Das wahre Sein
Der Blick eines blinden Auges II
„Ich würde zu gerne wissen, was die Janus jetzt eigentlich hier will.“ Mit einem nachdenkliche Gesichtsausdruck rollte sich Paul auf den Rücken.
„Pff, so wie sich McQueen aufgeführt hat, will ich es besser nicht wissen!“
Schief grinsend ließ sich Nathan aus seinem Bett gleiten. „Ich geh‘ lieber noch eine Runde Pokern. Wer kommt mit?“
„Ich.“ Vanessa verließ ebenfalls ihre Koje und folgte dem jungen Mann.
„Mhm...“ Etwas langsamer folgte auch Cooper, nur Paul versteckte leise stöhnend den Kopf unter seinem Kissen und weigerte sich, auf zu stehen.
„Dann nicht.“
Shane war ihren eigenen Angaben zu Folge schon im Erholungsraum und so trotteten die drei, in ihrer Runde komplett, in Richtung Pokertisch.
„Was meint ihr? Ob die die Janus die ganze Zeit bewachen werden?“
Mit einem geheimnisvollen Blick blieb Cooper auf einmal stehen.
„Coop,“ Nathan und Vanessa waren ebenfalls stehen geblieben und sahen ihn ungläubig an, „ glaubst Du etwa, sie machen die ganze Zeit einen unwahrscheinlichen Aufstand wegen der Sicherheit und dann lassen sie die Janus mit ihrer Fracht irgendwo unbeaufsichtigt?!“
Ungläubig schüttelte Vanessa den Kopf.
„Man kann ja mal nachsehen...“ Mit diesen Worten setzte sich Cooper wieder in Bewegung und verschwand, ohne noch auch seine Freunde zu warten in einem Seitengang.
„COOP!!... BLEIB‘... oh man.“ Mit verstörten Gesichtern folgten Vanessa und Nathan dem In Vitro.
Das Flugdeck war nur schwach beleuchtet, doch deutlich hob sich die Janus von den
Schatten ab. Mit vorsichtigen Schritten näherten sich die drei Marines dem Frachter.
„oh man, Cooper, ich hoffe, Du weiß was Du machst.“ Mit nun ängstlichem Gesicht sah sich Vanessa um. „Wenn McQueen hiervon Wind bekommen, verspeist er uns ungekocht zum Frühstück! Los, laßt uns wieder verschwinden.“
„Gute Idee!“ Mit fast hastigen Schritten entfernte sich Nathan wieder von dem Frachter.
„Coop? HAWKES! Jetzt komm‘!“
Doch der junge Mann hatte sich bereits an dem Schloß des Frachters zu schaffen gemacht. Mit einem Zischen öffnete sich die Tür vor ihm und mit neugierigen Stritten trat er in das
Innere.
„Coop...“
„Verdammt,...“ Vanessas Kopf flog in Richtung des Gangs,“ es kommt jemand.“
„Los!“ Fast zeitgleich stürmten die beiden Menschen auf das noch immer offene Schott der Janus zu und liefen mit leichten Schritten in den Bauch des Schiffes.
„Das Schott!“
Gerade noch rechtzeitig betätigte Nathan den Schalter und das Schott glitt zu.
Die beiden Männer, welche kurz darauf den Raum betraten, bemerkten nichts von den
Vorkommnissen und traten zielstrebig zu dem Frachtbehälter, welcher noch immer an der Wand stand.
Ihre dunkle Kleidung ließ sie leicht als Mitglieder Aerotechs erkennen und fast instinktiv pressten sich die drei Marines im Frachter noch flacher an die Innenwand des Frachters.
Nervös verfolgten sie jeden Schritt der beiden Männer, die, ohne von Eile getrieben zu
werden, eine kleine Luke des Frachtbehälter öffnen und begannen, in unregelmäßigen Abständen etwas in das entstandene Loch zu stopfen.
„Verdammt, was machen die da??“
„Bin ich‘ n Hellseher?“
„Sie scheinen irgend etwas in das Innere des Containers zu stopfen...“
„Toll, Damp, soweit war ich auch schon!“
„Sssch!“
Als hätten die beiden Männer die Unterhaltung der drei gehört, drehten sie sich zu der Frachtmaschine um und beäugten sie kritisch.
„Hmmmhm... hat jemand eine Idee, was wir jetzt machen sollen?“
„Wie wär’s mit einfach so tun, als ob man nicht da wäre...??“
„Umwerf...“ Abrupt unterbrach sich Cooper, als die beiden Aerotech Angehörigen die Luke verschlossen und sich bedächtigen Schrittes dem Frachter näherten.
Zielstrebig marschierten sie auf das Fenster, um welcher die drei Freunde standen, zu und dumpf konnten sie die Stimmen der beiden Männer durch die Scheibe hören.
„Immer wieder eine Schande, wie sie mit den Frachtern umgehen... sieh‘ Dir das an.“
Mit einer Hand strich der größere der Beiden über die Außenhaut des Schiffes.
„Das dauert Stunden, bis man den Schaden wieder repariert hat.“
„Dabei ist sie gerade erst vom Stapel gelaufen.“ antwortete der andere Mann mit einem
zustimmenden Nicken.
„Was soll’s... ich will nicht wissen, was diese Marines noch alles mit der Janus anstellen werden.“
„Die sollen sich erst einmal um den da hinten kümmern“, bei diesen Worten deutete der Sprecher in Richtung des Frachtcontainers,“ bevor sie auf die Idee kommen, die Lady noch mehr zu verschrotten.“
Mit einem Grinsen drehten sich die Männer um und gingen zu der Luke zurück, um die
Sachen, die dort noch verstreut herumlagen, aufzusammeln.
Gemächlichen Schrittes entfernten sich die beiden Männer schließlich in Richtung Quartiere.
Nicht ohne Erleichterung lösten sich die Marines wieder von den Wänden und atmeten
erleichtert aus. Sah so aus, als länden sie doch nicht auf McQueens Frühstückstisch.
„Wer war noch einmal auf die Idee gekommen, sich hier mal umzusehen?“
„Der Erste, der was sagt, kriegt eins aufs Maul...“ Drohend holte Cooper schon einmal mit der Faust aus.
„Coop, vergiß’es. Lass uns verschwinden. Ich hab‘ genug.“ Vanessa lief zu dem Schott und öffnete es. Mit Nathan im Gefolge verließ sie im Eilschritt den Frachter.
„Moment, habt ihr nicht richtig zugehört?! Wen meinten die beiden, als sie da über den
Container sprachen?“ Ungläubig blieb Cooper stehen. Wie konnten die anderen sich bloß so etwas entgehen lassen?
„Coop, ohne uns. Was immer sich dahinten in dem Container befindet, es kann nie so
aufregend sein, dass es einen Besuch bei Ross UND McQueen wert wäre!“
Mit diesen Worten drehte sich Nathan um und verließ zielstrebig den Hangar, dicht gefolgt von Vanessa. Cooper wartete noch einen Augenblick trotzig vor der Fähre, folgte dann
jedoch langsam seinen Freunden.
