte. Durch ein kleines Fenster in der Tür fiel ein Lichtstrahl , vor welchen kurz darauf ein Schatten trat.
„...“ Abrupt richtete er sich auf, wollte endlich wissen, wo er war und was man mit ihm vorhatte, doch die plötzliche Bewegung ließ seine angeschlagenen Rippen protestieren und mit einem leisen Aufstöhnen fiel er erneut auf die Pritsche.
Der Schatten verschwand und kurz darauf wurden die Schatten im Raum wieder tiefer.
Vor der Tür erklang abermals das leise Gemurmel.
Dem Soldaten schwanden die Sinne und langsam sank er zurück in die Dunkelheit, aus welcher er gekommen war. 


„Habt ihr McQueen gesehen?“ Mit eiligen Schritten schloß Paul zu seien Freunden auf. 
„So wie er uns angesehen hat, hatte er offensichtlich noch nicht gefrühstückt und wartet nun mit Freuden drauf, dass wir von dem Aufklärungsflug wiederkommen.“
„Munter uns doch mal auf, Paul!“
Grinsend sank Vanessa in ihren Sitz. Kurz drauf schlossen sich auch die Kabinen der anderen und verschwanden.
„Wann soll dieser Frachter auftauchen?“ mißgelaunt folgte Coop mit seinem Flieger seinen Freunden. Er hatte ihnen noch immer nicht ganz verziehen, dass sie ihn beim Pokern wie ein kleines Kind behandelt hatten (er wußte zwar nicht so genau, wie das von statten ging, doch die Zurechtweisungen vor drei Tagen kamen ihm verdächtig vor).
„03: 50. Wir haben als noch genügend Zeit, um die Gegend nach Ungeziefer abzusuchen.“ Anspannung schwang in Shanes Stimme mit, doch der Aufklärungsflug war wenig das Problem. Niemandem auf der „Saratoga“ war die Nervosität der höheren Offiziere entgangen, schon gar nicht dem 58th, welche mit McQueen scheinbar direkt an der Quelle aller Übellaune saßen. Der In Vitro hatte in den letzten Tagen erfolgreich die Distanz zu seiner Einheit gehalten und nicht mit bissigen Bemerkungen gespart.
„Hat irgend jemand ein Zeichen von Leben in dem Sektor gesehen?“
„Negativ.“
„Nix. Entweder sind wir wieder in den Übungssimulatoren auf der Erde oder diese Gegend ist absolut Chig frei.“
„Ich schließe mich an.“
„War nichts. Kehren wir zurück.“
„Nicht so eilig.“ Pauls Antwort hatte in Shane die Vorgesetzte geweckt. „McQueen hat gesagt, wir sollen so lange hier draußen kurven, bis die „Janus“ angekommen ist, also werden wir so lange hier draußen bleiben, bis sie gekommen ist.“
Betretenes Schweigen folgte der Anweisung und innerhalb der nächsten Zeit war jeder mit dem genausten Auskundschaften der Umgebung beschäftigt.
„Sagt mal Leute,“ drang Vanessas Stimme schließlich zu ihren Freunden, „ warum heißt der Frachter eigentlich „Janus“?“
„Keine Ahnung? Was interessiert’s ?“ Coopers Antwort eindeutig.
„So weit ich weiß, war Janus ein alt römischer Gott mit zwei Gesichtern. Das eine Gesicht war der Vergangenheit, das Andere der Zukunft zugewandt. “ Nathans Antwort ließ nicht nur Vanessa nachdenklich werden.
„Wie beruhigend. Was ist, wenn unser Janus nicht Zukunft und Vergangenheit steht?“
Pauls besorgte Nachfrage hatte nicht nur seiner eigenen Befürchtungen Ausdruck verliehen, sondern zu den Ängsten seiner Freunde.
„Dann haben wir ein interessantes Treffen vor uns. Objekt auf ein Uhr.“ Scharf schnitt Shanes Stimme in die Gedanken der anderen und richtete ihren Blick wieder auf das Wesentliche.
„Ein Frachter.“
Shane klinkte sich in das Com des Frachters ein, bewahrte trotz allem jedoch einen größtmöglichen Abstand. “Unbekanntes Flugobjekt, identifizieren sie sich!“
Zuerst folgte Schweigen der Aufforderung, doch dann antwortete eine, teilweise von statischem Rauschen überlagerte Stimme. 
„Saratoga Geschwader, hier ist die Janus. Wir erbitten umgehende Landeerlaubnis.“
„Wie höflich...“ knurrte Paul leise. „Umgehende Landeerlaubnis...sollen wir auch schon den Kaffee aufsetzten?“
„Wang, halt die Klappe!“ mit einem gefährlichen Unterton herrschte Vansen den Asiaten an.“ Wenn Hawkes endlich mal Ruhe gibt, mußt du mit dem Gemaule anfangen.“
„Hey, hey, was soll das denn...“ entrüstet tönte nun auch Coopers Stimme aus dem Lautsprechern.
