Ein Streifzug durch die Geschichte des Marine Corps (Teil 2)
Kriegertradition:
Die Musik von John Philip Sousa
Man muss nicht unbedingt beim
Militär sein, um zu wissen, dass jede Organisation ihren eigenen Charakter
beziehungsweise ihre eigene Kultur besitzt. Menschengruppen neigen spontan dazu,
Kulturen zu schaffen. Bei IBM waren es die konservativen Anzüge, John D.
Watsons Motto >>Denke!<< auf jedem Schreibtisch und ein etwas einfältiger
Firmensong. Bei anderen Organisationen, wie beispielsweise den Jesuiten oder den
Baltimore Orioles, werden diejenigen, die dazugehören, durch eine Kultur, die
sich in ihrer Tradition, ihren Ritualen und kollektiven Erinnerungen
artikuliert, gestärkt. Angestellte oder Mitglieder einer Organisation verwenden
die Symbole ihrer Kultur, um sich und ihre Rolle der Welt gegenüber
abzugrenzen.
Die Musik ist ein wichtiger Bestandteil in der Tradition der Marines. Obwohl das Corps bereits im letzten Jahrhundert eine Band aufgestellt hatte, die bei feierlichen Ereignissen in und um Washington herum aufspielte, unterschied sie sich kaum von anderen Militärkapellen der damaligen Zeit (die in erster Linie laut und meistens unmelodisch spielten). Das ging so bis 1880, als Colonel Charles McCawley (der 8th Commandant) den Komponisten und Musiker John Philip Sousa zum Leiter der Band des Marine Corps ernannte. Sousa war der eigentliche Schöpfer der militärmusikalischen Tradition des Corps und machte sie populär. Mit seinem Schaffen revolutionierte er auch gleichzeitig die gesamte Marschmusik und sämtliche Kapellen, die sie spielten. Zu seinen Kompositionen gehören Titel wie >>Semper Fidelis<< (1888), der >>Washington Post March<< (1889), >>King Cotton<< (1897) und schließlich auch der populärste von allen >>Stars and Stripes Forever<< (1897). Er leitete die Band der Marines über ein gutes Dutzend Jahre und ging mit ihr auf Tourneen, die nicht nur durch das ganze Land führten, sondern auch rund um die Welt gingen. Die Wirkung war ebenso tief wie nachhaltig.
Da Sousa und seine Musik in seiner Zeit
ähnlich populär waren wie Glenn Miller oder die Beatles in unserer, kann man
die Leistungen seiner Band in dieser Zeit etwa auf die gleiche Stufe mit den
Rekrutierungs-Werbesendungen an die Adresse junger Menschen von heute stellen.
Darüber hinaus hinterließen in einer Zeit des weltweiten Imperialismus die
leuchtenden Uniformen der Band, die Exerzierpräzision und die inspirierende
Qualität ihrer Musik einen positiven Eindruck des Marine Corps im Bewusstsein
der Öffentlichkeit. Der aber vielleicht tiefgreifendste Dienst, den Sousa dem
Corps erwiesen hat, dürfte allerdings wohl der gewesen sein, dass er das
besondere Verhältnis zwischen den Marines und dem Präsidenten der Vereinigten
Staaten von Amerika schmiedete. Als persönliche Kapelle des obersten
Befehlshabers spielt die Marine Band oft im Weißen Haus und bei anderen
offiziellen Anlässen. Schon zu der Zeit, als Sousa 1892 die Marines verließ,
um eine eigene Band zu gründen, hatten seine Musik und seine Tätigkeit eine
immerwährende Verbindung zwischen dem Amt des Präsidenten und dem Marines
Corps geschaffen. Man kann das leicht selbst feststellen, wenn man sieht, dass
der Hubschrauber des Präsidenten von den Marines gestellt wird, wenn man eine
amerikanische Botschaft betritt und dort als Torwachen Marines stehen sieht und
dass, wo auch immer die Navy ihre Atomwaffen lagert, Marines dort den Wachdienst
versehen. Und Sousas Musik war das Bindeglied, das zu diesem besonderen Verhältnis
führte.
Quelle: Tom Clancy – US Marines
Die legendäre Elitetruppe
Ihre Ausstattung
Ihre Aufgaben
Ihre Ausrüstung
Erschienen bei: Heyne Sachbuch 19/729
ISBN 3-453-17266-3
Titel der amerikanischen
Originalausgabe:
MARINE
A GUIDED TOUR OF A MARINE EXPEDITIONARY UNIT
Erschienen bei Berkley Books, New York
Jens Roth
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