Was war dort?
Mit einem plötzlich Satz richtete der Krieger sich auf und horchte angespannt. Die Wände um ihn herum hielten den Großteil der Laute zurück, doch vermochte der Mann doch zu
erkennen, dass sich jemand in seiner Nähe befand. Erst vor ein paar Minuten waren zwei Menschen da gewesen und hatten ihm ein paar Dinge gebracht. Hauptsächlich etwas von den Sachen, die sie „Nahrung“ nannten.
Mit den Schritten der Menschen waren auch die Stimmen verschwunden, doch dann
erschollen, wie aus dem Nichts wieder Laute. Unverständlicher, aber hörbar.
Vorsichtig glitt der Mann von der Pritsche und trat an die Wand mit der Luke. Angestrengt horchte er, doch nun war nichts mehr zu hören.
Oder...?
Der Mann begann in sich zu horchen und tatsächlich... leise erklangen Gedankenmuster in ihm und sie kamen ihm sogar wage bekannt vor. Mit größer werdendem Interesse
konzentrierte er sich auf sie. Er braucht jedoch lange, um sich mit dem anderen Ich, dass sich hinter den Mustern verbarg, zu verbinden, da der Geist offensichtlich ungeschult war und dem
entsprechend chaotisch auch die Gedankenmuster.
Sorge war das Erste, was er empfand. Aber auch Neugierde.
Das andere Wesen lief durch einen Gang, offensichtlich bestrebt, zu einem, ihr – der Mann war sich ziemlich sicher, dass es sich bei dem Anderen um ein weibliches Wesen handelte – bekannteren Bereich des Schiffes zu gelangen.
Was kam ihm an dem Wesen nur so bekannt vor?
Vorsichtig tastete sich der Mann weiter vor, in der Hoffnung einen Ansatzpunkt zu finden.
Irritiert schüttelte Vanessa den Kopf, blieb schließlich stehen. Fragend blieben Nathan und Cooper stehen.
„Damp? Alles in Ordnung?“
„Ich weiß nicht, Mir ist so...“ Mit einer hilflosen Geste versuchte die Frau ihr Gefühl zu
umschreiben. Es kam ihr irgendwie bekannt vor.
Sie hatte ihn bemerkt. Noch vorsichtiger als zuvor bewegte sich der Mann durch den Wust von Gedanken und Empfindungen.
„Vanessa!“ Die Beine der Frau versagten und sie fiel gegen die Wand, welche jedoch kaum Halt bot.
Aufgehalten von einem Ansturm von Panik und Angst bemerkte er, dass er zu weit
gegangen war und zog sich wieder ein Stück aus dem Geist des anderen zurück.
Doch mit einem Mal erkannte er, woher diese Person kannte.
Das Schiff. Urplötzlich erinnerte Vanessa sich wieder, woher sie dieses Gefühl kannte. Bei dem Begleitflug, als sie fast mit der Janus zusammengestoßen wäre, hatte sie die gleichen Empfindungen gehabt, nur dass sie jetzt keine fremden Bilder sah, sondern nur etwas spürte. Die Erkenntnis beruhigte die Frau keines Wegs, doch gab ihr zumindest einen festen Punkt, an den sie sich klammern konnte.
So hoffte sie es zumindest.
Doch bevor sie auch nur den Mut gefunden hatte, die Ursache nach diesem Gefühl zu
suchen, war es verschwunden. Das Empfinden von Zweisamkeit war wieder weg.
Zögernd horchte Vanessa in sich, doch es waren kein Anzeichen eines anderen mehr zu entdecken.
Verstört und doch erleichtert entspannte sich die Frau wieder etwas, was ihrem Körper nun endlich die Möglichkeit gab, sich zu beschweren.
Bei ihrem Fall war Vanessa mit dem Kopf gegen Wand und Boden gestoßen, was dieser nun ohne Mitleid mit Schmerzen dankte. Nur zögernd drangen die Stimme Nathans zu Vanessa durch. Besorgte Gesichter erschienen vor ihren Augen und ließ sie erkennen, wo sie war. Vorsichtig versuchte sie sich zu bewegen, was trotz einiger Proteste ganz gut ging.
„Alles in Ordnung?“
„Ich denke schon. Mir war nur schwindelig...“
„Vielleicht sollten wir Dich auf die Krankenstation bringen.“ Mit seiner linken Schulter stütze Nathan Vanessa und half ihr wieder auf die Beine.
„Schon gut. Ich will jetzt nur zurück ins Quartier. Ich bin müde.“ Ohne ein weiteres Wort löste sich die Frau von der stützendem Schulter und ging schwankenden Schrittes zu ihrem
Quartier.
Nathan und Cooper blieben fragenden Blickes zurück.
„Hast Du den Ausdruck auf ihrem Gesicht gesehen?“ Mit einem leisen Schaudern erinnerte sich Cooper wieder an den Moment, als Vanessa schwankte und zu Boden ging.
„Als hätte sie unwahrscheinliche Angst gehabt. Aber wovor?“
Nathan nippte an seinem Getränk, lustlos, da er sich den Cocktail eigentlich nur bestellt
hatte, um sich irgendwie zu beschäftigen. Schon bedauerte er die Bestellung, kostete sie ihn doch nur ungenosse Punkte von seiner Karte. Er und Cooper hatten sich in den Vergnügungsraum begeben, in der Hoffnung noch Shane zu finden, doch sie war nicht mehr dort.
Nathan wandte den Blick zu dem Panoramafenster, hinter welchem deutlich die Sterne zu sehen waren.
„Vielleicht hat es mit der Janus zu tun...“ überlegte Cooper laut. Ein fragender Blick Nathans ließ ihn kurz inne halten. „Weißt Du, da hatte sie doch einen Zusammenbruch. Sie wäre fast in die Janus geflogen."
Ich denke, wir sollten noch einmal mit ihr sprechen.“
Unruhig wälzte sich Vanessa auf ihrem Bett von einer Seite auf die andere. Sie wollte
endlich schlafen, doch es klappte nicht. Gedanken und Gefühle schwirrten in ihrem Kopf umher, sinnlos, beängstigend. Zu deutlich erinnerte sie sich an den Moment in ihren Flieger, als sie sich plötzlich in dem Körper des anderen wiedergefunden hatte. Fröstelnd erhob sich
Vanessa und schwang die Beine über die Bettkante. Shane und Wang schliefen, was man bei Wang auch hören konnte. Mit einem leisen Lächeln beobachtete Vanessa das entspannte Gesicht ihres Freundes und wunderte sich, wie er nur so friedlich schlafen konnte. Shane begann sich zu regen, wachte jedoch nicht auf.
Vorsichtig erhob sich Vanessa von ihrem Bett und schlich in Richtung Tür. An Schlaf war nicht zu denken, also konnte sie genauso gut einen Spaziergang machen. Vorsichtig öffnete sie die Tür und schlich hinaus. Wie es zu der Nachtzeit zu erwarten war, fand Vanessa die Korridore verlassen vor, nur ab und zu lief ihr ein Techniker über den Weg.