„RUHE!!“
... 
Teils beleidigtes und teils amüsiertes Schweigen folgte und Shane wandte sich wieder dem Frachter zu. „Janus, wir eskortieren sie. Behalten sie ihren Kurs bei. Landeerlaubnis wird mit dem Eintreffen bei der Saratoga erteilt.“
„Danke, Geschwaderführer. Janus Ende.“
„58thes, aufteilen.“
Mit elegantem Bogen näherte sich die Einheit dem Frachter, paßte die Geschwindigkeit an und formierte sich dann um den Transporter.
Vanessa übernahm mit Nathan den linken Flügel der Formation, überprüfte routinemäßig alles Systeme und stellte sich dann auf einen ziemlich langen und langweiligen Heimflug ein. Der Grund für das Dahin kriechen des Frachters war allerdings war nicht zu erkennen. Weder auf der rechten Außenseite, von welcher sie sich angenähert hatte, noch auf der linken Seite, wo sie jetzt im Moment war, war eine Beschädigung irgend einer Art zu erkennen.
„Damphousse, zurück auf deinen Platz! Da vorne hast du nichts zu suchen.“
Shanes Befehl riß die junge Frau aus ihren Überlegungen und ließ sie erkennen, dass sie mit dem Frachter fast auf gleicher Höhe flog. Vorsichtig ließ Vanessa wieder zurückfallen, doch sie hatte zu stark abgebremst und schrammte nun gefährlich nah an dem Hinterteil des Transporters vorbei.
„Mist. Bin gleich wieder...“
Der Rest des Satzes verschwand in einer Nebelwand. Vanessa war auf einmal nicht mehr in ihrem Flieger, sie lag in einem kleinem, schlecht beleuchteten Raum.
Ihr Körper lag steif auf irgend einer Art von Pritsche, nur der Kopf ließ sich ein wenig drehen. Angst stieg in ihr auf. Wo war sie? 
Innerhalb von Sekunden verdichtete sich die Angst zu einer beginnenden Hysterie. Eine so große Angst und Verlassenheit hatte Vanessa seit Monaten nicht mehr gespürt, seit man sie und ihre Freunde auf Demios „vergessen“ hatte und schlagartig wurde ihr klar, dass es nicht nur ihre eigenen Gefühle waren, nicht sein konnten.
Überraschung, gepaart mit Neugier stürmte auf die junge Frau ein, aber auch ein unendliches Gefühl von Angst, so groß, dass es kurz davor war, die Dimension dieses Wortes zu sprengen. So intensiv, dass Vanessa es körperlich spüren konnte.
... ihr Körper... ?
Mit einem Mal wurde sich die Frau darüber bewußt, dass sie überall steckte, aber nicht in ihrem Körper und instinktiv fragte sie sich, wo er abgeblieben war.
Sie versuchte sich an das zu erinnern, was vor ihrer seltsamen Reise passiert und wo sie gewesen war... sie schien wieder ihren Fliegeranzug zu spüren und hörte wieder die Geräusche ihres Fliegers...
„DAMPHOUSSE!!! VERDAMMT NOCH MAL! Abdrehen, sofort ABDREHEN!!!“
Shanes Stimme überschlug sich fast, als Vanessa sich abrupt wieder ihrer selbst bewußt wurde.
„Was...?“ Irritiert blickte Vanessa nach vorne, doch anstatt der Sterne war dort nur noch eine, das gesamte Blickfeld ausfüllende Metallwand, auf welcher ihr ein überdimensionales „J“ entgegen grinste.
Erst jetzt wurde sie sich des Jaulens des Kollisionsalarms bewußt.
Ihr Flieger war kurz davor mit der Janus zusammen zustoßen. In einer einzigen Bewegung versuchte Vanessa die Geschwindigkeit und den Kurs zu ändern. Die Janus selbst hatte ebenfalls schon ein Ausweichmanöver eingeleitet, doch der Frachter war zu schwerfällig, um alleine aus dem Gefahrenbereich gelangen zu können. 
Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfte Damphouse mit der Lenkung ihres Fliegers, in Gedanken jedes Gebet aufsagend, dass ihr in dem Chaos einfiel.
„Vorsicht, Damp, dein Flügel!“ Der rechte Flügel des Fliegers näherte sich wieder gefährlich dem ausweichende Transporter und nur mit einem halsbrecherisch anmutenden Schlenker schaffte es die junge Frau, endlich den Abstand zwischen Flieger und Frachter von knapp 50 Zentimeter auf einen halben Kilometer zu vergrößern.
„Damp? Damphouse, alles in Ordnung?“
„Ja,... ich denke schon.“ Unsicher betastete Vanessa ihren Körper, um ganz sicher zu sein, dass sie wieder da war, wo sie ihrer Meinung nach hingehörte.
„Damp, was ist passiert?“