Sollte sie oder sollte sie nicht?
Anfangs zögernd, dann jedoch sicherer und mit festerem Schritt näherte sich die Frau dem Hangar der Janus. Auch hier war kein Personal zu sehen. Nur die Janus sah ihr in der
gedämpften Beleuchtung entgegen, fast vorwurfsvoll, dass sie gestört wurde – so hatte es
zumindest den Anschein.
„Du siehst schon Gespenster...“ tadelte sich die Frau selbst.
„Hier ist niemand.“
Mit einem energischen Schritt trat Vanessa aus dem Flur in den Hangar. Nichts regte sich. Keine Wachen, die sie ansprachen, niemand. Vanessa entspannte sich ein wenig und näherte sich mit leisen Schritten – für den Fall, dass hier doch jemand sein sollte – zuerst dem Schiff; doch da sie es schon kannte, wandte sie sich dann dem Container zu. Der Behälter sah nicht besser aus, als das Schiff; die Außenhaut war zerkratzt und teilweise fehlte die Farbe. Die Luke, durch welche die beiden
Aerotech Angehörigen ein paar Stunden früher die Sachen in das Innere gestopft hatten, war durch ein Schloß gesichert.
Ratlos blieb die junge Frau vor dem Container stehen.
„Und jetzt?“ Was konnte sie machen?
Vorsichtig näherte sich die Frau der Türe, welche sich in der gleichen Wand befand.
Vielleicht konnte sie von dort aus zu der offenen Seite des Containers gelangen?
Unruhig sah sich Vanessa noch einmal um. Wenn sie jemand erwischte... Ob die anderen ihr Fehlen schon bemerkt hatten? Vielleicht suchten sie sie bereits. Energisch rief sich die Frau zur Ordnung, trat zu der Tür und bettete in inständig, dass die Tür nicht mit irgendeiner
versteckten Alarmanlage verbunden war.
Die Tür öffnete sich langsam, doch keine Sirene ertönte. Vanessa trat ein und stand in einem relativ kleinen Raum, dessen rechte Seite durch ein Glasfenster ersetzt worden war. Das Fenster gewährte den Blick in einen zweiten Raum, welcher etwas größer als der
Beobachtungsraum war. Ein Tisch und ein etwas wackeliger Stuhl waren die einzigen Möbel. Die rechte Wand des Raumes war teilweise verschwunden und statt dessen war eine
Verbindung zwischen Container und Raum errichtet worden. Ein schwarzes Loch ließ den Raum hinter der Schleuse vermuten.
Gerade vor Vanessa befand sich eine weitere Tür, welche, so es die Frau erkennen konnte, den Zutritt in den zweiten Raum zuließ.
Ansonsten war nichts Auffälliges zu erkennen.
Etwas enttäuscht trat Vanessa an das Fenster. Das war alles? Zwei leere Räume?
Angestrengt versuchte sie, etwas in den Schatten des Containerdurchgangs zu erkennen, doch ihre Augen weigerten sich, mehr als Dunkelheit zu erkennen.
Mißgestimmt gab Vanessa auf und wandte von dem Fenster ab.
Sie hatte gehofft, hier die Antworten zu finden, das Wesen, dass zu ihr bereits zweimal
gesprochen hatte, irgend etwas.
„Was sollte ich nur tun?“ dachte Vanessa mürrisch.
Irgend etwas hatte ihn geweckt. Müde versuchte sich der Mann es sich wieder auf seiner Pritsche bequem zu machen.
„Was soll ich nur tun?“
Die Schläfrigkeit verschwand abrupt. Sie war wieder in seiner Nähe. Mit etwas zittrigen Knien erhob er sich von seinem Lager und trat zu der Schleuse. Sie war näher als jemals zuvor, sie schien praktisch im anliegenden Raum zu sein. Mit vorsichtigen Schritten trat der Mann in das Licht des angrenzenden Raumes.
Halbherzig dachte Vanessa an ihr Bett und daran, es wieder aufzusuchen.
Nein. Sie war hierher gekommen, um eine Antwort auf ihre Frage zu finden, also würde sie so lange suchen, bis etwas fand – oder sie von jemanden gefunden wurde.
Mit diesem Gedanken drehte sie sich wieder zu dem Fenster um. Und sprang mit einem spitzen Aufschrei zurück, um kurz darauf gegen die Rückwand des Raumes zu prallen.
Direkt vor dem Fenster, mit dem Gesicht zu ihr gewandt, stand ein Chig in voller Rüstung. Nur die Waffe schien noch zu fehlen.
„Oh Gott!“
„Das ist doch nicht möglich!“ Mit einem Anflug von Panik presste Vanessa sich an die
Wand und versuchte vergeblich einen weiteren Gedanken zu fassen.
Der Chig schien nichts von all dem zu bemerken, sondern sah nur weiter in ihre Richtung.
Ein Gefühl von Hitze stieg in Vanessa auf, bis die Frau meinte, bei lebendigen Leib gekocht zu werden. Erstaunte merkte Vanessa, wie sich ihr Körper langsam wieder entspannte.
Faser für Faser kam wieder zur Ruhe, und mit dieser Entspannung wuchs in Vanessa die Gewißheit, dass sie keine Angst zu haben brauchte.
„Was...?“
Zögernd löste sie sich von der Wand und trat langsam wieder auf das Fenster zu. Der Chig rührte sich noch immer nicht, sondern starrte unverwandt in Vanessas Gesicht.
Er schien auf etwas zu warten.
Vanessa holte verunsichert Luft, bis urplötzlich eine Erkenntnis sie traf. ER!? Sollte sie
wirklich... Kontakt mit IHM gehabt haben!? Allein bei dem Gedanken durchliefen Vanessa kleine Schauder. „Oh Gott...“
Was, wenn nein ?
Was, wenn JA !?
Vanessa wusste nicht, bei welchen Gedanken ihr schlechter werden sollte. Mit irgendeinem unbekannten Menschen (vielleicht sogar einen Angestellten von Aerotech !) oder mit
diesem... Chig eine geistige Verbindung gehabt zu haben.
Nun, es gab‘ nur einen Weg, um es herauszufinden...
Mit zusammengepreßten Lippen versuchte sich Vanessa weiter zu entspannen und ihre Aufmerksamkeit in ihr Inneres zu lenken.
Zögernd sah sie sich um, aber sie konnte nur das Durcheinander ihrer eigenen Gedanken ausmachen. Nichts deutete darauf hin, von einem anderen Wesen zu stammen.
Ok. Dass war dann nichts gewesen. Vanessa wollte die Augen schon wieder öffnen, als sie merkte, wie sich etwas zu nähern schien.
Vorsichtig, Schritt für Schritt.
Atemlos sah Vanessa dem kommenden Wesen entgegen. Es war formlos, nur einen helle, ovalen Mittelpunkt konnte ausgemacht werden. Um diesen paarten sich die Farben des
Regenbogens und viele, Vanessa unbekannte Arten von Farbtönen, verschwanden, entstanden neu, so dass das gesamte Wesen wie eine riesige glitzernde, farbenprächtige Wolke wirkte. Gepaart mit den übersinnlichen Farben drangen Gefühle in Vanessas Geist und sie erkannte überrascht, dass der Mann – sie war sich sicher, dass der Außerirdische zum anderen
Geschlecht gehörte – bemüht darum war, sie nicht zu sehr mit der neuen Erfahrung zu überlasten.
Wie in einem Rausch beobachtete und fühlte die Frau die Präsens dieses Wesens und
fragte sich, ob sie den gleichen Eindruck auf den Mann, wie er auf sie, machte. Bei dem
Gedanken begann der ovale Mittelpunkt des anderen aufzuleuchten, so dass die Farben kurzweilig einem strahlenden Licht Platz machten, nur um daraufhin noch intensiver zurück zu kehren. Mit dem Erstrahlen WUßTE Vanessa plötzlich, dass sie es tat. Der Mann hatte ihre Frage verstanden und geantwortet.
Etwas peinlich berührt und auch erschrocken über diesen doch sehr engen Kontakt zog sich Vanessa zurück. Die Farbenwolke begann augenblicklich kleiner zu werden, und eine Zeit lang sah sich die Frau einem nun mehr nur noch handgroßen Farbball gegenüber. Doch dann begannen die Farben zu schillern und Vanessa spürte Verwirrtheit und auch Besorgnis und die Frage, ob er sie verletzt hätte.
Berührt von die Fürsorge des Anderen und nun überzeugt von seiner Gutmütigkeit näherte sich Vanessa wieder dem Wesen, bis sie meinte es fast berühren zu können.
So nah konnte sie sich nicht mehr vorstellen, einen Nicht Menschen vor sich zu haben. Er war in keiner Weise anders, so wie sie jetzt in Kontakt zu ihm stand, obwohl ein Teil
Vanessas Verstandes beharrlich darauf bestand, dass ein Unterschied existieren mußte.
Doch dem war nicht so.
Seine Farben begannen sich mit ihren Farben zu mischen , flossen ineinander, schufen neue Töne, als er sich ebenfalls bewegte und an Vanessa herantrat. Bilder erschienen in
Vanessas Geist, Bilder aus dem Leben des Mannes, welche er ihr bereitwillig zur Verfügung stellte. Gesichter, unbekannte Orte, doch auch Bekanntes. Etwas bedrückt erfuhr Vanessa die
wahre Vorkommnisse, warum die Janus gekommen war, welche Position der Mann in seiner Gesellschaft eingenommen hatte bevor er gefangen genommen worden war, unter was für Umständen er zur Saratoga transportiert wurde.
Traurig beobachtete die Frau durch die Bilder das Spiel der Farben. Ungetrübt, doch
langsamer, bedächtiger verflochten sich die Töne.
Die Bilder verblaßten und Vanessa konnte wieder die Gesamtheit der Farbströme
wahrnehmen. Doch dann veränderten sie sich. Der Mann zog sich zurück. Die Farben verblaßten, wurden dunkler, der ganze Schein ihres Gegenüber schien auf ein Mal zu verschwinden.
Hastig hintereinander folgende Bilder ließen Vanessa auffahren.
Es näherte sich jemand ! Mit dieser Erkenntnis fand sich die Frau in ihrem Körper wieder, welcher noch immer, etwas zusammengesunken, vor dem Fenster stand. Auch der Körper des begann Chig sich zu rühren und eine Hand wies sie mit eiligen Bewegungen an, den Ort zu verlassen.
Sich ihres Körpers wieder bewußt, trotz allem jedoch noch etwas unsicher auf den Beinen bewegte sich Vanessa zur Tür. Entfernte Schritte waren zu hören, Stimmen. Vorsichtig schlüpfte die Frau aus dem Raum und schloß die Tür hinter sich, so lautlos wie möglich. Mit zwei hastigen Schritten verschwand Vanessa in den Schatten der Wände, in der Hoffnung, die ankommenden Personen würden nicht die Lichtintensität erhöhen.
Kurz nachdem Vanessa die Wand erreicht und sich in den Schatten gekauert hatte,
erschienen drei Menschen, zwei Männer und eine Frau. Die Frau, sowie einer der Männer gehörte zu dem Aerotechteam. Der dritte Mann schien ein Techniker zu sein, Vanessa konnte ihn nicht richtig erkennen. Unendlich leise schob sich die Frau an der Wand entlang in Richtung Gang, um das Deck endlich verlassen zu können, als die Frau aufsah und kurz darauf direkt in Vanessas Richtung blickte. Doch genauso schnell, wie sie zu der Frau – oder zumindest der Richtung – gesehen hatte, wandte sie nun schon wieder den Blick ab und starrte statt dessen den Container an. Ein kurzer Wortwechsel entstand und schließlich strebten die drei Menschen auf die Tür zu, aus welcher Vanessa vor ein paar Minuten gekommen war.
Sobald die Tür sich geschlossen hatte, verließ die Frau ihren Platz und bewegte sich mit ausgreifende, nichtsdestoweniger leisen Schritten zu dem Gang, von welchem sie zu Anfang das Dock betreten hatte.
Kaum außer Hörweite begann Vanessa zu laufen. Nur schnell weg, bevor jemand sie
erwischte!
Bis sie der Zusammenstoß mit jemanden sie abrupt stoppte.
Es war Nathan.
„Hi, Phousse. Gut, dass wir Dich treffen. Wir haben Dich gesucht...“
Ross‘ Laune hatte sich in den letzten Tagen nicht verändert und das Brückenpersonal hatte inzwischen Wetten darüber abgeschlossen, ob es bei Ross‘
„Laune Barometer“ noch Werte unter 0 gab. Die Wetten standen 13 : 5 dafür...
Wie ein Racheengel marschierte Ross über die Brücke, und machte kein Geheimnis aus seiner Anwesenheit.
„Sir, >Friedensstifter < Jontheran möchte sich mit Ihnen unterhalten, Sir.“
Stille folgte diesem Satz und mit angehaltenem Atem wartete die Crew auf Ross‘ Reaktion – oder Explosion. Jontheran bedeutete Ärger und das gerade McQueen diese Nachricht
brachte, machte die Sache nicht besser. Jeder der Besatzung hatte von den hitzigen
Diskussionen zwischen Jontheran und Ross gehört und diejenigen, die das Pech hatten, zur falschen Zeit am falschen Platz gewesen zu sein, hatten sie sogar miterlebt. (Denn hatten Ross
zuerst darauf geachtet, die Crew von den Differenzen nicht wissen zu lassen, waren es mit der Zeit nicht mehr möglich gewesen. Jontheran redete wo und wie es im passte und die Ohren der Crew waren einfach zu groß.)
„Aufklärer haben verstärkte Chig Aktivitäten geortet und ich werde die Brücke erst wieder verlassen, wenn ich den Grund dafür kenne.“
Es war ihm ernst und jeder auf der Brücke malte sich sein privates Bild von den kommenden Stunden.