Die Begegnung war mehr als nur überraschend gewesen. Noch immer irritiert lag der Mann auf seiner Pritsche, auf dem Rücken, ohne sich bewegt zu haben, genauso wie vor der Handvoll Zeiteinheiten, als er bewußtlos geworden war.
Sie (er war sich ziemlich sicher, dass es eine „Sie“ gewesen war) war in seinen Geist eingedrungen und hatte für kurze Zeit seinen Körper kontrolliert. Vorsichtig richtete er sich auf, um sicher zu gehen, dass alles wieder unter seiner Kontrolle war.
Doch das erwies sich als Fehler, denn fast zeitgleich begann sich der Boden und die Wände zu neigen. Er verlor das Gleichgewicht und fiel Kopfüber auf den Boden, auf dem er dann gegen die Tür rutschte. 
Offensichtlich flog man ein scharfes Manöver.
Erst als der Boden wieder in seine normale und begehbare Lage zurückgekehrt war, stand der Soldat wieder auf und kehrte zu der Pritsche zurück.
In der Hoffnung, das Individuum befand sich noch in Reichweite versuchte er wieder geistigen Kontakt herzustellen, doch es war zwecklos. Die Gedanken und Emotionen seiner Bewacher waren zu intensiv, als dass er alleine eine Verbindung hätte erzeugen können. Leise seufzend legte er sich wieder auf das kalte Metall.
Es blieb ihm wieder nichts anderes übrig, als das zu tun, was er schon seit fünf Tagen machte.
Warten.


Vanessa fühlte sich wie durch einen Fleischwolf gedreht. Fast eine Stunde lang hatten Ross und McQueen sie ins Kreuzverhör genommen, ungeachtet der Tatsache, dass sie einen Schock erlitten hatte und eigentlich Ruhe benötigte.
Sie erinnerte sich wieder an die Besprechung mit dem PSI Experten vor einigen Monaten, kurz nach dem Tod des 46th und an das darauffolgende „Training“, um ihre geistigen Kräfte zu schulen. Der Zwang, Dinge vorher zu sehen und sogar Kontakt mit anderen Menschen auf geistiger Ebene herzustellen, war übermächtig gewesen und sie hatte nicht gewußt, wie es in ihrem Leben weitergehen sollte. Unter diesem Druck wollte sie nicht weiterleben, dessen war sie sich sicher.
Wie glücklich war sie so gewesen, als man sie für unergiebig hielt, nicht wertvoll genug, um weiter „ausgebildet“ zu werden und ihr Leben wieder in die alten Bahn zurückschwenkte. 
Aber nun... unerwartet und stärker als jemals zuvor waren ihre Kräfte zurück gekehrt.
In Gedanken verloren wanderte Vanessa durch die Gänge des Schiffes, bemerkte nicht einmal, dass sie mehrmals kurz davor war, mit anderen Mannschaftsmitgliedern zusammen zu stoßen. Erst als sie vor der Tür zum Erholungsraum stand sah sie auf.
Nach kurzem Zögern trat sie ein und durchquerte den Raum, um die Sterne durch das Panoramafenster beobachten zu können.
Die Janus war inzwischen gelandet, doch bis zu diesem Zeitpunkt hatte noch niemand das Schiff verlassen, geschweige denn betreten. Auch die Angehörigen Aerotechs, welche sich angekündigt hatten, waren eingetroffen, doch hatten sie dem Transporter nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt.
Was allerdings niemanden der Saratoga besonders überrascht hatte.
Vanessa drehte sich um. Sie spürte, wie ihr kalt wurde und das Gefühl der Einsamkeit wiederkehrte. Dieses mal jedoch waren es ganz allein ihre Emotionen.
Fröstelnd verließ sie den Erholungsraum und kehrte zu ihren Freunden zurück, welche sich in ihr Quartier zurückgezogen hatten.