„Sir,“ setzte McQueen an, „ Jontheran behauptet die Gründe für diese an sich ungewöhnlichen Aktivitäten zu wissen. Sir.“
Mit einen zuerst ungläubigen, dann jedoch um so grimmigeren Blick wandte sich Ross
McQueen zu.
„Tatsächlich.“ Ross Blick bohrte sich in McQueens Gesicht.
„Lieutenant, behalten sie die Aktivitäten im Auge und geben sie mir viertelstündlich Bericht.“ Der Angesprochene nickte geschäftig und machte sich – vielleicht etwas zu schnell – an das Beobachten.
„Hören wir uns an, was Botschafter Jontheran zu sagen hat.“
Vanessa saß etwas zusammengesunken in einer Ecke des Erholungsraumes. Nathan und Cooper hatten sie fast sofort dorthin geschleppt und seit ihrem Ankommen ununterbrochen Fragen gestellt. Die Frau ließ sie gewähren, antwortete jedoch nur hier und da mit ein paar Worten.
„Vanessa!“
„Könntest Du uns bitte aufklären ?“ Mit eindringlicher Stimme redete Nathan auf die Frau ein.
„Va ness sa!!“ Im Gegensatz zu Nathan zeigte Coopers Gesicht nicht mehr die Spur von Geduld auch seine Gestik zeigt, dass er der Frau am liebsten seinen Drink ins Gesicht
geschüttet hätte, um endlich Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.
„Ich weiß nicht.. wie ich es sagen soll...“ begann Vanessa schließlich zögernd. „Das erste Mal passierte es mir bei unserem Aufklärungsflug. Er war dar. Auf einmal. Ich war auf einmal in seinem Körper und... und...“ hilflos brach Vanessa ab, unfähig irgendwie dieses Gefühl des
Verbunden Seins zu beschreiben.
„Wer ER?“
„Der...“
„VANESSA!“
Wie von einem Blitz getroffen fuhr Vanessa auf. „Ja ?“ Ihre Gedanken überschlugen sich, doch sie konnte die Präsens des anderen spüren. über so eine große Distanz ?
Irritiert fragte sich Vanessa, warum er dann nicht vorher Kontakt zu ihre aufgenommen hatte.
„Ich befinde mich in einem Raum unter Dir. Hilf mir!“
„Was ist passiert ?“
„Vanessa?“
„Hey, alles in Ordnung?“
„Komm zu mir. SCHNELL!“
Verwirrt schüttelte Vanessa den Kopf.
„Phousse?...“
„... alles ok. Ich... ich brauch nur etwas frische Luft.“
Mit diesen Worten stand Vanessa auf und verschwand aus dem Raum.
Nathan und Cooper blieben perplex sitzen.
„So einfach kommt die mir nicht davon!“ schnaubte Cooper schließlich, noch immer etwas verdutzt und folgte Vanessa.
„Warte. Ich komme mit.“
Vanessa lief durch die Gänge des Schiffes, sich beherrschend, wenn andere
Besatzungsmitglieder in Sichtweite kamen, doch dann sofort wieder in den Laufschritt verfallend, um schnellstmöglich das Ziel zu erreichen.
Ihr Schritt stoppte vor einer gesicherten Tür. Ihr Instinkt – Instinkt?! – sagte ihr, dass sie
richtig war und als sie vorsichtig durch das kleine Fenster, dass in der Türe war, hindurch
schielte, konnte sie den Chig sehen. Zusammengesunken saß er auf der Pritsche, welche an der linken Wand des Raumes angebracht worden war.
Doch sobald er Vanessas Anwesenheit spürte, hob er den Kopf. Etwas schwankend erhob er sich und trat an das kleine Türfenster.
Vanessa spürte, wie ihre Instinkte sie dazu bringen wollten, von dem Fenster zurückzutreten und zu verschwinden, als der Krieger sich ein wenig nach unten beugte, um durch das
Fenster sehen zu können.
Mit seiner linken Hand deutete er auf das Schloß der Tür.
Vanessa, unsicher, wie sie die Tür öffnen sollte, sah sich die Wand genauer an. Das
Sicherheitsschloß sah nicht sonderlich vertrauenerweckend aus.
Wo sollte sie ihn überhaupt hinbringen, wenn sie ihn da herausbekommen hatte? Was war überhaupt passiert? Warum war er nicht mehr bei der Janus...?
Mit einem fragenden Blick sah sie wieder zu dem Chig.
Eine Reihe von Bildern entstanden in Vanessas Kopf, zeigten ihr die drei Aerotechleute, wie sie den Beobachtungsraum neben dem Container betraten und der eine Mann verbal und daraufhin die Frau auf telephatische Art versuchte, sich mit dem Chig zu verständigen. Nach dem Verständigungsversuch begannen sich die drei Menschen zu beraten. Kurz darauf
traten Soldaten in den Raum und brachten den Chig zu dem neuen Raum. Auf dem Weg
dorthin trafen sie keine Besatzungsmitglieder der Saratoga und die Soldaten, welche den Chig eskortierten kannte Vanessa nicht. Schienen nicht zu der Besatzung zu gehören.
Unruhe stieg in Vanessa auf. Der Trupp von Aerotech bestand bis vor kurzem nur aus einer Handvoll Leute. Doch die Soldaten, sie waren zu viele, als dass sie auf der Saratoga nicht aufgefallen wären.
Wo kamen sie her?
Während dieser Überlegungen hatte Vanessa angefangen, an dem Sicherheitsschloß zu fingern. Wenn sie es schaffte, die Drähte so zu verbinden, dass der Stromfluß nicht
unterbrochen würde, wenn sie die eigentlichen Verbindungen löste, konnte sie die Tür öffnen, ohne den Alarm – welchen es garantiert gab – auszulösen.
Angespannt fummelte Vanessa an den Drähten herum, die sich hinter der Verkleidung
versteckten.
„... ok, so könnte es funktionieren.“
Mit angehaltenem Atem löste Vanessa die Verbindungen.
Das zweite Mal, dass sie Glück hatte. Die Tür öffnete sich lautlos und kurz darauf stand der Chig in voller Größe im Flur.
Eine Welle von Dankbarkeit erreichte Vanessas Sinne, doch diese konnte sich nicht daran erfreuen. Was machte sie hier bloß? Wäre ihr dieser Mann woanders, unter anderen
Umständen begegnet, hätte sie ihn umgebracht – oder er sie.
Doch nun befreite sie ihn und gestattete ihm, einfach auf der Saratoga herumlaufen zu können.
Sie mußte verrückt sein.
Bilder drängten sich ihr auf. Die Janus. Sie mußten dorthin kommen.
Vanessa stockte der Amten. Quer durch’s Schiff... am Morgen.
Die Nachtschicht war fast vorbei, das Schiff erwachte wieder. Wie sollte sie mit dem Alien unbemerkt zum Hangar kommen?
Eine Hand berührte sie an der Schulter. Die Zeit drängte.
Der Chig zog ein kleines flaches Plättchen aus seinem Panzer hervor und legte es auf den Boden der Zelle. Mit seiner freien Hand schloß er wieder die Tür.
Ein leises Sirren erklang und in der Zelle entstand ein Doppelgänger des Chig Kriegers.
Vanessa fröstelte. Das die Chigs bessere Waffen hatten, war ihr schon bekannt gewesen noch bevor sie in die Erde verlassen hatte. Doch, so überlegte sie beunruhigt, was hatten die Alien noch alles in petto, wenn schon ein „normaler“ Krieger so eine Hightech mit sich
herumschleppte und scheinbar selbstverständlich einsetzte.
Mit angehaltenem Atem überlegte Vanessa nach einem Ausweg. Bis zu Hangar würde sie „am Tag“ nie kommen. Höchstwahrscheinlich würden man sie schon an der nächsten
Kreuzung festnehmen, spätestens in einem der Hauptkorridore, durch die sie zwangsweise mußten. Es gab keine andere Verbindung.
Und selbst wenn sie dort ankämen. Wie sollte er das Schiff verlassen, ohne dass gleich sämtliche Geschütze des Trägers nach ihm feuerten!?
„Verdammt.“
Wieder einsperren konnte sie ihn allerdings genauso wenig.
Unruhe begann sich in ihr breit zu machen, und es war nicht nur ihre Eigene. Besorgt sah Vanessa sich um. Wohin?
„Botschafter...“
Mit verschlossenem Gesicht ließ sich Ross auf seinem Stuhl nieder. McQueen plazierte sich hinter ihm in Habachtstellung, was Jontheran zwar mit einem Stirnrunzeln bedachte, jedoch nichts dazu sagte.
„Bitte fassen Sie sich kurz, Botschafter. Ich werde auf der Brücke erwartet.“
„Ich weiß. Die Feindaktivitäten. Darüber möchte ich mit Ihnen reden.“
Mit einem leicht erheiterten Gesichtsausdruck lehnte sich Ross zurück. „Colonel McQueen sagte, dass Sie den Grund für diese Aufruhr kennen.“
Jontheran Gesicht verzog sich, als ob er in eine Zitrone gebissen hätte. Nur langsam
gewann sein väterliches Lächeln wieder die Oberhand.
„Ihr Colonel ist ein guter Mann, Commodore. ... aber... er hat recht; ich denke, ich kenne den Grund.“ Jontheran begann mit einem Mal unruhig auf seinem Stuhl herum zu rutschen, was seinem heiteren Gesichtsausdruck jedoch keinen Abbruch tat.
„Sie erinnern sich doch gewiß an den Chig, der sich seit knapp 48 Stunden an Bord
befindet.“
„Botschafter, dieser Chig ist der Grund für unsere verbalen Auseinandersetzungen in den letzten 46 Stunden und sie fragen mich, ob ich mich an ihn ERINNERE!? Kommen sie zum Punkt, Botschafter.“
Mit jeden Wort war Ross‘ Ton schärfer geworden, bis Jontheran schließlich sogar die Augen schloß und sich nervös über die Lippen fuhr. Kein guter Anfang. Ross lehnte sich wieder zurück und ließ seinen Worten eisige Stille folgen.
„Nun,“ Jontherans Stimme klang stockend, „bei dieser... Person handelt es sich nicht um einen der vielen „Drohnen“ oder „Arbeiter“...“
Ein leises Schnauben von seinen Gegenüber ließ Jontheran schneller sprechen.
„Er ist eine angesehene Persönlichkeit auf den Heimatwelten seines Volkes; ein geistiger Führer.
„Was!?“
Mit skeptisch ungläubigen Blick starrte Ross und nun auch McQueen den Mann an. „Nachforschungen... ergaben, dass die Chigs durchaus eine Religion praktizieren. Sie ist
vergleichbar mit dem auf den Erde bekannten Schamanismus oder auch den Druidenkult in
Europa. Eine Art Mischung.“
McQueen trat aus dem Schatten neben Ross.
„Und >unser< Chig...“
„... er ist, wenn sie es so wollen, ein Schamane.“ beendete Jontheran den Satz.
„Unsere Organisierung wurde vor einigen Tagen die Information zugetragen, dass diese Person einen nahegelegenen Sektor durchfliegen würde; eine einmalige Möglichkeit, den von diesen Führern gibt es, unseres Wissens, nur 5 derartige Führer...“
„...und Aerotech sah eine Möglichkeit, ein Forschungsobjekt in die Finger zu bekommen, schickten eine Einheit mit Frachter dorthin und nahm ihn in Gewahrsam.“
Ross Gesicht zeigt deutlich, was er davon hielt. Jontherans Züge veränderte sich schlagartig und ernst zu nehmende Strenge zeichnete sich darin ab.
„Wir suchen nach jeder Möglichkeit den Krieg schnellst möglich zu beenden.“ Jontheran
holte scharf Luft und fuhr schließlich fort: „Ohne geistige Führer würde das soziale System der Chigs zusammenbrechen, also den Zusammenbruch der gesamten Rasse, wenn schon
einer nicht zu erreichen ist, macht sich Unsicherheit breit.“
„Woher wissen sie das alles?“
„Was tut das zur Sache. Die Chigs werden niemals das leben eines Führers riskieren.“ Jontheran hob eine braue und lächelte. „Der Schamane in unserer Hand wäre eine
Grundlage für Verhandlungen, in den die Chigs uns zuhören müßten.“
Ross hörte, wie McQueen neben ihm nach Luft schnappte und Ross konnte die Gedanken McQueens fast körperlich spüren. Doch die Naivität des Gesandten strapazierte auch seine Nerven.
„Haben sie schon einmal über die Option nachgedacht, das die Chigs, anstatt ruhig auf ihren Planten sitzen zu bleiben, eine Offensive starten könnten, um den Schamanen zu befreien?“
„Ich sagte doch, sie würden das Leben ihres Geistführers NIE riskieren...“
„Und wenn schon.“ Fauchte McQueen, des Zuhörens überdrüssig. „Käme er um, würde er als Märtyrer weiterleben. Und was wollen sie dann unternehmen? Wie wollen sie dagegen vorgehen, können Sie mir das sagen?!“
Jontheran senkte den Blick kurzen Blick, nur um daraufhin um so ernster die beiden Männer anzublicken. Zu einer Antwort kam er allerdings nicht mehr, denn ein junger Mann trat, nach kurzem Klopfen, in den Raum ein.
„Sir. Alarm aus dem Inhaftierungsbereich, Sir.“ Unsicher blickte der Mann zu Jontheran. „Sir, der Chig konnte sich aus seiner Zelle befreien...“
„Verd...“
Mit einem Sprung stand Ross auf und näherte sich dem Mann. „Wo ist er? Wurde er bereits gefunden?“
„Sir, nein, Sir. “
Mit einem bissigen Gesichtsausdruck drehte sich Ross zu Jontheran um. „Interessante
Theorie: Der Chig in unserer Hand...“
„Sparen Sie sich den Sarkasmus, Commodore.“
Jontheran stand auf und ging schnelleren Schritts zu Tür. „Wir sollten besser versuchen, ihn zu finden.“
„Exzellente Idee.“ Ross trat einen Schritt zurück und gab die Tür frei.