Es bewegte sich nicht mehr. Das Brummen des Antriebs war schon seit Stunden verstummt, doch noch immer hatte man ihn ignoriert. Selbst die Stimmen waren verschwunden.
„Was haben sie nur vor?“ Nervös stand er auf. Seit nun 6 Tagen hatte er kein lebendes Wesen mehr gesehen und langsam beschlich in der Gedanke, dass man ihn auf einem Geisterschiff zurückgelassen hatte.
Unruhig begann er in dem Raum umherzugehen, zumindest soweit es der Platz zuließ. Doch kaum das er sich etwas beruhigt hatte, hörte der Mann, wie sich Schritte seinem Raum näherten.
Es war soweit.


„Commodore Ross, wir sind jetzt soweit, die Fracht an Bord der Saratoga zu bringen.“
Der junge Mann sah gelangweilt in Ross‘ Richtung, ohne sich auch nur die Mühe zu geben, etwas von Respekt in seine Stimme zu legen. Das Informieren war nur eine Formalität, mehr nicht.
„Fracht?!?“ Die Gewitterwolke, die schon den ganzen Tag Commodore Ross auf Schritt und Tritt begleitet hatte, vergrößerte sich zusehends.
„Fracht? Als uns der Funkspruch erreichte, war von einem beschädigten, leeren Transporter die Rede. Und jetzt hat ein Schiff angedockt, das weder angegriffen worden d.h. voll intakt ist, dafür jedoch eine Fracht geladen hat, die so heiß ist, dass sie 20 Stunden lang nicht verladen werden konnte !“
„Commodore,“ selbst jetzt konnte sich der Aerotech Angehörige nicht zu etwas mehr Höflichkeit hinreißen, „ würden wir jeden Untergebenen jedes Mal über alle Einzelheiten in Kenntnis setzten, bräuchte unsere Organisation keine Aktion mehr zu starten, da unter diesen Umständen die Chigs alle relevanten Informationen früher wissen würden, als wir selbst.“
Mit einem schmalen Lächeln nickte der Mann Ross zu und wandte sich zum gehen, stolperte dann jedoch über McQueen, welcher sich unbemerkt hinter ihn gestellt hatte.
„Wie es mir scheint, wissen die Chigs sowieso schon Bescheid.“
„Hören Sie mir zu, Colonel...“ mit einem ohnmächtig wütendem Gesichtsausdruck trat der junge Mann zu dem In Vitro.
„Nein, LIEUTENANT, sie werden MIR jetzt zuhören...“
Mit einer Gewitterwolke von fünf Meter Radius trat nun Ross zu dem Mann, welcher sich auf einmal zwischen einem bissigen McQueen und einem SEHR ungehaltenem Ross eingeklemmt wiederfand.
„Lieutenant...“
„Aber, aber meine Herren, wir wollen doch keinen Streit in den eigenen Reihen!“
Mit einem väterlichen Lächeln näherte sich einen hochgewachsener Mann mittleren Alters der Gruppen von aufgebrachten Männern.
„Darf ich vorstellen ? Commodore Ross, Lieutenant Colonel McQueen... Captain Phil Stewarts.“
Mit einem giftigen Blick in ihre Mitte ließen die beiden Soldaten wieder von dem Captain ab, was sofort von einem gütigen Lächeln seitens des unbekannten Mannes belohnt wurde.
„Er ist der offizielle Leiter dieses ... Unternehmens.“
„Wie nett.“ McQueen gab sich keine Mühe, seine Mißtrauen hinter einem Lächeln zu verstecken. „ Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“
„Sie dürfen, Colonel McQueen... darf ich sie Tyrus nennen?“
„Nein.“
Das Lächeln wurde schmaler und doch verschwand es nicht vollständig.
„Wie sie wünschen, Colonel.“ Der hochgewachsene Mann holte kurz Luft und zeichnete mit seiner Hand eine einwilligende Geste in die Luft.
„Mein Name lautet Vincent Jontheran. Ich fungiere in dieser Angelegenheit als eine Art Beobachter und... Friedensstifter.“
Das Lächeln verbreiterte sich wieder. „Ich bitte Sie, Captain Stewarts Verhalten zu entschuldigen... und Ihr Einverständnis für das Verfrachten zu geben.“
„Wenn sie mir sagen, WAS auf die Saratoga verfrachtet werden soll...“
Jontheran deutete mit seiner rechten Hand in Richtung des Landeplatzes der Janus.
Ross warf einen kurzen Blick zu McQueen, welcher sehr skeptisch beantwortet wurde.
„Ich bin gespannt, was sie zu bieten haben.“



Immer mehr Schritte waren zu hören, sie schienen den Raum sogar ... 
zu UMRUNDEN...!
Irritiert und wieder gegen die aufkeimende Angst ankämpfend, wankte der Mann rückwärts zu der Pritsche, denn er spürte, wie seine Kräfte wieder nachließen und dass er sich setzten mußte.
Doch urplötzlich begann der Boden zu erbeben und der Soldat fiel unsanft nach hinten gegen die Wand. Die gesamte Zelle schaukelte, so dass er sich an der Pritsche festhalten mußte. Eine ganze Zeit lang passierte nichts anderes, als dass er um sein Gleichgewicht und seinen Orientierungsinn kämpfte.
Dann ein kurzes, letztes Erbeben und die Wände standen wieder still. Wieder Schritte. 
Irgend etwas kratzte an der Tür. Dann trat wieder Stille ein.


Vorsichtig beförderte die Besatzung der Janus einen Frachtbehälter von mittlerer Größe aus dem Bauch des Transporters und brachten ihn zu einem vorbereiteten Raum, welcher an der rechten Wand anschloß und in dessen eine Seite eine einseitig verspiegelte Glaswand angebracht worden war. Nur eine kleine, am linken Ende der Frontwand angebrachte Tür ließ das Betreten des „Testraums“, wie die Leute das Zimmer, in welchem die „Fracht“ gelagert werden sollte, nannten, zu.
Sorgsam wurden die Tür mit der Luke des Frachtbehälters siegelt und sobald alle Vorbereitungen getroffen waren, traten Ross, McQueen, Stewarts und Jontheran an die verspiegelte Seitenwand des Raumes, angespannt erwartend, was bei der Türe, die nun zu ihrer Linken lag, passieren würde.
Der Testraum war bot etwas mehr Platz, als das Innere des Behälters und zudem hatte man einen Tisch und einen Stuhl hineingestellt.
McQueens Magen begann sich zu verknoten, denn er hatte einen üblen Verdacht was oder auch WER durch diese Tür treten würde.
„Captain Stewarts, ich lassen bitten.“ Wieder mit einem, inzwischen auf McQueen wie ein rotes Tuch wirkendem, Lächeln gab Jontheran die Erlaubnis, die Schleuse nun zu öffnen.


Licht.
Endlich nach einer Woche in unerträglichem Halbdunkel drang nun wieder Licht in die kleine Zelle. Alle anderen Geräusche hatten aufgehört und das Zischen der Türe erklang ungewohnt laut und nervenaufreibend.
Vorsichtig erhob sich der Gefangene und wankte in Richtung der Öffnung.


Es war nichts zu erkennen. Keine Anzeichen von Bewegung, keine Spur von Leben. Wie gebannt starrten die vier Männer auf die Luke, als wollten sie mit Gewalt einen Anzeichen von irgend etwas heraufbeschwören.
„Soll das ein Scherz sein...?“ Ross‘ Stimme zitterte ein wenig und fast instinktiv fragte sich McQueen, ob das von der Aufregung herrührte, oder der Tatsache, dass der Commodore jeden Augenblick in die Luft flog.
„Sssch, Commodore.“ Mit einem tadelnden Blick sah Jontheran zu dem Farbigen. „Ein wenig mehr Geduld.“
Mit Verlaub, Sir, aber...“
„Er kommt!“
Mit einer hektischen Geste deutete Stewarts auf die Öffnung, in welcher sich ein breiter, unförmiger Schatten abzeichnete.
„Er? Wer er? Verdammt noch mal, klären Sie uns endlich auf.“ Aufgebracht fauchte McQueen die beiden Angestellten der Organisation an, welche jedoch überhaupt nicht reagierten und weiter gebannt auf die Öffnung starrten. 
Das Beantworten der Frage wäre tatsächlich sinnlos gewesen, denn kurz darauf trat der Chig, welcher sich zuvor noch in dem Halbschatten der Tür aufgehalten hatte, unsicher in den kleinen Raum und baute sich dann in voller Größe vor den Augen der teils schockierten, teils befriedigten Zuschauer auf.


To be continued ...


Autor : Kathrin Hallenbach

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Die Charaktere und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above & Beyond" von Glen Morgan und James Wong überein.

Erklärung: Diese Seite ist nicht von FOX Television Broadcasting Corporation, Hard Eight Productions, Glen Morgan oder James Wong autorisiert. Copyright Verletzung ist in keinster Weise beabsichtigt !