„Nach Ihnen...“
„Verdammt, was ist nur mit ihr los?“ Mißgestimmt suchten Nathan und Cooper die Gänge nach Vanessa ab, doch ihre Suche war bisher erfolglos geblieben. Sie waren nun sogar noch einmal auf dem Weg zu dem Frachter – Cooper hatte den Verdacht geäußert, Vanessa könnte vielleicht dort sein (wobei Nathan im Stillen eher Coopers Neugierde in Bezug auf den Container für diese „Vermutung“ verantwortlich machte, als sein Bedürfnis Vanessa zu finden).
„Nix.“
„Oh Wunder...“
Mit einem neckenden Seitenblick sah Nathan zu Cooper, welcher angestrengt, allerdings hoffnungslos ungeschickt versuchte, den Container NICHT zu beobachten und abzuschätzen.
„Vielleicht...“ setzte Cooper an, verstummte jedoch, las er Nathans Blick bemerkte.
„Nein, Coop, Vanessa wird bestimmt NICHT in dem Container sein. Komm‘, lass uns
verschwinden, bevor uns jemand entdeckt.“
„Eh... hey, was...!“
„Nicht schon wieder! ... da kommt jemand.“
Ohne große Hoffnung sah sich die beiden Marines nach einer zweiten Möglichkeit um, den Raum verlassen zu können, doch es war vergebens. Wie erwartet.
„Wie wär’s mit: >Wir sind eine zu spät abgebogen?<“
Noch während Nathan und Cooper über eine mögliche Erklärung nachdachten, betraten acht Personen den Hangar.
„Sie an, noch zwei von diesem Geschwader. Ein nettes Familientreffen.“
Ungläubig starrten Nathan und Cooper auf den Chig, welcher sich ihnen näherte, von vier Soldaten in die Mitte genommen. Kurz dahinter trottete Vanessa, sie von zwei
Aerotech Mitgliedern, einem Mann und einer Frau, flankiert. Der Mann trat mit einem leicht sardonischen Gesichtsausdruck zu den beiden Marines.
„Phousse... was ...“
„Ihre Freundin dabei überführt, wie sie den Chig aus seiner Zelle befreite. Offensichtlich
wollte sie ihn von diesem Schiff fortbringen...“
Nathan und Cooper blickten perplex in das Gesicht des Mannes, dann zu Vanessa, die
immer noch teilnahmslos bei der Frau stand. „Sie glauben doch nicht etwas wirklich, was sie da gerade eben gesagt haben, oder !??“ meinte Cooper schließlich.
Die Züge des Mannes wurden hart.
„Marine, Sie sollten gegenüber Vorgesetzten mehr Respekt zeigen!“
„Und Sie, Captain Stewart, sollten mir gegenüber mehr Respekt erweisen!“
Mehrere Marines schwärmten aus dem Gang und umkreisten die Truppe von nun 10
Lebewesen. Mit den Soldaten betraten auch Jontheran, Ross und McQueen den Hangar.
„Was hat das zu bedeuten?“ schnappte Stewarts. Als er jedoch erkannte, werde mit ihm sprach, wurde er sichtlich zahmer.
„Das Gleiche könnte ich Sie fragen, Captain.“ Jontheran trat zu dem Mann, so dicht, das Stewarts seinen Atem spüren könnte. „Verdammt, was hat der Chig hier zu suchen. Er sollte in seiner Zelle sein und nicht hier!“ zischte Jontheran ihm zu, ohne dass die anderen
Personen ihn hören konnten.
Stewart riskierte einen knappen Blick zu Ross, der offensichtlich noch auf eine Antwort
seinerseits wartete. Doch bevor er laut sprach, murmelte er: „Diese Marine hat versucht, ihn zu befreien. Wir haben nichts damit zu tun.“ Laut antwortete er: „Diese Frau und der Chig wurde in einem Gang angetroffen. Sie hat ihn – warum wissen wir noch nicht – befreit und
versucht, von diesem Träger schaffen.“ Stewart senkte den Kopf und räusperte sich. „Ich hielt für am Sichersten, wenn wir dem Chig in seinen... vorherigen Aufenthaltsraum zurückzubringen. Und die Marine sollte in Gewahrsam genommen werden.“
Jontheran nickte langsam und wandte sich zu Ross und McQueen um.
„Ein unglücklicher Fall, Commodore. Doch Captain Stewarts Vorschlag erscheint vernünftig.“
„Welche Beweise liegen vor, dass diese Marine den Chig unterstützt hat?“ schnappte
McQueen und trat vor Captain Stewarts. „Nun, Colonel, sie wurde mit ihm zusammen in einem Gang festgenommen, kurz vor dem Sicherheitstrakt...“ „Und weiter?“
„Weiter?“ Irritiert blickte Stewarts zu dem Mann. War diese Tatsache diesem Starrhals nicht Beweis genug?
„Wurde sie bei weiteren Aktivitäten, die diesen VERDACHT unterstützen könnten,
beobachtet worden?“ McQueen ließ keinen Zweifel daran, dass er Stewarts kein Wort glaubte.
„Nun... nicht direkt.“ Stewarts überlegte offenbar fieberhaft nach weiteren Beweisen.
„Allerdings denke ich, dass die weitere Untersuchung des Falls weitere, sichere Beweise liefern wird.“
McQueens Augenbrauen wanderten fast unmerklich ein Stückchen nach oben. „Vielleicht sind sie ja sogar wirklich in der Lage, einen ERSTEN, sicheren Beweis mit den genaueren „Untersuchung“ zu finden. Aber bis dahin wird
First Lieutenant Damphousse weiter im Dienst bleiben.“
„Das wird sie ganz bestimmt nicht. Sie hat einem Chig zur Flucht verholfen, verdammt!“
Stewarts trat ein Stück näher an den Colonel heran.
„Sie wird auf die medizinische Station gebracht und dort untersucht werden.“ Schaltete sich Ross auf einmal in das Streitgespräch ein. „Solange, wie sie in Behandlung ist, können sie nach Beweisen suchen. Sollten sie eindeutiges Material finden, wird über einen Prozeß nachgedacht. Anderenfalls...“ Ross verstummte. Ließ den Rest des Satzes im Raum stehen und niemand legte erwiderte etwas. Sein Tonfall war eindeutig und duldete keinen
Widerspruch.
„Ich habe verstanden.“ Ein verzerrtes Lächeln machte sich auf Stewarts Gesicht breit, als er in Ross Richtung nickte und anschließend den Soldaten den Befehl gab, den Chig in den Container zu bringen.
„Ma‘ hee, tqual eskat‘ et... chi’thee.“
Vanessa riß den Kopf hoch und starrte dem Chig hinterher, wie er zu der Tür gebracht
wurde. Der Abschiedsgruß des Anderen hallte noch in ihrem Kopf, wiederholte sich scheinbar wieder und wieder.
„Nein, NEIN!“ Mit einem Mal kam Leben in ihren kraftlosen Körper und Vanessa wand sich aus dem Griff der Frau, die sie bis zu diesen Zeitpunkt noch immer festgehalten hatte.
„Mistkerle! Lass ihn los!“ Und stürzte sich auf die Soldaten.
Arme packten sie und zwangen sie zu Boden.
„Nat’nattar! Mesque et’at, chi’thee.... nat’nattar....!“
Die geistigen Versuche des Anderen, Vanessa zu beruhigen, prallten einfach an ihr ab.
Plötzlich begann sich ein drittes geistiges Ich zwischen sie und den Mann zu drängen. Trennte sie... „Nein!“ ... es nahm Vanessa auf und trug es weiter fort von dem Anderen,
verhinderte, zertrennte schließlich gewaltsam den Kontakt. Beruhigende Gedanken begannen in den Verstand der Frau zu sickern, lullten sie ein, machten ihren Geist träge und müde.
Vanessas Körper begann wegzusacken und schließlich spürten die Soldaten keinen
Widerstand mehr. Irritiert ließen sie den Körper der jungen Frau los und blickten verstört zu der zweiten Frau, die neben Vanessas Kopf kniete.
Die Sterne glitzern, Diamanten auf schwarzem Samt. Vanessa hatte sich an einem der
Tische nahe am Fenster niedergelassen und blickte hinaus in das Dunkel. In Gedanken drehte sie das Cocktailglas, das vor ihr auf dem Tisch stand, mit den Fingern.
Ein Aufschrei drang zu ihr, von einem der Tische stammend, die mehr in der Mitte des
Raumes lagen. Cooper verlor – mal wieder.
Vor ein paar Tagen hätte sich Vanessa nicht vorstellen können, noch einmal hier zu sitzen, einfach nur frei zu haben und in der Gewißheit, in ein paar Stunden den normalen Dienst antreten zu müssen.
Aerotech verlangte, dass man ihr den Prozeß mache wegen Kooperation mit dem Feind und Verrat an den Idealen der Menschheit.
Vanessa spürte, wie wieder die Nervosität und Angst in ihr aufstieg, als sie sich daran
erinnerte und das Glas tanzte unsicher über die Tischplatte, in der Gefahr umzukippen und
seinen Inhalt über Tisch und Boden zu verschütten.
Jedoch – seltsamerweise – kam aus den gleichen Reihen auch der Beistand, der schließlich dazu führte, dass man die Anklage fallen ließ und dafür sorgte, dass sie wieder in den Dienst aufgenommen wurde; sehr zum Ärger Stewarts und Jontherans.
Vanessa erinnerte sich noch gut an die Frau. Wie sie zwischen sie getreten und ihre
Verbindung zerrissen hatte... die Frau, die neben ihrem Bett saß, als sie auf der Krankenstation wieder erwachte... und jene, die sie dann in den folgenden Wochen überwachte, scannte, sie drangsalierte, zur Weißglut brachte, Sitzungen mit ihr abhielt, ihr Ich bis in den kleinsten Winkel sondierte... um dann in einem Bericht festzuhalten, dass „die beobachtete Frau in keinem Fall eine Tat, wie sie in dem aktuell vorliegendem Bericht steht, hat begehen können, sondern höchst wahrscheinlich ein Opfer geistiger Manipulation wurde und auf diesem Weg unter der geistigen Kontrolle des Feindes eben genanntem zur Flucht verholfen hat.“
Ein leises Schnauben entfuhr Vanessa. Das Glas schwankte bedrohlich über den Tisch.
Ihr schon vorhandenen Fähigkeiten, die man schon vor längerer Zeit für zu gering eingestuft hatte, waren die Begründung dafür, dass der Chig sie überhaupt ausgewählt hatte. Leichter zu manipulieren, als auf dem Gebiet unerfahrene Personen.
Lächerlich.
Vanessa ließ das Glas los, dass sich inzwischen bis zur gegenüberliegenden Seite des
Tisches gearbeitet hatte und nun dort, dem Motor beraubt stehen blieb. Auch der Inhalt
beruhigte sich wieder, bis sich nach einer Zeit nur noch die Kirsche träge fortbewegte, sich dann jedoch, auch das Fehlen der bewegenden Finger realisierend, noch weiter verlangsamte und dem Boden des Glases entgegen trudelte.
Die Janus für ihren Teil führte ihre Mission zuende. Noch während des Prozeßantrages
verließ sie die Saratoga wieder, den Chig mit an Bord. Weshalb sie die Saratoga überhaupt aufgesucht hatte, war ein ungelöstes Rätsel, das nicht nur der Crewmitgliedern
Kopfschmerzen bereitete. Botschafter Jontheran und Captain Stewart flogen ebenfalls mit der Janus ab (zur Erleichterung der Mannschaft) und nur Counselor Mari Kuramata, Aerotechs Telephatin, blieb zurück auf der Saratoga, vornehmlich, um Vanessa zu beobachten. An Bord der Janus hatte man für Ersatz gesorgt.
Ihr hatte die Frau es zu verdanken, dass sie hier saß und nicht einer Zelle, auf dem Weg zur Erde, in eine ungewissen Zukunft blickend.
... wie es der Andere gerade tat.
Die Frau biß sich auf die Lippen. Ihre Begegnung war nur von kurzer Dauer gewesen, doch wußte die Frau, dass Aerotech sich irrte und Bösartigkeit nicht der Grund für die Verbindung gewesen war.
In Gedanken legte sich Vanessas Kopf zur Seite.
Nicht alle Chigs würden wie er sein, dass war nicht zu widerlegen. Doch es würde mit
Sicherheit Wesen geben, die dem anderen Ähnlich waren.
Die Frau lehnte sich zurück, legte die Hände in den Schoß.
Vielleicht würde sie sogar so jemanden entdecken... ihre neuen Kräfte, jenes unentdeckt gebliebene Geschenk eines Freundes, würden ihr dabei helfen.
Vanessa lächelte.
Die Kirsche, welche schon vor einiger Zeit auf dem Boden des Cocktailglases angekommen war, kämpfte sich geradeaus durch Alkohol an die Oberfläche, schwamm zur Seitenwand des Glases und drehte kurz darauf, knapp unter dem Rand, ein paar Millimeter über der
Oberfläche der Flüssigkeit eine Runde auf der Innenseite des Glases...
Ende ...(?)
Autor : Kathrin Hallenbach
Copyright © 2002 Alle Rechte beim Autor. Nachdruck, aus Auszugsweise, Veröffentlichung oder Vervielfältigung jeglicher Natur ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors erlaubt.
Die Charaktere
und Situationen der Serie "Space: Above & Beyond" wurden von Glen
Morgan und James Wong, Fox Broadcasting und Hard Eight Productions kreiert und
basieren auf ihren Ideen. Alle Handlungen in dieser Geschichte sind frei
erfunden und nur die Charaktere stimmen mit "Space: Above & Beyond"
von Glen Morgan und James Wong überein.
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